Heute haben wir einen Fall für euch, der die Welt seit Jahren schon in Atem hält. Es geht nämlich um eine Frau, die vom Rich Kid zur High Society Netzwerkerin und dann zur Komplizin eines Sexualstraftäters wird. Die Story ist nicht einfach und es ist auch nicht einfach, sie zu erzählen. Doch es spielt sich etwas ab, was man irgendwie verstehen will und am Ende sich fragt, ob das überhaupt geht.

Jedenfalls spielt der Fall sich unter den ganz großen Playern ab. Der New Yorker High Society, der Hochfinanz und dem Englischen Königshaus. Auch ein Ex-US-Präsident wird in den Gerichtsakten laut Stern 50 Mal genannt. Der Bruder des englischen König Charles III. wird Ganze 69 Mal genannt. Ja, es gibt in diesem Fall spektakuläre Wendungen. Opfer, die zu Heldinnen werden und mysteriöse Todesfälle. Und die vielleicht absurdesten Ausreden, die ihr jemals gehört habt. Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Im Schatten der Macht. Dem Podcast, in dem es nicht nur darum geht, welche hässlichen Schatten Macht manchmal wirft, sondern auch darum, welche Schattenmächte im Hintergrund wirken. Ich bin Anne Luckmann. Und ich bin Ricadia Bramley. Eine Content-Warnung vorab, vor allem weil auch uns der Fall nicht leicht gefallen ist. In dieser Folge geht es unter anderem um sexualisierte Gewalt, aber auch um Suizid. Es wird sehr grafisch, entscheidet also bitte selbst. Falls ihr das nicht so gut anhören könnt, dann überspringt diese Folge doch einfach mal oder hört sie zusammen mit jemandem an. Denn besonders krass ist, dass wir hier TäterInnen tatsächlich gendern müssen, weil eine Frau mit dazu gehört. Und natürlich verlinken wir euch auch in den Shownotes ein paar Hilfetelefonnummern.

Aber erstmal zu dem dramatischen Vorfall, der zu einem der aufsehenerregendsten Prozesse der letzten Jahrzehnte führt. Es ist Donnerstag, der 2. Juli 2020. Ein ruhiger Sommermorgen gegen 8.30 Uhr. In einem abgelegenen Waldstück nahe des 2000-Seelenortes Bradford im US-Bundesstaat New Hampshire kann man plötzlich Rotorblätter von Hubschraubern hören. Mehrere Autos rasen einen Kiesweg hoch, vorbei an einem Stein, auf dem steht Tucked Away, also versteckt. Der Name ist Programm, denn in dem Fachwerkbau mit den hohen Giebeln und der Glasfront verschanzt sich jemand, der vom FBI gesucht wird. Oben kreist der Helikopter über dem weitläufigen Grundstück. Scharfschützen positionieren sich derweil im Wald.

Bewaffnete Einsatzkräfte klopfen an die Tür und rütteln am Messingknopf. Hinter dieser Tür residiert seit neun Monaten eine Frau, luxuriös in vier Schlafzimmern. Sie hat diese Villa hier vor einem Jahr für eine Million Dollar in bar bezahlt, geht kaum raus und bestellt unter falschem Namen bei Lieferdiensten. Ja, und außerdem hat sie 20 Millionen Dollar insgesamt auf 15 Konten liegen, besitzt drei Handys. Für eins davon ließ sie ihre Nummer unter dem Namen G-Max registrieren, so schreibt der britische Guardian. Weil sie drei Pässe hat und international bestens vernetzt ist, besteht höchste Fluchtgefahr. Das FBI klopft jetzt nochmal. Als niemand öffnet, brechen sie die Tür einfach auf. Die Bewohnerin versucht noch, vom Dielenbereich ins Hausinnere zu laufen, was natürlich vollkommen sinnlos ist, ergibt sich dann auch kampflos. Die Zielperson ist gefunden. Mit dieser Hollywood-Reifen-Festnahme geht ein düsteres Kapitel für viele junge Frauen zu Ende. Für die 59-jährige Frau, die jetzt in Handschellen aus dem Haus geführt wird, fängt ein dunkles Kapitel gerade erst an.

Die Rede ist von Ghislaine Maxwell, der früheren geliebten, jetzt Komplizin des 2019 verstorbenen Finanzmoguls Jeffrey Epstein. Aktuell verbüßt die 63-Jährige in Tallahassee im US-Bundesstaat Florida eine 20-jährige Haftstrafe. Es ist der Tiefpunkt und vielleicht auch die Endstation ihres Achterbahnlebens. Ja, denn als Ghislaine Noël Maxwell am ersten Weihnachtstag 1961 in der Nähe von Paris zur Welt kommt, hat sie eigentlich die besten Voraussetzungen dafür, ein bequemes Leben zu führen. Ghislaine ist das neunte Kind und das Lieblingskind des Verlegers Robert Maxwell. Damals glauben alle, der Selfmade Man sei Milliardär.

Robert Maxwell wird zu den Superreichen gezählt und jettet zwischen Paris, New York und England rum, wo er in der Nähe von Oxford ein riesiges Herrenhaus besitzt, das Headington Hall heißt und mit seinen 52 Zimmern, einem Tennisplatz und Helilandeplatz ein echter Prachtbau ist. Laut der Society Bebel Tattler verbringt Ghislaine hier eine Kindheit in Luxus, aber auch in ständiger Angst vor ihrem herrischen und aufbrausenden Vater. Auch Papas Buchverlag Pergamon Press ist hier untergebracht. Ständig sind Freunde zu Gast, auch aus dem Oxford College, das sie besucht. Übrigens lernt sie dort auch Prinz Andrew kennen, den Bruder des englischen Thronfolgers Charles und Lieblingssohn der Verstorbenen, Queen Elizabeth. Und die Nummer 8 der britischen Thronfolge wird noch eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen. Mit mächtigen Menschen kennt sich Ghislaine also aus. Ihr Vater Robert liebt sie zwar abgöttisch, Ist aber auch ein Despot. Er brüllt herum und macht Angestellte regelmäßig nieder. Von Schlägen oder so liest man nichts, aber diese Ausraster reichen ja auch, um einem Kind das Leben zur Hölle zu machen.

Robert Maxwell verkörpert die Mischung aus Glamour und Grausamkeit perfekt. Das ist alles so düster, man glaubt es irgendwie nicht, was als nächstes hier kommt. Robert stammt nämlich aus einer bitterarmen jüdischen Großfamilie, aus der ehemaligen Tschechoslowakei, die 1939 von den Nationalsozialisten besetzt wird.

Die Familie lebt in einer Bretterbude mit Außengemeinschaftsklo, also noch nicht einmal Zugang zu einer ordentlichen Toilette. Und bei Jan Ludwig, so heißt Robert nämlich eigentlich, wächst vielleicht nur ein Wunsch, bloß raus hier und Geld verdienen. Fast seine gesamte Familie wird laut Deutschlandfunk in Konzentrationslagern ermordet, aber ihm gelingt die Flucht. Das Buch The Mystery of Robert Maxwell von John Preston beschreibt seinen Aufstieg noch näher. Übrigens kurz zu Jan Ludwigs Namensänderung. Es war für Menschen, die in die UK oder auch Amerika einwandern, sehr üblich, ihre für sie sogenannten ethnischen Namen abzulegen, um sich möglichst schnell an die anglosächsische Kultur anzupassen. Er schlägt sich nach England durch, nennt sich ab sofort Robert Maxwell, lernt neben seiner Muttersprache Tschechisch auch noch fließend Französisch, Deutsch, Englisch, Russisch und macht Karriere beim britischen Militär.

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 1944, arbeitet er für den britischen Geheimdienst und steigt ins Verlagswesen ein. Schnell wird er zum weltgrößten Verleger für Wissenschaftszeitung. Er hat auch politische Ambitionen. Er will nicht nur reich, sondern vor allem von der High Society anerkannt werden. Aber während er sozial immer weiter aufsteigt, spielen sich im Privaten richtige Dramen ab, nämlich in seiner eigenen Familie. Gleich zwei seiner neun Kinder sterben, eine Tochter an Leukämie und ein Sohn infolge eines Autounfalls. Seine ganze Aufmerksamkeit lenkt er jetzt auf seine jüngste Tochter, Ghislaine. Als die hübsche Dunkelhaarige erwachsen wird, nimmt er sie mit zu Business-Meetings und überträgt ihr wichtige Jobs in seiner Firma.

Ghislaine bekommt die Extraportion Aufmerksamkeit, aber auch das herrische Temperament ihres Vaters zu spüren. Ob sie hier früh lernt, dass Liebe immer mit einem Aber daherkommt? Die Mutter Elizabeth, mit dem Spitznamen Betty, scheint die Tochter laut BBC öfter gar nicht wahrzunehmen. Später schreibt Betty in ihrer Biografie, ihre Jüngste sei von Papa maßlos verwöhnt worden.

Sein Leben lang kämpft Robert Maxwell übrigens darum, so groß zu werden wie sein Konkurrent, der Zeitungsstar Rupert Murdoch. Aber der schnappt ihm die Zeitungen News of the World, The Sun und Times vor der Nase weg. Maxwell gegen Murdoch. Das klingt echt wie der Kampf der Mediengiganten. Ja, das ist es auch. Maxwell kauft sich dafür die Zeitung Mirror und lässt in den Redaktionsräumen überall den Buchstaben M groß auf Teppiche sticken. Ja, was wohl Ghislaine darüber denkt? Als Sohn oder Tochter checkt man ja meist erst viel später, was für, ich nenne es mal Eigenheiten, die eigenen Eltern wirklich so haben. Allerdings, nicht nur als Vater. Auch als Chef scheint Robert Maxwell eher schwierig zu sein. Er demütigt Angestellte, lässt sie beschatten und ruft laut Times of Israel zum Beispiel nachts bei einem Mitarbeiter an, um nach der Uhrzeit zu fragen. Das ist natürlich Schikane vom Feinsten. Er will so vermutlich seine Macht zeigen. Apropos Israel, auch für den dortigen Geheimdienst Mossad wird er tätig.

Und scheinbar ist er auch gar nicht so reich wie gedacht. Als in den 1980er Jahren die Weltwirtschaft einbricht, nimmt Maxwell Milliardenkredite auf, um Löcher in seinen Medienhäusern zu stopfen. Er geht sogar an die Rentenfonds seiner Belegschaft ran. Am Ende häuft er umgerechnet fast dreieinhalb Milliarden Euro Schulden an. Die Banken hängen ihn im Nacken, die Angestellten wollen ihr Geld. Als Maxwell am 1. November 1991 vor den Kanaren von seiner Yacht namens Lady Gilenfeld.

Ja, die ist nach seiner Lieblingstochter benannt, da wird natürlich sofort gemunkelt, dass das kein Unfall war. Wenige Tage später wird er von der Marine nackt und leblos im Wasser entdeckt. Die offizielle Todesursache lautet Herzinfarkt. Der Familienbesitz wird zwangsversteigert. Die Söhne Kevin und Ian treten das schwere Erbe an und ordnen erst mal das Chaos. Nach drei Jahren Insolvenzverfahren fangen sie bei Null an. Aber wenigstens bei einer schwarzen Null. Und seine Tochter Ghislaine, verwöhnt und privilegiert, steht plötzlich vor einem totalen Neubeginn. Sie hat nur ihr gut gefülltes Adressbuch mit Top-Namen aus der High Society. So, und jetzt trifft sie den Mann, der auch diese Mischung aus Charisma und Abgrund mitbringt. Wie schon ihr Vater. Er wurde vom Mathelehrer aus Brooklyn zum hundertfachen Millionär. Jeffrey Epstein. Er gilt allgemein als gutaussehend und ehrgeizig ist er wohl auch, denn er hat sich zum Finanzinvestor hochgearbeitet.

In Manhattan, wo er eine 5-Millionen-Stadt-Villa besitzt, wird er grenzenlos bewundert. Manche Zeitungen beschreiben ihn wie eine Art Gatsby, als Star des New Yorker Jet-Sets. Epstein kennt den heutigen US-Präsidenten Donald Trump gut und geht auf dessen Florida-Residenz Mar-el-Lago ein und aus. Da gibt's übrigens auch ein bizarres Video, in dem die beiden über eine Gruppe tanzender Frauen fachsimpeln, als seien sie hier Ware oder so. Und diesen Mann trifft jetzt auch Ghislaine Maxwell. Und die, so kann man heute überall nachlesen, verliebt sich wohl unsterblich in Jeffrey Epstein. Sie ist zu diesem Zeitpunkt Anfang 30, er ist 38.

Eine Zeit lang sind die beiden auch ein paar, aber es ist unklar, wann daraus etwas Platonisches wird. Toxisch ist es auf jeden Fall, denn sie ist ihm entweder hörig oder in irgendeiner Form von ihm abhängig. Sonst könnte sie doch unmöglich die Dinge tun, die sie für ihn tun wird. Ja, wir dürfen nicht vergessen, Ghislaine Maxwell ist ja ein Leben als Multimillionärin gewöhnt und jetzt finanziell von ihrem reichen Freund abhängig. Sie hat zumindest einen Fonds vererbt bekommen, der ihr umgerechnet fast 100.000 Euro pro Jahr zahlt. Aber das reicht laut BBC nicht für ihr New Yorker Leben. Aber die bestens vernetzte Ghislaine Maxwell bleibt auch nach dem Ende der körperlichen Beziehung bei Epstein und widmet ihr Leben offenbar nur noch einem Ziel. Jeffrey Epstein alles zu geben, was er braucht. Und das ist scheinbar vor allem Sex.

Da sie jetzt über 30 ist, befindet sie sich offenbar nicht mehr in seiner Zielgruppe. Denn seine Zielgruppe, das sind leider sehr, sehr junge Frauen. Und so wird aus Ghislaine Maxwell die rechte Hand eines Sexualstraftäters. Jeffrey Epstein ist Mitte der 90er um die 40 Jahre alt, hat Wohnsitze in New York, Santa Fe, Florida und in der Karibik. Und hier liegt die Insel Little St. James, vier Flugstunden von New York entfernt. Und dorthin fliegt er oft mit seinem Privatjet, auch Lolita Express genannt, weil er oft sehr junge Frauen an Bord hat. Und nicht nur die. Ja, das Who is Who aus Showbiz und Politik sitzt laut Business Insider auch regelmäßig mit an Bord dieser Maschine. Bill Gates, Donald Trump, Kevin Spacey. Mindestens viermal, so steht es in Protokollen der Piloten, sitzt auch Prinz Andrew im Flieger. US-Präsident Bill Clinton mindestens neunmal. Vielleicht sind manche, so wie David Copperfield, nur als normale Besucher dort. Bei anderen aber bleibt die Frage, was haben die da gemacht? Die Mitgastgeberin und Strippenzieherin im Hintergrund sitzt immer höchstens eine Sitzreihe weiter. Ghislaine Maxwell.

2010 ist sie sogar Gast auf der Hochzeit von Bill Clintons Tochter Chelsea. Bill Clinton ist übrigens auch schon mal Teil einer Folge gewesen, hört dazu gerne mal in Folge 10 rein. Die geht um Monica Lewinsky und ihre Affäre mit Bill Clinton. Jedenfalls, Ghislaine Maxwell und Jeffrey Epstein sind ab Mitte der 90er Jahre ein mächtiges Paar. Aber, darum geht es in unserem Podcast, ja, diese Macht wirft einen großen Schatten. Nicht nur, weil sie selbst Macht haben, sondern weil sie diese Macht mit vielen anderen mächtigen Teilen. Denn Ghislaine ist offenbar bereit, alles für ihren Freund und Gönner zu tun. Dabei kennt sie wohl auch keine moralischen Grenzen. Denn die Frauen, die an Bord seines Privatjets sitzen, die ködert laut BBC meist Ghislaine. Mal verspricht sie Urlaub auf einer Trauminsel, dann treffen mit Stars und Politikern und einigen sogar eine Ausbildung zur Masseurin und Physiotherapeutin. Meist sind es junge Frauen und Mädchen mit schwierigem Hintergrund. Und die hoffen wohl, dass jetzt ein glanzvolles Kapitel in ihrem Leben beginnt. Sie vertrauen der Frau, die so nett wirkt. Aber das ist ein zerstörerisches System, was Ghislaine Maxwell und Jeffrey Epstein da hochziehen.

1994 sitzt ein junges Mädchen mit an Bord. Annie Farmer heißt sie. Sie ist damals gerade mal 16. Ihre Gastgeber nutzen die Good Cop, Bad Cop Masche. Die nette Frau leitet alles in die Wege, der kühle Mann holt sich dann, was er will. Und wer erstmal auf dieser Insel Little St. James ist, der kommt ohne Boot oder Flugzeug nicht mehr weg. Schon gar nicht mit 16 Jahren. Eine junge Frau sagt laut Welt, sie habe mal versucht, schwimmend von der Insel zu fliehen, sei aber gewaltsam zurückgebracht worden. Sogar ihre Ausweise habe man ihr abgenommen. Auf der Insel selbst führt Ghislaine Maxwell auch Madame genannt ein straffes Regiment. Sie schreibt einen Verhaltensratgeber und schult die jungen Frauen in dem, was sie als Massage bezeichnet. Das wird aber der Oberbegriff für sexuelle Leistungen. Niemand darf etwas über die Erlebnisse dort erzählen und die Mädchen sind jung und vermutlich eingeschüchtert. Ein unglaubliches Jahrzehnt lang geht dieses Treiben so, bis dann doch etwas passiert.

2005. Da geht eine 14-Jährige in Palm Beach in Florida zur Polizei und berichtet über sexuelle Übergriffe. Die Polizei wird hellhörig. Gerüchte über Epstein gab es schon länger. Es gehen ja nicht Dutzende junge Mädchen in seinen Wohnsitzen ein und aus, ohne dass das jemand mitbekommt. Oder das Hauspersonal doch mal irgendwas ausplaudert. Trotzdem schockierend, wie lang solch eine Glocke des Schweigens über so einem vermeintlich exklusiven Zirkel liegen kann. Wenn prominente Menschen auf Einladung im geschützten Raum Sex mit teilweise minderjährigen Frauen haben können, dann ist das nichts anderes als ein Sexhandelsring. Ich meine, vermutlich alle wussten das. Alle haben geschwiegen. Vielleicht aus Angst oder Abhängigkeit. Die Polizei in Florida ermittelt erstmal, sagen wir halbherzig. Erst zwei Jahrzehnte später werden Gerichtsakten veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass Epstein und Maxwell genau in diesen Jahren, 2002 bis 2005, ein perfides System schaffen. Denn nach und nach melden sich offenbar noch mehr junge Frauen und Mädchen bei der Polizei.

Die Dokumente enthalten die Aussagen junger Frauen, die erzählen, wie sie Epstein für mehrere hundert Dollar zuerst massiert haben und dann sexuell missbraucht und vergewaltigt wurden. Erst Monate später wird Epsteins Anwesen in Florida durchsucht. Die Ermittler finden dort hunderte Bilder nackter junger Mädchen am Strand und bei Poolpartys. Er und seine Hausangestellten werden daraufhin verhört. Ich frage mich bei all den Stars, und das frage ich mich immer wieder bei diesen Promi-Involvierungen, die da hingeflogen sind. Die müssen ja gesehen haben, was da los ist. Dass diese blutjungen Frauen am Pool liegen und dann auf den Zimmern verschwinden. Und wenn das so ist, dann sind wir bei P. Diddy und dem Thema Heißt mitwissen auch mitmachen?

Epstein jedenfalls wird angeklagt. Ghislaine Maxwell bleibt offenbar im Hintergrund. Erst viel später wird ihre krasse Rolle in dem Ganzen überhaupt klar. Denn dass die ganzen Mädchen zu ihm kommen, dafür sorgt ja sie. Und wieder stellt sich die Frage, warum? Weil er sie fürstlich bezahlt? Laut Business Insider fließen von 1999 bis 2007 mehr als 30 Millionen Dollar von seinen Konten zu ihr rüber. Das klingt wie eine Art Schweigegeld oder Lohn für ihre Dienste. Aber die vielen Fotos der beiden in diesen Jahren zeigen keine Frau, die gegen ihren Willen hier arbeitet. Im Gegenteil, sie zeigen zwei Ex-Partner, die sich immer noch sehr nahe stehen, die sich innig umarmen. Manchmal küsst Jeffrey Epstein Ghislaine Maxwell zärtlich auf den Kopf. Beide strahlen. Vielleicht kann man es sich so erklären, dass Maxwell diesen Mann wahnsinnig geliebt hat und aus falsch verstandener Liebe diese Dinge für ihn tut?

Eigentlich droht Epstein jetzt eine lange Haftstrafe. Aber er geht mit der Staatsanwaltschaft in Florida einen Deal ein, der das Klischee bestätigt. Typen wie er, also reich und extrem gut vernetzt, die kommen irgendwie immer mit allem durch. Epstein bekennt sich 2007, offenbar anwaltlich gut beraten, zweier Verbrechen für schuldig. Prostitution und Sex mit Minderjährigen. Das ist ein Skandal. Zwei Verbrechen gestehen, wenn du hunderte begangen hast. Unfassbar, dass er damit durchkommt. Der damalige Anwalt Alexander Acosta fädelt das ein. Er wird später US-Arbeitsminister und muss für diese Mauschelei zurücktreten.

Ja, das ist natürlich vor allem erstmal ein Schlag ins Gesicht der Opfer. Man weiß bei Jeffrey Epstein auch nie, wie viele Leichen er im Keller hat oder wie viele Leute bei seinen Sexpartys ein- und ausgingen. Da werden vermutlich ein paar einflussreiche Menschen darunter sein, die man damit erpressen kann. Jeffrey Epstein bekommt milde 18 Monate Haft, von denen er 13 nur absitzt und ist im August 2010 wieder auf freiem Fuß. Es ist unglaublich, aber seine Frauenbeschafferin Ghislaine bleibt immer noch im Hintergrund. Epstein ist jetzt trotzdem ein vorbestrafter Sexualverbrecher. Sein Ruf ist dadurch angekratzt. Aber das stört offenbar seinen Freundeskreis nicht. Im Dezember 2010, nur vier Monate später, entstehen Fotos, bei denen man eigentlich nur noch den Kopf schütteln kann.

In der britischen Morningshow von Lorraine Kelly erzählt eine damals in New York lebende Journalistin, dass ihr Kollegen gesagt haben, Jeffrey Epstein habe in seiner New Yorker Stadtvilla Besuch. Und zwar sehr hohen Besuch. Die Journalistin legt sich laut Vanity Fair zusammen mit Kolleginnen und Kollegen auf die Lauer und sieht Sicherheitsleute vorm Eingang vom Epstein-Haus. Sie sprechen britisches Englisch. Alle 20 Minuten gehen junge Frauen rein und raus. Dann geht die schwere Tür auf und heraus kommen Epstein und der britische Prinz Andrew, beide in schwarzen Blouson-Jacken. Andrew trägt Jeans. Sie scheinen sich lebhaft zu unterhalten, gehen anschließend in den Central Park. Ja, und noch schlimmer, Andrew übernachtet sogar bei Epstein. Später wird er sagen, dass er das getan hat, weil er ihnen an diesem Tag die Freundschaft kündigen wollte. Ja, klingt aber nicht sehr glaubwürdig, oder? Er setzt sich in den Flieger, besucht einen verurteilten Sexualstraftäter und geht mal eben mit ihm spazieren. Und jetzt kommt wieder eine seltsame Wahrnehmungsverzerrung.

Andrew behauptet nämlich später im BBC-Interview über die Nacht bei seinem Freund, dass er dort keine Frauen gesehen habe. Spätestens jetzt wird man so wütend, weil diese Dreistigkeit nicht auszuhalten ist. Wie kann man so lügen vor laufenden Kameras? Und wieder sind es mutige Journalistinnen, die das System zum Wanken bringen, weil sie diese Bilder sehen und sich wohl denken, wie kann er mit Unterstützung aus höchsten Kreisen einfach so weitermachen? Im November 2018 veröffentlicht der Miami Herald eine umfassende Recherche zu dem Deal, den die Staatsanwaltschaft Florida damals mit Jeffrey Epstein geschlossen hat. Die Zeitung liefert neue Fakten und Dutzende Frauen, die auspacken. Sie alle berichten übereinstimmend, dass Ghislaine Maxwell maßgeblich am Missbrauchssystem beteiligt war, um die Mädchen anzuwerben und vorzubereiten. Diese Vorbereitung wird auch Grooming genannt. Grooming ist, falls es noch nicht bekannt sein sollte, das englische Wort für Körperpflege oder auch Frisieren, was die perfide Planung der Tat noch unterstreicht. Einige Opfer sagen später sogar aus, dass sich Maxwell neben Grooming auch am Missbrauch beteiligt, also sexuelle Handlungen an ihnen ausführt.

Und diese Recherche stoppt endlich das Treiben von Jeffrey Epstein und seiner mächtigen Handlangerin. Jetzt endlich wird ernsthaft ermittelt. Und im Juli 2019 klicken die Handschellen. Nach seiner Landung in New Jersey, da kommt er gerade mit seinem Privatjet aus Frankreich her, wird Jeffrey Epstein festgenommen. Übrigens hat der Mann drei Pässe. Einen amerikanischen, einen französischen und einen englischen.

Staatsbürgerschaften sind nämlich nicht wirklich schwer zu erlangen, wenn man genug Geld hinlegt. Aber jetzt helfen ihm seine Privilegien auch nicht mehr. Es ist ein richtiger Showdown, aber noch lange nicht das Ende. Diese Verhaftung muss hunderte von Frauen eine solche Genugtuung sein. Die müssen sich aber jetzt fragen, kommt er wieder mit so einem laschen Deal davon? Und warum wurde Ghislaine Maxwell nicht gleich auch dingfest gemacht? Hier ist sie wieder, die hässliche Schattenseite der Macht. Einfache Leute, so scheint es, werden für kleinste Vergehen bestraft. Aber dieses System hat mehr als ein Jahrzehnt Bestand und keiner greift ein. Warum kommt das nicht raus? Eine mögliche Erklärung. Epstein hat neben Geld einen zweiten, großen Hebel. Dieser Hebel ist ganz häufig der Grund dafür, dass nicht ausgepackt wird, obwohl es zahlreiche Mitwisser und Mitwisserinnen gibt. Der Hebel ist Information. Epstein kennt die schmutzigen Geheimnisse seiner prominenten Besucher, genauso wie seine Gehilfin Ghislaine Maxwell. Vielleicht kennt er zu viele Geheimnisse. Denn nur einen Monat später, am 10. August 2019, wird Jeffrey Epstein in seiner Einzelzelle in der Untersuchungshaft im Metropolitan Correction Center in New York tot aufgefunden.

Angeblich hat der 66-Jährige sich mit einem Bettlaken erhängt. Zum Prozess kommt es jetzt also nicht mehr. Ende August 2019, also knapp drei Wochen später, gibt es eine öffentliche Anhörung in New York, zu der 16 Frauen persönlich erscheinen. Sieben werden laut FAZ von ihrem Anwalt oder ihrer Anwältin vertreten. Und ihre Geschichten sind erschütternd. Und natürlich fragen sich wieder alle, wie konnte sich dieser Mann aus der Verantwortung ziehen? Denn das war scheinbar schon Epsteins zweiter Suizidversuch. Wenn der Mann so gefährdet ist, warum gibt es da keine 24-Stunden-Überwachung? Normalerweise werden diese Insassen mehrmals pro Stunde überprüft, so richtig mit Taschenlampe im Gesicht. Ein Typ, der auf sein Bett steigt, aus seinem Laken einen Strick dreht und den irgendwo befestigt, der muss doch jemandem am Überwachungsmonitor auffallen. Ja, oder es sollte niemandem auffallen. War er es am Ende vielleicht doch gar nicht selbst? Warum war er überhaupt in einer Einzelzelle? Jeffrey Epstein hat viele mächtige Menschen bei illegalen Ausschweifungen erlebt. Nicht verwunderlich, dass da sofort Mordtheorien laut werden. So ganz abwegig ist das nicht. Das stimmt, denn Jeffrey Epsteins Bruder engagiert sogar einen eigenen Pathologen, Um bei der Obduktion anwesend zu sein, so erzählte es dem US-Sender Fox News.

Und dieser Mann, Michael Baden heißt er, war mal Gerichtsmediziner der Stadt New York. Er sagt, erhängen sei ausgeschlossen. Epsteins Verletzungen würden auf Tod durch Erwürgen hinweisen. Mehrere Brüche in Epsteins Hals, insbesondere des Zungenbeins und des Schildknorpels, seien sehr ungewöhnlich für Suizid. Eine zweite Obduktion lehnt die Chefin der New Yorker Gerichtsmedizin, Barbara Sampson, ab. Erst knappe vier Jahre später, im Juni 2023, gibt das US-Justizministerium in einem Abschlussbericht zu, dass da schwere Fehler passiert sind. Da steht laut Tagesschau.de, es sei eine Mischung aus Schlamperei und kompletten Versagen am Arbeitsplatz. Das Metropolitan Correction Center in New York, ein grauer Betonklotz, wird dann vorübergehend geschlossen. Übrigens bis heute. So, einer der Haupttäter ist jetzt also tot. Und die Opfer werden jetzt immer lauter. Eine der jungen Frauen geht schon mal seit einigen Jahren mit ganz konkreten Vorwürfen an die Öffentlichkeit. Sie weiß, dass das mutig ist, traut sich aber trotzdem. 2009 schon belastet die Kalifornierin Virginia Giffray Epstein mit einer Zivilklage. Sie sagt, Zitat, »Ich war jahrelang Sexsklavin von ihm und Ghislaine Maxwell«.

Man einigt sich damals auf einen Vergleich. Epstein zahlt ihr laut BBC 500.000 Dollar, wenn sie von weiteren Klagen absieht.

Also im Grunde Schweigegeld. Es ist das erste Mal, dass dieser massenhafte Missbrauch ein Gesicht und eine laute Stimme bekommt. Es scheint so, als soll jetzt endlich die ganze Welt erfahren, was da ablief. Virginia Dufrey lebt seitdem gefährlich. Man kann sich nur vorstellen, wie einigen Promis bei ihren Aussagen mulmig wird, vor allem im Buckingham Palace in London. Steckt der zweite Sohn der Queen, also Andrew, der übrigens zweifacher Vater von Töchtern ist, auch mit drin in diesem systematischen Missbrauchsskandal? Es scheint sich immer weiter heraus zu kristallisieren, dass Andrew eben nicht nur unbeteiligter Gast auf Little St. James, also known as Epstein Island, war, sondern möglicherweise wirklich Sex mit der jungen Virginia Giffrey hatte. Und das gleich mehrmals. Und dieses Mal nützt das Dementi nichts. Denn Virginia hat Beweise. Und sie bleibt hartnäckig.

2017 verklagt sie sogar Ghislaine Maxwell wegen Verleumdung, nachdem Maxwell sie als Lügnerin bezeichnet. Und auch da versucht man sie mit einem Vergleich und einer Zahlung ruhig zu stellen. Wer viel Geld hat, kann sich nicht nur Luxus leisten, sondern auch das Schweigen anderer. Und so wird die Gesetzgebung oft ausgehebelt. Hier nicht. Und es ist sicher nicht Geldgier, die Virginia Juffre antreibt. Sondern, so sagt sie es 2019 in der britischen Show Panorama, wir zitieren, Ich flehe das englische Volk an, mir beizustehen und das nicht zu akzeptieren. Das ist nicht irgendeine Sex-Story. Das ist die Geschichte von Sexhandel, den euer Königshaus mitträgt. Zwei 2019 sagt Geoffrey noch einmal aus. Mittlerweile ist sie mit dem Kampfsportlehrer Robert verheiratet, lebt in Australien und hat drei Kinder.

Sie ist Ende 30 und offenbar wahnsinnig resilient. Überleg mal, die wird vielleicht beschattet. So jemand ist für Politiker und Royals eine tickende Zeitbombe. Und was ich jetzt persönlich auch total krass finde. Wie entmutigend ist das bitte, dass jemand, die schon so viel durch hat, immer wieder aussagen muss und damit nochmal alles aufleben lassen muss. Also das ist die reinste Retraumatisierung. Da überlegt man sich doch bestimmt zweimal, ob man da überhaupt aussagt. Unvorstellbar. Ja, auf jeden Fall. Virginia präsentiert der Welt ein Foto aus ihrer Jugend, das eigentlich alles sagt. Sie, eine junge blonde Frau mit schulterlangen Haaren, im bauchfreien Top und der Mann im Hemd, der neben ihr den Arm um ihre Talie legt, das ist Prinz Andrew. Im Hintergrund ist Ghislaine Maxwell zu sehen. Das Foto ist offenbar in deren Londoner Küche entstanden und geschossen hat das allem Anschein nach Jeffrey Epstein. Und hier kommt erneut die Dreistigkeit eines Mannes, der glaubt, man könne ihm nichts anhaben. Andrew sagt, er könnte sich an kein Foto erinnern. Das sei vermutlich ein Fake. Dabei hat das FBI das Foto mit mehreren Gutachtern untersuchen lassen. Es ist echt.

An dieser Stelle müssen wir nochmal die besondere Rolle von Ghislaine Maxwell in dieser Konstellation beleuchten. Wie wir anfangs ja schon mal gesagt haben, kennt Ghislaine den Prinz Andrew von gemeinsamen Freunden aus der Uni Oxford, wo übrigens auch der britische Ex-Premier Boris Johnson studiert hat. Und ihre Verbindung ins britische Königshaus, die hält sich Ghislaine schön warm. Oder vielmehr ihrem Freund Jeffrey Epstein. Sie ist mit Lady Victoria Hervey befreundet, die damals das It-Girl der Londoner High Society ist und eine Zeit lang mit Andrew ausgeht. Hervey sagt in einer ITV-Doku, sie sei nur der Köder gewesen. Sprich, Ghislaine hat sich an sie rangepirscht, um noch näher ins Machtzentrum vorzurücken und Jeffrey Epstein mit Andrew zu verlinken.

1999 macht Ghislaine Maxwell Jeffrey Epstein dann mit Prinz Andrew bekannt. Noch im selben Jahr besuchen die beiden den Prinzen laut ZDF auf dem schottischen Schloss Balmoral, gehen sogar zur Blockhütte der Queen. Näher dran geht also kaum. Laut Spiegel fließt auch mindestens einmal Geld von Epsteins Konto an Andrews Ex-Frau Sarah Ferguson. Die Freundschaft wird vertieft. Andrew besucht die beiden in New York für eine Dinnerparty in Epsteins Haus. Ghislaine Maxwell ist oft im Buckingham Palace zu Gast. An einem Tag sogar viermal, sagt Paul Page, ein Palastmitarbeiter. Aber was ist hier eigentlich der Deal? Ein Netzwerk aufbauen, in dem sich der Royal mit jungen Frauen bedienen kann? Ja, und hier spielt wieder Virginia Giffrey eine spezielle Rolle. Denn auf die scheint Prinz Andrew ein besonderes Auge geworfen zu haben. 2019 sagt sie im ITV-Interview, sie sei Andrew regelrecht serviert worden. Außerdem spricht sie über einen Abend in einem Londoner Club, 2001 war das, der mit einem sexuellen Übergriff durch Andrew geendet haben soll.

Ja, die Schlinge zieht sich immer weiter zu. Im Herbst 2019 trifft Andrew unter dem wachsenden Druck die vielleicht dümmste Entscheidung seines Lebens. Er beschließt, ein Interview zu seiner Freundschaft mit Jeffrey Epstein zu geben. Andrew, offenbar schlecht beraten von seinem Staat, lädt die BBC-Journalistin Emily Maitlis in den Buckingham Palace und redet sich 49 Minuten lang um Kopf und Kragen. So gut wie alle Medien bezeichnen dieses Interview als Desaster und Car-Crash-Interview, also Autounfall. Ja, ich erinnere mich sogar noch. Aber damit tut er sich echt keinen Gefallen. Schaut euch das gerne mal im Netz an. Es zeigt null Scham, Reue oder Bestürzung über das Schicksal der Frauen. Und er bereut die Freundschaft zum mehrfach verurteilten Sexualstraftäter Epstein offenbar auch nicht. Stattdessen abstreiten, Halbwahrheiten, Selbstmitleid. Am fraglichen Clubabend im März 2001 könne er die damals erst 17-jährige Virginia gar nicht begrapscht haben, weil er mit seiner Tochter bei einem Pizza-Imbiss war. Und sowas bleibt einem Royal natürlich im Gedächtnis.

Und jetzt sagt Prinz Andrew etwas, dass die Frau ins Rampenlicht rückt, die schon viel zu lange in seinem Windschatten stand. Er sagt, die Freundschaft mit Epstein sei vor allem auf Ghislaine Maxwell zurückzuführen. Und die scheint zu ahnen, dass auch ihr Gefängnis drohen könnte. Ghislaine Maxwell, mittlerweile über 50, gründet schnell noch eine Hilfsorganisation zum Schutz der Meere. Aber ja, um was? Um abzulenken? Ja, vermutlich schon. Den Kontakt zu Epstein hat sie schon länger runtergefahren. Vielleicht wird es ihr doch zu heiß. Zum Launch ihrer Organisation gibt sie mehrere Interviews. Und die Reporter fragen sie jetzt nicht nach der Verschmutzung der Ozeane, sondern nach ihren eigenen schmutzigen Machenschaften. Klar, dass da keine Antwort kommt. Jetzt wird es für alle noch lebenden Beteiligten eng. Epstein selbst ist ja schon tot. Das Königshaus sieht sich im Zugzwang, zu handeln. Andrew zahlt laut Spiegel eine Vergleichszahlung von umgerechnet 14,3 Millionen Euro an Virginia, gesteht aber keinerlei Schuld ein. Er wird aller militärischer Titel enthoben, ist nicht mehr königlicher Hoheit. Lange darf er sich nicht mehr mit den Royals zeigen, ist nur noch Prinz peinlich. In den deutschen Medien wie der Frankfurter Rundschau und dem Hamburger Abendblatt wird er auch genauso tituliert. Erst bei der Trauerfeier für seinen Vater, Prinz Philipp 2022, da erscheint er wieder an der Seite seiner Mutter.

Ghislaine Maxwell flog lange unter dem Radar. Jetzt nicht mehr. Das ganze Land sucht nach ihr. Und sie taucht ab. Ein Dreivierteljahr versteckt sie sich in ihrem entlegenen Haus in New Hampshire, das wir am Anfang erwähnt haben.

Interessant ist übrigens, dass sie mit ihren drei Pässen nicht in ein sicheres Land reist, aus dem sie nicht ausgeliefert werden könnte. Vielleicht, weil man sie an der Grenze festgenommen hätte? Stattdessen verbarrikadiert sie sich in diesem Holzbau in den Bergen, telefoniert nur manchmal mit ihrer Schwester oder ihrem Anwaltsteam. Doch über ihre GPS-Handydaten kann das FBI sie orten. Am 2. Juli 2020 stürmen bewaffnete Einheiten dann ja das Haus und nehmen die mittlerweile fast 60-Jährige fest. So und jetzt blickt die gesamte Welt auf Ghislaine Maxwell, die Schattenmacht hinter Jeffrey Epstein. Sie plädiert auf, haltet euch fest, nicht schuldig. Zwölf Tage nach Festnahme, am 14. Juli 2020, wird ihr Antrag auf Kaution aber abgelehnt. Nochmal will man sie wohl nicht davon kommen lassen. Jetzt werden fieberhaft Dokumente, Beweise und Zeugen gesammelt.

Bis am 29. November 2021, fast anderthalb Jahre nach ihrer Festnahme, der Jahrhundertprozess gegen Ghislaine Maxwell beginnt. Natürlich auch von einem Mega-Presseaufgebot. Filmen ist im Gerichtssaal verboten, weshalb es viele Zeichnungen von Ghislaine gibt. Mittlerweile hat sie längere Haare und trägt Mundschutz, denn es ist mitten in der Corona-Zeit. Nicht einmal sagt sie während der mehr als drei Wochen selbst aus, so schreibt es der Spiegel. Vier Frauen treten als Klägerinnen auf. Zahlreiche weitere Opfer kommen, um sie vor Gericht zu unterstützen. So wie Lisa Phillips. Sie ist eine der jungen Frauen, die auch auf die Insel gelockt wurden. Sie erzählt dem ZDF, es sei sinnlos gewesen, sich dagegen zu wehren.

Und so langsam kommt im Prozess gegen Ghislaine Maxwell das ganze Ausmaß der Verbrechen ans Licht, die sich dazwischen Palm Beach, der Karibik, New York und Ghislaine's Haus in London abgespielt haben. Über die Karibikinsel St. James, auch Epstein Island genannt, gibt es die schlimmsten Details.

Einheimische nennen sie nur noch die Insel der Orgien. Einen Monat lang wird verhandelt. Und hier kommt jetzt erst in einem Nebensatz ein wichtiges Detail ans Licht, das auch erklären könnte, warum sich Ghislaine in den letzten Jahren von ihrer vermeintlichen großen Liebe Jeffrey Epstein distanziert hat. Sie gibt an, 2016 geheiratet zu haben, und zwar den Tech-Unternehmer Scott Borgersen, der 16 Jahre jünger ist als sie. Allerdings kühlt diese Liebe wohl ab, als Ghislaine sich 2019 in den Bergen versteckt. Der Mann verbringt seine Zeit die jetzt ein bisschen lieber mit seiner Yogalehrerin, während Ghislaine Maxwell sich vor Gericht für ihre Mittäterschaft verantworten muss. Die Geschworenen müssen in diesem Prozess jeden Tag echt starken Tobak verdauen. Zwei von ihnen, das stellt sich später raus, haben selbst eine Missbrauchsvorgeschichte und dann ist das natürlich doppelt hart. Und sie müssen laut Spiegel zu einer einstimmigen Entscheidung kommen, sonst platzt der ganze Prozess. Das erste Opfer, das aussagt, ist Annie Farmer, die als einzige unter echtem Namen auftritt. Sie hat nach dem ersten Missbrauch mit 16 alles in ihr Tagebuch geschrieben. Ein ganz wichtiger Beweis.

Nach ihr kommt Opfer Nummer zwei unter dem Pseudonym Jane. Sie berichtet von jahrelangem Missbrauch durch Epstein und Maxwell. Der beginnt, als sie 14 ist. 14. Alle berichten, so sagt es die Opferanwältin Lisa Bloom, sie hätten Glenn Maxwell vertraut.

Es habe außerdem einen Chauffeur gegeben, eine Villa, einen Draht zum Präsidenten. Vielleicht wägen sich die Opfer am Anfang auch deshalb sicherer, als sie es sind. Wer denkt denn bitte, dass diese reichen, teilweise gewählten Männer sowas fertigbringen und nicht erwischt werden? Immer mehr Opfer sprechen mit den Medien. So auch diese junge Frau, Lisa Phillips, die mehrmals auf der Insel war. Sie erklärt dem Guardian, wie es kam, dass sie mehrere Jahre lang immer wieder zu Epstein flog. Er sei charmant gewesen, habe ihr und anderen mit der Karriere geholfen. Erst viel später habe sie verstanden, dass auch das zu seinem Missbrauchssystem gehört hat. Auch Angestellte kommen zu Wort. Epsteins Chauffeur Juan Alessi sagt, für ihn sei Ghislaine Maxwell die wahre Täterin. Sie habe sich von ihm rumfahren lassen und Opfer ausgesucht. Sie habe auch ein Handbuch geschrieben, in dem alles stand, was Epstein wollte. Die Reihenfolge seiner Kleiderbügel, die Mikrowellentemperatur für seinen Kaffee. Sie kennt auch alle seine Vorlieben, vor allem die sexuellen. Was hat diese Frau bewegt, schwere Straftaten zu begehen, um ihrem Exfreund zu gefallen? Am 29. Dezember 2021 fällt das Urteil gegen Ghislaine Maxwell, die bei der Verkündung stur auf den Boden schaut.

Im Saal fließen Tränen der Erleichterung. Sie wird nämlich in fünf Fällen schuldig gesprochen, wegen Prostitutionen und Menschenhandels mit Minderjährigen zum Missbrauchszwecken.

Aber noch steht das Strafmaß nicht fest. Das heißt, nochmal ein paar Monate Untersuchungshaft. Maxwells Anwälte legen Berufung ein und ihr Bruder Ian schluchzt in einer ITV-Doku. Wir glauben ihr, wir lieben sie, sie verdient Gerechtigkeit. Am 28. Juni 2022 kommt dann auch endlich das Strafmaß. 20 Jahre Haft für Ghislaine Maxwell. Während der Untersuchungshaft sitzt Ghislaine im berüchtigten Metropolitan Detention Center in Brooklyn. Ja, und versucht hier jetzt mal nicht wütend zu werden. Im Prozess behauptet sie, dass ihr, Zitat, schmutzige und winzige Zelle in der Untersuchungshaft von Ratten befallen sei und dass sie von Wachen bei Körperabtastungen begrabscht werde. Außerdem soll sie vorsätzlich um den Schlaf gebracht worden sein, indem sie alle 15 Minuten mit einer Taschenlampe angeleuchtet wird. Ich meine, ist ihr klar, wie ironisch das kommen muss nach allem, was sie getan hat? Oder erwartet sie vielleicht Mitleid? Ja, sie sagt sogar laut NBC und Sky News, man serviere ihr ranziges Essen. Sie habe weder Seife noch Zahnpasta oder eine Zahnbürste. Falsch, sagt die Staatsanwaltschaft. Angeblich telefoniert sie auch jeden Tag stundenlang mit Anwälten.

2022 tritt sie dann ihre eigentliche Haft im Gefängnis von Tallahassee im US-Bundesstaat Florida an. 750 Frauen und 300 Männer sitzen hier. Ja, Freunde hat sie dort wohl keiner. Aus Angst, in den Duschkabinen verprügelt zu werden, weigert sie sich sogar lange, überhaupt zu duschen. Auch zeigt sie Wärter, Reinigungskräfte und sogar einen Pfarrer wegen sexueller Belästigung oder Diskriminierung an. Und ein Telefonat, das eigentlich für einen Anruf bei Familienangehörigen gedacht ist, nutzt sie für ein Interview mit der Sendung Talk TV. Dafür gibt es dann 48 Stunden Strafeinzelhaft in einer Minizelle. Währenddessen kommen immer neue Details ans Licht. 2023 gibt die US-Regierung plötzlich die Namenslisten aller derer frei, die regelmäßig mit Jeffrey Epstein verkehrten. Und unter den 170 Namen sind viele, viele Promis, die ihr alle kennt. Vom Physiker Stephen Hawking bis zum Model Naomi Campbell.

Das bedeutet aber nicht, dass die auch alle in kriminelle Machenschaften verwickelt sind. Aber sie tauchen im Epstein-Maxwell-Umfeld immer mal wieder auf. Und was ist mit dem prominentesten Opfer? Das durchlebt wohl noch einmal gruselige Monate. Virginia Jeffrey postet Anfang April 2025 von ihrer Wahlheimat Australien ein beunruhigendes Bild, wo sie übersät mit blauen Flecken im Gesicht etwas von einem Autounfall erzählt.

Sie habe aufgrund gequetschter Organe noch vier Tage zu leben, hätten ihr ihre Ärzte gesagt. Die Western Australia Police korrigiert, es habe eine leichte Kollision zwischen einem Schulbus und einem Privatwagen gegeben, bei der niemand ernsthaft zu Schaden gekommen sei. Ja, was ist der Frau passiert? Wer hat sie so zugerichtet? Nur wenige Wochen später, am 25. April 2025, findet man sie leblos in ihrem Haus. Die Polizei geht von einem Suizid aus. Es gibt keine Obduktion. Fremdeinwirkung wird ausgeschlossen. Die Frau hat sich zur bewunderten Aktivistin gemausert und jetzt bringt sie sich um? Ihre Familie veröffentlicht eine handgeschriebene Notiz, die in ihren Papieren gefunden wurde. Da steht, ich zitiere jetzt, Mütter, Väter, Schwestern und Brüder müssen zeigen, dass die Fronten klar sind, dass sie zusammenhalten, den Opfern zuliebe. Sind Proteste die Antwort? Ich weiß es nicht. Aber wir müssen irgendwo anfangen. Zufällig demonstrieren laut People.com zum gleichen Zeitpunkt Aktivistinnen in Washington, um Solidarität mit Opfern sexualisierter Gewalt zu zeigen. Virginias Familie postet, an alle Überlebenden und Demonstrierenden, wir sind an eurer Seite und wissen, dass der Kampf nicht vorbei ist.

Ja, Virginia kann man nur bewundern. Sie hat mit ihrem öffentlichen Kampf eine echte Gegenmacht geschaffen. Und mit den Vergleichszahlungen sind ihre drei Kinder und ihr Mann zumindest mal abgesichert. Die Täterin Ghislaine Maxwell ist jetzt 63 und hat noch knapp zwei Jahrzehnte Gefängnis vor sich. Ob sie das nochmal lebend verlässt, ist fraglich. Aber für ihre vielen Opfer sind die Erinnerungen lebenslänglich. Übrigens verklagen die Jungferninseln 2023 die Großbank J.P. Morgan, weil sie Epsteins Treiben dort erst möglich gemacht haben. Man einigt sich auf einen Vergleich und Millionen gehen in die Opferhilfe. Und 2024 verklagen zwölf Frauen das FBI, weil es so spät erst gegen Epsteins System vorging. Ich glaube, man kann sagen, dass es wohl kaum ein besseres Beispiel für Machtmissbrauch als diesen Fall hier heute gibt. Denn auch Ghislaine Maxwell war in ihrer merkwürdigen Welt eine mächtige Frau, eine Strippenzieherin und hat schwere Straftaten erst ermöglicht.

Es gibt mittlerweile, auch dank MeToo, zumindest mal ein gutes, besseres Bewusstsein dafür und niemand muss das mehr mit sich alleine ausmachen, auch wenn das natürlich super mutig ist, wenn man sich da mit seinem echten Namen hinstellt. Aber ja, ich glaube, ein tolles Beispiel ist hier auch die Französin Gisele Pellicot, die von ihrem Mann Dutzenden anderen Männern zum Missbrauch vermittelt wurde und die mit ihren starken Gerichtsauftritten die ganze Welt beeindruckt hat. Das stimmt. Und falls ihr übrigens selbst betroffen seid oder Menschen kennt, die unter sexualisierter Gewalt leiden, bitte wendet euch immer und früh und vor allem, wenn es irgendwie geht, ohne Scham an die Leute um euch herum.

Das war ein schwieriger Fall, Anne. Ja, ich glaube, da kann man jetzt auch hier gar nicht mehr so viel sagen, weil was soll man anderes sagen, außer, dass das ganz ekelhaft und furchtbar ist, was hier über so viele Jahre stattfinden konnte. Und das macht es natürlich nicht besser, wenn das alles von einem Mann ausgegangen wäre. Jetzt haben wir hier eine weibliche Täterin, die das ganze System erst möglich gemacht hat. Sie hat es nicht nur unterstützt, sie hat es erst möglich gemacht. Ich glaube, da sind wir uns alle einig, dass das einfach nur furchtbar und ekelhaft ist und dass man froh sein kann, dass man sie da in den Bergen geschnappt hat und dass sie eben jetzt ihre Strafe absetzen muss. Absolut, ja.

Wir danken euch, dass ihr heute zugehört habt und vor allem bei dem Fall, glaube ich, Anna, interessiert uns wahnsinnig, wie denkt ihr dazu, wie habt ihr das auch damals alles aufgenommen, als das passiert ist und teilt das doch am liebsten auf YouTube oder auf Instagram unter im Schatten der Macht, ein Wort findet ihr uns und wir freuen uns von euch zu hören. Genau. Wir freuen uns sehr, wenn ihr nächste Woche Donnerstag wieder zuhört. Und damit ihr das nicht verpasst, unsere neue Folge, folgt uns doch gerne hier bei Spotify oder bei Apple Podcast, Amazon Music, Podimo, wo auch immer ihr uns hört. Da könnt ihr uns sehr gerne kostenlos folgen. Und dann freuen wir uns, wenn ihr nächste Woche Donnerstag wieder da seid bei einer neuen Folge von Im Schatten der Macht. Ich bin Anna und ich bin Ricardia. Danke an unser Team von Open Minds Media. Executive Producer Rüdiger Barth, Konzeption Peter Grewe, Rüdiger Barth und Manfred Neumann. Autorin Anna Gelbert. Producer Ricardia Bremley. Den Schnitt machte Lilli Johannsen. Zusätzliche Unterstützung von Falco Schulte.