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Hi und herzlich willkommen bei Im Schatten der Macht. Ich bin Ricardia Bramley. Und ich bin Anne Luckmann. Wir sind zurück mit einer neuen Folge, so wie jetzt jeden Donnerstag. Heute geht es um einen unfassbaren Fall, der die gnadenlosen Verstrickungen von Medien und Politik offenbart. Es geht um Medienmacht, ein TV-Schwergewicht und Einschaltquoten. Dabei wird es nochmal deutlich, wie unglaublich mächtig die Medien sind und welche Rolle sie zunehmend auch bei der Meinungsmache spielen können. Aber von Anfang an. Unser Fall hat sich in Brasilien, im Amazonasgebiet, zugetragen. In der dortigen Hauptstadt Manaus wird nämlich der TV-Moderator Wallace Sousa wie ein Volksheld gefeiert. Seine Show Cana Livre ist die erfolgreichste im ganzen Bundesstaat. Denn er deckt nicht nur schonungslos brutale Verbrechen auf, sondern prangert darin auch die Politik massiv an.

Und Anlass zur Kritik gibt es reichlich, denn Manaus gehört zu den gefährlichsten Städten der Welt. Allein schon im Jahr 2019, neuere Zahlen gibt es offiziell nicht, gab es hier 944 Morde, obwohl hier nur etwas mehr als zwei Millionen Menschen leben. In Deutschland gab es laut Statista im letzten Jahr 222 Morde im ganzen Land und bei 83 Millionen Einwohnern. Das ist schon ein krasser Unterschied. Und es dürfte nur die Spitze des mörderischen Eisbergs sein. Denn die meisten Morde werden in Drogen- und Dealermilieus begangen. Und diese Leichen verschwinden auch gerne mal. Wallace C. Sosa legt in seiner Fernsehshow den Finger ganz genau in diese Wunde. Immer wieder zeigt er teilweise verstörende Bilder von entsetzlich verstümmelten Leichen.

Manchmal ist er mit seinem Produktionsteam sogar live vor Ort, wenn ein Gewaltverbrechen begangen wird. Denn Wallacy bekommt regelmäßig Tipps, wo Verbrechen begangen werden und wo ein Zugriff der Polizei erfolgen soll. Er hat es vor allem auf Drogendealer abgesehen, die er mit seinen Berichten zur Strecke bringen will. Aber auch die Politiker, die in seinen Augen viel zu wenig gegen diese ausufernde Kriminalität unternehmen, die bekommen auch ihr Fett weg. Die investigative Berichterstattung wird zwar von seinen Fans gefeiert, aber nicht alle sind so begeistert wie die Fernsehzuschauer. Die Drogendealer fühlen sich extrem von den Berichten gestört und Polizisten und Politiker sehen sich am Pranger, weil Wallace C. Sosa täglich ihre Arbeit schlecht macht. Er hat also viele mächtige und gefährliche Feinde. Ja, aber das scheint ihm irgendwie egal zu sein. Und er setzt sogar noch eins drauf. Um den Politikern zu zeigen, wie man in seinen Augen richtig regiert, lässt er sich zum Abgeordneten wählen. Ja, klar, das ist natürlich schon sehr ungewöhnlich. Seinen Fernsehjob, den gibt er aber nach der Wahl nicht auf.

Rein theoretisch könnte der TV-Moderator Sosa dann jetzt den Politiker Sosa interviewen. In Manaus ist er gefühlt der beliebteste und gleichzeitig auch der verhassteste Mensch. Also jemand, der stark polarisiert. Also vom Fernsehstar zum Politiker, das können wir Amis ja auch ganz gut. Auf jeden Fall werden plötzlich Vorwürfe laut, die absolut unglaublich sind.

Der Showstar und Politiker soll angeblich der Chef eines Killerkommandos, das ist so eine Art paramilitärische Einheit, sein. Sie sollen reihenweise Leute umgebracht haben. Das sind heftige Anschuldigungen, vor allem wenn es um so einen Saubermann geht. Kann das denn wirklich sein? Die Vorwürfe stammen von einem Drogendealer und die Dealer sind nicht gerade gut auf Sosa zu sprechen. Aber wo Rauch ist, da ist bekanntlich auch Feuer. Denn einige Mordfälle werden von seltsamen Zufällen begleitet. Auch über ein mögliches Motiv berichtet der Dealer. Der Grund, warum Sosa angeblich ein Killerkommando befehligen soll, ist ebenso absurd. Er will damit die Einschaltquoten seiner Show in die Höhe jagen. Ja, und das muss man fast mal kurz sacken lassen. Also da bekommt das Wort Killerquoten auf jeden Fall gleich eine ganz neue Bedeutung.

Wir wollen diesen Vorwürfen heute auf den Grund gehen hier in dieser Folge. Und dazu schauen wir uns das schillernde Leben des Medienmenschen und Politik-Popstars jetzt mal genauer an. Okay, ich versuche mein bestes Portugiesisch. Hier, Francisco Wallace Cavalcante de Sosa wird am 12. August 1958 in Manaus geboren. Er hat vier Brüder und eine Schwester. Sonst weiß man nicht viel über seine Familie. Er spricht nie öffentlich über seine Herkunft. Er macht daraus regelrecht ein Geheimnis. Nach seinem Schulabschluss fängt Wallacy an zu studieren. Doch schon mit 21 Jahren wirft er sein Studium hin, nachdem er einen schweren Schicksalsschlag erleiden muss. Denn sein geliebter Bruder Ulysses stirbt an einer Überdosis Drogen. Von diesem schweren Schlag erholt sich Wallacy lange nicht mehr.

Die Schwester der beiden sagt in der Netflix-Doku Killerquoten, ein Teil von Wallacy ist damals mitgestorben. Statt seine Zeit und Hörseelen zu verschwenden, will der 21-jährige Wallacy etwas verändern. Er entscheidet sich daher, im Jahr 1979 Polizist zu werden, damit er die Drogendealer verhaften kann. Die haben ja seinen Bruder auf dem Gewissen. Acht Jahre später wird der mittlerweile 29-Jährige aber aus dem Polizeidienst entlassen. Laut der Zeitung The Guardian soll er wegen Rentenbetrugs und Benzindiebstahls verhaftet worden sein. Es ist aber unklar, ob das auch wirklich die Wahrheit ist. Vor Gericht musste er sich wegen der Vorwürfe jedenfalls nicht verantworten. Ab 1987 ist er zwar kein Polizist mehr, aber den Kampf gegen die Drogendealer gibt er nicht auf. Er wechselt einfach die Seiten und wird jetzt Polizeireporter. Zwei Jahre später fängt er beim TV-Sender Rio Negro an. Dort gründet er dann auch seine eigene Fernsehshow. Die Sendung namens Canal Livre. Die beschreibt sich selbst als.

Und jetzt wird's ziemlich bunt, ehrlich gesagt. Die Initialzündung, um mit der Fernsehsendung überhaupt zu starten, ist laut Wallacy ein Verbrechen, das ihn sehr betroffen macht. Ein Familienvater wird wegen einer Zigarette ermordet. Gegen solche furchtbaren Verbrechen will er etwas unternehmen. Die Show ist eine Mischung aus Entertainment und knallhartem Journalismus. Bei Canal Livre spielen Musiker, anschließend werden Bikinis vorgeführt, Nachrichten werden von einer Marionettenpuppe kommentiert. Auch sozial benachteiligte Menschen kommen hier zu Wort. Für sie wird zu Spenden aufgerufen. Dann wird zu den Polizeiberichten übergeleitet. Ja, ist eine wilde Sendung auf jeden Fall, würde ich sagen. Aber gut, ja, diese Polizeiberichte, von denen Riccardia gerade gesprochen hat, die haben's auch in sich. Einen Pressekodex scheint es für Wallacy bei seinen Storys dabei nicht zu geben. Die Kamera hält immer voll drauf. Jedes Detail ist zu erkennen. Meistens liegen entsetzlich entstellte Leichen herum. Manchmal stehen weinende Familienmitglieder der Opfer daneben. Nichts und niemand wird hier verpixelt. Ungewöhnlich, zumindest für deutsche Verhältnisse, ist nicht nur die Berichterstattung, sondern auch die Sendezeit.

Kanallivre wird nämlich mittags ausgestrahlt. In Manaus ist das aber die beste Sendezeit. In ihrer Mittagspause versammeln sich viele vor dem Fernseher. Freunde, Arbeitskollegen, Familien und bekommen zum Essen Mord und Totschlag ins Wohnzimmer. Auch Kinder sehen sich übrigens die Show an.

Ja, und Wallacy moderiert nicht nur die furchtbaren Berichte. Er ist auch bei den Dreharbeiten mit dabei, und zwar live.

Manchmal werden Menschen sogar vor seinen Augen erschossen. Und gelegentlich ist er mit seinem Kamerateam auch noch vor der Polizei am Tatort. Und auch seine Kommentare haben es in sich. Sie sind extrem populistisch und hetzen gegen unfähige Politiker. Seine Moderation erinnert an aktuelle AfD-Tiraden. Er kann aber auch anders. Wallis Sosa kann auch sehr mitfühlend sein. Wenn er zum Beispiel mit den Angehörigen von Opfern spricht, Dann nimmt man ihm seine Empathie schon ab.

Stammtischtiraden auf der einen und mitfühlende Worte auf der anderen Seite kommen vor allem bei den breiten Massen an, denen es an Ressourcen wie Bildung und Geld mangelt. Sie leben am Rande von Manaus in Favelas und Sosa's Show ist enorm unterhaltsam für sie. Favelas sind übrigens so, wie man es in manchen anderen Ländern kennt, so Shantytowns, so Wellblechhütten und sowas. Auf jeden Fall, in seiner Sendung trägt Wallacy meist gewöhnliche Polohemden. Er wirkt wie jemand, der anpackt, der Probleme lösen will und das auch kann. Wahrscheinlich so ein Typ, bei dem man in Deutschland sagen würde, mit dem würde ich gerne mal ein Bier trinken gehen.

Jedenfalls erreicht Canal Livre durch Sosa die höchsten Einschaltquoten im ganzen Bundesstaat Amazonas. Ja, und man muss dazu sagen, dass er bei seinen Berichten auch regelmäßig sein Leben riskiert. Er gerät zum Beispiel mitten in Schießereien zwischen der Polizei und Kriminellen. Ein Kameramann von Canal Livre erzählt auch, dass es immer gefährlich war, mit Wallacy zu fahren. Die Hinweise auf die Tatorte und Polizeieinsätze bekommen Wallacy und Senti meistens übrigens aus der Bevölkerung. Oft rufen die Bewohner Manaus lieber bei Cana Livre an, als die Polizei zu verständigen, wenn sie ein Verbrechen beobachtet haben. Und das ist natürlich super krass, so einen Weg zu fahren. Also stellt euch mal vor, ihr ruft eher bei einem TV-Sender bei ProSieben an als bei der Polizei. Also das ist ja wirklich total absurd. Ja, aber die Polizei hat hier halt leider nicht den besten Ruf. Ganz im Gegensatz zu Wallacy. Und der gilt in der Hauptstadt des Amazonas regelrecht als Held. Nicht ganz zu Unrecht. Einmal ist er als Reporter bei einer Geiselnahme live dabei. Plötzlich macht der Kidnapper ein überraschendes Angebot. Er lässt die junge Frau frei, wenn sich im Austausch dafür Wallacy Sosa in die Hände des bewaffneten Geiselnehmers begibt. Der TV-Moderator willigt ein, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, und steigt in das Auto des Kidnappers. Der drückt anschließend aufs Gas und rast mit seiner prominenten Geisel davon.

Nach wenigen Metern kommt der Wagen zum Stehen. Wallacy steigt ganz cool aus dem Fahrzeug und hat ein Lächeln auf den Lippen. Die Polizei kann den Gangster anschließend ohne Widerstand festnehmen. Wie er das gemacht hat, bleibt sein Geheimnis. Die Zuschauer feiern ihn dafür wie einen Popstar. Wallacy Sosa ist in der Bevölkerung also mega beliebt. Daher entschließt er sich, mit 38 Jahren Politiker zu werden. Das haben wir vorhin ja schon mal kurz angeteast. Er möchte nicht nur über Verbrechen berichten, sondern diese am besten gleich ganz verhindern. Gemeinsam mit seinen beiden Brüdern Fausto und Carlos, die übrigens auch bei Canna Livre in seiner Show als Moderatoren tätig sind, kandidieren sie im Jahr 1996 für den Stadtrat von Manaus, für die Partei Partido Liberal.

Naja, an sich verdient dieser Schritt großen Respekt. Nicht nur reden und kritisieren, sondern auch mal was machen. Allerdings halten die drei Sosa-Brüder ihre TV-Sendung weiterhin in ihren Händen. Und jetzt setzen sie sie vor allem für den eigenen Wahlkampf ein und hetzen gegen ihre politischen Konkurrenten. Auch Canal Livre wird eine große Propagandashow. Das ist seinen Gegnern natürlich ein Dorn im Auge. Sie versuchen, die Sosa-Brüder zu stoppen. Damit haben sie aber keinen Erfolg. Wallacy und seine Brüder Fausto und Carlos Sosa sind einfach unfassbar beliebt. Bei ihren öffentlichen Wahlkampfauftritten werden die drei wie Popstars gefeiert. Das erinnert alles so ein bisschen an den Wahlkampf von Donald Trump im letzten Jahr. Die Anhänger liegen sich in den Armen, sehen ihn fast wie eine Art Erlöser an und während die Gegner verbal mit Dreck beworfen werden. Vor allem die einfachen Leute, die täglich ums finanzielle Überleben kämpfen, die setzen jetzt große Hoffnung in das Moderatoren-Trio.

Es ist daher wenig verwunderlich, wie die Wahl im Jahr 1996 ausgeht. Wallacy wird mit überwältigender Mehrheit in den Stadtrat gewählt. Mit den meisten Stimmen, die je ein Kandidat erhalten hat. Auch seine Brüder Fausto und Carlos schaffen den Sprung in den Stadtrat. Und damit ist der erste Schritt für die aufstrebende Politikkarriere getan. Aber der Handlungsspielraum eines Stadtrats ist begrenzt. Wallacy will aber höher hinaus. Daher kandidiert er zwei Jahre später für das Abgeordnetenhaus des Bundesstaates Amazonas, was mit unseren Landtagswahlen vergleichbar ist. Amazonas ist mit 1,56 Millionen Quadratkilometern übrigens flächenmäßig der größte Bundesstaat Brasiliens und fast viereinhalb Mal so groß wie Deutschland. Auch bei dieser Wahl bekommt er die meisten Stimmen aller Kandidaten. In den Jahren 2002 und 2006 folgen ähnliche Ergebnisse. Wallacy erhält immer die meisten Stimmen. Er ist quasi der Markus Söder des Amazonas.

Mit einem großen Unterschied. Markus Söder moderiert nicht nebenbei noch die reichweitenstärkste Sendung des Bayerischen Rundfunks. Vielleicht mal ein Weißwurstbild auf Insta oder so. Was die Sosa-Brüder machen, ist schon Next-Level-Propagandamaschine. Zwei Jahre nach der letzten Wahl im Jahr 2006 zum Abgeordnetenhaus bekommt die Polizei am 20. Oktober 2008 einen anonymen Hinweis. In einem Haus soll mit Drogen gedealt werden. Das ist an sich in Manaus erstmal gar nichts Ungewöhnliches und hat vor allem historische Ursachen. Manaus liegt mitten im Amazonas, umgeben von einem riesigen Dschungel. Rein und raus kommt man fast ausschließlich mit dem Schiff und dem Flugzeug. Straßen gibt es eigentlich keine nach Manaus. Und dennoch leben hier, wie gesagt, mehr als zwei Millionen Menschen. Zwischen 1870 und 1910 ist die Stadt nämlich extrem wohlhabend, dank des Kautschuk-Booms.

Kautschuk ist damals ein wichtiger Rohstoff, den man für die Herstellung von Reifen, Gummis, Dichtungen und so ähnlichen Dingen gebraucht. Zu dieser Zeit hat Manaus das weltweite Monopol auf Kautschuk, das die Stadt reich macht. Noch heute stehen dort prächtige Gebäude. Um die Wende des 19. Und 20. Jahrhunderts ist die Stadt sehr modern. Hier fährt beispielsweise die erste Straßenbahn Brasiliens. Doch im Jahr 1910 fällt das Monopol für Kautschuk. Um das abgelegene Gebiet wirtschaftlich zu unterstützen, wird eine Freihandelszone eingerichtet. Wer in Manaus Handel betreibt, der muss keine Steuern zahlen. Es entsteht ein unglaublicher Wirtschaftsboom, der Massen an Menschen anlockt. In nur 20 Jahren nimmt die Bevölkerung Manaus zwischen 1970 und 1990 von 300.000 auf über eine Million zu. Und das ist schon echt krass. Damit entstehen aber auch große Probleme.

Nicht jeder findet Arbeit und damit nimmt die Armut rasend zu. Viele betäuben ihre Probleme mit Alkohol oder anderen Drogen. Die Kriminalität steigt in ungeahnte Höhen. Hinzu kommen dann noch neue illegale Business-Modelle. So nutzen beispielsweise viele Drogenbarone aus Kolumbien die weit verzweigten Flussläufe des Amazonas und den riesigen Hafen von Manaus, um ihr Kokain nach Europa zu verschiffen. Manaus ist ein gigantischer Umschlagsplatz für das Rauschgift. Bis heute übrigens. Aber nochmal zurück zu dem Tipp mit dem Haus, den die Polizei erhält. Zur Erinnerung, in dem Haus soll mit Drogen gedealt werden. Die Polizei beobachtet am Vormittag des 20. Oktober 2008 das verdächtige Haus drei Stunden lang. Immer wieder gehen Leute mit verdächtig aussehenden Taschen in das Gebäude und kommen ein paar Minuten später wieder raus. Gegen Mittag erfolgt der Zugriff über das Dach eines Nebengebäudes. Die Dealer lassen sich ohne Widerstand festnehmen.

Bei der Polizeiaktion werden Drogen, Bargeld, Schusswaffen und Messer beschlagnahmt und mehrere Personen festgenommen. Unter den Verhafteten ist auch ein Mann namens Moacir Jorge Pereira da Costa. Spitzname, und das macht es uns jetzt auch leichter in der Folge, Moa. Er gilt als Kopf einer Dealerbande. Moa, der ist Mitte 40 und kein unbeschriebenes Blatt. Laut der Zeitung The Guardian war Moa früher selbst ein Gesetzeshüter, und zwar bei der Militärpolizei. Er wurde dann aber vor ein paar Jahren entlassen, weil er angeblich neun Menschen ermordet haben soll. Vor Gericht muss er sich deshalb aber nicht verantworten.

Drogendealer Moa will seiner Verhaftung natürlich entgehen. Er versucht also, die Polizei zu bestechen. Er ist bereit, einen hohen Betrag für seine Freilassung zu bezahlen, aber die Polizeibeamten lehnen ab. Ja, und Moa will unter gar keinen Umständen ins Gefängnis, was ja auch durchaus nachvollziehbar ist. Das Gefängnis in Manaus ist nämlich alles andere als ein Wellness-Retreat. Bis zu 60 Häftlinge sind hier in einer einzigen Zelle eingepfercht, das kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen. Das heißt, die Insassen haben oft nicht einmal genug Platz, um sich auf den Boden zu setzen, sondern müssen eigentlich die meiste Zeit stehen. Das führt dann zu blutigen Auseinandersetzungen, bei denen häufig Gefangene getötet werden. Dieses Gefängnis ist so gefährlich, dass sich die Wärter nur mit schusssicheren Westen und Sturmgewehren reintrauen. Wahnsinn, oder? Dann stehen die da den ganzen Tag. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen. Nee, ich auch nicht. Ist ja reinste Folter eigentlich.

Moore ist außerdem ein Ex-Polizist, was in diesem Gefängnis einem Todesurteil gleichkommt. Auch Mitglieder von rivalisierenden Dealer-Gangs würden die Gelegenheit, ihn aus dem Weg zu schaffen, sicherlich begrüßen. Moore fürchtet daher zu Recht um sein Leben. Nach dem erfolglosen Bestechungsversuch bietet er Informationen über den obersten Drogenboss in Manaus an. Jetzt sind auch die Ermittler interessiert. Als Gegenleistung verlangt Moa, in einer Einzelzelle oder in ein Militärgefängnis verlagert zu werden. Die Behörden lassen sich auf den Deal ein. Nachdem sie den mit Moa abgeschlossen haben, legt der los. Er spricht aber nicht nur über einen führenden Drogenboss, sondern auch über ein Killerkommando, in der Moa Mitglied ist. Er selbst war an mindestens 17 Morden direkt beteiligt. Diese Kellertruppe mordet auf Befehl eines Mannes. Und dieser Mann soll angeblich der Abgeordnete und TV-Star Wallacy Sosa sein.

Die Ermittler wissen nicht so recht, was sie mit der Aussage anfangen sollen. Die Vorwürfe klingen unfassbar. Will hier ein Drogendealer auf Kosten eines Prominenten und Politikers seinen Kopf retten? Moore erklärt den staunenden Polizisten auch, warum Wallacy Sosa angeblich die zahlreichen Morde in Auftrag gegeben haben soll. Von ihm stammt nämlich die Info, dass Sosa die Quoten seiner Show Kanal Lever nach oben treiben möchte. Ja, wie absurd klingt das. Noch bevor die Kriminalbeamten aber überhaupt eine Bewertung dieser unglaublichen Anschuldigung vornehmen können, sickert Moors Aussage leider schon an die Presse durch. Wer dafür verantwortlich ist, das ist nicht bekannt. Die Vermutung liegt aber nahe, dass es seine politischen Gegner sind, die ihm damit schaden wollen. Auch die Polizei ist kein Fan von Wallacy. Sofort lassen die Zeitungen in Manaus die Bombe platzen. Eine Schlagzeile ist reißerischer als die nächste. Es ist die Top-Story auf allen Titelseiten. Wallachys Sohn Willacy, und ich habe mich übrigens nicht versprochen, das ist wirklich sein Name, erinnert sich in einem Interview mit der BBC noch gut an diesen Tag. Er sagt, ich kam gerade aus der Schule und sah die Zeitungen. Da stand der Name meines Vaters und ich wusste, dass da etwas nicht stimmt.

Obwohl es lediglich die zweifelhafte Aussage eines Drogendealers gibt, der an 17 Morden beteiligt gewesen sein soll. Es beginnt eine regelrechte Hexenjagd auf Wallacy. Seine TV-Show wird abgesetzt und er muss im Parlament eine Erklärung abgeben. Dort sitzen viele seiner politischen Widersacher, die ihn jetzt regelrecht grillen. Es ist die Rache dafür, dass Wallacy sie seit Jahren in seiner TV-Show fertig macht. Wallacy selbst gibt sich kämpferisch. Im Parlament erklärt er, ich bin das Opfer. Ich kenne keinen Moa und ich habe den auch noch nie gesehen. Mordaufträge habe ich auch nicht an ihn erteilt. Ich bin das Opfer der größten politischen Verschwörung, die dieses Land je gesehen hat. Es ist eine abscheuliche, verantwortungslose Intrige, die das Leben meiner Familie gefährdet. Falls weitere falsche Anschuldigungen gegen mich erhoben werden, werde ich die Namen der Verantwortlichen nennen. Das erinnert schon sehr an Trump an, weil der hat ja vor allem nicht allzu langer Zeit auch gesagt, dass das eine Hexenjagd gegen ihn sei, als diese ganzen Gerichtsfälle passiert sind. Und das alles nur, weil man Fakten gegen ihn vorgebracht hat. Das muss man sich mal überlegen. Ja, und Wallacies Vermutung ergibt auch durchaus Sinn. Denn ohne seine TV-Show kann er nicht mehr gegen seine Gegner hetzen. Wenn ihm auch noch sein Abgeordnetenmandat entzogen würde, dann würde Populist Wallacy von der medialen und politischen Bildfläche einfach verschwinden.

Wenigstens kann er sich auf seine Fans und Anhänger verlassen. Auch sie glauben, dass es sich um eine politische Verschwörung handelt, um ihren Wallacy loszuwerben. Der einzige Politiker, der die Missstände benennt und auch etwas dagegen unternimmt. Es gibt sogar Demonstrationen für Wallacy. Also man wird irgendwie das Gefühl nicht los, dass Machtgierige alle aus dem gleichen Handbuch lesen, oder? Ja, der Druck der Öffentlichkeit hier drauf, der ist jetzt auch immens. Denn die Polizei sieht sich dadurch gezwungen, die Vorwürfe von Drogendealer Moore vollumfänglich aufzuklären. Die Ermittler werten sämtliche Kriminalfälle aus, die in der Vergangenheit bei Cana Livre gezeigt wurden. Und auffällig hierbei ist, dass das Team rund um Wallacy immer sehr früh an den Tatorten ist. Immer vor der Konkurrenz und teilweise ja sogar vor der Polizei.

Besonders ein Fall interessiert die Polizeibeamten. Dabei geht es um eine verbrannte Leiche, die etwas außerhalb von Manaus im Dschungel gefunden wird. Wallacy und sein Kamerateam erreichen den Tatort. Während der Kameramann jedes Detail der Leiche zeigt, beschreibt Wallacy die Szene ganz aufgeregt. Es riecht verbrannt. Es riecht wie Grillfleisch. Ja, es ist hier. Hier liegt die Leiche. Sie raucht noch. Sehen Sie das, es ist ein Mann. Er wurde mit Benzin übergossen und dann bei lebendigem Leib angezündet. Eine nicht identifizierte Leiche. Wahnsinn. Die Ermittler kümmern sich aber nicht um die fragwürdige und reißerische Berichtserstattung, sondern um den Inhalt. Denn woher wusste Wallace Sosa, als er am Tatort ankam, dass es sich um eine männliche Leiche handelt, diese mit Benzin übergossen und der Mann dann bei lebendigem Leib verbrannt wurde?

Wallacy hat darauf eine Antwort. Bei dem gezeigten Fall waren er und sein Team für ihre Verhältnisse sehr spät am Tatort. Alle genannten Informationen haben sie vor Ort von der Polizei erhalten. Und in der Tat ist in der Reportage eindeutig zu sehen, dass sowohl Polizeibeamte am Tatort sind, als auch ein Fotograf mit einer professionellen Spiegelreflexkamera durchs Bild huscht.

Bei dem Fall, der von den Ermittlern als besonders verdächtig eingestuft wird, war er also nicht als erster am Tatort. Es hat übrigens einen speziellen Grund, warum die Kriminalbeamten sich ausgerechnet den Fall mit der verkohlten Leiche genauer ansehen. Der Hinweis kommt nämlich auch von Drogendealer Moa. Laut seiner Aussage soll Wallacy den Mord nicht nur befohlen haben, sondern er soll auch von Wallacies ältestem Sohn, Raphael, ausgeführt worden sein.

Raphael soll den Mann mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leib angezündet haben. Beweise für seine Anschuldigungen kann Moore allerdings nicht vorlegen. Ganz kurz mal. Er hat seinen Sohn dazu gebracht, für ihn zu töten. Also das muss man auch erst mal fertigbringen. Naja, die Ermittlungen werden daraufhin jedenfalls eingestellt. Das hat zwei Gründe. Zum einen ist Mehrfachmörder Moore nicht gerade der glaubwürdigste Zeuge. Zum anderen genießt Wallacy als Abgeordneter politische Immunität. Solange das Parlament nicht seine Immunität aufhebt, darf auch nicht gegen ihn ermittelt werden. Und die Mehrheit der Abgeordneten sieht keinen Grund darin, die Immunität aufzuheben. Aber nur wenige Tage später kommt wieder Bewegung in den Fall. Ein Fernsehsender, der in Konkurrenz zum TV-Sender Rio Negro steht, bei dem bis vor kurzem noch Wallacy-Show Canal Livre lief, erhält einen anonymen Brief zugeschickt. Darin befindet sich nichts. Nichts außer einem Foto. Tja, und das Foto zeigt Wallacy, der mit Badehose und einer Goldkette um den Hals in einem Swimmingpool sitzt.

Neben Wallacy lässt vom Beckenrand ein anderer Mann seine Füße im Wasser baumeln. Beide lächeln und haben offenbar gute Laune. Der Mann in der roten Badehose neben Wallacy ist, na, ganz genau, Drogendealer Moa. Aha, ja, kurz zur Erinnerung an der Stelle. Vor wenigen Tagen noch erklärt Wallacy ja vor den Abgeordneten im Parlament, dass er gar keinen Moa kenne und den Mann noch nie in seinem ganzen Leben gesehen habe.

Tja, das scheint wohl nicht zu stimmen. Es ist übrigens kein zufälliger Schnappschuss in einem öffentlichen Schwimmbad oder so. Der Pool, in dem das Foto der beiden geschossen wurde, steht auf dem Anwesen, dass Wallacy gehört. Das Foto ist ein eindeutiger Beweis, dass Wallacy das Parlament angelogen hat. Er kennt Drogendealer Moa sehr wohl. Wallacy erklärt, dass er den Mann nicht unter seinem Spitznamen kennt, also unter Moa.

Der heißt ja eigentlich Moacir Jorge Pereira da Costa. Zudem sei das Foto auf einer Party gemacht worden, die sein Sohn Raphael zu Hause gegeben hat. Raphael hatte seine Freunde eingeladen, weil in seinem Jiu-Jitsu-Verein jemand einen neuen Gürtel gewonnen hatte. Das wollten alle gemeinsam feiern. Und einer dieser Gäste war eben Moa, der ebenfalls in dem Verein Mitglied ist. Offenbar habe Moa sich einfach nur kurz neben ihn an den Pool gesetzt. Wallacy könne sich jedenfalls weder an das Foto noch an Moa erinnern. Ja, was können wir dem jetzt aber glauben? Tja, das Foto beweist jetzt also im Grunde doch erstmal nichts. Moas Anschuldigungen konnten bislang ja nicht bestätigt werden. Das kann zu einem Problem für ihn werden. Er möchte auf keinen Fall aus seiner im Vergleich zu den Sammelzellen komfortablen Einzelzelle verlegt werden. Daher setzt Moa noch eins drauf. Er behauptet nun, dass Wallacy nicht wahllos irgendwelche Verbrecher hat töten lassen. Auf seinem Befehl hin wurden gezielt Drogenbosse umgebracht. Die meisten dieser Morde soll Sohn Raphael begangen haben, den Moa aus dem Jiu-Jitsu-Verein kennt. So richtig viel Neues bietet Moas Aussage zunächst nicht. Spannend wird es, als Moa über den Grund für die Auftragsmorde spricht. Die Einschaltquoten sollen nur ein Nebeneffekt gewesen sein. Denn der wahre Grund sei ein ganz anderer.

Denn laut Moa will Wallacy sein eigenes Drogenkartell starten und lässt deshalb seinen Konkurrenten aus dem Weg räumen. Daher werden bei den Opfern auch nie Drogen gefunden. Die soll Rafael nach den Morden an sich genommen haben, damit sie sein Vater über sein Netzwerk verkaufen kann. Das berichtet die brasilianische Online-Plattform Famosos que Patiram.

Erneut stehen nicht nur die Ermittler mit offenem Mund da. Was mehr als verständlich ist. Man stelle sich doch bitte mal vor, okay, verrücktes Beispiel, Markus Lanz lässt sich für die AfD in den Thüringer Landtag wählen. Jeden Abend hetzt er dann gegen die etablierten Parteien in seiner Talkrunde. Und dann kommt heraus, dass sein Sohn in seinem Auftrag mehrere Menschen brutal ermorden lässt, damit er seinen eigenen Drogenhändlerring starten kann. Das kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen. Und auch bei Wallacy braucht man dafür viel Fantasie. Ja, wobei laut der Netflix-Doku auffällig viele Menschen aus dem näheren Umfeld von Wallacy sterben. Jedes Mal, kurz bevor sie eine Aussage bei der Polizei machen können. Die Ermittler haben daher den Verdacht, dass Wallacy sein Killer-Kommando losschickt, um potenzielle Zeugen gegen ihn daran zu hindern, auszusagen. Das Killer-Kommando soll übrigens aus ehemaligen Polizisten bestehen, die ihren Dienst aufgeben mussten, weil sie in Verbrechen verwickelt waren oder verdächtigt wurden, schwere Straftaten begangen zu haben. Das trifft ja beispielsweise auch auf Moa zu.

Wallacy wehrt sich in örtlichen Medien gegen die unfassbaren Anschuldigungen. In einem Interview sagt er, immer wenn jemand tot umfällt, ist es Abgeordneter Wallacy Sosa. Eines Tages werde ich der nächste jemand sein. Ich erziehe meine Kinder mit aller Freundlichkeit der Welt. Ich liebe sie. Gleichzeitig soll ich fähig sein, Morde zu begehen? Um sie zu filmen und sie in meiner Show zu zeigen? Das ist doch absurd. Eine Geschichte, die sich nur kranke Leute ausdenken können.

Hinter der Verschwörung sollen mächtige Menschen stecken, die ihn loswerden wollen, weil er unbequeme Wahrheiten anspricht. Er ist aber zuversichtlich und erklärt, ich bin sicher, dass man sie entlarven wird. Ihre Maske wird fallen. In der Tat spricht einiges für seine Vermutung, denn Wallacy will zu dieser Zeit Sicherheitsminister des Staates Amazonas werden. Es ist ein knallharter Law-and-Order-Typ, dem die Strafen für Verbrecher gar nicht hoch genug sein können. Am liebsten würde er sie nämlich alle wegsperren. Und das gefällt nicht jedem.

Tja, und ein paar Wochen später bekommt diese Theorie neuen Aufwind, als sich eine Zeugin bei der Polizei meldet. Die Zeugin ist Moors Ehefrau. Sie berichtet der Polizei, dass ihr Mann gezwungen wurde, Morde und andere Verbrechen zu gestehen, die er nie begangen hat. Vor allem sollte er Wallacy Sosa schwer belasten. Um ein Geständnis zu erzwingen, wurde er sogar mit einer Plastiktüte über dem Kopf gefoltert. Sie sagt den Ermittlern wörtlich, Moa sagt, dass sie von ihm hören wollten, dass er für Wallacy Sosa gemordet habe, dass er von ihm Befehle bekommen habe. Außerdem würden sich Moa und Wallacy gar nicht kennen und hätten sich nie zuvor gesehen. Und gerade der letzte Punkt kann nicht stimmen, da es ja dieses Foto am Pool der beiden gibt. Also gesehen haben sie sich auf jeden Fall schon mal. Damit nimmt der Fall also erneut eine höchst spannende Wendung.

Moas Frau erklärt übrigens auch, wer hinter der ganzen Verschwörung steckt. Zitat, wer ihm das antat, war der Geheimdienstminister. Oh Mann, also wenn das stimmen sollte, wäre das ein noch nie dagewesener Polizskandal. Umgehend befragen die Ermittler Moa im Gefängnis. Der bestätigt vollumfänglich die Aussagen seiner Frau. Zusätzlich erhebt er schwere Anschuldigungen gegen den Geheimdienst. Zitat, sie haben mich behandelt wie einen Hund. Ich kotete mich ein, wie ein Tier. Sie haben mir eine Tüte über den Kopf gestülpt und sie haben mir kein Wasser gegeben, damit ich das sagte, was sie hören wollten. Sie sagten, wenn ich sie verpfeife, würden sie behaupten, sie hätten mich bei einem Fluchtversuch erschossen. Ein Geständnis wurde damals schon aufgesetzt. Moa musste nur noch unterschreiben.

Moore erklärt zudem, dass er Wallacy Sosa nicht persönlich kenne und ihn nie getroffen habe. Er war auch gar nicht auf der Party, auf der das gemeinsame Poolfoto geschossen wurde. Das Foto seiner Fälschung. Das ist alles recht verwirrend zugegebenermaßen, also fassen wir nochmal kurz zusammen. Zuerst beschuldigt Moore, dass Wallacy mehrere Morde bei ihm in Auftrag gegeben hat. Auf einmal soll aber alles ganz anders gewesen sein. Moore hat gar keine Mordaufträge erhalten. Er kennt Wallacy ja nicht mal persönlich. Damit spricht also alles für eine unglaublich politische Verschwörung auf höchster Ebene. Doch schon wieder gibt es eine unvorhergesehene Wendung in dieser Geschichte. Denn mittlerweile liegt den Ermittlern die Anrufliste von Moors Handy vor. Moore hat unzählige Male mit Wallacies Sohn Raphael telefoniert. Die beiden kennen sich ja aus dem Verein. Aber das ist noch nicht alles. Moore hat noch mit einer weiteren Person häufig telefoniert. Und zwar mit Wallacy Sosa himself.

Doch wie kann das sein? Beide beteuern doch, sich nicht zu kennen. Also was ist es denn jetzt? Ja, diese Frage interessiert natürlich auch die Polizei brennend. Doch gegen Wallacy darf nach wie vor nicht ermittelt werden, da seine Immunität nicht aufgehoben wurde. Die Ermittler wenden daher einen Trick an, denn die Polizei beantragt bei der Staatsanwaltschaft einen Durchsuchungsbefehl für die Räumlichkeiten, in denen sein Sohn Raphael lebt. Der ist ja kein Abgeordneter, hat dementsprechend keine Immunität.

Und jetzt kommt's, weil Raphael noch zu Hause bei seinen Eltern wohnt, können die Polizisten also das Haus von Wallacy durchsuchen, ohne seine Immunität zu verletzen. Die Ermittlungen laufen ja jetzt offiziell gegen Sohn Raphael.

Ziemlich genau sechs Monate später, nach der ersten Anschuldigung, erfolgt schließlich am 29. April 2009 die Hausdurchsuchung. Zahlreiche Streifenwagen stehen mit eingeschaltetem Blaulicht in der Straße, in der die Sussas wohnen. Die Polizisten sind schwer bewaffnet mit Maschinenpistolen. Ihre Gesichter sind durch Sturmmasken vermummt. Erneut wird die Info mit der Hausdurchsuchung an die Presse durchgesteckt. Mehrere Reporter und Kamerateams stehen vor dem Haus und hoffen auf eine Sensationsstory. Die Sosas sind zunächst gar nicht zu Hause und treffen erst später ein. Dabei kommt es dann vor dem Haus zu einem Handgemenge zwischen den Einsatzkräften und Raphael, Wallacy und seinen Brüdern Fausto und Carlos. Im Auto von Raphael, einem weißen Pickup, finden die Polizisten Pistolenmagaziner. Im Haus wird in einem verschlossenen Koffer eine Waffenliste gefunden. In einem Safe befinden sich 250.000 Real.

Inflationsbereinigt und umgerechnet entspricht das heute ungefähr einem Wert von 100.000 Euro. Also wahnsinnig viel Geld, vor allem für brasilianische Verhältnisse. Das viele Geld ist zu mehreren Bündeln eingerollt, die mit einem Gummi zusammengehalten werden. So bewahren ja normalerweise Drogendealer ihre Einkünfte auf. Hätte Wallacy das Geld von seinem Konto bei der Bank abgehoben, dann wäre eine klassische Banderole aus Papier um die Geldbündel. In Raffaels Zimmer befindet sich ein verschlossener Schrank, den er sich weigert zu öffnen. Als die Ermittler ihn gewaltsam aufbrechen, entdecken sie etwas Eigenartiges. Ihnen fallen neun deformierte Projektile entgegen. Die Kugeln wurden also abgefeuert und haben ein Ziel getroffen. Neben den Geschossen liegt eine Namensliste. Die Personen auf dieser Liste sind ermordete Drogendealer. Unter den Namen der Drogendealer ist jeweils ein weiterer Name notiert. Die Polizei vermutet, dass das die Namen der Mörder sind. Mehrfach taucht dabei ein Name besonders auf. Raphael.

Wegen mehrfachen Mordverdachts wird Raphael Sosa umgehend verhaftet. Es ist ein Schock für den Abgeordnetensohn. Vor dem Haus der Eltern bricht er zusammen. Als er auf einer Bahre in einen Krankenwagen geschoben wird, filmt ein Kameramann diese Szene. Raphaels Gesicht ist schneeweiß. Er ist nass geschwitzt bis auf die Unterhose.

Wallacy begleitet seinen Sohn ins Krankenhaus. Zum Glück hat er nur einen kurzen Schwächeanfall. Als er kurz danach ins Gefängnis überstellt wird, ist sein Vater ebenfalls an seiner Seite. Als die übrigen Häftlinge das mitbekommen, gibt es beinahe eine Revolte. Wallace Sosa ist bei vielen Gefängnisinsassen total verhasst, weil er ja andauernd höhere und härtere Strafen für Kriminelle fordert. Die Häftlinge sorgen für ohrenbetäubenden Lärm. Sie schlagen an die Gitterstäbe und brüllen, so laut sie nur können. Nach dem, ja, nennen wir ihn mal wenig herzlichen Empfang, macht sich Wallacy verständlicherweise große Sorgen um seinen Sohn. Vor dem Gefängnis warten erneut zahlreiche Reporter und Kamerateams. Mit Tränen in den Augen erklärt Wallacy, dass er bald eine Pressekonferenz geben wird. Ein paar Tage später beantwortet er die drängendsten Fragen vor dem Parlament. Die Verhaftung seines Sohnes scheint ihm schwer zuzusetzen. Seit dem Tag hat er sich zum Beispiel nicht mehr rasiert. Er sieht schlecht und ungepflegt aus. Seine Abgeordneten-Kollegen wollen in der Fragestunde im Parlament von ihm wissen, warum er 250.000 Real zu Hause bunkert. Wallacy erklärt, dass er an einer seltenen Krankheit leide, die außer ihm nur zwei Menschen in Brasilien hätten. Bei 211 Millionen Einwohnern ist das wirklich eine ultraseltene Erkrankung. Um welche Krankheit es sich dabei genau handelt, verrät er allerdings nicht.

Auf alle Fälle braucht er das Bargeld, um sich schnell bei einem Spezialisten behandeln zu lassen, falls er einen Notfall erleiden sollte. Auch zu der gefundenen Waffenliste aus seinem Koffer nimmt er Stellung. Diese stammt von einem Informanten. Er wollte sie für seine TV-Show nutzen. Im Parlament bestreitet er vehement, Morde im Auftrag gegeben zu haben oder im Drogenhandel verstrickt gewesen zu sein.

Ja, die öffentliche Meinung über ihn, die hat sich übrigens mittlerweile ein Stück weit gedreht. Ohne seine Fernsehsendung kann er ja nicht mehr täglich seine Sicht der Dinge unters Volk bringen. Nur seine eingefleischten Fans und Anhänger glauben, dass er einer politischen Verschwörung zum Opfer gefallen ist. Die anderen halten ihn mittlerweile für schuldig. Sein Sohn Raphael sitzt in der Zwischenzeit in Untersuchungshaft, denn die Vorwürfe gegen ihn wiegen schwer. Ja, er soll an mindestens 17 Morden beteiligt gewesen sein, die er gemeinsam mit Moa begangen hat. Ja, die Beweislage ist allerdings ziemlich dünn. Es gibt eine handgeschriebene Liste mit Mordopfern und vermeintlichen Tätern. Die in seinem Pickup gefundenen Pistolenmagazine gehören Raphael. Und er ist Sportschütze. Ansonsten belastet ihn lediglich die erste Aussage Moas, die er inzwischen ja widerrufen hat. Mehr liegt gegen Raphael eigentlich nicht vor. Auch die defamierten Projektile aus seinem Schrank sind lediglich ein Indiz, aber kein Beweis für seine Schuld. Die Polizei lässt eine Leiche exhumieren, die auf der gefundenen Todesliste steht.

Die Ballistiker stellen fest, dass die Kugeln, die in der Leiche stecken, das gleiche Kaliber haben wie die, die bei Raphael gefunden werden. Allerdings lässt sich nicht nachweisen, ob die Projektile mit der gleichen Waffe abgefeuert wurden. Denn dafür sind die Geschosse aus dem Schrank zu stark deformiert. Während Raphael in der Untersuchungshaft sitzt und auch sein Vater Wallacy sich schweren Vorwürfen ausgesetzt sieht, erschüttert ein anderer politischer Skandal den Bundesstaat Amazonas. Der Leiter der Militärpolizei in Manaus hat nämlich offenbar eine private Miliz befähigt, die Kriminelle ohne Prozess auf der Straße hinrichtet. Die Morde sollen so aussehen, als ob sie die Folge von Straßenkämpfen rivalisierender Drogengangs sind.

Während der Ermittlungen gegen den Militärpolizeileiter werden auch seine Telefongespräche überwacht und mitgeschnitten. Mehrmals telefoniert er dabei mit Wallacy Sosa. In den Gesprächen nennt ihn der Militärpolizeichef ehrfurchtsvoll Boss. In einem aufgezeichneten Telefonat sprechen Wallacy und der Leiter der Militärpolizei über einen fingierten Raubüberfall in einem Motel, der demnächst stattfinden soll. Bei dieser Aktion sollen Kriminelle hingerichtet werden. Wallacy will am Telefon den genauen Zeitpunkt der Aktion wissen, um ein Team für seine TV-Show hinzuschicken. Okay, damit steht für die Ermittler fest, dass die beiden gemeinsam die Morde geplant haben. Die Ziele sind klar. Der Militärpolizeichef will die Straßen von Drogendealern säubern und Wallacy will seine Einschaltquote erhöhen. Der Chef der Militärpolizei wird daraufhin festgenommen. Im Gegensatz zu Wallacy, der immer noch seine politische Immunität genießt.

Wallacy bestreitet übrigens gar nicht seine Verbindung zum Militärpolizeichef. Um die Arbeit der Polizei bei der Verbrechensbekämpfung zu dokumentieren, habe ihn der Leiter der Militärpolizei vorab über geplante Zugriffe informiert. Von geplanten Morden wisse er nichts. Aber immer wieder tauchen neue Vorwürfe auf. Und immer wieder hat Wallacy Sosa eine Erklärung parat. Für noch mehr Verwirrung sorgt Moore, den wir inzwischen ja ganz gut kennen. Er meldet sich schon wieder bei den Ermittlern und will erneut hochbrisante Informationen haben. Er habe gehört, dass Wallacy geplant habe, eine Bundesrichterin umbringen zu lassen. Besagte Bundesrichterin soll nämlich über den Fall des Chefs der Militärpolizei entscheiden.

Damit es gar nicht erst zu einem Prozess kommt, soll Wallacy einen Profikiller kontaktiert haben. Dieser habe den Auftrag allerdings abgelehnt. Moore nennt sogar den Namen des Auftragsmörders. Ja, das ist schon wieder so eine seltsame Aussage. Angenommen, die Vorwürfe gegen den Militär-Polizeileiter stimmen. Warum erledigt den Mord an der Richterin dann niemand aus seiner Privatmiliz, die ja bereits mehrere Drogendealer auf dem Gewissen hat? Und warum lehnt ein Profikiller den Auftrag ab? Das sind alles gute Fragen, aber man darf nicht vergessen, dass Mohr nicht der allerbeste Zeuge ist. Er ist ja selber schwer kriminell und ändert mehrmals seine Aussagen, wobei er sich davon Hafterleichterungen erhofft. Aber jetzt wird es interessant. Als die Polizei den genannten Auftragskiller verhören will, wird dieser unmittelbar davor auf offener Straße mit mehreren Schüssen hingerichtet. Eine Überwachungskamera filmt das Ganze.

Die beiden Täter rasen nach dem Attentat auf einem Motorrad davon. Über das Attentat auf den Auftragsmörder wird umgehend in den Medien berichtet. Dort wird die Frage aufgeworfen, ließ Wallacy den Killer ermorden, damit er nicht reden kann? Die polizeilichen Ermittlungen verlaufen chaotisch, was an den vielen unterschiedlichen Anschuldigungen liegt. Zunächst geht die Polizei davon aus, dass Wallacy 13 Morde in Auftrag gegeben haben soll. Dann steigt die Anzahl auf 25. Plötzlich sind es nur 17. Aber die Polizei hat nach wie vor nicht einen einzigen handfesten Beweis, dass Wallacy an nur einem der vielen Morde beteiligt war.

Am 7. Juli 2009, das sind rund neun Wochen nach der Hausdurchsuchung und der Verhaftung von Raphael, wird es schließlich ernst für Wallacy. Er soll sich vor dem Parlament zu der Angelegenheit mit dem Militärpolizeileiter äußern. Danach soll zeitnah entschieden werden, ob Wallacy seines Amtes enthoben wird und dadurch seine Immunität verliert. Dann darf auch offiziell gegen ihn ermittelt werden. Wallacy Sosa inszeniert seine Anhörung als große Show. Er ist gesundheitlich schwer angeschlagen und liegt aktuell im Krankenhaus. Wallacy leidet unter dem Bud-Chiari-Syndrom, eine extrem seltene Erkrankung der Leber, bei der es zu einem Verschluss der abführenden Blutgefäße der Leber kommt. Die Leberkrankheit verursacht große Schmerzen und kann zu einer schweren Leberschädigung bis hin zum Leberversagen führen. Aus diesem Grund hat er ja die große Menge Bargeld bei sich zu Hause. Deshalb lässt er sich medienwirksam auf einer Liege ins Abgeordnetenhaus tragen, in Begleitung eines Arztes. Aus Wallacys Nase hängt ein Beatmungsschlauch. Es ist ein ziemlich erschütternder Anblick, der sich den zahlreichen Reportern und Abgeordneten hier bietet.

Mit letzter Kraft tritt er ans Rednerpult. Dort erklärt er mit schwacher Stimme, dass alles eine riesige Verschwörung seiner politischen Gegner sei, die ihn um jeden Preis loswerden wollen. Damit überzeugt er aber nicht jeden. Ein Abgeordneter sagt dazu zum Beispiel, wenn Sie mich fragen, sind Sie absolut sicher, dass der Abgeordnete Wallacy-Sosa schuldig war, dann sage ich, nein, ich bin mir nicht sicher. Wenn Sie mich fragen, sind Sie sich absolut sicher, dass er unschuldig war, dann sage ich, nein, ich bin mir nicht sicher. Die Abgeordneten sind entsprechend verunsichert. Was sie denn jetzt glauben sollen? Gibt es eine Verschwörung gegen Wallacy, wie er behauptet? Oder ist er ein raffinierter Drogenhändler und erteilt Mordaufträge, wie es ja die Polizei vermutet, aber ohne dafür Beweise vorlegen zu können? Was ja eine absolut krasse Geschichte wäre.

Erst drei Monate nach der Anhörung findet am 1. Oktober 2009 dann die Abstimmung über die Amtserhebung und den Verlust der Immunität statt. Wallacy geht es mittlerweile wieder besser. Er erscheint bei der Abstimmung in einem schicken, weißen Anzug. Um ihn seines Amtes zu entheben, braucht es 13 Ja-Stimmen. Die Abstimmung ist öffentlich. Die Zuschauerplätze des Parlaments sind überwiegend mit seinen Fans gefüllt. Sie zeigen ihre Unterstützung und Solidarität, indem sie Plakate hochhalten. Vor dem Parlamentsgebäude versammeln sich hingegen seine Gegner. Die fordern lautstark, dass Wallacy seines Amtes enthoben und bestraft wird.

Als es zur Abstimmung kommt, kann man im Plenarsaal nur Stecknadelfallen hören. So still ist es. Die Abgeordneten schreiten nacheinander zur Wahlurne und geben ihre Stimme ab. Das Ergebnis der Abstimmung erscheint dann auf einem großen Bildschirm an der Wand. Von den 24 anwesenden Abgeordneten haben 16 Abgeordnete für seine Amtsenthebung gestimmt, vier dagegen und drei haben sich enthalten. Das meldet die brasilianische Online-Plattform Famosos que Patiram. Er selbst darf übrigens nicht über sein Schicksal abstimmen.

Wallace Sousa verliert dadurch sein Mandat als Abgeordneter und damit seine Immunität. Es ist ein ziemlich schwarzer Tag für den einst so gefeierten TV-Star und Politiker. Ja, und dem Publikum im Plenarsaal kommt es zu Tumulten. Die Abgeordneten fliehen regelrecht aus dem Saal. Sie haben Angst um ihr Leben. Nur Wallacy bleibt regungslos sitzen und vergräbt sein Gesicht in seinen Händen. Als er sich schließlich erhebt, wollen ihn Polizisten zum Verhör bringen. Erneut kommt es zu Tumulten. Seine Fans wollen ihn befreien. Wallacy will dagegen nur seine Söhne in die Arme schließen. Die Situation droht völlig zu eskalieren. Daher darf Wallacy zunächst nach Hause fahren, um sich dort ungestört von seiner Familie zu verabschieden. In ein paar Stunden will ihn die Polizei dort abholen und in U-Haft nehmen, bis die Vorwürfe geklärt sind. Doch als die Polizei am Haus ankommt, ist Wallacy weg. Er ist geflohen. Die Polizei schreibt ihn umgehend zur Fahndung aus. Wallacy taucht in der Zwischenzeit bei Freunden unter, während seine Anwälte an einem Deal arbeiten. Der lautet, Wallacy stellt sich den Ermittlern, wenn er eine Einzelzelle im Gefängnis bekommt. Würde er nämlich in eine der üblen Gemeinschaftszellen gesteckt werden, dann würde er wohl nur ein paar Minuten überleben. Wir haben ja bereits erwähnt, dass er von den Häftlingen total gehasst wird.

Und weil es so schön ist, wird es jetzt wieder. Ein bisschen skurril. Eine Einzelzelle bekommt im Manaus nämlich nur jemand mit einem Hochschulabschluss. Da aber der mittlerweile 51-Jährige Wallacy sein Studium vor 30 Jahren abgebrochen hat, müsste er an sich mit Schwerkriminellen in eine Sammelzelle untergebracht werden. Mehrere Tage verhandeln die Anwälte mit den Behörden. Dann wird Wallacy die Einzelzelle zugestanden. Am 9. Oktober 2009 lässt er sich daher widerstandslos festnehmen. Er kommt für ein paar Wochen in Untersuchungshaft. Anfang Dezember 2009, also lediglich zwei Monate nach seiner Verhaftung. Da beginnt der Prozess gegen ihn, seinen Sohn und weitere Angeklagte. Wobei es sich dabei eher um eine Art Vorprozess handelt. Ist der Richter von der Schuld der Angeklagten überzeugt, dann folgt in Brasilien bei Kapitalverbrechen ein Geschworenenprozess. Bei einer späteren Verurteilung drohen den Angeklagten dann bis zu 30 Jahre Haft. Normalerweise dauern die Vorbereitungen für solche Prozesse viele Monate und es kann sogar in die Jahre gehen. Wir haben es hier ja primär mit einem Indizienprozess zu tun. Ein Geständnis gibt es nicht. Noch dazu ist einer der Angeklagten ein Prominenter. Da sollte man meinen, dass die Staatsanwaltschaft ihre Anklage auf sattelfeste Beine stellt.

Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Vertreter der Anklage stützen sich lediglich auf einen einzigen Zeugen, den wir bereits kennen. Es ist der kriminelle Moa, dessen Aussagen sich ständig ändern. Der Prozess startet aber ohne den Angeklagten. Denn Wallacy befindet sich seit dem 2. November 2009 im Krankenhaus und wird dort behandelt. Die Online-News-Seite D24 Amazonas berichtet, dass er unter extrem starken Schmerzen im Unterleib und in der Brust leide.

Erst nach dreieinhalb Monaten wird er am 16. Februar 2010 aus dem Krankenhaus entlassen und darf nach Hause. Dort muss er aber im Hausarrest bleiben. Bei dem Prozess wird zunächst nur ein Mord verhandelt. Das Opfer war ein Drogendealer. Nachdem die Anklage verlesen ist, tritt Moore am 17. Dezember 2009 in den Zeugenstand. Moore sagt aus, dass er zusammen mit Raphael und einem Fahrer den Mord beging. Der Auftrag kam dazu direkt von Wallacy. Das Motiv sei Rache gewesen. Der Dealer soll Wallacys Bruder Ulisses vor Jahrzehnten süchtig gemacht haben und deshalb Schuld an dessen Tod sein. Auch Wallacy darf sich zu den Vorwürfen äußern. Er macht seine Aussage im Krankenhaus und er bestreitet eine Tatbeteiligung. Beweisen kann man ihm ja nach wie vor nichts. Er steht Aussage gegen Aussage. Bei seinem Sohn Raphael sieht die ganze Sache dagegen schon anders aus. Augenzeugen des Mordes bestätigen die Version von Moa und identifizieren Raphael als Täter.

Dreieinhalb Monate nach Moas Aussage gibt es am 29. März 2010 eine erste Gerichtsentscheidung. Wallacy, Raphael, Moa und der Fahrer müssen sich einem geschworenen Prozess stellen. Wallacy bekommt die Entscheidung des Gerichts allerdings nur aus der Entfernung mit. Sein Gesundheitszustand hat sich erneut verschlechtert. Seit dem 8. März 2010 liegt er in einem Krankenhaus in Sao Paulo. Er kann kaum mehr das Bett verlassen. Dennoch wird er rund um die Uhr von schwer bewaffneten Polizisten bewacht.

Ab dem 11. Juni 2010 geht es ihm immer schlechter. Er muss auf die Intensivstation verlegt werden. Wegen seiner Lebererkrankung kommt es zu Komplikationen an Nieren und Lunge. Kurz danach wird er in ein künstliches Koma versetzt und bekommt lebenserhaltende Maßnahmen. Am Nachmittag des 27. Juli 2010 stirbt er schließlich um 16 Uhr mit 51 Jahren an einem Herzstillstand. Der Prozess gegen Wallacy wird daraufhin eingestellt. Gegen Tote werden keine Urteile verhängt, so ist es ja bei uns auch. Ob er also wirklich schuldig war, es ist bis heute unklar. Sein Leichnam wird anschließend nach Manaus überführt und sein Begräbnis gleicht einem Staatsakt. Tausende Anhänger stehen am Straßenrand, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Auch sein Sohn Raphael darf für ein paar Stunden aus dem Gefängnis und am Begräbnis teilnehmen.

Der Prozess gegen Moa, Raphael und den Fahrer geht allerdings weiter. Zuerst werden Moa und der Vater vor dem Richter gerufen. Er verließ das Urteil der Geschworenen. Das Urteil lautet Freispruch. Im Gegensatz zu den anderen beiden wird Raphael von den Geschworenen für seine Tatbeteiligung an dem Dealermord zu neun Jahren Haft verurteilt. Warum die Geschworenen so unterschiedliche Urteile fällen, das ist nicht bekannt. Möglicherweise wird Raphael in eine Art Sippenhaft genommen und muss die Strafe absitzen, die aus Sicht der Geschworenen eigentlich seinem verstorbenen Vater gegolten hätte. Aber das ist reine Spekulation.

Moa, also hier musste ich schon fast ein bisschen lächeln, ehrlich gesagt, wird kurz nach seinem Freispruch erneut wegen Drogenhandels verhaftet und verurteilt. Was vielleicht nicht ganz so witzig ist, aber kurz vor seiner Entlassung verbrennt er im Jahr 2013 bei lebendigem Leib im Gefängnis. Wer hinter der Tat steckt, wird nie aufgeklärt. Raphael wird nach fünf Jahren Haft im Jahr 2015 vorzeitig auf Bewährung entlassen. Laut der Doku 60 Minutes Australia beteuert er bis heute seine Unschuld und die seines Vaters.

Canal Livre ging zwischen 2013 bis 2017 übrigens sogar wieder auf Sendung. Dieses Mal mit Carlos Sosa, dem Bruder von Wallacy, als Moderator. Auch Wallacys Sohn Willacy, der Bruder von Raphael, der versucht auch in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Der mittlerweile 30-Jährige macht Straßenreportagen, die er in seiner TV-Sendung Sinal Livre zeigt. Er engagiert sich in der Partei Avante, bekleidet dort aber kein Amt. Angst davor, dass ihn das gleiche Schicksal erteilt wie sein Vater, hat er nicht. Er sagt, ich habe keine Angst davor, ermordet zu werden.

So, jetzt muss ich erst mal durchatmen, oder? Ja, was für ein Fall. Wahnsinn. Also ich hatte auch wirklich Mitleid zwischendurch mit dem Sohn, muss ich sagen, mit Raphael. Ich habe mal versucht zu errechnen, der muss echt jung gewesen sein, in seinen Zwanzigern. Und dann sagt der irgendwie, hier komm, leg mal jetzt die und die Leute um. Also das fand ich irgendwie krass. Du? Voll, ja. Und ich habe mich auch die ganze Zeit gefragt, wie ist es damals den Leuten aus der Bevölkerung ergangen, die das ja so live miterlebt haben. Weil du hast da dein Idol, du hast da deinen TV-Moderator, den du total gerne magst und plötzlich werden dem so krasse Sachen vorgeworfen. Ich kann es schon verstehen, dass die das erstmal nicht geglaubt haben und gesagt haben, nee, das ist so absurd. Dein Markus Lanz Beispiel war vorhin eigentlich ganz passend. Und wenn das hier so passieren würde, wie du sagst, das kann man sich nicht vorstellen, weil es so absurd ist.

Und ja, also der ganze Fall ist so verzwickt. Es gibt so viele Wendungen und ja, da fehlen fast jetzt hier die Worte. Ja, aber vielleicht findet ihr sie ja oder habt eine Theorie, was da passiert ist. Vielleicht erzählt uns auch ein bisschen, was ihr zu Moa denkt, weil der scheint ja wirklich eine bunte Figur gewesen zu sein. Was auch immer ihr denkt, ob ihr den Podcast mögt, dann schreibt uns sowieso, wenn ihr nicht mögt, schreibt uns nicht. So oder so, gebt uns gerne fünf Sternchen, wenn ihr mögt, markiert das Glöckchen, dass ihr auch die neuen Folgen nicht verpasst und wir sehen uns oder hören uns viel mehr nächsten Donnerstag. Bis dahin erstmal bleibt safe da draußen. Eure Ricardia und eure Anne. Danke an unser Team von Open Minds Media. Executive Producer Rüdiger Barth, Konzeption Peter Greve, Rüdiger Barth und Manfred Neumann. Autor Stefan Weber. Producer Ricardia Bremley. Den Schnitt machte Lilli Johansen. Zusätzliche Unterstützung von Falco Schulte.