Music.
Eine junge Frau wird brutal gekidnappt und die ganze Welt hält den Atem an. Dann legt die Geschichte gleich mehrmals einen spektakulären Plottwist hin. Das Ganze klingt wie ein Drehbuch zu einem spannungsgeladenen Thriller, passiert 1974 aber wirklich genau so. Die Rede ist von Millionen-Erbin Patty Hearst, die aus ihrem Apartment entführt wird und in 57 Tagen Gefangenschaft eine radikale Kehrtwende hinlegt. Diese Geschichte sorgt ein halbes Jahrhundert später immer noch für Staunen. Ich selber wusste ja nur mit dem Namen Hurst etwas anzufangen, weil die Familie so enorm reich war. Aber was Patty Hurst erlebt hat, also wenn ich das schon mal irgendwo gehört hätte, das hätte ich nicht so leicht vergessen. Ja, die Grundfrage in diesem Fall, die bleibt bis heute auf jeden Fall sehr, sehr spannend. Denn wie konnte der Spross aus einer der mächtigsten Medienfamilien der USA zu einer der meistgesuchten Terroristinnen werden? Das wollen wir heute in dieser Folge klären. Mein Name ist Anne Luckmann. Und ich bin Riccardia Bramley. Und wir sagen Hi und herzlich willkommen zu Im Schatten der Macht. Wir schauen nicht nur darauf, was die Spitzen aus Politik und Wirtschaft treiben, sondern auch darauf, welche menschlichen Abgründe sich im Reich der mächtigsten Menschen der Welt auftun.
Wenn ihr unseren neuen True Crime Podcast mögt, dann liked und teilt und kommentiert ihn doch gerne da, wo ihr den Podcast hört. Oder schreibt uns auf Instagram, da heißen wir im Schatten der Macht, alles ein Wort. Erzählt auch gerne anderen davon, sowas hilft uns immer sehr. Und wir nehmen euch jetzt mit ins Jahr 1974, da es ohnehin ein super spannendes Jahr war. Tja, Deutschland wird Fußballweltmeister. Der Laserdrucker und der Zauberwürfel werden erfunden. In den USA ist Richard Nixon Präsident, wird aber im August zurücktreten. Die Ölkrise aus dem Jahr zuvor wirkt noch nach. Die 70er sind weltweit ein politisch aufgeheiztes Jahrzehnt. Vielleicht gibt es da gewisse Parallelen auch zu heute. Es liegt so ein bisschen vor meiner Teenager-Zeit, aber trotzdem ist das wirklich, muss ich mal sagen, eines meiner Lieblingsjahrzehnte.
Allein schon wegen der Fashion, der Musik und der Women's Liberation Movement. Auf deren Schultern, das habe ich schon oft mit dir, Anne, besprochen, auf deren Schultern ja die heutige Feminismuswelle ruht. Ob das Audre Lorde ist, Gloria Steinem, alle von denen waren zu dieser Zeit aktiv daran beteiligt, den Feminismus für alle Frauen voranzutreiben. Ja, die Bürgerrechtsbewegung kämpft damals für soziale Gleichstellung. Der Feminismus erlebt eine Blütezeit und viele Menschen sind politisiert. Und das noch lange, bevor es das Internet und soziale Medien gibt. Dafür gibt es Tageszeitungen und Fernsehen. Und genau das ist der Knackpunkt, denn einige Medien und ihre Eigentümer sind durchaus umstritten. Ein riesiger Player in der Medienlandschaft ist die Familie Hurst aus Kalifornien. William Randolph Hurst gilt als Miterfinder der Sensationspresse. Er selbst kommt aus einer reichen Familie und wird Ende des 19. Jahrhunderts dank krasser Schlagzeilen und teurer Star-Autoren zum größten Medienmogul der Vereinigten Staaten. Der exzentrische Kunstsammler ist angeblich auch Vorbild für die Titelfigur in Orson Welles' Kultfilmklassiker Citizen Kane.
Hearst erreicht damals mit seinem Medienimperium etwa 40 Millionen Leserinnen und Leser, also beinahe ein Drittel der US-amerikanischen Erwachsenen. Und das ist echt eine Hausnummer. Er ist nicht nur bestens mit der Politik vernetzt, sondern er kandidiert 1904 auch für die Demokraten als Präsidentschaftskandidat. Er scheitert zwar an der Politik, aber die Vernetzung der Familie mit der politischen und wirtschaftlichen Elite Amerikas bleibt. Auch die nachfolgenden Generationen leben von Daddies Medienimperium, das vor allem auf Sensation und Schlagzeilen setzt. 1974, mittlerweile sind die Kinder und Enkelkinder des Zeitungszahnen aktiv involviert, da ist die Welt natürlich noch eine andere. Die Boulevardpresse wird von Teilen der Bevölkerung ebenso inbrünstig gehasst wie bei uns. Die Hippies und die Vietnamkrieggegner sehen die Hearst-Familie und ihr Imperium mehr als kritisch.
1974 sind die Hearsts immer noch eine schwerreiche Familie. Die fünf Töchter wachsen wohlbehütet auf, spielen Tennis und verkehren in den feinsten Kreisen. Die Mutter Catherine, eine hübsche Blondine mit der typischen Betonfrisur der damaligen Zeit, ist streng katholisch und achtet auf sonntägliche Kirchenbesuche. Der Vater und Mitgründer Randolph ist ein ernster Typ mit klassischer Hornbrille. Das Familienanwesen in der West Center Inez Avenue im kalifornischen Hillsborough, 24 Kilometer von San Francisco entfernt. Das ist ein echter Traum.
1914 erbaut, ist es immer noch der Hauptfamiliensitz. Es gibt natürlich mehrere Wohnsitze, klar, unter anderem zum Beispiel in New York. Diese Wohngegend gilt als eine der exklusivsten der USA. Und dieses cremefarbene Haus, umgeben von gepflegten Rasen, ist echt wunderschön. Es hat 20 Zimmer, einen Rosengarten, einen Weinkeller, einen Whirlpool und riesige französische Flügeltürmen. Und dieses Haus, das wird gleich noch eine ganz besondere Rolle spielen. Die mittlere Tochter, Patty, studiert nach mehreren Schulwechseln an der kalifornischen Elite-Uni Berkeley. die als Wiege der Studentenbewegung gilt. Sie heißt eigentlich Patricia, aber die ganze Welt kennt sie als Patty. Und bei dem Namen bleiben wir deswegen auch. Trotz ihrer reichen Familie ist die 1,60 Meter große Blondine laut NBC eine Rebellin und führt kein Rich-Kid-Leben, sondern ein relativ normales. Zusammen mit ihrem Verlobten lebt sie in einem Apartment, unweit des Campus. Und ihr Freund ist nicht einfach irgendwer, sondern ihr ehemaliger Mathe-Tutor Stephen Weed, der ist sieben Jahre älter als sie.
Und Patty hat keine Bodyguards. Es ist unklar, ob sie das selbst so will oder ob ihre Eltern das unnötig finden. Ziemlich ungewöhnlich ist es auf jeden Fall, finde ich, denn die Hearsts sind ja nicht nur reich, sondern auch politisch umstritten. Das Imperium, zu dem auch die Zeitschriften Cosmopolitan und Esquire gehören, aber auch Tageszeitungen wie der San Francisco Chronicle, gilt in Teilen als populistisch und Sensationslüstern. Dafür kann Patty natürlich nichts, aber wer der Familie an den Karren fahren will, kann da schon die eine oder andere Sicherheitslücke finden. Die 1970er Jahre sind für viele Unternehmerfamilien gefährlich. Die NW-Zeitung titelt damals Das Jahrzehnt, in dem Millionäre entführt werden. In Deutschland trifft es in den 70er Jahren Richard Oetker, Wolfgang Gutberlett, den Chef der Lebensmittelkette Tegut und den Brauereierben Gernot E. Golf. Außerdem den Aldi-Gründer Theo Albrecht. Das sind jetzt die klassischen Lösegeldentführungen. Dann aber gibt es natürlich noch die politisch Motivierten, wie die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer durch die RAF 1977.
Viele Superreiche schotten sich ab, beschäftigen ein Krisenteam, das 24-7 erreichbar ist oder schließen Lösegeldversicherungen ab. Soweit bekannt tut Familie Hearst nichts von all dem. Und keiner der Hearsts rechnet damit, dass die nächste Sensationsschlagzeile sie selbst betrifft. Es ist der 4. Februar 1974, ein milder kalifornischer Frühlingsabend und Patty und Steve schauen fern. Später wollen beide noch lernen. Und gegen 21 Uhr klopft es an der Tür. Nichts ahnt, öffnet Steven und sieht zwei Männer und eine Frau. So erzählt es Patty Hearst später im NBC-Interview.
Die drei behaupten, sie hätten ihr Auto angeschrammt und bräuchten dringend ein Telefon. Damals gab es ja noch keine Handys. Und in dieser einen Sekunde ist nichts mehr, wie es mal war. Die drei schlagen Steven mit einer Weinflasche fast bewusstlos und verschaffen sich Zugang zum Apartment. Das geht wohl alles so schnell, dass Patty im Inneren des Hauses sich nicht schnell genug verstecken kann. Die Eindringlinge überwältigen sie, fesseln sie und schleppen sie nach draußen, wo ein Fahrer mit einem geklauten Cabrio wartet. Die 19-Jährige wird in den Kofferraum geworfen. Dann heult ein Motor auf und der Wagen schießt davon. Was für ein Albtraum. Erstmal der Überfall, also du siehst, wie dein Liebster zusammengeschlagen wird, weißt überhaupt nicht, was passiert und zack, liegst du plötzlich verschnürt in einem engen, stockdunklen Kofferraum und weißt ja gar nicht, was hier mit dir passiert. Also wollen diese Leute dich töten? Steht dir Folter bevor? Und wer sind die überhaupt? Aber eigentlich die wichtigste Frage, warum tun sie das alles? Ja, das sind Momente, die vergisst man sein Leben lang nicht mehr. Das Auto stoppt nach einer kurzen Fahrt, Patty ist aus ihrem Gefängnis erstmal befreit, aber der Horrortrip, der startet jetzt erst. Noch immer mit verbundenen Augen wird sie in ein Haus geschleppt und erfährt jetzt zumindest, mit wem sie es zu tun hat.
Ihre Entführer sind Donald DeVries, der Anführer der terroristischen Guerilla-Gruppe Symbionese Liberation Army oder kurz SLA, ein Komplize und eine Komplizin. Jetzt werden sich manche fragen, okay, was für eine Gruppe? Ja, in den 70er Jahren klingt die US-Protestbewegung zwar langsam wieder ab, aber es gibt immer noch jede Menge revolutionäre, linksradikale und mitunter auch gewalttätige Gruppierungen. Die SLA-Ziele, die klingen erstmal, in Teilen zumindest, vernünftig.
Nämlich Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Schluss mit Rassismus und soziale Gerechtigkeit. Aber die SLA, zu der nur etwa ein Dutzend Mitglieder gehören, ist gewillt mit Terror und Gewalt ans Ziel zu kommen. Ein Jahr zuvor hat sie in Oakland Marcus Foster den Leiter der örtlichen Schulbehörde erschossen. Und jetzt gebt euch die Begründung, weil er zum Schutz der Kinder eine Ausweispflicht einführen und Polizeibeamte in Schulen stationieren wollte. Die SLA ist mega radikal. Für sie ist die Familie Hearst, so schreibt es die BBC, eine superfaschistische Familie der herrschenden Klasse. Also ein Feindbild. Aber ein Ziel hat sie erreicht. Die Weltpresse ist schon mal auf die Truppe mit der siebenköpfigen Kobra als Symbol aufmerksam geworden.
Als Patty erfährt, in wessen Hände sie da geraten ist, ist das sicher der nächste Schock. Diese Leute haben bewiesen, dass sie vor nichts zurückschrecken. Wollen sie sie jetzt töten? Ich denke mal, in so einem Moment, da gehen dir ja tausend Fragen durch den Kopf. Deine Augen sind verbunden, jede Sekunde kann dir jemand einen Fausthieb verpassen oder dir gleich das Licht auspusten. Bei Patty ist es so, dass sie erstmal in einen dunklen Wandschrank gesperrt wird, aus dem sie, Achtung, 57 Tage lang nur für Mahlzeiten und Toilettengänge rauskommt. Und das immer nur mit verbundenen Augen. Sie hört die Stimmen ihrer Entführer. Es sind Männer und Frauen. Und sie wird in den länger werdenden Pausen immer wieder mit ihren Schriften und Idealen indoktriniert. Ganz kurze Warnung hier, wer sich mit dem Thema Vergewaltigung getriggert fühlt, bitte etwa eine halbe Minute weiterspringen.
Das Mädchen, also Patty, muss von früh bis spät politische Streitschriften und Reden anhören und dann immer wieder zurück in den dunklen Wandschrank, der gerade mal 1,70 Meter mal 1 Meter groß ist. Und es ist noch übler. Der Anführer DeVries hat offenbar einen richtigen Hass auf Familie Hearst und das Establishment. Er schlägt Patty laut Spiegel, vergewaltigt sie scheinbar mehrmals und brüllt, ich zitiere jetzt hier, Deine Mama und dein Papa sind Insekten. Sie sollen auf allen Vieren kriechen, um dich zurückzukriegen.
Das ist natürlich super krass, vor allem, wenn man ja im Hinterkopf noch hat, dass Patty ja eigentlich nicht das Leben ihrer Eltern geführt hat und versucht hat, sich da so ein normales Leben aufzubauen, dass sie jetzt dafür dran ist. Also ausgerechnet sie. Genau, dass ausgerechnet sie das jetzt abbekommt und nicht die, auf die sie eigentlich sauer sind, nämlich die Eltern. Das ist schon echt krass. Ja, also diesen Horror, den Patty hier erleiden muss, das kann man sich nicht mal entfernt vorstellen. Das muss eine wirklich super grauenhafte Zeit für sie gewesen sein. Ja, und in all der Zeit bist du ja wahrscheinlich auch so halb irre vor Angst und fragst dich so, okay, war es das? Tun sie mir noch mehr an? Werden sie mich ermorden? Wie sehr muss meine Familie leiden? Das weiß sie ja zu dem Zeitpunkt auch gar nicht, ob sie die einzige ist oder ja, ob es noch andere Entführungsopfer gibt.
Und die SLA, die sind zusätzlich noch auch irgendwie so eine ganz bizarre Gruppe. Laut BBC haben sie eine eigene Jazz-Funk-Hymne. Sie teilen sich eine gemeinsame Zahnbürste. Ja, also da geht für mich auch das Teilen und Sharing ein bisschen weit. Und sie praktizieren die freie Liebe. Und sie wenden sich an örtliche Radiostationen. Vor allem ein kleiner, unabhängiger Sender aus Berkeley wird hier zum Sprachrohr. KPFA heißt er und den gibt es heute noch. Wer es vielleicht nicht weiß oder nicht ganz versteht, warum jetzt nur eine Uni da mit drin hängt. Also die University of Berkeley, die gehört zu den neuen Unis aus dem System der Universities of California. Und von hier aus, wir hatten es kurz angerissen vorher, begann nämlich die größte US-Studentenbewegung in den 60er Jahren.
Nach zehn endlosen Tagen voller Angst hören die Hursts endlich, wer ihre Tochter gefangen hält. Die SLA fordert, Pattys Familie soll Lebensmittel im Wert von 70 Millionen Dollar an bedürftige Familien in San Francisco verteilen. Also eine richtige Robin-Hood-Aktion fast. Aber die Logistik würde viel mehr kosten, weil du brauchst ja auch Trucks und Personal und sowas. Am Ende einigt man sich auf eine Essensspende für sechs Millionen Dollar. Hier stößt dann selbst der Einfluss dieser reichen, gut vernetzten Familie an seine Grenzen. Es ist krass auch zu sehen, dass die Familie, die ja von Schlagzeilen lebt, sich jetzt jeden Tag selbst in den Headlines findet. Ja, voll. Vor dem Anwesen der Hearst entsteht eine richtige Presse-Zeltstadt. Also die Reporter kampieren hier in Übertragungswagen, hängen sogar Telefonleitungen in die Bäume vorm Haus und laut BBC stellt die Familie, also die Familie selbst, sogar ein Plakat auf, auf dem steht, Reporter bitte nicht füttern. Kurz nach der Entführung geben die Hearsts die erste von vielen Pressekonferenzen in ihrem Garten. Zu NBC sagen Pattys Eltern über die Entführer folgendes. Wir wissen nicht, wer sie sind. Wir wissen nicht, wann wir von ihnen hören.
Überhaupt läuft die gesamte Kommunikation zwischen der Familie und den Entführern vor allem über die Presse, die hier eine merkwürdige Vermittler- und auch Multiplikatorenrolle einnimmt. Heute würde man seine Forderungen ja vermutlich über politische Mittelspersonen oder gleich einfach auf Social Media packen. Die Hearsts stellen mit Mitarbeitern fieberhaft eine noch nie dagewesene Hilfsaktion auf die Beine. Vater Randolph muss dafür einen Kredit aufnehmen. Aber das Ganze ist natürlich in einer Nacht- und Nebelaktion entstanden und schlecht koordiniert. Es gibt Tumulte und Streit. Es wird geplündert. Presseleute werden attackiert. Dennoch haben die Hursts ihren Teil erst mal erfüllt und geliefert. Wenngleich der Wert der verteilten Lebensmittel nicht bei sechs, sondern bei zwei Millionen liegt. Auf ihrer Seite schlägt sich öffentlich ein gewisser Ronald Reagan, damals republikanischer Gouverneur von Kalifornien und später Präsident der USA. Die Aktion wird beendet und jetzt wäre eigentlich die SLA am Drücker, ihr Opfer freizulassen.
Tut sie aber nicht. Der Grund, Achtung, die Qualität der Lebensmittel sei zu schlecht gewesen. Da habe ich auch noch mal kurz gestutzt. Ich meine, was haben die denn erwartet? Dorade oder Kaviar? Also fast zwei Monate ist die Entführung jetzt her und endlich, endlich bekommen die Eltern ein Lebenszeichen ihrer Tochter. Denn Patty bespricht ein Tonband und da hört man eine ruhige, aber vielleicht auch ruhig gestellte Stimme der jungen Frau, die sagt, Mom, Dad, mir geht's gut, bis auf ein paar Wunden, die gut verarztet werden und eine Erkältung, gegen die ich Tabletten bekomme.
Da könnte man als Mutter oder Vater jetzt zumindest ein bisschen aufatmen, denn das Kind lebt. Aber Patty Hearst schießt plötzlich gegen ihre Eltern, indem sie weiter sagt, ich glaube nicht, dass ihr überhaupt etwas unternimmt.
Naja, das Gegenteil haben sie ja eigentlich bewiesen. Und jetzt kommt der Schocker. Ich habe mich entschieden zu bleiben und zu kämpfen. Okay, nochmal was? Das ist mal eine Nachricht, mit der wohl niemand gerechnet hat. Nach 57 Tagen in einem Wandschrank mit verbundenen Augen und wiederholten sexuellen Übergriffen will das Entführungsopfer jetzt freiwillig bleiben. Ja, daher müssen wir uns die Frage stellen, was ist da passiert? Also ist das eine Art Gehirnwäsche, der die 19-Jährige unterzogen wurde? Oder ist es das sogenannte Stockholm-Syndrom? Das geht übrigens auf eine Geiselnahme in einer schwedischen Bank im Jahr 1973. Also kurz vor dieser Entführung zurück, bei der vier Geiseln scheinbar Sympathie mit ihren Entführern entwickeln. Eine der Geiseln geht später sogar eine Beziehung mit dem Kidnapper ein. Jetzt fragt sich natürlich, ob das auch bei Patty Hearst der Fall ist. Per Tonband meldet sie ihren verstörten Eltern, sie nenne sich jetzt Tanja. Nach Tamara Bunke, einer ostdeutschen Guerillakämpferin und Genossin Che Guevara. Es ist so, als sei Patty Hearst genau wie ihr altes Leben ausgelöscht. Als seien ihre vier Schwestern, die Eltern, der Verlobte einfach von der Festplatte weg. Und jetzt macht sie einen Reset.
Patty wendet sich in der Tonbandaufnahme von ihren Eltern ab und beschimpft sogar ihren verlobten Steven als sexistisches Schwein. Ja, es klingt echt so, als wäre da ein völlig neuer Mensch entstanden, ne? Aber dem Tonband ist sogar noch ein Plakat beigelegt. Pattys erster großer Auftritt als Tanja, quasi in vollem Kampfdress, mit einer Military-Hose, in der Hand ein vollautomatisches Gewehr. Im Hintergrund das schwarz-rote Logo der SLA, die siebenköpfige Cobra. Okay, damit ist die Verwandlung dann durch und sie ist jetzt eine von ihnen, ja. Ja, und die gesamte Weltpresse, die bei diesem Drama natürlich gebannt zuschaut, die reibt sich die Augen und fragt sich so, was geht da eigentlich ab? Die müsste doch froh sein, endlich nach Hause zu kommen.
Irgendwie versuchen, das Geschehene zu verarbeiten und wieder ein halbwegs normales Leben finden. Stattdessen erlebt die Welt einen Menschen, der wie ausgewechselt scheint und jetzt auch noch anders heißt. Das ist so eine absurde Kehrtwende, dass man aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr rauskommt. Hat Patty sich in der Gefangenschaft verliebt? Glaubt man vielen Zeitungsartikeln, beginnt sie eine Beziehung mit einem der Anführer, William Wolfe. Er schenkt ihr auch einen Schmuckanhänger, der noch eine wichtige Rolle spielen wird. Glaubt sie, Freunde oder Verbündete gefunden zu haben? Oder ist das alles reiner Überlebensinstinkt? Es ist wie bei einem Vogel, dem man plötzlich die Käfigtür öffnet und der trotzdem nicht in die Freiheit fliegt.
Stattdessen startet Patty oder Tanja ein neues Leben. Jetzt, da sie sich committed hat, darf sie zum ersten Mal nach zwei Monaten die Augenbinde abnehmen und die Leute sehen, die ihr das angetan haben. Und die sie jetzt als ihre neue Familie zu sehen scheint. Das neue Leben der Patty Hearst hat gerade erst begonnen. Sie wird jetzt vom Opfer zur Täterin. Amerikas gefallener Engel, schreibt der Spiegel im vergangenen Jahr über Patty Hearst. Irgendwie ist das auch eine Ironie des Schicksals, dass ein Mitglied einer der mächtigsten Familien Amerikas genau auf die andere Seite wechselt. Nämlich auf die Seite derjenigen, die dagegen ankämpfen. Und zwar mit krassen Mitteln. Patty lernt in ihrer Zeit bei der SLA sogar schießen.
Zwei Wochen später schickt die SLA ihr neues Mitglied auf den ersten großen Einsatz. Die Truppe überfällt nämlich eine Filiale der Hibernia Bank in San Francisco, deren Vorstand zufällig der beste Freund von Papa Hurst ist. Tja, fünf Bewaffnete stürmen die Filiale und erbeuten rund 10.000 Dollar. Die unvermummten Bankräuber sind dank der Sicherheitskameras klar erkennbar. Darunter Anführer DeVries und eine Frau in einem langen, schwarzen Mantel. Im Anschlag ein halbautomatisches M1-Gewehr. Und ja, es ist Patty Hearst. Ja, auch sie trägt keine Maske. Dafür aber eine dunkle Perücke. Irgendwie eine komische Tarnung, ne? Aber ja, gut. Sie gestikuliert unsicher herum, das kann man sehen. Und noch ein wichtiges Detail. Auf dem Bild der Überwachungskamera ist rechts von ihr ein Mensch zu sehen, der ein Gewehr auf sie richtet. Aber offenbar hat sie ihren Job gut gemacht und das Vokabular der Gruppe ratzfatz gelernt. Patty lässt in einer Bekennerbotschaft neun Tage nach dem Überfall verlauten und ich zitiere Unsere Aktion hat den kapitalistischen Staat gezwungen, die Revolution mitzufinanzieren.
Wohlgemerkt den Kapitalismus, der ihr fast zwei Jahrzehnte lang ein Leben mit allen Privilegien ermöglicht hat. Aber das ist Patty Hearst jetzt offenbar egal. Es scheint so, als habe sie eine neue Bestimmung gefunden und mache das alles freiwillig. Sie schreibt in einer ihrer Botschaften, die die Gruppe übers Radio verbreitet, Was meine angebliche Gehirnwäsche angeht, diese Theorie ist lächerlich und unglaubwürdig.
Im Mai 1974, da ist sie gerade drei Monate bei der SLA, rettet sie zwei ihrer Kompagnons, als die in einem Sportgeschäft einen Ladendiebstahl begehen.
Um den Ladendetektiv abzulenken, schießt Patty aus einem Fahrzeug mit einem Gewehr mehrere Salven in die Luft. Ein ganzes Jahr lang ist sie mit zwei anderen SLA-Mitgliedern auf der Flucht, quer durch die USA.
Unterstützer anderer radikaler Gruppen versorgen sie mit Essen und billigen Unterkünften, so schreibt es Patty selbst. Die Gruppe ist ständig auf der Flucht vor der Polizei, aber auch vor der Presse, die natürlich heiß ist auf immer neuere Details. Vor allem der Rolling Stone, eigentlich ja ein Musikmagazin, tut sich hier mit investigativer Arbeit hervor. Ja, manchmal hat die Presse die Infos noch lange vorm FBI. Die Terroristen nutzen sie als Sprachrohr. Ebenfalls im Frühjahr 1975 überfallen Patty und weitere SLA-Mitglieder noch eine Bankfiliale. Dabei erschießen Pattys Mitkämpferinnen eine Kundin. Im ganzen Land wird fieberhaft mit Steckbriefen nach ihr und ihren Mitstreitern gesucht. Jetzt ist es der SLA in San Francisco zu unsicher geworden. Sie setzt sich in sechs Fahrtstunden entfernte Los Angeles ab und mietet sich dort in einem Haus ein. Anonym, wie die Anführer glauben. Aber natürlich ist das FBI den schon längst auf den Fersen. Am 17. Mai 1974, kurz darauf, umstellen Spezialeinsatzkräfte des LA Police Departments das unscheinbare Häuschen. Patty Hearst ist an diesem Tag nicht vor Ort, sondern versteckt sich in einem nahegelegenen Motel. Offenbar achtet die ohnehin ja eher kleine SLA jetzt darauf, sich zu verteilen, damit im Falle einer Razzia noch ein Teil handlungsfähig bleiben kann.
Viele Reporter sind jetzt mit sogenannten Minicams ausgestattet, anstatt mit schweren TV-Kameras. Im Jahr 1974 ist das eine technische Sensation. Und so wird alles, was jetzt kommt, live im Fernsehen übertragen, sodass es auch Patty Hearst im Motel verfolgen kann. Es folgt eine einstündige Schießerei und Pattys Eltern wissen nicht, ob ihre Tochter mit in dem Haus ist oder nicht. Ja, und dieses Gemetzel lässt sich ja so beschreiben wie aus einem Tarantino-Film, falls ihr schon mal einen gesehen habt. Die SLA wird aufgefordert, sich zu ergeben, weigert sich aber. Die Polizei eröffnet das Feuer. Die Terroristen schießen aus dem Haus zurück. Dann arbeitet die Polizei mit Tränengas. Am Ende steht das ganze Haus in Flammen und die Decken krachen herunter. Sechs Mitglieder der SLA werden dabei getötet. Patty Hearst überlebt, weil sie ja eben in diesem Motel war. Aber wer glaubt, dass sie jetzt einsieht, was das alles für ein Irrsinn ist, der irrt sich. Und hier ist übrigens eine Parallele zum ursprünglichen Stockholm-Syndrom zu erkennen.
Patty Hearst scheint die Polizei als Feind zu sehen und ist jetzt erst recht im Kampfmodus. Am 18. September 1975, also anderthalb Jahre nach ihrer Entführung, schlägt das FBI im Mission District in San Francisco zu. Patty Hearst wird verhaftet. Laut Spiegel näscht sie sich vor lauter Angst ein und ruft den FBI-Leuten entgegen, bitte nicht schießen.
Der Vorwurf lautet, Teilnahme an einem Bankraub. Patty ballt die Hand zur Kampffaust, als sie abgeführt wird. Die Frage nach ihrem Beruf beantwortet sie den Beamten rotzig mit Stadtgerilla. Okay, sie ist also immer noch auf der Seite, ja. Ja, und noch aus Untersuchungshaft heraus verfasst Patty Hearst eine Mitteilung, in der sie die angeblich faschistischen Schweinemedien anklagt und die SLA in Schutz nimmt. Und dann ist dann noch die Botschaft, die sie nach ihrer Festnahme ihrem Anwalt diktiert, Nämlich, sag jedem, dass ich lächle, dass ich mich stark und frei fühle und schicke Grüße und Liebe an all meine linken Brüder und Schwestern. Weltweit sorgt die Festnahme für Schlagzeilen und Nachrichten-Sondersendungen. Und für Pertys Eltern geht jetzt nochmal eine Tortur los, denn sie müssten ihre Tochter jetzt langsam wieder zurückgewinnen. Eine Psychologin, die Patti begutachten soll, sagt, sie sei derzeit ein gefühlskalter Zombie. Wahnsinn, wie sich Leute verändern können. Am 4. Februar 1976, auf den Tag genau zwei Jahre nach ihrer Entführung, startet in San Francisco der Prozess gegen Patty Hearst, die des Bankraubes beschuldigt wird. Jeden Tag sitzen die Eltern Catherine und Randall Hearst mit versteinerten Gesichtern im Gerichtssaal und versuchen irgendwie ihre Tochter in dieser Angeklagten zu erkämmen.
Zwei Menschen, die sich von ihrem fröhlichen gesellschaftlichen Leben, das sie einst führten, zurückgezogen haben, in einen Zustand der Isolation und Angst, schreibt die New York Times. Natürlich kann sich die Familie das beste Verteidigungsteam leisten. Hier ist Papa Hursts Reichtum dann wieder willkommen. Das Ganze wird als Prozess des Jahres gehandelt. So riesig ist das Medieninteresse. Mehr als 300 Presseleute verfolgen die Verhandlungen. Während der ersten Tage wirkt Patty irgendwie lethargisch, müde und steht unter starken Beruhigungsmitteln. Auch körperlich ist Patty in einem beklagenswerten Zustand. Sie wiegt bei ihrer Festnahme gerade mal 40 Kilo, bei einer Größe von 1,60 Meter.
Also extrem abgemagert. Ihre blonden Haare trägt sie rot gefärbt und kürzer. In der Haft bekommt sie eine Lungenembolie und muss operiert werden. Ich denke mal, da wird der ganze Körper einfach irgendwann kollabieren. Ja, und die Frage, die sich wahrscheinlich jetzt noch alle stellen ist, was passiert eigentlich mit ihren politischen Überzeugungen während dieser Zeit? Gerät da in Untersuchungshaft oder während der zweieinhalb Wochen Prozess irgendwas ins Wanken? Das ist leider schwer zu beurteilen. Ihr Vater beauftragt den Star-Anwalt F. Lee Bailey, der später auch Football-Star O.J. Simpson erfolgreich verteidigt. Und der setzt jetzt alles auf eine Karte. Ja, erfährt den Kurs, unsere Mandantin wurde einer Gehirnwäsche und Folter sowie sexuellen Missbrauch ausgesetzt und unter Drogen gesetzt.
Hier wird das Foto vom Banküberfall wieder wichtig, bei dem einer ihrer Mitstreiter das Gewehr auf Patti richtet. Das könnte dafür sprechen, dass sie zu all dem gezwungen wurde. Dagegen spricht allerdings, dass sie ein Schmuckgeschenk von einem der Terroristen behalten hat. War sie also verliebt oder verblendet? Das Stockholm-Syndrom ist ja erst neu und gilt vor Gericht nicht als strafmildernd. Im Frauengefängnis, wo sie zusammen mit Schwerverbrecherinnen einsitzt und unzählige Male untersucht und begutachtet wird, bekommt Patty im September 1975 Besuch von ihren Eltern und zwei ihrer Schwestern. Laut New York Times fallen sich die verlorene Tochter und ihre Eltern im Besucherraum des Gefängnisses in die Arme. Es ist natürlich fraglich, ob Patty da noch etwas zurückhaltend ist nach dieser Gefühlsachterbahn. Es sind auf beiden Seiten bestimmt gemischte Gefühle am Start. Da kann man jetzt auch keine emotionalen Ausbrüche erwarten wahrscheinlich.
Naja, aber das ist ja auch keine Zeit für gegenseitige Vorwürfe. Erstmal sind alle froh, dass Patty am Leben ist. Die Eltern machen übrigens zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass ihre Tochter irgendwo anders hin zurückkehrt als zu ihnen. Mal sehen, ob's auch so kommt. Die Gehirnwäschenummer verfängt bei der Jury jedenfalls nicht. Die sieben Männer und fünf Frauen befinden Patty Hearst für schuldig. Das Urteil am 20. März 1976 ist heftig, nämlich 35 Jahre Haft, die Höchststrafe. Patty ist jetzt Anfang 20, aber es kommt alles anders. Auch das ist typisch für diesen absurden Fall heute.
Die Öffentlichkeit war ja zunächst auf der Seite des armen Entführungsopfers Patti. Dann gegen die Terroristin Patti. Jetzt finden sie immer mehr prominente Fürsprecher, die sich auf die Seite der Hearst schlagen. Kaliforniens Gouverneur Ronald Reagan etwa oder Western-Kino-Legende John Wayne sprechen sich für eine Freilassung aus. Für linke Aktivistinnen wird sie zur Ikone, weil sie sich auf die andere Seite der Macht geschlagen hat. Als hätte sie eine Wahl gehabt. Das alles erhöht den medialen Druck auf die Justiz natürlich total.
Insgesamt 22 Monate sitzt Patty Hearst im Metropolitan Correctional Center in San Diego, zeitweise in Einzelhaft. Dann setzt ein Berufungsgericht die Strafe auf sieben Jahre herab, weil noch immer nicht geklärt ist, ob Patty vielleicht am Stockholm-Syndrom gelitten hat und sich in ihrer Not mit den Entführern solidarisiert hat. Im Februar 1979, genau fünf Jahre nach der Entführung, wird Patty Hearst vom US-Präsidenten Jimmy Carter begnadigt und kommt aus der Haft frei. Jetzt ist sie 25 Jahre alt und hat noch ihr ganzes Leben vor sich. Aber das Trauma dieser Zeit muss sie irgendwie aufarbeiten und das zerrüttete Verhältnis zu ihrer Familie wieder aufbauen. Ja, und noch was Spektakuläres ist passiert. Patty findet nämlich die Liebe ihres Lebens. Und wieder unter ziemlich merkwürdigen Umständen. Als sie auf ihren Prozess wartet, wird sie von einem ehemaligen Polizisten aus San Francisco bewacht. Und mit dem bahnen sich wohl Gefühle an. Bernhard Shaw heißt er. Er ist geschiedener Vater und hat zwei Töchter.
Als sie verurteilt wird, fährt Bernhard viermal die Woche 95 Kilometer von seinem Wohnort ins Gefängnis nach San Diego, um seine Liebste zu besuchen. Am Valentinstag 1978 verloben sich die beiden im Gefängnis. Im Jahr darauf, nach Pattys Freilassung, heiraten sie in einer Kapelle in San Francisco. Papa Randolph führt seine Tochter im weißen Brautkleid zum Altar, so als sei nie irgendwas gewesen. Die Zeitschrift People Magazine zitiert Bernhardts ersten Eindruck von Patty Hearst. Ich erinnere mich daran, dass ich sie schrecklich klein fand. Aber süß, sie hatte ein wirklich schönes Lächeln. Und Bernhard Shaw scheint auch grundsolide zu sein. Keine Allüren, keine Hintergedanken, keine Medienpräsenz. Ein ganz normaler Typ, im positiven Sinne. Aber genau das scheint Patty Hearst zu erden und ihr Gut zu tun. Patty und Bernhard ziehen weit weg von Kalifornien an die Ostküste und bekommen zwei Töchter, Jillian und Lydia. Und sie führen 34 Jahre lang eine offenbar stabile, glückliche Ehe abseits der Öffentlichkeit. Ich stelle mir das ja so ein bisschen vor, wenn die Töchter fragen, Mama, wie war das damals mit deiner Entführung, was man da antworten soll? Aber Patty Hearst hat wohl damit abgeschlossen. Ihr neues Leben als freie, reiche Frau besteht aus Familie, Hunden und ganz seltenen Auftritten in den Medien.
2001 wird sie von US-Präsident Bill Clinton vollständig begnadigt und kann nie wieder wegen ihrer Verbrechen angeklagt werden, auch nicht zivilrechtlich. Anders als ihre ehemaligen Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die ja einen Schulbehördenleiter und eine Bankkundin auf dem Gewissen haben. Anfang der 2000er sagt sich Patty Hearst endgültig von der SLA los. Die Gruppe habe Jihad geführt und die Regierung stürzen wollen, sagt sie im CNN-Talk von Larry King 2002, bevor sie als Kronzeugin gegen die letzten SLA-Mitglieder auftritt.
2002 wird denen der Prozess gemacht, so berichtet ABC News. Die Haftstrafen, vier bis acht Jahre Gefängnis. Und das ist das Ende dieser Vereinigung. Von der Truppe sind sechs ums Leben gekommen. Patty ist frei und die anderen geben gelegentlich immer noch Fernsehinterviews. Um mal ganz kurz über die Rolle der Medien zu sprechen. Dass genau die Sensationsmedien, mit denen Family Hearst schwerreich wurde, dann in ihren schlimmsten Wochen und Monaten ihre Dauerbegleiter wurden und zeitgleich zum Sprachrohr für die Gegenseite. Ja, das ist schon ein bisschen merkwürdig, ne? Ja. Und Patty Hearst, die Erbin mit den vielen Gesichtern, wird zum Coverstar. Zwischen 1974 und 1976 erscheint sie gleich siebenmal auf der Titelseite der Zeitschrift Newsweek. Naja, wenn diese Titelstory keine Auflage macht, dann weiß ich auch nicht mehr. Ja, Pattys Mutter, Catherine, nennt die Presse übrigens Arsgeier. Aber diese Arsgeier haben auch sie vermögend gemacht. Das darf sie nicht vergessen.
Aber klar, niemand will natürlich, dass das Schicksal der eigenen Tochter jeden Tag auf allen Zeitungen ist. Und niemand will täglich Pressekonferenzen im eigenen Garten geben. Ja, und vielleicht wirklich glücklicherweise ist Patty Hearst heute wieder Patty. Nicht mehr Tanja. Sie ist 71 Jahre alt, lebt in New York und hat ein Buch über ihre Zeit bei der SLA geschrieben. Every Secret Thing. Und später dann noch einen Krimi. Sie spielt auch in mehreren Filmen wie Crybaby neben Johnny Depp, Biodome und A Dirty Shame. Das ist schon ein ziemlich bemerkenswerter Lebensweg, würde ich sagen. Ja, und 1993 gibt sie in der irischen Talkshow Kenny Live dem Host Pat Kenny zusammen mit ihrem Mann Bernhard ein ausführliches Interview. Das verlinken wir euch noch in die Shownotes. Schaut da auf jeden Fall mal rein. Da sitzt sie nämlich, aufgeräumt mit Föhnfrisur und gemusterter Bluse und erzählt über die furchtbare Zeit als Geisel. Also wenn man das so sieht, es ist unglaublich, was dieser Frau widerfahren ist. Und vielleicht hat ja auch ihr Mann Bernhard Anteil an dieser Sicherheit. Leider verstirbt er 2013 im Alter von 68 Jahren nach einer Krebserkrankung. Seitdem ist Patty alleinstehende Witwe und nur noch gelegentlich mit ihren erwachsenen Töchtern auf roten Teppichen zu sehen.
Zwar gerät der Hearst-Konzern 2019 wirtschaftlich ganz schön ins Straucheln, aber das Privatvermögen der Familie wird laut Gala heute immer noch auf 22 Milliarden Dollar geschätzt. Pattys Tochter Lydia ist übrigens selbst ein Star. Die 40-Jährige ist in Serien wie Gossip Girl zu sehen, da spielt sie zusammen eine Szene mit Chuck, lief für Designer wie Louis Vuitton und Prada über den Laufsteg, wurde 2008 zum Supermodel des Jahres gekürt und zierte das Cover der italienischen Vogue. Zumindest auf ihre 167.000 Insta-Follower wirkt sie sehr unbekümmert.
Aber vielleicht ist das auch nur eine Vermutung. Man könnte vielleicht denken, dass eine ganze Folge von generationsübergreifendem Trauma hier präsent ist. Also so ganz spurlos kann das ja nicht an denen vorbeigegangen sein, oder? Ja, trotzdem glaube ich aber, dass man hier irgendwie von einem Happy End sprechen kann. Allerdings bestätigt sich mal wieder, Macht bleibt Macht. Und am Ende hat Patty Hearst dank ihrer Herkunft den besten Anwalt, einflussreiche Fürsprecher und ja irgendwie doch eine halbwegs milde Strafe bekommen. Jemand anderes wäre vielleicht nicht so glimpflich davon gekommen. Ich glaube auch, dass das anders verlaufen wäre, wenn Patty Hearst nicht eine weiße, sehr, sehr vermögende Frau gewesen wäre. Weil leider in Amerika ist es oft noch so, dass nicht das Recht gewinnt, sondern das Geld. Ja, auf der anderen Seite hätte man sie dann ja wahrscheinlich gar nicht erst entführt, wenn ihre Familie nicht so wohlhabend und präsent gewesen wäre. Also die Macht, die die Familie hat, hat erst ihr Schicksal besiegelt und hat ihr dann am Ende aber wieder rausgeholfen. Das stimmt. Wie immer gibt es mindestens zwei Seiten der Medaille. Das Haus der Familie übrigens, über das haben wir am Anfang der Folge gesprochen, vor dem auch so viele Pressekonferenzen im Garten stattfanden, das wurde übrigens vor ein paar Jahren für 13,5 Millionen Dollar verkauft.
Wir hoffen, dass euch diese heutige Geschichte genauso gefesselt hat wie uns. Ich muss gestehen, ich hatte vorher noch nie von diesem Fall und von dieser Frau gehört und finde das faszinierend, ist glaube ich nicht das richtige Wort. Beeindruckend auch nicht, aber vielleicht wisst ihr, in welche Richtung das geht.
Was die Frau gemacht hat, also was sie aus ihrem Leben und dieser schicksalhaften Entführung und Entscheidung bei denen zu bleiben, was sie daraus gemacht hat, nämlich am Ende ein hoffentlich normales Leben mit einem tollen Ehemann und Kindern. Und irgendwie ist das schön zu sehen, dass obwohl sie so furchtbare Dinge erleiden musste, dass sie danach nicht den Kopf in den Sand gesteckt hat, sondern sich noch ein bürgerliches Leben mit viel Geld aufgebaut hat. Nein, aber ja, dass sie versucht hat, ein normales Leben zu führen. Das stimmt. Also jetzt sind wir auch auf eure Meinung gespannt. Also weil man sich ja wirklich fragen muss, okay, war Patty einfach nur jemand, der sich noch selbst oder die sich noch selbst suchen musste? Oder war sie eine Transformationskünstlerin? Was war es für euch? Lasst es uns gerne in den Kommentaren hören. Ihr könnt uns auf Spotify Kommentare hinterlassen, auf YouTube, auf Insta und TikTok findet ihr uns natürlich auch. Und dann sind wir nächste Woche Donnerstag mit einer neuen Folge, einem neuen Fall bei Im Schatten der Macht wieder für euch da. Und bis dahin, wir freuen uns sehr, dass ihr uns heute zugehört habt. Bleibt safe da draußen. Eure Ricardia. Und eure Anne. Danke an unser Team von Open Minds Media. Executive Producer Rüdiger Barth, Konzeption Peter Grewe, Rüdiger Barth und Manfred Neumann. Producer Ricardia Bremley. Den Schnitt machte Lilli Johansen.
Zusätzliche Unterstützung von Falko Schulte.