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Hallo und herzlich willkommen bei Im Schatten der Macht. Schön, dass ihr alle dabei seid. In unserem Podcast erzählen wir euch von den Geheimnissen der mächtigsten Menschen der Welt. Wir stöbern Verbrechen auf, die dort geschehen, wo die Mächtigen unter sich sind. Wo Politikerinnen und Politiker ihre Macht missbrauchen und keine von uns Normalsterblichen kriegt's mit. Nicht selten werden die Spuren der Taten erwischt, aber eben nicht immer. Und das ist gut für uns. Ja, die Menschen, die wir wählen, also Politikerinnen und Politiker, die sind ja nicht immer alle nur strahlende Vorbilder, denn manche von ihnen, die sind auch in Skandale verwickelt. Einige lassen sich korrumpieren und ein paar wenige werden sogar schwer kriminell. Die unglaublichsten dieser Geschichten, die hört ihr hier bei uns im Podcast. Und wir schauen auch in andere Länder, zum Beispiel in die USA, mein Heimatland.
Politikerinnen und Politiker sind auf der ganzen Welt in True-Crime-Fälle verwickelt, die uns oft genug den Atem stocken lassen. Bei manchen ist es ein True-Crime, dass sie überhaupt gewählt werden, aber das ist eine andere Geschichte. Wer sind wir jetzt aber überhaupt? Mein Name ist Anne Luckmann. Ich bin seit über fünf Jahren schon Host des True-Crime-Podcasts Schwarze Akte und seit letztem Jahr auch von Wild Crimes. Das heißt, ich bin mittlerweile schon echt ganz schön lange im True-Crime-Kosmos unterwegs. Und ich bin Ricardia Bramley. Podcasterin und Produzentin. Ich hatte es noch nicht so häufig mit True Crime zu tun, aber mit Politik schon, denn ich produziere unter anderem den Podcast Gysi gegen Gutenberg. Und so vereinen sich unsere beiden Interessensgebiete hier in diesem Podcast in Im Schatten der Macht. Der Fall, den wir euch heute mitgebracht haben, der ist wirklich in vielerlei Hinsicht spektakulär. Das können wir schon mal versprechen. Es ist fast 70 Jahre her, dass diese Geschichte passiert ist und die wurde bereits auch mehrfach erfolgreich verfilmt. Auch unsere Expertin, mit der wir für diesen Fall hier gesprochen haben, die hat einen Film dazu gemacht und von ihr werdet ihr später noch hier im Podcast hören.
Nicht zuletzt sorgt der Fall in der damals noch jungen Bundesrepublik für viel Aufsehen. Die Zeitungen Ende der 1950er Jahre, die sind wirklich voller Berichte über diese Tat. Und das hat gleich mehrere Gründe. Zum einen ist die Tat sehr brutal. Eine Edelprostituierte wird nämlich qualvoll in ihrer Wohnung in der Frankfurter Innenstadt ermordet.
Wie sich herausstellt, hat das Luxus-Callgirl allerbeste Verbindung zu extrem einflussreichen Politikern und sehr reichen Wirtschaftsbossen. Ja, jetzt stellt sich natürlich die große Frage. Haben diese mächtigen Männer irgendwas mit dem Mord an Rosemarie Nitribit, so der Name des Opfers, zu tun? Zumindest der Verdacht drängt sich auf. Die polizeilichen Ermittlungen sind teilweise so haarsträubend, dass man Vorsatz unterstellen kann. Beweise verschwinden auf wundersame Weise, die Befragungen von potenziellen Tatverdächtigen sind eher ein Witz. Es scheint fast so, als ob mit aller Gewalt versucht wird, keinen Täter zu finden. Und das ist halt schon sehr ungewöhnlich. Aber lasst uns jetzt alle Schritt für Schritt vorgehen. Unser Fall beginnt an Allerheiligen 1957. Zehn Tage zuvor wurde am 22. Oktober 1957 der mittlerweile 81-jährige Konrad Adenauer zum dritten Mal als Bundeskanzler vereidigt. Ich dachte mir noch und wir dachten, Trump sei alt.
Die Deutschen erfreuen sich am Wirtschaftswunder. Im konservativen Nachkriegs-Deutschland geht's rapide wirtschaftlich bergauf. Viele können sich sogar ein eigenes Auto leisten und damit in den Urlaub fahren. Der 1. November 1957 ist ein Freitag, aller Heiligen. In Frankfurt am Main herrscht tristes, regnerisches Schmuddelwetter bei 8 Grad. Ein älteres Ehepaar kommt gerade von ihrem Besuch auf dem Friedhof zurück nach Hause. Gegen 16 Uhr betreten sie das Mehrfamilienhaus in der Frankfurter Stiftstraße 36. Hier lebt das Ehepaar. Das Haus liegt am Rande der Frankfurter Innenstadt und ist ungefähr 60 Meter vom Eschersheimer Tor, mit seinem berühmten Turm aus dem frühen 15. Jahrhundert entfernt. Das Haus mit der Adresse Stiftstraße 36 ist keine zwei Jahre alt und für damalige Verhältnisse extrem modern. Die Wohnungen hier haben nicht nur einen Aufzug und warmes Wasser, sondern auch eine zentrale Fußbodenheizung unter dem Parkett. Während Millionen Deutschen noch mühsam Kohle aus dem Keller die Treppen hochschleppen müssen, um ihre Wohnungen zu beheizen, muss man hier nur an einem Regler drehen und hat es kurz danach schön warm. Und außerdem haben alle Wohnungen hier auch einen Balkon, was in den 1950er Jahren nicht selbstverständlich ist, sondern eher die Ausnahme.
Praktisch ist zudem auch die Gegensprechanlage, die es hier gibt. Die nutzt vor allem Rosemarie Nitribit oft. Denn wenn ihre Kunden klingeln, müssen die erst ein ganz bestimmtes Codewort sagen, bevor sie ins Treppenhaus gelassen werden. Dieses Codewort lautet Rebecca.
Begeistert sind die Nachbarn nicht gerade über das Gewerbe, das Rosemarie Nittribitt in ihrer schicken Wohnung betreibt. Bis zu zehn Freier am Tag fertigt die 24-jährige Frau ab, so schreibt es die Frankfurter Rundschau. Und ihre Tätigkeit ist mit reichlich Nebengeräuschen verbunden. Doch an diesem Nachmittag ist es mucksmäuschenstill im Haus. Allerdings liegt irgendwie ein unangenehmer Geruch in der Luft des Frankfurter Apartmenthauses. Zwar sind zu dieser Zeit modrige Gerüche in den Häusern nichts Ungewöhnliches, denn die Altbauten, die den Krieg überstanden haben, die hatten oft feuchte Keller. Doch das Haus in der Stiftstraße 36 ist ja relativ neu. Und außerdem ist dieser Gestank hier irgendwie anders, der dem Ehepaar an diesem Tag in die Nase steigt. Es ist kein modriger, sondern ein beißend-fauliger, süßlicher Geruch. Die beiden machen sich also auf die Suche nach der Ursache des penetranten Gestanks und stellen fest, dass es immer übler riecht, je weiter sie die Stufen hochsteigen.
Im vierten Stock ist der Geruch schließlich am schlimmsten. Was ihnen außerdem auffällt, vor der Tür des Apartments mit der Nummer 41 liegen drei bestellte Brötchentüten. Dahinter kläfft ein Hund hysterisch. Und noch jemand steht hier vor der Tür. Die 47-jährige Physiotherapeutin Erna Krüger. Sie arbeitet nebenbei als Haushälterin im Apartment 41. Und sie fragt sich natürlich, warum ihr niemand die Tür öffnet, nachdem sie mehrmals bei Rosemarie geklingelt hat. Einen Schlüssel zur Wohnung hat die Haushälterin nicht. Auch ihr kommt die Situation äußerst seltsam vor, denn normalerweise ist ihre Auftraggeberin immer zu den vereinbarten Terminen zu Hause. Das Ehepaar geht zurück in die eigene Wohnung, um von ihrem Festnetzapparat die Polizei zu verständigen. Klar, Handys gibt es Ende der 1950er Jahre noch nicht. Erst anderthalb Stunden später treffen um 17.30 Uhr zwei Streifenbeamte an der Stiftstraße 36 ein.
Auch den Polizisten kommt die Sache hier eigenartig vor. Sie rufen also einen Schlosser, der ihnen die Tür öffnet. Die Haustür ist nicht abgeschlossen, sondern nur zugezogen. Und als die Polizisten die Zwei-Zimmer-Wohnung betreten, da verschlägt es den Ermittlern den Atem. In der 75 Quadratmeter großen Wohnung ist es sehr heiß. Die Fußbodenheizung ist nämlich voll aufgedreht. Hinzu kommt ja der furchtbare Gestank. Die Beamten kämpfen mit einer starken Übelkeit. Zudem ist die ganze Wohnung voller Fliegen, was Anfang November doch ungewöhnlich ist. Zwischen den Beinen der Polizisten rennt ein weißer Pudel aufgeregt hin und her, bellt wie wild. Ja, und leider entdecken sie im Wohnzimmer aber noch was anderes, nämlich die Leiche einer Frau. Es ist offensichtlich, dass die gefundene Person hier tot ist. Denn bei der Leiche hat schon der Verwesungsprozess eingesetzt. Und Achtung, falls ihr jetzt keine Details hören möchtet, dann skippt am besten eine Minute vor.
Das Gesicht der Frau ist nur noch eine aufgedunsene Masse. Aus Mund, Ohren und Nase ist schaumige Fäulnisflüssigkeit ausgelaufen. An den Lidern der geschlossenen Augen haben sich bereits Fliegeneier abgelegt. Am Hinterkopf klafft eine offene Wunde. Dieser Anblick hier, der ist wirklich nichts für schwache Nerven. Die Tote liegt mit dem Rücken auf einem Teppich vor dem Sofa, auf dem eine schwarze Handtasche steht. Das linke Bein ist unter der Couch eingeklemmt. Das rechte Bein liegt auf einem Sitzpolster. Die Arme sind nahezu rechtwinklig vom Körper weggestreckt. Die Knöpfe der Jacke sind geschlossen. Der Rock des anthrazitfarbenen Kostüms ist hochgerutscht und entblößt einen blassen Nylonstrumpf mit einer schwarzen Naht, der an Strapsen befestigt ist. Ja, man kann sich natürlich vorstellen, dass die Streifenbeamten hier total geschockt sind von dem Anblick der Toten, denn eigentlich haben sie gar keine Erfahrung mit Leichen, denn eigentlich kümmern sie sich eher um sowas wie Rohstörungen, also eher so kleinere Delikte. Als erstes reißt hier ein Polizist erstmal die Fenster auf, denn der Gestank ist einfach zu bestialisch und überhaupt nicht auszuhalten und der andere dreht die Fußbodenheizung runter. Dann verständigen sie über Funk ihre Kollegen.
Ja, es ist echt, wenn man sich das so vorstellt, eine unglaubliche Szene, in die die da reinkommen. Den Ermittelnden ist schnell klar, dass hier ein Verbrechen stattgefunden haben muss. Trotz des eingesetzten Verwesungsprozesses sind eindeutige Würgemale am Hals der Toten zu erkennen. Auch weitere Spuren deuten auf ein Kampfgeschehen hin. Neben der Kommode liegt zum Beispiel ein zerbrochener Aschenbecher. Auf einem Sofakissen sind Blutspuren, auch auf dem Sitzpolster der Couch. An der Stirn und der Schulter sind oberflächliche Schürfwunden zu erkennen. Am Hinterkopf hat sie eine Platzwunde, die eine Größe von 4,5 cm x 1 cm hat. Das ist etwa die Größe eines Kaugummistreifens.
Neben dem Kopf der Toten liegt ein Frotteetuch. Das Telefon im Wohnzimmer neben der Leiche ist von der Kommode gefallen. Der Hörer ist blutverschmiert. Das Opfer wollte wohl kurz vor seinem Tod noch Hilfe holen, aber das ist nicht gelungen. Die Leiche von Rosemarie Nitrebitt wird in die Gerichtsmedizin gebracht. Die Obduktion dauert auch lediglich zwei Stunden. Dann steht eindeutig fest, dass das Opfer von hinten erwürgt wurde. Darauf deuten die halbmondförmigen Abdrücke der Fingernägel des Täters am Kehlkopf der Toten hin. Die Rechtsmediziner schätzen den Eintritt des Todes auf 20 bis 30 Stunden vor ihrem Aufwinden ein. Sie wird ja am späten Nachmittag des 1. November 1957 gefunden. Das heißt, sie muss also irgendwann am 31. Oktober gestorben sein. Das zumindest vermuten die Pathologen. Es hat übrigens einen Grund, warum der Todeszeitpunkt nur sehr vage bestimmt werden kann. Die beiden Streifenpolizisten reißen, wie erwähnt, sofort die Fenster auf, als sie die Wohnung betreten, und drehen die Heizung runter.
Aber sie messen eben nicht die Raumtemperatur. Das wäre aber enorm wichtig für den Todeszeitpunkt gewesen. Nur wenn man die Körpertemperatur der Leiche und die Umgebungstemperatur hat, kann man den Todeszeitpunkt genau bestimmen. Da die beiden Beamten ja keine Erfahrungen mit Mordtatorten haben, wissen sie das offenbar nicht. Ja, und wenn man das so hört, dann denkt man sich so, okay, warum haben sie nicht daran gedacht? Warum haben sie sich nicht an die Regeln gehalten? Wie kann denn das passieren? Aber klar, wenn du ein vielleicht auch junger Beamter bist, dann ja, wenn du keine Erfahrung hast mit Tatorten, mit Mord, mit Leichen, dann bist du, glaube ich, auch einfach menschlich persönlich so schockiert, dass du nicht unbedingt daran denkst, bestimmte Dinge einzuhalten. Also ich kann sogar verstehen, dass hier diese Fehler passiert sind. Die Gerichtsmediziner gehen von einer Situation aus, die eskaliert ist.
Möglicherweise haben sich Täter und Opfer gestritten. Dann schlägt der Täter Rosemarie Nitribit auf den Hinterkopf. Sie fällt zu Boden und landet auf dem Bauch. Der Angreifer setzt sich auf sie drauf und beginnt das Opfer zu würgen. Wenn dieses Szenario zutrifft, dann wäre es also kein geplanter Mord gewesen, sondern eher eine spontane Tat, möglicherweise im Affekt. Und das würde für eine klassische Beziehungstat sprechen, bei der sich Täter und Opfer kannten. Ein Raubüberfall oder ein missglückter Einbruch, bei dem der Täter überrascht wird und im Affekt das Opfer tötet, scheidet höchstwahrscheinlich aus. Dann hätte der Täter mit Sicherheit die 1250 D-Mark mitgenommen, die am Tatort sichergestellt werden. Ja, und auch die Tötungsart spricht für eine Beziehungstat. Beim Erwürgen muss man seinem Opfer ja minutenlang die Luft abdrücken. Das ist ein langsamer und qualvoller Tod, der von krampfartigen Zuckungen im Todeskampf begleitet wird.
So ein ausgeführter Mord spricht für eine extreme Nähe zwischen Opfer und Täter. Zudem sind die meisten Täter, die ihre Opfer erwürgen, männlich, da eben viel Kraft gebraucht wird, weil sich das Opfer ja heftig wehrt. Rosemarie Nitribit ist den Männern in Frankfurt am Main bestens bekannt. Die Blondine mit der zartblassen Haut und den knallroten Lippen verdient ihr Geld als Prostituierte. Sie ist eine von 1200 Prostituierten, die Mitte der 1950er Jahre in Frankfurt arbeiten. Die Prostitution findet zu dieser Zeit weitgehend im Verborgenen statt, denn Ehebruch steht in den 1950ern in der jungen, aber sehr prüden Bundesrepublik noch offiziell unter Strafe.
Rosemarie hat uns von Anfang an fasziniert und sogar beeindruckt. Wir wollten mehr über sie und ihre Zeit wissen. Also haben wir mit der Regisseurin und Podcasterin Birgit Tanner gesprochen. Tanner hat nämlich 2020 den Film Cold Case Tod der Edelhure Rosemarie Nitribit gedreht und eine Perspektive mit uns geteilt, die wir so vorher noch nicht gehört hatten. Diese Frau hat einfach selber so einen Freiheitsdrang und wir können sie nicht einfangen. Wir können sie nicht in ein Korsett schieben. Und sie hat ja immer einiges versucht. Sie hat auch gearbeitet in einem Angestelltenverhältnis. Da waren die Leute total zufrieden mit ihr, aber es war nicht ihr Leben. Sie wollte etwas anderes. Und ich glaube schon, dass sie in Frankfurt schon auf der Suche war nach dem Mann, den sie heiraten kann, den sie liebt und wo sie dann eine ganz romantische Beziehung führt. Weil das, glaube ich, hatte sie nicht. Ich glaube, sie war auf der Suche nach Liebe, schlicht und ergreifend. Ich sehe sie als eine Frau, die sich wenig Vorschriften hat machen lassen, die ihren Weg gegangen ist.
Man kann ihr nicht vorwerfen, dass sie nach Liebe gesucht hat. Das tun wir alle. Die hatte Spaß an Sexualität. Für sie war Sexarbeit nichts, was man verstecken musste. Rosemarie Nitribit ist anders als ihre Kolleginnen. Die 24-Jährige ist extrem extrovertiert, spricht Männer einfach aus ihrem Auto heraus an. Sowas gab es vorher in Frankfurt nicht. Auch ihr Kundenstamm unterscheidet sich deutlich von den anderen Prostituierten.
Rosemarie verkehrt in den vornehmsten Frankfurter Kreisen. Wirtschaftsbosse, Millionäre und auch Politiker sollen sich mit ihr im Bett vergnügt haben. Gerade für Politiker ist das aber natürlich extrem heikel. Schließlich begehen die gewählten Volksvertreter bewusst eine Straftat, die noch dazu sehr pikant ist. Für den eigenen Ruf ist das jetzt nicht gerade förderlich. Politiker haben also allergrößtes Interesse, dass ihre außerehelichen Freizeitaktivitäten, so nennen wir das jetzt mal, nicht an die Öffentlichkeit kommen. Es drängt sich natürlich die Frage auf, ob einer ihrer Kunden Rosemarie Nittribit getötet hat. Täter und Opfer müssen sich ja gekannt haben. Oder war es möglicherweise ein Auftragsmord? Dafür würde die Kaltblütigkeit der Tat sprechen. Bevor wir uns aber weiteren Ermittlungen zuwenden, die teilweise ja leider von katastrophalen Fehlern geprägt sind, werfen wir aber einen Blick auf das aufregende Leben von Rosemarie Nittribet. Dann wird nämlich klar, wie sie zu dem Menschen wurde, der vielleicht zu viel wusste, um am Leben zu bleiben.
Rosemarie Nittribit wird am 1. Februar 1933 übrigens in Düsseldorf als Maria Rosalia Auguste, genannt Rosemarie Nittribit, geboren. Ihre Mutter Maria ist bei der Geburt gerade mal 18 Jahre alt. Der Vater erkennt seine Vaterschaft nicht an und verweigert auch Unterhaltszahlungen. Rosemarie lernt ihn nie kennen. Der Mutter bleibt nichts anderes übrig, als sich alleinerziehend durchs Leben zu schlagen. Ein trauriges Schicksal. Vor allem gelten Alleinerziehende im Nationalsozialismus als asozial. Eine Zeit, in der Rosemarie aufwächst. Manche von ihnen werden sogar in Konzentrationslager gesteckt. Rosemarie bekommt noch zwei jüngere Halbschwestern, Irmgard und Lieselotte. Die sind zwei beziehungsweise vier Jahre jünger. Alle Kinder haben verschiedene Väter, die alle keinen Unterhalt zahlen. Die vier Nitribet-Frauen leben also unterhalb der Armutsgrenze. Im September 1938 werden die drei Kinder auf Anweisung des Jugendamtes der Mutter weggenommen, voneinander getrennt und in verschiedene Erziehungsheime gebracht.
Rund ein halbes Jahr später kommt die mittlerweile sechsjährige Rosemarie zu einer Pflegefamilie in Niedermendig bei Mayen in der Eifel, fast 150 Kilometer von ihrem Zuhause in Düsseldorf entfernt. Der Pflegevater Nikolaus Elsen ist bereits 69 Jahre alt, die Pflegemutter Anna Maria, 49. Sie nehmen Rosemarie übrigens nicht aus Nächstenliebe auf, sondern vor allem wegen der 30 Reichsmark, die sie monatlich für die Pflege bekommen. Zu ihrer leiblichen Mutter hat sie keine Beziehung mehr.
1942, nach drei Jahren der Trennung, bricht der Kontakt dann ganz ab, als die Mutter eine von mehreren Haftstrafen in Düsseldorf verbüßen muss. Übrigens, nur mal kurz so, der Krieg läuft auch gerade seit 1939 und das passiert alles, während auch ein Krieg herrscht. Das muss man sich auch mal überlegen, ja. Ja, die junge Rosemarie hat also keinerlei emotionale Bindung zu einem Menschen. Auch später in ihrem Leben hat sie keine Bezugsperson, denen sie sich anvertrauen kann. Da spielt sicherlich ein Erlebnis eine entscheidende Rolle, dass sie mit elf Jahren hat. Im Jahr 1944 wird sie nämlich von einem 18-jährigen Nachbarn vergewaltigt. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt noch dazu, dass das jeder in der Nachbarschaft weiß. Aber niemand zeigt den Täter an. Nicht mal ihre Pflegeeltern. Kurz nach der Tat wird der Täter zur Wehrmacht eingezogen und muss an die Front. Ob er den Krieg überlebt hat, das ist nicht bekannt.
Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lernt die inzwischen 13-jährige Rosemarie zwei ältere Mädchen kennen. Rosemarie lauscht gebannt den Erzählungen der beiden, denn die zwei arbeiten als Prostituierte. Sie erzählen von leicht verdientem Geld. Rosemarie beschließt, sich selbst zu prostituieren. Mit nur 13 Jahren. Ihre Freier sind französische Soldaten, die in der Eifel stationiert sind. Kann man sich gar nicht vorstellen, oder? Mit 13? Wow. Ja, so kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs herrscht in Deutschland natürlich extreme Not, denn es mangelt an allem, auch an Essen natürlich. Die Menschen, die träumen von ein bisschen Wohlstand. Und den hat Rosemarie bereits. Sie kann sich schöne Kleider, Nylonstrümpfe, Parfum und Zigaretten leisten. Und dabei ist sie ja fast noch ein Kind.
Zumindest auf dem Papier. Körperlich und geistig ist sie offenbar sehr reif, wobei das das Verhalten der Soldaten auf keinen Fall entschuldigen soll. Rund um ihren 14. Geburtstag wird Rosemarie im Februar 1947 schwanger von einem ihrer Freier. Sie lässt das Kind heimlich abtreiben. Rosemarie stirbt beinahe bei der Abtreibung, die damals unter nichtsterilen Bedingungen durchgeführt wird, da Abtreibungen zu dieser Zeit eine Straftat sind. Ein Verbot, das auch jetzt wieder Hochkonjunktur hat, je nachdem, in welchem Land man wohnt. Als sie wieder gesund ist, da wartet aber leider schon das nächste Problem auf sie. Der Pfarrer von Niedermending, der erfährt im Mai 1947 von der Abtreibung. Tja, woher er die Information hat, das ist unklar. Er schaltet auf jeden Fall das Kreisjugendamt Main ein und erwirkt Rosemarys Unterbringung in einem Fürsorgeheim für schwer Erziehbare. Das Gericht bescheinigt ihr Verwahrlosung. Tja, und die nächsten drei Jahre verbringt Rosemarie zwischen Heimen und einem Leben auf der Straße in Frankfurt am Main. 1950 versucht sie es dann mit einem bürgerlichen Leben. Sie arbeitet ein halbes Jahr lang als Hausmädchen und Aushilfsbedienung bei einer Familie, die in Andernach, 20 Kilometer nördlich von Koblenz, ein Café betreibt.
Im März 1951 geht es zurück nach Mayen. Dort nimmt sie einen Job als Haushaltshilfe bei den Besitzern einer Hühnerfarm auf. Doch es zieht sie immer wieder nach Frankfurt. Rund um den Bahnhof versucht sie, sich dann Freiern anzubieten. Im August 1951, da ist Rosemarie 19 Jahre alt, da wird sie wegen Landstreicherei zu drei Wochen Haft verurteilt. Die verbüßt sie in der Jugendstrafanstalt in Frankfurt-Präungesheim. Nach ihrer Entlassung taucht sie unter und verdient ihr Geld als Animierdame in Bars und Prostituierte im Frankfurter Bahnhofsviertel. Die Behörden wollen sie aber wieder in ein Erziehungsheim schicken. Doch kein Heim ist bereit, die widerspenstige 19-Jährige aufzunehmen. Damals ist man übrigens erst mit 21 Jahren volljährig. Und jetzt, wo sie jetzt hinkommt, das ist wirklich heftig. Man sperrt sie nämlich in die berüchtigte Arbeitsanstalt Brauweiler, ein ehemaliges Gefängnis der Gestapo, in dem schon Konrad Adenauer saß, lange bevor er Bundeskanzler wurde. Hier verbringen Anfang der 1950er Jahre vor allem Alkoholiker, Bettler, Landstreicher und Zuhälter ihre Haftstrafen. Und auch Prostituierte. Denn, wie erwähnt, Prostitution ist immer noch illegal. Doch auch aus der Arbeitsanstalt flüchtet sie.
Die Behörden wollen sich nicht länger mit Rosemarie herumärgern. Daher greifen sie zu einem Trick. Rosemarie wird rund ein halbes Jahr vor ihrem 21. Geburtstag offiziell für volljährig erklärt. Und damit entfällt die Grundlage, sie in einem Heim unterzubringen.
Rosemarie ist jetzt offiziell frei. Sie arbeitet sofort in Frankfurt als Prostituierte und mietet sich im Herbst 1953 ein bescheidenes Zimmer mit Bad in der Eschersheimer Landstraße 13 am Rande der Innenstadt. Nach wenigen Monaten zieht sie in ein besseres Zimmer in der Feuerbachstraße, nur ein paar hundert Meter von der alten Oper entfernt. Im Sommer 1954 scheint sich ihr Leben dann endlich das erste Mal überhaupt in eine richtige Richtung zu entwickeln. Ihr Monatseinkommen wird auf 4.000 D-Mark geschätzt, was heute ungefähr einem Wert von 12.000 Euro entspricht. Das ist fast das Zehnfache des damaligen Durchschnittsverdienstes. Dann lernt Rosemarie einen 60-jährigen Unternehmer aus Istanbul kennen. Moses Natus, so heißt er. Der reist beruflich häufig nach Frankfurt und verbringt seine Abende dann am liebsten in der Gesellschaft von Rosemarie. Der Geschäftsmann ist fasziniert von der Lebenslust und den Liebeskünsten der 21-jährigen Rosemarie. Nach ein paar Monaten schenkt er ihr einen nagelneuen Opel Capitaine. Der Kaufpreis für das Fahrzeug im amerikanischen Stil mit dem markanten Haifischmaul beträgt 9.500 D-Mark.
Viel Geld für damalige Verhältnisse. Heute wäre das etwas mehr als 28.000 Euro. Für den verheirateten türkischen Unternehmer ist Rosemarie mehr eine Begleiterin als eine Prostituierte. Die beiden fahren sogar zusammen in den Urlaub. Im März 1955 reisen sie in die italienische Küstenstadt Sanremo. Dort erleidet Moses Nathus aber einen Herzschlag und stirbt.
Enttäuscht und auch traurig kehrt Rosemarie nach Deutschland zurück. Durch das angenehme Leben an der Seite von Moses Nathus weiß sie jetzt, wie sich Luxus anfühlt. Und den möchte sie auch in Zukunft nicht missen. Sie fasst also einen Entschluss. Ab sofort will sie nicht mehr auf dem Straßenstrich anschaffen gehen, sondern sich ihr Leben von reichen Männern finanzieren lassen. Ja, und Rosemarie ist extrem fokussiert und ehrgeizig. Ab 1955 lernt sie in Frankfurt Englisch und Französisch. Sie bemüht sich, nur noch Hochdeutsch zu sprechen und ihren rheinländischen Dialekt abzulegen. Außerdem schreibt sie sich für einen Mannekenkurs ein, so wurden früher ja die Models genannt. Und sie nimmt an einem Benimmkurs teil. Denn niemand soll wissen, aus welch ärmlichen Verhältnissen sie stammt und welch beschwerliches Leben sie bislang hatte. Sie ändert auch ihre Strategie, um an Kunden zu kommen. Statt rund um den Bahnhof Freier anzuquatschen, fährt sie mit ihrem Opel-Kapitän durch die Stadt. Mit ihrer selbstbewussten und sehr sympathischen Art und Weise hat sie dann auch großen Erfolg bei Männern, die scharenweise in ihr Auto steigen. Dabei sind ihre Gesichtszüge gar nicht mädchenhaft verspielt, sondern haben vom Leben auf der Straße und in den Heimen eher eine gewisse Härte.
Sie verdient mit der Prostitution jede Menge Geld. Im November 1955 zieht sie in die Neubauwohnung in der Stiftstraße 36. Für 75 Quadratmeter, zwei Zimmer, Küche, Bad zahlt sie 150 D-Mark Miete und 4.960 D-Mark Baukostenzuschuss. Viel Geld für damalige Verhältnisse. Der Durchschnittsverdienst beträgt zu der Zeit nämlich gerade mal 470 D-Mark im Monat. Hier im Zentrum von Frankfurt empfängt sie ihre Freier in einem vornehmen Ambiente. Ab sofort verdient sie richtig viel Asche.
Kurz nach dem Einzug in die neue Wohnung bestellt sie sich dann zum Beispiel ein neues Auto. Ihr Opel Kapitän ist zwar gerade mal ein gutes Jahr alt, doch der ist ihr nicht mehr elegant genug. Sie entscheidet sich für einen Mercedes 190 SL mit roten Ledersitzen und Weißwandreifen. Ein echter Blickfang. Der Mercedes kostet stolze 18.000 Mark, also genau doppelt so viel wie der Kapitän. Für diesen Betrag hätte sie auch vier neue VW Käfer kaufen können, nur mal so als Vergleich. So ein schickes und schnelles Auto mit einer Spitzengeschwindigkeit von 175 kmh fahren damals nur ganz wenige Leute, wie zum Beispiel reiche Firmenbosse. Aber eine junge Frau, die sieht man hinter dem Steuer eines solchen Wagens eher selten. Nur mal kurz einzuordnen, wie selten und besonders das war und wie strategisch sie auch war, ein Auto auszusuchen, ein gutes Auto in Deutschland. So von den knapp 26.000 gebauten Exemplaren des Mercedes 190 SL gehen nämlich fast 21.000 Fahrzeuge in den Export und größtenteils in die USA. Zu den berühmten Besitzern gehören zum Beispiel Gina Lollobrigida, Zsa Zsa Gabor, Ringo Starr und Alfred Hitchcock.
Dieses auffällige Coupé wird dann schnell zu ihrem Markenzeichen. Mit ihren knallroten Lippen, einer Sonnenbrille und einem Kopftuch aus Seide zeigt sie ganz klar und deutlich, dass sie es geschafft hat, wenn sie mit dem offenen Verdeck durch die Straßen fährt. Sie fährt bei Nobelhotels wie dem Frankfurter Hof vor. Dort spricht sie Männer an und stellt sich als Rebecca vor. Teilweise auch mit dem Nachnamen Rosenbaum. Sie verwickelt ihre potenziellen Kunden in Smalltalk. Und plötzlich ist die geheimnisvolle Dame verschwunden. In diesem Frankfurter Hof pflegt sie auch beste Kontakte zu den Hotelangestellten. Denn die Männer, die sie anspricht, die erkundigen sich anschließend beim Portier über die elegante Dame mit dem schicken Cabrio. Und die Herren vom Empfang rücken, gegen ein entsprechendes Trinkgeld natürlich, dann bereitwillig die Telefonnummer von Rosemarie heraus.
Ende des Jahres 1956 setzt sie ihre Selbstinszenierung noch die Krone auf. Sie lässt sich von einem Kunden einen schneeweißen Pudel schenken. Sie nennt den Hund Joe und der darf bei ihren Ausfahrten auf dem Beifahrersitz aus dem Auto schauen. Und auch an ihrer Garderobe und den entsprechenden Accessoires wird nicht gespart. Im Frühjahr 1957, also rund ein halbes Jahr vor ihrem Tod, da kauft sie sich einen Wildnerzmantel für 11.000 DMAC. Heute wären das ungefähr 30.000 Euro. Damals sind Pelze ja noch ein klassisches Statussymbol. Da hat sich ja zum Glück ein bisschen was geändert. Ja, dazu gönnt sich die erst 24-jährige Rosemarie, das dürfen wir nicht vergessen, ist ja immer noch eine super junge Frau, noch einen Brillantring mit zwei Karat für etwa den gleichen Preis.
Ihre enormen Ausgaben für Autos, Schmuck und ihre Garderobe sieht Rosemarie als geschäftliche Investitionen an. Je toller und teurer die Statussymbole sind, desto mehr müssen ihre Kunden für ihre Dienste auf den Tisch legen. Deshalb bestellt sie sich im Oktober 1957 schon wieder ein neues Auto. Diesmal entscheidet sie sich für einen noblen schwarzen Mercedes Coupé 300S mit dunkelgrünen Ledersitzen. Der Wagen? 34.500 DM. Für diesen Betrag kann man 1957 ein Einfamilienhaus bauen. Ja, was Rosemarie bei der Bestellung aber noch nicht weiß, dieses Auto wird sie niemals abholen. Das letzte Lebenszeichen gibt es von ihr am 29. Oktober 1957.
Um 15 Uhr empfängt sie ihren letzten Freier. Danach geht sie um 16 Uhr in die nahegelegene Metzgerei Mattia, um einen Pfund Kalbsleber für ihren Pudel zu kaufen. Um 16.30 Uhr verlässt sie den Laden. Und das ist das letzte Mal, dass sie lebend gesehen wird. Und das bringt uns zurück zu den Ermittlungen, die alles andere als vorbildlich ablaufen. Die Streifenbeamten hatten, wie erwähnt, von schweren Straftaten oder Tatorten keine Ahnung. Und so konnte der Todeszeitpunkt nicht exakt bestimmt werden. Der Gerichtsmediziner schätzt die Tatzeit inzwischen auf Dienstag, 29. Oktober 1957, zwischen 15.45 Uhr und 17 Uhr. Doch zu diesem Zeitpunkt stand sie noch in der Metzgerei am Tresen, beziehungsweise war auf dem Heimweg zu ihrer Wohnung.
Außerdem ist nichts mehr von der Leber übrig, als die Beamten die Leiche entdecken. Hund Joe muss diese also nach ihrer Ankunft zu Hause noch zu fressen bekommen haben. Das heißt, dass sich der Todeszeitpunkt also nur grob schätzen lässt. Damit gibt es ein Zeitfenster, das sich vom 29. Oktober 57 gegen 16.30 Uhr bis zum 1. November 57 um 16 Uhr erstreckt. Irgendwann in diesen 72 Stunden wurde Rosemarie also ermordet. Es ist nicht die einzige Ermittlungspanne. Die beiden Streifenbeamten vergessen auch, den Tatort zu sichern. Bis die Spurensicherung dort am Abend eintrifft, betreten nicht weniger als 27 Personen das Apartment, in dem immer noch die Leiche von Rosemarie liegt. Es sind vor allem schaulustige Nachbarn, die einen Blick auf den toten Körper der Edelprostituierten werfen wollen. Und die vielen Personen, die vernichten am Tatort natürlich sämtliche Spuren und führen die Ermittler sogar unbewusst in die Irre. Denn es wird geraucht und manche der Zigaretten werden aus dem Fenster auf die Straße geworfen. Einige werden in der Wohnung ausgedrückt und kein Mensch weiß später, ob nicht eine der Zigaretten vielleicht vom Täter stammen könnte. Oh Mann. Und wieder andere nehmen sich sogar Souvenirs vom Tatort mit. So verschwinden beispielsweise pornografische Fotos von Rosemarie.
Ein Polizeikommissar vergisst darüber hinaus seinen Hut am Tatort, Weshalb eine ganze Weile nach einem Täter mit Hut gefahndet wird. Ja und Riccardo, es ist ja das eine, ob du als unerfahrener Polizist erst mal das Fenster aufreißt, weil es sehr heiß ist und stinkt. Aber ich finde, es ist was ganz anderes, ob da, ich sag mal, schlampig geraucht wird, Zigarettenstummel zurückgelassen, Gegenstände entwendet, Gegenstände vor Ort gelassen. Also das, finde ich, ist schon dann wieder eine andere Nummer und da kann man auf jeden Fall von Schlamperei am Tatort sprechen. Ja, für mich geht es sogar noch weiter. Ich habe manchmal das Gefühl, naja, war ja nur eine Prostituierte.
Ja, stimmt, dass man es nicht so ernst genommen hat oder nicht so wichtig genommen hat an der Stelle. Und dazu kommt auch noch, dass mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch Reporter von der Frankfurter Rundschau am Tatort waren. Das Verlagsgebäude der Rundschau, das Rundschauhaus, das befindet sich damals nämlich genau gegenüber der Stiftstraße 36. Und den Reportern dürfte natürlich das Treiben in der gegenüberliegenden Wohnung nicht entgangen sein. Ob die Reporter wirklich in einer Wohnung waren, das lässt sich aber nicht mehr belegen. Auf alle Fälle ist die Rundschau genauestens über ihr Leben informiert.
Die Rundschau-Reporter haben Rosemarie tatsächlich schon länger im Visier. Ihre Fotografen machen Fotos vom Verlagsgebäude aus. Sie knipsen Rosemarie in ihrer Wohnung oder wie sie sich auf dem Balkon sonnt. Die Journalisten dürften auch Bescheid wissen, wer zum exklusiven Kundenkreis von Rosemarie gehört. Ja, und auch die Ermittler interessieren sich natürlich sehr für diesen Kundenkreis. Am Tatort wird ein in Leder gebundenes Notizbuch gefunden. Und darin stehen über 60 Namen. Es sind vor allem führende Persönlichkeiten aus der Politik, aus der Wirtschaft und der Industrie. Obwohl die Polizei die erwähnten Personen geheim hält, sickern aber dennoch ein paar Namen durch. In dem Buch wird beispielsweise ein Bankdirektor aus Bad Homburg genannt. Genauso wie ein Großindustrieller mit 17.000 Beschäftigen. So und jetzt kommt die Name-Dropper-Passage. Vor allem die Großindustriellen sind für den Boulevard spannend. Schwerreiche Kunden wie Harald Quandt, ihr wisst schon, der aus der Großindustriellen-Familie, der übrigens der Sohn von Magda Goebbels und Stiefsohn von Josef Goebbels ist, Und dann kommt Harald von Bohlen und Harlbach von Krupp, die Millionenerben Ernst Wilhelm Sachs und sein jüngerer Bruder Gunter Sachs, Fichtel und Sachs AG bzw. Opel. Alle von ihnen sollen laut der Zeitschrift Fokus Rosemarie zu Füßen gelegen haben.
Mal nebenbei, zwei Brüder pflegen eine Beziehung zu der gleichen Frau. Ist auch ein bisschen weird, wenn wir ehrlich sind. Aber okay, jedenfalls all diese wichtigen Männer werden von der Polizei befragt, allerdings nur halbherzig. Ja, dieses Zwei-Männer-zu-einer-Frau, dieses Thema greifen wir ja an der einen oder anderen Stelle im Podcast nochmal auf. Das können wir, glaube ich, schon mal sagen.
Wochenlang beherrschen sie die Titelseiten, denn von dem Skandal verspricht sich vor allem die Boulevardpresse natürlich sehr hohe Auflagszahlen. Und die Leser staunen, als sie aus der Zeitung erfahren, wie viel Geld sich mit in Anführungsstrichen Unmoral verdienen lässt, wie es der Autor Dieter Wunderlich in seinem Buch Unerschrockene Frauen nennt. Und welchen Luxus sich eine Prostituierte leisten kann. In den ersten zehn Monaten des Jahres 1957, da erzielt Rosemarie ein stattliches Einkommen von 90.000 D-Mark. Heute wären das ungefähr 250.000 Euro. Ihr Verdienst ist übrigens steuerfrei, da man damals mit Prostitution offiziell kein Geld verdienen durfte. Der Erbe der Kupfstahl-Dynastie Harald von Bohlen und Halbach schreibt ihr sogar Liebesbriefe. Diese werden am Tatort gefunden. Er nennt sie darin »mein Rechem« oder »mein Fohlen« und er wird sogar lyrisch. Er schreibt »Deiner Brüste, Liebeshügel, sind des Hafis schönster Traum«. Bei einer Vernehmung am 3. November 1957, also nur zwei Tage nach dem Leichenfund, gibt er ohne Umschweife zu, dass die Briefe von ihm stammen und er Rosemarie für Sex bezahlt hat.
Und nicht nur das, er schenkt ihr auch Schmuck, Perlenohrringe, eine Pferdegruppe aus Porzellan, auch mal einen Werkzeugkasten oder einen Tiroler Hut. Er steckt ihr heimlich Geldscheine zu und stattet ihre Wohnung mit Bildern aus. Die Polizeiakten führen später 16 Positionen von Geschenken auf. Möglicherweise war Harald von Bohlen und Halbach wirklich in Rosemarie verliebt. Er bezahlt später ihren Grabschein und übernimmt jahrelang die Kosten für die Grabpflege. Das kommt auch nochmal eventuell später in einem anderen Volk. Für die Fahnder ist Harald von Bohlen und Hallbach einer der Hauptverdächtigen. So wird am Tatort eine angebrochene Flasche Beaujolais mit seinen Fingerabdrücken sichergestellt, was ein Gutachten vom 18. November 1957 beweist. War er also der letzte Freier, den Rosemarie um 15 Uhr empfängt und der nie ermittelt werden konnte? Doch Hausangestellte geben dem Krupp Erben und Multimillionär ein Alibi. Zur angegebenen Tatzeit zwischen dem 29. Oktober und dem 1. November 1957, da sei er in Essen gewesen. Die Hauswirtschaftlerin gibt folgendes zu Protokoll, ich zitiere. Nach dem Tode seiner Mutter fühle ich mich für Herrn von Bohlen und Halbach verantwortlich und würde verspüren, wenn er längere Zeit abwesend wäre. Das ist eine ziemlich intuitive Hauswirtschafterin, wenn man mal ehrlich ist. Okay, sie will also gespürt haben, dass Harald von Bohlen und Harlbach die ganze Zeit in Essen war.
Bezeugen kann sie das aber nicht. Dabei sind es von Essen gerade mal 250 Kilometer bis nach Frankfurt am Main. Das ist locker in zweieinhalb Stunden zu schaffen, nachts vielleicht sogar in zwei Stunden. Trotz dieser potenziellen Lücke in seinem Alibi wird er nicht weiter vernommen. Ja, es wird auch keine zweite Vernehmung des 45-Jährigen geben. Die Essener Polizei stellt nach nur drei Tagen die Ermittlungen ein. In ihrer Schlussbilanz heißt es reichlich unterwürdig, wieder ein Zitat, Im Hause Krupp von Bohlen und Halbach herrschte bekanntermaßen eine strenge und solide patriarchalische Lebensführung vor. Es sei kaum glaubhaft, dass Harald von Bohlen und Halbach in den kritischen Nächten von Essen nach Frankfurt und zurückgefahren ist, ohne dass dies bemerkt worden Damit ist die Ermittlungsakte gegen Harald von Bohlen und Hallbach geschlossen. Die Polizei befragt alle prominenten Kunden von Rosemarie, wie eben Harald von Bohlen und Halbach, ganz diskret. Sie fasst die möglichen einflussreichen Verdächtigen mit Samthandschuhen an und ist nicht wirklich daran interessiert, aus diesem Kreis einen Täter zu ermitteln.
Gunter Sachs, der später mit seinem Playboy-Image berühmt wurde, schildert später in der Bunte seine Befragungen durch die Polizei. Er sagt, nach zehn Routinefragen zur Person und meinem Alibi interessierten sich die Herren mehr für die Direkteinspritzung meines 300 SL-Flügeltürers. Das ist übrigens ein Auto, nun mal so. Ja, tatsächlich, die Beamten interessieren sich also mehr dafür als für einen Mordfall. Ja, schon damals kursieren Gerüchte, und so hast du es ja auch gerade gesagt, dass der Mordfall gar nicht aufgeklärt werden soll, weil die Verstrickungen der mächtigsten und reichsten Männer im Land mit der Lebedame, wie sie die Frankfurter Rundschau nennt, zu groß sind. Rosemarie ist damals pures Dynamit. Passend dazu erscheint in der Süddeutschen Zeitung eine Glosse unter der Überschrift, ein Fräulein namens Nitribet. Dort heißt es, der Name ist nicht erfunden, obwohl er wie die Bezeichnung eines Sprengstoffs klingt.
Spannender sind übrigens wirklich die Personen, die im Notizbuch stehen könnten, aber gar nicht befragt werden können. Wahrscheinlich. Es schwirren nämlich Gerüchte herum, deren Wahrheitsgehalt nie belegt wurde. Hochrangige Politiker sollen verwickelt sein. Womöglich wurden sie sogar bewusst von politischen Kontrahenten gestreut. Denn auch so zynisch funktioniert Politik manchmal. Vielleicht ist aber an ihnen auch etwas dran. Denn eines muss man ja nochmal sagen, die Vielzahl an Ermittlungspannen ist schon merkwürdig. Ist das Zufall? Oder stecken Mächtige dahinter, die wollen, dass gewisse Details für immer verborgen bleiben?
Jedenfalls werden unter den angeblichen Kunden von Rosemarie Nitribet damals auch zwei Bundespolitiker genannt. Beide sehr erfolgreich, beide im gesetzten Alter, beide werden sogar eines Tages höchste Staatsämter begleiten. Skandale können solche Karrieren natürlich überhaupt nicht gebrauchen. Und der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer, der gilt als sehr konservativ. Das heißt, der hätte das überhaupt nicht gut gefunden, wenn da jemand in seinem Team solche privaten Fehltritte sich geleistet hätte. Wir könnten die Namen, die im Buch stehen, an dieser Stelle nennen. Aber wir haben ja natürlich einen qualitativ hohen Anspruch an diesem Podcast. Und wir wollen uns nicht irgendwelchen wilden Spekulationen anschließen. Gerüchte sind halt zunächst einmal nur Gerüchte und können ja von jedem gestreut werden, der teilweise auch vielleicht einfach böse Absichten hat. Warum die Namen von so hochrangigen Politikern im Zusammenhang mit dem Mordfall auftauchen, bleibt also unklar. Wie gesagt, das können bösartig gesinnte politische Gegner gewesen sein. Das könnte auch sein, dass deswegen die Polizei die Bedeutung des Notizbuchs runtergespielt hat. Aber Kriminalkommissar Alfred Kalk erklärt zumindest offiziell, in dem Buch standen Namen aber, die waren nicht aus der großen Welt der Mächtigen und Reichen, sondern ganz normale Bürger. Das Höchste war ein Bankdirektor aus Bad Homburg.
In der Tat stehen in dem Taschenkalender auch ganz normale Namen, wie zum Beispiel ein gewisser Rolf Endler. Und bei den anderen einfachen Leuten gehen die Ermittler deutlich akribischer vor als bei den Reichen und Mächtigen. Aha. Ja, Rosemarie hatte neben dem Namen noch die Städte Düsseldorf und München notiert. In München betreibt ein Mann mit dem Namen Rolf Endler auch tatsächlich ein Lebensmittelgeschäft. Der 58-jährige Mann wird wochenlang beschattet und im Dezember 1958, gut ein Jahr nach dem Mord, mehrfach verhört. Dabei gibt er bereits in den ersten Befragungen am 2. Dezember 1958 an, dass er Rosemarie Nitribeth nur aus der Zeitung kenne und er seit 1948 nicht mehr in Frankfurt gewesen sei. Dennoch wird er immer wieder verhört.
Am 19. Februar 1959 erkennen auch die Ermittler, dass der Lebensmittelhändler Rolf Endler aus München nicht der gesuchte Mann ist. Zwei Kriminalbeamte informieren ihn über das Ende der Ermittlungen gegen seine Person. Tragisch und auch merkwürdig, noch in dieser Nacht erliegt er einen Herzinfarkt. Mittlerweile haben die Mordermittler aber einen ganz neuen Ansatz, was das Motiv betrifft. Die Polizei ermittelt, dass Rosemarie, wie ja bereits erwähnt, alleine im Jahr 1957 um die 90.000 D-Mark verdient hat. Versteuert hat sie davon nichts. Und irgendwo muss der Großteil des Geldes ja abgeblieben sein. Da im Apartment der Toten lediglich 1.250 D-Mark gefunden wurden, gehen die Ermittler mittlerweile also von einem Raubmord aus. Auch einen Tatverdächtigen haben sie bereits. Es ist ein Vertrauter von Rosemarie. Sein Name lautet Heinz Pohlmann. Die beiden kennen sich seit einiger Zeit. Heinz Pohlmann ist für Rosemarie eine Art rechte Hand. Er kauft für sie ein, führt ihren Hund Joe Gassi, kocht sogar gelegentlich für sie und geht auch mal mit ihr aus. Im Gegensatz zur wohlhabenden Rosemarie ist Heinz Pohlmann dagegen meistens pleite. Aber er weiß genau, dass sie immer viel Bargeld in der Wohnung hat. Da sie ihre Dienstleistungen im Bar abwickelt.
Der Handelsvertreter Heinz Pohlmann ist 34 Jahre alt, sieht aber deutlich älter aus. Seine kräftige Statur und die Falten in seinem Gesicht lassen ihn eher wie Anfang 50 wirken. Für die Ermittler ist er kein unbeschriebenes Blatt. Sein Vorstrafenregister ist tatsächlich lang. Bereits im Krieg wird er wegen Plünderung in Frankreich verurteilt. Nach dem Krieg kommen drei Vorstrafen wegen Betrugs- und Urkundenfälschung dazu.
Spannend sind für die Ermittler einige Vorgänge, die unmittelbar nach dem Mord an Rosemarie geschehen. Polmann steht Ende Oktober 1957 vor großen Problemen. Ihm droht die fristlose Kündigung seines Jobs und zudem noch eine Strafanzeige. Denn Heinz Polmann hat Geld seiner Firma veruntreut. Nur wenn er das veruntreute Geld schnell zurückzahlt, besteht die Chance, dass die Firma von einer Anzeige absieht. Am 6. November 1957, also rund eine Woche nach Rosemarie Nitribitz-Ermordung, zahlt der stets, Klammer Heinz Pohlmann, mehrere Tausend D-Mark an seine Firma, Dr. Ritter, GmbH und Co. in Köln zurück, die er unterschlagen hatte. Er hofft, mit dem zurückgezahlten Geld einem Strafprozess wegen Veruntreuung zu entgehen. Denn ins Gefängnis will er auf gar keinen Fall. Nur einen Tag zuvor bezahlt er 9.000 D-Mark in bar für einen Mercedes-Vorführwagen. Woher er das ganze Bargeld auf einmal hat, das kann er nicht erklären. Doch nicht nur sein plötzlicher Reichtum macht ihn verdächtig. Er gibt zu, dass er Rosemarie am 29. Oktober 1957 um 13 Uhr besucht hat. Also nur wenige Stunden vor dem Mord. Als gegen 14.45 Uhr ein Freier geklingelt habe, sei er in die Küche gegangen, sagt er. Um den Freier zu täuschen, habe ihm Rosemarie beim Verlassen der Wohnung nachgerufen. »Frieda vergisst das Brot nicht«.
Ob er aber wirklich die Wohnung verlassen hat oder ob er gewartet hat, bis der Freier gegangen war und Rosemarie nach ihrem Einkauf beim Metzger umbrachte, kann er nicht beweisen.
Gute drei Monate nach dem Mord beantragt der Staatsanwalt einen Haftbefehl gegen Heinz Pohlmann. Am 6. Februar 1958 wird er schließlich wegen Mordverdacht an Rosemarie Nittribbitt verhaftet. Ein knappes Jahr muss Heinz Pohlmann in der Untersuchungshaft bleiben. Kurz vor dem Jahreswechsel wird er dann aber am 29. Dezember 1958 ganz überraschend auf freien Fuß gesetzt. Das Landgericht Frankfurt sieht zu diesem Zeitpunkt nämlich keinen dringenden Tatverdacht mehr gegen ihn. Warum das so ist, das erklärt das Gericht nicht.
Unmittelbar nach seiner Entlassung schlägt Heinz Pohlmann Kapital aus den Ermittlungen gegen ihn. Er fädelt einen Deal mit der Zeitschrift Quick ein. Quick hatte 50.000 Mark als Belohnung für die Ergreifung von Rosemaries Mörder ausgesetzt. Dieses Geld benutzt jetzt die Zeitschrift, um eine reißerische, mehrteilige Enthüllungsstory zu veröffentlichen. Am 17. Januar 1959 erscheint der erste Teil, den Heinz Pohlmann dem Magazin diktiert. Schon nach vier Folgen beendet Quick die Serie aber wieder. Aber nicht etwa aufgrund der Kritik des deutschen Presserats. Sondern weil ihm ein Anwalt der Krupp-Familie noch mehr Geld bietet, als er als Honorar von Quick bekommen hätte. Also mehr als 50.000 D-Mark. Das hat Autor Christian Steiger für sein Buch Rosemarie Nitribit die Autopsie eines deutschen Skandals recherchiert. Am 4. Juni 1959 wird Heinz Pohlmann zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt. Aber nicht wegen der Ermordung von Rosemarie Nitribit, sondern wegen der Unterschlagung bei seinem letzten Arbeitgeber in Köln.
Seine Haftstrafe tritt er ein Dreivierteljahr später, am 1. Februar 1960, in der Justizvollzugsanstalt Bernau an. Hinter Gittern erlebt er auch das Verfahren gegen Mordes gegen ihn. Das wird allerdings am 12. Juli 1960 nach 13 Verhandlungstagen wegen Mangels an Beweisen eingestellt. Das Gericht geht zwar davon aus, dass er Geld aus der Wohnung von Rosemarie Nitrewitt gestohlen hat, aber für den Mord gibt es keine Beweise gegen ihn. Seinen Freispruch hat er vor allem seinem Verteidiger Alfred Seidel zu verdanken. Der stellt erfolgreich den angenommenen Todeszeitpunkt von Rosemarie Netribbitt am späten Nachmittag des 29. Oktober 1957 infrage.
Ihr erinnert euch, die Temperatur im Raum und am Leichnam wurde ja nicht gemessen. Diese grobe Ermittlungspanne führt schlussendlich zum Freispruch von Heinz Pohlmann. Schon vor Prozessbeginn war den Staatsanwälten wohl klar, dass die Anklage nicht gerade sattelfest ist. Nach dem Freispruch verzichtet die Staatsanwaltschaft darauf, Revision einzulegen. Die fehlende Messung der Temperatur ist aber nur eine, wenn auch sehr gravierende Panne bei den Ermittlungen. Es verschwinden auf unerklärliche Art und Weise 700 von insgesamt 6000 Seiten aus den Ermittlungsakten. Auch weitere Indizien und Beweise sind ganz plötzlich nicht mehr auffindbar. Dazu gehört auch das ominöse Notizbuch von Rosemarie mit den ganzen Namen drin. Und niemand weiß, wo die Akten und die Asservate abgeblieben sind. Und dann ist es wahrscheinlich keine Überraschung, dass nicht viel später die Verschwörungserzählungen wie Pilze aus dem Boden schießen. Der Grundtenor ist immer der gleiche. Der Mörder muss aus einflussreichen Kreisen stammen, die zu verhindern wissen, dass die Wahrheit ans Licht kommt.
Dazu passt auch, dass in Rosemarys Wohnung ein Tonbandgerät der Marke Grundig gefunden wird. Damit soll sie heimlich ihre Treffen mit Wirtschaftsbossen und Politikern aufgezeichnet haben, um sie möglicherweise später mit den Aufnahmen erpressen zu können. Die Öffentlichkeit fragt sich natürlich, wo denn diese Aufnahmen abgeblieben sind. Aus heutiger Sicht weiß man, dass es technisch nicht möglich gewesen wäre, mit diesem Tonband und einem versteckten Mikrofon diese Treffen aufzunehmen. Das Mikrofon hätte offen und in der Nähe liegen müssen, damit man überhaupt etwas versteht. Aber welcher Freier, noch dazu prominent, hat Sex mit einer Prostituierten, die auf das Kopfkissen ein Mikrofon legt? Rosemarie Nitribitt hat das Tonband nur dafür genutzt, um Schallplatten aus Vinyl auf Tonwänder zu überspielen. Und die hat sie sich nachher angehört. Bis heute musste sich kein Täter vor Gericht verantworten. Und das wird leider mit großer Wahrscheinlichkeit auch so bleiben.
Schließlich liegt die Tat mehr als 67 Jahre zurück. Die Kunden aus dem Notizbuch dürften mittlerweile alle tot sein. Und damit der Täter vermutlich auch. Erstaunlich ist aber, dass dieser Fall die deutsche Öffentlichkeit Jahre und Jahrzehnte später immer noch bewegt. Den Fernsehfilm Die Nitribit – Ein Mord und viele Täter, der 1986 ausgestrahlt wird, sehen mehr als 8 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer. Zehn Jahre später dreht Bernd Eichinger das Remake – Das Mädchen Rosemarie. Das Original stammt aus dem Jahr 1958 und kam genau ein Jahr nach dem Mord heraus. Ebenfalls acht Millionen lockt der Streifen 1958 in die Kinos. Außerdem gibt es zahlreiche Bücher über den Fall. Und auch einen absoluten Kultsong, den jedes Jahr Millionen auf dem Münchner Oktoberfest mitsingen. Der wurde ebenfalls von diesem Fall inspiriert. Und ich wette, ihr kennt ihn alle. Skandal im Sperrbezirk der Spider-Murphy-Gang. Den Ohrwurm habe ich jetzt den ganzen Tag. Gern geschehen.
Die Faszination lag einfach an ihrem mehr als außergewöhnlichen Leben. Eine Edelprostituierte, die sich nicht versteckt, die beste Kontakte in die höchsten und einflussreichsten Kreise hat, das gab's noch nie. Und es lag natürlich auch daran, dass sie ermordet wurde. Am 10. Februar 2008 wird übrigens der Schädel von Rosemarie Nitribit in deren Grab beigesetzt. Der restliche Körper wurde bereits am 11. November 1957 auf dem Nordfriedhof in Düsseldorf beerdigt. Damals gab die Staatsanwaltschaft den in der Gerichtsmedizin abgetrennten Kopf noch nicht frei. Er sollte für etwaige spätere Untersuchungen aufbewahrt werden. Doch die wird es nicht mehr geben. Bis heute wird das Grab übrigens gepflegt. Auf dem einfachen Grabstein steht der Spruch, nichts Besseres darin ist denn fröhlich sein im Leben.
Mitte 2013 kommt noch mal kurz Bewegung in den ungelösten Fall. Archivare der Frankfurter Polizei stoßen in ihren Archiven auf die verschollen geglaubten Ermittlungsakten. Nachdem der Fall geschlossen wurde, vergisst man sie einfach im Archiv. Fast zeitgleich tauchen 22 Akten über den Fall bei einem Altpapierhändler auf. Samt Fotos, Wohnungsschlüssel und sogar ein Schamhaar. Es sind die polizeilichen Vernehmungsprotokolle und Beweisstücke der Mordsache Nummer 68331-57.
Rosemarie Nitribitt Ja, woher der Altpapierhändler die Sachen hat, das kann er leider nicht erklären. Die Akten enthalten zwar die Vernehmungsprotokolle der prominenten Kunden von Rosemarie, aber die bringen auch keine neuen Erkenntnisse. Seitdem liegen die Akten im hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden. Auch Rosemaries ominöses Notizbuch soll unter diesen sichergestellten Asservaten sein.
Tja, was sagst du, Anne? Was für ein Gefühl hast du? Ja, ich habe ein sehr bedrückendes Gefühl, weil wir haben jetzt diese Frau kennengelernt, die einfach eine krasse Lebensgeschichte hat, die sich in den jüngsten Jahren, in denen sie noch ein Kind war, einfach ihr eigenes Leben aufgebaut hat. Die hat sehr früh angefangen, sich zu prostituieren, weil sie einfach ein besseres Leben wollte und so schnell an viel Geld gekommen ist. Also was für eine Powerfrau, mit welcher Stärke, die dann da auch mit einem Selbstbewusstsein durch die Frankfurter Innenstadt fährt. Und ich glaube, unser Podcast-Titel im Schatten der Macht, vor allem der Macht, passt wieder so gut, wenn wir davon ausgehen, dass vielleicht prominente Leute gar nicht weiter verfolgt wurden, die da in ihrem Notizbuch standen, unter denen vielleicht, wir wissen es ja nicht, einer der Mörder sein kann. Ich finde auch so krass, es ist fast lustig, wenn es nicht tragisch wäre.
Wie die das alle hinkriegen, diese Spuren auch wirklich verschwinden zu lassen. Weil wenn man überlegt, hier verschwinden irgendwie ganze Bänder von Akten, aber das Schamhaar, das haben sie noch. Also was ja jetzt mal rein physisch viel kleiner ist und du denkst dir so, das passt alles nicht zusammen und es ist ja auch nicht so, als würde es nicht immer noch passieren. Und darüber werden wir ja ganz viel sprechen, dass du jedes Mal denkst, wie kann das nicht auffliegen? wie kann man so prominente Leute in dem Fall verwickelt sehen und die werden nachher nicht zur Verantwortung gezogen. Naja, klar, aber der eine kennt wahrscheinlich jemand Hochrangigen in der Polizei, Best Buddies, da wird mal irgendwie schnell gesagt, hey, kannst du das und das nicht verschwinden lassen und schon passiert's. So wird's ja wahrscheinlich gelaufen sein, so die Vermutung.
Aber ja, es macht mich immer traurig und wütend und ich glaube, da spreche ich auch für uns beide, wenn sowas Furchtbares passiert, aber niemand zur Rechenschaft gezogen wird, obwohl es ja vielleicht die Möglichkeit gegeben hätte, da jemand Schuldigen zu finden.
Tja, damit sind wir auch schon am Ende unseres heutigen Falls, im Schatten der Macht. Aber wir wollen natürlich auch von euch hören. Was sagt ihr? Glaubt ihr an eine Verschwörung in den allerhöchsten Kreisen?
Ich glaube, den stärksten Verdacht, den zieht ja der Harald von Bohlen und Halbach auf sich. Aber der war so verliebt, dass ich nicht so ganz überzeugt bin. Und naja, der eine oder andere Politiker soll verwickelt gewesen sein. Also wer weiß, wer da alles nicht mit dem Namen dieser Prostituierten in Verbindung gebracht werden wollte. Erzählt uns, was ihr denkt. Wir hoffen natürlich, dass euch auch diese Folge hier gefallen hat und dass ihr uns auch gerne weiterhin zuhören möchtet. Denn wir haben super spannende Geschichten im Gepäck, das können wir schon mal sagen. Neue Folgen von Im Schatten der Macht von Ricardia und mir gibt es jeden Donnerstag, überall, wo es Podcast gibt. Und wenn wir schon dabei sind, dann würden wir uns natürlich auch sehr über eine Bewertung bei Spotify und Co. freuen. Dann bekommen wir nämlich schon mal ein Gefühl dafür, ob euch das hier überhaupt gefällt, was wir machen. Und vergesst nicht, das Glöckchen zu aktivieren. Dann bekommt ihr nämlich immer noch mal extra eine Benachrichtigung. Und so verpasst ihr wirklich keine neue Folge von uns. So ist es. Bleibt safe da draußen. Eure Anne und Ricardia. Danke an unser Team von Open Minds Media. Executive Producer Rüdiger Barth. Konzeption Peter Greve, Rüdiger Barth und Manfred Neumann Autor Stefan Weber Producer Ricardia Bremley Den Schnitt machte Lilli Johansen Zusätzliche Unterstützung von Falko Schulte.