Music.

Hallo und herzlich willkommen bei Im Schatten der Macht. So schön, dass ihr wieder dabei seid oder vielleicht sogar neu dabei seid. Wie manche von euch wissen, geht es bei uns vor allem um Macht, um Intrigen und Geheimnisse im Dunstkreis der Politik. Wir finden Macht aus dem Grund spannend, weil die Versuchung, sie zu missbrauchen, ja immer irgendwie im Raum steht. Man hat ja immer irgendwie das Gefühl, neben Macht kommt dann auch gleich, okay, wie kann ich es ausnutzen? Und darum wird es heute gehen. Ja, und in den letzten Folgen, da ging es ja auch schon ziemlich glamourös zu, falls ihr die Folgen gehört habt. Da haben wir uns ja unter anderem den Fall von Marilyn Monroe angeschaut und auch den Fall der ermordeten Edelprostituierten Rosemarie Netribet. Die hat uns als Frau so sehr begeistert, dass wir ihren Fall, ihre Geschichte unbedingt in einer Folge erzählen wollten. Heute erzählen wir euch von einem Fall, der zunächst gar nicht so politisch daherkommt. Was hat jemand aus dem medizinischen Bereich jetzt mit Politik zu tun? Aber, wir sagen es euch gleich, da pflegt jemand Beziehungen zu sehr einflussreichen Menschen aus der Politik und der Prominentenwelt. Er ist verdammt nah an ihnen dran.

Chirurgisch, möchte man fast sagen. Der Fall war und ist so strange, da wussten wir, den Mann wollen wir ganz genau kennenlernen. Aber für alle, die uns noch nicht kennen, wir sind... Ich bin Anne Luckmann. Und ich bin Ricardia Bramley. Anne kennt ihr bestimmt schon aus Schwarze Akte und seit letztem Jahr, glaube ich, erzählst du auch von Wild Crimes in der ARD. Ja, genau. Und Ricardia ist unter anderem Podcasterin und auch Produzentin für den Polit-Podcast Gysi gegen Guttenberg. In unserem heutigen Fall reisen wir durch halb Europa. Es geht nach Rom, Barcelona und Stockholm. Dort lebt, arbeitet und forscht der Star-Chirurg Paolo Macchiarini. Ja, und ich muss gestehen, ich kannte seine Geschichte noch gar nicht, aber ich kann euch versprechen, diese Geschichte wird wild.

Paolo Macchiarini, der wird weltweit für seine Erfolge in der regenerativen Medizin gefeiert. Seine medizinischen Erfolge öffnen ihm dann die Türen zu den wichtigsten Menschen der Welt. Zu seinen Patienten und Freunden zählen unter anderem Papst Franziskus, also da seht ihr jetzt schon mal das Level, Ex-US-Präsident Bill Clinton und seine Ehefrau Hillary, der damalige US-Präsident Barack Obama, Russlands Präsident Wladimir Putin und der Ex-Präsident von Frankreich Nicolas Sarkozy.

Die mächtigsten Männer der Welt sollen auch alle zu seiner Hochzeit kommen, am 11. Juli 2015. Und seine Hochzeitseinladungen, die stecken auch in edlen Lammfellhüllen, auf denen die Initialen B und P eingestanzt sind.

So, das ist schon mal eine steile Vorlage. Jetzt kommen wir zu seinem Kollegen, der ihm ein bisschen auch noch, ja, ich sag mal Honig um den Bart schmiert. Sein Kollege ist nämlich Dr. Mark Holtermann, schreibt über ihn im Juni 2014, und ich zitiere.

Als Papst Johannes Paul II. Im Sterben lag und Schwierigkeiten beim Atmen aufgrund der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit hatte, wurde Professor Macchiarini hinzugezogen, um eine dringende Beratung für den Papst durchzuführen. Wenn Professor Macchiarini eine Meinung zu allen Dingen abgibt, die mit den erkrankten Atemwegen zu tun haben, hören die Leute zu. Er gehört nach wie vor zu den besten Atemwegschirurgen der Welt. Ja, also seine Kontaktliste ist auf jeden Fall sehr exklusiv. Ich glaube, das wurde jetzt schon mal deutlich. Es geht heute also um einen Star-Chirurgen, dem die mächtigsten Menschen der Welt vertrauen. Manche sind in Anführungsstrichen nur seine Patienten. Mit anderen ist er aber sogar befreundet, wie beispielsweise mit dem heiligen Vater Franziskus. Das ist die eine Seite von Paolo Macchiarini. In seinem Inneren verbirgt er allerdings ein dunkles Geheimnis, das niemand außer ihm selbst kennt. Und diesem Geheimnis wollen wir auf die Schliche kommen. Es geht um Liebe, Verrat, ein fast undurchdringliches Netz aus Lügen und mehrere Tote. Alle Fäden laufen bei dem Wunderdoktor Paolo Macchiarini zusammen. Und es kommen immer mehr unglaubliche Dinge ans Licht. Aber der Reihe nach...

Paolo Macchiarini wird am 22. August 1958 in Basel geboren. Seine Eltern sind Italiener. Seine Kindheit in der deutschsprachigen Schweiz empfindet er als schwierig. Weil seine Eltern Italiener sind, fühlt er sich in der Schule nach eigenen Angaben als ewiger Außenseiter. So berichtet er es zumindest der Vanity Fair. Nach seinem Schulabschluss geht er dann nach Italien und studiert dort an der Universität in Pisa Medizin. Kurz vor seinem Studienabschluss erhält Paolo Macchiarini einen Anruf von seinem Vater. Dem geht es nicht gut und er klagt über Unwohlsein. Der angehende Arzt eilt zu seinem Vater in die Schweiz und untersucht ihn natürlich auch gleich. Er kann aber keine Diagnose stellen und fährt anschließend zurück nach Pisa. Tja, kurz darauf stirbt sein Vater. Paolo macht sich große Vorwürfe. Hätte er seinen Vater retten können, wenn er ihn gründlicher untersucht hätte? Dieser Moment wird ihn für immer verfolgen. Der Tod seines Vaters lässt den jungen Arzt nicht mehr los. Er kniet sich richtig rein in seine akademische Karriere.

Mit 28 Jahren erhält Paolo im Jahr 1986 dann seine Approbation als Arzt. Nach seinem Abschluss schreibt er an seiner Doktorarbeit. Auch privat findet er sein Glück, denn 1986 heiratet er seine Frau, Emanuela Piccia. Das Ehepaar bekommt eine Tochter und einen Sohn. Die Familie zieht dann gemeinsam nach Luca in die Toskana. Dort lebt auch Paolo Macchiarinis Mutter, die nach dem Tod ihres Mannes wieder in die Heimat zurückgekehrt ist.

1989 wechselt er für ein Semester an die University of Alabama in Birmingham, USA. Ein Jahr später ist er dann von 1990 bis 1992 Assistenzprofessor an der Universität in Pisa. In dieser Zeit macht er eine Spezialausbildung zum Master of Surgery. Das ist der höchste akademische Grad für einen Chirurgen.

Und so geht es weiter. An der Universität Franche-Comté in Frankreich macht er 1994 einen Master in Organ- und Gewebetransplantation. Drei Jahre später, 1997, folgt ein weiterer Doktortitel. Von 1999 bis 2004 ist er dann Leiter, und jetzt kommt er nach Deutschland, der Abteilung für Thorax- und Gefäßchirurgie am Klinikum Oststadt-Heidehaus in Hannover. Übrigens, Thorax ist der medizinische Begriff für Brustkorb. Mit 48 Jahren wechselt er dann an ein Institut in Barcelona. Dort forscht er von 2006 bis 2009 und verlegt auch seinen Wohnsitz nach Barcelona. Seine Frau und die beiden Kinder bleiben aber im italienischen Luca. Er ist ehrgeizig, wird unmittelbar nach seinem Engagement in Barcelona von 2009 bis 2014 sogar Ehrenprofessor am University College in London. Fast zeitgleich, im Jahr 2010, arbeitet der mittlerweile 52-Jährige dann auch als Berater und Projektleiter an der Universitätsklinik Carreggi im italienischen Florenz.

Er arbeitet und forscht an den renommiertesten Universitäten und Krankenhäusern. Und das hat auch seinen Grund. Nachdem er im Juni 2008 eine spektakuläre Luftröhrentransplantation durchführt, feiert ihn die Fachpresse als Stammzellenrevolutionär. Mal ganz kurz zum medizinischen Hintergrund, damit das nicht zu kompliziert wird, aber trotzdem irgendwie klar.

Paolo Macchiarini entwickelt ein neuartiges Verfahren für Luftröhrentransplantationen. Zunächst arbeitet er noch mit einem typischen Spenderorgan, wie man das so kennt, das man dann von einer verstorbenen Person bekommt. Die gespendete Luftröhre reichert er mit Stammzellen des Patienten an, dem die Luftröhre eingesetzt werden soll. Die benötigten Stammzellen werden aus dem Knochenmark des Empfängers entnommen. Dieses sehr, sehr neuartige Verfahren hat einen riesigen Vorteil gegenüber einer klassischen Luftröhrentransplantation. Die neu eingesetzte Luftröhre wird seltener abgestoßen, weil der Körper die eigenen Stammzellen erkennt. Zudem braucht man deutlich weniger Medikamente, die eine Organabstoßung verhindern sollen. Ich finde das immer total beeindruckend, wenn vor allem Menschen in der Medizin an sowas arbeiten und weiterentwickeln. Das ist für mich wirklich fernab von meiner Vorstellung. Also ja, wirklich Riesenrespekt vor Ärztinnen und Ärzten, die sich da immer weiterentwickeln und ja, sowas möglich machen. Und ja, genau dafür wird er, also Paolo, auch auf der ganzen Welt gefeiert, also für seine neuartige Methode. Die Welt der Medizin liegt ihm jetzt also quasi zu Füßen und Paolo Macchiarini ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen.

Forschungsinstitute und Universitäten, die reißen sich geradezu um den Star-Chirurgen und Paolo hat jetzt die Qual der Wahl. Er entscheidet sich schließlich im Jahr 2010 für das Karolinska-Institut in Schweden. Das Karolinska-Institut ist eine von Europas größten und angesehensten medizinischen Universitäten und die liegt in einem Vorort von Stockholm. Das Karolinska-Institut ist übrigens auch für die Verleihung des Nobelpreises für Medizin verantwortlich. Und genau auf den Nobelpreis schielt Paolo Macchiarini auch. Der Nobelpreis wäre die Krönung seines Lebenswerks und es sieht ja auch gar nicht schlecht aus. Denn als Gastprofessor entwickelt er am Karolinska-Institut im Jahr 2011 sein Verfahren sogar noch weiter und arbeitet jetzt mit künstlichen, also aus Kunststoff hergestellten Luftröhren, die ebenfalls mit Stammzellen angereichert werden. Jetzt müssen betroffene Patienten nicht mal quälend lange auf ein Spenderorgan warten. Eine medizinische Sensation.

Paolo Macchiarini bezeichnet sein Verfahren völlig unbescheiden als eine große Errungenschaft in der Geschichte der Medizin. Ja, ganz unbescheiden. Paolo Macchiarini ist seit 2008 der Popstar der Mediziner. Von seinem Kollegen Dr. Richard Perle, der gemeinsam mit ihm operiert, erhält der damals 50-Jährige zum Beispiel folgendes Lob, ich zitiere mal. Er ist ein brillanter Wissenschaftler und ein großartiger technischer Chirurg. Zudem spricht er sechs Sprachen fließend, also schon eine Menge, und auf Partys zeigt er sich gerne mit einer dicken Zigarre in der Hand und prahlt mit seinen prominenten Patienten. Er berichtet beispielsweise, dass er der Leibarzt von Papst Franziskus sei. Es ist immer wieder erstaunlich, wie man in diesen Bro-Clubs einfach total durchkommt mit diesem Verhalten. Die stützen sich da alle selber, keiner stellt Fragen. Also, naja, bis wann? Denn nämlich am 5. Januar 2016 kommt plötzlich eine spektakuläre Enthüllungsstory in der Vanity Fair. Und die verändert sein Leben komplett. Und es wird klar, hier ist ein ungeheurer medizinischer Skandal ins Rollen gebracht worden. Die Geschichte trägt den etwas sperrigen Titel, der Promiarzt, der Liebe, Geld und den Papst ausnutzte, um eine NBC-Nachrichtenproduzentin zu betrügen.

In dem Bericht geht es in erster Linie um die privaten Verfehlungen und die faustdicken Lügen des Paolo Macchiarini. Und diese Lügen sind wirklich unfassbar. In diesem Bericht enthüllt Paolo Macchiarinis ehemalige Geliebte Benita Alexander unglaubliches Insiderwissen über das Leben des Star-Chirurgen. Benita Alexander ist eine preisgekrönte Produzentin für den US-Fernsehsender NBC News. Im Laufe ihrer Karriere erhält sie zwei Emmys und sieben Emmy-Nominierungen, also wirklich die höchste Auszeichnung für TV-Sendungen. Die attraktive, damals 46-jährige Journalistin lernt den acht Jahre älteren Paolo Macchiarini im Februar 2013 an der Bar des Mandarin Oriental Hotels in Boston kämmen. Das ist drei Jahre bevor die Enthüllungsstory veröffentlicht wird. Benita Alexander will ein zweistündiges TV-Spezial über den Promi-Arzt drehen und trifft sich mit ihm zur Vorbesprechung. Das Gespräch im Mandarin Oriental wechselt aber schnell ins Private, wie die Vanity Fair berichtet.

Benita erzählt, dass es in ihrer jungen Ehe mit ihrem zweiten Ehemann Edson June nicht so gut läuft. Und sie berichtet, dass ihr erster Ehemann, der Vater ihrer zehnjährigen Tochter Jessina, gerade mit einem aggressiven Hirntumor ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Paolo Macchiarini ist bei dem Treffen empathisch und verständnisvoll. Er macht Benita Vorschläge, wie sie die dramatische Nachricht des schwer kranken Vaters schonend der Tochter beibringen kann. Obwohl die beiden sich gerade erst aus beruflichen Gründen kennengelernt haben, reden sie schon wie alte Freunde. Ja, manchmal klickt das ja auch wirklich super schnell, wenn man eine neue Person kennenlernt. Die beiden halten auch nach diesem Treffen weiterhin privaten Kontakt. Und in dieser schwierigen Zeit ist der Star-Chirurg Benitas wichtigste Stützer. Später sagt sie über diese Phase gegenüber Vanity Fair, er war in dieser Zeit ein erstaunlicher Freund für mich und eine solide, zuverlässige Säule der Stärke. Er verbrachte Stunden damit, mir zuzuhören und gab einfühlsame Ratschläge. Ja, wie soll es anders kommen? Im Frühjahr 2013 sehen sich die beiden wieder. Sie verbringen gleich mehrere Wochen in der Stadt Peoria im US-Bundesstaat Illinois. Im dortigen Kinderkrankenhaus wird ein Teil der geplanten Story über Paolo Macchiarini des Fernsehsenders NBC gedreht. Dabei soll auch eine Luftröhrentransplantation an einem zweijährigen Mädchen gezeigt werden.

Nach Drehschluss gehen die 47-jährige Benita Alexander und der 54-jährige Paolo Macchiarini abends oft gemeinsam essen. Dabei kommen sie sich näher und werden schließlich sogar ein Paar. Paolo Macchiarini lädt Benita anschließend zu einem Wochenende nach Venedig ein. Diese Reise findet im Juni 2013 statt. Benita Alexander bezeichnet den Trip später gegenüber Reportern als, Zitat, ein unglaublich romantisches Wochenende. Und genau so klingt ja auch ein Venedig-Trip, kann ich schon verstehen. Paolo Maccherini kauft ihr rote Rosen und unternimmt mit ihr eine Gondelfahrt zur weltbekannten Seufzerbrücke und schenkt ihr Ohrringe aus mundgeblasenem venezianischen Glas. Wie zwei verliebte Teenager befestigen die beiden ein Liebesschloss an der Ponte dell'Academia, die über den Kanal Grande führt. Die Inschrift lautet BP23-6-13. Forever.

B und P stehen natürlich für Benita und Paolo. Dann folgt das Datum und das typische für immer. Benita gesteht nach diesem romantischen Trip, wieder ein Zitat, Wir waren einfach verrückt nacheinander. In Venedig verliebte ich mich so richtig in ihn. Ja, dass der Star-Chirurg aber verheiratet ist und schon Kinder hat, das weiß Benita nicht. Die beiden schweben liebestechnisch jetzt auf Wolke 7. Beruflich sieht die Sache dagegen ganz anders aus. Benita befindet sich in einem massiven Interessenskonflikt, denn ihr TV-Special ist noch nicht fertig. Eine unabhängige, objektive und vor allem unvoreingenommene Berichtserstattung ist nicht möglich, wenn eine Journalistin mit der Person liiert ist, die sie porträtieren soll.

Benita Alexander weiß das natürlich. Sie ist immerhin eine preisgekrönte Journalistin. Daher will sie nach der Rückkehr aus Venedig die Beziehung auf Eis legen und erst ihre Fernsehsendung fertig machen. Das klappt allerdings nur bedingt, denn nach zwei Wochen sehen sich die beiden schon wieder. Diesmal in Stockholm. Dort soll Paolo Macchiarini eine 25-jährige Frau operieren. Auch diese OP soll für den TV-Beitrag gefilmt werden. Erneut gibt es keine kritische Distanz, wie Benita gegenüber der Vanity Fair erklärt. Tagsüber wird im Krankenhaus gedreht, die Nächte verbringen die beiden mit heißem Sex. Eine kritische Distanz zu den Protagonisten ihres TV-Specials wäre aber ratsamer denn je. Denn mittlerweile ist klar, dass die Luftröhrentransplantation bei der 25-jährigen Frau alles andere als erfolgreich verlaufen ist. Das Implantat hält nicht und bricht in sich zusammen. Es muss mehrmals ausgetauscht werden. Mehrmals am Tag werden ihre Atemwege von Schleim befreit. Insgesamt muss diese junge Frau fast hundertmal operiert werden. Das berichtet zumindest später der schwedische TV-Sender SVT. Hundertmal. Das ist einfach, das ist zu viel. Also das ist für mich als Laie in meinen Ohren zu viel.

Jetzt kommt der Abschlussbericht des Stockholm County Council. Eine Art Gesundheitsbehörde, die sich mit den Vorfilmen vom Karolinska-Institut beschäftigt. Listet die zahlreichen postoperativen Komplikationen auf. Es bildet sich, und jetzt wird es ein bisschen eklig, ehrlich gesagt, es bildet sich ein Spalt zwischen Luftröhre und Lunge. Die Wunden heilen nicht richtig, die künstliche Luftröhre taugt nichts und muss ersetzt werden und so weiter. Am Ende muss ihre Speiseröhre entfernt werden und ihre Nieren versagen, sodass sie an der Dialyse hängt. Es ist eine Bilanz des Schreckens. Ja, aber jetzt kommt's. In dem fertigen TV-Special werden die postoperativen Probleme mit keiner Silbe erwähnt.

Auch ein sehr kritisches Interview mit Paolo Macchiarinis Kollegen Dr. Joseph Vacanti, der starke Zweifel an den Fähigkeiten des Dachirurgen hegt, wird einfach rausgeschnitten. Es steht völlig außer Frage, dass Benita den TV-Bericht nicht unvoreingenommen macht. Das gibt sie später sogar in einem Interview zu. Sie sagt, ich war verliebt. Ich wusste, dass ich bei der Arbeit die Grenze überschritten hatte. Ich traf eine sehr bewusste Entscheidung, niemandem beim Sender zu erzählen, was ich tat. und es wird immer dramatischer. Denn nicht nur die Operation an der Frau in Stockholm ist ein Desaster. Ihr erinnert euch, das zweijährige Mädchen, das er vor wenigen Monaten in Illinois operiert hat? Sie ist mittlerweile an den Folgen der OP verstorben, wie die New York Times bereits im Juli 2013 berichtet. Ja, Kritik wäre also durchaus mal angebracht gewesen. Paolo Macchiarini lässt sich von den misslungenen Eingriffen aber nicht beirren. Er meint, dass es bei den neuartigen Operationsverfahren eben auch mal Komplikationen geben kann. Und Benita? Sie ist blind vor Liebe. Im Oktober 2013 fliegen die beiden erneut in den romantischen Kurzurlaub. Diesmal geht es nach London. Die vorläufige Krönung ihrer Liebe findet am 25. Dezember 2013 statt. Am ersten Weihnachtsfeiertag geht Paolo vor Benita auf die Knie und macht ihr einen Heiratsantrag.

Zu diesem Zeitpunkt ist Benita bereits von ihrem zweiten Ehemann getrennt. Und auch Paolo Macchiarini erklärt ihr, dass er seine Ehefrau für Benita verlassen habe. Ja, leider können die beiden ihre Verlobung aber nicht so richtig feiern, denn kurz nach dem Antrag muss Paolo schon wieder weg. Er müsse zu einer Notfall-VIP-Operation, erklärt er ihr. Benita als ausgebildete Journalistin will natürlich wissen, wer denn diese VIP-Person ist, aber Paolo, der gibt sich geheimnisvoll. Er gehöre zu einer strengen Geheimgruppe von Ärzten, die sich um die VIPs der Welt kümmern. Er verrät ihr aber, dass er in der Vergangenheit schon Bill und Hillary Clinton, Kaiser Akihito von Japan und Präsident Obama operiert habe. Das dürfe aber eigentlich niemand wissen.

Das Jahr 2015 ist von Höhen und Tiefen geprägt. Innenpolitisch wird Deutschland gerade von der Edati-Affäre erschüttert, als Ende Januar 2014 die Staatsanwaltschaft Hannover ein Ermittlungsverfahren gegen den SPD-Politiker Sebastian Edati eröffnen will. Der Politiker stand im Verdacht, sich kinderpornografisches Material besorgt zu haben. Die Affäre weitet sich zu einer Regierungskrise aus. Es gibt auch prominente Rücktritte in der Partei, darunter auch Sebastian Edati. Aber wird er verurteilt? Nein. Im gleichen Jahr annektiert Russland völkerrechtswidrig die Halbinsel Krim, die zur Ukraine gehört. Auch in der Ostukraine flammen heftige Kämpfe auf. Es ist der Beginn des russisch-ukrainischen Kriegs. Gleichzeitig dehnt sich der islamische Staat über weite Teile von Syrien und dem Irak aus. In Europa ist 2014 das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Krieg, Regierungskrise, Islamisten, spürbarer Klimawandel.

2014 ist ein schwieriges Jahr und ich habe mir da gedacht, als ich das gelesen habe auch, Das klingt verdammt wie 2025. Ja, klingt leider sehr ähnlich. Aber wir wollen jetzt ja hier nicht nur die schrecklichen Dinge hervorheben. Es gibt auch ein paar positive Meldungen aus dem Jahr. Denn Deutschland wird zum vierten Mal Fußball-Weltmeister. Das sind doch schöne Nachrichten, oder? Ja. In Brasilien schlägt die deutsche Nationalmannschaft Argentinien in einem dramatischen Finale mit 1 zu 0. Tja, und Paolo Macchiarini und Benita Alexander interessieren die Krisen herzlich wenig. Die beiden führen ein regelrechtes Jet-Set-Leben. Sie reisen auf die Bahamas, in die Türkei, nach Mexiko, Griechenland und Italien. Sie gehen shoppen und essen in den edelsten Restaurants, die mit Michelin-Sternen ausgezeichnet sind. Dabei eröffnet ihr Paolo, dass seine Scheidung endlich durch sei. Ja, das klingt natürlich alles wirklich sehr schön und sehr romantisch.

In Italien lädt Paolo seine Verlobte Benita und ihre Tochter Gessina dann in das Haus seiner Mutter nach Luca ein. In dem malerischen Städtchen in der Toskana kocht seine Mutter sogar hausgemachte Gnocchi für Paolo und seine Begleiterin. Und nach dem Essen zeigt die herzliche ältere Dame dann das Fotoalbum der Familie. Paolo muss jetzt an der Stelle übersetzen, da Benita kein Italienisch spricht und seine Mutter kein Englisch.

Paolos Ex-Frau Emanuela und seine Kinder, die wohnen nur ein paar Straßen weiter. Aber mit Benita im Schlepptau, da besucht er seine Familie nicht. Und das hat einen guten Grund, über den wir gleich noch sprechen werden. Im Juni 2014 wird schließlich die sehr schmeichelhafte NBC-Dokumentation mit dem Titel A Leap of Faith ausgestrahlt. Kurz danach beichtet Benita ihrer Chefin ihre Liebe zu dem Protagonisten Paolo Macchiarini. Chiarini. Dabei ist sie aber nicht ganz ehrlich. Sie sagt, dass ihre Beziehung erst nach Abschluss der Produktion begann. Dabei lief die Affäre schon über ein Jahr. Ja, und das kann man ja fast sogar ein bisschen verstehen, oder? Dass sie sich nicht getraut hat, da jetzt die Wahrheit zu sagen, weil sie sich wahrscheinlich dachte, komm, der Beitrag ist fertig, der ist super, alle mögen den, warum jetzt hier die Wahrheit sagen? Also ich kann sie sogar ein bisschen verstehen, muss ich sagen. Ja, ihre Vorgesetzte und Mentorin Meredith Vieira, die ist aber wenig begeistert, als sie das erfährt. Aber sie verzeiht ihr den journalistischen Fehltritt. Berufliche Konsequenzen gibt es für Benita also keine.

Möglicherweise, weil die beiden Frauen ein freundschaftliches Verhältnis zueinander haben. Meredith Vieira überprüft im Anschluss auch nicht den TV-Beitrag, ob nicht vielleicht doch gewisse Interessenskonflikte vorgelegen haben. Ganz im Gegenteil. Statt einer Überprüfung der Doku wird die Sendung vom Sender für einen Emmy Award vorgeschlagen. Das ist ja wie gesagt der bedeutendste Fernsehpreis der Vereinigten Staaten.

Und die Meredith Vieira, dafür bist du vielleicht zu jung, Anne, aber die ist auch sehr, sehr bekannt in Amerika. Die hat lange in einer super beliebten Talkshow Moderation gemacht. Okay. Insofern, es ist auf gleich mehreren Ebenen etwas heikel, ja. Na jedenfalls, ziemlich genau anderthalb Jahre nach der Verlobung wollen Paolo Macchiarini und Benita Alexander am 11. Juli 2015 heiraten.

Allerdings gibt es ein großes Problem. Sowohl Paolo als auch Benita sind geschieben. Als gläubiger Katholik will Paolo nur mit dem Segen Gottes vor den Altar treten. Aber eine gültig geschlossene Ehe kann nach Kirchenrecht nur aufgelöst werden, solange diese noch nicht vollzogen wurde. Also die beiden Ehepartner keinen Sex miteinander hatten. Da aber Paolo und Benita Kinder haben, geht das nicht mehr. Doch der Star-Chirurg verspricht, das Problem zu lösen. Schließlich habe er allerbeste Kontakte in den Vatikan. Im Oktober 2014 berichtet Paolo Macchiarini seiner Benita dann überglücklich, dass die beiden doch nochmal kirchlich heiraten können. Laut Vanity Fair habe er sich gerade vier Stunden lang mit Papst Franziskus getroffen. Und kein geringerer als seine Heiligkeit himself habe der Ehe des Paares zugestimmt. Das ist aber noch nicht alles. Papst Franziskus soll seinem Leibarzt bei einer Untersuchung angeboten haben, die Hochzeit in seiner Sommerresidenz, dem Apostolischen Palast von Castel Gandolfo, zu feiern.

So, jetzt stehen also der Termin und die Hochzeitslocation. Ab diesem Moment beginnt auch Benita, den schönsten Tag in ihrem Leben akribisch zu planen. So treffen sich am 13. Februar 2015 Paolo und Benita in New York mit dem Modedesigner Matthew Christopher und dessen Ehemann David Marchi. Matthew Christopher hat schon Broadway-Stars, Schauspielerinnen und Moderatorinnen eingekleidet. Matthew arbeitet bereits am aufwendigen Brautkleid für Benita. Es ist ein Traum in Weiß, oben hauteng geschnitten mit ganz viel Spitze, am Rücken ist das Kleid transparent, klassisch und sinnlich zugleich. Zusätzlich hat Benita drei weitere Kleider bei ihm bestellt, die sie bei unterschiedlichen Anlässen vor und nach der Hochzeit tragen will. Bei dem Treffen geht es aber nicht nur um die Outfits der Braut, sondern auch um den Ablauf. Paolo berichtet den beiden, dass die Hochzeit in der Sommerresidenz des Papstes stattfinden würde. Aber wegen der enormen Sicherheitsvorkehrung muss der Ablauf eben sekundengenau sitzen. Das ist ganz wichtig. Schließlich sollen neben dem Papst auch mehrere Staatsoberhäupter kommen, mit denen er ja befreundet ist. Sie diskutieren jetzt also, wie lange es wohl dauern wird, bis Benita mit ihrer langen Schleppe aus der Kutsche ausgestiegen und zum Kirchenportal geschritten ist.

Paolo Macchiarini verrät den beiden auch die sehr exklusive Gästeliste. So werden der damals amtierende US-Präsident Barack Obama mit seiner Ehefrau Michelle zur Hochzeit nach Rom kommen, ebenso wie Bill und Hillary Clinton, Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy und Wladimir Putin. Neben den mächtigsten Männern der Welt werden außerdem Hollywood-Stars eingeladen. Russell Crowe, Pop-Ikone Elton John, R&B-Star John Legend, Country-Legende Kenny Rogers und der ehemalige Chef der Vereinten Nationen Kofi Annan wird eingeladen. Und Star-Tenor Andrea Bucelli soll während des Gottesdienstes das Ave Maria von Franz Schubert singen. Und ich glaube, das müssen wir mal kurz sacken lassen, diese Gästeliste. Das ist ja wirklich absolut absurd, oder? Also ich meine, ja, er ist ein krasser Arzt, der auch viel geleistet hat, aber diese Gästeliste, das ist ja völlig, also, wow. Ja, diese ganzen Superstars aus Politik und Unterhaltung, die sollen natürlich auch entsprechend verköstigt werden, ist ja ganz klar. Das Catering wird die Enoteca Pinchiori aus Florenz übernehmen. Dieses Restaurant gehört zu den weltweit besten Restaurants und hat sogar drei Michelin-Sterne. Mehr als drei Sterne vergibt Michelin übrigens nicht.

Paolo Macchiarini und Benita Alexander planen also das Mega-Event des Jahres, Brautkleid vom Stardesigner, die mächtigsten Menschen der Welt auf der Gästeliste, vor allem Männer, und als Location die Sommerresidenz des Papstes, in der zuvor noch niemand den kirchlichen Segen für seine Ehe erhalten hat, by the way.

Bei dem Treffen mit Modedesigner Matthew und David lässt Paolo noch eine Bombe platzen. Er erklärt den beiden, dass sie Papst Franziskus höchstpersönlich trauen wird. Eine totale Sensation.

Einen Tag vor dem Treffen werden übrigens die Hochzeitseinladungen verschickt. Auch da lässt sich Paolo nicht lumpen. Die geplante Hochzeit stellt alles in den Schatten. Da können auch Trauungen an europäischen Königshäusern, wie die von Prince William und Castle Middleton vier Jahre zuvor, überhaupt nicht mithalten. Natürlich muss so ein gigantisches Event auch angemessen medial begleitet werden, ist ja ganz klar. Und als Produzentin bei einem großen Fernsehsender, da liegt es ja nahe, dass die ganze Hochzeit live im TV übertragen wird. Am 16. März 2015 verabredet sich Benita daher mit David Corvo. Der ist als Senior Executive Producer bei NBC für Primetime-Nachrichten verantwortlich. Sie wollen die Berichterstattung planen. Benita berichtet aufgeregt von der bevorstehenden Hochzeit. Sie erzählt ihrem Kollegen brühwarm alle Details. Benita plant aber nicht nur die Hochzeit, sondern natürlich auch ihr weiteres Leben. Mit ihrer mittlerweile zwölfjährigen Tochter Jessina wird sie nach der Trauung zu ihrem Mann Paolo nach Europa ziehen. In Barcelona wollen sich die drei niederlassen. Paolo wohnt dort bereits in einem Haus, das Benita allerdings noch nie gesehen hat. Benita will als freie Journalistin Korrespondentenjobs übernehmen und Jessina soll dort auf eine internationale Schule gehen.

Zwei Monate vor der geplanten Hochzeit kündigt sie daher nach 17 Jahren am 13. Mai 2015 ihren Job bei NBC. Der hatte ja immerhin im Laufe ihrer Karriere sehr viele Emmys und Emmy-Nominierungen beschert. Eine schwierige Entscheidung. Auch ihre Tochter Jessina meldet sie von der Schule ab. Sie reißt die Brücken zu ihrem alten Leben ein. Ihre Mentorin Meredith Vieira hält am Tag ihrer Kündigung dann noch eine emotionale Rede, in der sie sagt, Benita ist eine fabelhafte Produzentin und eine brillante Schriftstellerin. Und sie ist ein unglaublich sensibler und wunderbarer Mensch, der andere versteht und sich auf eine sehr tiefgründige Weise mit ihnen verbinden möchte.

Okay, vielleicht fragt ihr euch, warum wir euch das alles mit der Hochzeit so ausführlich erzählen. Das hat einen bestimmten Grund. Denn schon am Tag nach ihrer Kündigung bei NBC wird die Welt für Benita für immer aus den Fugen geraten. Am 14. Mai 2015 erhält sie nämlich eine E-Mail von einem Freund, den sie ebenfalls zur Hochzeit eingeladen hat. In der Betreffzeile stehen nur zwei Worte. Der Papst. In der Mail befindet sich ein Link zu einem Artikel. In dem Bericht geht es um die Pläne von Papst Franziskus in den kommenden Monaten. Vom 5. Juli bis zum 13. Juli, da wird Papst Franziskus Südamerika besuchen. In Ecuador möchte er zum Nationalpark Yasuni. In Bolivien will er die indigenen Völker um Verzeihung für die Missionierung bitten. Und in Paraguay hat er vor, die Rolle der Frau beim Aufbau des Landes zu würdigen. Okay, der wird ein bisschen busy. Als Benita Alexander das liest, fällt sie fast aus allen Wolken. Zur Erinnerung, am 11. Juli 2015, also genau in der Mitte seiner Südamerika-Reise, soll der Papst sie doch in Rom trauen. Jetzt muss sie lesen, dass er an diesem Tag mehr als 10.000 Kilometer vom Vatikan entfernt sein wird. Sie greift sofort zum Handy und ruft ihren Verlobten an. Ja, sie will natürlich wissen, was es damit auf sich hat, was jetzt hier los ist. Und im Gegensatz zu Benita ist Paolo Macchiarini ganz ruhig.

Irgendjemand im Vatikan müsse wohl bei der Reiseplanung einen Fehler gemacht haben. Benita solle sich keine Sorgen machen. Er sei gerade auf dem Weg nach Rom und werde alles klären. Später sagt er seiner Verlobten, dass der Papst seine Reise abbrechen und vorzeitig zurückkehren werde, um die beiden eben trauen zu können. Dass der Papst eine lang geplante Reise früher beenden wird, um einen Arzt und eine Reporterin zu trauen, glaubt mittlerweile auch Benita nicht mehr. Sie braucht ein paar Wochen, um den Schock zu verdauen. Dann verschickt sie eine E-Mail an die geladenen Gäste und sagt die Hochzeit schweren Herzens ab.

Von der Absage sind die Hochzeitsgäste wenig begeistert. Sie wollten aus insgesamt 17 verschiedenen Ländern nach Italien anreisen. Die Flüge und Hotels sind bereits gebucht und die feine Garderobe für den außergewöhnlichen Anlass bereits gekauft. Boah, was für eine, kann man ja mal so sagen, beschissene Situation, oder? Oh Gott, das muss für sie wirklich Horror gewesen sein, den Sendebutton zu drücken und diese Absage rauszuschicken. Weil ihr war ja sicherlich auch klar, dass die alle schon ihre Reise nach Rom gebucht und bezahlt haben. Also ich möchte nicht in ihre Haut gesteckt haben zu diesem Zeitpunkt. Das muss demütigend gewesen sein. Ja, sehr genau, demütigend, das ist das richtige Wort. Ja, also sie ist natürlich super hart getroffen. Das kann man ja auch verstehen, denn innerhalb weniger Tage zerbröselt hier dieses geplante, schöne, neue Leben zwischen ihren Fingern. Und, das muss man ja auch nochmal sagen, sie hat jetzt nicht mal mehr einen Job. Dafür ist sie jetzt das Gespött der Leute. Als preisgekrönte Journalistin ist sie nämlich einem fiesen Lügner auf den Leim gegangen.

Voller Wut schickt sie eine Nachricht an Paolo, der seit ein paar Wochen abgetaucht ist und darin steht, ich werde niemals verstehen, wie du mir oder Jessie das antun konntest. Wer zum Teufel bist du und was zum Teufel ist los mit dir? Ihr Ärger ist ja mehr als verständlich, aber zu dieser bitter enttäuschten Liebe und den ganzen Lügen kommt noch hinzu, dass Benita in einem finanziellen Desaster steckt. In der ABC-Doku True Lies sagt sie, die ganzen Hochzeitsvorbereitungen haben mich 50.000 Dollar gekostet. Ja, eine Menge Geld. Also der Stachel sitzt bei Benita auf jeden Fall ganz tief. Sie ist verletzt und fühlt sich gedemütigt, wie wir ja gerade schon gesagt haben.

Sie will genau wissen, welche von Paolos Aussagen gelogen waren und was aber der Wahrheit entspricht. Denn sie hatten natürlich Hoffnung, dass irgendwas doch echt war an der ganzen Nummer. Und dafür heuert sie jetzt einen Privatdetektiv an. Der soll mal die Fakten checken. Und dieser Privatdetektiv, Frank Murphy, der ist ehemaliger Detective der Pennsylvania State Police. Also ein erfahrener Mann. Der reist jetzt umgehend nach Rom.

Und was der in der italienischen Hauptstadt rausfindet, ist für Benita ein echter Schock. Laut der ABC-Dokumentation True Lies war jedes einzelne Detail, das Paolo über die Hochzeit erwähnt hat, glatt gelogen. Jedes. Im Vatikan gab es nie eine Anfrage für eine Hochzeit im Castell Gandolfo. Außerdem übernimmt der Papst generell keine privaten Trauungen. Und kein einziger der zahlreichen VIP-Gäste hat jemals eine Einladung erhalten, obwohl die ja bereits fertig gedruckt in den Lammfellhüllen steckten. Lediglich Benitas persönliche Freunde bekommen diese schönen Einladungskarten. Der Privatdetektiv fragt auch bei Andrea Bocellis Frau und Managerin Veronica Berti wegen des Auftritts an. Die muss daraufhin lachen und erklärt, er war nicht gebucht, um auf einer Hochzeit zu singen. Er tritt generell nicht bei Hochzeiten auf. Castel Gandolfo? Ein klares Nein.

Auch Annie Feold, die Miteigentümerin der Enotheka Pinkiori, die das Luxus-Catering übernehmen soll, gibt gegenüber dem Privatdetektiv an, nie wegen einer Hochzeit am 11. Juli 2015 kontaktiert worden zu sein. Und einen dazugehörigen Auftrag gab es erst recht nicht. Zudem hat sie den Namen Paolo Macchiarini noch nie gehört. Von Rom aus fährt der Privatdetektiv dann in die Toskana. Dort wartet schon der nächste Schock. Denn in Luca erfährt er, dass Paolo immer noch mit Emanuela Pecchia verheiratet ist. Eine Scheidung hat es nämlich nie gegeben. Paolo Macchiarini hätte Benita also gar nicht heiraten können. Sogar der Privatdetektiv ist überrascht von dem Ausmaß seines Lügengebäudes. In der ABC-Doku True Lies sagt er, in meiner jahrelangen Erfahrung habe ich noch nie einen Betrug wie diesen erlebt. Die Tatsache, dass er diese verschiedenen Leben mit all den Lügen strikt trennen konnte, ist wirklich erstaunlich. Ja, da müssen wir nachher noch mal was zu sagen. Also, Benita ist am Boden zerstört, als sie das alles hören muss. Seit zwei Monaten hat sie Paolo nicht mehr gesehen. Mittlerweile ghostet er sie auch. Er geht nicht mehr ans Telefon und beantwortet keine E-Mails oder Nachrichten. Doch Benita hat natürlich großen Redebedarf. Sie möchte verstehen, warum ihr Ex-Verlobter so ein krasser Lügner ist, warum er ihr das angetan hat und sie sehenden Auges ins Verderben laufen lässt.

Neben den 50.000 Dollar Vorbereitungskosten für die geplatzte Hochzeit, die jetzt ja weg sind, hat sie auch keinen Job mehr. Sie beschließt daher, ihren Ex-Verlobten zur Rede zu stellen. Am 11. Juli 2015, der Tag, an dem eigentlich die Hochzeit stattfinden sollte, fliegt sie jetzt also nach Barcelona. Dort hat Paolo seinen Erstwohnsitz. Übrigens, obwohl die beiden mehr als zwei Jahre lang ein Paar waren und sie gemeinsam hier um die halbe Welt gereist sind, war Benita noch nie in seinem Haus in Spanien. Benita ist nicht so ganz wohl in ihrer Haut, was durchaus verständlich ist. Sie will immerhin den größten Hochstapler, der ihr je begegnet ist und der einfach so ihre Zukunft zerstört hat, zum ersten Mal seit rund zwei Monaten wiedersehen. Wie wird er reagieren? Welche Erklärung hat er für sein Verhalten? Und was soll Benita noch sagen? Als moralische Unterstützung begleiten Benita ihre zwei engen Freundinnen, Leigh McKenzie und Nancy Cumber Johnson. Laut Vanity Fair kann sich Leigh McKenzie noch gut an ihre Ankunft in Barcelona erinnern. Sie sagt, wir waren alle sehr nervös. Die Anspannung war extrem. Wir waren dann so mit den Nerven runter, dass wir an einem Supermarkt gehalten und billigen Wein getrunken haben und keine von uns trinkt morgens.

Anschließend fahren sie zu der Adresse von Paolo Macchiarini. Das Haus befindet sich in einer vornehmen Nachbarschaft über den Hügeln der katalanischen Metropole. Von dort aus hat man einen tollen Blick auf die Stadt. Laut der Erinnerungen der drei Freundinnen ging es folgendermaßen weiter. Die dunkelhaarige Benita setzt sich eine blonde Perücke auf, um nicht gleich von Paolo erkannt zu werden, denn das Haus ist mit einer Kamera ausgestattet. Daher bleibt sie auch zunächst im Auto sitzen und schickt ihre beiden Freundinnen vor. Lee McKenzie und Nancy Kumba-Johnson klingeln am Haus. Aus der Gegensprechanlage ertönt ein lautes Hola einer Frau. Die spricht allerdings nur Spanisch. Glücklicherweise beherrscht Nancy die Sprache. Sie fragt, ob Dr. Macchiarini zu Hause sei. Plötzlich öffnet sich die Haustür. Vor den beiden Frauen steht Paolo mit einem Hund.

Lea und Nancy sind total überrascht, als sie ihn sehen. Paolo scheint der unangemeldete Besuch äußerst unangenehm zu sein. Denn er scheint Nancy wiederzuerkennen. Die beiden hatten sich einmal bei einem gemeinsamen Abendessen mit Benita in New York getroffen. Lea erinnert sich an die Begegnung. Sie sagt, Er war wie ein verlegener Schuljunge, der bei etwas erwischt worden war.

Der Star-Chirurg steht immer noch in der geöffneten Tür. In diesem Moment kommt eine Frau mit zwei kleinen Kindern die Treppe herunter. Paolo ist sichtlich nervös. Er drängt die beiden Freundinnen, freundlich aber bestimmt, von seinem Grundstück und verlagert das Gespräch auf die Straße. Ja, Lea und Nancy sind erstmal total perplex, denn es sieht ganz offensichtlich so aus, dass Paolo neben seiner Familie in Lucca noch eine weitere in Barcelona hat. Und gleichzeitig verlobt er sich mit Benita und plant eine weitere Hochzeit. Paolo beendet das Gespräch schnell und verliert kein einziges Wort zu der Situation rund um die geplatzte Hochzeit. Die beiden Freundinnen sind völlig irritiert. Paolo verschwindet grußlos in seinem Haus. Benita ist starr vor Schreck und bleibt im Auto sitzen. Sie findet nicht den Mut, mit Paolo zu sprechen und ihm ihre ganze Wut und Enttäuschung zu zeigen. Frustriert kehren die drei Freundinnen in die USA zurück. Trotzdem hat die geplatzte Hochzeit auch Folgen für Paolo Macchiarini. Denn es stellt sich langsam aber sicher heraus, dass er nicht nur im Privaten, sondern auch beruflich, teilweise dramatisch gelogen hat. Den Stein ins Rollen bringt der Vatikan. Der Direktor der Presseabteilung des Heiligen Stuhls, der erklärt gegenüber Vanity Fair, dass der Papst nie versprochen hat, die Hochzeit von Paolo Macchiarini zu übernehmen. Denn der Papst kennt überhaupt niemanden mit so einem Namen.

Das kommt jetzt ein bisschen überraschend. Ich meine, schließlich erklärt Macchiarini bei zahlreichen Gelegenheiten, der Leibarzt des Papstes zu sein. Offensichtlich war das auch eine Lüge, denn der Vatikan-Pressesprecher meint dazu, es gibt keinen Leibarzt des Papstes mit dem Namen Macchiarini.

Dabei hat doch sein Kollege Dr. Mark Holtermann bestätigt, dass Paolo Macchiarini im Vatikan ein- und ausging und beispielsweise Papst Johannes Paul II. Untersucht hat. Doch auf Nachfrage der Vanity Fair, da bestätigt Dr. Mark Holtermann, dass er mit dem Statement lediglich Paolo Macchiarini einen Gefallen getan habe. Der habe ihn darum gebeten, das zu sagen. Wie Paolo Macchiarinis wirkliche Verbindung in den Vatikan sein, das wisse er nicht. Wörtlich sagt er, ich habe mich ausschließlich auf sein Wort verlassen. Ja, und das ist offenbar nichts wert. Dramatisch ist, dass durch seine ganzen Lügen mehrere Menschen sterben. Diese Todesfälle hätten vermieden werden können, wenn man die Warnsignale in Bezug auf Macchiarini ernst genommen hätte.

Doch bei einem Star-Chirurgen mit einem überragenden internationalen Ruf, der zudem vermeintlich perfekt in den höchsten Kreisen der Macht verkehrt, wollte man wohl nicht so genau hinsehen. Aber nochmal ganz kurz zurück. Ja, nach seiner Approbation im Jahr 1986 bewirbt sich Paolo Mitte der 90er Jahre am Carecci Hospital in Florenz. Bei seiner Bewerbung gibt er an, dass er eine ordentliche Professur an der Universität von Pisa hatte. In Wirklichkeit war er aber von 1990 bis 1992 lediglich Assistenzprofessor. Doch der Schwindel fliegt auf. Denn ein Kollege in Florenz arbeitet zufällig zur gleichen Zeit an der Uni von Pisa und erklärt der Krankenhausabteilung in Florenz, wie es wirklich war.

Zudem erfährt das Carreggi-Hospital in Florenz, dass noch weitere Details aus seinem Lebenslauf nicht stimmen. Die University of Alabama in Birmingham bestreitet beispielsweise, dass Paolo Macchiarini dort einen Master in Biostatistik erworben habe und an einem zweijährigen Stipendium in Thoraxchirurgie teilgenommen hat. Dort will sich Paolo ja Ende der 80er-Jahre fortgebildet haben. Das ist also die nächste Lüge. Ja, und auch die Medizinische Hochschule Hannover kann die Angaben in seinem Lebenslauf nicht bestätigen. Er gibt ja an, dort Professor gewesen zu sein. Aber auch das stimmt nicht. Er war nie an der Uni angestellt. Von 1999 bis 2004 ist er lediglich Leiter für die Abteilung für Thorax- und Gefäßchirurgie am Klinikum Oststadt-Heidehaus in Hannover. Das ist zwar kein unbedeutender Job, aber mit einer Professur an der medizinischen Hochschule hat das nichts zu tun. Mit einem derart geschönten Lebenslauf bekommt Paolo Macchiarini konsequenterweise die Stelle in Florenz nicht.

Ja, oder zumindest nicht gleich. Ab 2010 ist er nämlich am Universitätsspital Carregi in Florenz Berater und Projektleiter. Denn im selben Jahr wird er auch Gastprofessor am weltberühmten Karolinska-Institut in Stockholm. In Florenz will man sich daher mit Paolos Renommee schmücken und blickt großzügig über die Verfehlungen der Vergangenheit hinweg. Auch das Karolinska-Institut hat offenbar Warnungen von Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern und Whistleblowern ignoriert, schreibt die Aargauer Zeitung. Denn auch das Karolinska-Institut profitiert von der Publicity Paolo Macchiarinis. Die scheinbaren Erfolge waren ausschlaggebend für eine Spende von 50 Millionen US-Dollar aus China. Und für einen so hohen Betrag schaut man eben nicht so genau hin. Zwei Jahre später geht es aber nicht mehr nur um geschönte Lebensläufe. 2012 wird Macchiarini in Italien wegen versuchten, schwerem Betrugs kurzzeitig verhaftet. Der Vorwurf lautet, er soll im Carregi-Hospital schwerstkranke Patienten dazu überredet haben, sich woanders operieren zu lassen. Die Staatsanwaltschaft in Italien vermutet, dass Paolo die Operationen in anderen Krankenhäusern durchgeführt hat, um an diesen OPs mehr Geld zu verdienen, als wenn er sie in Florenz operiert hätte.

Das Problem ist jetzt aber die komplexe Beweislage. Man müsste Paolo Macchiarini exakt nachweisen, dass er die Patienten dazu gebracht hat, das Krankenhaus für die Operation zu wechseln. Und dass andere Krankenhäuser schlechter aufgestellt sind als das Universitätsspital Carici in Florenz. Das ist aber fast ein Ding der Unmöglichkeit. Denn dafür gibt es keine einheitlichen Vergleichsmaßstäbe. Wenn beispielsweise die medizinische Ausstattung im anderen Krankenhaus schlechter sein sollte, es dort aber einen besseren Schlüssel an Pflegekräften gibt.

Dann kann man das nicht miteinander gegenrechnen. Daher weist das Gericht drei Jahre später, im Mai 2015, die Klage ab. Paolo Macchiarini muss sich nicht vor Gericht verantworten. Genau zur gleichen Zeit platzt übrigens auch die geplante Hochzeit, die zwei Monate später hätte eigentlich stattfinden sollen. Die Vorwürfe sind verheerend für das Ansehen des Star-Chirurgen. Das Karolinska-Institut beendet ein Jahr nach der Verhaftung die Zusammenarbeit zwischen Paolo und dem angeschlossenen Universitätskrankenhaus. Er darf ab sofort nicht mehr dort operieren. Aber in der Forschung ist er am Karolinska-Institut weiter aktiv. Für Paolo ist es kein Problem, dass er in Stockholm nicht mehr operieren darf. Jetzt legen sich seine Patienten in den USA, Großbritannien, Russland und Südafrika unters Messer. Insgesamt führt er mindestens 18 Luftröhrentransplantationen mit seinem neuartigen Verfahren durch. Er macht also weiter wie bisher. Das ist wirklich Wahnsinn, er wird verhaftet und darf weitermachen.

Anfang Januar 2016 erscheint schließlich der Artikel in der Vanity Fair. Darin steht nicht nur, dass er ein notorischer Lügner ist, sondern auch, dass seine neuartige Operationsmethode nichts bringt und seine Patienten relativ schnell nach den Eingriffen sterben.

Für das weltweit so angesehene Karolinska-Institut ist der Bericht eine Katastrophe. Eine unabhängig durchgeführte Untersuchung soll Klarheit bringen, an welchen Stellen Paolo Macchiarini gelogen hat. Und dabei kommt Schockierendes ans Licht. Denn der Star-Chirurg hat nicht nur bei seinem Lebenslauf an zahlreichen Stellen gelogen. Nein, die Untersuchungskommission stellt auch fest, dass seine neuartige Behandlungsmethode erfolglos ist. Der überwiegende Teil seiner Patienten soll nämlich bereits nur wenige Wochen oder Monate an den Folgen der Operation gestorben sein. Das berichtet zumindest der unabhängige Wissenschaftsjournalist Leonid Snyder auf der Internetplattform ForBetterScience.

Im Jahr 2015 waren von über 20 operierten Patientinnen und Patienten nur noch drei am Leben. Von Erfolg, den er für sich in seinen zahlreichen Veröffentlichungen seiner Arbeiten reklamiert, kann also überhaupt nicht die Rede sein. Er verschweigt konsequent die gravierende Nebenwirkung und die hohe Todesrate. Die Kommission des Karolinska-Instituts stellt in ihrem Abschlussbericht darüber hinaus fest, dass die Operationen von niemandem genehmigt wurden. Also weder von Behörden noch von der Ethikkommission des Karolinska-Instituts. Da die neuartigen Eingriffe noch nicht offiziell als Behandlungsmethode anerkannt sind, hätte er die Operation als klinische Studie anmelden müssen. Das hat Paolo Macchiarini allerdings nicht gemacht. Er deklariert die OPs als Heilmethode, also als wissenschaftlich erforschte und anerkannte Behandlung. Und das hätte er halt niemals tun dürfen.

Und jetzt der nächste Teil, der hat mich wirklich betroffen gemacht. Ich habe es nämlich gesehen. In einer Netflix-Doku über den Fall beschreibt eine der Patientinnen, Julia Tulik, eine junge Mutter, ihr Leiden. Sie sagt dort, drei Wochen nach der ersten Operation öffnete sich eine eitrige Fistel und seitdem verwest meine Kehle.

Ich wiege 47 Kilo. Ich kann kaum laufen. Ich habe Atemprobleme und kann nicht mehr sprechen. Und ich rieche so schlecht, dass Menschen vor mir zurückweichen. Wenige Monate nach der Operation stirbt Julia Tulik.

Wenn das alles stimmt, dann hätte Paolo ja nicht nur seine Frau, seine Geliebte, Verlobte und Freunde belogen und betrogen. Er wäre auch ein beruflicher Hochstapler, der medizinische Versuche an lebenden Menschen durchführt, nur um eine erfolglose Behandlungsmethode auszuprobieren und sich für diese dann ja auch noch feiern zu lassen. Der Abschlussbericht schlägt natürlich hohe Wellen. Macchiarini wird umgehend am Karolinska-Institut entlassen. Auch der Sekretär des Nobelkomitees für Physiologie und Medizin, Urban Lendal, muss seinen Hut nehmen. Er hatte den Chirurgen 2010 eingestellt. Wenig später muss auch der Vizekanzler des Karolinska-Instituts Anders Hamsten gehen. Er hatte erst ein Jahr zuvor Paolo Macchiarini öffentlich das Vertrauen ausgesprochen. Im September 2016 entlässt die schwedische Regierung sogar den gesamten Vorstand des Instituts. Das Erdbeben, das der Betrüger Macchiarini auslöst, ist beispiellos. Im Juni 2016 ermittelt auch die schwedische Polizei in dem Fall Paolo Macchiarini. Es steht der Anfangsverdacht im Raum, dass er sich des Totschlags schuldig gemacht hat. Doch wie bei den Ermittlungen der italienischen Staatsanwaltschaft im Jahr 2012, ist das Thema halt sehr komplex und die Beweislage dementsprechend erneut schwierig. Es ist unklar, woran die Patienten genau gestorben sind.

Sie wurden nämlich nicht obduziert. Daher ist es unklar, ob es einen Zusammenhang zwischen den Operationen und den Todesfällen gibt. Im Oktober 2017 kommt die Generalstaatsanwaltschaft in Schweden zu dem Schluss, dass Paolo Macchiarini sehr wohl fahrlässig gehandelt hat. Aber für eine Verurteilung müsste man ihm einen Vorsatz nachweisen. Da dies nicht gelingt, werden sämtliche Anklagepunkte fallen gelassen. Obwohl er also nie im Leben hätte operieren dürfen, muss er sich erneut nicht vor Gericht verantworten. Doch in Italien droht ihm neuer Ärger. Die dortige Staatsanwaltschaft stellt ihn vor Gericht. Allerdings nicht wegen der Todesfälle nach seinen Operationen. Sie klagt ihn wegen Amtsmissbrauch und Dokumentenfälschung an.

2019 wird er von einem Gericht in Florenz zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt. Aber er bleibt auf freiem Fuß. Die Strafe wird nämlich zur Bewährung ausgesetzt. Für die Angehörigen seiner Opfer ist das nur schwer nachzuvollziehen. Auch der Direktor der Staatsanwaltschaft in Schweden, Mikael Björk, hat damit ein großes Problem. Da die Beweislage bei den Eingriffen so schwierig und komplex ist, geht er einen anderen Weg. Am 29. September 2020 klagt der Staatsanwalt Macchiarini wegen schwerer Körperverletzung an. Zur Begründung sagt Mikael Björk, Die Operationen haben den Opfern schwere körperliche Verletzungen und großes Leid zugefügt. Sie sind ohne jegliche Rechtsgrundlage durchgeführt worden. Ich habe die Einschätzung getroffen, dass diese Operationen daher als schwerer Angriff zu betrachten sind. Im Juni 2022 wird Paolo wegen den Körperverletzungen auch in Schweden verurteilt. Wieder gibt es aber nur eine Bewährungsstrafe. Doch die Staatsanwaltschaft in Stockholm legt Berufung gegen das aus ihrer Sicht zum milde Urteil ein.

Das Berufungsgericht kommt ein Jahr später zu dem Schluss, dass zwei seiner Patienten ohne die Transplantation länger hätten leben können. Bei einem weiteren Patienten sei der Eingriff trotz einer medizinischen Notlage unverantwortlich gewesen. Zudem stellt das Berufungsgericht am 21. Juni 2023 fest, dass Maccherini nicht nur fahrlässig, sondern mit Vorsatz gehandelt hat. Richterin Maria Holke erklärt. Das waren keine impulsiven Handlungen, das waren geplante Eingriffe. Sie verurteilt den tief gefallenen Star-Chirurgen zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren wegen schwerer Körperverletzung, diesmal ohne Bewährung. Die gute Nachricht ist, dass der inzwischen 66-jährige Paolo Macchiarini nie wieder als Chirurg arbeiten wird.

Leider gibt es aber oft die Fragen, warum er alle belogen und betrogen hat, warum er sich die vermeintlichen Promifreundschaften ausgedacht hat und warum er weiter und immer weiter operiert hat, obwohl es keine Erfolge gab, leider keine zufriedenstellenden Antworten. Wir können nur spekulieren, ob es die pure Geltungssucht war oder vielleicht auch ein übergroßes Ego. Vielleicht werden wir es irgendwann einmal erfahren, wenn er sich mal zu allem äußern würde. Die mittlerweile 59-jährige Benita Alexander hat ihre Vergangenheit verarbeitet und ist aktuell unter anderem als Producerin und Erzählerin für die True-Crime-Serien Crimes Gone Viral und Road Rage verantwortlich. Außerdem war sie maßgeblich an der Netflix-Doku Bad Surgeon – Love Under the Knife beteiligt und setzte ihren eigenen Film He Lied About Everything um. Sie verdient im Jahr über 100.000 US-Dollar und hat ihren inneren Frieden gefunden. Paolo hat sie aber nie wieder gesehen.

Wie seine Familien in Luca und in Barcelona auf die ganzen Vorwürfe reagiert haben, das wissen wir leider auch nicht. Wahrscheinlich wollen sie mit dem Thema einfach abschließen und haben halt nicht den Drang, sich auch dazu zu äußern. Aber ich habe den Drang, mich an der Stelle nochmal dazu zu äußern. Und ja, also ich finde es völlig verrückt, wie er das so lange hat durchziehen können, so viele Leute zu belügen, oder?

Ich habe mal irgendwo gelesen, dass erstens, wenn du anfängst zu lügen, wird es immer einfacher. Und das habe ich mal gemerkt, als ich eine Überraschungsparty für eine Freundin geplant habe. Und meine andere Freundin und ich, wir wurden immer besser darin zu lügen und zu sagen, nee, wir machen nichts, gehen wir schön essen. Und das ging uns irgendwann so leicht über die Zunge, dass wir selber erschreckt sind. Das ist das Erste. Und das Zweite ist aber, was ich mich gefragt habe.

Wie hat er sich das denn vorgestellt, wenn der Hochzeitstag gekommen wäre? Ja, was hat er denn geglaubt, was da passiert an dem Tag? Also, dass der Papst doch, dass der Flug gecancelt wurde aus Südamerika und er nicht rechtzeitig da ist? Also, das habe ich mich auch gefragt. Weil ich kann es ja irgendwo noch verstehen, dass wenn du so drin bist in deinem Lügenkonstrukt, dass es total schwer ist, da jetzt wieder rauszukommen. Du musst quasi weiter lügen oder du müsstest sagen, hey, ich habe gelogen. Aber wir haben ihn ja ein bisschen kennengelernt. Und das hätte halt nicht gut zu ihm gepasst, das zu sagen und zuzugeben. Und irgendwann war er wahrscheinlich einfach so gefangen in seinem Lügenkonstrukt. Und er hat ja auch gemerkt, dass es funktioniert. Also es haben ihm ja alle geglaubt. Freunde, irgendwelche Partygäste, aber auch im Job. Also wie der sich da hochgelogen hat mit seinem gefälschten Lebenslauf. Das ist ja im Negativen beeindruckend. Das ist es. Und ich muss aber sagen, kleiner Spoiler-Alert, lohnt sich aber trotzdem die Doku zu schauen. Ich habe sie geguckt und habe ihn dadurch ja auch gesehen in Interaktionen. Und ich muss sagen, der sah wirklich ehrlich aus. In seiner Interaktion, ich sage jetzt nicht viel mehr darüber, aber wenn die Leute einem manchmal sagen, dass man Lügen an den Augen oder so ablesen kann, muss ich sagen, gnadenlos gefällt, hätte ich nicht ablesen können. Und deswegen ist meine Vermutung, dass diese Leute irgendwann diese Lügen selbst glauben.

Anders weiß ich nicht, warum da kein Disconnect ist zwischen der Art, wie du mit Menschen umgehst und in diesem Gespräch bist und der Tatsache, dass du gerade... Den Baron Münchhausen mimst irgendwie. Also das fand ich bestürzend. Ja, voll. Ich meine, sogar die preisgekrönte Journalistin hat es ihm ja geglaubt. Und wenn jemand kritisch sein sollte, dann ja sie. Also ich kann ihr da gar keinen Vorwurf machen. Ich kann mir richtig vorstellen, dass sie dem das alles abgenommen hat. So an der einen oder anderen Stelle, wer da so auf der Gästeliste steht und dass der Papst sie miteinander verheiraten möchte, weiß ich nicht. Da hätte man vielleicht direkt auch kritisch mal das hinterfragen können. Aber ja, wenn du die Person liebst, dann wirst du ja im wahrsten Sinne, das Wort ist blind vor Liebe. Also das verstehe ich schon. Und auch im Sinne dieses ganzen Machtgefälles muss man ja auch sagen, da steht jetzt dieser Chirurg vor dir, der rettet Menschenleben. Dann ist der auch noch empathisch, was deine Situation angeht. Also ganz ehrlich, das ist ja nochmal so eine ganz andere Art von Macht. Eine erzählerische Macht. Eine Macht durch deinen Job, der eigentlich gut konnotiert ist. Nämlich, du rettest Leben. Das ist ja noch nicht mal, hallo, ich bin Politiker oder ich bin Wirtschaftsboss. Dann könnte man vielleicht noch sagen, oh, okay, sind die so ehrlich manchmal, aber bei einem Arzt? Ja, und dann ist da halt noch das Brain auf seinem Gebiet. Das kommt ja auch noch dazu. Er ist ja nicht ein, in großen Anführungsstrichen, normaler Arzt, sondern ja auch noch ein Genie auf seinem Gebiet und wird dafür gefeiert. Ja, ja, klar.

Also hier hat jemand auch ganz klassisch wieder seine Macht missbraucht und ausgenutzt. Und genau deswegen wollten wir diesen Fall auch unbedingt erzählen, auch wenn Paolo Macchiarini, ich sag mal nicht aktiv zum Mörder geworden ist, er hat ja niemanden aktiv ermordet, also ein klassischer Crime Case, aber dennoch sind ja hier Leute zu Schaden gekommen, es sind Leute gestorben in seinen Operationen und ja, das Thema Machtmissbrauch ist hier eben sehr präsent. Ich möchte abschließend noch was sagen, was ich so ein bisschen lustig finde. Aber ich möchte mal sagen, ich könnte ja noch nicht mal mein Abi-Zeugnis fälschen. Und da kommt einer damit durch, jahrzehntelang irgendwelche Dokumente zu fälschen. Oder vielleicht wurden die nicht angefordert. Also wir stellen fest, wir hätten das nicht fertigbringen können, was Paolo Macchiarini da so verbrät. Und ja, es ist immer wieder schockierend. Und selbst für dich, die du schon so lange True Crime machst, insofern... Trotzdem immer wieder schockierend, ja. Und an der Stelle sind wir auch super gespannt natürlich zu hören, wie es euch ergangen ist, an welcher Stelle ihr vielleicht heute während der Erzählung schon gemerkt habt, so ah, da kann ja was nicht stimmen, weil erst sah ja alles rosig und toll aus. Also schreibt uns gerne eure Gedanken dazu, die ihr hattet, während ihr diese Folge gehört habt. Und wenn ihr noch Zeit habt, dann freuen wir uns natürlich auch immer über eine schöne Bewertung hier bei Spotify.

Ich sag mal, wir freuen uns besonders über 5 Sterne, wenn ihr mögt. Ja, unbedingt. Die mögen wir am allerliebsten. Bis dahin erstmal alle zusammen. Bleibt safe da draußen. Eure Ricardia. Und eure Anne. Bis nächsten Donnerstag. Danke an unser Team von Open Minds Media. Executive Producer Rüdiger Barth. Konzeption Peter Grewe, Rüdiger Barth und Manfred Neumann. Autor Stefan Weber Producer Riccardia Bremley Den Schnitt machte Lilli Johannsen Zusätzliche Unterstützung von Falco Schulte.