WEBVTT

00:00:10.769 --> 00:00:16.269
Heute ist ein besonderer Tag auch für die Bundesregierung, denn wir haben heute

00:00:16.269 --> 00:00:20.609
Morgen eine Reform der gesetzlichen Krankenversicherung beschlossen,

00:00:20.889 --> 00:00:24.889
die wir durchaus historisch nennen dürfen.

00:00:25.129 --> 00:00:29.209
Das nun getroffene Maßnahmenpaket ist dabei sehr breit angelegt.

00:00:29.389 --> 00:00:32.669
Es bezieht alle Bereiche und Beteiligten des Gesundheitswesens ein,

00:00:32.909 --> 00:00:38.049
denn es soll gerecht zugehen in unserem Land. Daher müssen alle einen Beitrag leisten.

00:00:38.269 --> 00:00:42.669
Ärzte, Krankenhäuser, Apotheken, die pharmazeutische Industrie,

00:00:42.949 --> 00:00:45.029
Versicherte und auch Arbeitgeber.

00:00:45.949 --> 00:00:51.749
Alle müssen einen Beitrag leisten, damit es im Gesundheitswesen gerecht zugeht.

00:00:52.129 --> 00:00:54.149
Das sagt der Bundeskanzler, nachdem

00:00:54.149 --> 00:00:57.409
die Bundesregierung diese Woche die Gesundheitsreform beschlossen hat.

00:00:57.669 --> 00:01:02.589
Wir wollen wissen, was ändert sich dadurch bei der Ärztin oder beim Arzt,

00:01:02.689 --> 00:01:04.549
in der Apotheke oder in der Klinik?

00:01:05.069 --> 00:01:10.389
Wer muss welchen Beitrag leisten? Und ist das am Ende wirklich gerecht verteilt?

00:01:10.589 --> 00:01:12.049
Wir sprechen darüber gleich mit

00:01:12.049 --> 00:01:16.269
einer Hautärztin, die vor allem das Thema Hautkrebsvorsorge beschäftigt.

00:01:16.429 --> 00:01:22.309
Und mit einem der Wissenschaftler, der das, was sich jetzt ändern soll, mit ausgearbeitet hat.

00:01:22.829 --> 00:01:26.429
Und damit herzlich willkommen zum Heute-Journal-Podcast. Heute ist der 30.

00:01:26.609 --> 00:01:30.749
April, 13 Uhr. Ich bin Helene Reiner und mir gegenüber sitzt wieder Marietta

00:01:30.749 --> 00:01:33.989
Slomka, Moderatorin des Heute-Journals. Hallo, Marietta. Hallo.

00:01:35.676 --> 00:01:39.256
Ja, da wurden ja diese Woche große Worte gefunden.

00:01:40.236 --> 00:01:43.376
Showdown, Woche der Entscheidungen, Woche der Wahrheit.

00:01:43.576 --> 00:01:47.696
Und man kann sagen, es blieb bis zum Schluss spannend bei der Frage,

00:01:47.916 --> 00:01:54.776
ob die Koalition sich wirklich auf ein Sparpaket oder eben diese Gesundheitsreform einigen würde.

00:01:54.956 --> 00:01:58.176
Ja, das war auch für uns dann sogar in der Sendung noch spannend,

00:01:58.356 --> 00:02:03.516
weil es plötzlich hieß, dass die Bundesgesundheitsministerin Nina Warken noch in Abstimmungen sitzt.

00:02:03.516 --> 00:02:07.656
Da war es dann aber schon 21 Uhr, 21.15 Uhr und ich dachte, oi,

00:02:08.216 --> 00:02:11.096
hoffentlich kommt sie aber dann doch noch pünktlich zu uns in die Sendung.

00:02:11.176 --> 00:02:15.716
Also es ging wirklich bis zum Schluss dann doch hoch her und es stand für diese

00:02:15.716 --> 00:02:18.016
Koalition politisch einfach auch viel auf dem Spiel.

00:02:18.136 --> 00:02:22.676
Also wenn die gar nichts vorgelegt hätten am Tag darauf, am Mittwoch in der

00:02:22.676 --> 00:02:25.916
Kabinettssitzung. Ich glaube, das wäre der Anfang vom Ende dieser Koalition gewesen.

00:02:26.016 --> 00:02:28.636
Das sagen jedenfalls viele, die da genau dran sind.

00:02:30.196 --> 00:02:32.996
Die Bundesgesundheitsministerin Nina Warken, du hast es gesagt,

00:02:33.176 --> 00:02:36.856
hat bis zum Schluss verhandelt, aber sie hat es dann eben trotzdem noch geschafft,

00:02:36.996 --> 00:02:37.896
auch zu dir in die Sendung.

00:02:38.036 --> 00:02:41.396
Hören wir nachher auch noch einen Ausschnitt aus diesem Interview.

00:02:41.816 --> 00:02:47.156
Aber erst mal, was ist denn eigentlich das große Ziel dahinter gewesen?

00:02:47.796 --> 00:02:52.696
Die finanziell angeschlagenen gesetzlichen Krankenkassen sollen entlastet werden.

00:02:52.956 --> 00:02:57.736
Und zwar ohne, dass dabei die Beiträge noch weiter steigen für die 75 Millionen

00:02:57.736 --> 00:02:59.556
Menschen, die darin versichert sind.

00:03:00.056 --> 00:03:04.536
Aber um das zu erreichen, müssen Patienten und Patientinnen dafür woanders mehr

00:03:04.536 --> 00:03:07.376
bezahlen und sich auch auf ein paar Abstriche einstellen.

00:03:07.836 --> 00:03:11.496
Auch da gehen wir gleich noch genauer mit einem Experten drauf ein.

00:03:11.496 --> 00:03:16.936
Aber erstmal eine Kurzzusammenfassung von ein paar Punkten, die im Entwurf drinstehen,

00:03:16.996 --> 00:03:18.276
die auf uns zukommen müssen.

00:03:19.168 --> 00:03:23.548
Wenn man verschriebene Medikamente in der Apotheke abholt, dann soll man mehr

00:03:23.548 --> 00:03:27.308
als bisher dazuzahlen, nämlich 57 bis 15 Euro.

00:03:27.608 --> 00:03:32.488
Wer viel verdient, soll höhere Beiträge zahlen und viel verdienen heißt in dem

00:03:32.488 --> 00:03:36.848
Fall über 5.812 Euro brutto im Monat.

00:03:37.348 --> 00:03:42.488
Und Beschäftigte sollen trotz Krankheit weiterarbeiten können, zum Beispiel halbtags.

00:03:43.128 --> 00:03:47.148
Außerdem soll es eine Abgabe auf stark gezuckerte Getränke geben.

00:03:47.288 --> 00:03:50.348
Und Globuli werden nicht mehr von der Kasse übernommen.

00:03:50.548 --> 00:03:53.828
Und auch eine Klangtherapie ist nicht mehr mit drin.

00:03:55.048 --> 00:03:59.908
Kam davon irgendetwas für dich überraschend? Also Globuli und Klangtherapie

00:03:59.908 --> 00:04:01.048
war für mich nicht überraschend.

00:04:02.068 --> 00:04:05.548
Aber das mit dem Hautkrebs-Screening, damit hatte ich nicht gerechnet.

00:04:05.648 --> 00:04:06.508
Damit hatte ich mich vorher auch

00:04:06.508 --> 00:04:08.868
nicht so beschäftigt. Habe das eigentlich immer für sinnvoll gehalten.

00:04:09.128 --> 00:04:12.088
Ich mache das selber auch regelmäßig. Und da war ich überrascht.

00:04:12.488 --> 00:04:17.248
Da können wir direkt unseren ersten Gast dazu holen und das ist mit dem Hautkrebs-Screening

00:04:17.248 --> 00:04:21.448
auch eine Sache, die mir jetzt auch im Vorfeld schon dieses Gesetz oder dieses

00:04:21.448 --> 00:04:24.808
Beschließen des Gesetzentwurfs durchs Kabinett begegnet ist,

00:04:25.088 --> 00:04:27.888
dass sich da viele Leute wirklich Sorgen gemacht haben.

00:04:27.888 --> 00:04:34.148
Das betrifft eben die Vorsorge, die auf den Prüfstand gestellt werden soll und

00:04:34.148 --> 00:04:39.168
wobei jetzt einige das Aus der Hautkrebsvorsorge befürchten.

00:04:39.988 --> 00:04:43.808
Dr. Jael Adler würde das auch für einen großen Fehler halten.

00:04:44.088 --> 00:04:48.168
Sie ist Hautärztin mit eigener Praxis in Berlin, außerdem Referentin,

00:04:48.348 --> 00:04:52.528
Kolumnistin für Gesundheitsthemen und Autorin von mehreren Bestsellern.

00:04:52.948 --> 00:04:55.248
Hallo Dr. Adler. Hallo, grüß Sie.

00:04:56.068 --> 00:04:58.808
Gesetzlich Versicherte haben ab 35

00:04:58.808 --> 00:05:03.348
Jahren alle zwei Jahre Anspruch auf ein kostenloses Hautkrebs-Screening.

00:05:03.968 --> 00:05:08.748
Sie arbeiten in einer Privatpraxis, das muss man an der Stelle dazu sagen,

00:05:08.848 --> 00:05:11.688
aber wie sind denn so Ihre Erfahrungen mit diesem Screening,

00:05:11.748 --> 00:05:12.668
wie ist da die Nachfrage?

00:05:13.236 --> 00:05:20.116
Die Nachfrage ist Gott sei Dank sehr groß. Die letzten Jahrzehnte Aufklärungsarbeit tragen Früchte.

00:05:20.596 --> 00:05:26.076
Viele Patienten machen sich Sorgen. Viele sind auch schon sehr mündig und passen auf sich auf.

00:05:26.376 --> 00:05:30.076
Aber trotzdem ist es schon so, dass im Laufe eines langen Lebens bei hellen

00:05:30.076 --> 00:05:34.256
Hauttypen sehr häufig Hautkrebsvorstufen und Hautkrebs auftritt.

00:05:34.476 --> 00:05:37.416
Und dass die Patienten auch nicht selber immer in der Lage sind,

00:05:37.636 --> 00:05:41.496
das so zu erkennen. Also nicht jedem fällt das immer auf und sie sind sehr dankbar,

00:05:41.576 --> 00:05:44.776
dass es die Möglichkeit gibt, sich in professionelle Hände zu begeben.

00:05:45.296 --> 00:05:49.536
Auch, und das muss man auch sagen, ja, sie haben es gesagt, ich bin privat ärztlich tätig.

00:05:49.676 --> 00:05:53.956
Ich habe viele Kassenpatienten, die keine Termine in den Kassenpraxen erhalten

00:05:53.956 --> 00:05:58.796
und große Angst haben und oft auch zu Recht dann schnell kommen möchten und

00:05:58.796 --> 00:06:03.776
sich dann leider privat vorstellen und dann findet man auch etwas.

00:06:04.076 --> 00:06:07.876
Und das macht mir natürlich auch Sorgen. Also eigentlich würde man sich wünschen,

00:06:07.936 --> 00:06:12.736
das System noch weiter aufzubauen, dass Menschen also in der Kassenmedizin rechtzeitig,

00:06:12.876 --> 00:06:16.696
umfassend und zeitnah gesehen und auch gründlich behandelt werden.

00:06:16.876 --> 00:06:20.636
Das Interessante ist ja, dass die Kommission, die diesen Vorschlag gemacht hatte,

00:06:20.776 --> 00:06:24.476
dass man Hautkrebs-Screening streicht, Studien, wissenschaftliche Studien,

00:06:24.656 --> 00:06:28.916
also mit einem Studiendesign, Kontrollgruppe und so weiter, vorgestellt haben,

00:06:28.976 --> 00:06:31.836
die sagen, dass trotz dieses umfangreichen Screenings.

00:06:32.744 --> 00:06:36.724
Die Sterblichkeit an Hautkrebs nicht gesunken ist. Also es sterben genauso viele

00:06:36.724 --> 00:06:38.704
Leute oder noch mehr als vorher an Hautkrebs.

00:06:38.864 --> 00:06:42.084
Und das ist, glaube ich, das entscheidende Argument gewesen zu sagen,

00:06:42.264 --> 00:06:45.244
dann bezahlen wir das nicht mehr in dem bisherigen Umfang.

00:06:45.904 --> 00:06:48.404
Also zum einen muss man sagen, die Menschen werden immer älter.

00:06:48.524 --> 00:06:50.324
Sie haben auch ein verändertes Freizeitverhalten.

00:06:50.504 --> 00:06:52.884
Und wenn man älter wird und mehr Patienten hat, die betroffen sind,

00:06:52.984 --> 00:06:56.604
kann es natürlich auch statistisch gesehen zu mehr Todesfällen oder schweren Verläufen kommen.

00:06:57.144 --> 00:07:00.544
Die Medizin entwickelt sich aber Gott sei Dank weiter. Man muss ganz klar sagen,

00:07:00.604 --> 00:07:03.544
wenn man jeden Tag Leute vor schwarzem und weißem Hautkrebs bewahrt,

00:07:03.944 --> 00:07:07.964
dann ist jede geheilte Seele und jeder geheilte Körper schon ein Gewonnener

00:07:07.964 --> 00:07:10.604
und zumal es auch nicht nur darum geht, ob man daran stirbt.

00:07:10.684 --> 00:07:14.564
Stellen Sie sich mal vor, ein Basaliom im Gesicht, das ist ja ein weißer Hautkrebs,

00:07:14.624 --> 00:07:17.584
der nicht mal metastasiert, wenn der aber unerkannt bleibt, dann muss der manchmal

00:07:17.584 --> 00:07:20.204
wirklich tiefgreifend und umfassend operiert werden.

00:07:20.284 --> 00:07:24.024
Das kann stigmatisierend sein, das sind dann große Narben, die entstehen mitten

00:07:24.024 --> 00:07:27.724
im Gesicht und das kann auch zu langen Ausfallzeiten bei der Arbeit führen.

00:07:27.724 --> 00:07:30.284
Und auch das ist ja wirtschaftlich ein Thema.

00:07:31.104 --> 00:07:34.664
Und Menschen anzutun, große Operationen erdulden zu müssen, weil es einfach

00:07:34.664 --> 00:07:35.764
zu spät erkannt worden ist.

00:07:35.784 --> 00:07:39.804
Wir haben es ja auch nach Corona gesehen, wo die Leute ihre Vorsorgen ein bisschen pausiert haben.

00:07:39.964 --> 00:07:43.664
Da gab es einfach heftigere und schwerere und fortgeschrittenere Befunde.

00:07:43.784 --> 00:07:46.824
Und das kann natürlich beim schwarzen Hautkrebs ganz fatal sein,

00:07:47.184 --> 00:07:51.184
weil schon ab mehr als einem Millimeter kommt es schnell zur Metastasierung.

00:07:51.384 --> 00:07:55.424
Und da zählt ja quasi jeder Tag oder zumindest jede Woche. Man merkt direkt,

00:07:55.644 --> 00:07:58.624
dass auch, wie es der Bundesgesundheitsministerin auch ergeht,

00:07:58.704 --> 00:08:01.164
wenn an irgendeiner Stelle irgendwas infrage gestellt wird.

00:08:01.224 --> 00:08:04.944
Gibt es halt eben auch immer starke Argumente, warum das ein Fehler ist,

00:08:05.044 --> 00:08:06.884
warum da nicht dran gegangen werden darf.

00:08:07.384 --> 00:08:09.884
Ich möchte auch ehrlich gesagt nicht Bundesgesundheitsministerin sein und eine

00:08:09.884 --> 00:08:10.804
Reform vorlegen müssen.

00:08:10.944 --> 00:08:15.284
Das ist aktuell ziemlich krass schwierig. Ich würde mir auch wünschen,

00:08:15.344 --> 00:08:19.004
dass die KI-Funktionen, die wir mittlerweile haben, die immer besser werden,

00:08:19.184 --> 00:08:21.724
auch in den Alltag aufgenommen werden.

00:08:21.784 --> 00:08:24.064
Das sind alles teure Maßnahmen, das ist mir völlig klar.

00:08:24.304 --> 00:08:28.364
Aber auch das steigert die Sicherheit und könnte dann auch rechtzeitigere Diagnosen

00:08:28.364 --> 00:08:30.504
ermöglichen und somit auch die Sterblichkeit beurteilen.

00:08:30.629 --> 00:08:35.109
Aber Ärzte, die jetzt keine Hautkrebspatienten oder Vorsorgepatienten mehr haben,

00:08:35.189 --> 00:08:39.069
werden natürlich auch in diese moderne fortschriftliche Diagnostik nicht mehr investieren.

00:08:39.169 --> 00:08:42.849
Das heißt, wir treten auch einen wissenschaftlichen Rückschritt an,

00:08:43.109 --> 00:08:44.009
nach meiner Auffassung.

00:08:44.229 --> 00:08:48.049
Also ich würde mir früheres Screening wünschen, ich würde mir engmaschiges Screening

00:08:48.049 --> 00:08:53.289
wünschen und Screening mit Auflichtmikroskop und weiteren digitalen und KI-Methoden.

00:08:53.289 --> 00:08:57.509
Jetzt muss man ja fairerweise auch dazu sagen, die Hautkrebsvorsorge wird ja

00:08:57.509 --> 00:09:00.749
nicht generell infrage gestellt, sondern Sie haben auch schon gesprochen,

00:09:00.969 --> 00:09:03.549
Sie haben das bei hellen Hauttypen, kommt das oft vor.

00:09:03.929 --> 00:09:08.929
Es soll ja gegebenenfalls in ein risikobasiertes Screening umgewandelt werden.

00:09:08.929 --> 00:09:14.089
Das heißt also, dass zum Beispiel helle Hauttypen oder Menschen mit roten Haaren

00:09:14.089 --> 00:09:16.769
oder Leute, die einfach viel in der Sonne sind,

00:09:17.269 --> 00:09:21.229
dass für die nur noch dieses kostenlose Screening angeboten wird,

00:09:21.369 --> 00:09:23.929
aber eben nicht mehr anlasslos für alle.

00:09:24.429 --> 00:09:28.069
Und Deutschland ist, was das angeht, auch eine Ausnahme und führt als einziges

00:09:28.069 --> 00:09:30.589
Land dieses Screening bei gesunden Erwachsenen durch.

00:09:31.329 --> 00:09:36.149
Würden Sie sagen, das würde ausreichen, das risikobasiert durchzuführen?

00:09:36.769 --> 00:09:40.949
Risikobasiert ist immer gut. Dann können diese Leute vielleicht noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.

00:09:41.089 --> 00:09:44.229
Aber wir alle vier, die wir hier so unterschiedlich sitzen, mit unterschiedlicher

00:09:44.229 --> 00:09:46.129
Haarfarbe, wir haben alle einen hellen Hauttyp.

00:09:46.449 --> 00:09:48.969
Also wir alle müssten dann quasi das Recht haben,

00:09:49.282 --> 00:09:53.042
regelmäßig und intensiv gescreent zu werden. Und es ist auch so,

00:09:53.102 --> 00:09:55.362
dass Leute, die glauben, ja, ich bin ja vielleicht doch robust,

00:09:55.522 --> 00:09:57.862
trotzdem Hautkrebs haben, weil die auch sorglos in die Sonne gehen.

00:09:58.002 --> 00:10:01.822
Und die Aufgabe in einem Screening ist es auch, die Patienten aufzuklären über

00:10:01.822 --> 00:10:03.242
Meiden, Kleiden, Creme.

00:10:03.362 --> 00:10:06.362
Also wie kann ich denn Schäden vermeiden? Wie ist der beste Umgang mit der Sonne,

00:10:06.442 --> 00:10:08.242
mit Sonnencreme? Wie soll ich meine Kinder schützen?

00:10:08.722 --> 00:10:13.462
Also die Prävention ist auch verbal. Die gesprochene Medizin ist auch ganz wichtig

00:10:13.462 --> 00:10:15.842
in diesem Zusammenhang. Und das würde auch wegfallen.

00:10:16.022 --> 00:10:18.742
Wenn Sie, Frau Dr. Adler, jetzt schon davon sprechen, dass wir hier zu viert

00:10:18.742 --> 00:10:22.902
sitzen, sollten wir vielleicht auch unseren zweiten Gesprächsgast dazuholen. Ja, absolut.

00:10:23.262 --> 00:10:26.202
Er wartet schon in der Leitung.

00:10:26.642 --> 00:10:33.522
Und zwar ist das nämlich derjenige, der diese Vorschläge, um die es jetzt geht, mit erarbeitet hat.

00:10:33.682 --> 00:10:38.762
Und zwar Professor Ferdinand Gerlach. Er wurde letztes Jahr in die Finanzkommission

00:10:38.762 --> 00:10:43.482
Gesundheit berufen, ist dort stellvertretender Vorsitzender und außerdem Direktor

00:10:43.482 --> 00:10:48.542
des Instituts für Allgemeinmedizin an der Goethe-Uni Frankfurt. Hallo Herr Gerlach.

00:10:49.021 --> 00:10:52.641
Ja, hallo in die Runde. Ich grüße Sie herzlich. Vielleicht können wir direkt

00:10:52.641 --> 00:10:54.921
darauf eingehen, was wir mit Dr.

00:10:55.041 --> 00:10:58.921
Adler besprochen haben. Warum wird denn jetzt ausgerechnet bei dieser,

00:10:59.221 --> 00:11:04.801
wie Sie es jetzt eindrücklich beschrieben hat, doch sehr wichtigen Vorsorgeleistung gespart?

00:11:05.601 --> 00:11:09.241
Also zunächst mal müssen wir sagen, dass es sich hier um eine Früherkennung

00:11:09.241 --> 00:11:11.321
handelt und nicht etwa um eine Vorsorge.

00:11:11.421 --> 00:11:15.021
Vorsorge würde bedeuten, das was die Kollegin eben richtig gesagt hat,

00:11:15.081 --> 00:11:17.721
dass wir uns vor Sonne schützen, vor Sonnenbränden.

00:11:17.721 --> 00:11:22.561
Das sollte unbedingt intensiviert werden und die Kommission hat ja nicht empfohlen,

00:11:22.701 --> 00:11:28.061
die Hautkrebs-Screening-Untersuchungen in der jetzigen Form ersatzlos zu streichen,

00:11:28.661 --> 00:11:32.001
sondern, wie Sie das eben schon richtig gesagt haben, sie weiterzuentwickeln.

00:11:32.001 --> 00:11:34.581
Und zwar auch in dem Sinn, wie eben schon besprochen.

00:11:34.761 --> 00:11:40.681
Also es gibt eben Patienten, die haben ein hohes Risiko, einen solchen Hautkrebs zu entwickeln.

00:11:41.001 --> 00:11:44.661
Und wir haben Patienten, die haben ein niedriges Risiko. Wir untersuchen hier

00:11:44.661 --> 00:11:49.021
unterschiedslos alle, suchen quasi die Stecknadel im Heuhaufen.

00:11:49.021 --> 00:11:53.341
Und es gibt weltweit Studien zu diesem Thema und keine einzige zeigt,

00:11:53.601 --> 00:11:58.881
dass ein solches anlassloses Hautkrebs-Screening für alle, man muss sich vorstellen,

00:11:58.961 --> 00:12:03.121
die gesamte Bevölkerung in Deutschland, ab 35 Jahre, alle zwei Jahre,

00:12:03.481 --> 00:12:06.561
von Kopf bis Fuß, das ist ein gewaltiger Aufwand.

00:12:06.961 --> 00:12:10.921
Und alle Länder außer uns in der ganzen Welt haben sich dagegen entschieden.

00:12:11.101 --> 00:12:15.241
Auch Australien, wo die Sonneneinstrahlung viel höher ist, wo es viel mehr Hautkrebs gibt.

00:12:15.881 --> 00:12:18.641
Und der Grund ist einfach, dass wir in der gleichen Zeit...

00:12:19.674 --> 00:12:22.934
Viel gezielter Patienten versorgen können. Wir haben ja eben gehört,

00:12:23.014 --> 00:12:25.234
es gibt Wartezeiten in den Hautarztpraxen.

00:12:25.454 --> 00:12:29.614
Die gibt es unter anderem deshalb, weil dort Hautärzte damit beschäftigt sind,

00:12:29.814 --> 00:12:30.834
Gesunde zu untersuchen.

00:12:31.054 --> 00:12:36.114
Das ist also nicht effektiv. Und wir hatten empfohlen, gezielt zu schauen,

00:12:36.374 --> 00:12:38.894
welche Risikogruppen sollte man sich ansehen.

00:12:39.114 --> 00:12:44.734
Und könnte man neue diagnostische Verfahren wie KI-basierte Ganzkörperscanner

00:12:44.734 --> 00:12:47.994
oder Lasermikroskopie zukünftig nutzen.

00:12:48.654 --> 00:12:51.974
Also es geht um eine Verbesserung, nicht um eine Abschaffung.

00:12:52.354 --> 00:12:55.754
Ich weiß, was glaube ich im Zusammenhang mit dem Hautkrebs-Screening,

00:12:55.834 --> 00:12:59.954
und das ist jetzt auch nicht das einzige Thema, dass es bei dieser Gesundheitsreform

00:12:59.954 --> 00:13:03.494
geht, was ich so interessant finde, ist, dass wir halt sehr viel Aufwand zum

00:13:03.494 --> 00:13:07.094
Teil betreiben im deutschen Gesundheitssystem und sehr, sehr viel Geld in die Hand nehmen.

00:13:07.294 --> 00:13:09.834
Aber irgendwie sind wir Deutsche nicht gesünder als andere.

00:13:11.234 --> 00:13:15.634
Das ist so ein bisschen irritierend, auch im Vergleich zu Franzosen oder Griechen.

00:13:15.634 --> 00:13:19.914
Oder da fragt man sich, wie liegt das an unserem Lebensstil?

00:13:20.054 --> 00:13:22.654
Weil an dem Gesundheitssystem kann es ja eigentlich nicht liegen.

00:13:22.934 --> 00:13:27.474
Es ist in der Tat so, dass die Lebensdauer, die Lebenserwartung von vielen Faktoren

00:13:27.474 --> 00:13:28.734
abhängt von der Ernährung.

00:13:28.914 --> 00:13:33.954
Ob man raucht, ob man sich bewegt, in welchem sozialen Kontext man lebt.

00:13:34.354 --> 00:13:38.874
Das Gesundheitssystem ist ein wichtiger, aber nicht der allein ausschlaggebende Faktor.

00:13:39.114 --> 00:13:43.634
Und in der Tat haben wir eine durchschnittliche, zum Teil sogar unterdurchschnittliche Lebenserwartung.

00:13:44.394 --> 00:13:50.414
Wir geben sehr viel Geld aus, unter anderem, weil wir viel in unnötige Diagnostik

00:13:50.414 --> 00:13:51.654
und Therapie investieren.

00:13:51.974 --> 00:13:56.454
Bei uns wird viel operiert, viel diagnostiziert, aber in der Prävention sind

00:13:56.454 --> 00:13:58.014
wir ganz schlecht, da muss unbedingt

00:13:58.014 --> 00:14:01.854
mehr getan werden und wir sind auch ungezielt, wir sind ineffizient.

00:14:02.660 --> 00:14:07.080
Es ist ja so, dass Screening-Maßnahmen immer auch für nicht-symptomatische Menschen

00:14:07.080 --> 00:14:10.080
gelten, dass man sie eben sensibilisiert und eben auch kleine,

00:14:10.300 --> 00:14:14.780
frühe Stadien entdeckt, um später dann auch große Kosten für aufwendige Therapien zu sparen.

00:14:14.860 --> 00:14:17.780
Ich habe einfach im Moment die Sorge, und ich sehe das schon kommen,

00:14:18.160 --> 00:14:21.640
die Leute, die es sich leisten können, werden weiter zum Screening gehen,

00:14:22.140 --> 00:14:25.680
werden dann weiter gesünder sein, werden rechtzeitig diagnostiziert und behandelt.

00:14:25.820 --> 00:14:30.760
Und die anderen, die eben sich weder eine private Versicherung noch eine Selbstzahleruntersuchung

00:14:30.760 --> 00:14:33.320
leisten können, die haben dann den Nachteil.

00:14:33.420 --> 00:14:35.920
Und das geht dann für mich auch in Richtung Zwei-Klassen-Medizin.

00:14:36.120 --> 00:14:40.080
Aber wir haben jetzt schon, wo es kostenlos ist, nur eine Inanspruchnahme von

00:14:40.080 --> 00:14:41.900
deutlich unter 30 Prozent.

00:14:41.920 --> 00:14:46.060
Wir haben jetzt schon das Problem, dass im Grunde die Gesunden aufmerksam zu

00:14:46.060 --> 00:14:48.520
Ihnen kommen, erst recht in eine Privatpraxis.

00:14:48.720 --> 00:14:52.120
Aber die, die es vielleicht nötig haben, der Bauarbeiter, der den ganzen Tag

00:14:52.120 --> 00:14:53.920
in der Sonne arbeitet, der kommt eben nicht.

00:14:54.580 --> 00:14:57.720
Und insofern, das ist ein weiterer Grund, erwischen wir nicht die,

00:14:57.840 --> 00:14:59.360
die das höchste Risiko haben.

00:15:00.040 --> 00:15:04.520
Und das trägt auch dazu bei, dass diese Maßnahme, die wir bevölkerungsweit durchführen,

00:15:04.600 --> 00:15:06.340
die sehr viel Geld kostet, ineffizient ist.

00:15:06.400 --> 00:15:13.460
Wir brauchen etwa 600 bis 900 Haus- und Hautärzte pro Tag in Vollzeit,

00:15:13.680 --> 00:15:17.280
nur um diese Gruppe, die jetzt schon versorgt wird, zu untersuchen.

00:15:17.380 --> 00:15:19.760
Das ist total ineffizient. Und Sie haben es ja selbst gesagt,

00:15:19.960 --> 00:15:23.240
andere Patienten, zum Beispiel mit Schuppenflechte, mit Neurodermitis,

00:15:23.780 --> 00:15:26.240
die wirklich krank sind, die kriegen dann keine Termine.

00:15:26.420 --> 00:15:31.380
Also wir müssen uns schon fragen, und das ist ein Gesamtproblem in unserem Gesundheitssystem,

00:15:32.040 --> 00:15:35.320
wo wollen wir die Mittel und die Zeit, die ärztliche Arbeitszeit,

00:15:35.540 --> 00:15:38.120
so einsetzen, dass wir möglichst viel Gesundheit erreichen.

00:15:38.480 --> 00:15:41.920
Und das können wir nicht durch ungezielte Maßnahmen. Es gibt ja noch 100 andere

00:15:41.920 --> 00:15:46.560
Krebsarten, wo wir ja jede Woche Patienten von Kopf bis Fuß untersuchen können.

00:15:46.840 --> 00:15:49.920
Hier kann natürlich die betriebliche Vorsorge auch größer werden,

00:15:49.980 --> 00:15:53.000
dass man also Leute an ihrem Arbeitsplatz im Unternehmen screenen.

00:15:53.040 --> 00:15:55.900
Das habe ich auch viel gemacht. und.

00:15:56.872 --> 00:16:00.312
Ich denke, die Awareness für das Thema wird jetzt sinken. In dem Moment,

00:16:00.392 --> 00:16:03.192
wo man sagt, ach ja, Hautkrebsvorsorge ist jetzt nicht mehr so wichtig oder

00:16:03.192 --> 00:16:04.872
wird eben nicht mehr so honoriert.

00:16:05.212 --> 00:16:09.572
Vorsorge ist weiterhin wichtig. Oder dann die Früherkennung spielt nicht mehr so eine große Rolle.

00:16:09.832 --> 00:16:13.332
Die Vermischung der Begriffe ist ja auch in der Bevölkerung nicht immer ganz trennscharf.

00:16:13.552 --> 00:16:17.732
Aber ich glaube, dass jetzt erst recht die Berufsgruppen oder die Bevölkerungsgruppen,

00:16:17.732 --> 00:16:19.472
die es bisher nicht machen, die werden es dann erst recht nicht machen.

00:16:19.552 --> 00:16:21.752
Weil wenn es ja schon gar nicht mehr so wichtig ist, dann brauchst du es auch

00:16:21.752 --> 00:16:26.392
nicht mehr. Und dann lege ich mich wieder bei hohem UV-Index ungeschützt in die Sonne.

00:16:26.872 --> 00:16:30.992
Aber wir könnten ja die 240 Millionen, die wir jetzt in die Untersuchung von

00:16:30.992 --> 00:16:36.592
28 Prozent, so viel sind es nämlich im Augenblick, überwiegend gesunden investieren,

00:16:36.752 --> 00:16:41.352
auch in Kampagnen für Vorsorge, für echte Prävention investieren.

00:16:41.412 --> 00:16:44.372
Da hätten wir wahrscheinlich mehr erreicht. Finanzen ist ein gutes Stichwort.

00:16:44.932 --> 00:16:50.092
Wir reigen mit den 240 Millionen oder den 250, die Herr Klingbeil jetzt noch beisteuert.

00:16:50.512 --> 00:16:54.552
Weil es geht dann am Ende ja auch immer um den gesamten Topf und das gesamte System.

00:16:55.192 --> 00:17:00.792
Ja, Professor Gerlach, es geht ja darum, die Kassen zu entlasten und gleichzeitig

00:17:00.792 --> 00:17:04.412
dafür zu sorgen, dass eben die Beiträge nicht steigen für die Versicherten.

00:17:04.832 --> 00:17:08.632
Sie selbst haben gesagt, dass die Beiträge, die die Menschen für die gesetzliche

00:17:08.632 --> 00:17:11.152
Krankenversicherung zahlen müssen, sogar sinken könnten,

00:17:11.672 --> 00:17:15.572
wenn man eben ihre Vorschläge, wir haben jetzt gerade über einen Vorschlag intensiv

00:17:15.572 --> 00:17:21.352
diskutiert, Aber es gibt ja noch 65 andere, den Sie zusammen mit neun anderen

00:17:21.352 --> 00:17:23.732
Experten und Expertinnen aus Medizin, Wirtschaft,

00:17:23.932 --> 00:17:26.932
Ethik und Sozialrecht erarbeitet haben.

00:17:27.472 --> 00:17:32.252
Jetzt wurden aber ja viele Vorschläge von Ihnen abgeschwächt oder gar nicht

00:17:32.252 --> 00:17:33.692
umgesetzt von der Politik.

00:17:34.112 --> 00:17:36.892
Das heißt, Sie können eigentlich nicht wirklich zufrieden sein mit dem,

00:17:37.052 --> 00:17:39.892
was übrig geblieben ist und die Beitragszahler auch nicht?

00:17:40.552 --> 00:17:45.252
Naja, wir müssen erst mal feststellen, wir geben jetzt in diesem Jahr 370 Milliarden

00:17:45.252 --> 00:17:49.972
Euro nur in der gesetzlichen Krankenversicherung aus. Mehr als eine Milliarde pro Tag.

00:17:50.678 --> 00:17:53.718
Und im nächsten Jahr werden wir mehr ausgeben. Es geht nicht darum,

00:17:54.038 --> 00:17:57.738
rückwärts zu gehen, sondern den Anstieg zu verlangsamen.

00:17:58.018 --> 00:18:01.618
Wir haben nämlich in den letzten Jahren einfach über unsere Verhältnisse gelebt.

00:18:01.758 --> 00:18:06.818
Die Ausgaben sind im letzten Jahr um 8% gestiegen, die Einnahmen aber nur um

00:18:06.818 --> 00:18:10.818
5,3%. Und was würde wohl passieren, wenn wir das privat machen?

00:18:11.018 --> 00:18:15.038
Wenn wir jedes Jahr mehr ausgeben, als wir einnehmen? Dann müssen wir irgendwann

00:18:15.038 --> 00:18:16.858
zum Schuldenapparater.

00:18:17.618 --> 00:18:21.918
Wir sind sozusagen die Schuldenapparater, Weil das eben so nicht weitergehen kann.

00:18:22.158 --> 00:18:28.278
Und bisher wurde diese Lücke mit steigenden Beitragssätzen für die Versicherten gestopft.

00:18:28.658 --> 00:18:31.998
Und das ist in den letzten Jahren schon passiert. Und das würde weiter passieren,

00:18:32.498 --> 00:18:33.998
wenn man jetzt nicht einschreitet.

00:18:34.158 --> 00:18:37.958
Also die Lücke, die wir erwarten im nächsten Jahr, wäre 15,3 Milliarden.

00:18:38.218 --> 00:18:41.798
Bis 2030 würde das auf weit über 40 Milliarden ansteigen.

00:18:41.878 --> 00:18:46.178
Und das müssten die Beitragszahler, also die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber

00:18:46.178 --> 00:18:49.578
bezahlen, wenn nichts passiert. Also sind Sie zufrieden mit dem,

00:18:49.658 --> 00:18:50.778
was übrig geblieben ist?

00:18:51.698 --> 00:18:56.278
Naja, das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Das Volumen ist jetzt bei

00:18:56.278 --> 00:18:58.018
gerade mal 16,3 Milliarden.

00:18:58.218 --> 00:19:00.458
Das ist ein bisschen mehr als die Deckungslücke.

00:19:00.738 --> 00:19:03.418
Aber es ist deutlich weniger als das, was Frau Warken vorhatte.

00:19:03.598 --> 00:19:05.058
Und 20 Milliarden wollte sie ja.

00:19:05.278 --> 00:19:08.898
Ja, oder was wir empfohlen haben. Wir hatten 43,8 empfohlen.

00:19:09.098 --> 00:19:11.898
Also weitaus mehr als Möglichkeit.

00:19:12.198 --> 00:19:15.198
Wobei, muss man da nicht dazu sagen, ehrlicherweise, dass solche Kommissionen

00:19:15.198 --> 00:19:16.638
natürlich auch eingesetzt werden, um...

00:19:17.226 --> 00:19:21.146
Ich sage mal, möglichst hohes Ziel zu setzen und auch ganz krasse,

00:19:21.426 --> 00:19:22.766
harte Maßnahmen zu empfehlen.

00:19:22.846 --> 00:19:24.866
Und dann kann am Ende die Ministerin oder der Minister sagen,

00:19:25.146 --> 00:19:26.666
seht mal, ganz so schlimm ist es ja nicht gekommen.

00:19:27.546 --> 00:19:32.426
Naja, es war von Anfang an klar, dass wir als Wissenschaftler nur Empfehlungen und Vorschläge machen.

00:19:32.566 --> 00:19:36.626
Unser Ziel war, ungefähr doppelt so viel zu empfehlen, wie notwendig ist,

00:19:36.706 --> 00:19:40.206
damit die Politik auswählen kann. Und das ist ja auch völlig normal und legitim.

00:19:40.386 --> 00:19:45.026
Die Politik muss ja Mehrheiten im Parlament erreichen. Sie muss Interessen abwägen.

00:19:45.686 --> 00:19:50.126
Das Problem ist jetzt, dass die jetzt vorgesehenen Maßnahmen wahrscheinlich

00:19:50.126 --> 00:19:56.086
fürs nächste Jahr und das übernächste Jahr reichen, aber nicht mehr für 2029 und 2030.

00:19:56.786 --> 00:19:59.086
Also das wird knapp werden bzw.

00:19:59.466 --> 00:20:02.846
Nicht mehr ausreichen. Und deshalb ist das tatsächlich auf Kante genäht.

00:20:03.426 --> 00:20:07.306
Es wäre mehr möglich gewesen, wenn man unsere Empfehlungen umgesetzt hätte,

00:20:07.526 --> 00:20:11.366
könnten die Beiträge sogar sinken. Bei den Finanzen gibt es noch einen wichtigen

00:20:11.366 --> 00:20:15.366
Punkt, aber bevor wir da noch tiefer einsteigen, würde ich an der Stelle gerne

00:20:15.366 --> 00:20:17.846
mich von Dr. Adler verabschieden.

00:20:18.026 --> 00:20:22.546
Ich glaube, Sie haben nächsten Termin einen Patient oder eine Patientin, die auf Sie wartet.

00:20:22.966 --> 00:20:26.126
Da wollen wir Sie natürlich nicht länger warten lassen. Vielen Dank an der Stelle.

00:20:26.386 --> 00:20:27.846
Dann sage ich auch Tschüss und vielen Dank.

00:20:28.386 --> 00:20:30.386
Bis dann. Tschüss, Tschüss. Danke, viel Erfolg.

00:20:31.146 --> 00:20:35.046
Bei der Finanzierung von den gesetzlichen Krankenkassen wurde ja die Rolle des

00:20:35.046 --> 00:20:37.126
Bundes heftig diskutiert.

00:20:37.266 --> 00:20:42.146
Da ist wichtig zu verstehen, eben wie diese Finanzierung funktioniert und zwar

00:20:42.146 --> 00:20:45.766
passiert das zum großen Teil über eben die Beiträge der Versicherten,

00:20:45.966 --> 00:20:50.526
aber auch der Bund selbst zahlt jährliche Milliarden Beiträge dazu,

00:20:51.026 --> 00:20:55.326
also Steuergeld für die gesetzlichen Krankenkassen und das spielt eine Rolle

00:20:55.326 --> 00:20:59.166
bei einer großen Gerechtigkeitsdebatte, die wir schon seit

00:20:59.420 --> 00:21:04.140
jetzt längerem hören, nämlich wer die Krankenversicherungen von Empfängern von

00:21:04.140 --> 00:21:05.720
Bürgergeld zahlen sollte.

00:21:06.200 --> 00:21:11.580
Bisher zahlt der Staat diese Beiträge, weil es eine staatliche Aufgabe ist,

00:21:11.720 --> 00:21:14.560
Menschen am Existenzminimum medizinisch abzusichern.

00:21:15.020 --> 00:21:19.160
Aber die Krankenkassen sagen, dass diese Beiträge viel zu niedrig seien und

00:21:19.160 --> 00:21:22.820
die tatsächlichen Kosten für Bürgergeldempfänger nicht annähernd decken würden.

00:21:23.380 --> 00:21:26.620
Deswegen wollen die Kassen, dass der Staat die Beiträge anhebt,

00:21:26.620 --> 00:21:31.140
Weil nur dann würden sich eben auch alle in Deutschland solidarisch beteiligen.

00:21:31.440 --> 00:21:36.680
Also auch Beamte, Selbstständige, Menschen, die viel verdienen und privat versichert

00:21:36.680 --> 00:21:40.240
sind und eben nicht nur die, die gesetzlich versichert sind.

00:21:41.100 --> 00:21:45.300
Marietta, du hast diese Woche die Bundesgesundheitsministerin Nina Warken von

00:21:45.300 --> 00:21:50.080
der CDU interviewt und sie auch darauf angesprochen, weil da nämlich nicht das

00:21:50.080 --> 00:21:52.660
rausgekommen ist, was sich viele gewünscht hätten.

00:21:52.660 --> 00:21:55.420
Nee, nee, da ist gar nicht das rausgekommen, was sich viele gewünscht hätten,

00:21:55.620 --> 00:21:59.420
weil es in diesem Kabinett auch noch einen Bundesfinanzminister gibt,

00:21:59.560 --> 00:22:02.140
der einen Haushalt, der voller Löcher ist, vorstellen muss.

00:22:02.560 --> 00:22:06.880
Und der, auch wenn er vielleicht tiefst im Inneren, vermute ich jetzt mal,

00:22:07.040 --> 00:22:09.840
weiß, dass es eigentlich für das System der gesetzlichen Krankenversicherung

00:22:09.840 --> 00:22:14.980
und Bürgergeldempfängern gerechter und besser wäre, wenn das Steuer finanziert würde.

00:22:15.200 --> 00:22:18.220
Aber der eben auch nicht wusste, wo er die 15 Milliarden dann herholen soll.

00:22:18.220 --> 00:22:20.000
Und der beteiligt sich jetzt quasi kaum.

00:22:20.220 --> 00:22:24.480
Und kürzt auch noch an anderer Stelle den Zuschuss zu den gesetzlichen.

00:22:24.620 --> 00:22:27.160
Also das ist, das war schon ein harter Tobak.

00:22:27.960 --> 00:22:32.500
Aber Frau Ministerin Wagen blieb da ganz cool in der Außendarstellung,

00:22:32.600 --> 00:22:35.920
weil sie ganz offensichtlich sich vorgenommen hat, daraus keinen Koalitionsstreit

00:22:35.920 --> 00:22:37.320
zu machen. Wir hören da mal kurz rein.

00:22:37.814 --> 00:22:41.174
Nun haben Sie ja auch im Vorfeld schon gesagt, eigentlich wäre es besser,

00:22:41.274 --> 00:22:45.334
wenn die GKV, also die gesetzlichen Krankenversicherungen einen großen Kostenanteil

00:22:45.334 --> 00:22:48.334
haben, weil sie ja auch Menschen versorgen, die gar nicht eingezahlt haben,

00:22:48.454 --> 00:22:49.634
also Bürgergeldempfänger.

00:22:49.814 --> 00:22:52.854
Und die sollten eigentlich besser aus dem Bundeshaushalt, von der Allgemeinheit

00:22:52.854 --> 00:22:56.554
finanziert werden, also von uns allen, nicht nur von gesetzlichen Krankenversicherten.

00:22:56.634 --> 00:22:59.334
Aber da ist ja jetzt gar nichts daraus gekommen eigentlich unterm Strich.

00:22:59.834 --> 00:23:04.474
Doch, da schaffen wir jetzt einen Einstieg. 250 Millionen im ersten Jahr und

00:23:04.474 --> 00:23:08.094
dann 500 Millionen und das steigt dann jedes Jahr ein. Aber das ist ja total wenig.

00:23:08.254 --> 00:23:10.954
Entschuldigen Sie, da muss ich es mal kurz unterbrechen. 12 Milliarden ist das,

00:23:11.034 --> 00:23:13.614
was die gesetzlichen Krankenversicherungen jedes Jahr kostet.

00:23:13.694 --> 00:23:16.374
Und Herr Klingbeil gibt gerade mal 250 Millionen.

00:23:16.514 --> 00:23:20.094
Wir haben eben auch eine Haushaltssituation, die schwierig ist.

00:23:20.254 --> 00:23:25.454
Und mir, meiner Partei, ist es auch wichtig, dass wir im Haushalt eine Stabilisierung hinbekommen.

00:23:25.694 --> 00:23:28.354
Und jahrelang, die letzten beiden Regierungen haben es sich vorgenommen,

00:23:28.454 --> 00:23:31.514
bei den Bürgergeldempfängern einen Einstieg zu finden. Passiert ist nichts.

00:23:31.674 --> 00:23:32.934
Jetzt schaffen wir das erstmals.

00:23:33.374 --> 00:23:37.014
Der Bund beteiligt sich in größerem Umfang. Natürlich wäre mehr besser,

00:23:37.134 --> 00:23:40.294
wäre mehr wünschenswert gewesen. Aber wir haben jetzt einen Einstieg gefunden.

00:23:40.454 --> 00:23:43.814
Und das ist doch mal ein gutes Zeichen und ein erster wichtiger Schritt.

00:23:44.414 --> 00:23:49.894
Die Vertreter und Vertreterinnen von den Krankenkassen sprechen da von Taschenspielertricks

00:23:49.894 --> 00:23:51.874
auf Kosten der Beitragszahlenden.

00:23:52.414 --> 00:23:56.074
Der Chef der Technikerkasse wirft dem Staat Betrug am Bürger vor.

00:23:56.594 --> 00:24:00.134
Herr Gerlach, sehen Sie das auch so? Müssen jetzt Versicherte und Patienten

00:24:00.134 --> 00:24:05.574
dafür herhalten, damit Lars Klingbeil seinen Haushalt konsolidiert bekommt?

00:24:06.469 --> 00:24:09.569
Ich würde es vielleicht nicht so formulieren, aber im Kern ist das richtig.

00:24:10.149 --> 00:24:14.189
Wir hatten ja empfohlen, die Deckungslücke von etwa 12 Milliarden,

00:24:14.629 --> 00:24:20.169
die entsteht, weil die Krankenversorgung der Bürgergeldempfänger teurer ist

00:24:20.169 --> 00:24:25.029
als das, was der Staat dann tatsächlich zahlt, zu schließen durch einen Steuerzuschuss.

00:24:25.029 --> 00:24:30.609
Und den Bundeszuschuss für versicherungsfremde Leistungen, der seit 2017 nicht

00:24:30.609 --> 00:24:36.249
erhöht worden ist, der lag bei 14,5 Milliarden, um 0,5 Milliarden zu erhöhen.

00:24:36.469 --> 00:24:41.389
Zu diesen versicherungsfremden Leistungen würde auch die Versicherung von Bürgergeldempfängern

00:24:41.389 --> 00:24:44.089
gehören. Das gehört in den Kontext rein.

00:24:44.249 --> 00:24:47.989
Da gehört auch die beitragsfreie Mitversicherung von Kindern und Ehegatten mit

00:24:47.989 --> 00:24:49.609
rein und ein paar andere Dinge.

00:24:50.269 --> 00:24:54.849
Das ist nicht ausfinanziert und der Bund müsste das übernehmen aus Steuermitteln,

00:24:55.029 --> 00:24:58.189
aus genau den Gründen, die sie eben genannt haben, damit auch Privatversicherte,

00:24:58.289 --> 00:25:00.429
Besserverdienende daran beteiligt sind.

00:25:00.509 --> 00:25:04.489
Das ist keine Aufgabe der gesetzlich Krankenversicherten. Und im,

00:25:05.245 --> 00:25:09.685
Ende haben wir jetzt 1,75 Milliarden weniger als vorher.

00:25:09.985 --> 00:25:13.745
Also es gibt keinen Aufwuchs wie empfohlen, sondern einen Rückschritt.

00:25:13.865 --> 00:25:18.925
Die 250 Millionen sind natürlich viel zu wenig, um diese Kürzung von zwei Milliarden

00:25:18.925 --> 00:25:20.625
an anderer Stelle zu kompensieren.

00:25:20.945 --> 00:25:24.765
Also das ist eine bittere Pille für alle gesetzlich Krankenversicherten,

00:25:24.845 --> 00:25:27.965
für alle Beitragszahler, also für Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

00:25:29.165 --> 00:25:32.405
Eine weitere bittere Pille, so würde ich es jetzt mal nennen,

00:25:32.505 --> 00:25:35.365
muss man schlucken, wenn man einen Arzttermin bekommen möchte.

00:25:35.465 --> 00:25:40.905
Ich bin auch gesetzlich versichert und musste schon lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

00:25:41.445 --> 00:25:48.085
Jetzt soll ja am meisten bei Arztpraxen, den Kliniken und der Pharmaindustrie gespart werden.

00:25:48.585 --> 00:25:54.285
Da fragt man sich ja, ob sich deswegen jetzt auch die medizinische Versorgung

00:25:54.285 --> 00:25:59.585
verschlechtern wird und man eventuell auch auf einen Arzttermin als gesetzlich

00:25:59.585 --> 00:26:01.345
Versicherter noch länger warten muss.

00:26:02.485 --> 00:26:06.505
Naja, wenn man die Interessensgruppen hört, dann wird alles ganz schlimm und

00:26:06.505 --> 00:26:08.685
ganz schlecht. Das ist aber zu erwarten.

00:26:09.445 --> 00:26:12.025
Deindustrialisierung, Pharmaindustrie verlässt Deutschland. Ja,

00:26:12.305 --> 00:26:16.625
und Patienten verbluten vor Krankenhäusern, Patienten kriegen keine Termine mehr.

00:26:16.985 --> 00:26:20.965
Also wenn man hört, dass im gesamten System alle meckern und alle aufschreien,

00:26:20.965 --> 00:26:24.345
Dann hat die Ministerin schon mal eins richtig gemacht, dass sie nämlich alle

00:26:24.345 --> 00:26:26.145
gleichmäßig adressiert hat.

00:26:26.565 --> 00:26:28.725
Aber vielleicht nochmal zu den Fakten.

00:26:29.884 --> 00:26:34.064
Die Kosten sind stärker gestiegen als die Einnahmen.

00:26:34.604 --> 00:26:40.164
Im nächsten Jahr werden die Einnahmen um etwa drei Prozent, vielleicht ein bisschen mehr steigen.

00:26:40.284 --> 00:26:43.324
Und das Geld wird auch zusätzlich ins Gesundheitssystem gegeben.

00:26:43.444 --> 00:26:46.704
Das heißt, es wird im nächsten Jahr mehr Geld für Gesundheit geben,

00:26:46.884 --> 00:26:50.264
noch mehr als die eine Milliarde pro Tag als in diesem Jahr.

00:26:50.344 --> 00:26:51.844
Und so wird es auch in den Folgejahren sein.

00:26:52.264 --> 00:26:54.364
Lediglich der Anstieg wird etwas abgebremst.

00:26:55.084 --> 00:26:59.284
Woher kommen diese Einnahmen? Das sind die sogenannten beitragspflichtigen Einnahmen,

00:26:59.504 --> 00:27:04.504
also die von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gezahlt werden durch Lohnzuwachs,

00:27:04.704 --> 00:27:09.604
durch höhere Tarifabschlüsse, durch Beschäftigungseffekte kommt es zu einer

00:27:09.604 --> 00:27:11.384
Steigerung von ungefähr drei Prozent.

00:27:11.544 --> 00:27:14.944
Das ist schon weniger als in den letzten Jahren. Was aber auch nicht gesichert

00:27:14.944 --> 00:27:17.004
ist. Das ist absolut nicht gesichert.

00:27:17.344 --> 00:27:20.564
Wir wissen auch noch nicht, wie sich zum Beispiel Irankrieg,

00:27:20.664 --> 00:27:23.284
Energiekrise, Beschäftigungsabbau etc.

00:27:23.664 --> 00:27:27.484
Auswirkt. Das ist jetzt eine Projektion, das könnte auch schlechter ausgehen.

00:27:27.704 --> 00:27:33.584
Aber in dem langjährigen Mittel ist das jetzt schon durch diese Effekte bei

00:27:33.584 --> 00:27:35.704
uns in der Kalkulation berücksichtigt.

00:27:35.804 --> 00:27:39.964
Wir hatten ja vorher im letzten Jahr noch 5,3 Prozent Zuwachs bei den Einnahmen.

00:27:39.964 --> 00:27:46.964
Wir gehen jetzt von 3, 3,3, 2,9 in der Größenordnung jetzt ungefähr liegen Einnahmenzuwachs aus.

00:27:47.184 --> 00:27:50.604
Lässt sich denn eigentlich beziffern, wie groß der Anteil der Versicherten ist,

00:27:50.724 --> 00:27:56.884
die jetzt zu den Kürzungen beitragen und wie groß der Anteil der Leistungserbringer ist?

00:27:57.224 --> 00:28:01.864
Ja, also das Paket, was gestern im Kabinett verabschiedet wurde,

00:28:02.204 --> 00:28:08.364
waren ja 16,3 Milliarden. Davon sind 11,3, also fast 70 Prozent bei den Leistungserbringern.

00:28:08.444 --> 00:28:12.704
Das sind also Kliniken, Praxen, Pharmaindustrie und viele andere Bereiche.

00:28:12.924 --> 00:28:18.304
Und etwa 30 Prozent bei Patienten und Beitragszahlern.

00:28:18.804 --> 00:28:20.584
Das ist ungefähr die...

00:28:20.999 --> 00:28:24.319
Mischung, die jetzt in dem Kabinettsentwurf steckt.

00:28:24.779 --> 00:28:29.999
Und zu der Regelung, die Sie eben angesprochen haben, das war die Ursprungsidee

00:28:29.999 --> 00:28:34.239
des Terminservice-Verbesserungs- oder Versorgungsgesetzes, dass man,

00:28:34.619 --> 00:28:39.079
wenn man den Ärzten mehr Geld gibt, dafür, dass sie mehr Patienten nehmen und

00:28:39.079 --> 00:28:40.539
schneller ihnen Termine geben,

00:28:41.099 --> 00:28:42.899
dass man dann diesen Effekt erreicht.

00:28:42.899 --> 00:28:45.719
Fakt ist aber, dass genau das nicht funktioniert hat.

00:28:46.179 --> 00:28:49.519
Also die Ärzte haben zwar mehr Geld bekommen, aber es gab nicht mehr Termine.

00:28:49.599 --> 00:28:51.579
Die Wartezeiten sind sogar länger geworden.

00:28:52.319 --> 00:28:55.679
Und deshalb haben wir gesagt, wenn wir hier Geld ausgeben für eine Maßnahme,

00:28:55.779 --> 00:28:59.479
die nachweislich nicht funktioniert, wo der Bundesrechnungshof sagt,

00:28:59.639 --> 00:29:03.819
das müsst ihr stoppen, dann müssen wir an der Stelle einen Punkt setzen.

00:29:03.819 --> 00:29:05.879
Wir haben aber ein Strukturproblem.

00:29:06.199 --> 00:29:09.999
Wir haben ja jetzt eine Notoperation vorgeschlagen oder die wird jetzt durchgeführt,

00:29:10.119 --> 00:29:15.379
um im nächsten Jahr die explodierenden oder stark steigenden Ausgaben zu bremsen.

00:29:15.439 --> 00:29:16.699
Das wird aber nicht ausreichen.

00:29:16.819 --> 00:29:18.819
Wir müssen die Struktur der Versorgung verändern.

00:29:19.539 --> 00:29:23.479
Und dazu muss man wissen, in Deutschland haben wir viel zu viele Arzt-Patient-Kontakte.

00:29:23.739 --> 00:29:28.079
Also das heißt, wir laufen zu oft zum Arzt oder zu vielen Ärzten? Beides.

00:29:28.659 --> 00:29:32.479
Und das ist nicht unbedingt nur ein Problem der Patienten, Sondern das hat was

00:29:32.479 --> 00:29:36.679
zu tun mit dem Quartalsabrechnungssystem, das wir in Deutschland haben.

00:29:36.819 --> 00:29:40.439
Nur wenn ein Patient in die Praxis kommt, und zwar jedes Quartal,

00:29:40.999 --> 00:29:44.599
kann der Arzt eine Ziffer abrechnen, die sogenannte Ordinationsgebühr.

00:29:44.819 --> 00:29:49.419
Und wenn der dann das zweite Mal kommt, dann kann man die Chronikerziffer abrechnen.

00:29:49.699 --> 00:29:54.839
Also muss ich in vier Quartalen Patienten jeweils zweimal einbestellen,

00:29:55.199 --> 00:29:59.399
gleich acht Kontakte, um diese Abrechnungsmöglichkeit zu sichern.

00:29:59.399 --> 00:30:03.139
Das ist ein Anreiz, ein Fehlanreiz im System, der dazu führt,

00:30:03.219 --> 00:30:07.639
dass viele Patienten unnötig einbestellt werden. Übrigens gerade gesunde Chroniker.

00:30:07.839 --> 00:30:11.179
Und die wirklich Kranken, die komplex Erkrankten, die schwer Erkrankten,

00:30:11.339 --> 00:30:12.399
kriegen dann keine Termine.

00:30:12.619 --> 00:30:15.819
Das war jetzt ein bisschen vereinfacht dargestellt, aber das ist eines dieser

00:30:15.819 --> 00:30:19.699
Strukturprobleme durch Fehlanreize in der ärztlichen Vergütung.

00:30:21.197 --> 00:30:24.797
Unbedingt gelöst werden. Deshalb wird es ja auch einen zweiten Bericht der Kommission

00:30:24.797 --> 00:30:31.317
geben, in dem wir für die Zukunft mittel- und langfristige Strukturempfehlungen aussprechen werden.

00:30:31.957 --> 00:30:35.337
Wenn man sich den Gesetzentwurf zur Gesundheitsreform mal durchliest,

00:30:35.477 --> 00:30:40.157
dann sieht man da wenig bis gar nichts zum Thema Bürokratieabbau.

00:30:40.597 --> 00:30:43.957
Jetzt ist das deutsche Gesundheitssystem wirklich nicht dafür bekannt,

00:30:43.957 --> 00:30:48.897
besonders unbürokratisch und digital zu sein. Wir haben erst seit letztem Jahr

00:30:48.897 --> 00:30:50.917
die digitale Patientenakte.

00:30:51.137 --> 00:30:55.737
Wir können uns, glaube ich, alle noch gut an die Fax-Odyssee zu Corona-Zeiten erinnern.

00:30:56.337 --> 00:31:00.337
Und beispielsweise Menschen mit Behinderung oder auch ihre Angehörigen können

00:31:00.337 --> 00:31:05.017
wirklich ein Lied davor singen, wie schwierig es ist, die Hilfsmittel zu kriegen,

00:31:05.177 --> 00:31:07.697
die sie von Ärzten und Ärztinnen verschrieben bekommen haben.

00:31:07.697 --> 00:31:12.497
Weil es da noch einen Zusatzdienst der Krankenkassen gibt, der sogenannte medizinische

00:31:12.497 --> 00:31:18.177
Dienst, der da noch aufwendig prüft, ob das auch alles wirklich zweckmäßig und wirtschaftlich ist.

00:31:18.737 --> 00:31:24.017
Also Betroffene berichten von einem System, das dermaßen lebensfremd und bürokratisch ist.

00:31:24.397 --> 00:31:27.457
Wäre es nicht wirklich jetzt mal an der Zeit gewesen, daran was zu ändern?

00:31:28.097 --> 00:31:32.177
Ja, erstmal volle Zustimmung. Wir haben ein verkrustetes, ineffizientes,

00:31:32.477 --> 00:31:37.037
überbürokratisiertes System. Da könnte man eine ganze Menge sehr viel smarter

00:31:37.037 --> 00:31:39.497
und eleganter lösen und auch sehr viel digitaler.

00:31:39.617 --> 00:31:43.597
Es gibt ja immer noch viele Faxgeräte in den Praxen und viel zu viele Formulare.

00:31:43.937 --> 00:31:47.717
Das ist aber nicht kurzfristig möglich und auch nicht kurzfristig wirksam.

00:31:47.897 --> 00:31:51.077
Deshalb war es jetzt kein Thema. Selbst wenn man jetzt Bürokratie abbaut,

00:31:51.537 --> 00:31:53.457
würden die Budgets der Praxen und

00:31:53.457 --> 00:31:58.217
Kliniken zum Beispiel nicht um diesen Bürokratieabbau-Effekt bereinigt.

00:31:58.297 --> 00:32:02.137
Das hätte also jetzt kurzfristig keinen Effekt gehabt, muss aber mittel- und

00:32:02.137 --> 00:32:05.677
langfristig unbedingt auf die Tagesordnung. Also es wird ein Thema werden?

00:32:05.957 --> 00:32:08.677
Es war kein Thema, sagen Sie? Wenn man über Bürokratieabbau redet,

00:32:08.677 --> 00:32:11.317
muss man eben auch über Datenschutz reden, auch über Patienten,

00:32:11.437 --> 00:32:14.777
die auch sowas wie eine elektronische Karte gar nicht wollen etc.

00:32:15.197 --> 00:32:19.297
Pp. Aber das war jetzt dieses Mal ja auch nicht wirklich Ziel der Übung. Vielen Dank.

00:32:19.703 --> 00:32:24.483
Wie man das am besten umsetzt, kann man übrigens in vielen europäischen Nachbarländern sehen.

00:32:24.943 --> 00:32:30.663
Wenn Sie mal nach Dänemark oder Estland oder auch nach Finnland in die Niederlande

00:32:30.663 --> 00:32:34.563
gehen, dann sehen Sie Gesundheitssysteme, die schon wesentlich bürokratiearmer,

00:32:34.743 --> 00:32:36.923
ärmer, smarter funktionieren.

00:32:37.083 --> 00:32:40.023
Da werden wir uns sicherlich einiges abschauen können.

00:32:40.483 --> 00:32:43.883
Aber das ist, wie schon gesagt, eine mittel- und langfristige Perspektive.

00:32:43.943 --> 00:32:46.363
Das kann man nicht kurzfristig umsetzen. Was einem aber auch auffällt,

00:32:46.443 --> 00:32:50.103
wenn man ins europäische Ausland fährt, wie viel billiger häufig Medikamente dort sind.

00:32:51.183 --> 00:32:56.523
Ja, das ist ein ganz eigenes Thema. Das gilt nicht für die Generika,

00:32:56.703 --> 00:32:59.423
also die aus dem Patentschutz raus sind. Da sind wir sehr günstig.

00:32:59.623 --> 00:33:03.443
Bei patentgeschützten Arzneimitteln sind wir sehr teuer. Es gab ja auch eine

00:33:03.443 --> 00:33:06.083
ganze Reihe von Empfehlungen der Kommission zu diesem Thema.

00:33:06.263 --> 00:33:08.923
Einige davon sind in dem Gesetzentwurf auch aufgegriffen.

00:33:09.463 --> 00:33:13.823
Das ist aber eine ganz eigene Baustelle. Da muss auch was passieren.

00:33:14.583 --> 00:33:17.303
Kurzfristige Maßnahmen sind jetzt in dem Gesetzentwurf enthalten.

00:33:17.463 --> 00:33:20.663
Mittel- und langfristige müssen folgen. Stoff für noch viele Podcasts.

00:33:21.103 --> 00:33:25.423
Absolut. Ja, absolut. Herr Gerlach, was sagen Sie eigentlich zu dem Vorwurf,

00:33:25.543 --> 00:33:29.563
dass in dieser Expertenkommission, die die Vorschläge für die Regierung erarbeitet,

00:33:29.663 --> 00:33:30.883
wenig Praktiker sitzen?

00:33:31.063 --> 00:33:35.403
Also wenig Menschen, die jeden Tag im Gesundheitswesen arbeiten und ganz genau

00:33:35.403 --> 00:33:38.023
wissen und erleben, wo die Schwachstellen sind?

00:33:38.883 --> 00:33:41.903
Naja, die Frage ist, sind die nicht vielleicht auch befangen?

00:33:42.363 --> 00:33:46.203
Also wenn wir jetzt einzelne Gruppen oder wenn die Regierung,

00:33:46.303 --> 00:33:50.663
das haben die ja entschieden, nicht wir, jetzt zum Beispiel Klinikärzte aus

00:33:50.663 --> 00:33:54.883
bestimmten Disziplinen, Praxisärzte aus bestimmten Disziplinen, Apotheker,

00:33:55.603 --> 00:33:59.203
Physiotherapeuten, Psychotherapeuten, wie viele wollten sie denn dann in die

00:33:59.203 --> 00:34:01.183
Kommission nehmen? Das ist so die erste Frage.

00:34:01.443 --> 00:34:06.383
Die zweite Frage ist, was braucht man, um diese Empfehlung zu entwickeln?

00:34:06.563 --> 00:34:07.903
Also ich selbst habe auch 20 Jahre

00:34:07.903 --> 00:34:11.443
Praxiserfahrung, bin zwar jetzt nicht täglich in der Praxis mehr, aber.

00:34:12.502 --> 00:34:16.742
Doch eine gewisse Vorstellung davon, wie Praxis im Alltag funktioniert.

00:34:16.882 --> 00:34:19.922
Ich habe auch viele Kolleginnen und Kollegen, die das natürlich einbringen.

00:34:20.182 --> 00:34:25.162
Wir haben auch alle Interessensgruppen im deutschen Gesundheitssystem gefragt.

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Über 200 verschiedene Verbände haben geantwortet.

00:34:29.782 --> 00:34:34.062
Wir haben über 1700 Vorschläge bekommen.

00:34:34.362 --> 00:34:40.222
Wir haben Anhörungen gemacht. Es ist nicht so, dass die Praktiker und Umsetzer nicht gehört wurden.

00:34:40.842 --> 00:34:44.542
Aber das war eben jetzt eine wissenschaftliche Kommission, die auch vielleicht

00:34:44.542 --> 00:34:48.742
unabhängig von Interessensgruppen etwas freier agieren konnte.

00:34:49.822 --> 00:34:54.882
Ihre Arbeit ist noch nicht vorbei. Sie haben gesagt, das war jetzt mal ein Notfallplan.

00:34:54.962 --> 00:35:01.282
Aber die großen Reformen, die Strukturreformen, die kommen ja jetzt noch und

00:35:01.282 --> 00:35:05.142
wie Marietta auch schon gesagt hat, Stoff für viele weitere Podcasts.

00:35:05.322 --> 00:35:10.482
Wir bleiben dran und sagen an der Stelle Danke an Sie, Professor Gerlach. Sehr gerne.

00:35:12.822 --> 00:35:20.562
Marietta, im News Cycle, da geht es ja aktuell viel um ein großes, wildes Tier.

00:35:21.477 --> 00:35:26.577
Den Buckelwal Timmy. Aber wer dabei völlig untergeht, ist die Kegelrobbe.

00:35:27.557 --> 00:35:31.357
Hast du die schon mal gesehen? Oh ja, ich habe die vor allem zum Beispiel auch

00:35:31.357 --> 00:35:35.277
dort gesehen, wo demnächst auch der Wal auftauchen wird.

00:35:35.397 --> 00:35:39.057
Nämlich da in Dänemark gibt es dann in der Spitze, wo Ostsee und Nordsee,

00:35:39.137 --> 00:35:40.557
Skaderack zusammen fließen.

00:35:40.657 --> 00:35:44.417
Da liegen die sehr dekorativ am Strand rum und können dann sozusagen das Empfangskomitee

00:35:44.417 --> 00:35:48.637
für den Wal stehen. Ja, also mir war wirklich nicht bewusst,

00:35:48.777 --> 00:35:53.397
dass die Kegelgrubbe das größte freilebende Raubtier Deutschlands ist.

00:35:53.677 --> 00:35:54.977
Der Nordsee ist ja auch bei uns.

00:35:55.437 --> 00:35:59.477
Bis zu zweieinhalb Meter lang, bis zu 300 Kilogramm schwer.

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Die waren auch schon mal fast ausgerottet, sind dann aber seit 2004 haben sie

00:36:04.437 --> 00:36:07.097
sich wieder an der deutschen Ostsee angesiedelt.

00:36:07.437 --> 00:36:11.797
Und da sind sie ein wichtiges Anzeichen dafür, wie gesund die Ostsee ist,

00:36:11.897 --> 00:36:15.657
weil sie eben empfindlich sind gegen Giftstoffe im Wasser. Und deswegen ist

00:36:15.657 --> 00:36:17.017
es wichtig, sie zu zählen.

00:36:17.317 --> 00:36:21.897
Und das passierte bisher in tagelanger Arbeit per Hand.

00:36:22.097 --> 00:36:26.697
Und jetzt soll das eine KI übernehmen. Sieh an, was in den Arztpraxen noch nicht

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funktioniert. Funktioniert also bei der Kegelrobbe.

00:36:29.297 --> 00:36:33.037
Das sieht dann so aus. Aktuell trainieren Forschende die KI.

00:36:33.237 --> 00:36:37.857
Da muss jetzt die KI lernen, Robben auf Bildern von Steinen zu unterscheiden.

00:36:37.857 --> 00:36:43.257
Und dann kann man später diese Satellitenaufnahmen da reinladen und die KI kann

00:36:43.257 --> 00:36:46.637
es auswerten und bestimmt schneller zählen als ein Mensch.

00:36:46.997 --> 00:36:50.317
Weshalb dann der Mensch mehr Zeit für den Schutz der Robben hat.

00:36:50.757 --> 00:36:54.997
Das fand ich irgendwie zur Abwechslung mal eine ganz schöne und auch irgendwie

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wholesome Einsatzmöglichkeit von künstlicher Intelligenz. Absolut.

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Ihr könnt, wenn ihr wollt, auch was zählen mit KI oder von Hand,

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nämlich unsere Podcast-Folgen, die wir bisher aufgenommen haben.

00:37:10.108 --> 00:37:12.648
Vielleicht habt ihr ja Lust, in das ein oder andere Thema reinzuhören.

00:37:13.208 --> 00:37:18.548
Ansonsten freuen wir uns, wenn ihr uns ein Abonnement da lasst und ein Kommentar.

00:37:18.688 --> 00:37:23.148
Feedback-Anregungen sind immer sehr gerne gesehen, entweder auf der Podcast-Plattform

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eurer Wahl oder per Mail an heute-podcast.zdf.de.

00:37:27.588 --> 00:37:30.768
Vielen Dank fürs Zuhören. Schönes Wochenende und auch Marietta,

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vielen Dank dir. Immer gerne. Und bis zum nächsten Mal.

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An dieser Folge mitgearbeitet haben Erik Illenseer, Viola Köks,

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Till Schadl, Hanna Bitzer, Esther Stephan und Younes Rabe.

00:37:42.628 --> 00:37:46.608
Das Fact-Checking kam von Verena Braun, Gabriele König und Julia Maas.

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Kamera und Ton von Robert Morgenstern und Marco Breidenberg.

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Heute Journal, der Podcast, wird produziert von Pool Artists.

