Diamanten, Intrigen, eine ungeliebte französische Königin und eine skandalumwitterte Gräfin. Ein Kriminalfall aus dem 18. Jahrhundert, aber die Machtspiele und Lügen, die gibt's halt in jedem Zeitalter. Hier befinden wir uns allerdings mitten in der Welt des Prunks, bei dem es nicht nur um einen Haufen Juwelen geht, sondern auch um zwei Frauen, die auf ganz unterschiedliche Weise im Schatten der Macht gefangen sind. Jeanne de Lamotte, die Drahtzieherin, und Marie-Antoinette, die Königin, die zum Sündenbock wird. Zwei Frauen, zwei Welten. Und ein Skandal, der so explosiv war, dass sogar Goethe später, frei formuliert, gesagt hat, das war der Anfang vom Ende der Monarchie in Frankreich. Und möglicherweise der Startschuss zur französischen Revolution. Ja, und damit willkommen zu Im Schatten der Macht. Ich bin Riccardia Bramley. Und ich bin Anne Luckmann.
Heute nehmen wir euch mit ins Frankreich des 18. Jahrhunderts, in eine Welt, in der der Schein mehr zählt als das Sein. In der es keine Selfies, aber jede Menge Fake News gibt. Und in der zwei Frauen zwischen Intrigen, Macht und Gier untergehen. Stell dir vor, Versailles um 1780. Barocke Gänge, Parfum statt Hygiene, Kleidung als Statussymbol. Wer dazugehören will, muss adlig sein und am besten aussehen, als wäre er aus Gold gemacht. Versailles ist mehr als ein Schloss. Es ist das Machtzentrum der damaligen Welt und gleichzeitig ein Theater. Und jeder, der dort lebt, ist Teil eines Stücks, das von Etikette und Machtdemonstration bestimmt wird. Ja, und mittendrin ist Marie Antoinette, geboren 1755 als Erzherzogin Maria Antonia von Österreich, Tochter von Kaiserin Maria Theresia. Sie wird aus machtpolitischen Gründen mit dem Thronfolger Frankreichs verheiratet, der ab 1774 als Ludwig XVI. an die Macht kommt. Marie Antoinette wird dann seine Königin.
Die Eheschließung ist brisant, weil es darum geht, das Bündnis zwischen Österreich und Frankreich zu stärken, die in den Jahrhunderten davor eigentlich immer verfeindet waren. Aber das ändert sich dann ab Mitte des 18. Jahrhunderts, weil Preußen sich als neuer Machtfaktor in Europa etabliert und die Habsburger mit Frankreich durch die Heirat eine Allianz gegen Preußen schmieden wollen. Ganz kurz, die Habsburger sind übrigens eine ganz alte Adelsfamilie. Ja, und genau aus diesem Grund, den Riccardia gerade erklärt hat, wird diese Ehe also geschlossen. Aber aufgrund der jahrhundertealten Feindschaft hat es die österreichische Marie Antoinette nicht leicht am französischen Hof. Sie ist nämlich extrem unpopulär und Ziel zahlreicher Beschimpfungen. Und sie wird auch Teil einer beispiellosen Diffamierungskampagne.
1770, da ist sie gerade mal 14 Jahre alt, kommt es zu der ungewöhnlichen Hochzeit in Wien. Auch deshalb ungewöhnlich, weil sie in Vertretung stattfindet. Der Bräutigam, der Kronprinz und spätere König Ludwig XVI. Ist 15, also ein Jahr älter als die Teenie-Braut. Und nicht mal persönlich anwesend, sondern er wird durch den Bruder der Braut, Erzherzog Ferdinand, vertreten. Strange, aber diese Art der Eheschließung ist in Adelskreisen und vor allem bei den Habsburgern damals recht beliebt. Die sehr junge Marianne Jeanette ist jetzt also verheiratet. Nur wenige Tage nach der Hochzeit geht es dann für sie nach Frankreich. Sie kommt aber nicht direkt nach Versailles zu ihrem Ehemann, den sie auch dort das erste Mal überhaupt sehen wird, sondern wird in Straßburg von französischen Vertretern empfangen und erstmal neu eingekleidet. Und es kümmert sich da in Straßburg ein gewisser Kardinal de Roi um sie. Der Mann, der die sogenannte Halsbandaffäre elf Jahre später auslösen wird. Was genau das bedeutet, darüber sprechen wir nachher noch.
Und das Verhältnis zwischen Marie-Antoinette und dem Kardinal ist auch entscheidend dafür, wie diese Affäre überhaupt entsteht, also die Halsbandaffäre. Denn dieses Verhältnis ist denkbar schlecht. Und zwar, weil Maria Theresia, die Mutter von Marie-Antoinette, den Kardinal nicht leiden kann. Der war ein französischer Botschafter in Wien. Aber wer denkt, er lebt deshalb bescheiden, täuscht sich. Der Kardinal ist sehr wohlhabend, er mag Luxus und hat einen ausschweifenden Lebensstil. Maria Theresia ist der Meinung, dass sich das nicht für einen Geistlichen gehört. Sie sägt ihn als Botschafter ab und sorgt dafür, dass König Ludwig XVI. Kardinal de Rois aus Wien abberuft. Das ist 1774, also vier Jahre nach der Hochzeit. Ludwig wurde in diesem Jahr nach dem Tod seines Vaters König. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Abrufung des Kardinals aus Wien nach Versailles. Und der Roi, der hat jetzt am Hof von Versailles ein Problem. Die junge Königin Marie Antoinette spricht nicht mit ihm. Die ignoriert ihn, nämlich auf Geheiß ihrer Mutter. Und das ist so ziemlich das Schlimmste, was einem in der damaligen Zeit am Hof von Versailles, dem größten Machtzentrum der Welt, überhaupt passieren kann. Und der Kardinal versucht alles, um die Aufmerksamkeit der Königin zu erhaschen.
Marie Antoinette auf der anderen Seite ist bekannt dafür, dass sie sich für Mode, Schmuck und Frisuren interessiert. Dafür gibt sie viel Geld aus. Das weiß natürlich auch der Kardinal. Und hierüber will er, wie wir später noch sehen werden, die Gunst der Königin gewinnen.
Marie Antoinette ist häufig in Paris unterwegs und zeigt nur wenig Interesse am Hofleben in Versailles. Sie hat auch einen recht legeren Umgang mit der Hofetikette. So spielt sie etwa leidenschaftlich gerne Karten und verprasst Unsummen bei damals beliebten Glücksspiel Farou. Dies empfindet die öffentliche Meinung als schlechtes Benehmen. Und zusammen mit ihrer Habsburger Herkunft macht sie sich beim Volk extrem unbeliebt. Man sagt, sie sei verschwenderisch und oberflächlich. Und das sieht sogar ihre eigene Mutter so. Es gibt eine Anekdote, dass Marie-Antoinette ihrer Mutter ein Porträt von sich schickt. Und auf diesem Porträt hat sie eine recht extravagante Frisur, so mit Federn, geschmückt. Ihre Mutter soll dann das Porträt wieder zurückgeschickt haben. Und zwar mit dem Hinweis, dass es sich ja um einen Irrtum handeln muss. Weil das offensichtlich das Porträt einer Schauspielerin ist und nicht das einer Königin. Dieses schlechte Image am Hof und in der Bevölkerung gilt vor allem in der Zeit, bevor sie die ersten beiden Kinder bekommt.
Tonfolger zu gebären ist nämlich so ziemlich ihre einzige Aufgabe. Wenn sie das erstmal liefert, ist sie schon besser dran. Übrigens Fun-Fakt an der Stelle, ihre Mutter, die Kaiserin Maria Theresia, hatte selbst 16 Kinder. Bei Maria Antoinette und ihrem Mann Ludwig XVI. dauert das ein bisschen. Im BBC-Podcast Evil Genius, da wird sogar angedeutet, dass Ludwig XVI. Nicht so recht weiß, wie man das mit dem Sex eigentlich anstellt. Auch ein Arzt wird anscheinend hinzugezogen. Ihr könnt euch aber vielleicht denken, wem die Kinderlosigkeit angelastet wird, oder?
Der ungeliebte Maria Antoinette. Aber 1778 bekommt sie endlich eine Tochter. Drei Jahre später, also 1781, was noch viel wichtiger ist, folgt ein Sohn. Bei der Geburt ihres ersten Kindes ist sie zwar erst 23, aber eben schon acht Jahre verheiratet. Diese lange Kinderlosigkeit gilt als Makel. Zum Vergleich, ihre Mutter Maria Theresia war mit 23 schon dreifache Mutter. Aber mit der Mutterschaft ändert sich auch Marie-Antoinettes Lebenswandel und sie bietet weniger Angriffsfläche für die Bevölkerung. Trotzdem gibt es noch zahlreiche Schmähschriften und Verleumdungen in Form von Flugblättern und Zeitungsartikeln gegen sie. Täglich erscheinen die, in denen ihr irgendwelche Ausschweifungen unterstellt werben. Sie wird beleidigt und diffamiert, auch viele sexualisierte Beschimpfungen. Heute würden wir dazu wahrscheinlich Slutshaming sagen. Ihr wird nicht nur ein sehr ausschweifendes Sexleben vorgeworfen, sondern auch alles mögliche Verboten unterstellt. Zum Beispiel Inzest mit ihrem Sohn. Ja, und ich möchte nochmal erwähnen, Marie Antoinette war gerade einmal 14 Jahre alt, als sie aus Wien nach Versailles kommt. Ein blond gelocktes, zartes Mädchen, das in der Fremde zur Projektionsfläche einer ganzen Nation wird.
Dabei ist ihre Schönheit legendär. Makellose Haut, große blaue Augen, ein Lächeln, das zugleich irgendwie kindlich, aber auch königlich wirkt. Aber Schönheit allein reicht nicht. Marie Antoinette wird ja von Anfang an kritisch beugt. Doch zurück zu unserem luxusaffinen Kardinal. Die Unbeliebtheit von Marie Antoinette könnte er nutzen, um die Gunst der Königin zurückzugewinnen. Wir erinnern uns, er ist in Ungnade gefallen, wird ausgeschlossen. Das ist ein Riesengesichtsverlust. Das ist für ihn nur sehr schwer erträglich. Und da winkt ihm auch schon eine schicksalhafte Gelegenheit. Und jetzt kommt eine unglaublich spannende und clevere Frau ins Spiel, die merkt, der Kardinal, der ist bereit für die Aufmerksamkeit der Königin, viel Geld in die Hand zu nehmen. Die Comtesse, also die Gräfin Jeanne de Lamotte. Geboren als Jeanne de Saint-Rémy in ärmlichen Verhältnissen. Sie behauptet, ihr Stammbauen führe zurück bis zu Heinrich II., also einem älteren Adelsgeschlecht, als die Familie des nun herrschenden Ludwigs.
Trotz dieser adeligen Herkunft ist sie durch eine harte Schule gegangen, weil die Familie, wie gesagt, völlig verarmt war. Jeanne hat als Kind gebettelt und gehungert. Dann wird sie von einem Kloster aufgenommen. Aber hier zeigt sich, dass Jeanne keine ganz gewöhnliche Frau ist. Das Klosterleben interessiert sie nicht. Sie hat andere Pläne, einen enormen Ehrgeiz und ein Ziel. Sie will ganz nach oben, das gesellschaftliche Ansehen ihrer Familie wiederherstellen und reich werden.
Und zwar gemeinsam mit ihrem Mann, einem jungen Offizier, Marc-Antoine Nicolas de Lamotte, den sie 1780 heiratet. Fünf Jahre später werden die beiden gemeinsam mit der sogenannten Halsbandaffäre den Skandal auslösen, über den wir ja nachher noch sprechen, und der das Ende der Monarchie in Frankreich auslösen wird. Die Gräfin, die, wenn auch verarmt, als Adlige in Versailles ein- und ausgehen kann, kommt über eine ihr bekannte Hofdame in Kontakt zum Kardinal. Sie muss unglaublich empathisch, gedankenschnell und abgebrüht gewesen sein. Schnell wird ihr klar, was der schwache Punkt des Kardinals ist, was sein größtes Begehr ist. Nämlich in Kontakt zur Königin Marie Antoinette zu treten und sich bei ihr beliebt zu machen. Sie erkennt, das hier ist ihre Chance. Ein Mann mit Macht und Sehnsucht. Und Jeanne beginnt, diese Sehnsucht zu bedienen. Mit Worten, mit Scham und mit Lügen. Die Gräfin ist auffallend hübsch. Dunkle Augen, rabenschwarzes Haar, eine Stimme, die verzaubert. Sie weiß, wie man lügt und das tut sie dann auch. Jeanne wird zur perfekten Hochstaplerin. Sie lebt in Paris ein Doppelleben. Zum einen Ehefrau, Gräfin, zum anderen Intrigantin.
Jedenfalls wickelt sie den Kardinal um den Finger. Sie schafft es, dass er sie finanziell unterstützt. Die Ländereien, die ihre Familie in der Not verkaufen musste, sind an die französische Krone gegangen. Und sie will sich jetzt an die königliche Gerichtsbarkeit wenden, um diese wieder zurückzubekommen. Und wer soll es richten? Ihr ahnt es, der gefallene Kardinal natürlich. Und so verbringt die Gräfin viel Zeit in Versailles und versucht, auch Marie Antoinettes Aufmerksamkeit zu erringen. Hierzu versucht sie alle möglichen Tricks. Sie täuscht eine Ohnmacht vor, als die Königin im Park gerade an ihr vorbeigeht, aber das funktioniert nicht. Marie-Antoinette ignoriert den Zusammenbruch der Gräfin einfach und schlendert weiter. Obwohl es ihr nicht gelingt, an Marie-Antoinette ranzukommen, entwickelt die Gräfin mit ihrem Mann zusammen einen perfiden Plan. Sie entscheiden sich, den Kardinal zu täuschen, um ihm Geld abzuknöpfen und erzählen ihm, dass sie in sehr gutem Kontakt zur Königin stehen.
Und eigentlich müsste der Kardinal hier schon mal ein bisschen skeptisch sein, denn eine private Unterredung mit der Königin ist eigentlich recht unwahrscheinlich. Aber die Gräfin macht sich das zunutze, was gute Hochstapler und Betrüger sich immer zunutze machen. Ihre Opfer glauben ihnen, weil sie ihnen das versprechen, wonach sie sich sehen. Die Opfer glauben es, weil diese Sehnsucht größer ist als die Vernunft. Ja, und die Gräfin behauptet also gegenüber dem Kardinal ganz frech, das sie zwischen ihm und der Königin vermitteln kann. Sie behauptet sogar, sie hätte mit der Königin gesprochen und diese sei bereit für eine Annäherung mit dem Kardinal.
Vorausgesetzt, er liefert einen Beweis, dass es ihm wirklich ernst ist. Der Kardinal ist Feuer und Flamme und lässt sich darauf ein. Tja, und was ist es wohl, was die Gräfin gegenüber dem Kardinal behauptet, was er der Königin als Geschenk bringen soll? Natürlich Geld. Die Gräfin sagt, die Königin braucht Geld, Denn sie muss sich immer an den König wenden, wenn sie das will. Und das würde sie ganz schön nerven. Das Ganze muss aber natürlich geheim bleiben. Und nur die Gräfin darf das Geld an Marie Antoinette übergeben. Und so passiert es auch. Der Kardinal gibt der Gräfin das Geld. In der Hoffnung, dass er damit die Königin für sich einnehmen kann. Aber die weiß ja gar nichts davon. Die Gräfin behält das Geld des Kardinals also für sich selbst. Der wundert sich aber schon nach einigen Wochen, dass die Königin ihn weiter ignoriert. Die Gräfin bleibt cool und beruhigt ihn. Marie Antoinette will das noch nicht öffentlich zeigen, sagt sie. Aber das wird schon alles.
Ihr ist schon klar, dass sie den Kardinal nicht ewig hinhalten kann. Und deshalb zündet sie nun die nächste Stufe. Sie fälscht Briefe. Ja, fingierte Briefe von Marie Antoinette an den Kardinal, in denen die Königin ihm Anweisung gibt und um mehr Geld bittet. in einem sehr persönlichen Ton geschrieben. Und das beruhigt den Kardinal, begeistert ihn geradezu. Und die Gräfin hält ihn so erstmal bei der Stange. Er gibt ihr weiterhin auch immer mal wieder Geld. Aber das geht natürlich nicht ewig so weiter. Irgendwann wird der Kardinal unruhig und drängt die Gräfin Jeanne, ihn endlich persönlich mit der Königin zusammenzubringen. Jeanne gerät unter Druck. Fast zwei Jahre hält sie den Kardinal schon hin und schmiedet den waghalsigsten Plan ihres Lebens. Dieser Plan ist ebenso genial wie dreist. Sie organisiert tatsächlich ein Treffen. Am 10. August 1784 soll es soweit sein. An diesem Tag soll der Kardinal endlich Königin Marie Antoinette treffen.
Jedenfalls glaubt er, dass es die Königin ist. In Wahrheit ist es eine von der Gräfin und ihrem Kumpan angeworbene Prostituierte, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Marie Antoinette hat. Beim Treffen geht die Gräfin mit der vermeintlichen Königin, die natürlich verschleiert ist, im Dämmerlicht durch den Schlosspark. Die falsche Königin hat eine Rose in der Hand und einen Brief für den Kardinal.
In der Venuslaube, übrigens so genannt, weil dort eine Venusstatue steht, wartet schon der aufgeregte Kardinal. Die vermeintliche Marie Antoinette betritt die Venuslaube und murmelt irgendwas vor sich hin. Der Kardinal geht sofort auf die Knie. Die Königin wirft ihm die Rose zu. Und in dem Moment, also bevor der Kardinal die Täuschung durchschauen kann, springt die Gräfin hervor und sagt aufgeregt so etwas wie, Es kommt jemand, wir müssen sofort weg. Sie packt den Kardinal und zieht ihn mit sich. Ja, der Kardinal ist überwältigt. Für ihn ist klar, er hat die echte Königin getroffen. Die Briefe, die Gunst, die Versöhnung, alles scheint sich zu bestätigen. Die Gräfin, die gibt jetzt Vollgas. Sie plant nun den Riesenkuh und ihren Abgang. Und der Riesenkuh ist ein gewisses, von uns ja bereits erwähntes Halsband, das sie nun gegenüber dem Kardinal ins Spiel bringt. Okay, was hat es jetzt also mit diesem Halsband auf sich? Damit wir uns das Collier ein bisschen besser vorstellen können, beschreibe ich es mal kurz genauer. Es besteht aus einer Reihe von 17 Haselnussgroßen Diamanten, aus der drei Girlanden springen, in deren Mitte jeweils ein birnenförmiger Anhänger angebracht ist.
An den Seiten hängen vier lange Bänder aus je drei Reihen Diamanten, die fast bis zur Taille reichen. Die beiden Bänder in der Mitte kreuzen sich auf der Höhe des Brustansatzes, wo ein riesiger Diamant prangt, um am Ende, wie die seitlichen Bänder, in fünf funkelnde Quasten zu münden. Insgesamt sind 540 Diamanten verbaut. Es ist seinerzeit das wertvollste Schmuckstück der Welt und würde heute einem Wert von etwa, Achtung, 18 Millionen Euro entsprechen. Es wurde von den berühmtesten Juwelieren Frankreichs erschaffen. Und es hat bereits eine Geschichte hinter sich. Die beiden Juweliere hatten einige Jahre lang Diamanten von außergewöhnlicher Größe und Reinheit für ein Collier im Wert von 1,8 Millionen Livre gesammelt. Die Juweliere wollten es ein paar Jahre zuvor schon an Ludwig XV. Verkaufen, für dessen Mätresse. Leider starb der König zuvor und die Juweliere haben es seitdem in ganz Europa angeboten. Doch überall schreckt man vor diesem großen Preis zurück.
Ironischerweise wollte Ludwig XVI. seiner Königin Marie-Antoinette das Collier zur Geburt des gemeinsamen Sohnes schenken. Doch sie lehnte des hohen Preises wegen ab. Und natürlich wollen die beiden Juweliere, Böhmer und Bassange heißen sie übrigens, endlich verkaufen. Sie versuchen immer mal wieder Marie-Antoinette für das Collier zu gewinnen. Aber ohne Erfolg. Die Juweliere sind langsam verzweifelt. Das macht sich die Gräfin zunutze. Sie weiß von den Verkaufsbemühungen der Juweliere über ihre Hofdamenfreundinnen in Versailles und nimmt Kontakt zu Böhmer und Bassange auf. Sie treffen sich im Dezember 1784, also rund vier Monate nach dem arrangierten Treffen zwischen dem Kardinal und der Fake-Königin. Die Gräfin lässt sich dabei das Collier zeigen und behauptet rotzfrech, alles klar, ich habe einen Käufer.
Gleichzeitig sagt sie dem Kardinal, dass es der größte Wunsch der Königin sei, das Collier zu besitzen. Er würde damit in ihrer Gunst nach ganz oben steigen, wenn er für sie bürgen würde. Der Kaufpreis wird auf 1,6 Millionen Livre festgelegt. Innerhalb von zwei Jahren soll die Königin den Kaufpreis von 400.000 Livre in vier Raten begleichen. Der Plan der Gräfin ist gerissen. Sie will nämlich mit dem Collier abhauen und die Diamanten dann einzeln verkaufen. Und sie glaubt, wenn der Kardinal dahinter steigt, dann ist ihm die Angelegenheit so unangenehm und peinlich, dass er stillhält, um dem Skandal zu entgehen. Der Kardinal willigt tatsächlich auch ein, zu bürgen. und die Gräfin legt ihm und den Juwelieren einen entsprechenden Vertrag vor. Dabei macht sie einen entscheidenden Fehler, aber noch fällt er nicht auf. Sie fälscht nämlich die Unterschrift der Königin, unterschreibt mit Marie-Antoinette de France. Und das ist ein Fauxpas, denn die Königin unterschreibt grundsätzlich nur mit ihrem Vornamen, ohne diesen Zusatz de France. Erstmal schlucken die Beteiligten das. Im Februar 1785, rund drei Monate nach dem Treffen der Gräfin mit den Juwelieren, bringen die Juweliere dem Kardinal das Collier, der es gleich der Gräfin übergibt. Als vermeintliche Vertraute der Königin soll sie es ihr übergeben. Der Kardinal ist voller Vorfreude. Er glaubt sich durch diese kostbare Gabe endlich am Ziel.
Seine Annäherung mit der Königin steht nichts mehr im Weg. Und während er sich darauf vorbereitet, endlich Marianne Jeanette zu treffen, sitzen die Gräfin und ihre Komplizen am Küchentisch und stemmen mit Messern die 540 Diamanten aus den Fassungen des Colliers. Oh Mann, das Halsband ist schon komplett zerstört, bevor es bezahlt ist und auch nur ein einziges Mal getragen wurde. Schon am nächsten Tag fangen die Gräfin und ihr Mann an, die Diamanten in Paris, London und Antwerpen zu verkaufen. Sie bekommen für die Diamanten noch 600.000 Livre, also nur ein Drittel des Schmuckwerts. Übrigens bleibt die Gräfin eiskalt im Land und flieht nicht etwa.
Monate vergehen. Der Kardinal wird langsam unruhig und wundert sich, dass die Königin das Halsband noch nie getragen hat. Und er wundert sich auch, dass sie ihn immer noch ignoriert. Er wartet auf ein Zeichen der Dankbarkeit, bekommt aber keins. Die Königin schweigt. Die Gräfin Jeanne vertröstet ihn auch immer noch weiter. Doch die Juweliere wollen ihr Geld. Und die fragen jetzt diskret bei Hofe nach. Damit beginnt jetzt das Kartenhaus zu wanken. Jeanne de Lamotte bekommt Wind davon und geht mal wieder aufs Ganze. Im August 1785, rund 18 Monate nach dem Verkauf des Colliers und bevor ihr Betrug auf eine andere Art und Weise herauskommen wird, sagt sie den Juwelieren, dass der Kardinal betrogen worden ist. Die Unterschrift der Königin sei gefälscht, was ja auch die Wahrheit ist. Sie verschweigt aber, dass sie diejenige ist, die ihn betrogen hat.
Sie sagt den Juwelieren aber auch, dass der Kardinal reich ist. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Er hat gebürgt, er wird jetzt auch zahlen und damit hat sich die Geschichte erledigt. Dann geht sie also zum Kardinal und sagt ihm unter Tränen, dass sich die Königin jetzt anders entschieden habe. Sie will das Collier nicht bezahlen. Und sie berichtet dem Kardinal außerdem, dass Marie-Anchanette sie sogar bedroht hätte. Sie sei in Ungnade bei der Königin gefallen und muss jetzt ganz schnell aus Paris flüchten. An sich ein guter Plan. Aber die Juweliere durchkreuznehmen. Sie haben mittlerweile einen Termin bei Marie-Antoinette bekommen. Die Königin bekommt nun zum allerersten Mal etwas von der ganzen Affäre mit. Die Juweliere zeigen ihr den Vertrag mit der gefälschten Unterschrift der angeblichen Königin.
Und Marie Antoinette ist natürlich empört. Aber sie hat die Gräfin noch nicht im Fokus. Sie kennt sie ja auch gar nicht. Sie beschuldigt also den Kardinal, in ihrem Namen das Collier gestohlen zu haben, um seine Schulden zu zahlen. Es gab Gerüchte, dass der Kardinal in Geldschwierigkeiten sei. Und die Juweliere bestätigen dann auch schriftlich, dass der Kardinal ihn erklärt hat, im direkten Auftrag der Königin zu handeln. An Maria Himmelfahrt, dem 15. August 1785, ist die ganze Hofgesellschaft versammelt, zur feierlichen Messe. Gehalten von niemand Geringerem als Kardinal de Rois. Alle erwarten das Eintreffen des Königspaares. Doch dann geschieht das Unfassbare. Der Kardinal wird öffentlich verhaftet. Im Namen des Königs. In voller Montur vor versammelter Elite. Ein Skandal. So etwas hat Frankreich noch nicht erlebt. Ein Kardinal, einer der ranghöchsten Würdenträger des Landes, wird wie ein gemeiner Verbrecher abgeführt. Ziel der Reise? Die Bastille. Das berüchtigte Pariser Gefängnis.
Es kommt zu einem Verfahren vor dem Parlament, dem Pariser Gerichtshof. Das Gericht verhandelt nicht nur über Schuld oder Unschuld. Es geht um das Vertrauen in die Monarchie selbst. Und es geht um Symbole. Um ein Halsband, um Macht, um einen Kardinal, der fällt und eine Königin, die schweigt. Betrug und Majestätsbeleidigung stehen in der Anklageschrift. Dafür könnte der Kardinal sogar zum Tode verurteilt werden. Er sagt aus. Ja, es stimmt tatsächlich. Er habe behauptet, im Auftrag der Königin zu handeln. Aber er sei selbst ein Opfer des Betrugs geworden. Aber es sieht nicht gut für ihn aus. Zumal er alle gefälschten Briefe, die er angeblich von Königin Marianne Charnett bekommen hat, dummerweise vernichtet hat. Ja, wie soll er jetzt seine Unschuld beweisen?
Seine einzige Chance ist die Aussage der Gräfin Jeanne de Lamotte. Die konnte, anders als ihr Mann und ihr Komplize, nicht mehr rechtzeitig nach London fliehen und wird mit angeklagt. Nun steht sie im Zeugenstand und bleibt einmal mehr kaltblütig. Sie sagt, ich habe keine Ahnung, was der Herr Kardinal hier erzählt. Ich habe die Königin nämlich nie getroffen. Ich weiß nur, dass der Herr Kardinal das Collier gekauft hat. Das hört sich erstmal glaubwürdiger an als alles, was der Kardinal so erzählt. Der Prozess zieht sich über Monate. Der Kardinal engagiert sogar Detektive, die die Spur der Colliersteine aufnehmen. Die haben die Betrüger ja unter anderem in Paris, Antwerpen und London Hehlern zum Kauf angeboten. Und tatsächlich machen sie in London die Komplizen der Gräfin ausfindig. Die werden verhaftet und sind sogar geständig. Das Blatt wendet sich also. Die Gräfin Jeanne gibt schließlich vor Gericht zu, dass sie das Treffen mit der vermeintlichen Königin im Park inszeniert hat. Also ein Sieg der Gerechtigkeit? Nicht wirklich. Der Prozess läuft hinter verschlossenen Türen ab. Die öffentliche Diskussion um den Fall ist gigantisch und maßgeblich befeuert durch Berichte und Schriften der Anwälte.
Die verfassen sogenannte Memoirs, die nahezu täglich die Öffentlichkeit erreichen und die öffentliche Meinung massiv beeinflussen. Mehrere tausend Exemplare werden verkauft, dazu noch Schmähschriften, die Flugblätter und Zeitungsberichte. Es ist für die damalige Zeit ein gewaltiger Medienhype. Nie zuvor sind so viele Berichte im Umlauf wie jetzt zum Prozess um die sogenannte Halsbandaffäre.
Und auch wenn der Kardinal nicht besonders beliebt in der Bevölkerung ist, kippt die Stimmung im Laufe des Prozesses. Und zwar gegen die, eigentlich völlig unschuldige, Königin Marie Antoinette. Sie wird nämlich jetzt zunehmend als moralisch verkommen diffamiert, als eigentliche Urheberin des Skandals. Es heißt, der Kardinal wäre nur ein Opfer der königlichen Willkür geworden. Und viele sehen in der Gräfin eine Heldin, eine Aufsteigerin, die das System überlistet. Marie Antoinette hingegen wird zu Schuldigen gemacht. Karikaturen zeigen sie als habgierige, moralisch verkommene Frau. Die Wahrheit spielt hier kaum noch eine Rolle. Tja, und dann kommt es zum Showdown. Nach mehreren Monaten Verhandlungen kommen die Richter am 31. Mai 1786 zur letzten Sitzung zusammen. Die von ihnen beantragten Strafen sind vorab schon mit dem König abgestimmt. Die Gräfin Jeanne soll ausgepeitscht mit einem V für Vouleuse, also Dieben, auf der Schulter gebranntmarkt und auf Lebenszeit im Hôpital Salpêtrière eingesperrt werden. Ihr Mann und der Komplize sollen zu einer lebenslangen Galerenstrafe verurteilt werden. Das bedeutet, lebenslang angekettet rudern, unter Deck eines großen Kriegsschiffs.
Gegen den Kardinal steht nur noch die Majestätbeleidigung in der Anklage. Mit dem König ist vorab vereinbart, dass er Reue zeigen soll und die Majestäten um Verzeihung bitten möge. Außerdem soll er seine Ämter niederlegen und vom Hof verbannt werden. Eigentlich sollen die Richter jetzt nur noch diese Strafen bestätigen, die vom König bereits abgenickt sind. Aber dann passiert eine Sensation. Die Richter begehren auf und sprechen den Kardinal frei. Er muss zwar das Heilsband bezahlen, darf aber seine Ämter behalten. Und das ist ein ungeheurer Affront gegen den König und gegen die Monarchie. Oh ja, und die Richter demonstrieren Unabhängigkeit und ganz Paris feiert diesen Freispruch. Und das ist auch der Grund, warum Goethe in der Halsbandaffäre die Vorgeschichte und den Auslöser der französischen Revolution sah, die ja nur drei Jahre später die jahrhundertelange Unterdrückung und Ausbeutung des Volkes hinwegfegt und die für Ludwig XVI. Und Marie-Antoinette am 16. Oktober 1793 unter der Guillotine endet. Marie-Antoinette ist 37 Jahre alt.
Und die Gräfin Jeanne de la Motte? Die wird tatsächlich ausgepeitscht, gebranntmarkt und ins Gefängnis gesteckt. Nach einem knappen Jahr gelingt ihr aber die Flucht, mithilfe eines Bewachers, den sie um den Finger gewickelt hat. Sie zieht sich Männerkleidung an, schneidet sich die Haare kurz und kann so entkommen. Ihr Ziel lautet England. Dort findet sie rasch Unterschlupf in den Kreisen des Exils, trifft auf reiche Gönner und neue Liebhaber. Sie beginnt zu schreiben. Ihre Autobiografie. Ein Buch, das alles ändern soll. Ja, in diesem Buch behauptet sie, Marianne Charnett sei die Drahtzieherin gewesen. Sie zeichnet ein düsteres Bild der Königin. Eitel, machtbesessen und manipulativ. Ein Bild, das sich perfekt in die antimonarchistische Stimmung ihrer Zeit einfügt. Der französische Hof erfährt davon und versucht, die Veröffentlichung zu verhindern. Man bietet ihr Geld, viel Geld. Jeanne nimmt das auch und veröffentlicht trotzdem. Die Erzählung geht in Druck und mit ihr die endgültige Demontage der Königin in der öffentlichen Wahrnehmung. Marie Antoinette wird nie rehabilitiert. Das Halsband bleibt ein Symbol. Ein Schrei aus der Menge, als sie zur Guillotine geführt wird, soll gelautet haben, wo ist denn das Halsband, Majestät?
Zwei Frauen, zwei Lebenswege und zwei Welten, die sich auf die unglücklichste Art und Weise kreuzen. Jeanne, die Hochstaplerin, die zur Erzählerin wird, und Marie-Antoinette, die Königin, die zur Projektionsfläche wird. Die Halsbandaffäre ist kein kleiner Royals-Scandal. Er zeigt vor allem, wie reif die französische Gesellschaft für die kommende Revolution ist und wie sehr sie mit der Macht der Krone abrechnen wird. Die Revolution kommt ja, wie gesagt, nur einige Jahre später.
Und die Machtverhältnisse? Ziemlich zeitgemäß leider. Medienmacht mit Flugblättern, mangelnde Selbstwirksamkeit einer jungen Frau. Alles Themen, die uns heute nicht fremd sind. Die Art und Weise, wie Marie Antoinette diskreditiert wurde, erinnert stark an Online-Trolling oder Mobbing auf Social Media. Und die Fake News von Jeanne de la Motte? Na, an wen erinnern die uns? Klar, sie könnte auf Donald Trump das Wasser reichen. Tja, Anne, was sagst du dazu? Ja, ich finde es schon krass, dass die Gräfin das über eine so lange Zeit geschafft hat und dem Kardinal auch so viel Geld abzwacken konnte. Aber auf der anderen Seite, woher soll er auch wissen, wie die Königin wirklich von Nahem aussieht? Also wenn du eine Person von Weitem siehst, die auch so vielleicht in die Bevölkerung winkt und eine andere Frau, die ihr ähnlich sieht, weiß ich nicht, ob ich da auch den Unterschied gesehen hätte. Weil jetzt haben wir natürlich Bilder, wir haben Videos, wir können alles nachrecherchieren im Internet. Aber das gab es damals nicht. Also ich kann schon nachvollziehen, dass er die Prostituierte, die der Königin sehr ähnlich sah, nicht als ein Fake erkannt hat. Ja, und ich glaube, was wir öfter in unseren Fällen haben, ist.
Du hast natürlich auch Menschen, die mit einer Realität arbeiten. Also das ist die Königin, das ist die Wahrheit. Und deswegen nicht nach Beweisen dafür suchen, dass es noch eine andere Realität gibt. Nämlich, dass hier ein Riesenbetrugsfall aufkommt. Und ich finde, das hat es gemein mit anderen Fällen, dass die Leute nur das sehen können, was sie wissen. Und dann denkst du natürlich auch assoziativ, das ist die Königin. Also das kennen wir auch aus Social Media. Ja, und der Kardinal wurde halt einfach richtig hart manipuliert.
Er ist ihr da voll, wie sagt man, in die Fittiche gekommen? Nein, so sagt man das nicht. In die Masche, wie heißt, ins Netz gegangen. Ins Netz gegangen, genau, das wollte ich sagen. Also der ist da voll drauf reingefallen, weil er einfach in der Gunst der Königin stehen wollte. Andere Zeit, ne? Aber uns interessiert natürlich auch, wie ihr es seht und vielleicht, ob ihr auch diese Parallelen zu heute seht, weil obwohl es so ein historischer Fall ist, hatten wir das Gefühl, eigentlich ist es total modern, was da passiert. Schreibt es uns in die Kommentare, gerne bei Instagram, da heißen wir im Schatten der Macht, alles ein Wort oder auf YouTube. und vor allem würden wir uns freuen, wenn ihr uns folgt auf Spotify & Co. Und vielleicht das Glöckchen aktiviert, dass das auch jede Woche neu, wie sagt man, ankündigt. Genau, damit ihr auch keine neue Folge verpasst, denn jede Woche Donnerstag kommt eine neue Folge von Im Schatten der Macht. Vielen, vielen Dank fürs Zuhören. Wir freuen uns, wenn ihr auch nächste Woche wieder mit dabei seid. Ich bin Anne. Und ich bin Ricardia.
Danke an unser Team von Open Minds Media. Executive Producer Rüdiger Barth, Autor Thorsten Kolle, Konzeption Peter Greve, Rüdiger Barth und Manfred Neumann, Producer Ricardia Bremley, den Schnitt machte Lilli Johannsen, zusätzliche Unterstützung von Falco Schulte.