Diese Frau gibt sich in New York als millionenschwere Erbin aus. Sie erschleicht sich das Vertrauen von Luxushotels, von Banken und von Freunden. Um ein luxuriöses Leben zu führen, leiht sie sich hunderte Tausende von Dollar. Dabei ist für sie von Anfang an klar, dass sie dieses Geld nie zurückzahlen wird. Wovon auch. Anna Delvey, so heißt die heutige Protagonistin, stammt aus einfachen Verhältnissen und arbeitet als Praktikantin bei einem Modemagazin in Paris. Für 400 Euro im Monat.

Sie häuft einen gewaltigen Schuldenberg an. Aber diese Schulden hat sie nur zu einem Teil bei Banken und Hotels. Sie haut auch Freunde gnadenlos übers Ohr, die alles andere als wohlhabend sind. Manche müssen um ihre Existenz zittern, nachdem sich Anna Delvey in ihr Leben geschlichen hat. Natürlich ist es alles andere als schön, wenn man von einer Freundin betrogen wird und dann sogar die eigene Zukunft auf dem Spiel steht. Macht oder auch Machtmissbrauch fängt aber eben nicht erst an, wenn man bereits ein mächtiger Mensch ist. Im Gegenteil, der Weg zur Macht beginnt oft im Kleinen. Ein scheinbar harmloses Machtspielchen hier, eine Manipulation dort, bis hin zu großen Lügen oder Betrug. Und obwohl das oft in unserem Podcast der Fall ist, nicht nur Männer können das. Denn wir sprechen heute von einer Frau, die es faustdick hinter den Ohren hat. Uns interessiert dabei vor allem, wie es eine quasi mittellose Person schafft, ihren eigenen Willen gnadenlos durchzusetzen und dabei vermeintliche Freunde einfach so mit in den Abgrund reißt. Finanziell gesehen geht Anna Delvey über Leichen.

Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Im Schatten der Macht. Ich bin Riccardia Bramley. Und ich bin Anne Luckmann. Wir beginnen unsere heutige Folge noch nicht direkt mit Anna Delvey, sondern mit einer Frau namens Rachel Williams. Die arbeitet in New York in der Bild-Redaktion des Modemagazins Vanity Fair. Am 1. August 2017 trifft die 29-jährige Rachel Williams die schwerste Entscheidung ihres Lebens. Seit vielen Wochen schon hat sie Schlafprobleme, ist niedergeschlagen und traurig. Denn ihre einst beste Freundin scheint sie hintergangen zu haben. Und dabei geht es nicht um ein paar Dollar, sondern um eine richtige Stange Geld. Um genau zu sein, handelt es sich um den exakten Betrag von 62.109,29 Dollar.

Diese Summe, die höher ist als Rachels Jahresgehalt übrigens, schuldet ihr ihre Freundin Anna Delvey. Seit mehr als zwei Monaten versucht Rachel Williams schon, das Geld zurückzubekommen. Erfolglos. Sie wird immer wieder vertröstet und viele Entschuldigungen werden aufgetischt. Als die Kreditkartenfirma schließlich ihr Geld zurückhaben will, das Rachel Williams ja aber gar nicht hat, fasst sie sich ein Herz und geht zur Polizei. So schwer es ihr auch fällt, aber sie beschließt aufgrund der hohen Summe ihre Freundin anzuzeigen. Denn mittlerweile steht Rachels Existenz auf dem Spiel.

Und so betritt Rachel am 1. August 2017 eine Polizeiwache in Chinatown, in Downtown Manhattan. Doch der Polizeilytinent macht ihr keine Hoffnung. Die Polizei sei nicht zuständig, da das vermeintliche Verbrechen, über das wir gleich natürlich noch ausführlich sprechen werden, nicht in den USA geschehen ist. Möglicherweise kann es Rachel Williams mit einer zivilrechtlichen Klage versuchen. Allerdings kostet die einige Zeit und vor allem noch mehr Geld. Und davon hat Rachel ja gerade keins. Der Polizeilieutenant gibt ihr noch einen gut gemeinten Tipp auf den Weg, der in ihren Ohren wie der reinste Huhn klingt. Sie berichtet, und ich zitiere jetzt, er sagte mir, es gebe eine unüberwindbare Zuständigkeitsfrage. Dann meinte er, aber mit deinem Gesicht könntest du eine GoFundMe-Seite starten, um dein Geld zurückzubekommen. Nachdem sie die Polizeistation verlässt, ohne dass man ihr auch nur ansatzweise geholfen hätte, bricht sie zusammen und weint hemmungslos.

Als sie keine Tränen mehr hat, beschließt sie, trotzdem weiter für ihr Recht zu kämpfen. Sie spaziert direkt zum nahegelegenen Zivilgericht. Einem Mitarbeiter dort erzählt sie eine unfassbare Geschichte über Freundschaft, Betrug und Enttäuschung. Wir springen jetzt ein bisschen in der Zeit zurück. Alles beginnt Anfang 2016, also rund anderthalb Jahre, bevor Rachel aufs Polizeirevier geht und Anzeige erstattet. Rachel ist da gerade mit ein paar Freunden aus der Fashion-Szene in einem New Yorker Nachtclub in der Broom Street unterwegs. Plötzlich taucht eine junge Frau auf. Rotbraune, lange Haare, Mitte 20, eng anliegendes schwarzes Kleid, flache Gucci-Sandalen. Rachel beschreibt ihren ersten Eindruck folgendermaßen. Sie sagt, sie hatte ein engelshaftes Gesicht mit übergroßen blauen Augen und Schmolllippen. Sie begrüßte mich und ihre Stimme mit einem speziellen Akzent klang unerwartet hoch.

Rachel und die 25-Jährige, die sich ihr als Anna Delvey vorstellt, unterhalten sich angeregt. Anna berichtet von ihrem Praktikum für das Magazin Purple in Paris. Rachel erzählt ihr von ihrem Job bei Vanity Fair. Für Rachel ist Anna Delvey keine Unbekannte, auch wenn sie ihr noch nie persönlich begegnet ist. Delvey hat bei Instagram 50.000 Follower, zeigt sich oft und gerne mit der High Society beim Feiern in den exklusivsten und teuersten Clubs von New York. Auch an diesem Abend wird reichlich getrunken und viel gelacht. Die erste Flasche Wodka wird von der Gruppe zackig geleert. Schnell wird eine zweite Flasche geordert, die über 200 Dollar kostet. Am Ende des Abends übernimmt Anna die komplette Getränkerechnung für alle. Kurz danach treffen sich Rachel und Anna schon wieder. Beide werden von einer gemeinsamen Freundin ins Steakhouse Harry's am Hanover Square im Herzen von Manhattan eingeladen. Zum Start gibt es erstmal Espresso Martini und Austern.

Anna wirkt ein bisschen gestresst. Sie erzählt, dass sie den ganzen Tag mit Meetings und Anwälten verbracht hat. Sie plant gerade eine Kunststiftung zu gründen, die sich der zeitgenössischen Kunst widmen soll. Ihre Pläne klingen äußerst spannend. Sie will das historische Church Missions House, ein riesiges Gebäude mit 4200 Quadratmetern an der Park Avenue South und der 22nd Street anmieten. Dort soll es dann einen Nachtclub, eine Bar, Kunstgalerien, Atelierräume, Restaurants und einen exklusiven Club nur für Mitglieder geben. Als Anna von ihren großen Plänen berichtet, erwähnt sie ganz nebenbei, dass sie die Begünstigte eines Treuhandfonds bei einer Schweizer Bank ist, der ihr von ihrer Familie eingerichtet wurde. Besagter Treuhandfonds soll satte 60 Millionen Euro schwer sein, also eine ganze Menge gilt. Ja, und Rachel und Anna sehen sich jetzt immer öfter. Meistens an den Wochenenden. Dabei ziehen sie durch die angesagtesten Clubs in New York City und lassen es richtig krachen. Ein Dreivierteljahr nach ihrem Kennenlernen verabschiedet sich Anna allerdings im Herbst 2016. Sie müsste zurück in ihre Heimatstadt Köln in Deutschland, um ein paar Dinge zu regeln.

Nach ungefähr einem halben Jahr taucht Anna aber wieder in New York auf. Ab diesem Moment werden die beiden richtig enge Freundinnen. Sie sehen sich fast jeden Morgen, machen drei- bis viermal die Woche Workouts, treffen sich regelmäßig zum Lunch, zum Dinner oder am Abend auf ein paar Drinks.

Anna berichtet dabei von ihren Treffen mit Hedgefonds-Managern, Anwälten und Bankern. Sie lässt sich darüber aus, wie genervt sie ist, weil sich die Verhandlungen über den Mietvertrag für das Church-Missions-Haus ewig in die Länge ziehen. Anna redet viel und gerne. Rachel beschreibt ihre beste Freundin zu dieser Zeit folgendermaßen. Anna war eine besondere Person. Sie war hochmütig, aber nahm sich selbst nicht allzu ernst. Sie war schrullig und unberechenbar. Sie handelte mit dem Anspruch und der Impulsivität eines einst verwöhnten, selten disziplinierten Kindes.

Damit meint Rachel, dass Anna oft dreist und respektlos ist. Rachel versucht ihr exzentrisches Verhalten ein bisschen in Balance zu bringen. Sie empfindet sowohl Mitleid als auch Bewunderung für Anna. Viele Freunde hat sie nicht und steht auch ihrer Familie nicht so nah. Als Dank für Rachels Unterstützung sorgt Anna für Spaß in ihrem Leben und bezahlt alles. Wenige Wochen nach ihrer Rückkehr aus Köln hat Anna eine neue, wunderbare Idee. Weil ihr Visum kurz vor dem Ablauf steht, muss sie kurzfristig aus den USA ausreisen. Doch anstatt ins verregnete Deutschland zu fliegen, schlägt sie vor, doch lieber einen Trip ins Warme zu machen. Annas Wahl fällt auf Marrakesch in Marokko. Dort will sie das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. In Marrakesch möchte sie nämlich einen Imagefilm für ihre geplante Kunststiftung produzieren. Denn sie sucht noch finanzstärke Mädchen. Also Personen, die zum Beispiel künstlerische oder kulturelle Dinge finanziell fördern.

Daher werden Anna und Rachel von einer befreundeten Videofotografin begleitet, die den PR-Film drehen soll. Annas Personal Trainerin ist auch noch mit dabei. Und die kennt Rachel sogar auch, da sie öfter mal gemeinsam mit Anna trainiert. Die Kosten des ganzen Trips will Anna übernehmen. Denn sie weiß, dass ihre drei Begleiterinnen sich diese Reise niemals leisten könnten. Denn für Erna ist das Beste gerade einmal gut genug. Sie bucht in dem Fünf-Sterne-Luxus-Resort La Mamunia, eine traditionelle marokkanische Villa mit einem Innenhof, drei Schlafzimmern, einem Pool und einem privaten Butler, der den vier Frauen rund um die Uhr zur Verfügung steht. Das hat natürlich seinen Preis. Stolze 7.500 Dollar kostet hier die Nacht. Am Samstag, dem 13. Mai 2017, landen die vier also in Marrakesch. Das Hotel schickt einen VIP-Service zum Flughafen, um sie abzuholen. Sie werden an den Warteschlangen vorbeigelotst und müssen auch nicht auf ihr Gepäck warten, denn das wird automatisch in ihre Villa gebracht. Nach einer 10-minütigen Fahrt in zwei Landrovern erreichen sie dann ihr Luxushotel.

Sie werden direkt von zahlreichen Mitarbeitern in traditioneller marokkanischer Kleidung begrüßt. Auch den klassischen Check-in können sie sich sparen. Sie brauchen noch nicht einmal auf eine Schlüsselkarte zu warten, da ja die ganze Zeit ein Butler bei ihnen in der Villa ist. Die ersten beiden Tage sind ein Traum. Die Vierergruppe spaziert durch die opulenten Gärten von La Mamunia, entspannt im Hamam, planschend im privaten Pool der Villa und sie unternimmt eine Tour durch den Weinkeller mit einer großzügigen Verkostung. Die Abendessen sind mit marokkanischer Livemusik untermalt. Danach geht es in eine stylische Bar, wo sie zu leichter Jazzmusik und einigen Cocktails den Tag ausklingen lassen.

Tagsüber wird auch mal eine Runde Tennis gespielt. Ihr Butler ist immer mit dabei, wie ein Schatten quasi. Er liest ihnen alle Wünsche von den Augen ab. Mal steht er mit einer frisch aufgeschnittenen Wassermelone da, mal bringt er aber auch eine Flasche perfekt gekühlten Roséwein. Rachel, die Fotografin und die Personal Trainerin, sind von dem ganzen Luxus überwältigt. Im Gegensatz zu Anna, die lebt in New York City im Eleven Howard, einem hippen Hotel in Soho. Zum Abendessen geht sie fast täglich ins Le Coucou, das kürzlich die Auszeichnung für das beste neue Restaurant der Stadt erhalten hat. Der Küchenchef kocht für sie Extragerichte, die nicht auf der Karte stehen. Dabei fließt jeden Abend Weißwein in Strömen. Tagsüber lässt sie sich die Wimpern für 400 Dollar verlängern, kauft sich an einem Tag im Apple Store ein MacBook und gleich zwei neue iPhones, besichtigt Wohnungen im Wert von mehreren Millionen Dollar oder jettet mit einem Privatjet durch die Gegend. Erna ist Luxus offenbar mehr als gewohnt.

Am späten Montagnachmittag besuchen alle gemeinsam die Medina, also die Altstadt von Marrakesch. Anna kauft sich dort zwei Kaftankleider aus Leinen. Als sie die bezahlen will, funktioniert aber ihre Karte nicht. Das Problem ist aber schnell gefunden. Anna hatte ihrer Bank zuvor nämlich nicht mitgeteilt, dass sie auf Reisen geht. Und daher funktioniert ihre Karte in Marokko nicht. In der Tat, es kann ja passieren, dass eine Bank Transaktionen in bestimmten Ländern nicht freischaltet, um einen Missbrauch zum Beispiel nach einem Diebstahl zu unterbinden. Also erstmal nichts Ungewöhnliches. Daher übernimmt kurzerhand Rachel die Rechnung für die Kaftans. Anna will ihr das ganze Geld dann in den USA zurückzahlen. Zum Glück wurde das Hotel ja schon vorab bezahlt. Zumindest hat Anna das immer behauptet. Doch am nächsten Morgen nimmt ein Hotelangestellter Anna diskret zur Seite und spricht mit ihr. Anschließend erklärt sie ihrer Freundin Rachel, dass es ein Missverständnis mit der Bank gegeben hätte. Sie müsse nur kurz einen Anruf tätigen. Dann sei die Sache aus der Welt.

Leider scheint das Problem nicht mit einem Telefonat gelöst zu sein. Denn am kommenden Abend wird einer von zwei bedrohlich wirkenden Männern abgefangen. Die begleiten die Frauen zu ihrer Villa. Und dort verharren sie mit verschränkten Armen im Wohnzimmer. Es herrscht irgendwie eine extrem angespannte Atmosphäre. Niemand spricht ein Wort. Erst nach mehreren Stunden ziehen die beiden Männer dann wieder ab. Am nächsten Tag tauchen sie aber wieder auf. Und spätestens jetzt wird auch Rachel klar, was hier eigentlich los ist. Die Anzahlung für das Luxushotel, die eigentlich bei der Buchung hätte fällig werden müssen, wurde nicht bezahlt.

Anna hinterlegt auch keine gültige Kreditkarte im Lamamunia. Daher sind sämtliche Rechnungen für Unterkunft, Essen und Unternehmungen noch offen.

Mehrere 10.000 Dollar haben sich angehäuft. Die beiden Männer machen den vier Frauen unmissverständlich klar, dass sie nicht abreisen dürfen, solange die Rechnung nicht bezahlt wurde. Anna ist verständlich am Telefonieren, aber irgendwie scheint es Probleme mit der Bank in den USA zu geben. Sowohl Anna als auch das Hotel üben ordentlich Druck auf Rachel aus, die als einzige eine funktionierende Kreditkarte dabei hat. Ihr wird versprochen, dass die Kreditkarte nur als Sicherheit hinterlegt wird. Die wird nur dann belastet, wenn die Gesamtrechnung innerhalb weniger Tage nach der Abreise nicht beglichen wird.

Rachel ist die Sache nicht ganz geheuer. Das ist echt eine Menge Geld. Sie hat gerade mal 410 Dollar auf ihrem Girokonto. Aber die Kreditkarte soll ja nicht belastet werden. Daher willigt sie schließlich ein. Ein paar Stunden später erhält sie allerdings schon einen Anruf von American Express, in dem ihr ungewöhnliche Ausgaben mitgeteilt werden. Rachel fragt beim Concierge nach. Der erklärt ihr, dass das ein normaler Vorgang sei. Die Karte wird mit einem Betrag belastet, der ihr anschließend wieder gutgeschrieben wird. Rachel kennt dieses Prozedere ja auch von anderen Dienstreisen. Am nächsten Tag muss Rachel zurück in die USA reisen. Anna und die Fotografin wollen noch ein bisschen in Marokko bleiben. Die Personal Trainerin ist bereits einen Tag zuvor nach Hause geflogen. Als Rachel in New York City landet, da hat sie schon eine SMS auf ihrem Handy. Anna schreibt ihr, dass sie ihr bald 70.000 Dollar in Bar überweisen werde. Und damit wären alle Kosten abgedeckt. Rachel fällt fast ihr Smartphone aus der Hand, als sie das lesen muss. Anna hat also gar nicht vor, das Hotel selbst zu bezahlen, wie es ja eigentlich abgesprochen war. Das bedeutet, dass der volle Betrag über 62.109 Dollar und 29 Cent auf ihrer Kreditkarte belastet wird. Das ist mehr als Rachel in einem Jahr verdient.

Normalerweise haben Kreditkarten ja ein Limit. Also, dass die gar nicht mit so hohen Beträgen belastet werden können, wenn das nicht explizit so beantragt wurde. Warum das bei Rachel nicht so ist, das können wir auch nicht nachvollziehen. Denn ihr Kreditkartenlimit beträgt eigentlich 10.000 Dollar und nicht das Sechsfache davon. Auf alle Fälle muss Rachel jetzt für diese hohe Summe gerade stehen. Rachel ist zwar etwas mulmig, als sie die hohe Zahl sieht, aber sie kennt ja Anna. Zumindest glaubt sie das. Sie hat ja oft mit eigenen Augen gesehen, wie Anna das Geld regelrecht zum Fenster rausschmeißt. Und wer einen Treuhandfonds über 60 Millionen Euro im Rücken hat, für den sind 60.000 bis 70.000 Dollar geradezu Peanuts. Aber das Geld kommt nicht bei Rachel an. Anna vertröstet sie nämlich immer wieder. Mal dauert die internationale Überweisung einfach länger als erwartet, dann soll es Probleme mit der Auszahlung aus dem Treuhandfonds geben. Immer wieder tischt Anna ihr neue Ausreden auf.

Verblüffenderweise tut Anna nach ihrer Rückkehr nach New York City so, als ob nichts vorgefallen wäre. Sie lädt Rachel wieder zu den regelmäßigen Workout-Sessions mit der Personal-Trainerin ein. Das lehnt Rachel allerdings ab. Sie leidet mittlerweile sehr unter der Situation mit der ungeklärten Finanzlage. Sie hat Schlafprobleme, Panikattacken, sieht blass und müde aus, wenn sie in die Redaktion kommt. Die Schadenssumme liegt über dem Limit, bei dem Fälle kostenlos verhandelt werden. Sie müsste sich also einen Anwalt nehmen und einen Prozess anregen. Doch Rachel ist faktisch pleite. Der Berater des Zivilgerichts kann ihr auch nicht weiterhelfen und drückt ihr zum Abschied nur ein paar Flyer in die Hand, auf denen Anwälte genannt werden, die pro bono arbeiten, also Fälle ohne Bezahlung übernehmen.

Zum zweiten Mal an diesem Tag bricht Rachel in Tränen aus. Sie malt sich eine düstere Zukunft aus, in der sie noch Jahrzehnte den Kredit abstottern muss für einen Urlaub, zu dem sie eigentlich eingeladen wurde. Es ist die pure Verzweiflung. Genau in diesem Moment klingelt Rachels Handy. In der Leitung ist die Personal Trainerin. Und sie erklärt Rachel, dass Anna gerade bei ihr aufgetaucht sei und sie jetzt in der Frying-Pan-Bar treffen könnte. Rachel macht sich sofort auf den Weg. Und dort angekommen ist Anna ein Häufchen Elend. Allerdings nicht wegen ihrer Schulden bei Rachel. Die erwähnt sie mit keinem Wort. Stattdessen weint sie hinter einer riesigen Sonnenbrille, weil sie in einem Artikel in der New York Post als Möchtegern-Promi bezeichnet wurde. Und nicht nur das. Alle ihre Sachen wurden beschlagnahmt.

Es soll Anklage wegen mehrerer Delikte gegen sie erhoben werden. Sie soll Hotelrechnungen nicht bezahlt, gefälschte Checks eingereicht, sich Kredite erschlichen und Banken geprellt haben.

Rachel sitzt nur apathisch daneben. Sie kann das alles gar nicht glauben, was sie da hört. Vor allem bedeutet das, dass sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ihr Geld nie wiedersehen wird. Doch wie konnte es mit der reichen Erbin überhaupt so weit kommen, die doch eigentlich auf einem 60 Millionen Treuhahn vorzurückgreifen kann? Die eingeleiteten Ermittlungen gegen Anna ergeben spektakuläre Einblicke in ein Leben, das ausschließlich auf Lügen und Betrug aufgebaut ist. Anna Delvey wurde weder in Köln geboren, noch sind ihre Eltern Multimillionäre. In Wirklichkeit heißt sie Anna Sorokin und wird am 23. Januar 1991 in Domo Djejova geboren, eine Stadt 37 Kilometer südlich von Moskau in Russland. Der Ort ist hauptsächlich für seinen Flughafen für die russische Hauptstadt bekannt.

Als Anna zur Welt kommt, stehen die Zeichen auf Wandel, Auf- und Umbruch. Elf Monate nach ihrer Geburt bricht am 26. Dezember 1991 die damalige Sowjetunion zusammen.

2007, als Anna 16 Jahre alt ist, zieht ihre Familie von Russland nach Eschweiler bei Aachen. Anna hat auch noch einen Bruder. Dort lernt sie Deutsch und geht auf die bischöfliche Liebfrauenschule.

Laut Süddeutscher Zeitung arbeitet ihr vermeintlicher Millionärsvater zunächst als Lkw-Fahrer, später als leitender Angestellter eines Logistikunternehmens, bevor er sich mit einer Firma für Heizung und Klimaanlagen selbstständig macht. Eine beachtliche Karriere für einen Aussiedler, der fern der Heimat einen völlig beruflichen Neustart hinlegen muss. Aber Anna scheint das alles nicht genug zu sein. Sie träumt von einem Leben im Luxus und will mit den Reichen und Schönen befreundet sein. Ihre Mitschüler beschreiben sie als oberflächlich und kalt, als Einzelgängerin, die am liebsten nur über Markenklamotten quatscht. Aber sie beschreiben Anna auch als sehr intelligent. 2012 macht Anna ihr Abitur. Jetzt hält sie nichts mehr in ihrem Kinderzimmer in Eschweiler. Sie zieht in die große, weite Welt. Zunächst geht es nach London. Später zieht sie nach Paris und macht beim französischen Mode-, Kunst- und Kulturmagazin Purple ein Praktikum. Dort bekommt sie ja wie gesagt 400 Euro monatlich ausgezahlt. Ihre Unterkunft in Paris bezahlen aber ihre Eltern. Im Sommer 2013 reist sie nach New York City zur Fashion Week. Im Big Apple tut sie sich deutlich leichter, Kontakte zu knüpfen und neue Bekanntschaften kennenzulernen.

Möglicherweise liegt es an der Sprache oder der Energie dieser Stadt. Denn hier tummelt sich wirklich alles, was sich neu erfinden und die alte Heimat auch mal hinter sich lassen will. Sie beschließt daher, in das US-Büro von Purple zu wechseln. Dank ihrer Kontakte, die sie über das Magazin hat, lernt sie zahlreiche Leute aus der Mode- und Kunstbranche kennen.

Und so nutzt sie ab jetzt immer öfter den falschen Namen, Anna Delvey. Ihren neuen Bekannten stellt sie sich entweder als Tochter eines millionenschweren deutschen Kunstmädestens vor oder als Tochter eines Diplomaten. Ihr Praktikum bei Purple kündigt sie. Sie braucht ihre Zeit jetzt für anderes. Denn die neue Anna will ganz hoch hinaus. Sie hat auch eine Idee. Sie gründet eine Kunststiftung, die sie ganz unbescheiden Anna Delvey Foundation, also ADF, nennt. Sie möchte, wie bereits erwähnt, das Church Missions House an der Park Avenue anmieten, um dort einen richtigen Hub für Nachtleben, Kunst und Gastronomie zu schaffen und eben diesen exklusiven Club nur für Mitglieder der Anna Delvey Foundation. Sie spricht sogar mit dem Eigentümer des Church Missions House über ihre Idee, dem Kunstsammler Abby Rosen. So ein großes Projekt erfordert allerdings ein Millioneninvestment. Laut New York Times sollen insgesamt 40 Millionen Dollar in das Projekt fließen. Aber Anna hat ja gar kein eigenes Geld. Seit ihrem Praktikumsende bei Purple hat sie nicht mal mehr einen Job. Ihr Plan ist es daher, reiche New Yorker aus der High Society von ihrem Projekt zu überzeugen. Sie lässt also ihre Kontakte spielen, zeigt sich regelmäßig bei Events und in Clubs. Die vermeintliche Millionenerbin mit dem 60 Millionen Treuhahnfonds ist stets präsent.

2015 beginnt schließlich Annas betrügerische Karriere. Hat sie bislang lediglich Menschen aus ihrem Umfeld getäuscht, was ihren Namen und ihre Herkunft angeht, so wird sie jetzt richtig kriminell. Sie lernt den chinesischen Kunstsammler Michael Shufu Huang kennen. Die beiden kommen ins Plaudern. Der Kunstsammler berichtet, dass er demnächst zur Kunstbiennale nach Venedig reisen wird. Anna ist sofort Feuer und Flamme und fragt ihn, ob sie ihn begleiten dürfe. Michael gibt sein Okay, bucht Flüge, Hotel, Transfer und Eintrittskarten. Für ihn ist klar, dass sie ihm das Geld für die Reisekosten spätestens nach der Rückkehr bezahlen wird. Das verspricht ihm Anna vor Reiseantritt. Es geht um ungefähr 3000 Dollar. Doch das wird nicht passieren. Der wohlhabende Michael glaubt an ein Versehen, der vermeintlich noch wohlhabenderen Anna Delvey.

Als sie im Januar 2016 ihren 25. Geburtstag feiert, da ist das Beste gerade gut genug. Ihre Party findet erst im kürzlich eröffneten Inn-Restaurant Sedels statt. Auch Michael ist zur Feier eingeladen. Er erinnert sich bei Artnet an den Abend und sagt, Auf der Party waren viele wichtige Leute, die aus der Welt der Immobilien, der Finanzen und des Risikokapitals kamen. Aber als ich mich mit den anderen Gästen unterhielt, erfuhr ich, dass die meisten Anna Delvey nicht wirklich kannten. Sondern von einer PR-Spezialistin eingeladen worden waren, die Anna eingestellt hatte. Ein paar Tage später wird es nochmal bizarr. In seinem Instagram-Account hat Michael plötzlich eine Direct Message von einem Mitarbeiter von Saddles. Der Restaurantangestellte hat ihn auf einem Social-Media-Post von dem Abend erkannt, den Anna abgesetzt hatte. Der Mitarbeiter will wissen, ob Michael die Kontaktdaten von Anna Delvey habe. Sie habe nämlich eine falsche Kreditkarte hinterlegt und auch ihre angegebene Telefonnummer ist offenbar nicht korrekt. Michael berichtet weiter.

Ich dachte in diesem Moment, oh shit, sie ist entweder eine Betrügerin oder sie hat massive finanzielle Probleme. Leider wurden alle meine Zweifel bestätigt. Ab diesem Zeitpunkt versucht Michael, sein Geld für die Venedig-Reise zurückzubekommen und übt mächtig Druck aus. Ob Anna aus Scham oder aus Angst aufzufliegen, die Reisekosten bezahlt, ist leider nicht bekannt. Auf alle Fälle bekommt Michael sein Geld überwiesen. Allerdings nicht von Annas Konto, sondern von einem PayPal-Account, der jemand anderem gehört.

Bereits im Januar 2016 scheint Anna also unter großen Geldsorgen zu leiben. Und auch ihre Stiftungsidee kommt nicht so recht voran. Seit mehr als zwei Jahren versucht sie schon, reiche New Yorker dazu zu bringen, Mitglieder in ihrer Anna Delvey Foundation zu werben. Aber eben leider ohne Erfolg. Denn ohne potente Geldgeber steht das groß angelegte Projekt im Church Missions House vor dem Aus, bevor es überhaupt begonnen hat. Doch Anna ist ehrgeizig und lässt nicht locker. Sie beschließt, sich das Geld von einer Bank zu leihen. Und das ist nicht gerade wenig. Sie möchte nämlich einen Kredit über unglaubliche 22 Millionen Dollar beantragen. Aber natürlich gewährt kein Geldinstitut auf dieser Welt einer 25-Jährigen so ein hohes Darlehen. Außer die Person verfügt über entsprechende Sicherheiten. Die hat Anna aber bekanntermaßen nicht. Daher fälscht sie Briefe und Beglaubigungen, in denen steht, dass sie einen Treuhandfonds über 60 Millionen Euro bei der Schweizer Großbank UBS hat. Mit diesen gefälschten Dokumenten beantragt sie dann den 22 Millionen Dollar Kredit bei der City National Bank.

Doch die Bank will Kontoauszüge des Treuhandfonds sehen. Die kann Anna natürlich nicht vorlegen, weil der Fonds ja gar nicht existiert. Die City National Bank winkt also ab und Anna bekommt keinen Kredit. Doch damit gibt sie immer noch nicht auf. Anna wendet sich einfach an die Investmentgesellschaft Fortress Investment Group, die ihren Sitz in New York City hat. Bei der Investmentgesellschaft verlangt sie einen Kredit über gleich noch mehr Geld, jetzt schon 28 Millionen Dollar. Die Fortress Investment Group ist aber keine klassische Bank, die Geld verleiht, sondern sich an Unternehmen beteiligt. Bevor die Fortress Investment Group allerdings in das Projekt einsteigt, will sie Annas Pläne auf Herz und Nieren prüfen. Dafür sind rund 100.000 Dollar für Anwaltshonorare und weitere Kosten fällig. Wenn Anna diese Kosten übernimmt, dann wird die Fortress Investment Group das Investment prüfen. Anna lässt ihre Kontakte spielen und sie muss offenbar sehr überzeugend sein. Auf alle Fälle gewährt er ausgerechnet die City National Bank, die er noch vor kurzem den hohen Kredit abgelehnt hatte, weil sie keine Nachweise über ihren Treuhandfonds erbringen konnte, am 12. Januar 2017, also fünf Monate vor dem Trip nach Marokko, einen Kredit über 100.000 Dollar.

Jetzt kann die Überprüfung durch die Fortress Investment Group beginnen. Für Anna geht es jetzt um alles. Wenn die arbeitslose 25-Jährige, die weder eine Ausbildung noch ein Studium absolviert hat, den 28-Millionen-Dollar-Kredit erhält, dann wäre sie über Nacht der aufsteigende Star im New Yorker Kunst- und High-Society-Himmel. Bei 28 Millionen Dollar ist die Überprüfung des Fortress Investment Group Chefsache oder vielleicht auch Chefinnsache. Die Geschäftsführerin sieht sich das Projekt an und ihr fällt auf, dass Anas angeblich deutsche Abstammung nicht zu ihrem Geburtsort in Russland passt. Sie will sich daher an die UBS Bank in der Schweiz wenden, um den angegebenen Treuhandfonds zu checken. Dafür braucht sie allerdings wegen des Bankgeheimnisses das Einverständnis von Anna. Das gibt sie der Geschäftsführerin natürlich nicht. Schließlich hat Anna gar kein Konto in der Schweiz und schon gar keinen millionenschweren Treuhandfonds. Mit dem Einverständnis zur Überprüfung würde Erna sofort auffliegen. Also zieht sie den Kreditantrag schnell wieder zurück. Ja, diese Aktion war wohl nix. Von den 100.000 Dollar, die Erna sich für die Überprüfung von der City National Bank geliehen hat, sind mittlerweile auch nur noch 55.000 Dollar übrig. Doch anstatt zumindest diesen Rest zurückzugeben, benutzt sie das Geld lieber für Hotelübernachtung, shoppt teure Markenklamotten, lässt sich die Haare für 800 Dollar färben und die Wimpern ja wie gesagt für 400 Dollar verlängern.

Unmittelbar nach der Kreditabsage checkt sie am 18. Februar 2017 im Eleven Howard Hotel in Soho, Manhattan ein. Ein schickes Boutique-Hotel, in dem ein Zimmer 400 Dollar pro Nacht kostet. Dort wirft Anna mit dem Geld nur so um sich. Sie verteilt großzügige Trinkgelder und meist sind es 100 Dollar, die sie den Angestellten schon für kleinste Gefälligkeiten zusteckt. Zum Beispiel, wenn sie einen Restaurant-Tipp haben möchte. Im Eleven Howard Hotel fühlt sie sich regelrecht zu Hause. In das angeschlossene Restaurant Le Coucou geht sie gelegentlich mit gemütlichen Leggings oder sogar mit dem Hotel eigenem Bademantel.

Nach rund einem Monat hat sie durch das gemietete Zimmer, die Restaurantbesuche im Le Coucou und die Wellnessbehandlung im Hotel eine Rechnung von über 30.000 Dollar angehäuft. Erst da fällt es dem Management auf, dass ja gar keine gültige Kreditkarte von Anna hinterlegt ist. Das hatte der Concierge großzügig, sagen wir mal, übersehen, nachdem er regelmäßig hohe Trinkgelder kassiert hat. Und was wir euch jetzt erzählen, zeigt beispielhaft, wie schlecht Anna mit Geld umgehen kann. Sie hat also 30.000 Dollar Schulden beim Hotel, die sie nicht bezahlen kann. Ihre übrig gebliebenen 55.000 Dollar aus dem Kredit hat sie bereits verjubelt. Um nicht aus dem Hotel geworfen zu werden, versucht sie, die Angestellten zu bestechen. Und zwar mit einer Kiste Champagner von Dom Perignon. Es ist aber nicht die Standardabfüllung, sondern ein Jahrgangsschampagner von 1975.

Aktuell wird die Flasche für rund 12.000 Euro gehandelt. Selbst wenn 2017 die Abfüllung noch ein bisschen günstiger war, so zahlt Anna für die sechs Flaschen das Doppelte von dem, was ihre Schulden betragen. Sinn ergibt das alles natürlich nicht. Anna ist klar, dass das alles nicht mehr lange gut gehen kann. Sie braucht also dringend frisches Geld. Woher das kommen soll, weiß sie selbst noch nicht. Bis ihr eine zündende Idee kommt, schnort sie sich erst einmal weiter bei Freunden durch. Dabei ist ihre Masche immer die gleiche. Sie verabredet sich mit Freunden zum Essen und immer wenn es ans Bezahlen geht, hat sie entweder ihre Kreditkarte zu Hause vergessen oder sie erklärt, dass sie einen technischen Defekt hat. Doch auch diese Nummer wird nicht ewig funktionieren. In Anna wächst die Verzweiflung. Einen Monat vor der Reise nach Marokko begeht sie im April 2017 nach der Urkundenfälschung, um an einen Kredit zu kommen und der Zechprellerei im Hotel dann ihren nächsten Fehltritt.

Diesmal begeht sie Scheckbetrug. Sie schreibt ungedeckte Schecks im Wert von 160.000 Dollar auf sich selbst aus. Die Schecks lässt sie sich von ihrem Konto bei der Citibank gutschreiben. Und noch bevor es auffällt, dass die Schecks platzen, hebt sie das Geld von dem Konto ab. So ergaunert sie sich weitere 70.000 Dollar. Ja, Anna wandelt jetzt auf sehr, sehr dünnem Eis. Scheckbetrug ist eine Straftat, für die eine mehrjährige Haftstrafe drohen kann. Immerhin begleicht sie mit dem Geld ihre Schulden im Eleven Howard Hotel in Barr. Danach muss sie jedoch umziehen, weil sie immer noch keine gültige Kreditkarte hinterlegen kann.

Kurz vor dem für Rachel Williams so verhängnisvollen Trip am 13. Mai 2017 nach Marrakesch bucht Anna einen Charterflug nach Omaha, Nebraska. Sie fliegt in einem Businessjet von Blade Air Mobility, um an der Jahreshauptversammlung der Firma Berkshire Hathaway teilzunehmen. Sie hofft, den CEO des Unternehmens, Investmentguru Warren Buffett, persönlich kennenzulernen. Die Kosten für Hin- und Rückflug betragen stolze 35.390 Dollar. Vor dem Abflug schickt Anna eine gefälschte Bestätigung der Deutschen Bank am Blade Air Mobility, um die Überweisung des Flugpreises zu bestätigen. Anna ist nicht Kundin der Deutschen Bank, was aber der Charterfluganbieter nicht weiß.

Nach Annas Rückkehr aus Omaha hilft Rachel Williams noch, Annas Sachen ins Mercer Hotel zu bringen. Das Eleven Howard Hotel musste sie auch verlassen. Eigentlich hätte sie gar keine Hilfe gebraucht, da sie lediglich einen Koffer hat. Danach setzen sich Anna, Rachel, die Fotografin und die Fitnesstrainerin ins Flugzeug und düsen ins Fünf-Sterne-Luxus-Resort La Momunia nach Marokko. Eine Reise, die Rachel am Ende ja stolze 62.109 Dollar und 29 Cent kosten wird. Und wir wiederholen die Summe einfach so oft, weil das einfach unglaublich ist. Aber Rachel trifft das alles sehr hart. Die existenziellen Sorgen sind furchtbar. Ihre Konten sind gesperrt. Sie muss sich Geld von Freunden leihen, um die Miete ihrer kleinen Einzimmerwohnung bezahlen zu können.

21 Tage nach ihrer Rückkehr schickt ihr Anna am 9. Juni zwar 5000 Dollar über PayPal, aber das ist ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Hinzu kommt die unglaubliche Enttäuschung, dass sie von ihrer besten Freundin so hintergangen und betrogen wurde.

Nach ihrer Rückkehr aus Marrakesch ändert Anna rein gar nichts an ihrem Leben. Sie mietet sich im Beakman Hotel ein und bleibt dort für 20 Tage. Als sie Ende Juni 2017 dort eine Rechnung in Höhe von 11.518 Dollar offen hat und diese nicht zahlen kann, wird sie rausgeworfen. Danach geht es weiter ins W New York am Union Square. Hier fällt es bereits nach zwei Tagen auf, dass sie keine gültige Kreditkarte hat. Der Schaden beträgt daher überschaubare 503,76 Dollar. Dennoch erstattet das W New York Union Square, genau wie das Beakman Hotel, Anzeige gegen Anna wegen Betrugs. Rund sieben Wochen nach ihrem traumhaften Aufenthalt im Fünf-Sterne-Luxus-Resort La Mamunia sitzt Anna ab dem 5. Juli 2017 quasi auf der Straße.

Sie übernachtet bei den wenigen Bekannten, die sie nicht übers Ohr gehauen hat. Ein paar Tage darf sie bei ihrer Personal Trainerin unterkommen. Eine Nacht verbringt sie sogar auf dem Sofa von Rachel in ihrer Einzelzimmerwohnung. Anna versteht es immer wieder sehr geschickt, die Menschen um ihren Finger zu wickeln. Selbst wenn sie den Personen zuvor massiven Schaden zugefügt hat, scheint sie Macht über diese Leute zu haben. Für Anna kommt es jetzt richtig hart. Sie hat massig Schulden, kein eigenes Bett mehr und mehrere Anzeigen am Hals. Neben den beiden Hotels, die sie wegen Betrugs angezeigt haben, ermittelt der Staatsanwalt von Manhattan bereits wegen mehrfachen Scheckbetrugs. Im August kommen dann noch die Anzeigen von Rachel und von der Fluggesellschaft Blade Air Mobility dazu. Trotz alldem reicht sie am 17. und am 21. August 2017 noch einmal zwei ungedeckte Checks im Wert von 15.000 Dollar ein. Diesmal lässt sie sich das Geld auf ihrem Konto auf der Signature Bank gutschreiben. Sie schafft es, 8200 Dollar davon im Bar abzuheben, bevor die Schecks platzen.

Rund zehn Wochen, nachdem sie Ende Juni aus dem Beakman-Hotel geworfen wird, ist es am 5. September 2017 schließlich soweit. Anna soll sich vor Gericht wegen der unbezahlten Rechnung in Höhe von 11.518 Dollar aus dem Beakman-Hotel verantworten. Doch Anna taucht einfach nicht auf. Niemand kann sie erreichen, bis auf Rachel. Trotz allem, was zwischen den beiden Frauen vorgefallen ist, versucht Anna, sie als Freundin zu halten. Auf alle Fälle haben die beiden Kontakt über SMS. Anna schreibt ihr, dass sie sich gerade am anderen Ende der USA in Kalifornien auffällt. Dort befindet sie sich in der Luxus-Entzugsklinik Passages Malibu. Die vielen Drinks und literweise Wein an jedem Abend in den letzten Jahren haben ihre Spuren hinterlassen. Anna ist Alkoholikerin geworden. Ja, möglicherweise hat ihre Alkoholsucht ihren Blick zu sehr getrübt. Sie schätzt seit langer Zeit ihre Macht falsch ein, die sie über Menschen hat. Denn Rachel verrät umgehend der New Yorker Polizei den Aufenthaltsort von Anna. Und es kommt für Anna noch schlimmer. Rachel fliegt Anfang Oktober 2017 nach Los Angeles. Sie gibt vor, eine Veranstaltung ihres Arbeitgebers Vanity Fair zu besuchen. Einen Monat nach dem Prozesstermin, bei dem Anna nicht auftaucht, schlägt Rachel Anna vor, sich am 3. Oktober 2017 in einem Restaurant in L.A. zu treffen.

Dort wartet aber nicht nur Rachel auf Anna, sondern auch noch mehrere Polizisten. Die legen der völlig verdutzten Anna Handschellen an und nehmen sie fest. Die Vorwürfe wiegen schwer. Mehrfacher schwerer Diebstahl, mehrfacher Checkbetrug, das Einreichen von gefälschten Unterlagen für Kreditanträge, Urkundenfälschung. Kurz danach wird sie nach New York überstellt und auf der berüchtigten Gefängnisinsel Rikers Island in Untersuchungshaft gesteckt. Knapp drei Wochen nach der Festnahme wird Anna am 26. Oktober 2017 schließlich von einem Gericht in Manhattan angeklagt. Der Richter lehnt es ab, dass sie auf Kaution bis zum Prozessbeginn auf freien Fuß kommt. Aber auch im Gefängnis sorgt Anna weiterhin für Ärger. Bis zum Ende ihres Prozesses wird sie 13 Einträge wegen Fehlverhaltens zu verzeichnen haben. Sie widersetzt sich zum Beispiel Anweisungen und prügelt sich mit anderen Häftlingen.

Anna kann es einfach nicht ertragen, dass sich die Welt nicht mehr nur um sie dreht und sie all ihre Macht über ihr Umfeld verloren hat. Der Staatsanwalt hat alle Hände voll zu tun, die konkrete Schadenssumme zu ermitteln. Es gibt einfach viele geschädigte Parteien. Manchmal wird Geld zwar zurückbezahlt, das allerdings wiederum aus einem Checkbetrug stammt. Erst anderthalb Jahre nach ihrer Verhaftung startet daher am 20. März 2019 der Prozess vor dem New Yorker Strafgericht. Die Schadenssumme beträgt insgesamt rund 275.000 Dollar. Diese gigantische Summe häufte sie in nur zehn Monaten zwischen November 2016 und August 2017 an.

Den Prozess scheint Anna aber nicht besonders ernst zu nehmen. Sie sieht das alles eher als eine Art Laufsteg an. Auf ihren Wunsch hin muss ihr Verteidiger einen Stylisten engagieren, der Anna Outfits für ihre Auftritte vor Gericht besorgt. An einem Verhandlungstag erscheint sie zum Beispiel in einem Etui-Kleid von Star-Designer Michael Kors. Am nächsten Tag trägt sie eine Kombination aus einem durchsichtigen schwarzen Oberteil von Yves Saint Laurent und einer Hose von Victoria Beckham. Aber sie übertreibt es dabei maßlos. An einem Tag weigert sie sich zunächst, an der Verhandlung teilzunehmen, da sie sich nicht mehr umziehen darf und mit den Gefängnisklamotten den Gerichtssaal betreten müsste. Richterin Diane Kiesel ist wenig erfreut vom Verhalten der Angeklagten. Kurz bevor das Urteil gesprochen wird, gibt Anna der New York Times ein Interview. Sie sagt darin, und ich zitiere sie jetzt, Ich würde sie und alle anderen und mich selbst belügen, wenn ich sagen würde, dass mir irgendetwas leidtut.

Als Rachel das lesen muss, ist das natürlich wie ein Schlag ins Gesicht. Da hilft auch der nachgeschobene Satz nicht mehr viel, in dem Anna sagt, ich bereue die Art und Weise, wie ich bestimmte Dinge angegangen bin. Ja, ob sie damit meint, dass es ihr leid tut, ihre Freunde hintergangen zu haben, das ist unklar. In dem gleichen Interview sagt sie noch etwas Bemerkenswertes über das Motiv für ihre Betrügereien. Und ich zitiere nochmal. Sie wollte also ein möglichst hohes Ansehen haben, um Menschen zu beeinflussen und zu manipulieren. Und das hat sie ja eine gewisse Zeit lang auch geschafft.

Die Geschworenen verurteilen Anna am 9. Mai 2019 zu einer Freiheitsstrafe von vier bis zwölf Jahren. In den USA ist es nicht unüblich, dass Haftstrafen mit einem Zeitraum angegeben werden. Zusätzlich wird ihr eine Geldstrafe in Höhe von 24.000 Dollar aufgebrummt. Zudem muss sie den verursachten Schaden zurückzahlen. Rachel kommt am Ende übrigens mit einem blauen Auge davon. American Express hätte niemals erlauben dürfen, dass ihre Karte mit rund 62.000 Dollar belastet wird.

Rachels Limit betrug ja lediglich 10.000 Dollar. Daher muss ihr die Kreditkartenfirma 52.000 Dollar erlassen. Mit den 5.000 Dollar, die ihr Anna per PayPal überweist, bleibt sie somit am Ende auf einem Schaden von rund 5.000 Dollar sitzen. Auch die anderen Gläubiger haben gute Chancen, ihr Geld zurückzubekommen. Denn auch während Anna im Gefängnis sitzt, verkauft sie die Filmrechte über ihr betrügerisch geführtes Leben an Netflix und zwar für 320.000 Dollar. Das Geld wird allerdings zunächst auf ein Treuhangkonto eingezahlt, da es eigentlich dem Gesetz widerspricht, aus begangenen Straftaten Kapital zu schlagen. Nach knapp dreieinhalb Jahren Haft wird Anna am 11. Februar 2021 vorzeitig auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen. Auf freiem Fuß bleibt sie aber nicht lange. Bereits sechs Wochen später wird sie am 25. März 2021 erneut verhaftet. Diesmal von der Einwanderungsbehörde. Erna hat kein gültiges Visum mehr. Das konnte sie ja schlecht verlängern, während sie im Gefängnis sitzt.

Sie soll also nach Deutschland abgeschoben werden. Doch gegen ihre Abschiebung wehrt sie sich erfolgreich vor Gericht. Obwohl sie in den USA so tief gefallen ist, sieht sie hier weiterhin ihre Zukunft. Am 5. Oktober 2022 wird einer schließlich gegen die Zahlung einer Kaution in Höhe von 10.000 Dollar aus dem Gefängnis entlassen. Sie muss aber im Hausarrest bleiben, der mit einer elektronischen Fußfessel überwacht wird. Und sie darf keine sozialen Medien nutzen.

Seit August 2024 ist diese Sperre aber aufgehoben und sie darf sich wieder bei Instagram und Co. präsentieren.

Zunächst lebt sie in einer 44 Quadratmeter großen Wohnung im East Village im fünften Stock. Als ehemalige New Yorkerin darf ich kurz sagen, das ist noch nicht mal so eine kleine Wohnung. Ziemlich guter Deal für New Yorker Verhältnisse. In der Einzimmerwohnung sollen lediglich ein Bett, zwei Stühle, ein kleiner Tisch und einige Kunstwerke stehen. Die Wohnung wurde vom Anwalt der mittlerweile 31-Jährigen angemietet. Preiswert ist die spärlich mobilierte Wohnung allerdings nicht. Die Miete kostet 4.250 Dollar pro Monat. Laut der Zeitung Mirror zahlt sie die Miete selbst. Und da fragt man sich ja schon, wie das geht, wenn man im Hausarrest sitzt und kein Geld verdienen kann. Aber Anna ist, wie wir jetzt hier alle gelernt haben, eine sehr umtriebige Frau. Laut der Website Art News verkauft sie allein bis Dezember 2022 Gemälde und Zeichnungen im Wert von 340.000 Dollar. Die meisten Kunstwerke sind übrigens selbst Porträts.

Übrigens kauft auch Kunstsammler Michael Shufu Huang ein Bild von Erna. Das hängt in seinem Kunstmuseum in Peking. Das ist der Mann, ihr erinnert euch vielleicht, mit dem Erna 2015 zur Kunstbiennale nach Venedig gereist ist. Anfang 2024 verlegt Anna ihren Hausarrest in das malerische Haus ihrer Freundin Kelly Cattrone im Hudson Valley. Das Tal liegt ungefähr 160 Kilometer von New York City entfernt. Im September 2024 nimmt Anna mit einer elektronischen Fußfessel ausgestattet an der TV-Show Dancing with the Stars teil. Bei uns ist das ja die Show Let's Dance.

Dafür holt sie sich extra eine Genehmigung der Einwanderungsbehörde, die ihr Einverständnis geben muss, damit sie ihren Hausarrest verlassen darf. Der Hausarrest und die Fußfessel scheinen sich nicht unbedingt positiv auf ihre Tanzperformance ausgewirkt zu haben. Sie scheidet als erste aus dem Wettbewerb aus. Im selben Monat läuft Anna als Model für die Modemarke Schau New York bei der New York Fashion Week. Auch im Februar 2025 ist sie wieder auf einem Laufsteg zu sehen. Dieses Mal für Elena Velez. Sie darf währenddessen aber wieder nicht ihre elektronische Fußfessel ablegen. Kürzlich erst, also im Mai 2025, wird Anna mit einem Foto im weltberühmten Magazin New Yorker gezeigt. Dort präsentiert sie sich barfuß mit einem hauchdünnen, durchsichtigen schwarzen Kleidchen und mit einer gefärbten Kunstpelzjacke auf einem Fensterbrett. Im Hintergrund ist die Skyline von New York City und an ihrem Knöchel ist die Fußfessel zu sehen. Wie lange sie noch im Hausarrest bleiben muss und ob sie danach nach Deutschland abgeschoben wird, das ist unklar. Aber wie es auch kommen wird, um Anna, glaube ich, muss man sich nicht Sorgen machen. Denn sie weiß es geschickt, ihren Namen und ihre Geschichte zu vermarkten. In Zukunft aber hoffentlich nur auf legalem Weg.

Wahnsinn. Immer wenn man denkt, das ist jetzt wirklich die Spitze der Dreistigkeit, holt sie nochmal aus. Also unglaublich, oder? Du hast es ja vielleicht gesehen, dass ich während der Aufnahme so oft meinen Kopf geschüttelt habe, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Und ich kenne ihre Geschichte schon sehr, sehr lange, denn es gibt auch eine gute Netflix-Serie dazu, die auf dem Leben von Anna und ihrer Geschichte basiert. Die heißt Inventing Anna. Das heißt, ich wusste ganz genau, was passiert. Und trotzdem kann ich es immer wieder nicht glauben, wie dreist man sich Geld ergaunern kann und wie lange sie dieses Gerüst hat bestehen lassen können. Also das muss man auch erstmal durchziehen. Ja und vor allem so vor die Banken sich zu stellen, zu sagen, ich hätte gern 22 Millionen Dollar.

Ich meine, so der normale steht schon da und ist bei 5000 schon nervös, ob die Bank das irgendwie macht oder nicht. Ja, und dann als junge Frau Mitte 20, ja, um es jetzt mal so plakativ zu sagen, die Eier in der Hose zu haben, um das da ganz selbstbewusst vorzutragen, aber sich dann auch Geld von Freunden zu nehmen und ja zu wissen, denen werde ich das nicht zurückzahlen. Aber ja, sie hat ja gesagt, ihr ging es um Macht und deswegen ist das ein Paradebeispiel der anderen Art, würde ich sagen, für Im Schatten der Macht. Ja, total. Ich glaube auch, das war so ein Schlüsselsatz, oder? Dass es ihr nicht um Geld ging, sondern um Macht und vielleicht so als Einwanderungskind nicht es entschuldigen zu wollen, aber wenn du so arm bist, vielleicht ist das der ganz große Hunger, endlich auch mal gesehen zu werden und Macht zu haben. Über die Mittel muss man sich bestimmt streiten. Aber was sagt ihr denn? Habt ihr ein bisschen Empathie für dieses ehemals arme Mädchen? Oder sagt ihr, nee, wer so mit seinen Freundinnen, seinen Freunden umgeht, die muss auch anständig bestraft werden. Schreibt es uns in den Kommentaren in Spotify oder gerne auch auf YouTube.

Bei Instagram findet ihr uns in einem Wort unter im Schatten der Macht. Genau. Und wir würden uns sehr, sehr, sehr freuen, wenn ihr nächste Woche Donnerstag auch wieder hier einschaltet. Denn da haben wir einen neuen Fall für Im Schatten der Macht für euch. Wir dürfen auch schon verraten, es kommt ganz, ganz dick. Anne und ich haben richtig gestruggelt mit dem nächsten Fall. Bis dahin erstmal, das war Ricardia und Anne. Ciao. Danke an unser Team von Open Minds Media. Executive Producer Rüdiger Barth. Konzeption Peter Grewe, Rüdiger Barth und Manfred Neumann. Autor Stefan Weber. Producer Ricardia Bremley. Den Schnitt machte Lilli Johannsen. Zusätzliche Unterstützung von Falko Schulte.

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