Schönheit, Fame und Macht. Darum wird es in der heutigen Folge gehen. Millionen junger Frauen und Männer haben ihn noch immer, den großen Traum vom glamourösen Modelleben. Denn dieses Leben bedeutet für die Stars der Branche Reisen in tolle Metropolen, Shootings und Luxus. Heute sprechen wir über eine Ära, in der Supermodels, die Lichtgestalten sind. Aber diese Ära wirft gleichzeitig einen sehr düsteren Schatten.
Für viele junge Frauen wird aus diesem Traum nämlich ein Albtraum, ein Trauma. Und dahinter steht ein System, von dem vor allem ein Mann viel zu lange zu profitieren scheint. Wir nehmen euch mit in die 1990er Jahre. Aus namenlosen Models werden in dieser Zeit Superstars. Sie heißen Naomi Campbell, Claudia Schiffer und Kate Moss. Sie sagen von sich selbst, unter 10.000 Dollar Tagesgage stehen wir erst gar nicht auf. Die ganze Welt will sie sehen, will wissen, wen sie lieben, wie sie ticken. Die Model Arena wird zu einer der wenigen Branchen, in der Frauen bis heute deutlich mehr verdienen können als Männer. Und das ist ja erstmal nicht schlecht. Sie spielen in Film- und Musikvideos mit, wie zum Beispiel im legendären Too Funky Video von George Michael. Sie sacken Werbeverträge in Höhe von Millionen von Dollar ein. Sie sichern sich und ihrer Familie und auch der nächsten Generation noch Reichtum. Das ist die gute Seite. Die schlechte ist, viele junge Mädchen wollen so sein wie sie und zahlen dafür einen hohen Preis. Ja, denn die Macht über Karriere oder Nicht-Karriere, die haben damals eine Handvoll Männer. Und ein Mann nutzt diese Macht ganz besonders schamlos aus.
Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Im Schatten der Macht. Ich bin Anne Luckmann. Und ich bin Ricardia Bramley. Eine Sache gleich vorweg. Falls ihr Probleme mit der Schilderung sexueller Gewalt habt, dann hört euch die Folge lieber mit jemandem zusammen an. Dann könnt ihr gemeinsam darüber sprechen oder ihr skippt Teile dieser Folge. Was der Pariser Modelagent Gérald Marie dafür ein System etabliert, Das ist ein Verbrechen, unter dem so viele Frauen auch drei Jahrzehnte später noch leiden werden. Ja, und vieles an der Story heute erinnert an die Fälle des Finanzmoguls Jeffrey Epstein und des Filmproduzenten Harvey Weinstein, bei dem der massenhafte Missbrauch auch System hatte. Über Epstein haben wir ja bereits in einem anderen Fall berichtet. Wir schauen uns heute aber nicht nur Gerald Marie, sondern allgemein die Schattenseiten der Fashion-Industrie an, die junge Menschen voller Hoffnung anlockt. Bis heute, das sieht man ja in Erfolgsshows wie Germany's Next Topmodel, die schon seit 20 Jahren läuft, träumen Menschen aller Geschlechter vom Leben zwischen Catwalk, Reisen und Fotoshootings. Egal wie viel negative Publicity es dazu gibt, dieser Traum lebt nach wie vor. Aber während man heute ein besseres Bewusstsein für Machtmissbrauch hat, laufen in den 1980er und 90er Jahren sehr viele Mädchen in eine Falle aus Ausbeutung und sexuellen Übergriffen.
2023 erscheint auf Apple TV eine große Doku über die Supermodels der 90er Jahre. Das sind eben die wenigen Geschichten mit einem Happy End. Models wie Naomi Campbell und Cindy Crawford behalten laut Financial Times die volle Kontrolle über ihren Ruhm und ihr Image. Und tatsächlich haben sie bis heute eine riesige Medienmacht. Wir erzählen aber heute von den anderen Frauen. Frauen, die Blutjungen einem abgebrühten System gegenüberstehen. Sie alle träumen davon, auf Zeitschriften-Covern zu erscheinen. Von einem Leben mit VIP-Shuttle, Transatlantik-Flügen, Stylisten. Die Macht, ihnen das zu ermöglichen, hat ein Mann mit offenbar null Skrupeln, diese Macht auch auszuspielen. Leider in Form sexueller Übergriffe.
Die Sendung 60 Minutes Australia zeigt 2021, mitten in der Corona-Pandemie, eine Doku mit bislang unveröffentlichtem Material. Und darauf sieht man einen Mann mittleren Alters, mit braunen, lichten Haaren und ständig mit Kippe in der Hand. Es ist Gérald Marie, der in mehreren Situationen Mädchen obszönes Zeug zuraunt. Einem Model sagt er, er wolle sie von Kopf bis Fuß ablecken und überhaupt, er könne sie alle haben. Der Mann ist in seinen 40ern. Die jungen Frauen, eigentlich muss man sagen Mädchen, weniger als halb so alt. Gérald ist das prominenteste Beispiel für die toxische Modewelt der 1990er Jahre. Ja, er steht für ein System, in dem Männer Frauen wie Ware behandeln, ohne dass es dafür irgendwelche Konsequenzen geben muss. Fancy Fashion trägt er übrigens nicht. Eher konservative Kleidung. Oft sieht man ihn mit Hemd und Krawatte.
Aber Gérald Marie ist mächtig und herrscht wie ein Sonnenkönig über seinen französischen Ableger, der Agentur Illite, sein Model-Imperium. Aber wer ist dieser Typ eigentlich? Mit 1,70 Meter ist Gérald Marie zumindest im deutschen Vergleich nicht besonders groß. Er hat braune Haare und immer einen sonnigen Teint, helle Augen und lange Wimpern. Auch wenn Gérald Marie damals wohl keinen Model-Vertrag bekommen hätte, so hat er dennoch einen Ehrenmacht-Hunger und ein Netzwerk, das ihm lange alles durchgehen lässt. Er ist der Sohn eines Krankenhausangestellten. Gérald gründet Mitte der 1970er Jahre die Model-Agentur Paris Planning. Zum einen, weil die Fashion-Industrie gerade total explodiert und unglaublich viel Geld im Umlauf ist. Und zum anderen, weil er einen unersättlichen Hunger nach Frauen hat. Leider nach sehr jungen Frauen. In vielen Fällen sind es sogar Teenagerinnen.
1986, da ist er 36 Jahre alt, verschmilzt seine Modelagentur mit dem internationalen Riesen Eli Model Management. Und damit wird er quasi über Nacht zum mächtigsten Mann der Modeindustrie. Ihr kennt sicher alle den Schriftzug. Es gibt Elite-Shirts, Wettbewerbe, Kataloge. Elite hat Büros auf der ganzen Welt, zum Beispiel in Mailand, Tokio oder das Headquarter in New York City. Hier sitzt der Agenturgründer von Elite Model Management noch selbst am Ruder. Der heißt John Casablancas. Aber die wichtigsten Aufträge für junge Models, die gibt's eben in der Haute-Couture-Hochburg in Paris. Und dort herrscht Monsieur Marie, der sich diese Macht sogar vergolden lässt. Denn er legt sich Wohnsitze in Paris, New York, auf Ibiza und in San Tropez zu. Die Arbeitstage beider Männer von Gérald Marie in Paris und John Casablanca's in New York sehen ziemlich gleich aus. Von früh bis spät Frauen ansehen und abends feiern gehen.
Hunderttausende Mädchen bewerben sich bei Gérald Marie und hoffen, bei den E-Light-Model-Wettbewerben ausgewählt zu werden.
Wer es unter die letzten 20 schafft, der kann sich freuen. Aber nicht für lange Zeit leider. Ja, denn für manches junge Mädchen kommt jetzt eben nicht nur das echte Modelleben, sondern die düsterste Zeit ihres Lebens. Ihr könnt es euch ungefähr so vorstellen. Die Mädchen kommen mit ihrem Koffer in der französischen Hauptstadt an, werden in Model-WGs gepfercht und lernen den Chef näher kennen. Und der kann mit einem Telefonanruf dafür sorgen, dass sie das nächste Supermodel werden. oder den nächsten Flieger nach Hause nehmen. Die meisten Mädchen sind noch nicht mal volljährig, als sie unter die Fittiche von Eliud Models und damit von Gerard Marie geraten. Und das ist ein gewaltiger Schritt. Denn im Prinzip sind sie ja gerade erst aus ihrem Elternhaus ausgezogen, stehen zum ersten Mal auf eigenen Beinen und das auch noch im Ausland und sind gleichzeitig aber ja auch schon total abhängig, so wie die blonde Frau aus Kanada, Wendy Walsh. Wendy Walsh ist damals 18 Jahre alt und denkt sich wohl nichts dabei, als sie in einem Abend in das private Apportement von Gérald Marie beordert wird. Der Chef wolle sie sehen, so sagt man ihr. Damals gibt es ja noch kein Social Media, wo die Mädchen sich gegenseitig hätten easy kontaktieren und vor allem warnen können. Es klingt erstmal wie der Ritterschlag. Der Chef höchstpersönlich hat Wendy bemerkt, wow.
Wendy Walsh betritt also Gérald Maries Wohnung. Und hier geht es dann alles ganz schnell. Es gibt die nächsten 20 Sekunden vor, wenn ihr sexualisierte Gewalt nicht hören wollt.
Laut Wendys eigener Aussage überrumpelt Gérald Marie sie und drückt sie aufs Bett. Sie scheint zu ahnen, was er mit ihr vorhat und versucht noch zu argumentieren, dass sie nicht die Pille nehme. Aber egal wie sehr Wendy versucht, auf Gérald Marie einzureden, er bekommt ja immer, was er will. und so vergewaltigt er Wendy trotzdem.
Völlig traumatisiert versucht Wendy, irgendwie durch die nächste Zeit zu kommen. Sie sieht, wie andere Models für die Agentur auf Reisen nach Monaco und Saint-Tropez geschickt werden, angeblich um zu netzwerken. In Wirklichkeit warten dort aber gar keine Jobs, zumindest keine Modeljobs. Es muss ein schlimmer innerer Kampf sein. Du bist voller Hoffnung dorthin gekommen und der Mann, dem sogar deine Eltern vertrauen, tut dir etwas Schreckliches an. Und falls du erfolgreich sein willst, dann musst du nach seinen Regeln spielen und die lauten, Mund halten und mitmachen.
Wendy Walsh aber schreibt ihren Eltern nach Kanada, sie werde keine dieser Reisen antreten. Bemerkenswert tough für eine 18-Jährige. Wir zitieren sie mal aus der Zeitung The Guardian. Dort steht, ich weigere mich in diesen Kreisen zu verkehren und mich zu prostituieren, um an Arbeit zu kommen. Dieses Business funktioniert so. Wenn du nicht mitmachst, trampeln sie auf dir herum. Diesen Brief haben ihre Eltern übrigens bis heute. Und der ist ein wichtiges Indiz. Ein anderes Model, von dem wir euch erzählen wollen, ist die Australierin Laurie Marsden. Sie ist 19, als Gérald Marie sie unter Vertrag nimmt. Laut eigener Aussage fühlt sie sich damals geehrt. Eine der weltgrößten Agenturen mit dem Modelmacher an der Spitze will mit ihr arbeiten. Auf einer Party 1982 will Laurie sich kurz frisch machen. und als sie wieder von der Toilette kommt, wird sie von Gérald Marie überwältigt. Mit viel Kraft kann sie sich jedoch unter ihm rausfinden. Aber schon am nächsten Tag zeigt sich die ungeheure Macht des Mannes, in dessen Agentur sie unter Vertrag steht. Als Laurie am nächsten Tag in die Agentur kommt, da hat Gérald schon ihre nächsten drei Covershoots für die Elle abgesagt. Die Rache des gekränkten Mannes, eines mächtigen Mannes noch dazu. Aber Laurie Marsden startet Gott sei Dank auch ohne Gérald Marie durch und baut sich eine Modelkarriere auf. Sie macht sogar noch einen Abschluss in Psychologie, so schreibt das Portal 7 News.
Aber damals, in den 80er und 90ern, gibt es laut ihrer Aussage in den Agenturen keine Kontrolle und kein Verantwortungsbewusstsein. Die Kombination aus mächtigen Männern und von ihnen abhängigen Mädchen ist eine sehr giftige Kombination. Gérald Marien nutzt seine Macht weiterhin aus, ohne dass ihm dabei irgendjemand in die Quere kommt. Noch kann er sich auf sein Netzwerk verlassen, das wegsieht und schweigt.
Karen Mulder ist ein tolles Beispiel für eine der Frauen, die schon früh den Mund aufmacht. Es war jedoch in einer Zeit vor der MeToo-Bewegung. Nur wenige haben sich getraut, überhaupt was zu sagen, weil sie wussten, dass man ihnen wenig Beachtung und Glauben schenken wird. Die Furcht vor der, vor allem beruflichen, Konsequenz war einfach zu groß. Die Holländerin sieht aus wie eine Vorlage für eine Barbie-Puppe. Sie hat eine blonde Mähne, ist 1,78 groß, hat eine schlanke Figur, einen Schmollmund und große Augen. Karen ist der Shootingstar der Supermodels. Zusammen mit Naomi Campbell und Claudia Schiffer gilt Karen als Aushängeschild, der First Name Generation von Models, also denjenigen, von denen man damals nur den Vornamen hören muss, um zu wissen, wer gemeint ist. Karen Mulder ist in den 1990ern auf allen großen Fashion-Zeitschriften covern. Von Vogue über Elle bis Marie-Claire. Sie wird als 17-Jährige von E-Light Models entdeckt und ab dann sehr gut gebucht. Sie ist fleißig und versucht nach dem Job immer nach Hause zu gehen, zumal sie schon mit 18 Jahren einen Fotografen heiratet und nicht auf Partnersuche ist. Übrigens genau wie ihre Kollegin Carla Bruni, die später den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy heiratet.
Carla Bruni kommt aus einem wohlhabenden Elternhaus, ist wohlbehütet aufgewachsen und macht ihre eigenen Regeln. Und Carla Bruni ist laut Karen Mulders Aussage in einigen Interviews ihre Ängste verbündete im Kampf gegen dieses System. Und dieses System macht Karen Mulder immer berühmter, während es sie immer mehr ausbeutet. Nach außen ist sie das Vorzeigemodel. Innerlich geht es ihr allerdings immer schlechter. Karen Mulder erlebt laut eigener Aussage mehrmals sexuelle Übergriffe durch den Agenturchef und andere mächtige Männer.
Eine Anzeige wäre wohl das Erste, was einem so in den Kopf kommt. Aber das möchte Karen nicht, denn damit wäre ihre Karriere vorbei. Nach außen hin soll sie immer lächeln und funktionieren. Nach innen muss sie all diese schlimmen Szenen verarbeiten und vor allem eins, schweigen. Als sie den Druck nicht mehr aushält, lässt Karen Mulder sich Ende der 1990er Jahre in eine psychiatrische Einrichtung einweisen. Den fünfmonatigen Aufenthalt bezahlt Agenturchef Gérald Marie. Hat er ein schlechtes Gewissen? Hofft er, dass man ihre Krise wegbehandeln kann, damit sie wieder als Model einsatzfähig ist? Karen Mulder taucht danach ab. Sie gibt keine Interviews mehr und läuft auch nicht mehr auf dem Catwalk. Dann, im November 2001, lässt sie bei einem Auftritt in einer TV-Show eines französischen Senders die Bombe platzen. Und die schlägt so ein, dass ihr damaliger Mann, der französische Fotograf René Bostand, das Material sperren lässt. Im Internet gibt's das Interview überall noch zu sehen. Karen hat sich die langen Haare etwas kürzer schneiden lassen und sitzt im schwarzen Kleid auf dem Sofa. Sie erzählt, dass sie mehrmals missbraucht worden sei, einmal sogar durch den monegassischen Thronfolger und heutigen Fürsten Albert. Was den natürlich prompt dementieren lässt.
Und damit bricht sie ein Tabu. Es wird geschrieben, sie habe einen Nervenzusammenbruch und leide unter Verfolgungswahn. Allein wie die Presse damals über sie urteilt, ist ein Skandal. Auch der Spiegel reiht sich da leider ein. Da steht, Zitat, sie fasele wirr. Die Überschrift dazu lautet Hysterieanfall bei TV-Aufzeichnungen. Und das ist schon richtig krass. Bei Spiegel Online steht bei älteren Artikeln aus dem Archiv immer ein Disclaimer dabei. Ja, hier wird erklärt, dass der Artikel aus einer anderen Zeit stammt und dass Sprachgebrauch und Kenntnisstand mittlerweile anders sein können. Das ist in diesem Zusammenhang enorm wichtig, aber leider auch ein bisschen schwach, wenn man darüber nachdenkt. Denn Karen Mulder wird, wie viele Frauen die mächtige Männer herausfordern, medial vernichtet. Nicht der Täter wird angegriffen, sondern das Opfer. Und das nur, weil sie mutig ist und alles ausspricht, was an schmutzigen Machenschaften in dieser Branche so läuft. Und weil von diesem System alle profitieren, gilt Karen Mulder als Nestbeschmutzerin. Die Medien bekommen die Einladung zu den Front-Rows, Home-Stories und Interviews. Und da werden sie damals ja versucht haben, sich bei den Agenturen nicht unbeliebt zu machen. Und die Werbekunden, die wollen auch keine schlechten Schlagzeilen.
Karen Mulder wird danach in der Branche geghostet, würde man heute sagen. Keiner spricht über sie, niemand fragt sich, was sie jetzt eigentlich so macht. Als hätte es sie nie gegeben. Aber vermutlich rettet sie genau dieses Abtauchen. Karen läuft 2007 nur noch bei einer Show von Skandal-Designer John Galliano. Sonst nirgends.
Sie wird Mutter einer Tochter, macht Yoga und versucht, endlich ein glückliches Leben zu führen. Wenn man die Kommentare unter den Dokus über ihr Leben anschaut, dann scheint das auch geglückt zu sein. Ein paar YouTube-User schreiben, sie haben Karen mit ihrer Tochter in einem Ressort in Griechenland getroffen, wo sie sehr happy gewirkt habe. Das gönnt man ihr auch sehr. Die Frau ist wirklich durch die Hölle gegangen. Erst missbraucht, dann auch noch gecancelt. Dabei gilt sie bis heute als Vorreiterin, die sich mutig mit der gesamten Branche angelegt hat. Und es bewegt sich endlich was. Vermutlich finden nach der Geschichte auch andere Models den Mut, laut zu werden. 2011 veröffentlicht das ehemalige E-Light-Model Carrie Otis eine Biografie mit dem Titel Beauty Disrupted, übersetzt in etwa Gestörte Schönheit. Und darin lässt sie die Bombe platzen. Carrie Otis habe als Teenagerin für E-Light erstmal in New York gemodelt. Weil es angeblich für ihren exotischen Curvy-Look nicht genügend Aufträge gebe, sei sie von der Agentur nach Paris geschickt worden. Und dort sei sie, mit gerade mal 17 Jahren, über mehrere Monate von Gérald Marie immer wieder vergewaltigt worden.
1986 sei sie im Apartment von Gérald Marie und seiner Supermodelfrau, Linda Evangelista, untergekommen. Aber die vermeintliche Hilfe bei der Wohnungssuche habe sich als Hölle entpuppt. Linda Evangelista ist zu diesem Zeitpunkt ein Superstar, ständig auf Reisen. Und das müssen wohl die schlimmsten Zeiten für Carrie Otis sein. Sobald Linda das Haus verlässt und die Tür ins Schloss fällt, da attackiert Gerald Marisi. Otis ist so jung und verschüchtert. Sie hat wohl auch kein funktionierendes Familiennetz, das sie jetzt auffangen könnte. So schreibt sie selbst in ihrem Buch. Und sie ist diesem Typen einfach ausgeliefert, wenn sie weiterhin Jobs haben möchte. Es klingt nach außen immer so einfach. Warum ist sie nicht zur Polizei gegangen? Warum ist sie nicht weggelaufen? Man sieht ja, wer diesen Frauen geglaubt hat, wenn sie dann mal ausgepackt haben. Niemand. Und vielleicht waren sie ja auch einfach vor lauter Entsetzen wie erstarrt.
Da kann man sich ja gar nicht in diese Situation reinversetzen. Carrie Otis denkt wohl, nur über Eli bekommt ein Model solche Aufträge. Damals gibt es noch keine Variation der Körper. Es gab nur den sogenannten Heroin-Look von Kate Moss. Gérald Marie drängt Carrie Otis auch abzunehmen. Laut ihrer Biografie gibt er ihr Kokain, weil es den Appetit dämpft und damit sie besser drauf ist. Das ist auf allen Ebenen kriminell. Konsequenzen gibt es trotzdem keine. Nach einigen Monaten bringt Carrie dann aber den Mut auf, sich zu widersetzen. Und ab dann ist es mit der Model-Karriere erstmal vorbei. Jetzt würde man ja als erwachsene Frau vielleicht sagen, du kannst mich mal, dann gehe ich halt woanders hin. Aber hier ist es anders. Carrie kann nirgendwo hin. Sie sagt laut The Guardian heute über diese Zeit, ich zitiere, Ich kam aus einer kaputten Familie. Das machte mich so angreifbar. Sie hat also keinen starken Rückhalt. Niemand, der sie auffängt. Überleg mal, du bist 17, hast kaum Geld, deine Familie ist weit weg, vielleicht sogar zerstritten. Man hat dir eine Karriere versprochen und jetzt bist du immer noch ein Mädchen, gefangen in diesem System. Und der Missbrauch passiert nicht nur durch den Agenturchef. Laut Carrie Otis wären die Mädchen ausdrücklich angehalten, auch mit anderen Männern in der Branche zu schlafen. Sie werden schlicht und einfach erpresst. Sex gegen Jobs.
Carrie Otis schreibt in ihrer Biografie, einmal habe sie bei einem Shooting der Friseur zum Sex gezwungen. Seine Begründung sei gewesen, dass das halt dazugehöre. Außerdem seien die Models regelmäßig auf Reisen geschickt worden, wo andere, meist alte und reiche Männer, auf sie warteten, so wie der saudische Milliardär und Waffenhändler Adnan Khashoggi. Und die vierstellige Vermittlungsgebühr für diese Leistungen, die kassiert natürlich die Agentur, beziehungsweise Gérald Marie. Carrie Otis sagt dazu heute, dass das definitiv Zuhälterei war.
Ende der 80er Jahre sind die erfolgreichsten Models der Welt bei Eliud unter Vertrag. Cindy Crawford, Naomi Campbell, Giselle Bündchen, alle lassen sich für hohe Summen buchen. Und der Satz, unter 10.000 Dollar am Tag stehen wir gar nicht erst auf, den wir ja heute schon mal in der Folge erwähnt haben, der stammt ausgerechnet von einer Frau, die gleich noch eine sehr große Rolle spielen wird. Das stimmt, denn dieser Satz stammt von niemand Geringerem als Linda Evangelista, die Kanadierin mit den Katzenaugen und dem vielleicht außergewöhnlichsten Gesicht der Branche. Und Gérald Marie ist wohl schockverliebt in Linda. Er trennt sich bei ihrem Anblick sofort von seiner Freundin, einem US-Model. Er datet und heiratet Linda mehr oder weniger vom Fleck weg. Sechs Jahre hält diese ungewöhnliche Ehe, die von 86 bis 92 dauert. Er ist 15 Jahre älter als sie. Sie ist 22, er 37.
Vielleicht fasziniert ihn auch gerade Lindas Frauentyp, denn sie ist mit ihren kurzen Haaren eher ein bisschen androgyner. Aber dass so ein Typ wie Gérald Marie einer Frau länger treu sein kann, ist eine Illusion. Wenn Linda Evangelista auf Shootings oder bei Modenschauen ist, vergewaltigt ihr Mann im gemeinsamen Appartement blutjunge Models. Und das Bittere ist, dass erst so viel Zeit vergehen muss, bis die Ersten sich trauen, den Mund aufzumachen. 15, 20 Jahre gehen da ins Land. Und zwar nicht nur Models, sondern auch Wegbegleiter und Kollegen von Gérald Marie, die nicht mehr zuschauen oder ihn decken wollen.
Omar Hafuch ist so einer. Der Geschäftsmann mit libanesischen Wurzeln managt von 1997 bis 2001 den E-Light-Model-Wettbewerb und warnt bereits damals davor, was mit den teils minderjährigen Models alles gemacht wird. Dafür wird er laut eigener Aussage mehrmals von Gérald-Marie bedroht, so sagt er es in mehreren Interviews der französischen Presse.
Und dann gibt es ja auch noch mächtige Frauen in den Agenturen.
Marie Anderson ist eine von ihnen. Zwischen 1983 und 90 arbeitet sie für das E-Lite-Büro in Chicago und steigt dort zur Vizepräsidentin auf. Dem Guardian sagt sie, dass die Agenturen damals wie ein religiöser Kult gewesen seien. Marie Anderson hört, wie zwei andere weibliche Führungsmitglieder, Gérald Marie und seinen Chef John Casablanca, anflähen. Sie mögen doch bitte nicht mehr mit Minderjährigen schlafen. Wie schlimm die Übergriffe im Fall des Elit-Chefs Casablanca sind, das ist unklar. Klar ist aber, dass er daran nicht viel Verwerfliches findet. Der Spiegel fragt ihn in einem Interview mal, störte sie nicht das Image, ein Mädchenhändler zu sein? Und Casablanca, der Mann mit der Föhnwelle und den weißen Zähnen, antwortet, ich zitiere, Es gibt für mich kein größeres Vergnügen, als ein junges Mädchen zu finden, das 15 oder 16 Jahre alt ist, ohne jeden Stil, schüchtern, mit schrecklicher Frisur, schlechten Zähnen und ohne große Weltgewandtheit. Und dann verwandle ich sie binnen eines Jahres in einen wunderschönen Engel, der auf dem Cover der Vogue erscheint. E-Light-Führungsmitglied Marie Anderson meldet öfter Bedenken bei John Casablancas und Gérald Marie an.
Aber laut eigener Aussage hätten die beiden sie ausgelacht und gesagt, sie sei zu puritanisch. Als Mann habe man eben seine Bedürfnisse. Anderson schmeißt daraufhin als Vizepräsidentin des Chicagoer Büros hin, weil sie all das nicht mittragen will.
Das Schlimme ist damals auch. Den Leuten hat ja kaum jemand geglaubt. Die Presse ist noch weit davon entfernt, den Opfern eine Plattform zu geben. HR-Abteilungen, Compliance, all das ist noch nicht in der Fashion-Welt angekommen. Selbst wenn du was sagst, ist es, als ob du in einen Raum ohne Sauerstoff hineinschreist. Es kommt kein Laut raus. Vielleicht hier noch ein kleiner Exkurs. Wo sind eigentlich die Eltern der Mädchen, werdet ihr euch vielleicht fragen. Kriegen sie von all dem gar nichts mit? Zum einen unterschreiben ja gerade die Eltern der minderjährigen Mädchen die Verträge und haben den Agenturen wohl erst mal vertraut. Zum anderen ist das damals noch eine andere Zeit. Wo heute viele sogenannte Helikoptereltern jeden Schritt ihrer Kinder überwachen und begleiten, da war man im letzten Jahrhundert noch eine ganze Ecke lässiger, vielleicht auch nachlässiger und zwar quer durch alle Gesellschaftsschichten. Irgendwie war das nicht so üblich, Teenager und junge Erwachsene so zu behüten.
1993 lässt sich Linda Evangelista von Gérald Marie scheiden. Schon ein Jahr vorher hatte sie sich von ihm getrennt. Viel später wird sie in der Apple TV Plus Supermodel-Doku auspacken, dass auch sie sich in einer missbräuchlichen, toxischen Beziehung mit Gérald Marie befunden hat. Davon, dass er in ihrem gemeinsamen Apartment andere Models vergewaltigt hat, wusste sie angeblich nichts. Oder sind Linda und Gérald vielmehr ein Machtgeflecht, an dem kein Model zu rütteln barkt? Später beeilt sich Linda aber, volle Solidarität mit den Models zu zeigen. Auch sie sei ein Opfer von Gérald Marie gewesen. Er habe auch sie misshandelt. Nur ihr Gesicht habe er in Ruhe gelassen, weil sie damit Geld verdient hat. Der britischen Zeitung The Guardian sagt Linda mal Folgendes. Ich lese euch das mal kurz vor. Während meiner Beziehung mit Gérald-Marie wusste ich nichts von all diesen Vorwürfen. So konnte ich diesen Frauen nicht helfen. Wenn ich sie jetzt höre und das mit meinen eigenen Erfahrungen abgleiche, glaube ich, dass sie die Wahrheit sagen. Es bricht mir das Herz, weil diese Wunden niemals heilen. Ich bewundere sie für ihren Mut und ihre Kraft, heute darüber zu sprechen. Linda Evangelistas Rolle ist für manche eventuell zwiespältig, aber wenn sie so viel unterwegs war, hat sie es vielleicht wirklich nicht mitbekommen können. Das wissen wir einfach nicht.
1999 wackelt der Thron von Gérald Marie endlich. Da ist er schon weit in seinen 50ern. Eine junge, smarte Journalistin namens Lisa Brinkworth schleust sich als Model in seinen unmittelbaren Dunstkreis ein.
Zusammen mit ihrem Kollegen Donald McIntyre macht sie daraus eine Investigativreportage. Journalistin Lisa filmt und dokumentiert für die BBC mit kleinen Wackelkameras alles, was sie dort erlebt. Damals gab es ja keine Smartphones, die man einfach hätte laufen lassen können. Und so kommt es, dass die erste Investigative Insight-Reportage aus dem Machtzentrum des Model-Moguls veröffentlicht wird, mit schrecklichen Folgen für die Journalistin. Auf den Videos ist deutlich zu sehen und zu hören, wie Gérald-Marie der Journalistin, die er ja für ein Model hält, Geld für Sex anbietet. Er raunt außerdem einem Model im Club zu, er wolle sie von Kopf bis Fuß ablecken. Und protzt, er würde gerne mit den Kandidatinnen für den E-Light-Model-Wettbewerb schlafen. Er wird gegenüber der Reporterin in einem Mailänder-Club sexuell übergriffig. Und endlich gibt's Konsequenzen. Gérald Marie wird als Pariser E-Light-Chef suspendiert, aber nach ein paar Monaten wieder zurückgeholt. Vielleicht denkt die Führung, die Lage hat sich bis dahin beruhigt. Oder es ist wie Cancel Culture. Da verschwinden die Leute kurz und wenn der News-Zyklus vorbei ist, tauchen sie anderswo wieder auf. Doch Marie belässt es nicht dabei, nur wieder aufzutauchen. Er dreht den Spieß jetzt um. Er und E-Light verklagen die BBC. Die staatliche britische Rundfunkanstalt wohlgemerkt.
Die Begründung dafür lautet, dass der Beitrag unsauber geschnitten sei und dass einige Passagen aus dem Zusammenhang gerissen seien. Gérald Marie sei in eine Falle gelockt worden. Und tatsächlich, Gérald Marie gewinnt vor Gericht. Die BBC entschuldigt sich sogar und sperrt das Material in den Giftschrank. Das ist wirklich unfassbar. Marie veranstaltet danach weiter Model-Wettbewerbe, Wobei man sich hier eventuell fragt, welche Eltern dann noch ihre Kinder dahin schicken, um sie am Wettbewerb teilnehmen zu lassen. Und wenn deine Tochter oder dein Sohn dann am Telefon sagt, dass er oder sie in der Wohnung vom Chef übernachten darf, dann sollten doch spätestens die Alarmglocken schrillen. Doch sie wussten es vielleicht einfach nicht oder haben solche Anrufe nicht erhalten? Dann entschuldigt sich der BBC auch noch. Also dann sieht es für die öffentliche Wahrnehmung wahrscheinlich wirklich wie eine Rufmordkampagne aus. Und nochmal vergehen ganze 20 Jahre, bis es endlich richtig scheppert. 2017 sorgt die MeToo-Bewegung gegen Film-Mogul Harvey Weinstein für weltweite Aufmerksamkeit. Und jetzt endlich schaut die Welt auf den Fashion-Zirkus, wo im Prinzip nichts anderes passiert ist als massenhafter Missbrauch.
Carrie Otis macht 2021 ernst und verklagt zusammen mit der BBC-Journalistin Lisa Brinkworth und zwei anderen Ex-Models, Gérald Marie, vor dem Bundesgericht in Manhattan. Lisa Brinkworth war ja die, die sich als Model eingeschleust hatte und heimlich Videos von Gérald Marie gedreht hatte. Sie werfen ihm vor, er habe sie zum Sexhandel anderen Männern in ganz Europa angeboten, als sie 17 Jahre alt war. Die Anklage läuft unter einem besonderen Gesetz, das es in New York gibt, dem Child Victims Act. Der sieht vor, dass Menschen, die als Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch wurden, ihre Peiniger anklagen können. Ganz egal, wie lange der Missbrauch her ist. Doch nachweisen kann man Gérald Marie leider nicht genug. Dadurch trauen sich aber wenigstens auch andere Frauen an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Behörden in Paris laden zwei Jahre später, 2023.
Elf Frauen ein, ihre Aussagen zu machen. Und Gérald Marie lässt wieder seine Anwälte von der Kette und lässt verlauten, er sei extrem erschüttert von diesen Vorwürfen und weise sie entschieden zurück. Die Richter entscheiden aber, dass die Taten, die ja in den 80er und 90er Jahren stattgefunden haben, verjährt sind. Am 13. Februar 2023 wird die Akte Gérald-Marie daher geschlossen. Unfassbar. Seine Anwältin sagt, das Rechtssystem habe über die skandalöse Medienkampagne gesiegt, unter der jemand dann zwei Jahre lang zu leiden hatte. Er sei und bleibe unschuldig. Es ist kaum zu glauben, aber eine weitere wichtige Figur der Fashion-Industrie muss sich jetzt verantworten. Es ist der Model-Agent Luc Brunel, ein enger Vertrauter von Finanzmogul Jeffrey Epstein. Auch er hat Models laut Spiegel-Cover-Shootings versprochen und sie sexuell ausgebeutet. Brunel nimmt sich, genau wie Epstein, in der Haft das Leben. Auch für die Agentur E-Light haben diese Skandale Folgen. Schon 2004 meldet E-Light Insolvenz an und splittet sich in zwei Unternehmen, die bis heute aktiv sind. E-Light Model Management gibt es zum Beispiel heute noch. Noch ganze sechs Jahre ist Gérald-Marie dort beschäftigt, bis man seinen Vertrag endlich beendet.
Er ist noch lange Eigentümer einer Modelagentur namens WeManagement. Interessanter Name, weil We im französischen Ja heißt. Ein Non, also Nein, wäre wohl passender gewesen. Heute ist er 75 Jahre alt und lebt mit einem viel jüngeren russischen Model als Rentner auf Ibiza. Und hier spüren ihn Reporter für die Sendung 60 Minutes Australia auf, als er mit Kumpels bei Rosé und Salat sitzt. Aber eisig lächelnd wiegelt er alles ab. Carrie Otis macht laut The Guardian auch ohne Gérald-Marie Karriere. 1988 ist sie, zusammen mit seiner Ex-Frau Linda Evangelista, auf dem Cover der US Vogue. 1991 wird sie Calvin Klein Model und das ist damals die Königsklasse.
Dann wird es aber 20 Jahre lang still um sie, beziehungsweise sie nutzt die Zeit für Heilung. Sie heiratet den Umweltwissenschaftler Matthew Sutton, bekommt zwei Töchter und zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. 2023 steht sie mit Stars wie Julianne Moore für eine Kosmetikkampagne vor der Kamera. Carrie Otis engagiert sich für die Vereinigung Model Alliance, die sich auf Verhaltensregeln in der Modewelt spezialisiert. Bleibt die Frage, was denn aus den anderen Models wurde. Ja, Wendy Walsh lässt sich nach den traumatischen Erlebnissen von ihren Eltern nach Hause nach Kanada holen. Sie studiert dann Journalismus und setzt noch einen Doktortitel in Psychologie drauf. Heute ist sie Produzentin und Podcasthost.
2017 wird auch sie in der MeToo-Bewegung aktiv, als sie einen Moderator des Senders Fox wegen sexueller Belästigung anzeigt. Dem Guardian sagt sie dazu Folgendes. Ich habe mit 18 auf die harte Tour gelernt, dass man nie mit einem mächtigen Mann in seine Privatwohnung gehen darf, egal ob man von ihm abhängig ist oder nicht. Ob die Supermodels wie Naomi, Cindy etc. etwas davon mitbekommen haben, das wissen wir nicht und wollen wir schon gar nicht unterstellen. Vielleicht hatten sie schlicht und einfach mehr Glück. Es braucht viele Menschen, die wegschauen. Menschen, die Dinge erst ermöglichen. Menschen, die eisern schweigen. Menschen, die davon profitieren, um so ein System am Laufen zu halten. Tja, gerade eine Branche, die Luxus, Sexiness und Oberflächlichkeit verkörpert, war das perfekte Biotop, in dem solche Umtriebe gedeihen konnten.
Ein berühmtes Beispiel hierfür ist auch der Fashion-Fotograf Terry Richardson. Damals so ein bisschen Punk der Szene. Immer ein bisschen zu laut und provokant waren seine Inszenierungen. Auf vielen seiner Fotos waren nicht nur die Models nackt, sondern er selbst auch. Alle großen Magazine und Designer buchen ihn. Er inszeniert auch das Video zu Miley Cyrus' Song, Wrecking Ball, wo sie nackt auf einer Abrissbirne sitzt. 2013 ist das. Und daran kann man erkennen, dass diese Branche, die ja immer den neuesten Trends nachspürt, sich sehr langsam wandelt. In diesen Jahren werden immer mehr Vorwürfe gegen Terry Richardson laut. Models sagen, er habe sie zum Sex gezwungen und ihnen als Gegenleistung Jobs versprochen.
Trotzdem fotografiert er weiter für Style-Ikonen wie Habers Bazaar. Es dauert noch bis 2017, bis er überall auf der schwarzen Liste steht. Die Süddeutsche Zeitung schreibt, es herrsche eine Kultur des Wegschauens in der Modeindustrie. Die Künstler seien halt Kreative und hätten Nach- und Freiheit. Die Models seien dagegen gesichtslos und austauschbar. Ja, da hat sich zum Glück viel geändert. Dank vielen mutigen Frauen, die sich getraut haben zu sprechen. Die Rechtslage ist jetzt zumindest etwas besser. Ja, denn 2013 tritt in Amerika ein Gesetz in Kraft, das vor allem minderjährige Models besser schützen soll. Und 2023 gibt es den Fashion Workers Act, der nicht nur Models, sondern auch Stylistinnen und Fotopersonal besser vor Übergriffen und Ausbeutung schützen soll. Das sind nur kleine Schritte, aber immerhin. Ja, und auch Sendungen wie Germany's Next Topmodel sind jetzt nicht nur diverser, sie beschäftigen auch psychologisches Personal und versuchen, dafür zu sorgen, dass es den Models gut geht. Das ist natürlich kein hundertprozentiger Schutz, aber es hat eine Signalwirkung, was nicht unwichtig ist. Und auf der Website des ELITE Model Managements, da stehen hinten ganze Abschnitte, in denen sie sich sexuelle Ausbeutung und Diskriminierung verbitten. In denen klar gesagt wird, nackt oder die Sue-Shootings gäbe es nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Models.
Tja, ein bisschen was hat sich getan, aber ich empfinde, ich weiß nicht, wie es dir geht, Anna, ich empfinde manchmal so ein bisschen so eine Erschöpfung, dass es so lange dauert. Kein Wunder, dass die Frauen nichts sagen, wenn man ihnen A, nicht glaubt und B, selbst wenn man ihnen glaubt, kann es gut sein, dass es heißt, ach nee, war doch nicht so schlimm und der Typ läuft frei. Ja, das zeigt die heutige Folge wieder ganz besonders, finde ich, dass da sehr vielen Frauen ganz, ganz Schlimmes angetan wurde. Und dass so ein, in dem Fall nun mal ein Mann mit einer enorm hohen Machtposition.
Das einfach über viele Jahre, Jahrzehnte ja sogar weitermachen konnte. Und ja, wie du sagst, dass sich niemand getraut hat, den Mund aufzumachen, weil man hat es ja gesehen, man hat diesen Frauen nicht geglaubt. Im Gegenteil, da wurde noch draufgekloppt und danach gecancelt ohne Ende und geghostet und was weiß ich. Ja, welche Frau sagt dann, nachdem dieses Beispiel publik wurde, na dann sage ich auch was. Nein, natürlich nicht. Das hat sich dann ja gar keiner mehr getraut. Und ja, das ist das Gute, in Anführungsstrichen, wie du sagst, dass sich da zumindest ein bisschen was getan hat und sich zunehmend mehr Leute, es sind ja nicht nur Frauen, sondern generell alle Geschlechter trauen, Dinge zu sagen und den Mund aufzumachen. Ich glaube, wir sind auch so ein bisschen aus so einer Naivität raus, die wir damals noch hatten, dass das im Grunde nicht so wirklich passiert oder das war nicht so schlimm. Bis es dir selber passiert ist, hast du gedacht, ja, war wahrscheinlich so. Also wir sind so ein bisschen aus diesem kollektiven Dornröschenschlaf raus.
Wo man denkt, ach, die Welt ist doch gar nicht so schlimm. Sie ist natürlich nicht nur das, aber zumindest sind wir wacher und trauen uns auch ein bisschen mehr, was zu sagen. Und ich bewundere es immer wieder, wenn ich denke, wie oft jemand davonkommt, dass eine Frau sich da hinstellt und sagt, pass mal auf, das und das ist mir passiert.
Obwohl du mächtig bist, obwohl du viel mehr Sichtbarkeit hast als ich und obwohl dein Geld dir wahrscheinlich eine Freiheit geben wird, die du nicht verdient hast, ich sage trotzdem was. Das ist unglaublich. Und das ist das Wichtigste. Das klingt immer so einfach zu sagen. Ja, steh doch zu dir, steh für dich ein und trau dich, was zu sagen. Es ist halt nicht immer so einfach, aber wir können, glaube ich, nur darauf appellieren, daran appellieren. Völlig falsch, völlig falsche Formulierung. Wir appellieren und appellieren. Wir können nur appellieren, dass man eben für sich einsteht. Schon bei den ganz kleinen Themen, ich meine, das jetzt hier in der Folge waren die ganz großen, schrecklichen Themen, aber ja, dass man zu sich und zu dem, was man möchte und nicht möchte, steht. Und Solidarität. Genau, das ist auch wichtig. Ich glaube, dass wir als Frauen immer noch dazulernen dürfen, was die Solidarität untereinander angeht. Dass du im Zweifel immer für sie bist, an sie glaubst, sie unterstützt. Das ist so mein Aufruf an uns alle. Ja, Punkt. Da lässt sich gar nicht anderes mehr zu sagen.
Außer vielleicht eine kleine Bitte an euch zu schicken. Denn wenn ihr noch einen ganz bestimmten Fall kennt, den ihr gerne mal hier im Podcast tiefer recherchiert, hören möchtet, denn oft weiß man ja nur so oberflächliche Infos zu einer Geschichte. Wenn ihr das mal ganz genau hören möchtet, dann schreibt uns das gerne bei Instagram. Da heißen wir Im Schatten der Macht, alles zusammengeschrieben. Da könnt ihr uns gerne folgen, schreiben, liken, kommentieren, das ganze Programm. Oder, oder nicht oder, und natürlich nächste Woche Donnerstag hier wieder einschalten, denn da erzählen wir euch einen neuen Fall.
Ja, bis dahin erstmal eure Ricardia. Und eure Anne. Bis dann. Danke an unser Team von Open Minds Media. Executive Producer Rüdiger Barth. Konzeption Peter Grewe, Rüdiger Barth und Manfred Neumann. Autorin Anna Gelbert Producer Riccardia Bremley Den Schnitt machte Lilli Johannsen Zusätzliche Unterstützung von Falco Schulte.