WEBVTT

00:00:10.941 --> 00:00:16.178
Wir können dann stolz sein auf diese Kraftanstrengung. Diese Reformen schaffen Sicherheit.

00:00:16.427 --> 00:00:21.757
Sie garantieren den Bestand unseres Sozialstaates und zwar über die Legislaturperiode

00:00:21.757 --> 00:00:23.939
und über Generationen hinaus.

00:00:24.270 --> 00:00:28.137
Wir haben auch gestern eine Steuerreform beschlossen, konkret die Entlastung,

00:00:28.137 --> 00:00:31.604
so wie im Koalitionsvertrag vereinbart, der unteren und mittleren Einkommen.

00:00:32.039 --> 00:00:36.317
Die Koalition hat sich auf eine Steuerreform geeinigt. Friedrich Merz,

00:00:36.317 --> 00:00:41.142
der Kanzler, nennt das eine Kraftanstrengung, auf die man stolz sein könne.

00:00:41.693 --> 00:00:45.327
Darüber sprechen wir mit einer Steuer- und Finanzexpertin, die sagt,

00:00:45.327 --> 00:00:48.142
dass man diese Reform größer denken sollte.

00:00:48.473 --> 00:00:53.647
Das gegenwärtige System bevorteile nämlich die, die Zeit und das Geld haben,

00:00:53.967 --> 00:00:58.777
Vorteile zu recherchieren oder sie sich über den Steuerberater einzukaufen.

00:00:59.300 --> 00:01:03.217
Außerdem wollen wir wissen, ob Steuern in Deutschland fair verteilt sind,

00:01:03.217 --> 00:01:07.147
Stichwort Superreiche, und ob es eigentlich stimmt, dass Deutschland eines der

00:01:07.147 --> 00:01:10.347
kompliziertesten Steuersysteme der Welt hat.

00:01:10.677 --> 00:01:14.147
Und damit herzlich willkommen zum Heute-Journal-Podcast. Heute ist der 2.

00:01:14.147 --> 00:01:18.707
Juli um 13 Uhr. Ich bin Lene Reiner und mir gegenüber sitzt wieder Marietta

00:01:18.707 --> 00:01:22.281
Slomka, Moderatorin des Heute-Journals. Hallo. Hi Marietta.

00:01:23.518 --> 00:01:28.624
Du hast ja VWL studiert, also ist das Thema Steuern müsste dir liegen und ist

00:01:28.624 --> 00:01:32.127
nicht so eine Qual. Für mich ist es eine Qual, muss ich ehrlich zugeben.

00:01:32.608 --> 00:01:35.744
Ja, klar, so ein VWL-Studium hilft, dass man sich nicht ganz so abschrecken

00:01:35.744 --> 00:01:39.186
lässt von den Begrifflichkeiten, mit denen dann auch in den Diskussionen hantiert wird.

00:01:39.574 --> 00:01:43.124
Und ich finde Steuerpolitik tatsächlich interessant, weil es ist ja das wichtigste

00:01:43.124 --> 00:01:46.384
Instrument eigentlich des Staates, nicht nur um Geld einzunehmen,

00:01:46.384 --> 00:01:50.914
sondern auch um Verhalten von Bürgern oder Unternehmen zu steuern,

00:01:50.914 --> 00:01:54.389
im wahrsten Sinne des Wortes und Anreize zu setzen und zu beeinflussen.

00:01:54.946 --> 00:01:57.984
Und ich finde das schon eine sehr interessante Materie. Aber es ist jetzt auch

00:01:57.984 --> 00:02:01.544
nicht so, dass, mein Studium ist auch schon eine Weile her, dass ich da jetzt

00:02:01.544 --> 00:02:04.274
bei jedem Detail denke, ja klar, kein Problem. Sondern für mich ist das dann

00:02:04.274 --> 00:02:07.258
zum Teil natürlich auch eine Qual, sich da rein zu fräsen in die Details.

00:02:07.386 --> 00:02:10.544
Das beruhigt mich. Und außerdem finde ich es schön, dass du jetzt schon mal

00:02:10.544 --> 00:02:14.444
die Dimension erklärt hast, warum es wichtig ist, sich damit zu befassen und

00:02:14.444 --> 00:02:18.392
auch natürlich diese Podcast-Folge hier zu hören, auch bis zum Ende.

00:02:18.932 --> 00:02:22.744
Es war ja heute, was Steuern angeht, ein interessanter Tag. Politisch eigentlich

00:02:22.744 --> 00:02:26.215
schon die ganzen Tage und auch Wochen davor waren die Steuern,

00:02:26.697 --> 00:02:31.434
beziehungsweise eine Steuerreform, der große Knack- und Streitpunkt der Koalition

00:02:31.434 --> 00:02:35.915
im großen Reformpaket, das noch vor der Sommerpause auf den Weg gebracht werden sollte.

00:02:36.275 --> 00:02:40.064
Da geht es um Rente, Gesundheit, Pflege, den Arbeitsmarkt. Zu allen Themen gibt

00:02:40.064 --> 00:02:43.484
es übrigens auch Podcast-Folgen hier, außer beim Thema Steuern.

00:02:43.484 --> 00:02:45.453
Und deswegen schauen wir uns das heute mal an.

00:02:45.986 --> 00:02:51.965
Die Pläne, die vorgestellt wurden, auf die man sich heute geeinigt hat, die lauten wie folgt.

00:02:52.314 --> 00:02:56.583
Menschen mit mittlerem und geringem Einkommen sollen weniger Steuern zahlen.

00:02:56.583 --> 00:03:01.189
Ein Beispielhaushalt einer berufstätigen Familie mit zwei Kindern soll um die

00:03:01.346 --> 00:03:03.964
600 Euro im Jahr entlastet werden.

00:03:04.487 --> 00:03:07.407
Und dann geht es um die Frage, wie das finanziert werden soll.

00:03:07.766 --> 00:03:11.693
Das soll durch die Anhebung der Reichensteuer passieren.

00:03:11.693 --> 00:03:15.543
Und das ist eine Sache, die wir hier kurz erklären müssen, damit man das nicht

00:03:15.543 --> 00:03:19.283
verwechselt. Es gibt auf der einen Seite den Spitzensteuersatz.

00:03:19.283 --> 00:03:23.473
Das sind genau, Marietta, die Begrifflichkeiten, mit denen man oft durcheinander kommt.

00:03:23.775 --> 00:03:27.813
Also es gibt auf der einen Seite den Spitzensteuersatz, der greift ab knapp

00:03:27.813 --> 00:03:33.394
70.000 Euro Gehalt und liegt bei 42 Prozent.

00:03:33.597 --> 00:03:37.763
Und dann gibt es noch die sogenannte Reichensteuer ab einem Einkommen von knapp

00:03:37.763 --> 00:03:46.653
278.000 Euro und der liegt, beziehungsweise diese Steuer liegt bei 45 Prozent.

00:03:47.013 --> 00:03:52.483
Und diese Reichensteuer soll jetzt schon bei 250.000 Euro gelten,

00:03:52.483 --> 00:03:53.903
also etwas früher gelten.

00:03:54.810 --> 00:04:01.516
Und steigen soll sie ab einem Einkommen von 280.000 Euro um zwei Prozentpunkte,

00:04:01.516 --> 00:04:05.136
nämlich auf 47 Prozent. Man kann es auch zusammenfassen mit die,

00:04:05.136 --> 00:04:08.219
die wirklich viel verdienen, die sollen stärker belastet werden.

00:04:08.782 --> 00:04:11.743
Das ist, glaube ich, so die Grundessenz jetzt des Plans.

00:04:12.515 --> 00:04:16.496
Wir können über die Auswirkungen dieser Pläne jetzt mit unseren Gästen sprechen.

00:04:16.496 --> 00:04:20.281
Das ist einmal Mathis Feldhoff, Korrespondent im ZDF Hauptstadtstudio,

00:04:20.623 --> 00:04:25.552
der das Treffen und die Vorstellung in Berlin aus nächster Nähe verfolgt hat.

00:04:25.807 --> 00:04:30.336
Und dann ist noch Dominika Langenmeier zugeschaltet. Sie ist Professorin für

00:04:30.336 --> 00:04:35.246
VWL und Finanzwissenschaft an der Universität Eichstätt-Ingolstadt und gibt

00:04:35.246 --> 00:04:40.076
als Teil des wissenschaftlichen Beirats dem Finanzministerium Denkanstöße.

00:04:40.668 --> 00:04:44.691
Hallo Mathis. Hallo. Herzlich willkommen, Frau Langenmeier. Hallo. Schön, dass das klappt.

00:04:44.952 --> 00:04:48.216
Mathis, du warst vor Ort. Viele haben ja gar nicht mehr damit gerechnet,

00:04:48.216 --> 00:04:53.155
dass wirklich was vorgestellt wird, dass sich die Spitzen der Koalition einigen.

00:04:53.625 --> 00:04:57.758
Jetzt sind diese Pläne da. Kann man sagen, die Erwartungen wurden übertroffen?

00:04:58.634 --> 00:05:02.482
Gute Frage, weil es sind ja unterschiedliche Erwartungshaltungen in den letzten

00:05:02.482 --> 00:05:03.532
Wochen geschürt worden.

00:05:03.532 --> 00:05:07.185
Und es gab dieses berühmte Treffen in der Villa Borsig vor ein paar Wochen,

00:05:07.528 --> 00:05:12.340
das ja so im Nirvana endete. So auch im Krach fast zwischen den Koalitionären,

00:05:12.717 --> 00:05:16.402
wo sie sich nicht haben einigen können. Fast ist gut, Mathis.

00:05:17.407 --> 00:05:19.952
Ja, vor allem nicht auf das, was wir heute vorgestellt haben,

00:05:19.952 --> 00:05:23.931
nämlich auf eine Steuerreform, so klein oder so groß, die nun sein mag.

00:05:24.256 --> 00:05:28.175
Sie konnten sich überhaupt nicht einigen. Und da hatten sie da damals diesen Tankrabatt geboren.

00:05:28.482 --> 00:05:32.668
Und die dann von den Ländern ausgebremste Einmalzahlung von 1.000 Euro,

00:05:32.981 --> 00:05:35.913
die die Unternehmen bezahlen sollten, aber auch nicht der Staat.

00:05:36.284 --> 00:05:39.772
Wie gesagt, die Erwartungshaltungen waren unterschiedlich groß und in den letzten

00:05:39.772 --> 00:05:42.842
Wochen hat ja insbesondere auch der Finanzminister, aber auch der Bundeskanzler

00:05:42.842 --> 00:05:45.636
dann die Erwartungshaltung an eine Steuerreform geschürt.

00:05:45.816 --> 00:05:47.796
Nach dem Motto, da kommt jetzt die Entlastungswirkung.

00:05:48.127 --> 00:05:52.550
Sagen wir mal so, ich würde sagen, mit 600 Euro im Jahr ist überschaubar.

00:05:52.852 --> 00:05:55.302
Und man müsste mal gucken, muss man es dann sicher am Ende des Jahres dann auch

00:05:55.302 --> 00:05:58.100
mal ausrechnen oder eigentlich Ende nächsten Jahres ausrechnen.

00:05:58.483 --> 00:06:02.022
Ob nicht das, was es an Mehrbelastungen gibt in Sachen Inflation,

00:06:02.022 --> 00:06:06.692
in Sachen möglicherweise Steigerung von Sozialabgaben, ob das nicht diese 600

00:06:06.692 --> 00:06:08.067
Euro am Ende doch wieder auffrisst.

00:06:08.456 --> 00:06:11.802
Frau Langmeier, Sie als Steuer- und Finanzexpertin, sagen Sie auch,

00:06:11.802 --> 00:06:16.714
diese 600 Euro Entlastung, die sind eher beschaulich. Da wäre mehr drin gewesen.

00:06:17.196 --> 00:06:20.522
Ich glaube, dass, wenn man sich die Haushaltslage der Bundesregierung anschaut,

00:06:20.522 --> 00:06:23.333
nicht mehr finanzielle Entlastung drin gewesen wäre.

00:06:24.082 --> 00:06:28.252
Wir dürfen nicht vergessen, es gibt 45 Millionen Steuerzahler in Deutschland.

00:06:28.252 --> 00:06:32.702
Und wenn wir die alle um 600 Euro entlasten, da sind wir da bei 25,

00:06:32.702 --> 00:06:36.648
30 Milliarden. Das ist unheimlich schwer zu finanzieren.

00:06:37.705 --> 00:06:40.712
Wo, glaube ich, mehr drin gewesen wäre, wäre einfach ein bisschen größer zu

00:06:40.712 --> 00:06:44.252
denken und auch andere Aspekte der Einkommenssteuer anzugehen.

00:06:44.252 --> 00:06:47.892
Welche zum Beispiel? Die Frau Rainer hat vorhin gesagt, dass sie ganz ungern

00:06:47.892 --> 00:06:50.542
über das Thema Steuern reden, aber das liegt ja wahrscheinlich nicht so sehr

00:06:50.542 --> 00:06:53.752
an der Ausgestaltung des Tarifs, sondern wenn sie ihre Steuererklärung machen,

00:06:53.752 --> 00:06:54.952
dass das total mühsam ist.

00:06:55.469 --> 00:06:59.552
Und da hätte man ja ganz viel machen können in der Reform, was den Staat gar

00:06:59.552 --> 00:07:00.862
nicht so viel Geld gekostet hätte.

00:07:01.280 --> 00:07:05.452
Da fällt mir dieses Zitat von Albert Einstein ein. Er soll mal gesagt haben,

00:07:05.452 --> 00:07:08.472
man braucht eigentlich, um eine Einkommenssteuererklärung zu machen,

00:07:08.472 --> 00:07:12.062
muss man eigentlich Philosoph sein, weil es für einen Mathematiker zu schwer

00:07:12.062 --> 00:07:13.424
oder zu kompliziert sei.

00:07:13.596 --> 00:07:16.649
Da kommen wir auch später noch drüber zu sprechen, weil wir wollen ja auch wissen,

00:07:16.771 --> 00:07:19.612
wenn es dann so kompliziert ist, wie könnte man es denn eigentlich wirklich

00:07:19.612 --> 00:07:22.228
auch vereinfachen und für die Menschen ein bisschen leichter machen.

00:07:22.727 --> 00:07:27.249
Mathis, bei der Finanzierungsfrage über diese reichen Steuer,

00:07:27.580 --> 00:07:30.882
Da gab es ja schon ziemlich viel Uneinigkeit.

00:07:30.882 --> 00:07:37.752
Ist es da eine Überraschung, dass sich vor allem auch die Union dazu hinreißen

00:07:37.752 --> 00:07:41.373
hat lassen, diese Reichensteuer anzuheben?

00:07:42.226 --> 00:07:46.061
Naja, die Union ist in diese Koalition mit dem Versprechen gegangen,

00:07:46.061 --> 00:07:49.811
wir wollen keine Steuererhöhung und zwar überhaupt keine Steuererhöhung und

00:07:49.811 --> 00:07:53.451
jetzt machen sie natürlich an diesem einen Punkt reichen Steuer einen Schritt

00:07:53.451 --> 00:07:54.892
auf die Sozialdemokraten zu.

00:07:55.183 --> 00:07:58.071
Es gibt ja auch noch andere Steuererhöhungen, die jetzt sozusagen nur im ganz

00:07:58.071 --> 00:08:01.571
kleinen Maß natürlich auch dann zur Konsolidierung des Haushalts beitragen.

00:08:01.571 --> 00:08:05.173
Wir denken an die Tabaksteuer, wir denken an die jetzt neu eingeführte Zuckersteuer,

00:08:05.475 --> 00:08:07.640
wir denken an eine leichte Erhöhung der Alkoholsteuer.

00:08:08.070 --> 00:08:12.241
Das ist aber natürlich alles fast marginal, weil zum Beispiel eine große Frage,

00:08:12.241 --> 00:08:15.531
die überhaupt gar nicht diskutiert worden ist oder nur mal angesprochen worden

00:08:15.531 --> 00:08:17.403
ist, aber dann bevor es wieder am Tisch genommen worden ist,

00:08:17.850 --> 00:08:21.921
eine Erhöhung der Erbschaftssteuer ist sozusagen gleich am Widerstand insbesondere

00:08:21.921 --> 00:08:25.234
auch der CSU gescheitert und wird dann auch gar nicht mehr weiter diskutiert.

00:08:25.542 --> 00:08:28.031
Also diese Koalition ist sozusagen ein bisschen hin- und hergerissen zwischen

00:08:28.031 --> 00:08:31.121
den eigenen Erwartungen und Ankündigungen auf der einen Seite und andererseits

00:08:31.121 --> 00:08:34.791
sozusagen zwischen der Realität des Haushaltes und der Tatsache der Dinge,

00:08:34.791 --> 00:08:38.156
die man nicht machen will. Und da ist sie tatsächlich, finde ich...

00:08:38.724 --> 00:08:41.349
Eigentlich nicht mutig genug und Frau Langmeier hat ja recht,

00:08:41.349 --> 00:08:44.789
aber es gibt auch in dieser Vereinbarung natürlich unter Digitalisierung hinten

00:08:44.789 --> 00:08:46.735
dann ein Passus, in dem drinsteht,

00:08:47.286 --> 00:08:51.759
dass man jetzt sozusagen als Arbeitsauftrag an das Finanzministerium über eine

00:08:51.759 --> 00:08:54.682
Vereinfachung auch der Steuererklärung reden soll.

00:08:56.261 --> 00:08:59.499
Wer wird längst denn, hat sich mehr auf den anderen zubewegt oder würdest du

00:08:59.499 --> 00:09:00.463
sagen, ist ausgeglichen?

00:09:00.748 --> 00:09:04.389
Nein, es ist nicht ausgeglichen. Die Sozialdemokraten haben sozusagen im Verhältnis

00:09:04.389 --> 00:09:08.479
zu dem Ergebnis der Bundestagswahl möglicherweise dann doch mehr hingeben müssen.

00:09:08.479 --> 00:09:10.987
Das sieht man sehr deutlich. Das sieht man insbesondere, glaube ich,

00:09:11.468 --> 00:09:15.149
nicht unbedingt im Steuerbereich, aber in den Verabredungen zur Arbeitsmarktreform,

00:09:15.468 --> 00:09:19.009
in den Verabredungen zur Rente, in den Verabredungen zur Gesundheit.

00:09:19.305 --> 00:09:22.749
Da gibt es schon Dinge, wo die Sozialdemokraten deutlich mehr Federn gelassen

00:09:22.749 --> 00:09:24.216
haben als die Christdemokraten.

00:09:24.541 --> 00:09:28.982
Das große Ziel war Entlastung der kleinen und auch der mittleren Einkommen.

00:09:29.394 --> 00:09:33.859
Aber das Ziel war ja auch, die Wirtschaft anzukurbeln. Ist das gegeben mit dem,

00:09:33.859 --> 00:09:35.211
was jetzt vorgestellt wurde?

00:09:35.420 --> 00:09:38.219
Auch eine gute Frage. Der Kanzler hat ja die Frage verweigert,

00:09:38.219 --> 00:09:41.283
also die Antwort darauf verweigert. Das könne man nicht prognostizieren.

00:09:41.909 --> 00:09:45.179
Weil die erste Frage gestellt wurde, wie viel Wirtschaftswachstum erwarten Sie

00:09:45.179 --> 00:09:47.181
denn aus dieser Reform, die Sie jetzt hier vorstellen?

00:09:47.789 --> 00:09:50.369
Das kann man bei bestem Willen nicht seriös prognostizieren.

00:09:50.369 --> 00:09:53.199
Er hat aber auch recht mit. Das wäre ja auch wirklich absurd,

00:09:53.199 --> 00:09:54.349
da eine Zahl dann zu nennen.

00:09:55.029 --> 00:09:57.827
Er wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn er das tun würde.

00:09:58.071 --> 00:10:02.109
Die alte Weisheit sozusagen, die Hälfte der Wirtschaft ist Psychologie.

00:10:02.109 --> 00:10:03.922
Das ist ja das, was sozusagen jetzt dahinter steht.

00:10:04.242 --> 00:10:08.279
Wir geben jetzt ein Signal, dass wir in die richtige Richtung gehen und dann

00:10:08.279 --> 00:10:09.807
wird die Wirtschaft schon folgen.

00:10:10.219 --> 00:10:13.406
Ich glaube, dass was die Anreize für die Wirtschaft angeht.

00:10:13.900 --> 00:10:17.221
Erstens gibt es jetzt eine gewisse Form von Sicherheit, das ist Punkt eins.

00:10:17.221 --> 00:10:20.751
Punkt zwei, es gibt eine gewisse Form von Flexibilisierung im Arbeitsmarkt.

00:10:20.751 --> 00:10:24.529
Das kann insbesondere in den von der Koalition adressierten Bereichen,

00:10:24.726 --> 00:10:28.534
neue Technologien und ähnliches, also da, wo sie jetzt auch wachsen wollen,

00:10:28.732 --> 00:10:32.894
tatsächlich zu mehr Arbeitsplätzen und zu stärkerem Wirtschaftswachstum führen.

00:10:33.079 --> 00:10:34.989
Jedenfalls kann man das diesem Land nur wünschen.

00:10:35.256 --> 00:10:38.871
Und sie hat gezeigt, sie kann sich einigen, dass mit der Sommerpause,

00:10:38.871 --> 00:10:42.531
das wurde zumindest, das haben sie jetzt hinbekommen, wobei es ja final auch

00:10:42.531 --> 00:10:47.081
im Bundestag entschieden wird und dann natürlich auch die Fraktionen überzeugt werden müssen.

00:10:47.081 --> 00:10:50.521
Ja und außerdem müssen die Bundesländer auch mitmachen, weil die werden ja auch

00:10:50.901 --> 00:10:54.531
Einkommensausfälle haben und waren im Vorfeld da schon not so amused.

00:10:54.531 --> 00:10:56.851
Ich weiß nicht, wie sich das zusammenraffeln wird.

00:10:57.124 --> 00:11:01.001
Dafür gibt es ja auch in der Vereinbarung, in dem Papier eine Formulierung,

00:11:01.001 --> 00:11:04.401
die da lautet, wir gleichen die Länder aus in dem Verhältnis sozusagen,

00:11:04.401 --> 00:11:05.820
wie sie ausgeglichen werden müssen.

00:11:06.253 --> 00:11:09.161
Da haben Sie ja jetzt gerade in der letzten Ministerpräsidentenkonferenz mit

00:11:09.161 --> 00:11:12.931
dem Bundeskanzler eine Grundsatzvereinbarung getroffen, dass das Prinzip,

00:11:12.931 --> 00:11:16.551
wer bestellt, bezahlt, dann auch für die Länder gilt. Nach dem Motto,

00:11:16.777 --> 00:11:19.558
wenn der Bund das bestellt und will, dann muss er es auch bezahlen.

00:11:19.929 --> 00:11:24.341
Also wie gesagt, da versuchen sie mit aller Gewalt und aller Macht sozusagen.

00:11:25.201 --> 00:11:26.936
Wirklich auch Einigkeit herzustellen.

00:11:27.296 --> 00:11:30.204
Das ist wie immer so, das entzündet sich dann am Detail.

00:11:30.610 --> 00:11:33.287
Und dann wird man mal gucken, ob das Feuer, das dabei entsteht,

00:11:33.588 --> 00:11:35.841
ob das von Seiten der Koalition auszutreten ist.

00:11:35.998 --> 00:11:39.161
Wir werden das weiterhin beobachten und Mathis, wir werden jetzt noch ein bisschen

00:11:39.161 --> 00:11:41.381
in die Tiefe gehen in Sachen Steuer.

00:11:41.381 --> 00:11:44.711
Ja, da würde ich dich an der Stelle jetzt auch einfach mal, würde ich sagen,

00:11:44.711 --> 00:11:49.131
du kannst wieder deinem politischen und journalistischen Tagesgeschäft der politischen

00:11:49.131 --> 00:11:54.051
Beobachtung nachgehen und sag erstmal vielen Dank für deine Eindrücke und Grüße nach Berlin.

00:11:54.679 --> 00:12:00.691
Ja, schönen Dank. Alles gut. Danke. Ja, warum ist dieses System so kompliziert?

00:12:00.691 --> 00:12:05.031
Warum reformiert man eigentlich hauptsächlich die Einkommenssteuer?

00:12:05.031 --> 00:12:10.471
Also warum reformiert man nicht das ganze System? Das ist zumindest eine Sache,

00:12:10.471 --> 00:12:11.621
die man immer wieder hört.

00:12:11.961 --> 00:12:14.152
Vielleicht ist es auch ein Mythos, finden wir raus.

00:12:14.949 --> 00:12:18.559
Eines der kompliziertesten Steuersysteme der Welt sein soll.

00:12:19.459 --> 00:12:23.901
Warum das System so ist, wie es ist, hat sich Gundula Gause mal genauer angeschaut. Ja.

00:12:33.781 --> 00:12:37.491
Es gibt fast 40 verschiedene Steuerarten in Deutschland.

00:12:37.816 --> 00:12:43.395
Darunter sind Steuern auf Einkommen oder Besitz, wie die Einkommensteuer und die Erbschaftssteuer.

00:12:43.650 --> 00:12:49.362
Steuern auf Dienstleistungen, wie die Umsatzsteuer oder Waren, wie die Tabaksteuer.

00:12:50.076 --> 00:12:53.147
Eine der wichtigsten Steuern ist die Einkommensteuer. Für den Einzelnen,

00:12:53.147 --> 00:12:58.232
weil sie ihn direkt betrifft und für den Staat, weil sie hohe Einnahmen erzielt.

00:12:58.766 --> 00:13:04.641
Die grundlegende Struktur des deutschen Steuerrechts besteht so seit 1920.

00:13:05.088 --> 00:13:10.587
Immer wieder gab es teilweise Änderungen. So wurde 1923 eine Vermögenssteuer

00:13:10.587 --> 00:13:15.148
eingeführt, die seit 1997 ausgesetzt ist.

00:13:15.531 --> 00:13:19.229
Nach der Wiedervereinigung wurde der Solidaritätszuschlag eingeführt,

00:13:19.531 --> 00:13:21.777
der heute nur noch für wenige gilt.

00:13:22.131 --> 00:13:27.777
Auch die Steuersätze wurden immer wieder angepasst. Lag zum Beispiel der Spitzensteuersatz

00:13:27.777 --> 00:13:34.175
in den 80er Jahren bei 56 Prozent, beträgt er heute 42 Prozent.

00:13:34.558 --> 00:13:38.169
Seit Anfang dieses Jahrtausends gibt es immer wieder Forderungen,

00:13:38.512 --> 00:13:43.425
das Steuersystem grundlegender zu reformieren und zu vereinfachen.

00:13:49.228 --> 00:13:54.453
Frau Langenmeier, was wären denn wirksame Ansätze, um dieses System zu vereinfachen?

00:13:55.167 --> 00:13:58.315
Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Am Ende meine ich zwei Steuern,

00:13:58.315 --> 00:14:01.796
die wirklich Steueraufkommen bringen. Die Einkommenssteuer und die Umsatzsteuer.

00:14:03.248 --> 00:14:07.265
Bei der Einkommenssteuer sind wir wirklich ziemlich weit vorne bei der Komplexität

00:14:07.265 --> 00:14:08.971
im internationalen Vergleich.

00:14:09.732 --> 00:14:13.975
Das liegt daran, dass wir versuchen, ein sehr gerechtes Steuersystem zu schaffen,

00:14:13.975 --> 00:14:16.501
das jeden Einzelfall berücksichtigen kann.

00:14:16.895 --> 00:14:20.570
Und das kommt auf Kosten einer unheimlichen Komplexität.

00:14:21.555 --> 00:14:25.115
Dass wir so viele Abzüge haben bei der Einkommenssteuer, andere Länder kennen

00:14:25.115 --> 00:14:28.151
das gar nicht. Wir deportieren über die Höhe der Pendlerpauschale.

00:14:28.888 --> 00:14:31.730
In anderen Ländern denkt man sich, warum sollte man die Pendelkosten eigentlich

00:14:31.730 --> 00:14:34.700
überhaupt abziehen können? Die Arbeit beginnt am Arbeitsplatz,

00:14:34.700 --> 00:14:36.684
wie man da hinkommt, soll ich jedem selber überlassen.

00:14:37.184 --> 00:14:43.575
Das hat alles schon seine Begründung, aber es macht das Gesamtsystem sehr, sehr komplex.

00:14:43.842 --> 00:14:48.845
Sie sagen ja, eigentlich ist es ein System, das diejenigen begünstigt.

00:14:49.321 --> 00:14:54.040
Die sich sozusagen es überhaupt leisten können, sich damit intensiv auch auseinanderzusetzen

00:14:54.040 --> 00:15:00.100
oder sich dann auch gewisse Vorteile über einen Steuerberater oder eine Steuerberaterin einzukaufen.

00:15:00.100 --> 00:15:04.430
Aber jetzt sagen Sie, das ist ja trotzdem auch eine Frage von Gerechtigkeit,

00:15:04.430 --> 00:15:08.135
dass man eben diese verschiedenen Einzelfälle berücksichtigt.

00:15:08.570 --> 00:15:13.370
Ja, also wir sehen schon auch in den Daten, dass ganz viele Personen gerade

00:15:13.370 --> 00:15:18.400
mit niedrigem Einkommen keine Steuererklärung abgeben, obwohl es sich für sie

00:15:18.400 --> 00:15:20.737
lohnen würde, eine Steuererklärung abzugeben.

00:15:21.161 --> 00:15:25.510
Also allein, wenn man nur einen Teil des Jahres gearbeitet hat oder verheiratet

00:15:25.510 --> 00:15:28.557
ist, dann wird oft zu viel Lohnsteuer einbehalten und einfach,

00:15:28.847 --> 00:15:31.480
selbst wenn man nur ein Minimum der Steuererklärung ausfüllt,

00:15:31.480 --> 00:15:33.613
bekommt man bereits Geld vom Finanzamt zurück.

00:15:34.083 --> 00:15:37.750
Also mehr als bei der Pauschale? Entschuldigen Sie, wenn ich da kurz rein grätsche,

00:15:37.750 --> 00:15:41.530
weil die gibt es ja auch, um das eben zu vereinfachen für Menschen mit geringerem

00:15:41.530 --> 00:15:44.631
Einkommen, dass man jetzt nicht diese ganzen Belege sammelt und zatterer pp.

00:15:44.869 --> 00:15:48.120
Genau, es gibt die Werbungskostenpauschale, die wird auch so ein bisschen automatisiert,

00:15:48.120 --> 00:15:52.380
berücksichtigt, aber sobald sie verheiratet sind zum Beispiel,

00:15:52.380 --> 00:15:55.078
stimmt dieser automatische Lohnsteuereinbehalt nicht mehr.

00:15:55.194 --> 00:15:57.970
Das liegt an den Steuerklassen, das ist relativ kompliziert.

00:15:57.970 --> 00:16:01.790
Aber wenn man dann einfach nur die Steuererklärung abgibt, quasi nur diesen

00:16:01.790 --> 00:16:06.566
Mantelbogen, keine einzelnen Werbungskosten, dann bekommt man schon was vom Finanzamt zurück.

00:16:07.031 --> 00:16:13.318
Das ist ganz vielen nicht klar. Die lassen damit Geld auf dem Tisch liegen.

00:16:13.556 --> 00:16:15.715
Oder wenn man nur einen Teil des Jahres gearbeitet hat.

00:16:16.121 --> 00:16:20.090
Da geht es um mehrere hundert Euro, vor allem bei Personen mit sehr niedrigen

00:16:20.090 --> 00:16:22.990
Einkommen. Das finde ich wirklich interessant. Also insofern,

00:16:22.990 --> 00:16:27.244
im Grundsatz wollen wir zwar Gerechtigkeit durch diese ganzen einzelnen Abzüge.

00:16:27.836 --> 00:16:33.126
Aber die Leute verhalten sich nicht so, wie sich da irgendein ganz komplex denkender

00:16:33.126 --> 00:16:36.626
Jurist es überlegt hat, dass man sich verhalten sollte, wenn man das alles richtig

00:16:36.626 --> 00:16:38.674
ausfüllt, weil es viel zu kompliziert geworden ist.

00:16:39.132 --> 00:16:44.449
Und weil es auch schwierig ist, richtig zu machen und einfach wahnsinnig viel Zeit und Geduld kostet.

00:16:44.919 --> 00:16:49.886
Und damit geben viele keine Steuererklärung ab oder verzichten auf Abzüge,

00:16:49.886 --> 00:16:52.622
die sie eigentlich in Anspruch nehmen könnten.

00:16:53.597 --> 00:16:58.176
Und andere machen so eine Art Sport daraus, dass sie alles möglichst rausholen.

00:16:58.176 --> 00:17:01.086
Und in mancher Software ist das ja auch schon so, wenn sie über eine Software

00:17:01.086 --> 00:17:03.698
ihre Steuererklärung machen, dann wird ihnen da vorgeschlagen,

00:17:04.000 --> 00:17:07.796
sie können hier noch 16 Euro Kontoführungsgebühren abziehen, sie können

00:17:08.156 --> 00:17:11.846
hier unten ihre Arbeitsmittel unter 100, irgendwas Euro, wird das überhaupt

00:17:11.846 --> 00:17:14.446
nicht überprüft vom Finanzamt, geben sie einfach irgendwas an,

00:17:14.446 --> 00:17:16.736
schicken keinen Beleg mit, das wird so akzeptiert.

00:17:17.113 --> 00:17:21.136
Und das ist auch nicht der Gedanke dahinter, aber das meinte ich damit,

00:17:21.136 --> 00:17:25.699
dass man, wenn man sich auskennt, Geld rausholen kann, was überhaupt nicht so

00:17:25.995 --> 00:17:29.948
gedacht ist. Und diese Probleme entstehen durch die Komplexität.

00:17:30.587 --> 00:17:34.366
Sie haben schon gesagt, dass das bei anderen Ländern einfacher gehandhabt wird,

00:17:34.366 --> 00:17:37.355
die nicht viele unterschiedliche Steuersätze haben.

00:17:38.017 --> 00:17:42.716
Stimmt es denn, dass Deutschland das oder eines der kompliziertesten Steuersysteme

00:17:42.716 --> 00:17:44.499
der Welt hat oder ist das ein Mythos?

00:17:44.924 --> 00:17:47.692
Also Deutschland hat ein relativ komplexes Steuersystem.

00:17:48.169 --> 00:17:51.536
Ob es das komplexeste der Welt ist, ich glaube, das hängt so davon ab,

00:17:51.536 --> 00:17:54.716
wie man jetzt die Komplexität misst, dass man da wahrscheinlich auf jedes beliebige

00:17:54.716 --> 00:17:55.965
Ergebnis kommen könnte.

00:17:56.562 --> 00:18:00.466
Aber wir sehen auch in Ländern, die wir jetzt sicherlich als Länder mit einem.

00:18:01.247 --> 00:18:05.896
Weiß ich nicht, vorbildlichen Sozialsystem sehen würden, viel einfachere Steuersysteme,

00:18:05.896 --> 00:18:07.134
zum Beispiel in Skandinavien.

00:18:07.528 --> 00:18:11.348
Beim Thema Gerechtigkeit geht es ja auch immer wieder darum,

00:18:11.900 --> 00:18:18.227
wie stark Arbeit besteuert wird im Vergleich beispielsweise von Erbschaften.

00:18:18.899 --> 00:18:23.107
Ich habe den Steuerexperten Steuerfabi, der auf Social Media Steuertipps gibt,

00:18:23.107 --> 00:18:29.842
mal gefragt, was aus seiner Sicht die ungerechteste Regel im Steuersystem ist.

00:18:30.330 --> 00:18:33.557
Die aus meiner Sicht ungerechteste Regel im deutschen Steuerrecht ist,

00:18:33.557 --> 00:18:37.577
dass Arbeit auch im Vergleich zu anderen Einkunftsarten zu früh,

00:18:37.577 --> 00:18:39.072
zu stark besteuert wird.

00:18:39.345 --> 00:18:43.787
Wenn man beispielsweise eine Gehaltserhöhung bekommt, dann rutscht man schnell

00:18:43.787 --> 00:18:45.572
in einen höheren Grenzsteuersatz.

00:18:45.833 --> 00:18:50.297
Das heißt, man bekommt zwar eine Gehaltserhöhung, um die Inflation auszugleichen,

00:18:50.297 --> 00:18:53.867
das wird aber weggefressen durch diese höheren Grenzsteuersätze.

00:18:54.181 --> 00:18:59.357
Eine Klettung des Einkommenssteuertarifs, dass man eben erst später in höhere

00:18:59.357 --> 00:19:02.888
Grenzsteuersätze rutscht, würde helfen, das abzumildern.

00:19:03.260 --> 00:19:08.804
Professor Langenmeier, wird Arbeit in Deutschland zu stark und zu früh besteuert?

00:19:09.227 --> 00:19:12.807
Die Höhe der Steuersätze, da müssten Sie keine Wissenschaftlerin fragen,

00:19:12.807 --> 00:19:16.867
sondern da müssen Sie irgendwie einen Politiker fragen, der irgendwie demokratisch

00:19:16.867 --> 00:19:20.802
legitimiert ist. Das hängt davon ab, wie stark man umverteilen möchte.

00:19:21.180 --> 00:19:24.507
Was man glaube ich sagen kann, ist, dass wir im internationalen Vergleich Arbeit

00:19:24.507 --> 00:19:25.487
ziemlich hoch besteuern.

00:19:26.207 --> 00:19:30.259
Und wenn man jetzt nicht nur die Steuersätze an sich anschaut von Arbeit, sondern...

00:19:31.026 --> 00:19:36.384
Im Vergleich zu anderen Einkommensarten, also beispielsweise von Vermögen und

00:19:36.384 --> 00:19:40.150
Erbschaften, wird da Arbeit zu stark besteuert oder stärker?

00:19:40.568 --> 00:19:44.154
Ich glaube, das ist ein bisschen ein Mythos, dass Kapitaleinkommen viel weniger

00:19:44.154 --> 00:19:46.129
besteuert werden als Arbeitseinkommen.

00:19:46.605 --> 00:19:50.814
Also wenn Sie jetzt Kapitaleinkünfte haben, weil Sie zum Beispiel eine Kapitalgesellschaft

00:19:50.814 --> 00:19:53.954
haben, die macht einen Gewinn und den schütten Sie dann aus, Dann wird

00:19:54.354 --> 00:19:58.724
erstmal der Gewinn mit 30 Prozent auf Ebene des Unternehmens besteuert und dann

00:19:58.724 --> 00:20:01.751
die ausgeschütteten Gewinne nochmal mit 25 Prozent.

00:20:02.215 --> 00:20:06.984
Wenn man das zusammenrechnet, ist man auch so bei diesen 47 Prozent oder 45

00:20:06.984 --> 00:20:11.573
Prozent eine ganz ähnliche Belastung wie bei den Spitzensteuern der Einkommenssteuer.

00:20:12.031 --> 00:20:17.224
Also aktuell haben wir da jetzt kein so großes Ungleichgewicht zwischen der

00:20:17.224 --> 00:20:19.096
Besteuerung von Arbeit und Kapital.

00:20:19.804 --> 00:20:24.663
Es wird von einigen immer wieder angeprangert, dass Milliardäre in Deutschland

00:20:25.011 --> 00:20:31.394
weniger effektive Steuern zahlen als zum Beispiel eine arbeitende Familie aus dem Mittelstand.

00:20:31.714 --> 00:20:36.713
Da geht es eben auch um diese Kapitalerträge, über die Sie gerade schon gesprochen haben.

00:20:37.502 --> 00:20:42.646
Aber löst das nicht auch die große Gerechtigkeitsfrage aus?

00:20:43.267 --> 00:20:46.634
Ja, das ist ein bisschen eine vielleicht sogar philosophische Frage.

00:20:46.634 --> 00:20:50.424
Da kommt es jetzt darauf an, was wir eigentlich als Einkommen sehen, das man besteuert.

00:20:51.777 --> 00:20:55.584
Bei uns als Arbeitnehmer ist das total klar, was das Einkommen ist.

00:20:55.584 --> 00:20:58.215
Das ist das, was vom Arbeitgeber jeden Monat überwiesen wird.

00:20:58.737 --> 00:21:03.694
Wenn Sie jetzt einen Milliardär anschauen, was ist dessen Einkommen?

00:21:03.994 --> 00:21:07.174
Das, was wirklich ausgezahlt wird, das wird angemessen besteuert.

00:21:07.174 --> 00:21:11.974
Das Problem möglicherweise ist, dass der Wertzuwachs des Unternehmens,

00:21:11.974 --> 00:21:15.664
Es stellt einen Vermögensgewinn zu und der Milliardär wird reicher.

00:21:16.094 --> 00:21:21.220
Und dieser Zuwachs seines Vermögens, den besteuern wir nicht oder sehr wenig.

00:21:22.236 --> 00:21:25.199
Das kann man natürlich als Ungleichgewicht sehen, aber ich glaube,

00:21:25.199 --> 00:21:30.319
man muss auch anerkennen, dass sozusagen ein reiner Wertgewinn eines Unternehmens,

00:21:30.319 --> 00:21:34.679
das man besitzt, schon ein bisschen was anderes ist als Einkommen,

00:21:34.679 --> 00:21:37.159
das einem tatsächlich aufs Konto ausgezahlt wird.

00:21:37.750 --> 00:21:41.019
Also es geht darum, dass dieses Einkommen oder dieses Vermögen,

00:21:41.019 --> 00:21:42.494
was dann besteuert werden würde,

00:21:42.830 --> 00:21:46.859
eben oft nicht auf dem Konto liegt, sondern in ganz unterschiedlichen Anlagen

00:21:46.859 --> 00:21:50.959
oder beispielsweise auch in einer Firma liegt oder in Form von Immobilien da

00:21:50.959 --> 00:21:54.969
ist und dass man da nicht so einfach diesen Wert erkennen kann.

00:21:54.969 --> 00:21:58.859
Verstehe ich Sie da richtig? Genau, das ist sozusagen ganz viel im Unternehmen

00:21:58.859 --> 00:22:02.899
drin und eigentlich wollen wir ja schon, dass die Unternehmer die Gelder im

00:22:02.899 --> 00:22:07.148
Unternehmen lassen und reinvestieren, eben damit die Wirtschaft wächst.

00:22:07.507 --> 00:22:12.619
Also insofern da jetzt zu sehr in die Substanz reinzugehen, da würde ich dann

00:22:12.619 --> 00:22:16.337
durchaus befürchten, dass wir negative Effekte aufs Wirtschaftswachstum sehen.

00:22:17.016 --> 00:22:21.363
Wir hatten in Deutschland aber ja auch mal eine Vermögensteuer.

00:22:22.020 --> 00:22:26.559
Warum haben wir die heute nicht mehr? Wir haben die, wie ganz viele andere europäische

00:22:26.559 --> 00:22:31.799
Länder, mehr oder weniger abgeschafft, weil es unheimlich kompliziert ist, Vermögen zu besteuern.

00:22:32.179 --> 00:22:35.789
Da muss man erstmal festhalten, was das Vermögen eigentlich ist,

00:22:35.789 --> 00:22:37.105
das man besteuern möchte.

00:22:37.767 --> 00:22:43.039
Und das ist ganz, ganz schwer zu messen, weil die meisten Vermögensgegenstände,

00:22:43.039 --> 00:22:45.809
die man besitzt oder wenn es dann um Unternehmen und Immobilien geht,

00:22:45.809 --> 00:22:49.528
die haben halt einfach nicht einen klaren Wert, den man ganz einfach besteuern kann.

00:22:49.858 --> 00:22:53.139
Glauben Sie, dass das Thema irgendwann nochmal angegangen wird?

00:22:53.139 --> 00:22:58.600
Also hat diese Vermögensteuer eine Zukunft? Weil politisch sieht es ja aktuell nicht danach aus.

00:22:58.897 --> 00:23:02.139
Also bei der Vermögenssteuer halte ich das für unwahrscheinlich,

00:23:02.139 --> 00:23:06.089
auch aus diesen besagten Befolgungskosten. Fast alle anderen europäischen Länder

00:23:06.089 --> 00:23:07.400
haben die eigentlich auch abgeschafft.

00:23:08.416 --> 00:23:11.880
Wo ich mir eher vorstellen könnte, ist, dass wir nochmal eine Diskussion über

00:23:11.880 --> 00:23:15.870
die Erbschaftssteuer kriegen, die ja quasi den Vermögensübergang besteuert,

00:23:15.870 --> 00:23:19.625
also so ein bisschen so eine Art Vermögenssteuer einmal pro Generation ist.

00:23:20.380 --> 00:23:24.120
Da steht noch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus und es könnte durchaus

00:23:24.120 --> 00:23:26.930
sein, dass das Bundesverfassungsgericht sagt, dass die Erbschaftssteuer,

00:23:26.930 --> 00:23:31.740
wie wir sie aktuell haben, nicht verfassungsgemäß ist und dann muss die Regierung

00:23:31.740 --> 00:23:34.531
sich mit dem Thema beschäftigen und dann nochmal eine Reform angehen.

00:23:35.007 --> 00:23:40.590
Ich meine, die Zahl gelesen zu haben, dass in Deutschland pro Jahr um die 400

00:23:40.590 --> 00:23:44.615
Milliarden vererbt werden. Ist das realistisch?

00:23:45.294 --> 00:23:48.899
Und dass davon nur ein ganz geringer Teil...

00:23:50.090 --> 00:23:54.925
Drei bis vier Prozent etwa, an Erbschaftssteuer dem Staat zufällt.

00:23:55.274 --> 00:23:58.322
Und wenn man das mal im Gesamten anguckt, dann kann man sagen,

00:23:58.322 --> 00:24:03.964
dass durch die Tabaksteuer mehr Einnahmen generiert wurden als durch die Erbschaftssteuer

00:24:04.312 --> 00:24:07.017
von diesem großen Vermögensschatz.

00:24:08.184 --> 00:24:13.332
Wie kann das sein? Also das Erbschaftssteueraufkommen sind so ungefähr 10 Milliarden.

00:24:13.332 --> 00:24:17.158
Insofern kommen wir da schon ungefähr bei den Zahlen raus, die Sie beschrieben haben.

00:24:18.047 --> 00:24:22.202
Denn das liegt daran, dass es aber auch, also es sind nicht nur diese ganz,

00:24:22.202 --> 00:24:24.112
ganz reichen Erbschaften, die es gibt.

00:24:24.112 --> 00:24:27.312
Also die Zahl der Erbschaften, die kommt schon auch dadurch zustande,

00:24:27.312 --> 00:24:31.142
dass eben viele mal das Haus der Eltern erben. Da sind auch ganz,

00:24:31.142 --> 00:24:33.254
ganz viele kleine Erbschaften dahinter.

00:24:33.754 --> 00:24:37.882
Und bei den wirklich großen Erbschaften reden wir ganz viel über Familienunternehmen.

00:24:37.882 --> 00:24:41.822
Das Vermögen in Deutschland steckt viel stärker noch in anderen Ländern ganz

00:24:41.822 --> 00:24:48.458
viel in Familienunternehmen drin, die aktuell von der Erbschaftssteuer quasi ausgenommen sind.

00:24:49.044 --> 00:24:54.826
Darüber kann man sich ja streiten, ob das in diesem Umfang notwendig ist und ob das gerecht ist.

00:24:55.296 --> 00:24:58.721
Darum dreht sich dann auch das Urteil, dass das Bundesverfassungsgericht noch sprechen muss.

00:24:59.528 --> 00:25:03.802
Aber dass man da so richtig viel holen kann, ist wahrscheinlich schwierig,

00:25:03.802 --> 00:25:09.187
weil man dann Unternehmen, Familienunternehmen halt sehr hoch belastet mit einer Steuer, die einen.

00:25:10.075 --> 00:25:13.988
Ein amerikanischer Konzern, der hier tätig ist oder ein chinesischer Konzern, die zahlen werden muss.

00:25:14.214 --> 00:25:20.257
Da gibt es ja eine Recherche, die gezeigt hat, dass große Tech-Konzerne aus

00:25:20.257 --> 00:25:22.730
den USA in Deutschland effektiv,

00:25:23.177 --> 00:25:27.217
oft nur, da wird dann von drei bis vier Prozent gesprochen, Steuern auf die

00:25:27.217 --> 00:25:30.647
Gewinnerzahlen, die sie in Deutschland ja erwirtschaftet haben,

00:25:31.088 --> 00:25:35.059
während dann deutsche Unternehmen eben etwa 30 Prozent zahlen müssen.

00:25:35.535 --> 00:25:41.305
Also zahlt eine Bäckerei effektiv einen höheren Steuersatz als ein milliardenschwerer

00:25:41.444 --> 00:25:45.752
Tech-Konzern? Und wie könnte man das ändern?

00:25:45.961 --> 00:25:49.377
Das war ganz lange der Fall. Ich würde ein bisschen zögern zu sagen,

00:25:49.377 --> 00:25:53.057
dass das noch der Fall ist, weil wir ja jetzt eine globale Mindeststeuer haben,

00:25:53.057 --> 00:25:57.286
die eigentlich dieses Problem angehen sollte. Die hat durchaus noch Lücken.

00:25:57.733 --> 00:26:01.199
Aber ich glaube, da muss man jetzt ein bisschen abwarten, wie gut die funktioniert.

00:26:01.646 --> 00:26:04.682
Man darf aber nicht vergessen, dass die Tech-Konzerne natürlich hier schon auch

00:26:04.850 --> 00:26:08.171
Umsatzsteuer zahlen, Einkommenssteuer für ihre Mitarbeiter abführen.

00:26:08.571 --> 00:26:12.557
Also da wird schon ein bisschen was gezahlt, aber dass große Konzerne,

00:26:12.557 --> 00:26:17.497
gerade amerikanische Konzerne, sehr, sehr gut Gewinne in andere Länder verlagert

00:26:17.497 --> 00:26:21.481
haben, wo die dann ganz niedrig besteuert wurden, ist absolut ein Problem.

00:26:21.766 --> 00:26:25.477
Ja, das seit Jahren versucht wird zu lösen, aber es ist sehr,

00:26:25.477 --> 00:26:30.917
sehr schwierig, weil diese Konzerne eben sehr schwer zu greifen sind und sich

00:26:30.917 --> 00:26:34.187
digitale Geschäftsmodelle sehr leicht in andere Länder verlagern lassen.

00:26:35.232 --> 00:26:39.987
Gibt es denn eine Änderung oder eine Regel, vielleicht jetzt auch bei den aktuell

00:26:39.987 --> 00:26:45.267
vorgestellten Plänen, von der Sie sagen, ja, das ist gut, das ist richtig und

00:26:45.267 --> 00:26:48.061
das hat dieses System einfacher und gerechter gemacht?

00:26:48.700 --> 00:26:51.767
Zur Vereinfachung weiß man ja auch gar nicht so richtig viel.

00:26:51.767 --> 00:26:55.852
Da ist leider die aktuellen Pläne noch relativ schwammig.

00:26:56.953 --> 00:27:01.281
Ich finde richtig, dass man jetzt zumindest mal so eine kleinere Form des Tarifs

00:27:01.281 --> 00:27:03.025
vornimmt, etwas entlastet.

00:27:03.659 --> 00:27:08.721
Ich glaube auch, dass die zusätzliche Belastung an der Spitze durchaus verkraftbar

00:27:08.721 --> 00:27:12.419
ist. Also es wird jetzt keine großartigen negativen Folgen auf das Wirtschaftswachstum haben.

00:27:12.859 --> 00:27:17.491
Vor allem, weil auch angekündigt ist, dass man ein Problem löst,

00:27:17.491 --> 00:27:21.481
was man da oft hatte. Das Problem ist, dass ganz viele von diesen hohen Einkommen

00:27:21.481 --> 00:27:26.111
sind nicht einzelne abhängige Beschäftigte, sondern sind eigentlich Personengesellschaften.

00:27:26.581 --> 00:27:29.831
Und man möchte den Personengesellschaften besser ermöglichen,

00:27:29.831 --> 00:27:33.617
dass sie sich wie eine Kapitalgesellschaft mit der Körperschaftsteuer besteuern lassen.

00:27:34.058 --> 00:27:37.381
Und die soll ja auch sinken. Da sind auch Vereinfachungen versprochen.

00:27:37.381 --> 00:27:39.944
Und ich glaube, das ist der richtige Weg, dass man hier versucht,

00:27:40.449 --> 00:27:44.141
Einkommen und die Unternehmensbesteuerung etwas stärker aufzutrennen.

00:27:45.197 --> 00:27:50.151
Gibt es, wenn man ins Ausland schaut, eine besonders, vielleicht eine radikale

00:27:50.151 --> 00:27:55.612
oder auch eine innovative Lösung oder Regel, von der man sich vielleicht was abschauen könnte?

00:27:55.745 --> 00:27:59.327
Also was ich mir ganz persönlich wünschen würde, ist, dass wir so ein bisschen in die Richtung von

00:27:59.739 --> 00:28:05.021
Skandinavien, Norwegen zum Beispiel gehen, wo man nicht mehr im Sommer ein paar

00:28:05.021 --> 00:28:08.071
Abende da sitzen muss, um seine Steuererklärung auszufüllen,

00:28:08.071 --> 00:28:12.781
sondern wo man eine vorausgefüllte Steuererklärung per E-Mail zugeschickt bekommt

00:28:12.781 --> 00:28:14.658
mit einem Link, wo quasi steht.

00:28:15.836 --> 00:28:19.521
Schaust dir einmal durch und wenn dir alles passt, dann klick einmal auf OK

00:28:19.861 --> 00:28:22.500
und fertig ist es. Und das Ganze ist in fünf Minuten erledigt.

00:28:23.294 --> 00:28:27.840
Das finde ich eine großartige Idee. Da hoffe ich, dass das bei uns auch irgendwann mal so sein wird.

00:28:28.681 --> 00:28:34.370
An der Stelle vielen Dank, Dominika Langenmeier, VWL- und Finanzprofessorin

00:28:34.655 --> 00:28:38.585
und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium.

00:28:39.049 --> 00:28:41.458
Dankeschön. Gerne. Gerne, tschüss.

00:28:42.466 --> 00:28:46.361
Danke an dich, Marietta, und euch da draußen. Vielen Dank fürs Zuschauen und

00:28:46.361 --> 00:28:48.619
fürs Zuhören. Und bis nächste Woche.

00:28:55.927 --> 00:28:59.486
Heute Journal, der Podcast, wird produziert von Pool Artists.

