Sie gehören zu den reichsten Menschen in ihrer Heimat Kanada. Er ist ein Selfmade-Multimilliardär, der ein eigenes Pharmaunternehmen gegründet hat. Sie ist in vielen örtlichen Stiftungen und Wohltätigkeitsorganisationen aktiv. Das Ehepaar spendet Millionen für wohltätige Zwecke und für Bildung. Dadurch kennt so gut wie jeder in Kanada das einflussreiche und mächtige Power Couple. Dr. Bernard Sherman, der von allen aber nur Barry genannt wird, und seine Frau Hanni Sherman gelten also als großzügige Wohltäter. Daher ist die Bestürzung groß, als die beiden am 15. Dezember 2017 plötzlich tot in ihrer Villa in Toronto gefunden werden. Bei ihrer Trauerfeier geht es zu wie bei einem Staatsbegräbnis. Der Bürgermeister, tausende Mitbürgerinnen und Mitbürger und der damalige kanadische Premierminister Justin Trudeau erscheinen, um zwei der wohlhabendsten und großzügigsten Menschen Kanadas Tribut zu zollen. Doch irgendetwas stimmt hier nicht. Denn als die Leichen entdeckt werden, sind diese vollständig bekleidet und hängen an Gürteln in einer halbsitzenden Position am Geländer ihres Swimmingpools. Die beiden wirken bewusst hindrapiert, was für einen Mord sprechen könnte. Aber die Polizei kann keine Hinweise auf ein gewaltsames Eindringen ins Haus entdecken. Sie fragen sich also zurecht, was sich hier eigentlich genau abgespielt hat.

Bei den Ermittlungen stellt sich heraus, dass Barry Sherman keineswegs nur der strahlende Wohltäter ist, für den ihn alle halten. Er gilt nämlich als brutal harter Hund, der keinem Rechtsstreit aus dem Weg geht und seit jeher seine wirtschaftliche und auch gesellschaftliche Machtposition für seine Zwecke ausnutzt. In der Vergangenheit sagte er einmal, dass er Feinde in der Pharmaindustrie habe und dass ihn ein Rivale töten wolle. Ja, in unserem heutigen Fall geht es nicht nur um gigantisch gewachsene Macht. Ihr werdet sehen, wie diese Macht sich ausspielt. Durch Betrug, Verrat und Hass, aber auch Wirtschaftsspionage. Milliarden kanadische Dollar sind im Spiel. Eine Familie, die danach so zerrüttet ist, dass sie nicht wieder zusammenfindet.

Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Im Schatten der Macht. Ich bin Ricardia Bramley. Und ich bin Anne Luckmann. Hallo. Wir beginnen mit der Erzählung des Files am 15. Dezember 2017. An diesem Freitagvormittag kommen zwei Makler mit zwei Kaufinteressenten zum Haus an der Old Colony Road Nummer 50. Die Straße befindet sich im Millionenmetropole Toronto in Kanada. In dieser gehobenen Wohngegend stehen viele imposante Villen, doch die der Shermans sticht noch mehr heraus. Das zweistöckige Anwesen ist gigantisch. Die Außenfassade besteht aus viel Glas und Beton. Auf 1100 Quadratmeter Wohnfläche verteilen sich sechs Schlafzimmer und neun luxuriöse Bäder.

Die Badezimmer sind mit Siegelglas und edlem Marmor ausgestattet. Das Foyer mit seiner hohen Decke erinnert eher an eine Kathedrale. Sogar das Zimmer des Kindermädchens hat ein eigenes Bad und eine eigene Küche. Zum Anwesen gehört auch eine Garage mit gleich sechs Stellplätzen. Vor dem Haus können acht weitere Autos parken. Es gibt außerdem Innen- und Außenpools, Whirlpools, eine Sauna, einen Tennisplatz und ein Fitnessstudio. Und diese Prachtvilla wollen die Shermans jetzt verkaufen. Das Ganze hat natürlich auch einen entsprechenden Preis. Die Shermans wollen knapp 7 Millionen kanadische Dollar für ihr stattliches Anwesen. Die beiden Makler betreten also mit den potenziellen Käufern die Luxusvilla über das Hauptportal. Die Eingangstür öffnen sie mithilfe eines elektronischen Codes. Die Shermans wollen an diesem Freitag nicht in ihrem Haus sein. Im Erdgeschoss treffen Makler und Kunden auf Reinigungskräfte. Die gerade ihrer Arbeit nachgehen. Im Untergeschoss wollen die Makler den Indoor-Pool präsentieren. Doch dort angekommen, sehen sie etwas Seltsames, dass Immobilienmaklerin Elise Stern aus der Entfernung zunächst für zwei Schaufensterpuppen hält.

Als sie näher kommen, müssen sie dann aber feststellen, um was es sich da leider wirklich handelt. Sie sind geschockt. Denn sie sehen, dass das gar keine Schaufensterpuppen sind, sondern zwei Leichen. Es handelt sich um die beiden Eigentümer der Villa. Der 75-jährige Barry Sherman und seine 70 Jahre alte Frau Honey. Sie sitzen nebeneinander am Pool. Wie wir schon erwähnt haben, ist um ihre Hälse jeweils ein Gürtel gewickelt, der an einem ein Meter hohen Geländer ihres eigenen Pools befestigt wurde.

Auch ihre Hände sind gefesselt. Weder Blut noch andere äußere Verletzungen sind zu erkennen. Die Makler verständigen sofort die Polizei. Und die kann die Position der Leichen nicht direkt einordnen. Dass sich Menschen mit einem Gürtel selbst strangulieren, kommt leider immer wieder mal vor. Bei manchen ist das auch nur ein Unfall nach einer autoerotischen Handlung, die durch Sauerstoffmangel einen sexuellen Kick auslösen sollte. Eine autoerotische Handlung kann bei den Shermans aber ausgeschlossen werden. Sie sind ja zu zweit. Einer hätte die andere Person ja vom Gürtel befreien können. Weil es aber keine Einbruchspuren gibt, gehen die Polizeibeamten zunächst von einem erweiterten Suizid aus. Auch, weil sie eine kürzlich abgeschickte Mail von Barry an seine Frau finden, in der steht, Du hast mich 40 Jahre lang belogen. Die Polizei vermutet daher, dass Barry erst seine Frau Honey mit einem Gürtel erwürgt hat. Und anschließend nimmt er sich selbst das Leben, indem er sich am Poolgelände aufhängt. Auch Zeugen gibt es keine. Die Reinigungskräfte waren an diesem Freitag noch nicht im Untergeschoss der Villa und können den Ermittlern nichts Auffälliges berichten.

Zwei Sachen, auf die sich die Beamten keinen Reim machen können, sind Wie soll es Barry geschafft haben, seine eigenen Hände zu fesseln, nachdem er seine Frau getötet hat? Und warum liegt Honeys Handy in einem Badezimmer, das sie sonst nie benutzt? Ist sie möglicherweise vor einem unbekannten Täter ins Bad geflüchtet, um von dort aus die Polizei zu rufen? Das würde klar gegen die Theorie des erweiterten Suizids sprechen. Ein Anruf ist allerdings nie bei der Polizei von Toronto eingegangen.

Die Ermittler stufen den Fall zunächst lediglich als auffällig ein, aber eben nicht als Verbrechen. Dementsprechend simpel werden die Ermittlungen geführt. Die Obduktion bestimmt beispielsweise lediglich die Todesursache. Beide starben durch Strangulation mit einem Gürtel, aber nicht den Zeitpunkt des Todes. Der wäre aber super wichtig, um das Alibi eines möglichen Täters zu überprüfen. Ja, aber ein Täter wird ja gar nicht erst gesucht. Die Polizei legt den Fall als Suizid bzw. Erweiterten Suizid zu den Akten. Das können und wollen die vier Kinder der Shermans, die zum Todeszeitpunkt der Eltern zwischen 27 und 42 Jahre alt sind, nicht akzeptieren. Ihr Vater zeigte ihrer Ansicht nach keinerlei Anzeichen von depressiven Verstimmungen oder gar Selbstmordgedanken. Für die Kinder ist es undenkbar, dass ihr Vater erst ihre Mutter tötet und dann sich selbst umbringt. Rund eine Woche später findet am 21. Dezember 2017 dann die große Trauerfeier statt, von der wir ja am Anfang der Folge schon erzählt haben. Ihr erwachsener Sohn Jonathan kommt bei seiner Traurrede auch auf die besondere Beziehung der beiden zu sprechen. Er sagt, sie waren wie ein Schloss und ein Schlüssel. Alleine sind diese Gegenstände nutzlos. Aber zusammen haben sie die ganze Welt geöffnet. Für sich, für uns und für so viele andere.

Auch das würde ja eher gegen einen erweiterten Suizid sprechen. Die vier Kinder der Shermans sind mit den Ermittlungen also alles andere als zufrieden. Sie engagieren Privatdetektive und lassen auf eigene Kosten von einem unabhängigen Pathologen eine weitere Autopsie durchführen.

Der Mediziner bestätigt die offensichtliche Todesursache nur bedingt, denn unter den Gürteln befinden sich weitere Würgemale, die nicht von den Gürteln stammen.

Damit steht fest, dass sich Barry nicht selbst erhängt hat. Die Gürtel wurden in erster Linie benutzt, um die Leichen am Poolgeländer zu fixieren. Der Pathologe kann zudem den Zeitpunkt eingrenzen, in dem die Shermans gestorben sind. Das Ehepaar wurde am späten Mittwochabend des 13. Dezember 2017 stranguliert. Erst eineinhalb Tage später, am Freitag, werden dann die Leichen entdeckt. Auch die Privatdetektive sind inzwischen fleißig. Fünf Wochen nach dem Tod der Shermans veröffentlichen sie ihre Ergebnisse. Die fehlenden Einbruchsspuren lassen sich beispielsweise dadurch erklären, dass das Anwesen unglaubliche, neun Eingänge hat. Ein Nebeneingang, den die Shermans oft benutzen, ist eigentlich nie verschlossen. Einen Tag, nachdem die Leichen entdeckt werden, wird er unverschlossen vorgefunden. Zudem steht im Erdgeschoss ein Fenster offen. Und zwar deshalb, weil der Raum frisch gestrichen ist und gelüftet werden muss. Man hätte sich also völlig problemlos Zugang zu der Villa verschaffen können.

Die privaten Ermittler kommen zu dem Schluss, dass die Shermans ermordet wurden. Aus ihrer Sicht müssen es gleich mehrere Täter gewesen sein. Diese Ergebnisse kann die Polizei nicht einfach ignorieren, weil auch der öffentliche Druck durch die Veröffentlichung enorm gestiegen ist. Sie sehen sich die privaten Ermittlungen genau an und hängen sich noch einmal voll rein. Es werden 127 Personen befragt, zahlreiche Objekte durchsucht und 2000 Stunden Videomaterial ausgewertet.

Und Ende Januar 2018, rund sechs Wochen nachdem die Leichen der Shermans entdeckt werden, rückt auch die Polizei von Toronto von ihrer Theorie des erweiterten Suizids ab. Die Beamten kommen jetzt auch zu dem Schluss, dass es ein kaltblütiger, geplanter Doppelmord war, der von mehreren Tätern begangen wurde. Die Polizei rekonstruiert jetzt die letzten Stunden im Leben der Shermans. Am frühen Mittwochmorgen des 13. Dezember 2017, der Tag, an dem Barry und Honey sterben, scheint erstmal alles in bester Ordnung zu sein. Die Shermans reden über den bevorstehenden Urlaub in Florida. Den will Honey in den nächsten Tagen antreten. Sie freut sich schon, dem kalten Toronto in die Wärme Floridas zu entfliehen. Barry will ihr eine Woche später folgen, da er zu Hause noch wichtige Geschäfte zu erledigen hat. In der Sonne Floridas wollen die beiden dann Weihnachten feiern. Nach dem Gespräch macht sich Barry auf den Weg ins Büro. Am Nachmittag fährt dann auch Ehefrau Honey in die Apotex-Zentrale. So heißt die von Barry gegründete Pharmaziefirma, die weltweit über 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Es findet eine Besprechung mit den Architekten ihres neuen Hauses statt, das mit 1.500 Quadratmetern sogar noch größer werden soll als das jetzige in der Old Colony Road Nummer 50.

Insgesamt soll der neue Palast unglaubliche 30 Millionen Dollar kosten. Bei dem Meeting geht es um optische Änderungen am Entwurf des Neubaus. Nach dem Treffen mit den Architekten verlässt Honey gegen 18 Uhr den Apotheks-Firmensitz. Sie fährt in ihrem champagnerfarbenen Lexus nach Hause und wartet dort auf ihren Mann.

Barry arbeitet nach dem Treffen noch weiter und verlässt erst gegen 20.45 Uhr sein Büro. Das sagen später Mitarbeiter aus. Es ist das letzte Mal, dass er lebend gesehen wird. Barry muss um kurz nach 21 Uhr zu Hause angekommen sein, da sein Fahrtweg so um die 20 Minuten beträgt. Am nächsten Tag erscheint Barry aber nicht in seinem Büro. Und das ist sehr ungewöhnlich, denn er ist jeden Tag in seiner Firma. Auch telefonisch ist er nicht erreichbar. Die Täter müssen also nach 21 Uhr Barry und Honey überwältigt, gefesselt und erdrosselt haben. Sie hinterlassen dabei weder Fingerabdrücke noch DNA-Spuren. Auch Tatwaffen, falls es welche gibt, werden nicht entdeckt. Die zwei Gürtel dienen ja, wie berichtet, nur zur Fixierung der Leichen. Doch wer sind die Täter und wer hatte ein Motiv für diesen Doppelmord? Um ein mögliches Motiv zu verstehen, müssen wir uns das Leben der Shermans mal genauer ansehen.

Barry wird am 25. Februar 1942 in Toronto unter dem Namen Bernard Charles Sherman geboren. Er ist Einzelkind. Seine Familie ist jüdischer Abstimmung. Die Großeltern sind vor den Nazis erst aus Russland nach Polen geflohen und wandern anschließend nach Kanada aus. Ein ähnliches Schicksal teilt übrigens auch seine Ehefrau Hanni. Ihre Eltern sind polnische Juden, die den Holocaust überlebt haben. Danach flüchten sie nach Österreich, wo Hanni zur Welt kommt. Später emigriert die Familie nach Nordamerika. Barrys Vater, Herbert Sherman, ist Besitzer einer Reißverschlussfabrik in Toronto.

1952 stirbt der Vater völlig überraschend mit nur 46 Jahren an einem Herzinfarkt. Da ist Barry gerade einmal zehn Jahre alt. Mutter Sarah arbeitet anschließend als Ergotherapeutin, um ihren Sohn und sich finanziell durchzubringen. Als alleinerziehende, berufstätige Mutter ist bei Sarah Sherman das Geld immer knapp. Das bekommt natürlich der junge Barry auch mit. Er beschließt schon früh, später einmal erfolgreich zu werden und viel Geld zu verdienen. Von dieser Idee ist er extrem getrieben, ja, geradezu besessen. Barry hat zwar keinen Vater mehr, aber er hat in seinem Onkel Lou Winter, dem Bruder seiner Mutter, eine Art Vaterersatz gefunden. Onkel Lou ist aber viel mehr als nur Ersatzvater. Von ihm lernt Barry, was es heißt, erfolgreich zu sein. Dem Onkel gehört in Toronto die Firma Empire Labs. Das ist damals das größte Pharmaunternehmen in Kanada, das sich in Privatbesitz befindet zumindest.

Empire Labs ist ein Generika-Hersteller. Generika, für die, die es vielleicht nicht wissen, sind wirkstoffidentische Kopien eines älteren, bewährten Originalmedikaments. Meist handelt es sich dabei um Wirkstoffe, die nicht mehr dem Patentschutz unterliegen. Empire Labs stellt beispielsweise eine Kopie des Beruhigungsmittels Valium her. Die Firma produziert außerdem den Zuckerersatzstoff Saccharin. Schon als Teenager interessiert sich Barry für die Geschäfte seines Onkels und lernt das Generika-Business kennen. In der Schule ist er ein absoluter Überflieger. Er geht auf das Forest Hill Collegiate Institute und gewinnt dort einen nationalen Physikwettbewerb. Er schließt die Schule mit Bestnoten ab. Danach nimmt er im Sommer an einem Camp teil, das die kanadische Armee organisiert. Doch der 16-Jährige bricht seinen Aufenthalt nach kurzer Zeit wieder ab. Er bemerkt, dass er mit Autoritäten nicht so gut klarkommt. Wenn, dann will er selbst bestimmen, wo es lang geht. Er ist eben ein Leader und kein Follower. Nach der Erfahrung mit dem Militärcamp beginnt er mit nur 16 Jahren ein Ingenieursstudium an der University of Toronto. Dafür bekommt er 1958 eine Sondergenehmigung, weil er noch so jung ist, aber eben auch unglaublich intelligent.

Für stolze 58 Jahre lang ist Barry dort der jüngste Student, der jemals die University of Toronto besucht hat. Erst 2016 wird sein Rekord gebrochen, als eine Studentin im Alter von, Achtung, 14 Jahren dort ihr Studium aufnimmt. Danach geht er noch auf das äußerst renommierte Massachusetts Institute of Technology, kurz MIT.

Auf dem MIT wurden bislang unvorstellbare 55 Nobelpreisträger ausgebildet. Barry promoviert dort in Ingenieurwissenschaften. Jetzt darf er sich Dr. Barry Sherman nennen.

In den Semesterferien arbeitet er in der Firma seines Onkels. Der bringt ihm alles über das Generikageschäft bei. Nach seiner Promotion will er bei seinem Onkel in der Firma einsteigen. Doch es kommt alles anders als gedacht. Am 5. November 1965 stirbt Onkel Lou im Alter von nur 41 Jahren. Ein unantdecktes Aneurysma an einer Arterie platzt und Onkel Lou verblutet innerlich, innerhalb nur weniger Minuten. Da ist Barry 23 Jahre alt und mitten in seiner Promotion. Noch härter trifft es seine vier kleinen Cousins, die zwischen drei und sechs Jahre alt sind und plötzlich ohne Vater aufwachsen müssen. Und für die Kleinen kommt es dann noch so richtig hart. Denn nur 17 Tage später stirbt auch noch Luz Frau Beverly. Sie hat Leukämie im Endstadium. Damit sind die Kleinkinder Paul, Jeffrey, Carrie und Dana vollweisen. Und Empire Labs steht ohne Führung da. Niemand weiß so recht, wie es weitergehen soll. In den nächsten zwei Jahren geht es der Firma immer schlechter. Der Nachlassverwalter ist ja schließlich kein Generika-Experte. Als Barry schließlich seinen Doktortitel in der Tasche hat, kauft er 1967 gemeinsam mit einem Freund aus Highschool-Zeiten Empire Labs.

Er kauft es aus der Erbmasse seiner Verwandten. Der Kaufpreis ist geheim, aber er dürfte nicht allzu hoch gewesen sein.

Barry hat das Wichtigste von seinem Onkel gelernt. Schon kurz nach seinem Einstieg schließt er ein paar lukrative Deals ab, die Empire Labs wieder auf Kurs bringen. Sieben Jahre lang führt er Empire Labs. Doch es gibt immer wieder rechtliche Auseinandersetzungen.

Daher beschließt er 1974, eine neue Firma zu gründen, die er Apotex nennt. Dabei bleibt er seinem Geschäftsmodell treu. Er handelt mit Generika. Schon bald ist Apotex der größte Generika-Hersteller Kanadas, der einen Jahresumsatz von 1,5 Milliarden Dollar macht. Aber nicht nur beruflich geht es steil bergauf. Auch privat ist Barry auf Erfolgskurs. Ende der 1960er Jahre lernt er seine spätere Frau Honey kennen. Die beiden werden laut CBC News durch gemeinsame Bekannte im Mount Sinai Hospital in Toronto vorgestellt, wo Honey ehrenamtlich arbeitet. Barry ist wegen Medikamentendeals ebenfalls öfter in dem Krankenhaus. Sie ist ja, genau wie er, jüdischer Abstammung und in der örtlichen Community aktiv. Die beiden verlieben sich ineinander. Am 2. Juli 1971 läuten bei Barry und Honey die Hochzeitsglocken. In den folgenden Jahren bekommen sie vier Kinder, Sohn Jonathan und die Töchter Lauren, Alex und Kaylin.

Die Shermans kaufen 1985 das riesige Haus an der Old Colony Road Nummer 50. Auf der prächtigsten Villa scheint aber leider irgendwie ein Fluch zu liegen. Von Anfang an ist da irgendwie der Wurm drin. Sie lassen es sechs Jahre lang aufwendig und für über zwei Millionen Dollar umbauen. 1991 ziehen sie schließlich mit ihren vier Kindern ein. Da ist Lauren bereits 16, Jonathan 8, Alex 5 Jahre alt und das Nesthäkchen Kalen ist ein Jahr alt. Dieser Fluch über dem Haus zeigt sich überall. Nach ihrem Einzug bemerken die Shermans schnell, dass die Architekten und Handwerker viel Pfusch abgeliefert haben. Am Anfang funktioniert weder die Sauna noch der Whirlpool. Und es gibt überall weitere kleinere und größere Probleme. Es folgen Gerichtsprozesse, die sich über Jahre hinziehen. 26 Jahre nach dem Einzug haben sie von dem Haus nun endgültig die Nase voll. 2017 sind alle Kinder mittlerweile ausgezogen. Barry und Honey beschließen, ihr Haus zu verkaufen und auf einem anderen Grundstück ein neues Haus zu bauen. Wenig später werden noch im alten Haus ihre Leichen entdeckt. Vielleicht liegt es an dem Haus mit all den Problemen, dass Barry sich in der Firma auf einmal so unnachgiebig zeigt, was seine Konkurrenz betrifft. Er selbst inszeniert sich mit Apotex als Underdog, der gegen die große Pharmaindustrie ankämpft.

Das sind für ihn die Bösen, die seiner Meinung nach Wucherpreise verlangen. Ein Jahr nach dem Hauskauf gibt er 1986 ein Interview, in dem er folgendes sagt. Die multinationalen Pharmafirmen sind einfach Parasiten, die nach Kanada kommen und hier Niederlassungen eröffnen. Ihr einziges Ziel ist es, unseren Markt auszubeuten, um maximale Gewinne zu erzielen. Er gibt sich also als Robin Hood der Pharmaindustrie aus. Wobei das natürlich null zutrifft. Er verdient mit seiner Firma ja Milliarden. Und davon bekommen die Armen ja nichts ab. Wobei wir ja am Anfang erwähnt haben, dass er auch Millionen spendet. Ja, seine Spendenfreudigkeit an Wohltätigkeitsorganisationen hat aber in erster Linie andere Gründe. Barry spendet zwar das Geld, doch die Wohltätigkeitsorganisationen müssen es ihm gleich als Darlehen zurückgeben.

Das im Detail zu erklären, kriegen wir in einer Folge bestimmt nicht unter. Daher hier ganz kurz und knapp. So behält Barry sozusagen sein Geld, profitiert aber steuerlich doppelt. Er kann die Spende nämlich als Betriebsausgabe absetzen und darüber hinaus verringert er durch die Zinsen für das Darlehen sein Einkommen. Ein völlig legaler Steuertrick, der in Kanada aber heftig kritisiert wird. Unterm Strich kommt das Geld aber trotzdem bei den Organisationen an. Auch wenn Barry daraus noch einen Nutzen zieht. Bei den Charity-Events steht aber Honey im Vordergrund. Sie ist es, die sich in mehreren Stiftungen und Organisationen engagiert. Honey wird als sehr herzlich und freundlich beschrieben. Eine gepflegte Frau, die gerne mal ihre Haarfarbe wechselt und vital und sportlich wirkt. Bei den wenigen Wohltätigkeitsveranstaltungen, bei denen Barry mit dabei ist, hält er sich im Hintergrund und bleibt für sich. Generell ist er nicht so der gesellige Typ. Wenn die Familie in den Skiurlaub fährt, vergnügen sich Honey und die Kinder auf der Piste, während Barry im Hotelzimmer Geschäftspapiere durcharbeitet. Er lebt eigentlich nur für seine Firma Apotex. Jeden Tag geht er ins Büro, nur in Ausnahmefällen arbeitet er weniger als 10 Stunden. Auch später noch, mit 75 Jahren, ist er täglich im Büro.

Und die Firma erfordert viel Aufmerksamkeit, denn in dem hart umkämpften Markt gibt es eben viel Konkurrenz. Barry muss sich andauernd gegen schwere Vorwürfe wehren, darunter Plagiatsvorwürfe, unlauterer Wettbewerb, Bestechung, Betrug und so weiter. Über die Jahre führt er ungefähr 150 Prozesse. In Barry Shermans Büro stapeln sich jedenfalls reihenweise Prozessakten, auf Tischen, in Schränken, auf Sideboards und auf dem Boden. Überall liegen Gerichtsdokumente, Akten und Klagen herum. Sein Büro sieht übrigens nicht so aus, wie man sich das bei einem Milliardär vorstellt. der jahrzehntelang CEO bei einem bedeutenden Pharmaunternehmen ist. Es ist sehr klein und extrem eng. Zwischen seinem Schreibtisch und der Wand hat er nur einen knappen halben Meter Platz. Generell ist Barry Sherman ein sehr sparsamer Typ.

Da gibt es laut ABC News auch eine witzige Anekdote zu. In seinen 40ern fährt Barry einen abgerockten Ford Mustang, der im Grunde total hinüber ist. Barry denkt aber gar nicht daran, sich von diesem Wagen zu trennen, obwohl das gar nicht ungefährlich ist. Weil die Abgasanlage kaputt ist, dringt Kohlenmonoxid in den Innenraum. Wenn man davon zu viel einatmet, wird man bewusstlos. Und das kann während einer Fahrt natürlich tödlich enden. Und deshalb schenkt ihm seine Frau Honey zu seinem 50. Geburtstag einen nagelneuen Sportwagen. Als Barry das Auto mit Schleife drumherum in der Auffahrt seiner Villa stehen sieht, hält sich seine Freude in Grenzen. Stattdessen bittet er Honey, das Auto zurückzugeben.

Schweren Herzens kommt sie dem Wunsch nach. Erst später gönnt er sich dann doch mal ein neues Modell. Zum Zeitpunkt seines Todes fährt er einen silberfarbenen Ford Mustang. Der ist allerdings auch schon 18 Jahre alt. Lass uns noch mal kurz über die Konkurrenz sprechen, mit der sich Barry regelmäßig vor Gericht trifft. Barry selbst ist alles andere als ein Kind von Traurigkeit. Er ist ein knallharter Geschäftsmann, der keine Skrupel hat, die Konkurrenz auszustechen. Wenn es sein muss, auch mit unlauteren Mitteln. Darüber sprechen wir gleich noch. Auf diese Weise wird Apotex zum Marktführer in Kanada und auch zu einem einflussreichen Player auf dem Pharma-Markt Nordamerikas. Der Investigativjournalist Jeffrey Robinson beobachtet den kanadischen Pharma-Markt Anfang der 2010er Jahre ganz genau. Laut seiner Einschätzung herrscht dort Krieg. Er berichtet, dass Barry von den Gründern und Geschäftsführern der anderen großen Pharmafirmen regelrecht gehasst wurde. Barry Sherman hatte definitiv überall Feinde, so zumindest Jeffrey Robinson.

In der Pharma-Branche wird mit harten Bandagen gekämpft. Barrys Konkurrenten engagieren Privatdetektive, die Barry aus dem Spiel nehmen sollen. Und das auf höchst illegale Art und Weise. Laut Wirtschaftsjournalist Jeffrey Robinson versuchen sie ihm Kinderpornos unterzujubeln oder ein Kilo Koks in seinem Kofferraum zu verstecken. Doch Barry ist mit allen Wassern gewaschen. Er kann die Privatdetektive meilenweit gegen den Wind riechen. Ihre Versuche bleiben erfolglos. Aber auch Barry nutzt seine Machtposition als Apotex-CEO und öffentlich gefeierter Wohltäter ganz schön aus.

Als er herausfindet, dass einer seiner leitenden Angestellten eine Affäre mit einer Frau aus einem Konkurrenzunternehmen hat, zwingt er seinen Angestellten, seine Beziehung für Apotex zu nutzen. Der Mitarbeiter wagt es nicht, sich gegen den Milliardär zu wehren, erklärt Journalist Jeffrey Robinson in einem TV-Interview. Er hintergeht lieber seine Partnerin und besorgt für Barry Betriebsgeheimnisse der Konkurrenz. Es geht also ziemlich tough zu in der Pharma-Branche. Ob das ein rein kanadisches Phänomen ist oder war, das wissen wir nicht. Aber auf diesem Feld tummeln sich offenbar wirklich nur die ganz harten, skrupellosen Player. Und zu denen gehört eben auch Barry. Und Barry erhält übrigens auch massive Drohungen. Apotex veröffentlicht sogar einmal ein Statement in den New York Times. Darin heißt es, Mr. Sherman hat Todesdrohungen erhalten. Barry selbst macht bei verschiedenen Gelegenheiten düstere Andeutungen darüber, dass seine Konkurrenten ihn wohl ermorden wollen.

Daraus ergibt sich dann also auch ein handfestes Mordmotiv. Aber die Ermittler können keine konkrete Verbindung zu einem bestimmten Konkurrenten herstellen. Das ist auch nicht verwunderlich. Schließlich ist kein hochbezahlter CEO eines Pharmakonzerns so ungeschickt, dass er Barry erst bedroht und dann auch noch töten lässt. Wenn, dann werden solche finsteren Pläne sicher eher in den Hinterzimmern geschmiedet. Ja, aber zumindest hätten wir dann ein Motiv. Die Konkurrenz könnte sich von lästigen, streitbaren und mittlerweile mächtigen Barry befreien wollen. Doch da gibt es ein Problem. Zum einen wird ja auch Barrys Frau Honey getötet. Und die hat so rein gar nichts mit der Branche zu tun. Zum anderen spricht die Tat für eine gewisse Intimität. Der Täter muss seinem Opfer sehr nah sein, um es zu erdrosseln. Zudem benötigt man dafür eine enorme Kraft. Diese Methode spricht eher für eine Beziehungstat als für einen Auftragsmord, bei dem eher Schusswaffen verwendet werden. Da gibt es einen gewissen Abstand zwischen Tätern und Opfern.

Für eine Beziehungstat gibt es zunächst keine Anhaltspunkte. Es sterben ja beide Ehepartner und die Kinder verstehen sich sehr gut mit der Mutter. Zum Vater herrscht ein eher etwas, sagen wir mal, unterkühltes Verhältnis, da er eigentlich nie Zeit für die Familie hat und sich stets nur um seine Firma Apotex kümmert. Die ist quasi sein Lieblingskind. Aber nicht nur seine Kinder gehören zu seiner Familie. Da gibt es ja noch seine vier Cousins, Paul, Jeffrey, Carey und Dana, die Söhne von Onkel Lou Winter.

Die sind, wie erwähnt, beim Tod ihrer Eltern zwischen drei und sechs Jahre alt. Ihr erinnert euch, zwei Jahre später kauft der damals 25-jährige Barry die Firma Empire Labs. Das war im Jahr 1967.

Am Anfang besucht Barry noch seine vier Cousins gelegentlich bei den Adoptiveltern. Doch die Besucher nehmen schnell ab. Barry steckt zunächst ja noch in seiner Doktorarbeit. Dann muss er ein Pharmaunternehmen führen. Da bleibt nicht viel Zeit, um sich mit kleinen Kindern zu beschäftigen. Während Barry durch die Übernahme von Empire Labs zum reichen Mann wird, kämpfen seine Cousins mit ganz anderen Problemen. Manche bekommen Ärger mit dem Gesetz, weil sie drogenabhängig werden. Barrys Cousin Carrie Winter nimmt beispielsweise erst Heroin und Koks und später auch noch Crack. Es sind die totalen Gegensätze. Barry lebt im Luxus, die Cousins an der Grenze zur Armut. Doch 16 Jahre, nachdem Barry den Kontakt zu den Cousins abbricht, taucht er plötzlich wieder im Leben von den Vieren auf. Die können sich gar nicht richtig an ihn erinnern. Sie erfahren, dass Barry schwer reich ist und vor vielen Jahren die Firma ihres Vaters Lou übernommen hat. Warum sich der machthungrige und berechnende Barry auf einmal wieder für seine Cousins interessiert, das werden wir gleich erzählen. Barry bemerkt sofort, dass seine Cousins gewaltige Probleme haben. Und er ist bereit, ihnen zu helfen. Genauso wie ihm einst sein Onkel Lou geholfen hat, nachdem sein eigener Vater starb. Doch verfolgt Barry in Wirklichkeit vielleicht eigene Ziele?

Zunächst ist es für die Cousins wie ein Lottogewinn, dass Barry wieder in ihr Leben tritt. Er unterstützt sie äußerst großzügig, damit sie endlich auf eigenen Beinen stehen können. Er finanziert beispielsweise die Gründung einer Firma für Renovierungsarbeiten seines Cousins Carrie. Er bezahlt ihm die dafür nötige Ausbildung, das Grundstück und das Gebäude. Auch Autos und Ferienwohnungen verteilt der Multimillionär großzügig. Über die nächsten 15 Jahre summieren sich die Ausgaben alleine für sein Cousin Kerry auf 8 Millionen Dollar. Auch die anderen kommen nicht zu kurz. Insgesamt pumpt Barry stolze 15 Millionen in seine Cousins. Wir hatten es ja vorher, dass Barry ein sehr sparsamer Mensch ist, der trotz seines Vermögens alte Autos fährt und in einem Mini-Büro arbeitet. Warum entdeckt er plötzlich nach 16 Jahren die Liebe zu seinen Cousins wieder?

Für ihn zählt ja eigentlich nur seine Firma. Sogar mit seinen eigenen Kindern verbringt er kaum Zeit. Wie passen da die drogensüchtigen Cousins ins Bild, denen er Millionen gibt? Barry hat tatsächlich sehr gute Gründe. Zuerst einmal müssen wir erwähnen, dass Barry seinen Cousins nicht einfach so das Geld schenkt. In Wirklichkeit handelt es sich nämlich um Kredite bei der Bank of Montreal. Die nimmt Barry für sie auf. Und sie müssen ihm jedes Mal einen neuen Schuldschein unterschreiben, wenn sie Geld, Autos, Reisen oder Ferienwohnungen von ihm bekommen. So sichert sich Barry die Macht über seine Cousins. Und die sind total abhängig von ihm. Das begreifen sie aber erst im Laufe der Zeit. Währenddessen lässt sich Barry für seine angebliche Großzügigkeit feiern. Er erklärt immer wieder, dass er einfach gerne Freunden und Verwandten hilft. In Wirklichkeit geht es Barry in erster Linie aber um Macht. Er will, dass seine Cousins ihm still und leise zu jeder Zeit dankbar sind.

Cousin Carrie, der mittlerweile erfolgreich einen Drogenentzug hinter sich hat, ist das erste Mal seit vielen Jahren wieder klar im Kopf. Er beginnt sich zu fragen, warum Barry auf einmal so großzügig ist, nachdem er sich 16 Jahre lang so gar nicht für ihn und seine Brüder interessiert hat. Cousin Carrie stellt ihn daher zur Rede. Er vermutet, dass alles irgendwie mit der Firma Empire Labs seines Vaters zusammenhängt, die Barry ja 1967 übernimmt. Zunächst windet sich Barry und will nicht näher auf das Thema eingehen. Doch Carrie lässt ihn nicht locker. Immer wieder bohrt er nach. Und schließlich zeigt ihm Barry eine weit zurückliegende Vereinbarung, die es in sich hat. Carrie kann kaum glauben, was er da sieht. Um zu verstehen, was ihn so schockt, müssen wir kurz ausholen. Also, als Barry mit seinem Highschool-Kumpel die Firma Empire Labs seines verstorbenen Onkels kauft, vereinbart Barry mit dem Nachlassverwalter einen Deal. Der Kaufpreis wird ziemlich niedrig angesetzt. Im Gegenzug bekommen die vier Cousins jeweils 5% der Firmenanteile, zusammen also 20%. Barry hat diese Vereinbarung nie mit einem Wort erwähnt.

Und damit ist auch klar, warum Barry sich so großzügig seinen Cousins gegenüber zeigt. Er spielt seine Macht aus. Damit er nichts von dem riesigen Kuchen an seine Cousins abgeben muss. Die bekommen lediglich ein paar Brösel des Milliardenkuchens ab. Aber es gibt ein großes Problem. Barry kauft damals im Jahr 1967, vor mittlerweile 40 Jahren, die Firma Empire Labs aus dem Nachlass der Winters, also seiner kleinen Cousins. Dann verkauft er Empire Labs wieder und gründet ja seine eigene Company, Apotex. Jetzt stellt sich die Frage, ist Apotex der Rechtsnachfolger von Empire Labs? Dann würde den Cousins tatsächlich jeweils 5% von der neuen Firma Apotex zustimmen. Das bestreitet Barry energisch. Er argumentiert, dass Empire Labs im Grunde pleite ist, als er die Firma im Jahr 1967 übernimmt. Ohne ihn wäre die Firma insolvent gegangen. Die Neugründung von Apotex hat mit Empire Labs rein gar nichts zu tun. Das sind die Cousins natürlich völlig anders. Schließlich geht es hier um Milliarden.

Kerry zieht mit seinen drei Brüdern 2007 auch vor Gericht. Es entsteht ein erbitterter Rechtsstreit, der zehn Jahre lang andauern wird. Dabei geht es insgesamt um nicht weniger als 20 Prozent von Barrys Firmenvermögen, das auf knapp fünf Milliarden Dollar geschätzt wird. Das heißt, wir reden hier also von einer Milliarde Dollar insgesamt, beziehungsweise 250 Millionen pro Cousin.

Drei Monate vor dem Tod der Shermans fällt das Gericht im September 2017 seine Entscheidung. Es ist ein Sieg für Barry auf ganzer Linie. Das Gericht folgt der Argumentation des Milliardärs, dass die Vereinbarung nur für die alte Firma Empire Labs gilt, nicht für die neue. Seine Cousins haben demnach keinen Anspruch auf Apotheks Anteile. Die vier Cousins gehen also komplett leer aus. Und es kommt noch schlimmer für sie. Denn das Gericht stellt außerdem fest, dass die Schuldscheine, die sie ja über all die Jahre unterschreiben mussten, immer noch gültig sind. Anstatt Multimillionär zu sein, haben sie also Schulden in Höhe von 15 Millionen Dollar.

On top kommen noch die Prozesskosten in Höhe von 300.000 Dollar. Wow, also wir stellen fest, Barry Sherman ist ein krass gewiefter Geschäftsmann. Die Cousins sind entsprechend geschockt und überhaupt nicht gut auf Barry zu sprechen. Und wenn es um so unfassbar viel Geld geht, ist das natürlich auch ein Mordmotiv. Das gibt Cousin Carrie rund einen Monat nach Barrys Tod in einem TV-Interview unumwunden zu. Er sagt, ich zitiere, Ich hatte Gründe, ihn aus dem Weg zu räumen. Und ich hatte die Gelegenheit dazu. Carrie erklärt sogar sehr detailliert, wie er das angestellt hätte. Carrie hätte Barry auf dem Firmenparkplatz von Apotex aufgelauert, ihn mit seinem Messer erstochen und dann seinen abgeschnittenen Kopf als Bowlingkugel verwendet. Ja, man merkt schon, der Hass sitzt da wirklich tief. Die Brüder lassen kein gutes Haar an Barry. Er sei alles andere als der liebenswerte Mensch, der bereitwillig Geld verschenkt, so wie er es ja gerne in der Öffentlichkeit präsentiert, sagen sie.

Ihm geht es wohl immer nur um zwei Dinge, nämlich Geld und Macht. Dafür zerstört Barry ganze Existenzen, so lautet das harte Urteil seiner Cousins. Die Cousins wünschen Barry also den Tod. Doch wie passt da der Mord von Honey Sherman ins Bild? Sie ist ja eine Wohltäterin. Warum sollten die Cousins auch sie ermorden? Honey ist zwar auf vielen Charity-Events unterwegs, allerdings ist sie überhaupt nicht davon angetan, dass ihr Mann so viel Geld in seine Cousins steckt. Daraus macht sie auch gar keinen Hehl. Bei einem Besuch bei den Shermans kommt es zu einem Streit zwischen Carrie und Honey, so erzählt es Carrie später.

Honey schreit ihn zum Schluss sogar an und beschimpft ihn. Cousin Carrie gibt zu, dass er Honey gehasst habe, weil sie Barry dazu bringen wollte, ihm und seinen Brüdern den Geldhahn zuzudrehen. Dennoch wollen die Cousins nichts mit dem Tod an Barry zu tun haben. Sie haben angeblich auch keine Ahnung, wer hinter der Tat steckt. Allerdings haben sie ein sehr starkes Motiv. Und ein Alibi hat zumindest Carrie keins. Der Todeszeitpunkt ist wie erwähnt ja der Mittwochabend des 13. Dezember 2017. An diesem Tag ist Carrie angeblich den ganzen Tag bei der Arbeit. Da er selbstständig ist, kann er sich seine Zeit frei einteilen.

Er hätte also jederzeit zum Haus von Barry fahren können. Am Abend geht er zu einem Treffen der anonymen Kokainabhängigen. Anschließend fährt er nach Hause und sieht sich was auf Netflix an. Er isst dabei eine Packung Tortilla-Chips und geht danach ins Bett. Da er aber alleine wohnt, hat er für den Abend kein Alibi. Da aber auch seine drei Brüder Barry hassen, hätten sie gemeinschaftlich den Mord begehen können. Sie haben ein Motiv und sie haben eine Gelegenheit, den Mord zu begehen. Dennoch ermittelt die Polizei nicht gegen sie. Laut Ermittlungsteam gibt die Indizienlage keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Cousins die Tat begangen haben. Vielen Dank. Dafür hat Cousin Cary aber eine andere Idee, wer die Tat begangen haben könnte. Er behauptet, Barry hätte den Mord an Honey selbst ausgeführt. Er bringt also erneut die Theorie des erweiterten Suizids auf den Tisch. So wie die Ermittler es ja am Anfang vermutet haben, aber inzwischen sind die ja eigentlich davon abgekommen. Cary hat auch eine Erklärung für seine Vermutung. Schon vor 20 Jahren soll Barry angeblich versucht haben, Achtung, seine Frau Honey umbringen zu lassen.

Den mörderischen Plan soll Carrie umsetzen. Der ist damals noch drogenabhängig und hat daher Kontakte ins kriminelle Milieu. Angeblich soll Barry seine Frau extrem gehasst haben. Das sagt zumindest Carrie. Im letzten Moment zieht Barry den Auftrag für den Mord zurück. Warum, das weiß Carrie selbst nicht. Falls diese Geschichte stimmt, dann könnte es sich also doch um einen erweiterten Suizid handeln. Wobei das an sich ja bereits ausgeschlossen wurde. Zwei Freunde von Carrie bestätigen allerdings, dass er ihnen vor 20 Jahren genau diese Geschichte erzählt habe. Er ist sogar bereit, sich freiwillig einem Lügendetektortest zu unterziehen. Doch das Ergebnis ist ernüchternd. Nach dem dreistündigen Test steht fest, dass er nicht die Wahrheit gesagt hat. Carrie kann sich das aber auch nicht erklären, warum er bei dem Test durchgefallen ist. Er schiebt es auf seinen damaligen Drogenkonsum. Auf alle Fälle ist damit die erweiterte Suizidtheorie endgültig vom Tisch. Den Lügendetektortest führt ein erfahrener Kriminologe der Western University durch, der zudem früher als Polizist gearbeitet hat. Seiner Meinung nach erzählt Kerry die Lügengeschichte mit dem erweiterten Suizid, damit er vom wahren Täter ablenkt, und zwar von sich selbst. In den Augen des Kriminologen ist Kerry dringend tatverdächtig, doch nach wie vor ermittelt die Polizei nicht gegen Kerry und seine Brüder.

Barrys enger Geschäftsfreund namens Frank D'Angelo glaubt dagegen, dass es unbekannte Täter waren. Er meint, dass jemand abends zu den Shermans nach Hause gekommen ist. Er sagt, dass die Shermans immer allen geholfen haben. Wenn jemand an der Tür geklingelt hat und um Hilfe gebeten hat, haben sie ihn reingelassen, selbst wenn sie ihn gar nicht kannten. Aber warum sollten diese Unbekannten dann die Shermans ermorden? Noch dazu auf diese eigenartige Weise mit den Gürteln. Angenommen, die Täter wollen etwas von den Shermans, weil sie in einer Notlage sind. Aber Barry will nicht helfen. Dann könnten die Täter möglicherweise aus Frust die Shermans töten. Das würden sie aber auf eine andere Art machen. Wahrscheinlich würde es einen Kampf geben und sie werden dabei erschlagen. Aber eben nicht erdrosselt und an den Pool gesetzt werden. Deshalb scheiden auch mögliche Einbrecher aus, die auf wertvolle Beute hoffen. Selbst wenn sie in Flagranti überrascht wurden, hätten sie kein Motiv, die Shermans auf diese Weise umzubringen. Damit scheiden die unbekannten Täter aus. Die stärksten Motive, Barry aus dem Weg zu räumen, haben entweder die Cousins oder die Konkurrenz. Beides ist durchaus möglich. Cousin Carrie hat ja diese schwere Drogenvergangenheit und zudem ein Motiv, nämlich Hass auf die Shermans und die Gelegenheit, den Doppelmord zu begehen.

Allerdings wirkt er in den TV-Interviews labil. Ob er zu so einer Tat wirklich fähig ist, sei mal dahingestellt. Dann bliebe ja nur noch Barrys Pharma-Konkurrenz übrig. Doch lassen große Wirtschaftsunternehmen wirklich ihre Mitbewerber per Auftragsmord aus dem Weg räumen? Zudem ist Barry seit drei Jahren nicht mehr CEO bei Apotex. Er bleibt allerdings Vorstandsvorsitzender. Dennoch steht er nicht mehr in der allerersten Reihe. Warum sollte ihn ein Konkurrent ausgerechnet jetzt ermorden lassen?

Auf alle Fälle kann die Polizei keinen Tatverdächtigen identifizieren. Im Dezember 2021, vier Jahre nach dem Tod der Shermans, veröffentlicht die Polizei von Toronto Aufnahmen einer Überwachungskamera. Darauf ist eine Person zu sehen, die zum Zeitpunkt der Morde in der Nähe des Hauses der Shermans durch den Schnee spazieren geht. Laut den Ermittlern hat er einen ungewöhnlichen Gang, was auch immer das heißen mag. Ein Jahr später berichtet CTV News, dass die Ermittler hunderte von Hinweisen im Zusammenhang mit dem Video erhalten hätten. Aber die Person, möglicherweise ein wichtiger Zeuge oder gar der Täter, kann nicht identifiziert werden. Nicht einmal eine Belohnung in Höhe von 35 Millionen kanadische Dollar hilft, die Täter zu finden. Die hat der Sohn der Shermans, Jonathan, für jeden Tipp ausgelobt, der zur Verhaftung des Mörders seiner Eltern führt.

2022 enthüllt der Toronto Star, dass Barry laut Polizeiakten anderen Unternehmen rund eine Milliarde kanadische Dollar schuldet. Er hatte aber angeblich nie die Absicht, sie zurückzuzahlen. Ob die Schulden etwas mit dem Mord zu tun haben, ist unklar. Eher unwahrscheinlich. Barry leiht sich das Geld ja nicht privat, sondern beteiligt andere Firmen an Apotex. Laut Toronto Star kommt im selben Jahr Honeys Schwester Mary Shechtman auf eine neue Idee, was hinter dem Doppelmord stecken könnte. Es könnte eine religiöse Motivation gegeben haben. Die Schwester erklärt, dass die Shermans große Unterstützer Israels waren. Vor allem Honey bekennt sich offen zu ihrer jüdischen Herkunft und ihrem Glauben. Dabei soll sie gelegentlich Worte benutzt haben, die politisch nicht korrekt gewesen sein sollen. Zudem habe Hani kurz vor ihrer Ermordung einen Vortrag besucht. Dabei ging es darum zu verhindern, dass Spendengelder Islamisten bekommen. Doch auch für ein religiöses Motiv gibt es keinerlei Beweis. Und so bleibt es dabei. Auch knapp acht Jahre nach dem Doppelmord tappt die Polizei von Toronto bis heute im Dunkeln, wer für die Tat verantwortlich ist. Niemand muss sich dafür vor Gericht verantworten. Immerhin wurde die Akte noch nicht ganz geschlossen. Ein Mordermittler der Polizei von Toronto versucht immer noch die Täter aufzuspüren.

Seit Juli 2025 übrigens benutzt er dafür sogar ein KI-Tool. Noch nie zuvor wurde bei einem Mordfall in Kanada künstliche Intelligenz eingesetzt. Ob das was bringt, wird sich zeigen. Noch ein paar Worte zum Abschluss. Die Kinder der Shermans erben das Vermögen zu vier gleichen Teilen. Das Haus, in dem die Leichen entdeckt werden, wird anderthalb Jahre nach dem Tod der Shermans auf Wunsch der Kinder 2019 abgerissen. Das leere Grundstück wird ein Jahr später für 4,2 Millionen kanadische Dollar verkauft und neu bebaut. Im April 2023 wurde es für 6,5 Millionen zum Verkauf angeboten und später wird es auch verkauft.

Tja. Ich finde das immer wieder so krass, dass wenn wie hier in diesem Fall ein Doppelmord sogar geschieht und zwei Personen das Leben verlieren, dass die Täter nicht geschnappt werden können, oder? Ich meine, die wohnen ja auch mit Angestellten im Haus und das ist doch total verrückt, dass niemand etwas bemerkt haben will. Kein Mensch, oder? Ich finde es auch komisch. Man sagt ja, es gibt den perfekten Mord nicht. Aber wenn zu viele merkwürdige Dinge zusammenkommen, dann geht es ja anscheinend doch weiter. Und dann ist auch noch die Frage, dass er immer wieder heißt, ja, Carrie hätte Motiv, hätte Gelegenheit, aber. Carrie, aber. Und die ganze Zeit frage ich mich, wie viel wurde denn ermittelt, wenn er der Einzige ist, der auch nur annähernd in Betracht kommen könnte, so wie es aussieht? Wer weiß, es können ja auch andere gewesen sein. Und er ja kein Alibi hat, das kommt ja auch noch dazu. Und klar, Barry hat sich da überhaupt nicht Gentleman-mäßig verhalten. Er hatte da diese vier kleinen Cousins, die als Vollweisen aufgewachsen sind und jahrelang hat er sich gar nicht mit denen beschäftigt und dann hat er sie mit Geld überschüttet, aber sich Schuldscheine unterschreiben lassen. Das ist schon richtig asozial, muss man ja mal sagen. Auf das Geld wäre Barry ja nicht angewiesen gewesen.

Angewiesen gewesen. Angewiesen, wow.

Es war eine lange Geschichte, da fällt es am Ende noch ein bisschen schwer, die richtigen Worte zu finden. Aber ja, das ist schon irgendwie ganz, ganz komisch, was hier passiert ist. Also Geld spielt ja leider im True Crime Bereich immer eine sehr, sehr große Rolle. Geld und Macht. Und da sind wir ja auch bei im Schatten der Macht. Deswegen erzählen wir ja hier diesen Fall. Aber dennoch finde ich das irgendwie kurios, dass da bis heute nichts richtig herausgefunden werden konnte. Deswegen sind wir mal gespannt, ob dieses KI-Tool, was die Polizei jetzt verwendet, ob das noch irgendwas herausfinden kann. Weil im True Crime Bereich sehen wir das ja auch immer wieder, dass so Jahre, Jahrzehnte später dann doch noch Dinge gefunden werden können, weil sich eben die Technologie verbessert. Und das ist ja jeder Fall. Also vielleicht können wir ja bald schon hier ein Update geben. Ja, wenn das so ist, dann hört ihr es auf jeden Fall als Erste. Schreibt uns gerne auf Instagram sind wir im Schatten der Macht. Alles ein Wort oder auf YouTube. Und wir freuen uns, wenn ihr nächsten Donnerstag wieder dabei seid. Genau, dann haben wir nämlich wieder eine neue Geschichte für euch hier bei im Schatten der Macht. Bis nächste Woche. Eure Anna und Ricardia. Danke an unser Team von Open Minds Media. Executive Producer Rüdiger Barth, Konzeption Peter Greve, Rüdiger Barth und Manfred Neumann. Autor Stefan Weber. Producer Ricardia Bremley. Den Schnitt machte Lilli Johannsen.

Zusätzliche Unterstützung von Falco Schulte.