Heute setzen wir unserem Podcast die Krone auf. Es geht um eine der mächtigsten Frauen aller Zeiten, die als die Großmutter Europas galt und deren Leben ab Sekunde 1 bedroht ist. Aber sie ist noch viel mehr. Sie fährt als erste Regentin mit dem Zug, sprich Deutsch, Latein und Urdu. Sie ist ein Technikfreak und liebt, Achtung, Sex, Drogen und Macht. Sie hinterlasst 141 Tagebücher, die heute im Schloss Windsor aufbewahrt werden. Daher kommen viele der Informationen heute von ihr selbst. Sie lehnt sich sogar gegen Hofintrigen auf, überlebt acht Attentate, ja genau acht, und sie ist die Urmutter aller Royal Superstars. Ihren Namen habt ihr alle hundertprozentig schon mal gehört. Aber im Geschichtsunterricht kommt es manchmal viel zu kurz. Wie faszinierend diese Frau eigentlich war. Ihr werdet mit uns in Kutschen sitzen, ihr werdet über Weltkarten grübeln und die Last der Krone spüren. Das klingt jetzt alles sehr nach Bridgerton. Nur vielleicht mit mehr Attentaten, denn die mächtigste Frau der Welt hat nicht nur viele, sondern auch ungeahnte Feinde.

Wir sprechen heute über Königin Victoria, die so einflussreich ist, dass eine ganze Epoche nach ihr benannt wird. Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen, ja fast royalen Folge von Im Schatten der Macht. Mein Name ist Anne Luckmann. Ich bin Riccardia Bramley. Heute haben wir also eine History-Folge, die euch hoffentlich genauso packt wie uns.

Denn sage und schreibe, sieben Männer versuchen die Königin zu töten. Dazu haben wir auch die größte Queen-Victoria-Expertin Deutschlands eingeladen. Von Carina Urbach hören wir noch ein bisschen mehr zu den versuchten Morden.

Alles, was sich im Schatten der Macht abspielt, ist faszinierend. Darum geht's ja in unserem Podcast. Und vor allem eine mächtige Frau ist im 19. Jahrhundert vielen ein Dorn im Auge. Da ist zwar vieles im Umbruch, aber die Rollen- und Geschlechterbilder, die sind noch ziemlich steif. Wir gehen also zurück ins Jahr 1897, wo in London Königin Viktoria ihr Diamantinis also 60 Jahre auf dem Thron feiert. Und es ist das Jahrhundert-Event. Die Welt schaut gebannt auf die englische Hauptstadt, wo in einer goldenen Kutsche eine kleine ältere Dame sitzt und vor Rührung weint. So schreibt es der National Geographic. Es ist Victoria, die bis dahin am längsten regierende Königin der Erde, die alle Versuche überlebt hat, sie zu töten oder aus dem Amt zu mobben. Sie ist einfach immer noch da und jeder vierte Mensch weltweit lebt zu diesem Zeitpunkt unter britischer Herrschaft. Nochmal, ne? Jeder vierte Mensch ist Teil des British Empire.

Das Imperium erstreckt sich von Kanada bis Südafrika, von Trinidad bis Australien. Victorias Bild hängt in allen Amtsstuben und Gerichten und zahllosen Privathaushalten von Hongkong über Singapur, Kenia, Nigeria bis Uganda. Zu ihrem XXL-Reich gehören auch strategisch wichtige Seewege wie der Suezkanal und Inseln wie Mauritius, Malta, Silom, das ist übrigens das heutige Sri Lanka.

Die Falklands, Helgoland und Trinidad und Tobago. Mehr als sechs Jahrzehnte lang ist das British Empire das größte Kolonialreich. Millionen Menschen kennen in ihrer Lebenszeit nur Queen Victoria, so wie das später auch Queen Elizabeth II. War. Das viktorianische Zeitalter steht aber auch für technologischen Fortschritt, Wirtschaftsboom und prachtvolle Architektur. Während Frankreich seine Monarchie mit der Französischen Revolution 1789 komplett abgeschafft hat, ist man in Großbritannien stolz darauf, eine Weltmacht mit Krone zu sein. Und da wird so ein Thronjubiläum natürlich ordentlich gefeiert. Am Sonntag, den 22. Juni 1897, singen eine halbe Million Menschen in London die Nationalhymne God Save the Queen, also Gott schütze die Königin. Sie alle feiern Victoria, die Königin von Großbritannien und Irland, Kaiserin von Indien, Herrscherin über das größte Reich der Erde. Ihre offene Kutsche wird von acht Schimmeln gezogen, eine Situation, die ihr ganzes Leben lang brandgefährlich war.

Aber von der Fahrt und dem Jubel scheint sie gar nicht so viel mitzukriegen. Königin Victoria ist 79 Jahre alt, sieht und hört schlecht, hat Rheuma in den Beinen und kommt nicht in die St. Paul's Chapel, wo schon Chöre erklingen. Daher singt ein Knabenchor, so schreibt die Welt, draußen vor der Kirche. In dieser riesigen Kirche, in der auch Prinzessin Diana und Charles geheiratet haben, warten Vertreter aus aller Welt, viele in exotischen Uniformen. Eine Folge zu Diana und ihrem Schatten der Macht könnt ihr übrigens auch bei uns hören. Da haben wir erst vor kurzem eine Folge drüber gemacht.

Aber zurück zur Königin Victoria. Es ist ein Fest, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Eines der ersten globalen Mega-Events und das noch lange vor dem Fernsehen und dem Internet. Ja, und London ist gerade erst in den Rang der schicken Metropolen wie Paris und St. Petersburg aufgestiegen. Es wurde vom übel riechenden grauen Industriemolloch an der Themse Mitte des Jahrhunderts zur Prachtstadt. Und zwar unter der Herrschaft von Victoria. Vorher rauchten hier die Fabrikschlote und die Infektionskrankheit Cholera brach immer wieder aus. Jetzt wird in der Hauptstadt der reichsten Nation der Welt wie wild gebaut. Und zwar Gebäude, die viele von euch vielleicht von ihrem London-Besuch kennen. Zum Beispiel das Royal Opera House, das Westminster-Parlamentsgebäude oder die Tower Bridge. Schon damals leben in London 6,5 Millionen Einwohner. Die Metropole explodiert regelrecht.

Hunderttausende Einwanderer kommen, weil sie am wachsenden Wohlstand teilhaben wollen. Abseits der prunkvollen Royal-Umgebung gibt's aber viele Revolten. In den armen Vierteln sorgen Hunger und Krankheiten immer wieder für Aufstände. Zehntausende Menschen demonstrieren nach dem Vorbild der französischen Revolution gegen die Obrigkeit und für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen und das Wahlrecht für alle. Und erst seit 1867 darf ein Drittel der Briten wählen, aber nur die Männer. Überhaupt lebt ein Großteil der Menschen nicht wirklich gut. Wenn man nicht reich ist, gibt es auch keine finanzielle Absicherung. Es herrscht auch der Glaube, dass Menschen, denen es schlecht geht, eventuell selbst schuld dran sind. Gott bestraft sie für etwas. Diese Art Gesellschaft kann den einen oder anderen psychisch herausfordern, wie wir nachher sehen werden.

Aber zurück zum Thronjubiläum der Regentin Victoria, die mit fast 80 ein Rekordalter hat. Denn die durchschnittliche Lebenserwartung in dieser Zeit liegt gerade mal bei 40 Jahren. Das ist wirklich nicht besonders hoch. Aber ja, es gibt ja auch keine gute Krankenversorgung. Es herrscht mangelnde Hygiene und wichtige Medikamente wie zum Beispiel Antibiotika sind ja noch gar nicht erfunden. Und über all dem herrscht auch noch Verklemmtheit und Prüderie. Zwischen den 1830ern und 1900, das klingt ein bisschen lustig, werden Damen vom Arzt nur mit Stofftuch über der Hand untersucht, damit sie die nackte Haut nicht berühren. Manchmal müssen sie auf eine lebensgroße Stoffpuppe deuten, um zu zeigen, wo es wehtut. Kein Wunder, dass viele Krankheiten gar nicht erst erkannt werden. Die Mode ist hochgeschlossen. Über Sex wird gar nicht erst gesprochen. Das ändert sich aber mit Victoria. Denn auch wenn sie nicht groß drüber spricht, lebt die Königin ein gesundes Verhältnis zur Sexualität. Millionen Menschen kennen ihre Bilder mit der weißen Witwenhaube und dem ernsten Gesichtsausdruck. Aber sie hat eine überaus vielschichtige Persönlichkeit.

Prinzessin Alexandrina Victoria von Kent wird am 24. Mai 1819 im Kensington Palace im Westen von London geboren. Es ist der Kensington Palace, in dem heute immer noch Royals leben. Auch Kate und William haben im Apartment 1A ihre Londoner Residenz. Aber dieser Palast ist damals ziemlich runtergekommen.

Victoria wächst zwischen verschlissenen Tapeten, Stuckdenken mit Wasserflecken und staubigen Ahnportraits auf. Alles ist kalt, dunkel und hat irgendwie einen leichten Lost-Place-Touch. Der Grund dafür ist, dass ihr Vater Edward Schulden hat. Der amtierende König William, Victorias Onkel, lässt die arme Verwandtschaft aber immerhin mietfrei dort wohnen. Victoria wird also mit einem tollen Titel und einer Top-Adresse geboren, ansonsten ist ihre Zukunft aber unklar. Eigentlich stehen über Victoria noch ihr Vater Edward und drei Onkel in der Thronfolge. Sie ist an Position 5, da, wo heute Prinz Harry steht. Die drei vorherigen Könige, George IV., Friedrich Herzog von York und Wilhelm IV., haben aber alle keine ehelichen männlichen Nachkommen, wodurch die Thronfolge für weibliche Nachkommen geöffnet wird. Wenn die Onkel alle vor Victoria sterben, dann hat sie tatsächlich eine reelle Chance, Königin zu werden. Im Jahr ihrer Geburt, also 1819, stirbt Vater Edward. Es herrscht ihr Onkel William IV. Auch er bleibt kinderlos. Und jetzt ist es klar. Wenn der stirbt, wird sie Königin. Aber sie muss überleben. Es gilt also nicht nur, Krankheiten abzuwehren und Unfälle zu vermeiden. Es gibt außerdem im Umfeld der Familie einige, die sich die Krone unter den Nagel reißen wollen und dafür vielleicht auch ziemlich weit gehen würden.

Victorias Leben ist im Prinzip also schon ab Sekunde 1 bedroht.

Die Mutter steigert sich so in diese Idee hinein, dass sie das sogenannte Kensington-System etabliert. Viktoria wird als Kind fast zu Tode behütet. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr schläft sie bei ihrer Mutter, darf keinen Schritt alleine machen, im Palast nicht mal alleine die Treppe hinuntergehen und raus darf sie schon gar nicht. Ja, das ist wirklich unvorstellbar, wie sie aufgewachsen ist. Dabei ist Viktoria total aufgeweckt. Sie spricht mehrere Sprachen, darunter Deutsch und Latein. Sie will lieber Victoria als mit ihrem Erstnamen Alexandrina angesprochen werden und wehrt sich immer stärker gegen diese Überwachung. Denn hinter dem Kensington-System stecken gleich mehrere Leute. Allen voran ein mächtiger Strippenzieher namens John Conroy. John Conroy ist ein enger Vertrauter von Victorias deutscher Mutter, der Herzogin von Kent, einer geborenen Sachsen-Koburg. Zusammen mit ihr und der Hofdame Flora Hastings setzt er alles daran, Victorias Regentschaft zu sichern. Das ist reines Machtkalkül.

John Conroy war nämlich schon Privatsekretär von Victorias Vater, dem Duke of Kent. Und der ernennt ihn vor seinem Tod zum Nachlassverwalter. Und, weil außer Schulden und maroden Palästen nicht viel zu verwalten ist, konzentriert sich Conroy darauf, Victoria zur Königin zu machen. Seine große Hoffnung ist es, sich unverzichtbar zu machen und dann irgendwann Privatsekretär der künftigen Queen zu sein. Dafür schirmen er und die anderen Victoria komplett von der Außenwelt ab. Übrigens auch von allen Einflüssen im Palast.

Da springen ja doch ein paar Menschen herum, Bedienstete und Verwandte. Aber spielen darf die kleine Victoria nur mit Conroys Tochter. Ansonsten wird sie mit Unterricht auf ihre Rolle als Königin vorbereitet, lernt Ahntafeln, Konversationen und Sprachen. Es ist ein goldener Käfig. Andere Teenager würden bestimmt rebellieren. Aber als mögliche Thronfolgerin und in den 1830er Jahren hat die junge Victoria nur zwei Tickets in die, ich sag's mal vorsichtig, Freiheit.

Erst die Volljährigkeit und dann eine Ehe. Als ihr Onkel, König William IV., stirbt, wird sie am 20. Juni 1837 dann tatsächlich Königin. Mit gerade mal 18 Jahren. Diese Thronfolgeregelung stelle ich mir schon echt hart vor, denn man muss erst mal den Tod eines Angehörigen verkraften und in derselben Minute wirst du dann König oder Königin und musst sofort funktionieren. Mhm, aber Victorias erste Amtshandlungen sind ein Befreiungsschlag und ein Zeichen dafür, was für einen starken Willen diese junge Frau schon hat. Sie zieht aus den Gemächern ihrer Mutter aus. Später verbannt sie sie sogar aus dem Palast in eine Wohnung in der Nähe. Und sie feuert den Strippenzieher John Conroy.

Beide bekommen noch üppige finanzielle Zuwendung mit auf den Weg, sind aber faktisch aus dem Machtzentrum raus. Conroy bleibt Zeit seines Lebens Mitglied des königlichen Haushalts bei Victorias Mutter. Aber reinreden kann er der jungen Regentin jetzt nicht mehr. Ab jetzt hat sie auch keinen mächtigen Beschützer mehr. Und den wird sie noch brauchen, denn eine Menge Leute trachten ihr nach dem Leben. Victoria ist zwar ihr ganzes Leben lang auf diesen Moment vorbereitet worden, aber jetzt geht's Schlag auf Schlag. In ihr Tagebuch notiert die 18-Jährige, da mich die Vorsehung in diese Situation gesetzt hat, werde ich alles mir Mögliche tun, meine Pflicht zu leisten.

Aber charakterlich ist sie in all den Jahren hinter den Palastmauern natürlich nicht so sehr gereift. Wie auch, wenn man immer nur dieselben Menschen trifft. So kann man sich ja schlecht entfalten und ausprobieren. Und sofort schlittert die junge Thronfolgerin in einen Skandal, den sie ein bisschen selbst mit verursacht. In mehreren Arte-Dokus und auf Sky History wird der erläutert. Victoria hat mit dem Kensington-System noch immer eine Rechnung offen. Und zudem gehörte auch die Hofdame Flora Hastings, die wir ja schon erwähnt haben. Die hübsche Blondine bekommt Anfang 1839 einen immer dickeren Bauch. Das notiert die junge Viktoria im Februar in ihrem Tagebuch und streut aktiv das Gerücht, die Hofdame sei schwanger, und zwar vom Privatsekretär John Conroy. Bei einer ärztlichen Untersuchung stellt sich dann aber heraus, Flora Hastings ist noch Jungfrau.

Sie hat aber leider einen aggressiven, schnell wachsenden Lebertumor. Da hat die Königin also einer krebskranken Frau eine Affäre unterstellt. Ja, sie ist halt noch sehr jung und sehr wütend wegen ihrer gestohlenen Kindheit und Jugend sozusagen. Und für diese unbedachte Aktion wird sie auch richtig auf den Thron gesetzt, noch vor ihrer Krönung. Die Presse schäumt. Floras Familie veröffentlicht eine Richtigstellung in der Zeitung. Und Viktoria besucht die Schwerkranke schließlich. Am 5. Juli 1839 stirbt Flora mit 33 Jahren.

Bei ihrer Beerdigung, so erzählt es die Historikerin Fern Rydell auf Arte, rufen die Leute laut, hier liegt das Opfer, aber wo ist die Mörderin? Es ist das, was wir heute einen Shitstorm nennen würden. Und Gegner der Monarchie witzeln schon, dass das das Ende des Königshauses ist. Aber Victoria lernt dazu und bekommt bald auch einen mächtigen Mentor an die Seite. Die ersten Jahre wird sie vom britischen Premierminister William Lamb, a.k.a. Lord Melbourne, unterstützt. Der ist vier Jahrzehnte älter als sie, also Ende 50, und die Geschichtsschreibung streitet sich lange darüber, wie die beiden zueinander stehen. Laut BBC sind sie aber nur enge Freunde. Die Königin und ihr Premier reiten zusammen aus und verbringen viele Stunden zusammen. Er bekommt sogar ein privates Schlafzimmer im Schloss Windsor. Und, Fun Fact, die australische Stadt Melbourne ist nach ihm benannt.

Lord Melbourne ist ein extrem wichtiger Ratgeber für Victoria. Quasi ihr Kronjuwel. Was jetzt noch fehlt, ist die Krone selbst. Am 28. Juni 1838 wird Victoria um 4 Uhr früh durch Kanonschüsse geweckt. Ganz London ist im Ausnahmezustand.

Durch die neu gebaute Eisenbahn sind fast 400.000 Menschen in der Hauptstadt, um die Krönung zu sehen. Der Albtraum aller Security-Leute. Das bedeutet, 400.000 Mal kann sich jemand aus der Menge lösen und schießen oder zustechen. Die Königin ist an ihrem wichtigsten Tag also auch in Gefahr. Das Parlament hat fast 80.000 Pfund für die pompöse Zeremonie bewilligt. Doppelt so viel wie geplant. Das wären heute etliche Millionen. Die Bevölkerung erhofft sich einen schönen Tag und ein bisschen Glamour. Bis dahin sind Krönig und in England nur eine Sache für Amtsträger. Bei Viktoria aber ist die Fahrt in der goldenen Krönungskutsche extra so angelegt, dass möglichst alle Menschen einen Blick auf ihre Königin werfen können. Es ist auch der Beginn der Mega-Events fürs Volk.

Im Londoner Hyde Park ist ein richtiger Jahrmarkt aufgebaut. Man lässt Ballons steigen und im Green Park gibt es abends sogar ein Feuerwerk. Das Wetter ist dazu auch noch traumhaft schön. Was noch niemand ahnt. Es wird der Beginn einer neuen Ära voller Wohlstand und Stabilität für die Briten. Für Victoria wird es ein jahrzehntelanges Sicherheitsrisiko. Sie muss präsent sein. Und doch sicher. Von vielen wird sie schlicht gehasst. Ihr Cousin George zum Beispiel ätzt, eine Frau auf dem Thron einer so großen Nation, wie lächerlich. Tja, der wird sich schon sehr bald wundern, denn das ganze Land erlebt unter Victoria sein blaues Wunder. Die Queen schreibt in ihr Tagebuch, ich liebe es, beschäftigt zu sein. Ich hasse Müßiggang. Bei Victorias Krönung gibt es eine Prachtparade vorm Buckingham Palace. Aus der Kutsche grüßt die neue Königin, die seit fast einem Jahr schon Königin ist, aber erst heute offiziell. Übrigens wird sie sich laut Welt ihr Leben lang ungern mit Krone zeigen. Die fünfstündige Zeremonie in der Westminster Abbey ist in zahlreichen Gemälden festgehalten. Die Krone mit Diamanten, Rubinen und Saphiren, die ihr der Erzbischof von Canterbury aufsetzt, ist über zwei Kilo schwer.

Es läuft aber nicht alles rund an dem Tag. Zum Beispiel ist der Ring zu klein und wird auch noch an den falschen Finger gesteckt. Trotzdem wird Viktoria später sagen, es sei der stolzeste Tag ihres Lebens gewesen. Zweimal zieht sie sich während der Zeremonie in einem Nebenraum um.

Ungefähr tausendmal ist sie in Gefahr, denn natürlich überprüft niemand jeden einzelnen Gast oder Zuschauer. Und danach geht die Jagd auf den Traumprinzen los. Viktoria geht auf Bälle, lernt viele junge Männer aus dem Hochadel kennen. Ich habe mich so gefreut für sie, als ich das gelesen habe.

Die 1,52 Meter kleine oder große Viktoria ist nach Meinung einiger Zeitgenossen keine Schönheit. Sie hat große, herausstehende Augen und einen etwas verkniffenen Mund. Dafür ist Viktoria aber offenbar sehr genießerisch veranlagt. Sie ist kurvig und liebt Essen. Sie isst wie ein Pferd, schreibt ein Kronist 1837. So what? Sie feiert ziemlich wild, sogar Drogen sollen im Umlauf sein. Und laut dem Podcast Forbidden History kaut sie mit dem Politiker und späteren Premier Winston Churchill mit Kokain-umhüllte Kaugummis. Im 19. Jahrhundert rauchen viele Leute Opium, wie Shishas heute quasi. Aber Victoria nimmt laut Historikern zusätzlich Laudanum. Das ist eine Mischung aus Opium und Alkohol. Sie nimmt es auf ein Taschentuch geträufelt, als Tinktur gegen Periodenschmerzen und Migräne.

In ihr Tagebuch schreibt sie, Drogen seien herrlich beruhigend und berauschend. Nach außen wirkt sie bodenständig, aber Viktoria bricht in ihrer Lebenszeit gleich mit mehreren ungeschriebenen Gesetzen für Damen der Gesellschaft. Auch mit dem der Vernunft eher. Sie will aus Liebe heiraten, was damals an Königshöfen ein unerhörter Gedanke ist. Als sie 1839 nach mehr als einem Jahr Suche ihren gleichaltrigen Cousin Albert trifft, der mit seinem Bruder aus Deutschland zu Besuch ist, ist sie hin und weg. Der große, kluge Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha verzaubert die Königin. In ihr Tagebuch schreibt sie, er sei wunderschön, habe einen hübschen Mund, eine schöne Nase und herrlich blaue Augen. Albert ist bei den Untertanen erstmal nicht beliebt, aber sozial und engagiert. Er wird ihr ein wichtiger Berater, der ihre Reden schreibt und sie in allen Belangen unterstützt. Den Heiratsantrag muss als Ranghöhere aber Victoria selbst machen. Das ist damals und teilweise ja auch heute noch ungewöhnlich, dass die Frau um die Hand des Mannes anhält.

Am 10. Februar 1840 heiraten die beiden. Dennoch wird Victoria übrigens laut dem Podcast Forbidden History von etlichen Männern gestalkt. Einer versucht sogar, Victorias Unterwäsche aus der Wäscherei des Buckingham Palace zu klauen und wird dafür ins Gefängnis gesteckt. Edward Jones heißt er. Und das ist eine echt kuriose Geschichte. Ja, denn als der Stalker aus dem Gefängnis rauskommt, schleicht er sich sofort wieder in den Palast. Und dort setzt er sich auf Victorias Sofa, legt sich in ihr Bett und schleicht durch den Palast. Am Ende wird er nach Australien deportiert. Später wird noch ein weiterer Mann in den Palast eindringen und Victoria sogar gegenüberstehen. Nur durch beherztes Eingreifen der Palastbediensteten wird auch er festgenommen, bevor Schlimmeres passieren kann. Aber es gibt nicht nur Übergriffe von Stalkern, sondern auch von Feinden. Am 10. Juni 1840 steht ein junger Mann namens Edward Oxford in der Menschenmenge vom Buckingham Palace. Er ist ein gutaussehender Einzelgänger und er hat seit drei Jahren nur eine Fantasie, nämlich die Königin zu treffen.

So steigert sich der einsame Gelegenheitsbarkeeper in so einen nicht nachvollziehbaren Hass hinein. Bis er an diesem sonnigen Tag mit einer Reihe Schaulustiger vor dem Palast steht, in der Hoffnung, dass die Königin in einer Kutsche vorbeifährt. Edward kommt aus einer kinderreichen Familie voller Gewalt und hat schwere psychische Probleme. Sein einziger Lichtblick? Sich in die Nähe der jungen Königin zu fantasieren. Als er seinen Job verliert, kauft er sich zwei Pistolen und schmiedet einen irren Plan. Am 10. Juni 1840 wartet er dann mit seinen beiden Pistolen in den Jackentaschen in der Menschenmenge vor dem Palast. Mehrmals die Woche fährt die Königskutsche durch den Hyde Park ins Theater. So auch heute um 18 Uhr. Edward greift in die Taschen. Er tritt schnell an die Kutsche ran und feuert aus der einen Pistole, aus etwa zwei Meter Entfernung. Der Schuss verfehlt die Königin. Da zieht er die zweite und schießt noch einmal. Jetzt sieht Viktoria ihn und duckt sich. In der Menge bricht Panik aus. Laut BBC Sounds Podcast Killing Viktoria weist Viktoria den Kutscher an, weiterzufahren. Sofort wird Edward umzingelt und verhaftet. Und stolz gesteht er, ja, ich habe auf die Königin gefeuert. Edward wird im Prozess für uns rechnungsfähig erklärt und kommt in ein psychiatrisches Gefängnis. Er emigriert später auch nach Australien.

Am 12. Mai 1842 fahren Viktoria und Albert in ihrer Kutsche vom Sonntagsgottesdienst in St. James zurück zum Buckingham Palace. Da bemerkt Albert in der Menschenmenge am Straßenrand einen jungen Mann, der mit einer Pistole herumfuchtelt. Schon wieder. Es löst sich aber kein Schuss und der Mann kann fliehen. Und jetzt sieht man mal, wie mutig Viktoria ist. Weil sie nämlich unbedingt wissen will, wer sie da töten wollte, fährt sie entgegen aller Warnungen einen Tag später die Strecke nochmal ab. Irgendwo da draußen läuft noch jemand rum, der sie töten will. Und sie will ihn stellen. Und dieser Attentäter versucht es tatsächlich auch noch ein zweites Mal. Und dieses Mal schießt er. Die Umstehenden schreien und sind geschockt. Die Kugel verfehlt Victoria aber zum Glück.

Polizeibeamte in Zivil nehmen den Schützen fest. Er heißt John Francis und ist ein Zimmergeselle mit Geldproblemen. Sein Vater und er haben als Bühnenarbeiter am Theater in Covent Garden gearbeitet, wo Viktoria regelmäßig zu Besuch ist. Danach geht er mit einem Tabakshop bankrott. Und dann besorgt er sich eine Pistole und plant eine Verzweiflungstat, die berühmteste Frau der Welt zu töten. John Francis wird zum Tode verurteilt. Und jetzt kommt's. Die Königin selbst wandelt die Strafe später in eine lebenslange Haft um. Doch auch diese Strafe wird verkürzt. Und John wird nach Tasmanien deportiert, wo er nach einigen Jahren im Arbeitslager eine Frau kennenlernt und mit ihr zehn Kinder bekommt. Beide Männer, die versucht haben, Queen Victoria zu töten, landen also in Australien. Weil es damals so üblich war, Kriminelle dorthin zu bringen. Viktoria und Albert haben also Glück im Unglück. Bei allen Taten bisher stellen sich die Täter extrem ungeschickt an. Bei den meisten ist das Motiv, einmal der Königin nah sein und mit einer Wahnsinnstat berühmt werden. Aber wie lange kommt sie denn jetzt noch heil davon?

Victoria und Albert kaufen sich ein Domizil, das zu ihrem Safe Place wird. Osborne House auf der Isle of Wight, nur mit einer Fähre erreichbar. Daneben residieren sie auf dem Schloss Windsor nahe London, arbeiten im Buckingham Palace und kaufen sich noch das schottische Schloss Balmoral, wo die Royals heute noch ihren Sommerurlaub machen. Das liegt abgeschieden in den Highlands, was allein aus Sicherheitsaspekten immer wichtiger wird. Denn zu den eben erwähnten Attentatsversuchen auf Viktoria kommen bald noch mehr. Am 10. Juli 1842 steht wieder eine Menschenmenge vor dem Buckingham Palace und versucht, einen Blick auf die Königin zu werfen. Ein 17-Jähriger namens John Bean steht auch dort. Er ist körperlich beeinträchtigt. Er ist vor Wochen von zu Hause weggelaufen und schläft auf der Straße. Und er will lieber ins Gefängnis, als weiterhin auf der Straße leben zu müssen. In der brütenden Hitze warten die Menschen auf die Queen, die in einem Kutschenkonvoi aus dem Sonntagsgottesdienst kommt. John Bean hat sich über einem Bekannten eine alte Pistole besorgt. Er zieht sie aus der Tasche und... Nichts. Die Waffe ist so alt und rostig, dass sie nicht feuert. Das Königspaar erfährt erst zu Hause von der missglückten Attacke. John Bean wird gefasst und wandert ins Gefängnis.

Vielleicht aus Angst, dass es Copycat-Crimes, also Nachahmer, gibt, beschließt das Parlament, die Strafen für solche Versuche drastisch zu verschärfen. Jetzt könnten Viktoria und Albert endlich wieder ruhig schlafen. Tun sie aber offenbar nicht. Aber aus anderen Gründen. Sie bekommen in den nächsten Jahren neun Kinder. Viktoria, Albert Edward, Alicia, Alfred, Helen, Louise, Arthur, Leopold und Beatrice.

Das Empire hat jetzt also eine Vorzeigekönigsfamilie. Und die hat viele Fans, aber auch Feinde. Im Mai 1849, in diesem Jahr wird Victoria 30 Jahre alt, fahren sie, Albert und drei ihrer Kinder abends durch den Hyde Park. Und schon wieder wartet ein Mann in der Menge. Sein Name ist William Hamilton. Er ist ein irischer, arbeitsloser Maurer. Und in seiner Tasche, na, ihr ahnt es, ganz genau, eine Waffe. Ja, diese Waffe zieht Hamilton und schießt. Trifft aber nicht. Die Königskutsche fährt weiter. Dafür lüncht die Menschenmenge den 22-Jährigen fast. Aufgrund der neun schärferen Gesetze zum Schutz der Königin wird er zur Arbeit in einem Straflager verdonnert und später ebenfalls nach Australien deportiert. Zu den Attentätern erzählt uns Carina Urbach jetzt auch noch ein bisschen mehr. Sie sind nämlich fast so spannend wie die Queen selbst. Die ersten drei Attentäter, das waren alles junge Männer.

Und das waren alles eigentlich Teenager, würden wir heute sagen, die wirklich sehr, sehr viele psychische Probleme hatten. Und da war auch sehr viel Armut im Spiel. Später dann ist ein reicher Attentäter, der also ein Offizier war und auch mentale Probleme hatte. Also das ist schon sehr interessant. Die waren irgendwie so Opfer auch der Gesellschaft. Einer war etwas bucklig und wurde deswegen gehänselt. Der andere hatte einen schwarzen Urgroßvater und da war auch wahrscheinlich Rassismus im Spiel.

Das war alles wirklich so, die waren so die Leftovers, also ein bisschen so die Outcasts der britischen Gesellschaft. Und die wollten natürlich dadurch auch, also einer von ihnen auf jeden Fall wollte dadurch berühmt werden. Sie wollten einfach ihr Leben, also Schluss mit ihrem Leben machen oder aus ihren tristen Verhältnissen raus mit diesem verrückten Akt. Und einer der Täter war auch ein Frauenhasser. Also ich meine, da waren schon so ein paar Differenzen in den Charakteren. Aber ganz interessant ist natürlich, dass dann später, also als sie nicht mehr die junge, schöne Frau ist, da kommen eher politische Motive rein bei den Charakteren.

Und da sind eben zwei, die einen irischen Hintergrund haben und die sich einfach rächen wollten für die englische Politik in Irland. Denn damals geht es um Homehold, also um die Selbstverwaltung von Irland. Und die wollten natürlich auf die furchtbare Situation, die Hungersnot, die Fähen hier in Irland, die sich national engagieren gegen die britische Herrschaft, die wollten darauf aufmerksam machen. Also das waren dann politisch motiviertere Attentate. Aber am Anfang waren das einfach sehr, sehr psychisch kranke junge Männer, die ihr Leben beenden wollten, mehr oder minder. Im Juni 1850 wartet ein blonder Mann mit Schnurrbart auf Viktoria und ihr Gefolge. Okay, der wievielte war das jetzt eigentlich schon? Der Mann heißt Robert Pate und ist wohlhabender Erbe und Soldat in seinem Regiment, auch als Mad Pate bekannt. Er lebt mit einem Diener direkt am Piccadilly Circus. Und das ist der direkteste Anschlag bis dahin. Robert Page schlägt der Königin nämlich mit seinem Silbergehstock dreimal auf den Kopf. Victoria blutet und die Narben sind danach noch sichtbar. Robert Page wird von Passanten festgehalten und kommt in eine psychiatrische Einrichtung. Und zieht später, ihr ahnt es doch bereits, nach Australien.

Die blutende Queen aber besucht an diesem Abend wie geplant die Theatervorführung. Ja, die ist echt hart im Nehmen, nach dem Motto Krone richten, weitermachen. Und das Volk liebt sie nach jeder überstandenen Attacke noch inniger. Viktoria und Albert gehen immer mehr dazu über, die Presse zu sich zu holen. Sie laden zu Home-Stories ein, lassen sich mit den Kindern fotografieren und auf Reisen begleiten. Denn in ihrem Zuhause haben sie mehr Kontrolle. Die Fotografie ist ja noch recht jung, aber Viktoria und Albert denken schon extrem fortschrittlich und posieren für Fotos, die auch mal private Momente zeigen. Viktoria ist ein echtes Vorbild für das boomende Empire, wo in Dampfschiffe, Eisenbahnen, Überseekabel investiert wird und technisch alles auf dem neuesten Stand ist. Und auch die Ausdehnung des British Empire über den ganzen Globus geht weiter. Allerdings auch mit einer dunklen Seite. Denn vom Dschungelbuchautor Rudyard Kipling kommt der Begriff der sogenannten natürlichen Überlegenheit der englischen Rasse. Der florierende Welthandel verhilft den britischen Kolonien ja erstmal zu Wohlstand. Die boomen nämlich plötzlich auch und werden zu Märkten für günstige Rohstoffe. Gold, Diamanten, Seide, Gewürze, Edelholz, alles wird hin und her verschifft. Aber all das hat natürlich auch einen Preis. Die Kolonien sind abhängig, hängen immer am Rockzipfel der Queen und werden ausgebeutet.

Leider gibt's auch kein Empire ohne Krieg. Der Krimkrieg 1854, an dem England beteiligt ist, wird dank der neuen Fototechnologie in drastischen Bildern in alle Welt übertragen. Und die bewegen die Königin Victoria wohl sehr. Bisher waren die Toten und Verwundeten und Gebietsgewinne ja nur Zahlen und Landkarten. Jetzt wird das ganze Leid konkret. Und Victoria zeigt sich als Frau der Tat. Sie strickt Wollsachen für die Soldaten, schickt Proviant in die Lager und inspiziert Militärkrankenhäuser. Außerdem gründet sie das Viktoriakreuz, um besonders tapfere Soldaten auszuzeichnen. Und sie macht sich für eine bessere ärztliche Versorgung stark. Das schreibt die Zeitung Westfälische Nachrichten. Aber der Krimkrieg ist nur einer von vielen Konflikten. Zu Victorias Reich zählen eine Milliarde Menschen weltweit und ihr Empire ist in insgesamt 229 Kriege und Aufstände verwickelt. Okay, wow.

Großbritannien ist auch die bedeutendste Handelsmacht der Welt und hat damit die Spanier, Holländer und Portugiesen abgelöst. Neue Erfindungen wie die Spinnmaschine, die Dampfmaschine und der erste Elektromotor zünden den Turbo für die Wirtschaft. London wird zum Zentrum des internationalen Kapitals. Viele Reedereien, Banken und große Versicherungen wie Lloyds siedeln sich hier an. Und mittendrin lebt die Royal Gross Family ihren Traum. Bis ein Schicksalsschlag das Glück beendet.

Denn Albert erkrankt schwer und stirbt nach nur fünf Wochen, 1861, mit gerade mal 42 Jahren. Als offizielle Todesursache wird Typhus angegeben. Historiker tippen aufgrund der Berichte aber eher auf Morbus Crohn oder Magenkrebs. 22 Jahre lang waren die beiden ein Paar und Viktoria ist am Boden zerstört. Und zieht sich erstmal zurück, verbringt ein Jahr komplett abgeschieden in Balmoral, ihrem Exil in den schottischen Highlands, und taucht ganze 13 Jahre lang kaum mehr irgendwo in der Öffentlichkeit auf. Ja, man versteht das ja natürlich total, aber es ist auch eine ganz schön radikale Entscheidung. Als Königin muss sie ja eigentlich regelmäßig vors Volk treten. Ja, und genau das nehmen ihr die Briten auch ziemlich übel. Und auch die Familie sorgt sich. Wohin steuert das Empire, wenn die wichtigste Galleonsfigur streikt und in Trauer versinkt? In der Zeit ihrer Abwesenheit liegt die Macht immer stärker bei Premierminister und Kabinett und Unterhaus. Der Laden läuft also weiter. Aber die Leute wollen ihre Queen, ihr Staatsoberhaupt, das sich jetzt nur noch mit einer weißen Witwenhaube zeigt, wenn überhaupt. Nur siebenmal in 40 Jahren eröffnet sie das Parlament persönlich. Sonst sieht und hört man nichts von ihr. Als sie langsam wieder in die Öffentlichkeit tritt, weiht sie 1867 die Royal Albert Hall in South Kensington zur Ehren ihres toten Mannes ein.

Bis ans Ende ihres Lebens wird sie einen Gipsabdruck seiner Hand in ihrem Schlafzimmer stehen haben. Halt gibt ihr ein besonderer Mann, der auch auf vielen Fotos zu sehen ist, ihr Diener John Brown, der sich auf ihrem Schloss Balmoral in Schottland um ihre persönlichen Belange kümmert.

Der Farmersohn aus Schottland ist sieben Jahre jünger als Viktoria und, so wie sie, ein absoluter Outdoor-Fan. So sagt es der Podcast Queens and Kings. Er liebt Dudelsackklänge, kalte Regenspaziergänge und Pferde. John Brown ist groß, gut aussehend und wettergegirbt. Ein richtiger Heilander mit Rauschebart, der immer die Nationaltracht Kilt trägt. Auch von ihm gibt's eine Menge Fotografien. Als Wildhüter und Pferdehüter wird er schon von Viktorias verstorbenem Mann Albert befördert. Jetzt ist sie Witwe und vertraut ihm. Ich denke mal, am Anfang nimmt er vielleicht auch so eine Art Beschützer- oder Therapeutenrolle ein. Und er scheint sie nicht ehrfürchtig zu behandeln, sondern direkt auf Augenhöhe. Angeblich heiraten die beiden sogar heimlich. Zumindest sagt er so etwas auf seinem Sterbebett. Aber Beweise gibt es dafür nicht.

Manchmal unterschreibt sie ihre Briefe sogar mit Mrs. Brown. Die Familie ist über diese unstandesgemäße Liaison not amused. John Brown schläft sogar im angrenzenden Zimmer und fungiert bei offiziellen Anlässen auch als Bodyguard. Den braucht sie auch. Im März 1882 wird nämlich der achte Anschlag auf Victoria verübt. Sie ist jetzt 63. Hört das nicht auf? Als sie am Bahnhof Windsor in ihre Kutsche steigt, hört man einen lauten Schuss. Der Täter, Roderick McLean, gibt an, er habe sich von Menschen bedroht gefühlt, die blau tragen. Er wird von zwei Studenten der nahegelegenen Elite-Schule Eton in Schach gehalten, bis die Polizei kommt. Im vielleicht kürzesten Prozess Englands, fünf Minuten, wird entschieden, der Mann ist, und da zitieren wir jetzt die Quellen, geisteskrank und wird bis zu seinem Tod in einem psychiatrischen Gefängnis weggesperrt. Kein Wunder, dass Victoria immer länger im abgeschiedenen Balmoral ist, wo John Brown auf sie aufpasst.

Ihm schenkt sie sogar ein Haus, was natürlich für Getuschel sorgt. Aber Victoria hält sich wohl an den Grundsatz Never complain, never explain. Beschwer dich nie, erklär dich nie. Mehr als zwei Jahrzehnte geht diese denkwürdige Beziehung zwischen Königin und Kammerdiener, bis John Brown 1883 im Alter von 56 Jahren stirbt. Victoria lässt ihm nahe des Schlosses Balmoral eine lebensgroße Statue bauen.

Sie ist jetzt 64 Jahre alt und musste schon die zweite große Lebensliebe begraben. Die letzten knapp zwei Jahrzehnte ihres Lebens sind politisch sehr ereignisreich. Das Wahlrecht für Männer wird auf 60 Prozent ausgeweitet und so verändern sich die Machtverhältnisse hin zu mehr Demokratie. Es können also immer noch nicht alle wählen, vor allem nicht die, die weder Ansehen noch Geld haben. Aber es führt dazu, dass noch ein paar Jahrzehnte später auch die ersten Frauen an der Wahl beteiligt werden. Was vielleicht auch noch interessant ist, Irland ruft immer lauter nach der Home Rule, also der Selbstverwaltung, scheitert jedoch. Noch. Die Queen selbst ist jetzt hochbetagt und weilt immer öfter auf ihren Landsitzen, wo kein Attentäter hinkommt. Aber sie muss sich trotzdem immer noch um die Konflikte in ihrem Reich kümmern. Viktoria ist vielleicht allein, aber nicht einsam. Denn drei Jahre später, 1887, im Jahr ihres goldenen Thronjubiläums, wird ein junger Inder zu ihrem neuen Diener. Abdul Karim. Er ist 22 Jahre alt. Viktoria zur Einordnung, mittlerweile Ende 60. Abdul soll zunächst erstmal nur im Esszimmer servieren, wird aber einer ihrer engsten Vertrauten. Das ist schon auffallend, dass immer nur Männer ihrer Vertrauten sind. Sie gibt ihm schon kurz nach Einstellung den Spitznamen Munchie. Das bedeutet auf Urdu so viel wie Rhetoriklehrer.

Viktoria lässt sich Sprachunterricht in Hindi und Urdu geben. Abdul darf sogar seine Frau und seine Familie zu sich holen und in einem Cottage in Palastnähe leben.

Viktoria erfindet sich immer wieder neu. Plötzlich interessiert sie sich für Essen und Kultur aus der britischen Kolonie Indien. Obwohl sie zur Lebzeit nie dorthin reist. Die Reise hätte viel zu lange gedauert, also bestimmt so um die sechs Wochen. Viele Historiker staunen bis heute über die immer wieder auflammende Neugier der älteren Königin. Ihre Familie findet das natürlich skandalös.

Abdul bringt ihr laut Vanity Fair bei, wie man Curry kocht, wie man Räume indisch dekoriert. In ihrem Landsitz Osborne House wird sogar ein ganzer Speisesaal umgestaltet. Der Derber Room ist mit einer riesigen Tafel versehen und opulent geschmückt und wird genutzt, wann immer internationale Gäste kommen. Ja, so aufgeschlossen und neugierig das alles klingt für Victoria war das sicher alles super spannend, keine Frage. Aber die Frage ist, wie das alles für den superjungen Abdul wirklich war. Es ist ja nicht zu leugnen, dass zwischen den beiden ein großes Machtgefälle steht. Er, der junge indische Diener, sie, die mittlerweile alte Monarchin. Da kann man sich schon mal die Frage stellen, wie freiwillig und super das alles für Abdul war. Ja, das wäre schon eine kleine Minifolge wert, glaube ich, wenn man sich so ein Verhältnis mal im Detail anschaut. Aber wie gesagt, offiziell ist Abdul einer der wichtigsten Vertrauten der Königin und damit eine besondere Ehre für Abdul.

Gute 14 Jahre nachdem Abdul in Queen Victorias Leben tritt, ist dann aber leider alles vorbei. Denn am 17. Januar 1901 erleidet sie eine Reihe von Schlaganfällen, während sie in Osborne Haus weilt. Und jetzt greift laut historyextra.com der Plan für eine tote Regentin, den es auch für Elizabeth gab. obwohl seit Jahrzehnten kein Monarch beerdigt wurde. In London wird ein Sarg mit 1,50 Länge geschreinert und mit Seide ausgeschlagen, noch während Victoria um ihr Leben kämpft. Und vielleicht habt ihr euch ja ihre Größe gemerkt, denn sie ist ja eigentlich größer als 1,50, aber sie ist im Alter um 10 Zentimeter geschrumpft, auf 1,40.

Telegraphisten warten auf die Todesnachricht, Regierungsbeamte bereiten die Zeremonie vor. Die Kinder eilen ans Sterbebett, bis auf die Tochter Vicky, die nach einer Brustkrebserkrankung selbst mit dem Tod ringt, und Sohn Alfred, der ein Jahr zuvor an Kehlkopfkrebs gestorben ist. Auch Victorias Enkel, Wilhelm II., ist da, der letzte deutsche Kaiser. Fünf Tage später, am 22. Januar um 18.30 Uhr, stirbt Victoria im Alter von 81 Jahren. Sie hat acht Anschläge überlebt. Sie regierte 63 Jahre und 217 Tage. Länger als jeder andere Monarch bis dahin. Später wird sie aber von ihrer Ur-Urenkelin, Queen Elizabeth II., überholt. Sie trägt auf eigenen Wunsch ein weißes Kleid und einen Brautschleier. Auch hat sie sich gewünscht, dass es ein militärisches Begräbnis wird. In ihrem Sarg liegen als Beigabe der Gipshandabdruck ihres verstorbenen Mannes Albert. Auf der anderen Seite, verborgen unter einem Blumenbouquet, liegt ein Foto von ihrem Diener und Freund John Brown.

Als Viktoria am 2. Februar 1901 in der St. George's Chapel in Windsor Castle, dort haben auch Harry und Meghan geheiratet, beerdigt wird, säumen Tausende die Straßen. Ihr Leichnam wurde per Zug von Osborne House gebracht. Sie hat verfügt, dass der Sarg nicht offen sein soll. Der gesamte Hochadel ist da. Es ist nach Victorias Krönung und Hochzeit das dritte Mega-Event ihres Lebens. Wahnsinn, da hat sie schon so viele Attentate überlebt. und ist jetzt eines natürlichen Todes gestorben. Auf Viktoria folgt übrigens ihr ältester Sohn Bertie, eigentlich ja Edward, der siebente. Abdul Karim, der Manshi, wird aus dem Dienst entlassen und nach Indien zurückgeschickt. Er darf aber noch einen Abschiedsblick auf Viktoria werfen, bevor der Sarg geschlossen wird. Und er darf auch an den Trauerfeierlichkeiten teilnehmen. Das Empire wandelt sich im Zuge der Unabhängigkeitsbewegungen vieler Länder zum Commonwealth of Nations, einem Zusammenschluss unabhängiger Staaten. Das ist aber eher ein loser Staatenbund mit aktuell 54 Mitgliedern. Politische Macht hat das Commonwealth nicht mehr. Tja, was sagt ihr zu der Ur-Ur-Ur-Oma des heutigen King Charles? Schreibt es uns gerne und sagt es uns auf YouTube, aber zuerst, Anne, was sagst du? Was für ein bewegendes Leben diese Frau hat, oder?

Also wir haben uns dafür entschieden, sie nicht nur aus dem Grund, dass sie eine der heftigsten Monarchinnen der Welt war, sie im Schatten der Macht in unserem Podcast zu besprechen, sondern auch, weil es einfach so viele Attentate auf die Frau gab. Also ich meine, das gibt es in der heutigen Zeit ja auch auf Staatsoberhäupter zum Beispiel.

Aber man muss sich ja nochmal überlegen, die ist da einfach in so einer ungesicherten Kutsche durch die Menschenmenge gefahren und so ein Attentäter hat es ja eigentlich fast schon leicht, wenn man das so sagen kann. Ich finde auch bei so großen Persönlichkeiten, was mir persönlich immer wieder auffällt, ist die Ironie, die manchmal da ist. Also sie wird beschützt bis ins geht nicht mehr, bis 18 und dann ist sie tatsächlich eine der Regentinnen, die krass viele Attentate danach erleben muss. Also dieses, zieht man durch diese Angst schon fast das Unglück an. Also das habe ich mir noch überlegt. Ja und auch, dass sie, sobald sie Königin ist, hatte ich das Gefühl, war so das Wort, ja, jetzt müssen wir sie ja auch gar nicht mehr so doll beschützen, weil sie ist ja jetzt schon Königin, wenn man sich halt überlegt, dass sie 18 Jahre, das ist so eine lange Zeit einfach so engmaschig kontrolliert wurde und.

Bitte denkt mal alle darüber nach. Stellt euch mal vor, ihr hättet bis zum 18. Lebensjahr mit eurer Mutter in einem Bett geschlafen und habt keine anderen Leute kennengelernt. Also ich kann mir das gar nicht vorstellen, ehrlich gesagt, wie sich das anfühlt. Und plötzlich bist du volljährig und bist für die ganze Welt verantwortlich. Also auch diese riesige Aufgabe, die wäre ja schon für eine Person immens groß, wenn sie eine normale Kindheit und Jugend erlebt hätte. Aber jetzt ist da eine Person an der Macht, die ja gar keine Lebenserfahrung hat. Also wirklich zero Lebenserfahrung. Das hat sie ja alles nur aus Büchern gelernt bekommen, wie man sich zu verhalten hat und wahrscheinlich auch geschichtliches Wissen. Aber die hat ja gar keine Praxiserfahrung. Ja, ja. Also was meint ihr? Das ist eine ganz schön toughe Braut auf jeden Fall. Auf jeden Fall. Wir sind ganz gespannt auf eure Meinungen. Wir freuen uns auch, wenn ihr uns auf Spotify und Co.

Bewertet, uns Kommentare auf YouTube etc. schreibt. Wir lesen die mal gerne, oder Anne? Ja, auf jeden Fall. Wir hatten euch ja versprochen am Anfang, dass das hier eine packende Geschichtsstunde wird und wir hoffen sehr, dass uns das auch gelungen ist. Queen Victoria ist wirklich der Inbegriff einer Frau mit viel Macht und einem Leben mit super vielen Schatten, aber auch Sonnenseiten. Wir sagen an der Stelle vielen Dank fürs Zuhören und wünschen euch ganz königlich noch einen schönen Tag und freuen uns, wenn ihr nächste Woche Donnerstag wieder mit dabei seid. Bleibt safe da draußen. Eure Anne und Ricardia. Danke an unser Team von Open Minds Media. Executive Producer Rüdiger Barth, Konzeption Peter Grewe, Rüdiger Barth und Manfred Neumann. Autorin Anna Gelbert. Producer Ricardia Bremley. Den Schnitt machte Lilli Johannsen. Zusätzliche Unterstützung von Falco Schulte.