Eine Hollywood-Schauspielerin verschwindet spurlos. Sie liegt Tage später nackt und tot auf der Rückbank ihres Autos, mit einer absurd hohen Promillemenge. Davor wird sie Opfer einer regelrechten Vernichtungskampagne und gilt als Staatsfeindin. Doch ihren Gegner? Den bekommt sie nicht ein einziges Mal zu sehen, denn der bleibt immer im Schatten verborgen. Die Frau, über die wir sprechen, ist die US-Schauspielerin Jean Seberg, die in den 60ern und 70ern zur Kinogöttin wird, sich dann aber zur Aktivistin wandelt. Und das mögen einige Leute auf der dunklen Seite der Macht gar nicht. Was dann passiert, das hat's so selbst im skandalgeschüttelten Hollywood noch nie gegeben. Ja, denn mit so mächtigen Gegnern entwickelt sich das Leben in der Traumfabrik für die Blondine zum Albtraum, aus dem es leider kein Erwachen gibt.
Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Im Schatten der Macht. Ich bin Anne Luckmann. Und ich bin Ricardia Bramley. Diese Hetzjagd in den Tod ist jetzt schon fast ein halbes Jahrhundert her, aber hat heute genauso viel Relevanz. Denn jemand, der sich aktiv gegen Macht auflehnt, der lebt offenbar immer gefährlich. Wenn die Person dann auch noch weiblich ist, kann es gegebenenfalls sogar noch etwas gnadenloser zugehen. Was sich hier in allerhöchsten Kreisen abspielt, toppt echt alles. Sogar das heutige Hollywood hat sich das Thema nochmal hervorgeholt. Im Film Against All Enemies aus dem Jahr 2019 spielt Kristen Stewart nämlich Gene Seaburg. Das Bittere dabei ist, die Frau will eigentlich nur Gutes bewirken und lockt damit schlechte Leute auf den Plan. Die Welt erinnert sich heute vor allem an ihren ikonischen Filmauftritt und ihr spektakulär gruseliges Ende. Eine kleine Content-Warnung müssen wir noch vorausschicken. Heute geht es auch um die Themen mentale Gesundheit und Suizid. Wenn euch diese Themen belasten, dann skippt am besten die heutige Folge oder hört sie zusammen mit jemandem an, dann könnt ihr anschließend darüber sprechen. Ein paar Nummern verlinken wir euch dazu auch in den Shownotes. Am 8. September 1979 schalten Millionen Menschen weltweit die Nachricht zu dieser Meldung ein. Schauspielerin Jean Seberg ist tot, im Alter von nur 40 Jahren gestorben.
Für viele Filmfans ist das allein schon schlimm genug. Aber je mehr Details über ihren Tod herauskommen, desto absurder wird das Ganze. Ja, Jean Seberg wird in ihrer Wahlheimat Paris im edlen 16. Arrondissement gefunden, und zwar von Spaziergängern. Die laufen da also die herrlichen Straßen voller Villen unter den herbstlichen Bäumen entlang, ohne zu ahnen, welche Entdeckung da auf sie wartet. In einer ruhigen Seitenstraße steht ein verbeulter, weißer Renault, der als einziges Auto in der Straße nicht mit Laub bedeckt ist. Auf der Rückbank liegt nur in einen Mantel gehüllt ein ansonsten nackter, regloser Frauenkörper.
Seit zehn Jahren schon hat Seaberg nicht in Amerika gedreht und ihren Hauptwohnsitz mittlerweile in Paris. Aus Gründen, über die wir gleich noch mehr sprechen wollen. Und seit fast zehn Tagen hat kein Mensch mehr sie gesehen. Bis jetzt. Was für ein Horror auch für die Passanten. Du schaust so ins Auto und klopfst und merkst dann vermutlich irgendwann, oh shit, da regt sich gar nichts mehr. Und dann noch krasser, denn du merkst, dass da ein Hollywoodstar liegt. Und das ganze Setting ist doch irgendwie merkwürdig. Neben Jean Seaberg liegen zwei leere Pillenröhrchen und eine leere Wasserflasche. Ihr Körper beginnt schon zu verwesen. In ihren vom Tod schon starren Fingern steckt ein Zettel, auf dem folgende Worte stehen. Verzeih mir, ich kann nicht länger leben mit meinen Nerven. Okay, das wirkt jetzt wie ein Crashkurs in stümperhaften Inszenierungen. Denn ist es wirklich möglich, dass sie das war? Eventuell sogar mit Alkohol und Rauschmitteln oder Pillen im Blut? Und wen bittet sie da um Verzeihung? Hat sie das überhaupt selbst geschrieben?
Naja, sowas lässt sich eigentlich leicht rausfinden, wenn man diese Handschrift mit Schriftstücken von ihr abgleicht. Das Verwunderliche ist nur, das macht niemand. Die Polizei kommt zwar, nachdem die Passanten sie alarmiert haben, aber sie untersuchen das Auto noch nicht mal nach Fingerabdrücken. Die Pariser Gerichtsmedizin obduziert Gene Seaburgs Leichnam, aber...
Diese Autopsie bringt Erkenntnisse, die nochmal neue Fragen aufwerfen. Im Blut der Schauspielerinnen werden fast, Achtung, 8 Promille gemessen. 8 Promille, das kann niemand überleben. Schon eine Blutalkoholkonzentration von 4 Promille, also der Hälfte, kann zu Atemstillstand führen. Das ist schon bemerkenswert, denn diese Menge trinkst du ja nicht im Cocktailglas. Normal verlierst du ja nach ein paar Gläsern jede Koordination. Aber wie kam der Alkohol dann in ihr Blut? Und wann? Denn der baut sich ja irgendwann auch wieder ab. Eine Einstichwunde oder Zeichen eines Kampfes also, dass ihr jemand das Zeug gewaltsam eingeflößt hat, gibt es jedenfalls nicht. Schnell wird also klar, irgendwer will nicht, dass dieser Tod aufgeklärt wird. Wie ist sie überhaupt nackt, nur bekleidet mit einem Mantel in ihr Auto gekommen? Wo kam der Alkohol her? Wo war sie die letzten zehn Tage, in denen sie niemand mehr gesehen hat? Warum hat sie sich auf die Rückbank ihres Autos gelegt? Wann hat sie diesen Zettel gekritzelt, den sie dann offenbar, trotz ihres komatösen Zustandes, noch ganz fest in den Händen gehalten hat? Ein Stift findet man übrigens nicht.
Nichts daran ergibt Sinn. Und niemand kann sich erklären, wie sich diese Frau angeblich das Leben genommen hat. Das Warum steht noch auf einem ganz anderen Blatt. Denn Jean Seaberg ging in den letzten Jahren durch die Hölle. Dabei war sie zu Beginn ihrer Karriere drauf und dran, eine der ganz großen Schauspielerinnen des Jahrhunderts zu werden.
Wir tauchen jetzt also gemeinsam in ihr kurzes, turbulentes Leben ein. Am 13. November 1938 kommt Jean Dorothy Seaberg als Tochter einer Apothekerfamilie zur Welt. Und zwar in der Kleinstadt Marshalltown im US-Bundesstaat Iowa. Die Familie ist religiös. Die sonntäglichen Kirchengänge gehören ganz fest zum Leben der Familie. Schon früh entwickelt Jean Seaberg eine künstlerische Seite. Mit zwölf hilft sie in Papas Apotheke mit. Aber offenbar träumt sie da schon von der großen Leinwand, weil sie laut eigenen Aussagen nur rumsteht und Filmzeitschriften liest. Das findet sie offenbar spannender als verkaufen. Und nicht nur Film interessiert die junge Jean, sondern auch gesellschaftliche Probleme. Schon mit 14 kämpft sie laut Spiegel für Frauen- und Bürgerrechte. Konkreter wird das leider nicht aufgeführt. Die Familiengeschichte der Seaburgs wird allerdings von einer Tragödie überschattet. Jean hat noch eine ältere Schwester und einen älteren Bruder. Der kommt leider mit nur 18 bei einem Autounfall ums Leben. Vielleicht ist das ja ein Grund dafür, dass sie aus der Kleinstadt raus möchte und ihre Gefühle in Kunst und Schauspiel stecken will.
In der Highschool ist sie dann im Schultheater aktiv und sie ist gerade mal 17. Da entscheidet sich der österreichische Regisseur Otto Preminger, sie als Johanna von Orleans für seinen Film Jean d'Arc zu besetzen. Dabei ist sie eine von 18.000 Bewerberinnen. Er sucht ein völlig unbekanntes Gesicht, um die Freiheitskämpferin darzustellen. Und er findet es in der Blutjungen Jean Seaberg.
Die Beziehung von Regisseur und Schauspielneuling, die schauen wir uns mal genauer an. Denn es ist Jeans erste Begegnung mit echter Macht. Vielleicht auch toxischer, männlicher Macht. Bis eben war sie ja noch total behütet. Und jetzt kommt der große Regisseur in ihr Leben. Und der ist 33 Jahre älter als sie. Der Podcast You Must Remember This sagt, Otto Preminger sei für Gene Seberg so eine Art Bad Dad. Also eine Vaterfigur, die auch Druck ausübt und straft. Auf YouTube gibt's ein kurzes Video, wie er Jean der Presse vorstellt. Das findet ihr auch in unseren Shownotes verlinkt. Ihr fragt euch jetzt vermutlich, wie kommt ein gestandener Regisseur dazu, aus einer Kleinstadt in Iowa aus 18.000 Mädchen ausgerechnet Jean auszusuchen? Hier kommt die Antwort. Jean selbst hat sich gar nicht beworben, sondern eine Freundin hat heimlich Fotos von ihr hingeschickt. Und diese Fotos beeindrucken den Österreicher so sehr, dass er sie einlädt und vom Fleck weg einen Sieben-Jahres-Vertrag anbietet. 400 Dollar pro Woche kriegt sie dafür und diese Summe soll bis zum siebten Jahr immer höher werden, bis es dann 2500 Dollar die Woche sind. Das wäre heute mehr als doppelt so viel wert.
Eben also noch Schultheater, jetzt ein Filmvertrag mit einem 33 Jahre älteren Mann. Ja, Otto Breminger nimmt sie jetzt unter seine Fittiche und hat als Filmveteran auch das Storytelling dazu. Seine PR-Masche für Jean Seaberg ist die Geschichte vom unschuldigen Provinzmädchen, das nach Hollywood kommt. Er hat nicht nur einen Vertrag mit ihr, er macht auch ihre PR. Damit ist Jean jetzt in seinen Händen. Das ganze Geld, das reinkommt, das verwaltet ihr Vater in Iowa. Regisseur Otto Breminger ist übrigens ein Megakoleriker. So schreibt es etwa der Schweizer Tagesanzeiger oder der britische Telegraph. Der schreibt, er sei ein Tyrann.
Er verlangt seinem jungen Star alles ab. Als der Film 1957 ins Kino kommt, ist Jean schon richtig traumatisiert, weil sie so durch die Mangel genommen wird. Otto Breminger lässt sie laut dem Podcast You Must Remember This Französisch lernen, organisiert Sprechertraining, damit sie nicht mehr so provinzamerikanisch klingt und sie muss reiten lernen. Nicht mal alleine ins Restaurant darf sie. Die Frage ist, beschützt er sie oder isoliert er sie? Immerhin formt er aus dem Kleinstadtmädchen den Star Jean Seaberg. Sie ist im Prinzip sein Rohdiamant, den er schleift. Gerüchte besagen laut dem Podcast, den wir schon erwähnt haben, Die beiden hätten auch eine körperliche Beziehung gehabt. Bestätigt wird das aber nicht. Jean spielt also Jeanne d'Arc, die Freiheitskämpferin, und ist selbst aber so unfrei wie sonst was. Das Ende des Films ist besonders dramatisch, denn Jean Seaberg, a.k.a. Jeanne d'Arc, steht am Ende da auf einem Scheiterhaufen, der wirklich angezündet wird. Sofort fackelt dieses Ding wie Zunder und Jean Seaberg schreit plötzlich am Set, ich brenne.
Und Otto Breminger lässt laut dem Podcast die Kameras seelenruhig weiterlaufen, weil er das als überzeugendes Schauspiel einstuft und nicht als Schmerzensschreier eines Menschen in Todesangst. Ganz schön sadistisch, wenn man drüber nachdenkt. Er verwendet dieses Material sogar später im Film, weil es so authentisch ist. Das weiß man zum Beispiel auch von Regisseur Alfred Hitchcock, dass er seine Stars gerne auch mal leiden ließ. Zum Beispiel seine Hauptdarstellerin aus Die Vögel. An der er echte, ausgehungerte Raben gebunden hat, die ihr fast ein Auge ausgestochen haben. Das muss man sich mal vorstellen. So steht es in einigen Zeitungen, wie dem österreichischen Kurier. Aber zurück zu Gene Seaberg. Das Scheiterhaufenfeuer wird dann doch gelöscht und Gene befreit sich von den Requisitenfesseln und kriecht aus diesem Holzhaufen und hat ihr Leben lang sogar Brandnarben am Bauch. Wenn du sowas heute in Hollywood bringst, dann gibt's in vielen Fällen bestimmt eine Millionenklage. Aber früher ging sowas. Gene ist im Prinzip sogar doppelt gebranntmarkt, denn der Film wird zu allem Überfluss leider ein Megaflop. Zuschauer laufen sogar aus den Vorstellungen und die Kritiker, die toben sich richtig aus. Und das trotz einer riesigen PR-Tour durch die USA und Kanada, die Otto Preminger Gene aufzwingt. Aber einen Vorteil hat das Ganze, denn über Nacht kennt jeder die Schauspielerin, die da am Schluss so spektakulär leidet.
Gene Seaberg ist noch nicht mal 20, hat keine Ahnung vom Filmbusiness und muss weiter mit Otto Breminger drehen. Der nächste Film wird, was das Finanzielle betrifft, wieder ein Kinoflop. Dabei ist er bis heute Kult. Bonjour, Tristesse. Gene Seaberg ist da 18 und reist zum Dreh nach Südfrankreich. Zuerst denken die Franzosen, ihr kahlgeschorener Schädel vom letzten Dreh sei unweiblich. Aber den musste sie sich ja als Märtyrerin Johanna von Orleans für die Scheiterhaufen-Szene scheren lassen. Später wird ihr kleiner Pixie-Cut aber zum totalen Kult. Millionen Frauen weltweit gehen mit dem Bild zum Friseur und sagen, den Schnitt will ich auch. Otto Premingers Verfilmung des Romans Bonjour Tristesse von François Sago gilt als Skandal, weil er französisch freizügig daherkommt. Und Jean Seaberg, jetzt ohne amerikanischen Akzent und mit einem neuen, modernen Look, wird endgültig zum Star. Sie hat sich gewandelt, wirkt jetzt androgyn und lässig. Es gibt Fotos von dieser Premiere, auf denen sie auch ganz happy aussieht. Da sieht man Jean im schwarzen Seidenkleid und Perlenkette mit hellblondem Pixieschnitt und der eben erwähnten Star-Autorin, die sogar die Glatze von Regisseur Otto Preminger küsst.
Dieser Film scheint so ein bisschen ihr persönlicher Durchbruch zu sein, vor allem privat. Jean Seaberg hat sich nämlich in Frankreich verliebt und damit ist nicht nur das Land gemeint. Ihr Ehemann Nummer eins, später werden noch drei weitere kommen, heißt François Moreau. Er ist Schauspieler und Anwalt und sieht sehr gut aus. Groß mit dunklen Haaren, wirklich das Klischee von einem lässigen Lebenskünstler. Und mit dieser Ehe, auch wenn sie nur zwei Jahre hält, emanzipiert sich Jean und tritt aus dem Schatten von Otto Premengers Macht. Ich weiß gar nicht, wie die das vertraglich regeln, denn eigentlich müsste sie ja sieben Jahre lang mit ihm drehen. Aber von mehr Filmen ist nirgendwo mehr die Rede.
Eigentlich bitter, dass ihr Befreiungsschlag aus der Macht eines Mannes nur durch einen anderen Mann möglich ist. Als Jean Seberg 21 ist, hat sie schon zwei Kinofilme gedreht und eine Ehe hinter sich. Sie hat ihre große Liebe aber schon gefunden. Frankreich. Eine junge Amerikanerin, die in der französischen Hauptstadt groß rauskommt. Anfang der 60er Jahre verlegt Jean Seaberg ihren Hauptwohnsitz komplett nach Paris. Dort wird sie mit ihren kurzen Haaren gefeiert. Und ihr nächster Film, der wird dann auch endlich ein Kassenerfolg. Er ist von Kultregisseur Jean-Luc Godard und heißt Außer Atem. Und die Bilder, die kennt irgendwie die ganze Welt, wie sie als Zeitungsverkäuferin die Champs-Élysées entlangläuft.
Jean Seaberg wird, ähnlich wie Romy Schneider, erst im Ausland zum Star und danach in der Heimat. Es ist 1960 und sie ist 22 Jahre jung. Für rund 20 Euro gibt's dann auch das Iconic Shirt zu kaufen, das sie trägt. Da steht groß der Name der Zeitung drauf, New York Herald Tribune. Und später, mit diesem Look, wird Jean Seaberg zur beachteten Schauspielerin und zur Fashion-Ikone. Von der Apothekertochter aus dem Provinznest zur Hollywood-Göttin mit Wohnsitz in Paris, deren Rolle mitsamt Look zum Kult wird. Heute wäre das vermutlich ein viraler Hype. Jean hat Millionen Fans auf der ganzen Welt, die ihre Mischung aus lässig und verletzlich feiern. Sie arbeitet mit den damaligen Megastars wie Warren Beatty, Jean-Paul Bermondeau und Kirk Douglas. Und die Frau ist erst Anfang 20, nur nochmal zur Wiederholung.
Auch mit Western-Held Clint Eastwood steht sie vor der Kamera. Nebenher haben die zwei übrigens eine Affäre, in die sie wohl mehr Reihen interpretiert, schreibt der Daily Express. Jean Seaberg ist offiziell Single und genießt in der Stadt der Liebe ihr Leben. Sie zieht auf der noblen linken Szenenseite in ein Luxusappartement. Da lässt sie 1960 den CBS-Kultreporter Charles Calloway eine Homestory drehen. Die dürfen sogar ins Schlafzimmer. Und in diesem Interview spricht Jean Seaberg top-Französisch. Vermutlich auch, weil Regisseur Otto Breminger sie damals hat unterrichten lassen.
Wenn man sich diese befreite und lebenshungrige junge Frau anschaut, dann ist die Entwicklung, die sie so nimmt, umso verstörender. Denn in diesen frühen Paris-Jahren hat offenbar nichts und niemand Macht über Jean Seaberg. Noch nicht. Sie ist romantisch nicht untätig, denn zu dieser Zeit läuft ein kleiner Flirt mit Autor und Regisseur Romain Garry. Aus dem Flirt wird allerdings auch ernst. Gene Seberg wird schwanger. Da gibt's nur ein Problem. Romain ist noch verheiratet. Und auch wenn die Swinging Sixties etwas lockerer sind, sorgt das in der Society und bei Gene Sebergs Fans für Empörung. Aber Gene zeigt wieder, dass sie erwachsen wird und ihr Ding durchzieht. Sie bringt ihren Sohn Diego zur Welt. Aktuell ist sie 24 Jahre alt, schon ein gefeierter Kinostar, geschieden und Mutter. Romain Garry ist 48, doppelt so alt wie sie. Der ist ohnehin ein ganz spannender Typ. Er war vorher Weltkriegspilot und Diplomat. Und für Gene Seaberg und seinen Sohn lässt er sich von seiner ersten Frau scheiden und heiratet Gene Seaberg 1962.
Ja, und so ein Künstlerpaar in den 60er Jahren lebt speziell. Nicht hier mit rein Mittelhaus und Treue, sondern wechselt Sexualpartner und Wohnorte. Gene, Romain und ihr Sohn leben mal in Griechenland, mal wieder in Frankreich, dann in Spanien. Ihre Liebe, auch wenn das jetzt eine offizielle Ehe ist, hängen sie nicht an die große Glocke. Aber es scheint wohl eher eine offene Ehe zu sein. So schreibt es zumindest der Standard. Mitte der 60er zieht die Familie nach Kalifornien, weil Jeans Karriere dort weiter vorangehen soll. Es gibt 1970 sogar einen gemeinsamen Film, der heißt Frühes Versprechen. Ein Künstlerpaar und ein gemeinsames Projekt? Das kann gut gehen, muss es aber nicht. Bei einer Pressekonferenz zum Film verkündet Romain Garry das Ende der Ehe. Vielleicht war die Ehe doch zu offen, aber das wissen wir nicht. Der gemeinsame Sohn Diego ist damals gerade sieben Jahre alt.
Das Leben von Jean Seaberg scheint irgendwie nicht richtig zur Ruhe zu kommen. Mit Mitte 20 kommt zu ihren beiden Jobs als Star und Mutter noch der einer Aktivistin dazu. Sie ist ja schon als Teenagerin super engagiert gewesen. Jetzt tritt sie der schwarzen Bürgerrechtsorganisation NAACP bei. Das ist die National Association for the Advancement of Colored People. Die gibt es heute auch noch und sie setzen sich für die Rechte von POCs, also People of Color, ein. Für eine weiße, mitunter auch privilegierte junge Frau ist das schon bemerkenswert. Ja, Jeans Seabuck brennt richtig für das Thema Bürgerrechte. Und jetzt kommen zwei Höhepunkte zusammen. Jeans Karriere und die Friedens- und Bürgerrechtsbewegung.
Die Menschen demonstrieren gegen den Vietnamkrieg. Promis wie Jane Fonda und John Lennon machen plötzlich auch Politik. Und Jeans Seaberg, deren eigene Karriere mit 30 auf dem Höhepunkt ist, ist auch on fire. Als Jeans Seaberg im Herbst 1968 nach Los Angeles fliegt, da hat sie eine Begegnung, die ihr Leben verändert. Sie sitzt im First-Class-Abteil neben einem Mann namens Hakim, einem großen schwarzen Mann mit Baseball-Cap. Und wir sagen die Hautfarbe hier dazu, weil es damals wie heute so relevant ist, wer gegen wen wofür kämpft. Natürlich würde man das heute nicht mehr machen, aber leider ist es 1968 noch extrem wichtig. Denn mit dem neuen Engagement macht sich Jean Seaberg in ihrem Heimatland USA mächtige, unsichtbare Feinde.
Im Film Against All Enemies mit Kristen Stewart stellen sie es so dar, als mache der Passagier einen riesen Krawall, weil er unbedingt First Class fliegen will. Es ist unklar, ob es wirklich so war. Fakt ist aber, er wusste, wer an diesem Tag mit im Flugzeug nach L.A. sitzt. Und jetzt kommt der Bürgerrechtsaktivist mit dem Baseball Cap zufällig genau neben der engagierten und freigebigen Hollywood-Diva zum Sitzen. Die beiden kommen ins Plaudern, wie das auf so einem Langstreckenflug manchmal ja so sein kann. Er erzählt Gene Seaberg von seinem Kampf gegen Rassismus und dass sein Cousin der legendäre getötete Bürgerrechtler Malcolm X ist. Ihr werdet euch jetzt fragen, und wer ist dieser eindrucksvolle Mann jetzt? Sein Name ist Hakim Jamal und er ist ein wichtiges Führungsmitglied der Black Panthers, die für Bürgerrechte kämpfen. Die gründet sich 1966 in Oakland, eigentlich als Verteidigung gegen Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern und Afroamerikanerinnen und ist ein wichtiger Vorläufer der Black Lives Matter Bewegung. Gene C. Burke ist wohl beeindruckt, einen so leidenschaftlichen Kämpfer kennenzulernen.
Hakim Jamal ist 37 Jahre alt und sieht gut aus, hat allerdings eine kriminelle Vorgeschichte. Er war drogensüchtig und saß wegen versuchten Mordes in Haft und wurde wegen Opium-Missbrauchs unehrenhaft aus der Army entlassen. Aber Jamal ist wohl ziemlich überzeugend als Führungsfigur der Black Panthers und auch als Mann. Die beiden werden ein Paar. Jean, die ja dank ihrer Filmkarriere zu Geld gekommen ist, überweist in den kommenden Monaten unter dem Decknamen Aretha, so wie die Soul Queen Aretha Franklin, immer größere Beträge an die Black Panthers, um sie in ihrem Kampf für mehr Bürgerrechte, Selbstbestimmung und Bildung zu unterstützen. Sie führt Hakim Jamal außerdem in die Society ein.
Da taucht sie jetzt also zwischen den Herren im Smoking und Ladies im Cocktailkleid mit diesem neuen Mann auf. Nach FBI-Einschätzungen überweist Seaberg Jamal insgesamt fast 150.000 Dollar. Das wären heute um die 1,5 Millionen. Da fragen wir uns, ob sie vielleicht nur ausgenutzt wird oder ob sie ihn wirklich geliebt und aktiv mit einbezogen hat. In einem Interview sagt Jamal, das sei für sie die Operation Love. Sie wolle der schwarzen Community beweisen, dass nicht alle Weißen sogenannte blauäugige Teufel sind. Und laut Spiegel sagt sie in einem anderen Interview, ich zitiere.
Und natürlich will sie nicht nur der Star mit dem Scheckbuch sein, sondern ins Machtzentrum dieser Bewegung vorrücken. Jamal macht sie mit der Führungsriege der Black Panther Party bekannt. In Los Angeles lebt Jean Seaberg in einer Mietsvilla, denn ihr Lebensmittelpunkt ist ja immer noch Paris. Und diese Villa hier in L.A. wird zur Zentrale für die Aktivisten. Allerdings noch anonym unter ihrem Decknamen Aretha.
Diese Vorsicht ist vielleicht nicht unklug, denn ihre Karriere hängt auch mit ihrem netten, harmlosen Image zusammen. Aber das ist offenbar Geschichte. Jetzt gibt sie sich immer öfter zu erkennen, wird zum Public Enemy, also zur Staatsfeindin, denn für das FBI sind die Black Panthers Staatsfeinde. Ihr Ex, Romain Garry, mit dem sie trotz der Trennung noch befreundet ist, schimpft laut Spiegel auf die Black Panthers, sie seien Blutsauger und Parasiten.
Jean Seaberg wird zunehmend mutiger, vielleicht auch leichtsinniger. Ihre Beziehung zu Hakeem Jamal ist wohl vorbei. Sie kauft sich selbst Waffen und versteckt Aktivisten bei sich zu Hause in der Villa in Los Angeles. Und sie verliebt sich in das Führungsmitglied Raymond Masai Hewitt. Ihre Einmischung finden aber nicht alle Black Panthers so toll. Das ist auch nachvollziehbar, denn die weiße Frau, die sich karitativ engagiert, ist ein altes Muster, aus dem sie ja ausbrechen wollen. Sie wollen ja endlich ihr eigenes Ding haben. Und da kommt wieder eine reiche, weiße Frau und will alles regeln. Jean Seaberg stellt sich jetzt offen an die Seite der Black Panthers. Sie machen sich damit nicht nur in der Bevölkerung der USA viele Feinde, sondern auch an wichtigen Schaltstellen der Macht. Die Black Panthers sind für das FBI 1969 ein rotes Tuch. Das liegt vor allem an ihrem sozialistischen Weltbild. und daran, dass sie Selbstverteidigung mit Waffen einfordern. Das FBI agiert im Untergrund und schaltet jetzt in den nächsten Gang, um die für sie politisch unbequeme Frau einzuschüchtern. Jean Seaberg bekommt Drohanrufe und Erpresserschreiben ohne Absender. Man schickt ihr außerdem, natürlich, obszöne Karikaturen, die sie beim Sex zeigen sollen. Vermutlich stehen auch seltsame Lieferwagen vor ihrem Haus, in denen Leute mit Abhörgeräten sitzen, wie in einem Agenten-Thriller.
Ziemlich viel Aufwand für eine einzige Person. Aber für das FBI ist die Black Panther Party echt ein Feind, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Und ein Star, der der Bewegung zuarbeitet, fällt da wohl auch drunter. Aber es wird sogar noch schlimmer. Denn einmal lösen sich die Reifen von Jeans Auto. An einem anderen Tag liegen ihre Katzen vergiftet auf der Veranda. Dann knackt es beim Telefonieren verdächtig in der Leitung. Das ganze Haus scheint verwandt zu sein. Seaberg kriegt Panik und taucht erstmal bei Freunden unter. Aber sie fragt sich natürlich die ganze Zeit, wer schickt mir denn diese Sachen? Wer verwandt ihr Haus und vergiftet ihre Tiere? Das muss ihr unglaubliche Angst eingejagt haben. Diese Attacken sind so perfide und ausgefeilt. Dafür braucht es Technik und Skills. Langsam schwant es Jean Seaberg, dass ihr Feind keine Privatperson ist, sondern sehr mächtig und sehr gut ausgestattet sein muss. Der Feind weiß alles über sie, aber gibt sich nie zu erkennen.
Jean Seaberg hat also einen gigantischen Gegner, aber sie tappt im Dunkeln und ist kurz davor, ihren Verstand zu verlieren. In den USA herrscht damals ein total merkwürdiger Zustand. Zwischen Bürgerrechtsaktivisten und der Regierung tobt ein Kampf. Auch rassistische Gruppierungen wie der Ku Klux Klan haben Hochkonjunktur. Das ist ein gewalttätiger Geheimbund, der vor allem im Süden der USA gegen POCs vorgeht. Zwischen all diesen Kräften ist das politische Klima damals ziemlich aufgeheizt. Und mittendrin hat das FBI eine, sagen wir mal, unselige Rolle. Der Direktor des FBI heißt damals John Edgar Hoover. Den Namen haben wir in ein paar Folgen bei Im Schatten der Macht schon mal erwähnt. Und der erklärt die Black Panthers zur größten Gefahr für die innere Sicherheit der USA. Sein Ziel ist die komplette Zerschlagung dieser Organisation. Nichts weniger genügt ihm. Und dieses Ziel, das will er wohl mit allen Mitteln erreichen. Ja, denn sie repräsentieren alles, was das konservative Amerika verachtet. Radikale Ideen, sexuelle Freiheit und der Ruf nach Selbstbestimmung und einer Reform des Bildungssystems. Von der Wahnsinnsmusik und dem tollen Style, den sie mitbringen, mal ganz zu schweigen.
Im Juni 1969 startet eine sogenannte Operation, die so grausam ist, dass man kaum glauben kann, dass eine Regierung das durchgewunken hat. Heute kann man das überall nachlesen, weil die Berichte öffentlich sind. Die Operation wird beschrieben als, und ich zitiere jetzt, aktive, diskrete Investigation der Schauspielerin Jean Seaberg, die schwarze Extremisten mit Geld und Aktion unterstützt. Dann heißt es außerdem noch, und das sind nicht unsere Worte, dass Jean sexuell pervers sei, weil sie wechselnde Liebhaber habe.
Der FBI-Chef untersteht dem Justizministerium und das wiederum dem US-Präsidenten. Dieser Befehl kommt also von ganz, ganz oben. Der mächtigste Mann der Welt, US-Präsident Richard Nixon, gibt einem der mächtigsten Männer den Freischuss auf eine der beliebtesten Schauspielerinnen der Welt. Die Hetzjagd ist damit eröffnet. Alle Geheimdienste, die US Army und die kalifornische Polizei bekommen die Ansage, immer mitzuteilen, wo sich Jean Seaberg gerade auffällt. Sie hat also keine unbeobachtete Sekunde mehr. Genauso steht es in den Behördenakten, die 1974 veröffentlicht werden. Ja, und es betrifft nicht nur sie. Stichwort Kontaktschuld. Für einen Star reicht schon eine Unterschrift auf einer Petition für Bürgerrechte, um auch auf dieser Abschussliste zu landen. Das wäre heute ein Insta-Like beim falschen Account, wenn man so möchte. Auch Stars wie Marlon Brando werden vom FBI beobachtet, wenn sie mit Bürgerrechtlinien sympathisieren. Da wird mit allen Methoden gearbeitet. Druck, Erpressung, aber auch Mord? Jetzt kommt ein Satz, der so unglaublich ist und der aber genau so in einem Dokument von 1970 steht. Und ich zitiere.
Gene Seaburg soll in den Wahnsinn getrieben werden und dann neutralisiert werden. Das muss man erstmal sacken lassen. Zumal Frauen ja zum Teil immer noch als hysterisch bezeichnet werden, wenn sie, wie es heißt, emotional reagieren. Und hier macht sich das FBI genau dieses Vorurteil zu nutzen. Und was noch schwerer kommt, für Rufmordkampagnen an Regierungsgegnern gibt es Anfang der 1970er Jahre sogar eine eigene Spezialeinheit, das Counterintelligence Program, also kurz COINTELPRO. Wobei man sich gleich wirklich fragt, wie viel Intelligenz da im Spiel ist. Jedenfalls startet es erstmal als Geheimoperation. Das Wort neutralisieren ist natürlich auch voll hart in diesem Zusammenhang. Das kann ja eigentlich nur bedeuten, dass Gene Seaburg getötet werden soll. Ihre Akte ist jetzt schon über 300 Seiten dick. Jede ihrer Bewegungen der letzten Zeit ist protokolliert worden. Übrigens, ihr Fake-Name ist da falsch geschrieben, denn in den Akten steht immer Erisa statt Aretha.
Und die Rechnung des FBI geht tatsächlich auf. Jean Seaver kann sich keine Sekunde ihres Lebens mehr sicher fühlen. Jedes Mal, wenn sie in ihr Auto steigt, weiß sie nicht, ob sie heil ankommen wird. Jedes ihrer Telefonate kann abgehört werden. Ihre Post ist nicht mehr geheim. Zumindest innerhalb Amerikas wird sie sich nie mehr unbeobachtet fühlen können.
Im Frühling 1970 gibt es eine weitere Veränderung in Jean Seaborgs Leben, denn sie wird wieder schwanger. Jean ist jetzt 32 Jahre alt und weiß nicht, wer der Vater ist. Noch ist sie offiziell mit Romain Garry verheiratet. Ihr Sohn Diego ist jetzt acht. Beide leben längst getrennte Leben, sind aber immer noch in Kontakt. Von ihrem Pariser Wohnsitz aus telefoniert sie mit ihrem Ex-Geliebten, dem Black Panther-Aktivisten Raymond Hewitt. Ihm erzählt sie, dass sie schwanger ist. Und jetzt ratet mal, wer mithört. Richtig, das FBI. Und die denken sich wohl, interessant, das gibt dem Ganzen einen neuen Twist. Ja, sie vermuten, dass das Kind von einem Black Panther Mitglied sei und beschließen, abzuwarten, bis bei Gene Seaberg ein Babybäuchlein zu sehen ist. Ein uneheliches Kind mit einem Bürgerrechtler? Das wäre ein gefundenes Fressen für das FBI. Ja, und irgendwie scheinen bei der Behörde jetzt alle Sicherungen durchzubremmen. Ich meine, eine politisch unliebsame Frau zu beschatten, das ist schon schlimm genug. Aber eine werdende Mutter mit Anlauf in den Wahnsinn zu treiben, das ist schon echt Next Level.
Der FBI-Chef Hoover persönlich gibt das Go, diese Story der Schwangerschaft an die Presse durchzugeben. Ohne zu wissen, ob sie überhaupt stimmt. Das ist nicht nur unseriös, sondern auch höchst kriminell. Die sollen ja eigentlich Verbrechen aufklären und sie nicht begehen.
Hoovers Mitarbeiter formulieren in Los Angeles im Frühsommer einen anonymen Brief, den sie dann an verschiedene Zeitungsredaktionen streuen. Ihr seht schon, damals kommen Fake News manchmal auch von ganz oben. In diesem Brief steht eine angebliche vertrauliche Information, die den Reportern als Köder hingeworfen wird. Da werden die ein oder anderen Klatschreporter natürlich hellhörig. Ein weißer Superstar, schwanger, von einem schwarzen Aktivisten? Das ist ja mal eine Story, mit der man das Sommerloch so richtig gut überbrücken könnte. Als erstes springt die Los Angeles Times an. Joyce Haber, eine Kolumnistin, deren Artikel in mehr als 100 Zeitungen erscheint, schreibt darüber und nennt den Namen nicht. Beschreibt Gene Seaberg aber so, dass sich jeder zusammenreimen kann, um wen es geht. Auch das Nachrichtenmagazin Newsweek beißt an. Und Jean, mittlerweile im siebten Monat schwanger, liest mit jedem Tag noch schlimmere Schlagzeilen über sich. Man fragt sich ja hier auch, ob da keine Medienaufsicht eingreift oder irgendeine Moral oder juristische Bedenken greifen. In so einer Redaktion muss es doch jemand geben, der sagt, stopp mal, das ist ja noch nicht mal überprüft. Aber die großen Medienhäuser gehören eben auch jemandem. Und es ist nicht auszuschließen, dass da von ganz oben mitgequatscht wird. Beweise dafür gibt es natürlich nicht.
Die Pressefreiheit stößt da wohl manchmal an ihre Grenzen. Für Jean Seaberg ist das der Tiefpunkt. Ihre Karriere trudelt ohnehin in den Abgrund, weil natürlich auch kein großes US-Studio mehr mit ihr arbeiten will. Sie wird, wie wir heute sagen würden, gecancelt. Achtung, hier geht es nochmal übrigens um Suizid in Verbindung mit Schwangerschaft. Springt ungefähr 30 Sekunden vor, wenn ihr das nicht hören möchtet.
Weil sie so am Boden ist, schluckt sie, jetzt im siebten Monat schwanger, eine Überdosis Schlaftabletten. Sie überlebt diesen Suizidversuch nur knapp, aber ihre Wehen setzen acht Wochen zu früh ein. Ihre Tochter, die sie Nina Gorrie Hart nennt, kommt als Frühchen zur Welt und stirbt nur zwei Tage nach der Geburt. Vom 23. bis zum 25. August 1970 ist Jean Sebergs Tochter am Leben. Die Mutter muss solche Ängste um die Kleine ausstehen und sich natürlich auch Vorwürfe machen. Sie besteht darauf, dass der Sarg ihrer Tochter vor der Beisetzung offen bleibt, damit alle sehen, und das hat mich echt mitgenommen, als ich das gelesen habe, dass das Kind weiß ist. Wir erklären gleich noch, warum. Okay, kurz durchatmen.
150 Fotografen knipsen bei der Beisetzung der Kleinen hemmungslos drauf los. Dabei will sie nur zeigen, dass ihr Unrecht getan wurde. Jean Seaberg ist jetzt wirklich völlig am Ende, zumal ihre Scheidung von Romain Garry genau in diesem Jahr 1970 rechtskräftig wird. Am Tag nach der Beerdigung des Säuglings gibt das FBI laut Süddeutsche Zeitung die versuchte Verleumdung zu. Deshalb war es wichtig zu zeigen, dass das Baby weiße Haut hatte. Das Geheimprogramm Cointelpro wird 1971 aufgelöst. Aber wer ist denn nun der Vater der Kleinen? Darauf gibt der Name einen Hinweis. Nina Garry Hart.
Es ist ein junger mexikanischer Revolutionär, den Gene C. Burke bei einem Filmdreh in Mexiko getroffen hat. Der heißt Carlos Navarra Hart. Die Ehe und die Karriere sind vorbei. Das Baby stirbt. Gene wird verfolgt und ist allein. Was das FBI da gemacht hat, ist ja eigentlich institutionalisiertes Gaslighting, wenn man so will, oder? Ich meine, so nennt man das ja, wenn jemand systematisch alles so dreht, damit du denkst, du wirst verrückt.
Jean Seaberg zieht zurück nach Paris. Ihre Filmkarriere in den USA wackelt ja ohnehin. Sie versucht, hier ihre Seele zu heilen, indem sie Gedichte und ihre Memoiren schreibt. Außerdem bringt sie ein Buch für Suizidgefährdete heraus. Und sie hat ja noch ihren Sohn, für den sie da sein muss, Diego. Der ist jetzt acht Jahre alt und braucht seine Eltern, die wenigstens gemeinsam an einem Strang ziehen, trotz der Scheidung. Jean Seaberg und Romain Garry, die Ex-Partner, verklagen die Newsweek wegen Verleumdung. Immerhin erstreiten sie 20.000 Dollar Schmerzensgeld. Das ist aber nichts gegen die Trauer, gegen die Jean Seaberg einfach nicht mehr ankommt. Sie schluckt erneut Pillen, trinkt und glaubt, da sein Stimmen im Kühlschrank. Einmal kommt sie laut Spiegel nackt aus der Flugzeugtoilette und schreit, das Flugzeug ist entführt, man will mich töten. Und das Furchtbarste? Jedes einzelne Jahr, am 25. August, dem Todestag ihrer Tochter, versucht sie, sich das Leben zu nehmen. Siebenmal insgesamt. Das ist wirklich ein neues Level von Einsamkeit.
Hin und wieder mischt sie sich unter Menschen und verliebt sich offenbar nochmal. 1972 heiratet sie einen französischen Filmproduzenten. Aber die arme Frau ist wirklich am Ende ihrer Kraft, kommt immer wieder mit Psychosen in die Klinik. Da wird es natürlich sehr schwer, eine funktionierende Beziehung zu führen. 1979 ist daher auch diese Ehe zu Ende. Und dann gibt es, wie wir ja vorhin schon angedeutet haben, noch eine vierte und letzte Blitzehe mit einem jungen Muslim, Ahmet Massini. Im August 1979 hat Jean noch eine schwierige Kinopremiere. Ihr Ex-Mann Romain Garry hat die Romanvorlage für ein Ehedrama geschrieben, das er dann mit Superstar Romy Schneider besetzt. Und das ist natürlich hart für Jean Seberg, die so mal wieder eine tolle Rolle hätte spielen können, die halt aber auch zum Risiko für Dreharbeiten geworden ist. Sie hat immer vom Spielen geträumt. Dabei spielt sie jetzt die Hauptrolle in ihrer eigenen Tragödie.
Das ist übrigens das letzte Mal, dass Jane Seaberg lebend in der Öffentlichkeit gesehen wird. Ende August 79 verschwindet sie dann ja spurlos. Knapp zehn Tage lang ist sie wie vom Erdboden verschluckt. Heute könnte man vermutlich anhand der Handydaten und Kameras auf den Straßen rekonstruieren, wo sie sich in diesen Tagen befindet. Damals nicht. Am 30. August 1979 verlässt sie das Haus und kommt einfach nie mehr zurück. Und zu all den schrecklichen Schlagzeilen, die es zu Lebzeiten über sie gibt, kommt jetzt am 8. September 1979 die allerschrecklichste. Hollywood-Star Jean Seaberg wird tot in Paris aufgefunden. Bis heute ist ungeklärt, wie genau es dazu kommt, dass sie mit 40 Jahren nackt und tot auf dem Rücksitz ihres Autos liegt, mit einer Abschiedsnachricht in den Fingern. Und ich wiederhole nochmal, was da drauf stand. Verzeih mir, ich kann nicht länger leben mit meinen Nerven. Und eine absurd hohe Menge an Alkohol im Blut. Und das Ganze auch nur ein paar Straßen von ihrer Wohnung entfernt. Das Schlimme ist ja, sie hat ihrem Feind nie in die Augen gesehen. Offiziell hat das FBI neun Jahre zuvor mit der Rufmordkampagne aufgehört. Aber wer weiß, ob die nicht noch verhindern wollen, dass die Frau in ihrem labilen Zustand auspackt.
Im Spiegel gibt es eine Fotostrecke, die wir euch verlinken. Darin sieht man, wie ihr Ehemann Nummer 4 nachts weinend zur Polizeistation fährt, wie ihr Leichnam mit einem weißen Tuch abgedeckt ins Auto gehevt wird. Sechs Tage nach ihrem Tod, am 14. September 1979, wird Jean Seaberg auf dem Pariser Friedhof Montparnasse beerdigt. Ihr Ex-Mann Romar Garry steht auch am Sarg, daneben der mittlerweile 17-jährige Sohn Diego. Ihre Eltern Edward und Dorothy sind ebenfalls aus den USA gekommen. Auch die Ehemänner drei und vier stehen am Grab.
Ehemann Nummer zwei, das ist ja Romain Garry, den man vielleicht schon als ihre Lebensliebe bezeichnen kann, der kämpft auch noch über ihren Tod hinaus für sie. Er glaubt, dass das FBI Gene Seaberg getötet hat und gibt in seiner Pariser Wohnung eine Pressekonferenz. Neben ihm sitzt dabei Sohn Diego. Schaut euch das gern mal in den Shownotes an, wenn ihr wollt. Ob das FBI sie getötet hat, ist unklar. Aber in den Tod getrieben, das kommt schon eher hin. Kurz darauf gibt das FBI die Verleumdungskampagne zu. Ein Komitee des US-Senats stellt später fest, Gene Seaberg wurde illegal abgehört. Und auch das gibt die Behörde nur zu, weil Black Panthers-Aktivisten in ein FBI-Büro einbrechen und Akten mitnehmen. Ansonsten hätte die Welt von dieser Kampagne wahrscheinlich nie erfahren. Das FBI hat sein Ziel erreicht. Gene Seaberg ist, in Anführungsstrichen, neutralisiert.
Genau wie Johanna von Orleans, die sie ja am Anfang während dieser traumatischen Dreharbeiten spielt, wird sie regelrecht hingerichtet. Aber ihr eigentliches Ende muss noch aufgeklärt werden. Da gibt's ein Jahr nach ihrem Tod endlich ernsthafte Versuche von Seiten der französischen Polizei. Und sieh da, Jean Seberg sei zum Zeitpunkt ihres Todes derart betrunken gewesen, dass sie es nicht alleine in ihr Autohaber schaffen können. Jemand muss ihr laut Ermittlungen dabei geholfen haben und sie dann in ihrem Zustand alleingelassen haben. Dieser jemand muss ihr den Alkohol eingeflößt und das Auto an genau dieser Stelle geparkt haben. Es war ja kein Laub drauf, wie aber überall sonst auf den Autos in der Straße. Außerdem ist Jean Seabert kurzsichtig und trägt beim Autofahren immer eine Brille. Die findet sich aber nirgends. Und überhaupt, warum sollte sie sich denn nackt ins Auto setzen und noch dazu auf die Rückbank? Mord wirkt möglich, gleichzeitig war sie doch nicht wirklich noch ein Risiko, oder? Angeklagt wird übrigens nie irgendjemand. Aber an einer Aufklärung haben vermutlich eine Menge Leute kein Interesse.
Es muss wirklich schrecklich für die Angehörigen sein, mit diesen ungeklärten Fragen zu leben. Der Ex von Gene Seaburg, Romarguerite, der verarbeitet das alles nicht und leidet an Depressionen. Auch sein Leben endet tragisch, denn er nimmt sich am 2. Dezember 1980 in seiner Pariser Wohnung das Leben.
Der gemeinsame Sohn Diego ist erst 17, als seine Mutter stirbt. Ein Jahr später stirbt auch noch sein Vater. Er kämmt später selbst gegen Drogen- und Alkoholprobleme. Heute ist Diego 63 Jahre alt und lebt in Barcelona, hat eine Tochter, macht Musik, liebt Hunde und betreibt einen Buchladen mit Kaffee. Außerdem hat er ein Buch über seine berühmten Eltern geschrieben. Wie viel Diego von seinen Eltern geerbt hat, ist unklar. 36 Filme hat Gene Seberg gedreht. Und das in nicht mal zwei Jahrzehnten. Vom Kleinstadtmädchen zum Hollywood-Star zum Staatsfeind.
1981 bitten Journalisten des Special Report Gene Sebergs Eltern Dorothy und Edward zum Interview. Und die sitzen da, ganz aufgeräumt, vor einer Amerika-Flagge. Ich vermute, die haben die Reporter als Hintergrund ausgewählt. Zum Schluss wird Jeans Vater Edward gefragt, wie er denn jetzt zu Amerika steht. Und der Vater antwortet, ich zitiere das, Früher habe ich jeden Morgen meine Amerika-Flagge vors Haus gestellt. Ich war ein stolzer US-Bürger. Das mache ich jetzt nicht mehr. Gene Seaburg hat die düsterste Schattenseite der Macht kennengelernt. Nämlich eine echte Schattenmacht, die sich nie zeigt. Mit so einem Gegner kannst du es fast gar nicht aufnehmen. Jean Seabag bleibt aber trotzdem auch als tolle Schauspielerin in Erinnerung. Falls ihr Lust habt, dann schaut euch doch gerne Bonjour Tristesse an, diesen coolen Klassiker. Oder den Film, den wir auch schon ein paar Mal erwähnt haben, Against All Enemies mit Kristen Stewart in der Hauptrolle. Den gibt es aktuell auf Amazon Prime. Tja, was denkst du, Anne?
Wow, ich finde, wir müssen vieles immer sacken lassen, über das wir sprechen. Aber das klingt alles einfach so traurig, wie ihr Leben verlaufen ist. Wir haben ein Mädchen vom Land, eine junge Frau, die von dem ganz Großen träumt, wie viele junge Mädchen wahrscheinlich. Und die es aber tatsächlich schafft. Sie dreht ihren ersten großen Film, auch wenn der erstmal nichts geworden ist. Aber sie wird Schauspielerin und kann ihre großen Träume verwirklichen und schließt sich dann einer Bürgerrechtsorganisation an. Und dann kommt er einfach so mit, der mächtigste Apparat der USA, das FBI, und hat es auf sie abgesehen. Das klingt doch total ausgedacht, oder? Das ist ja eine crazy Story. Ja, und Stichwort crazy. Ich finde es vor allem so bezeichnend, wir haben ja auch darüber gesprochen in dem Fall, dass sie sie in Anführungszeichen verrückt machen wollen. Dass sie ihr wirklich so die Nerven belasten, dass sie irgendwann denkt, I'm losing my shit, wie wir so schön sagen. Also dass sie wirklich durchdreht. Und du hättest ja bei einem Mann eine andere Strategie angewandt. Ich glaube, du wärst nicht nach Hysterie oder Paranoia oder sonst irgendwas gemacht, sondern du hättest wahrscheinlich, wenn er eine Familie hat, hättest du die Familie bedroht. Oder irgendwas, was ihm wertvoll, hättest du angegriffen. Und das ist aber hier nicht passiert, sondern du hast die Person psychisch labil gemacht. Und das fand ich perfide. Ja, und ich meine ...
Sie ist eine einzelne Person, die sich da für Themen stark gemacht hat und die ihre Berühmtheit, ihre Reichweite ja dafür natürlich auch genutzt hat. Aber was kann denn diese einzelne Person schon anstellen, dass das FBI sie neutralisieren möchte? Ich meine, auf der anderen Seite hat man sie sehr, sehr ernst genommen, sonst hätte das FBI das ja nicht auf sie abgesehen. Also das ist irgendwie, auf der einen Seite wurde sie ernst genommen, auf der anderen Seite, was kann sie denn alleine schon bewirken? Aber ja, dass ihr Leben so früh so tragisch geendet ist und damit ja auch das Leben ihres Ex-Mannes beeinflusst hat. Das Leben ihrer Tochter, die nur ein paar Tage überlebt hat. Dann das Leben ihres Sohnes Diego. Also wie viel ja dann auch noch dranhängt. Dieser Rattenschwanz ist immer so ein negatives Wort, finde ich. So ein ekliges Wort. Aber dieser Rattenschwanz, der da irgendwie noch mit reinspielt und die Leben vieler anderer Personen auch beeinflusst hat, das ist richtig traurig. Anders kann man es gar nicht sagen. Und das keine Köpfe rollen. Sie geben zu, dass hier was falsch gelaufen ist und dass sie dementsprechend mitverantwortlich sind für ihren Tod und es rollen keine Köpfe. Nee, weil da eine große Macht im Spiel ist und da Personen an bestimmten Stellen sitzen, die ihre Macht so hingehend lenken können, dass da eben keine Köpfe rollen.
Paradebeispiel auch hier wieder für im Schatten der Macht. Ja, wenn euch gefallen hat, was ihr gehört habt, dann freuen wir uns natürlich, wenn ihr das kommentiert oder uns auch eine Bewertung hinterlasst. Am allerliebsten auf Spotify & Co. Das Glöckchen markieren, damit ihr auch jeden Donnerstag eine neue Folge habt. Und kommentieren und schreiben könnt ihr uns bei Insta, bei Im Schatten der Macht oder auch auf YouTube. Wir lesen alle Kommentare, auch wenn wir nicht immer dazukommen, sie zu beantworten. Und dann würde ich sagen, bis nächste Woche Donnerstag. Eure Anne und Ricardia.
Danke an unser Team von Open Minds Media. Executive Producer Rüdiger Barth. Konzeption Peter Grewe, Rüdiger Barth und Manfred Neumann. Autorin Anna Gelbert. Producer Ricardia Bremley. Den Schnitt machte Lilli Johannsen. Zusätzliche Unterstützung von Falco Schulte.