Ein prominentes Politikerpaar wird halb verwest in seinem Haus gefunden. Das klingt nicht nur furchtbar, das ist auch so. Aber genau das ist vor 33 Jahren passiert. Nicht in den USA, auch nicht in den UK, sondern hier, in Deutschland. Quasi nebenan. Es geht um zwei Stars der Friedensbewegung und ihre absolut toxische Beziehung zueinander, die mit einem Knall, na gut, wenn wir ehrlich sind, mit zwei Knallen und vielen Fragezeichen endet. Und eine Content-Warnung vorab. In dieser Folge geht es nämlich auch um das Thema Suizid. Also, falls ihr das nicht so gut anhören könnt, dann hört die Folge am besten gar nicht oder mit jemandem zusammen an, damit ihr anschließend darüber sprechen könnt, wenn ihr das Bedürfnis danach habt. Ganz genau. Und wenn für euch oder Menschen, die ihr kennt, Suizid ein schwieriges Thema ist, wir haben euch ein paar Nummern in die Shownotes verlinkt. Das Leben von Friedensaktivistin Petra Kelly und Bundeswehrgeneral AD Gerd Bastian spielt sich in den 1970er und 80er Jahren im Machtzentrum der deutschen Politik ab, zwischen der alten Bundeshauptstadt Bonn und der Wiederhauptstadt Berlin.
Es sind politisch, aber auch privat turbulente Zeiten für das ungleiche Paar, das immer weiter in den Abgrund trudelt, bis zum finalen Showdown. Was die Sache noch komplizierter macht, ist die Frage, handelt es sich hier in Anführungszeichen nur um eine Liebesbeziehung, die immer zerstörerischer wird? Oder gibt es sogar noch eine dritte toxische Partei, nämlich, und damit rechnet man ja nicht sofort, den Geheimdienst. Auch dazu kommen wir später.
Die heutige Folge zeigt perfekt, wie zerstörerisch das Leben im Zentrum politischer Macht sein kann und wie zerstörerisch Machtverhältnisse in einer Beziehung sein können.
Und damit ganz herzlich willkommen bei Im Schatten der Macht. Ich bin Anne Lukmann. Und ich bin Riccardia Bramley. Und gleich vorweg, ich klinge so ein bisschen wie eine Barfly heute, weil wir nämlich gestern eines anderen Podcasts, die Schwarze Akte, gefeiert haben. Die sind nämlich fünf Jahre alt geworden. Also herzlichen Glückwunsch, Anne. Ja, danke. Und wir haben alle ganz, ganz viel miteinander gequatscht. Und deswegen sind unsere Stimmen vielleicht heute ein kleines bisschen angeschlagen. Aber wir freuen uns natürlich, dass wir euch heute wieder einen neuen Fall erzählen können. Absolut. Kommen wir also zurück zu unserem Fall. Erst seit kurzem beschäftigt sich die Geschichtsschreibung wieder mit Petra Kelly und ihrem Liebsten, Die beide sehr schillernde Persönlichkeiten waren. Und was jetzt kommt, das hört sich fast wie ein Tatort-Intro an, ist aber eine Katastrophe, die sich tatsächlich so abgespielt hat. Wir befinden uns in Bonn. Es ist der 19. Oktober 1992. Ein Herbstabend in der Wohngegend Tannenbosch. Als Rosemarie Letters am Abend des 19. Oktober 1992 gegen 21 Uhr zusammen mit ihren beiden Söhnen in der Swinemünder Straße ankommt, da ist es dunkel im Haus. Der Briefkasten des Politikerpaares Gerd Bastian und Petra Kelly, den sie für die beiden öfters mal lehrt, der ist voll. Die Alarmanlage ist aus und das Haustürschloss nur einmal umgedreht. Die Nachbarin und ihre beiden Söhne betreten das Haus.
Die drei gehen durchs Wohnzimmer die Treppe hoch. Es stinkt immer mehr, je weiter sie nach oben kommen. Auf den Stufen liegen ein Handschuh und Bücher. Das könnte erstmal wie ein Einbruch aussehen, zumal die Terrassentür nur angelehnt ist. Oben liegt ein Männerkörper. Dann entdecken sie die tote Petra Kelly im Bett. Um 21.27 Uhr klingelt bei der Polizei in der rheinischen 300-Einwohner-Stadt das Notruftelefon. Bis zum nächsten Mal.
Minuten später ist nicht etwa die Polizei da, sondern die Presse. Die Sargboxen werden vor laufender Kamera aus dem Haus getragen. Über Nachrichtenticker geht die Meldung schon raus in die ganze Welt und zwar In Bonn-Tannenbusch wurde ein prominentes Politikerpaar tot aufgefunden. Die Tagesschau sendet es quasi direkt in alle Wohnzimmer. Die Anruferin ist eine ehemalige Nachbarin und Freundin, die für die beiden nach Post und Blumen schaut. Sie hat einen eigenen Schlüssel, wenn die zwei auf Reisen sind. Die Gegend rund um den Fundort ist eigentlich eher ruhig. Es ist sehr ungewöhnlich, dass gerade hier zwei Leichen gefunden werden. Auch das Häuschen der beiden ist beschaulich. Laut Spiegel mit Rüschengardinen und Kitschfiguren im Fenster.
Neben der Haustür von Petra Kelly und Gerd Bastian liegt ein Kranz Trockenblumen. Auf der Tür klebt das Symbol einer Friedenstaube. Es ist später Abend und die Nachbarin wartet mit ihren beiden Söhnen auf die Polizei. Im ganzen Haus herrscht ein starker, unangenehmer Geruch. Es ist jetzt 22.10 Uhr, als die Beamten im ersten Stockwerk die zwei Leichen finden. Eine Männerleiche im Flur, eine Frauenleiche im Schlafzimmer. Beide weisen ein Einschussloch im Kopf auf und die Verwesung ist schon weit fortgeschritten. Die Ermittler werden den Tod später auf den 1. Oktober datieren. Die Ermittler untersuchen das Verwesungsstadium und werten Hinweise auf die letzten Aktivitäten der Toten aus. Und sie schließen daraus, dass die Leichen insgesamt schon 18 Tage hier im Haus liegen müssen. Zweieinhalb Wochen.
Draußen stehen schon die ersten Reporter. Sie müssen gut vernetzt sein, da sie so schnell vor Ort sind. Damals gab es ja noch kein Internet oder Smartphones, um sich schnell auszutauschen. Aber in Bonn, das in diesen Jahren von Berlin als Hauptstadt abgelöst wird, gibt es immer noch ein sehr starkes Presseaufgebot. Seit der Wiedervereinigung 1990 ist ja Berlin wieder offiziell die Hauptstadt und Bonn wird zur Bundesstadt. Nach und nach ziehen die Abgeordneten, die Ministerien und generell die ganzen Teams um. Die beiden Leichen, so bestätigt die Polizei kurze Zeit später, sind die von grünen Mitgründerin Petra Kelly und ihrem Lebensgefährten Gerd Bastian. Sie ist 44 Jahre alt, er 69. Innerhalb von Minuten geht die Meldung schon um die Welt. Eines der prominentesten Politikerpaare ist offenbar gewaltsam gestorben und sofort fangen viele Menschen an zu spekulieren. Was ist da passiert?
Darüber muss sich die Polizei jetzt natürlich schnell ein Bild machen. Mitten in der Nacht herrscht in der Swinemünder Straße plötzlich ein riesen Alarm. Die Spurensicherung legt los. Vielleicht finden sich im Haus ja Hinweise auf die Tat. So richtig stimmig ist das alles hier irgendwie noch nicht. Die Terrassentür steht offen. In der Schreibmaschine von Gerd Bastian steckt noch ein Brief an seinen Münchner Anwalt Hartmut Wechtler. Den Brief hat er also noch angefangen zu schreiben. Das Datum steht auch noch drauf. 1.10.1992. Darin geht es um eine gemeinsame Freundin, die einen Anwalt braucht. Besonders strange. Der Brief stoppt am Anfang der zehnten Zeile mitten im Satz. Mitten in der Satzkonstruktion. Wir müssen. Gerd Bastian tippt das Wort müssen nur noch zur Hälfte, also müssen. Und dann muss irgendwas passiert sein.
Auf dem Boden finden die Ermittler eine Deringer 38-Pistole. Das ist so eine Nahschusswaffe, die vor allem für Hinrichtung oder Selbsttötung aus nächster Nähe benutzt wird, weil sie einen so starken Rückschlag hat. Nur ein geübter Schütze kann die benutzen, wenn er sein Ziel wirklich treffen will. Die Leichen werden an diesem Abend von Menschen in weißen Schutzanzügen aus dem Haus getragen und sofort in der Rechtsmedizin obduziert. Gerd Bastians Frau Charlotte, mit der er seit 47 Jahren verheiratet ist und von der er sich nie hat scheiden lassen, eilt aus München sofort nach Bonn. Ebenso seine erwachsenen Kinder Till und Eva Marina.
Wann Gerd und Charlotte Bastian sich genau trennen, ist übrigens unklar. Aber sie bleibt in München, er verlegt seinen Lebensmittelpunkt wohl nach Bonn. Der Familie steht jetzt eine schwere Aufgabe bevor, denn sie müssen die Leichen identifizieren. Vor allem in diesem Zustand, halb verwest und mit einem Loch im Kopf. Das ist kein Anblick, den vor allem eben ein Familienmitglied sehen sollte. Auch Petra Kellys Familie wird informiert. Tragisch ist auch, dass ihre geliebte Oma an diesem Tag Geburtstag hat. Nicht mal einen Tag später, am Nachmittag des 20. Oktober 92, gibt's ein Statement von Kommissar Hartmut Otto. Und der sagt, es gebe keine Spuren eines Einbruchs oder eines Kampfes, Er sagt, ich zitiere, »Gerd Bastian habe erst seine Lebensgefährtin und dann sich selbst erschossen.«.
Die Ermittler haben den Fundort also offenbar noch am selben Abend, an dem die Leichen gefunden werden, untersucht und sowas wie Einbruch, Überfall oder auch Kampf ausgeschlossen. Nur kurze Zeit nach der Ermittlung steht also die These von erweitertem Suizid im Raum. Also, das ist die Situation, in der einer sterben will und den anderen mit in den Tod nimmt.
Wenn der andere Mensch das allerdings nicht will, steht natürlich die Frage nach einem Mord im Raum. Ja, und große Fragezeichen bleiben zurück. Denn warum sollte Petra Kelly damit einverstanden gewesen sein, von ihrem Lebensgefährten erschossen zu werden? Die waren doch das absolute Power Couple, das die Welt verbessern wollte. Wir müssen uns das Leben der beiden dafür einmal genauer anschauen. Petra Kelly ist eine charismatische Figur der Friedensbewegung. Sie kämpft mega engagiert gegen Atomkraft, für Frauenrechte und Umweltschutz, für das Selbstbestimmungsrecht des von China besetzten Tibet und bessere Kinderkrankenhäuser. Mit ihren kurzen grauen Haaren und ihrer energetischen Art gewinnt Petra Kelly super viele Fans. Auch weil sie keine Scheu hat, sich mit mächtigen Menschen anzulegen. Sie wird in den Medien sogar manchmal mit Prinzessin Diana verglichen, weil sie sich so engagiert. Geboren wird sie als Petra Karin Lehmann am 29. November 1947 im schwäbischen Günzburg. Der Vater verlässt die Familie, als Petra noch ein Kleinkind ist. Sie wird von da an von ihrer Oma Kunigunde Birle erzogen, die für sie ein Leben lang sehr wichtig bleiben wird.
Ihre Mutter wohnt zwar auch dort, arbeitet aber tagsüber als Verkäuferin in einem Geschäft für US-Militärs in Leibheim. Da lernt sie auch ihren nächsten Mann kennen, einen amerikanischen Offizier namens John Kelly. Der ist laut Spiegel ein gutmütiger Riese. Die Mutter heiratet John Kelly. Daher heißt Petra jetzt Kelly mit Nachnamen. Die Mutter zieht mit ihrem neuen Mann nach Amerika. und Petra, damals im Grundschulalter, bleibt bei ihrer Oma, die sie laut ihrer eigenen Aussagen total gleichberechtigt behandelt, nicht wie ein Kind.
Oma Birle ist damals aber auch selbst erst in ihren frühen 40ern, könnte also locker als Mutter statt Oma durchgehen. Als Petra 13 ist, da zieht sie zu ihrer Mutter und ihrem Stiefvater John nach Amerika, in den US-Bundesstaat Georgia, wo sie dann auch die Schule besucht. Ihre Mutter und Stiefvater John bekommen zehn Jahre nach Petras Geburt noch eine gemeinsame Tochter, Grace, also Petras Halbschwester. Und nochmal drei Jahre später einen Sohn, John Lee.
Petra hat außerdem mit einem Leiden zu kämpfen, einem Nierenleiden. Deswegen muss sie auch mehrmals operiert werden. Seit ihrem siebten Lebensjahr wird sie wegen schwerer Nierenkolligen immer wieder geröntgt. Später wird sie leidenschaftlich gegen jede Art von Strahlung kämpfen. Sie ist wohl gut in der Schule, interessiert am politischen Geschehen und schreibt für die Schülerzeitung. Sicher hat sie das auch geprägt. Und noch ein furchtbares Ereignis prägt sie. 1970, da studiert Petra schon in Washington Politik, erkrankt ihre Halbschwester Grace an Krebs, einem Sarkom, also ein bösartiger, seltener Tumor. Grace ist damals noch nicht mal sieben Jahre alt. Die Familie zieht wieder zurück nach Deutschland, damit das Mädchen dort behandelt werden kann. Für Petra Kelly muss diese Phase sehr traumatisch sein. Aber sie kämpft mit, organisiert 1968 einfach mal eine Audienz bei Papst Paul VI. Für Grace, in dem sie schlicht und einfach einen Brief schreibt und darum bittet. Leider stirbt Grace trotz aller Kämpfe nach dreieinhalb Jahren Behandlung mit gerade mal zehn Jahren.
Laut FATS deutet vieles darauf hin, dass ihr Zustand sich auch durch die aggressive Strahlentherapie weiter verschlechtert hat. Das ist für Petra Kelly ein Weckruf, sich ihr Leben lang gegen jede Art von Strahlung stark zu machen und gegen Atomkraft zu kämpfen. Und sie ist wohl entsetzt von der Ausstattung vieler Kinderkliniken und setzt sich später für eine bessere Versorgung der Kleinpatientinnen und Patienten ein. In Gedenken an ihre verstorbene Schwester trägt Petra Kelly immer Erinnerungsstücke an Grace bei sich. Ihre Energie steckt Petra Kelly nach dem Tod der Schwester in ihre Herzensprojekte wie Kinderkrankenhausversorgung, Kampf gegen Atomkraft und Frauenprojekte. Nach dem Studium der politischen Wissenschaften in Washington geht sie nach Amsterdam. Zwischen 1972 und 1982 arbeitet sie als Verwaltungsrätin bei der Europäischen Gemeinschaft. Das ist der Vorläufer der heutigen Europäischen Union, die erst 1993 gegründet wird.
Petra Kelly regt sich meist über die Bürokratie dort auf. Da war sie eine der Ersten, die das laut angemahnt haben. Petra Kelly entwickelt schon früh eine auffällige Liebe zu älteren Männern. Die kommen meist aus ihrem direkten beruflichen Umfeld. und haben oft viel Macht. Zum Beispiel beginnt sie eine Beziehung mit Sikko Menzold, dem damaligen Chef der Europäischen Kommission, der 39 Jahre älter und verheiratet ist. Es ist unklar, wie lang diese Liebe dauert. Kelly brennt für die Politik. Sie engagiert sich 24-7 für Frauen- und Menschenrechte. Und ja auch gegen Atomkraft. Und damit fällt sie nicht allen positiv auf. Schon 1967 legt das FBI laut Autor Dieter Wunderlich eine Akte über sie an.
Damals gibt es weltweit widerstreitende Strömungen von Atomkraftbefürwortern und Gegnern. Es wird demonstriert gegen Rüstung und für Frieden. Politisch sind die Zeiten des Kalten Krieges zwischen dem Westen und der kommunistischen Sowjetunion mindestens so turbulent wie heute. Aber Petra Kelly bezieht immer Position. Sie scheut keine Konflikte und schreibt oft Briefe an hohe Politiker. Und bekommt meist sogar eine Antwort. Früher hieß das streitbar, heute heißt es umstritten und ist eher problematisch. Kelly zeigt Kante, überarbeitet sich selbst auch massiv. Sie schläft laut Taz selten mehr als drei bis vier Stunden die Nacht, ernährt sich oft von Cola und Käsekuchen und hat ab und zu sogar Ohnmachtsanfälle. Es gibt ein Foto von ihr aus dem Jahr 1979. Da ist sie 32 und posiert mit einem Hoodie, auf dem steht Lieber heute aktiv, als morgen radioaktiv.
1973 gründet sie eine Vereinigung für krebskranke Kinder und ihre Familien. Fünf Jahre später lernt sie 1978 einen Mann namens John Carroll kennen, einen irischen Gewerkschaftsführer, der verheiratet und 22 Jahre älter ist als sie. Sie engagiert sich erstmal in der SPD, aus der sie dann aber aus Protest gegen die Atompolitik wieder austritt. Sie tritt als Rednerin auf Demonstrationen auf, gründet 1980 im Alter von nur 33 Jahren mit Gleichgesinnten eine Partei, die bis heute eine riesige Rolle spielt, die Grünen. Sie ist die erste Vorstandssprecherin und, weil sie in ihren USA-Jahren gesehen hat, wie dort so Profi-Wahlkampf gemacht wird, nimmt sie sich das zum Vorbild. Und das mit Erfolg.
1983 ziehen die Grünen nämlich in den Bundestag ein. Daran können sich vielleicht manche von euch aus ihrer Kindheit noch erinnern. Bisher sitzen zu diesem Zeitpunkt eine Menge Männer und nur sehr wenige Frauen in Anzug und Kostüm im Parlament. Wenn man ehrlich ist, bisschen so wie jetzt gerade wieder. Naja, und plötzlich kommt da eine Gruppe von Leuten mit Jeans und lässigen Frisuren. Der erste Umweltminister in Hessen, also Joschka Fischer, lässt sich sogar mit Turnschuhen vereidigen. Das ist damals schon fast ein kleiner Skandal. Petra Kelly legt also den Grundstein für den jahrzehntelangen Erfolg der Grünen. Sie verehrt den Dalai Lama, holt ihn für Vorträge sogar nach Deutschland. Und, da es damals ja kein Social Media gab, sondern nur die Tagespresse, schreibt sie ein Newsletter an Freunde und Bekannte und Kollegen. Also so richtig mit Briefmarken und Umschlägen. Schnell wird sie zum Idol vieler Grünen-Anhänger, bekommt körbevoller Fanpost. Sie hat viele Verehrer und trifft bald den Mann, der ihr Schicksal wird. Vielen Dank. Es gibt ein passendes Buch der Feminismus-Vorkämpferin Alice Schwarzer dazu, das ein Jahr nach dem Tod der beiden herauskommt, im Jahr 1993.
Dieses Buch heißt Eine tödliche Liebe und befasst sich detailliert mit der Beziehung der beiden Politikstars. Außerdem gibt es eine spannende Dissertation namens Die Aktivistin über das Leben von Petra Kelly und einen ziemlich aktuellen Kinofilm. Gerd Bastian wird am 26. März 1923 in München geboren. Die Familie lebt im Stadtteil Schwabing. Als 18-Jähriger meldet er sich freiwillig als Soldat für den Zweiten Weltkrieg, also für die Nationalsozialisten. Und er macht Karriere als Wehrmachtsoffizier. Das ist erstmal ganz schön krass. Da kommen wir auch später nochmal zu.
Gerd Bastian gerät gegen Kriegsende 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft, kommt aber nach sechs Wochen wieder frei. Er macht anschließend eine Buchbinderlehre und tritt 1956 als Oberleutnant in die Bundeswehr ein. Ein paar Jahre ist er CSU-Mitglied, tritt aber 1963 aus Protest gegen die Politik von Franz-Josef Strauß aus. Er macht danach Karriere bei der Bundeswehr. Als Generalmajor-Kommandant hat er 1976 mehr als 20.000 Soldaten unter sich. Es ist schon der Wahnsinn. Eben noch laut Taz eventuell sogar ein überzeugter Nazi, jetzt ein großer Player in der Bundeswehr. Er heiratet im Alter von 22, noch vor Kriegsende, eine Adlige, Charlotte Freien von Stipschitz und bekommt zwei Kinder mit ihr. Gerd Bastian scheint aber, so schreibt es Alice Schwarzer in ihrem Buch, sein Leben lang ein Frauenheld mit Affären zu sein. Außerdem liebt er schnelle Autos und Waffen. Fünf Pistolen sind später auf seinen Namen zugelassen. Drei in München und zwei in Bonn. Er scheint, so bestätigt auch seine Familie, ein guter Vater zu sein, der sich wirklich mit den Kindern beschäftigt und in Schulangelegenheiten nicht allzu streng ist. Das sagt sein Sohn Till laut Fokus.
Vielleicht sieht seine Frau ihm deshalb nach, dass er parallel zur Familie laut seinem Sohn Till, so sagt der das in der Zeit, offenbar über viele Jahre viele Affären hat. Bis es mit einer bestimmten Frau dann doch mal ernst wird. Im Jahr 1980 dreht sich Gerd Bastians Leben nämlich sowohl politisch als auch privat.
Er ist jetzt 57 Jahre alt und bittet darum, in den einstweiligen Ruhestand versetzt zu werben, weil er 1979 den NATO-Doppelbeschluss nicht mittragen will. Das zeugt wiederum von Rückgrat. Bei diesem Beschluss geht es darum, dass der Westen als Reaktion auf die Stationierung von Waffen in der Sowjetunion selbst weiter aufrüstet mit atomaren Mittelstreckenraketen. Das ist damals ein richtiges Aufrüstungs-Battle im Kalten Krieg. Und als Gegenspieler wird die Friedensbewegung immer stärker. Vom Zwei-Sterne-General zum Kriegsdienstverweigerer schreibt der WDR über die Wandlung von Gerd Bastian. Er wird zum grünen Parteimitglied und zum Star der Friedensbewegung. Und damit fasziniert er die 25 Jahre jüngere Petra Kelly, eine Pazifistin, die mindestens genauso leidenschaftlich für ihre Ziele kämpft. Am 1. November 1980, da ist er 57 Jahre alt und sie, 32, sitzen die beiden bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Frauen und Militär.
Und jetzt fliegen wohl die Funken. Sie, die Idealistin und überzeugte Aktivistin, er, der geläuterte Überläufer. Die Liebe beginnt erstmal als geheime Affäre. Am 1. Dezember 1982 bekommt Petra Kelly den alternativen Nobelpreis in Stockholm. Da ist ihre Karriere auf dem Zenit. Gerd Bastian zieht 1983 mit den Grünen in den Bundestag, überwirft sich drei Jahre später aber mit ihnen und bleibt als fraktionsloser Abgeordneter bis 1986 im Parlament. Ob mit oder ohne Partei, die beiden sind das Powercouple der alternativen Szene. Schon optisch sind sie ein Aufmerksamkeitsmagnet. Er mit seinem grauen Kurzhaarschnitt, mit dem ausrasierten Nacken, sie mit ihrer Diana-ähnlichen Kurzhaarfrisur und gerne mal Rüschchenbluse. Viele sind schockverliebt in dieses schillernde Gespann. Es gibt auch etliche Zeitungscover mit ihnen.
Gemeinsam kämpfen Petra und Gerd gegen Atomraketen und Aufrüstung. Im Bundestag nennt man sie auch scherzhaft Fraktion Kelly-Bastian. Aber die unermüdliche Petra Kelly macht sich auch Feinder, indem sie beispielsweise ihr Team zu Überstunden zwingt und die Büros mit Arbeitsaufträgen auf Notizzetteln vollpflastert. So sehr sie an ihre eigenen Grenzen geht, so sehr fordert sie das auch von allen anderen.
Mitte der 80er Jahre ziehen die beiden in ihr gemeinsames Haus im Bonn-Tannenbusch. Obwohl Bastian laut WDR seinen Lebensabend eigentlich mit seiner Ehefrau Charlotte verbringen will. Das ist eine merkwürdige Beziehung dieser beiden. Er ist irgendwie auf dem Papier mit seiner Frau verheiratet, aber eben auch eine Art Lebemensch. Leben tut er aber mit seiner Freundin. Er ist jetzt knapp 60 Jahre alt und wird offenbar immer mehr in die Arbeitswut seiner jüngeren Freundin gezogen. Es gibt Streit bei den Friedensturteltauben. Und über das Motto Frieden schaffen ohne Waffen gibt's wohl ohnehin geteilte Auffassung. Während Pazifistin Petra sich als eine der ersten in Deutschland öffentlichkeitswirksam für Tibet einsetzt und ein tibetisches Patenkind hat und ja sogar den Dalai Lama nach Deutschland einlädt, liebt Gerd Bastian seine Waffen. Er ist Mitglied der Generale für den Frieden, die gegen westliche Atomrüstung kämpfen und dabei ausgerechnet vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR unterstützt werden, also der Stasi. Vielleicht doch mal ein kurzer Abriss dieser beiden Teile Deutschlands, die sich da in den 1980er Jahren gegenseitig belauern und bespitzen.
Die westdeutsche Bundesrepublik unter dem CDU-Kanzler Helmut Kohl und die ostdeutsche DDR unter dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Die liegt quasi in den letzten Zügen, sieht die Grünen in Westdeutschland mit ihren teils sozialistischen Tendenzen aber mit Wohlwollen. Und hier ist dieses politische Paar. Sie, die grünen Aktivistin, er, der General, der schon mehrere ideologische Kehrtwänden hingelegt hat. Einige fragen sich jetzt wohl, wie tief steckt Gerd Bastian damit drin? Ist er vielleicht selbst eine Art Agent? Braucht er deshalb so viele Waffen? Er sagt dem Playboy 1982, er besitze mehrere Pistolen und einen schweren amerikanischen Revolver. Und ich zitiere ihn jetzt.
Ich habe früher damit gern und gut auf Scheiben geschossen. Petra Kelly und ich haben allerdings völlig gegensätzliche Auffassungen über den Nutzen von Waffen. Ich halte Waffen für nützlich, zur Abwehr von Gewalt und Unrecht. Petra Kelly schauert schon, wenn sie eine Pistole sieht. Petra arbeitet immer mehr, meistens nachts. Und sie hat immer mehr psychische Probleme, denn sie fühlt sich beobachtet und verfolgt. Das Bonner Haus der beiden wird immer mehr zum Hochsicherheitstrakt. Es hat eine Alarmanlage. Aus allen Fenstern und Türen hängen von innen Zettel, auf denen steht, bitte nicht öffnen, Warnanlage ist scharf. So schreibt es Alice Schwarzer. Wenige Monate vor ihrem Tod lässt sich Petra Kelly eine Lichtschranke für den Garten einbauen. Was sie nicht ahnt, die Gefahr lauert aber nicht zwingend von außen. Die beiden igeln sich immer mehr ein, auch weil ihre politischen Karrieren stocken. Die Grünen, auch der spätere Bundesinnenminister Otto Schilly gehört damals dazu, sehen sich damals als eine Art Anti-Parteien-Partei. Alle zwei Jahre wird rotiert, damit es sich niemand zu bequem auf seinem Sessel macht.
Darauf haben Petra Kelly und Gerd Bastian keine Lust. Er fliegt bei den Wahlen 1987 aus dem Bundestag. Die nächsten Wahlen, aufgrund der Wiedervereinigung schon drei Jahre später, werden zum Desaster für die Grünen. Ja, das liegt unter anderem daran, dass Deutschland im Einheitstaumel ist. Die Umweltfragen scheinen nicht mehr so drängend zu sein. Auch hier wieder die Parallele zu heute. In Europa haben wir den Rechtsruck und über das Klima reden wir gar nicht mehr. History repeating. Und die Grünen sind damals ziemlich zerstritten. Öko-Fundamentalisten sticheln gegen Realpolitiker. Damals heißt das umgangssprachlich Fundis gegen Realos. Petra Kelly kommt irgendwie immer mehr unter die Räder. Die Jahre um die Wiedervereinigung machen aus der Aktivistin Petra Kelly, so kommt es einem zumindest vor, eine Gehetzte.
Eine Zeitzeugin beschreibt das Leben der beiden der Taz. Es klingt wie eine Art sehr anstrengende To-Do-Liste. Ich zitiere. Kongresse in Australien, Mexiko, Jugoslawien, Indien, Ostberlin, Demos für die Abrüstung in Ost und West, Großdemos der Friedensbewegung, Mauerfall. Gerd Bastian, Briefe an Ämter, Banken, Politiker, Drohbriefe von Rechten, Fernsehdiskussion, Erschöpfung, Kreislaufbeschwerden, Gerd Bastian, Angstattacken, Neurosen. Petra und Gerd isolieren sich immer mehr in Bonn. Weit weg von der neuen Hauptstadt Berlin, wo ja das politische Leben läuft. Irgendwie hat man das Gefühl, die neue Realität hat sie abgehängt. Die Frage ist, wovor hat Petra Kelly die ganze Zeit solche Angst? Wird sie wirklich verfolgt oder ausgespäht? Parken da unauffällige Autos vorm Haus? Ist es verwandt, werden sie beobachtet? Oder ist das alles nur Einbildung?
Fast acht Jahre leben die beiden in ihrem Haus im Bonn-Tannenbusch. Gerd Bastian Gärtnert, Petra Kelly schreibt Texte und Briefe. Außerdem bereitet sie ihre Sendung für Sat.1 vor, wo sie seit Januar 1992 jeden Dienstag das Umweltmagazin 5 vor 12 moderiert. Aber das wird schon nach wenigen Folgen abgesetzt. Der Zeitgeist ist schuld und wohl auch Petras fordernde Art. Im März 92 sind Petra und Gerd in München. Vorher haben sie in Nürnberg noch Petras Oma Birle besucht. Gerd will am Abend seine Frau Charlotte treffen. Petra soll so lange im Hotel warten.
Und das ist offenbar sehr schwierig für sie, ewig die zweite Geige zu spielen. Vielleicht, weil sie es satt hat, immer nur die Freundin zu sein? Sie schickt Gerd nämlich im gegenüberliegenden Hauptbahnhof Obst kaufen. Laut Alice Schwarzer scheint das eine Art Ablenkungsmanöver gewesen zu sein. Sowas wie ein Kümmer-dich-um-mich-Manöver. Dabei wird er von einem Taxi angefahren und trägt einen komplizierten Schienbeinbruch davon. Ja, und im Krankenhaus kommt es dann laut Alice Schwarzer zu einer sehr unschönen Szene zwischen der Freundin Petra und der Frau Charlotte. Alice Schwarzer schreibt, ich zitiere, auf diesem Schlachtfeld wird mit Waffen gefochten, an denen General Bastian nicht ausgebildet wurde. Gerd muss Ende April in die Reha im Schwarzwald. Petra Kelly checkt gleich mit ein. Die Beziehung zwischen ihnen wird immer angespannter. Er wird immer mehr zum Kümmerer. Sie braucht ihn und macht ihn doch mit ihren Forderungen fertig. Noch Monate später muss Gerd Bastian am Stock gehen. Er humpelt sogar. Normalerweise sorgt er rund um die Uhr für Petra. Jetzt ist er selbst angeschlagen und bald 70.
Im September 92, also ein knappes halbes Jahr nach der Reha, treffen sich Petra und Gerd mit dem damaligen grünen Geschäftsführer Lukas Beckmann bei ihm zu Hause. Und da gibt es nur ein Thema, die Stasi-Akten, die nach dem Ende der DDR bald für alle einsehbar sein sollen. Auch Petra Kelly und Gerd Bastian sind sich nicht sicher, ob einer der beiden irgendwelche unangenehmen Enthüllungen zu befürchten hat. Nochmal kurz zur Erinnerung. Damals finden quasi Millionen Bürgerinnen und Bürger heraus, dass sie von Nachbarn, Vorgesetzten und Kollegen bespitzelt werden. Und Petra Kelly hat die DDR aus dem Westen immer kritisiert und die Bürgerrechtsbewegung dort unterstützt. Gerd Bastian wiederum hatte Kontakt zur Stasi. Da herrscht damals viel Misstrauen zwischen allen Menschen, die mit der DDR zu tun haben.
Die Angststörung ist jetzt vor allem ihr ständiger Begleiter. Reisen kann Petra Kelly mittlerweile gar nicht mehr, weil sie Panikattacken kriegt. Also muss Gerd ihr gemeinsames Leben organisieren. In der letzten Nacht ihres Lebens geht Petra Kelly wie immer erst gegen 4 Uhr früh ins Bett. Es ist der 30. September 92. Für Gerd kritzelt sie laut Spiegel Anweisung auf einen Zettel, der beginnt mit Mein Gertilein und endet mit Ich liebe dich. Der Frühaufsteher Gerd erledigt alles, noch bevor Petra wach wird. Er kauft Blumen für Oma Birle und eine Seniorenbahnkarte für sich, die er nicht mehr brauchen wird.
Was passiert genau an diesem Donnerstag, dem 1. Oktober 92, in dem Haus in Bonn-Tannenbusch? Gerd Bastians Sohn Till, ein Arzt, schreibt später das Buch Die Finsternis der Herzen – Nachdenken über eine Gewalttat. Seine Theorie lautet, sein Vater Gerd hat einen Herzinfarkt oder eine Lungenembolie, gerät in Panik und greift zur Pistole. Oder ist der halbgeschriebene Brief in der Schreibmaschine an den Münchner Anwalt Hartmut Wächtler, der mitten im Wort endet, ein Hinweis? Hat irgendwas Gerd Bastian aufgeschreckt? Laut Alice Schwarzers Buch humpelt Gerd am Tartag in die kleine Küche im Erdgeschoss des Häuschens. Weil Petra Kelly immer am Küchentisch arbeitet, liegt der voller Papiere.
Er brüht sich einen Kaffee, setzt sich dann an die Schreibmaschine und schreibt an seine Frau Charlotte. Sogar ein gemeinsames Sparkonto haben die beiden, trotz Trennung übrigens noch. Er schreibt, liebstes Weibyleim, steht laut Alice Schwarzer in dem anderthalbseitigen Brief. Er habe eine Erkältung und könne nicht mehr vor ihrem Kreterurlaub am 4. Oktober nach München kommen. Bereitet er da etwa schon seinen Abgang vor?
Gerd Bastian steckt den Brief in einen Umschlag, klebt ihn zu, aber keine Briefmarke drauf. Petra, die ja immer bis spät in die Nacht arbeitet, schläft immer noch. Um 10 Uhr ruft Gerd seine Frau Charlotte an. Die beiden telefonieren laut ihren Aussagen freundlich und entspannt miteinander. Das wohl letzte Telefonat seines Lebens führt Gerd Bastian mit dem Grünen Lukas Beckmann. Während des Gesprächs hört man laut Beckmann Petra laut im Hintergrund. Da lebt sie offenbar noch. Ali Schwarzer, die ja nicht dabei war, sich aber auf Polizeiberichte und Rekonstruktion stützt, die schreibt, Petra Kelly schaut ihre Post durch und korrigiert eine Kurzbiografie. Sie legt sich wieder hin, im Hausanzug. Die Kontaktlinsen legt sie in den Behälter auf dem Nachttisch, Ringe und Uhr daneben. Mittlerweile geht es auf den Abend zu. Gerd Bastian tippt auf seiner Schreibmaschine diesen Brief an seinen Anwalt. Seine Deringer 38 Nahschusspistole bewahrt er in einem alten Militärhandschuh mit den Initialen G.B. auf. Und der liegt in einer Schachtel im ersten Stock im Büro, hinter den Büchern im Regal.
An diesem Abend holt er die Pistole wohl in Panik raus, denn die Bücher, die davorstehen, fallen runter. Warum hat er es so eilig? Wird er bedroht? Ist jemand im Haus? Oder hat er einen Schwächeanfall und will Petra auf keinen Fall alleine lassen? Allerdings, ein Herzinfarkt oder Schlaganfall kann die Gerichtsmedizin später nicht feststellen. Die Polizei rekonstruiert später die letzten Schritte folgendermaßen. Der Handschuh, in dem die Pistole versteckt ist, fällt auf den Boden. Gerd Bastian betritt das Schlafzimmer am ersten Stock, in dem Petra Kelly beuchlings auf dem Bett liegt und schläft. Er hebt die Waffe. Die Deringer 38 hat zwei Kugeln. Er setzt sie an die linke Schläfe seiner Partnerin und drückt einmal ab. Petra Kelly ist sofort tot. Und nun? Geht er nochmal in seinen Garten und lässt die Terrassentür offen? Im Flur auf dem Boden liegt sein Hausschlüssel. Dann geht er wieder nach oben. Ja, und so rekonstruiert die Polizei das.
Im Flur des ersten Stockwerks, so erklären sich die Ermittler das später, sieht er wohl seine tote Lebensgefährtin im Bett liegen. Blut sickert vermutlich ins Kissen. Gerd Bastian presst die Waffe mit beiden Händen von oben auf seinen Schädel und drückt ab. Stehend, wie bei einer Hinrichtung, so schreibt es Alice Schwarzer. Direkt über Gerd ist ein Knopf für die Alarmanlage, die die ängstliche Petra für den Fall installiert hat, dass jemand sie zu Hause angreift. Der Knopf wird an diesem Tag aber nicht gedrückt. Ins Haus hineingekommen ist wohl also niemand gewaltsam. Auch Schüsse hat offenbar keiner der Nachbarn gehört. Außerdem gibt es kein Testament und kein Abschiedsbrief. Auch deshalb glauben einige bis heute an einen politisch motivierten Mord oder eine Tat von Agenten.
Nach den zwei Schüssen vergehen dann ja unglaubliche 18 Tage, bis Gerds Frau Charlotte von ihrem Kretaurlaub zurückkehrt und beunruhigt die befreundeten Nachbarn alarmiert. Und die finden ja dann die Leichen. Zwei Tage nach dem Fund der Leichen geht die Polizei an die Öffentlichkeit mit der Mitteilung, er hat sie im Schlaf erschossen und dann sich selbst. Aber warum? Wollte sie sterben? Klar ist, Petra Kelly hat geschlafen. Sie hatte einen vollen Terminkalender und sie hätte sich sicher von ihrer geliebten Oma verabschiedet, die an ihrem Todestag den 87. Geburtstag hat. Am 4. März 1993, knapp fünf Monate nach dem Fund der Leichen, gibt es eine Presseerklärung, die ich euch in Teilen jetzt mal vorlesen möchte. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Bonn steht fest, dass die tödlichen Schüsse von Gerd Bastian abgegeben worden sind. Mit seiner Pistole Deringer tötete er die im Bett liegende Petra Kelly mit einem aufgesetzten Schuss in die Schläfe. Anschließend nahm er sich selbst mit einem am Scheitel aufgesetzten Kopfschuss das Leben. Für den Oberstaatsanwalt ist trotzdem klar, das war ein Doppelsuizid. Mehrmals hätten beide solche Gedanken geäußert. Naja, Gerd Bastians Sohn Till sagt laut Deutschlandfunk, er selbst habe mehrmals gehört, wie Petra Kelly sagte, wenn Gerd mal nicht mehr lebe, wolle sie auch nicht mehr leben.
Einem Freund gegenüber habe Gerd Bastian wohl mal gesagt, er sehe phasenweise keine Perspektive mehr für Petra und denke manchmal daran, sie im Schlaf zu erschießen und dann sich selbst. Aber dann ist es ja kein Doppelselbstmord, sondern Mord. Da gibt es diesen einen Satz, den Petra Kelly wohl öfter geäußert hat, nämlich Ich kann ohne Gerd nicht mehr leben. Denn noch immer ist nicht klar, warum Gerd Bastian geschossen hat und ob vielleicht jemand ganz anderes die Strippen zieht? Ja, stand in den Stasi-Akten ja vielleicht doch irgendwas Unangenehmes, was da ans Licht gekommen wäre? Oder wollte jemand Petra wegen ihres Aktivismus aus dem Weg räumen? Auch die Medien reden nur vom Doppelselbstmord. Ein paar Tage nach der Tat legt der Deutsche Bundestag ein gemeinsames Kondolenzbuch für Petra Kelly und Gerd Bastian aus. Die Grünen bereiten eine gemeinsame Gedenkfeier vor. Gerd Bastians Sohn Till sagt zur Presse Folgendes.
Als ich von ihrem Tod erfuhr, wusste ich, er ist der Täter. Es hat mich nicht überrascht. Ich vermute, dass er einen Herzinfarkt hatte und lieber selbst aus dem Leben scheiden wollte, als sich vom Tod das Heft aus der Hand nehmen zu lassen. Petra hat er erschossen, um sie nicht zurücklassen zu müssen. Naja, ganz so klar ist die Gemengelage aber dann doch nicht. Hat er sie vielleicht gar nicht aus angeblicher Fürsorge getötet, sondern weil sie ihn mit ihren Ängsten und Forderungen so drangsaliert hat? Vielleicht hat er mit knapp 70 Jahren geahnt, dass er nicht mehr so lange für sie sorgen kann. Alice Schwarzer schreibt in ihrem Buch über Petra Kelly, Zitat, sie hat genervt, aber seit wann steht auf Nerven Todesstrafe?
Und dann kommt die Trauerfeier in Bonn, die in der Taz sehr gut beschrieben wird. Und auch diese Trauerfeier ist für beide zusammen, Täter und Opfer. Zwei riesige Fotos stehen über den Särgen. Dann noch das Datum, der 31.10.1992. Obwohl Petra Kelly und Gerd Bastiansohn ein bisschen abgemeldet waren, ist das jetzt doch ein Riesenevent. Mit dabei sind Politpromis, Frauenverbände, die Kinderkrebshilfe, hunderte Tibeter, für die sich Petra Kelly ja immer eingesetzt hat. Manche aus der Partei scheinen ein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie Petra Kelly vielleicht ein bisschen aufs Abstellgleis geschoben hatten. Joschka Fischer, der später der erste grüne Außenminister und Vizekanzler wird, sagt laut Deutschlandfunk, Petra und ich waren uns immer sehr fremd geblieben und haben uns gegenseitig wenig verstanden, ja oft gegeneinander in der Partei gestritten.
Der Dichter Lev Kopelev sagt ganz geradeaus, nämlich, ich glaube an keinen Selbstmord. Aber kann es Mord gewesen sein? Laut Tagesspiegel finden sich keine Hinweise darauf, dass Gerd Bastian in irgendeiner Form als Stasi-Mann oder sonst als Agent tätig war. Petra Kelly liegt auf dem Waldfriedhof in Würzburg zusammen mit ihrer Halbschwester Grace begraben. 2003, also elf Jahre nach ihrem Tod, kommt dann noch ihre geliebte Oma dazu, die 97 Jahre alt geworden ist. Gerd Bastian ist auf dem Münchner Nordfriedhof im Familiengrab beigesetzt. Seine Frau Charlotte stirbt viel später, im Jahr 2017, und liegt jetzt mit ihm im Grab. Petra Kelly wollte die Welt verbessern. Politisch war sie damit erfolgreich. Als Mensch zerbrach sie daran, schreibt der Spiegel. Und das trifft es doch sehr genau.
Erst jetzt scheint Petra Kelly wieder ins öffentliche Bewusstsein zu kommen. Dabei gibt es einen Preis mit ihrem Namen, eine Stiftung, eine Straße, Theaterstücke und Dokus über ihr Leben. Gerade 2024 gab es zum Beispiel eine neue. Ihr jüngerer Halbbruder John ist der einzige der Familie Kelly, der noch lebt. Auch der kommt in dem Film Act Now, also Handelt jetzt zu Wort. Genauso wie Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Heute spricht auch niemand mehr übrigens vom Doppel-Selbstmord. Es war ein Femizid, wie wir heute sagen würden. Ein Mord an einer Frau, die sicher Probleme, aber auch noch Pläne hatte. Bastian's Tochter Eva Marina schreibt 1993 im Spiegel über diese komplizierte Situation. Ich zitiere. Mein Vater litt an Petra Kelly, trennte sich aber nicht von ihr, weil er sie liebte und davon überzeugt war, sie würde eine Trennung aufgrund ihrer besonderen psychischen Situation nicht verkraften. Und Petra Kelly tat alles, um ihm das Gefühl zu vermitteln. Verlass mich nicht, ich kann ohne dich nicht leben. Ja, und weiter schreibt sie, soldatisch pflichtbewusst hielt er durch, auch dann noch, als er durch einen Unfall vorzeitig gealtert.
Krank und eigentlich nicht mehr in der Lage war, ihr beizustehen. Man versteht, dass die Tochter den Vater in Schutz nimmt und doch klingt es irgendwie einseitig, oder? Es sieht ja wirklich so aus, als sei kein Dritter im Haus gewesen, es gab keinen Kampf und es wurden auch nicht irgendwelche James-Bond-mäßigen Tötungsmethoden von außen angewandt. Fest steht, dass Petra Kelly maßgeblich daran beteiligt war, dass die Grünen einen festen Platz in der Parteienlandschaft und der Tagespolitik haben.
Sie war sicher unbequem und konnte sich in Themen so richtig reinbeißen. Aber das ist ja auch gleichzeitig wieder toll, dass jemand so für seine Herzensthemen brennt. Ja, ich frage mich jetzt nur meine eigene Meinung. Aber wenn männliche Politiker unbequem sind, dann wird das ja oft positiv bewertet. Die wollen richtig was verändern oder die sind wenigstens durchsetzungsfähig. Und bei Petra Kelly kommt relativ schnell das Adjektiv nervig ins Spiel. Aber vielleicht ist das auch nur meine Wahrnehmung, weil Frauen, die laut für eine Sache kämpfen, oft als nervig beschrieben werden.
Naja, in zwei Jahren würde sie 80 Jahre alt werden. Da gibt es bestimmt noch ganz viel mehr über sie. Aber das war es zumindest für uns für heute bei Im Schatten der Macht. So Petra Kelly, was sagst du, Anne? Ja, also ich finde es toll, dass sie schon in so frühen Jahren für, wie wir es ja gerade schon mal benannt haben, vielleicht eher nervige Themen, sich so stark gemacht hat und eingesetzt hat. Und du hast die Aufzählung ja vorhin gemacht. Sie hatte schon teilweise ein stressiges Leben und einen vollen Terminkalender. Und dass sie sich nicht hat davon abbringen lassen und für die Dinge eingestanden ist, obwohl das eben damals und auch heute vielleicht nicht so gut angekommen ist. Ja, ich finde auch die Parallelen so spannend. Sie war ja echt eine Pionierin, so früh schon mit diesen Themen Klima und alles dran. Und dass man heute wieder sieht, dass diese ganzen Themen, für die sie da so gekämpft hat, Die haben jetzt wieder eine andere Perspektive. Wir reden wieder darüber.
Atomkraftwerke zurückzubringen. Kann man jetzt gut oder nicht gut finden, aber das Thema ist im Raum. Klima rückt so ein bisschen in den Hintergrund. Also ich stelle immer wieder fest, man muss seine Geschichte kennen, damit man nicht die gleichen Fehler eben macht, wie man so schön sagt, in der Zukunft. Ja, und es ist ja nicht so 100%ig klar, was sich da jetzt wirklich in diesen vier Wänden abgespielt hat. Und das ist ja auch wieder so typisch True Crime, dass halt alles danach ausschaut, als hätte er sie wirklich mit in den Tod gerissen, weil sie es ohne ihn nicht hätte ausgehalten, wie es ja auch zitiert wurde. Aber so ganz genau weiß man es dann halt doch nicht, weil du hast immer noch diesen halb angefangenen Brief in der Schreibmaschine.
Das ist so eine Kleinigkeit, aber es ist schon irgendwie verrückt. Warum hat der mitten im Wort müssen aufgehört? Und ja, werden wir wahrscheinlich leider nie erfahren. Das könnten wir aber mal an unsere Hörer, Hörerinnen stellen, die Frage, warum hat er mitten im Satz aufgehört? Habt ihr vielleicht eine Theorie? Schreibt uns auf Instagram, da sind wir in einem Wort im Schatten der Macht oder auch auf Spotify könnt ihr Kommentare hinterlassen, auf YouTube sowieso. Und wenn ihr Lust habt, dann folgt uns unbedingt gerne, markiert das Glöckchen bei Spotify, dass ihr keine neue Folge verpasst. Und wir sind jeden Donnerstag für euch da. Bis dahin erstmal. Das war ich, Ricardia. Und Anne, bis nächste Woche. Danke an unser Team von Open Minds Media. Executive Producer Rüdiger Barth. Konzeption Peter Greve, Rüdiger Barth und Manfred Neumann. Autorin Anna Gelbert. Producer Ricardia Bremley. Den Schnitt machte Lilli Johannsen. Zusätzliche Unterstützung von Falco Schulte.