Heute sprechen wir über einen Fall aus Deutschland. Genauer gesagt aus Ostdeutschland, der ehemaligen DDR. Wer von euch weiß eigentlich, wie es damals in der DDR war? Und vor allem, wenn es um Straftaten ging? Habt ihr persönliche Erfahrungen vielleicht? Ann und ich haben beide nicht in der DDR gelebt und deshalb freuen wir uns total, wenn ihr uns dazu in den Kommentaren schreibt. Jedenfalls geht es heute um eins der brutalsten Verbrechen, das jemals in der DDR stattgefunden hat. Vor 54 Jahren wird nämlich die Ehefrau eines Oberleutnants des Ministeriums für Staatssicherheit, also die Stasi, auf grauenvolle Art ermordet. Die Stasi ist ja der berüchtigte Geheimdienst und die Geheimpolizei der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, kurz der SED. Die Stasi ist Macht- und Unterdrückungsinstrument der Partei. Bürgerinnen und Bürger werden von Stasi-Mitarbeitenden überwacht. Teilweise bespitzeln sich Kollegen und Familienangehörige sogar gegenseitig. Mehr als 200.000 Mitarbeitende arbeiten offiziell oder auch inoffiziell für die Stasi. Einer von ihnen ist Stasi-Oberleutnant Wolfgang Mischner. Er gehört damit zu den Offizieren. Zwar ist sein Dienstgrad nur der drittniedrigste, der zwischen Leutnant und Hauptmann angesiedelt ist. aber er ist ja erst 33 Jahre alt und kann auf der Karriereleiter noch ein paar Stufen nach oben klettern.
Auf alle Fälle ist Wolfgang Mischner in der Hauptabteilung Personenschutz tätig. Diese Abteilung ist für den Schutz hochrangiger Funktionäre zuständig, insbesondere der SED-Führung und anderer Staatsorgane. Die Aufgaben reichen von der persönlichen Bewachung über die Planung sicherer Reiserouten bis hin zur Überwachung potenzieller Bedrohungen im Umfeld der Führungselite.
Wolfgang Mischner hat also eine wichtige Funktion innerhalb der Stasi. Und genau deshalb wird er möglicherweise auch bedroht. Er zeigt seinen Kollegen und seinem Chef einen Drohbrief, den er erhalten hat. In dem steht wortwörtlich, wir hängen euch auf, Staatssicherheitsschweine. Jetzt sprechen wir also von einer echten Todesdrohung. Dementsprechend ist Wolfgang Mischner in riesiger Sorge um sich und seine Familie. Er macht nachts kein Auge mehr zu und kann tagsüber keinen klaren Gedanken mehr fassen. Und es kommt leider wirklich so schlimm, wie er es befürchtet hat. Denn seine Ehefrau wird auf furchtbare Weise ermordet. Nicht nur er, auch seine Kollegen fragen sich natürlich, ob DDR-Gegner oder Stasi-Hasser hinter der grausamen Ermordung der 30-jährigen Renate Mischner stecken. Dann stehen sie womöglich bald selbst auf der Abschussliste. Aber warum nimmt die Öffentlichkeit überhaupt keinen Anteil an diesem furchtbaren Verbrechen? Darüber sprechen wir in der heutigen Folge. So viel sei aber schon einmal verraten. So klar, wie der Fall an manchen Stellen scheint, ist er ganz und gar nicht. Bis heute gibt es höchst unterschiedliche Meinungen und Bewertungen über die Tat und den Täter.
Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Im Schatten der Macht. Ich bin Ricardia Bremley. Und ich bin Anne Luckmann. Hallo. Wir beginnen unsere Erzählung am 4. Mai 1971.
An diesem Dienstagmorgen weckt der 31 Jahre alte Wolfgang Mischner seine beiden Kinder und macht ihnen erstmal Frühstück. Die wundern sich ein bisschen darüber, weil das macht normalerweise ihre Mutter Renate. Der Vater erklärt den zwei kleinen Söhnen, dass ihre Mutter heute früher zur Arbeit musste. Doch das ist eine Lüge, um die Kinder nicht zu verunsichern. Denn Renate Mischner war eigentlich die ganze Nacht nicht zu Hause. Nachdem die Kinder die Wohnung verlassen haben und sich auf den Weg zur Schule machen, da macht sich auch Wolfgang Mischner auf den Weg zur Arbeit. Er ist aber nicht in der gigantischen Stasi-Zentrale tätig, mit ihren 29 Gebäuden und elf Höfen an der Normannenstraße 22 in Berlin-Lichtenberg, sondern in der geheimen Stasi-Dienststelle in Berlin-Weißensee im Nordosten der Stadt. Der Standort befindet sich in einem großen Backsteinbau an der Berliner Allee-Ecke Liebermannstraße. Erst nach der Wende 1990 wird dieses Gebäude als Stasi-Dienststelle enttarnt. Heute wird das Gebäude von Abteilung des Bezirksamtes Pankow und von privaten Firmen genutzt. Für Wolfgang Mischner liegt die Dienststelle optimal. Von seiner Wohnung in der Falkenberger Straße zu seinem Arbeitsplatz ist es nur einen guten Kilometer. Sein Arbeitsweg ist damit ein kurzer, gemütlicher Spaziergang.
An seinem Arbeitsplatz angekommen, erklärt Wolfgang seinen Kollegen sofort, dass er seine Ehefrau Renate vermisst. Er habe sie am gestrigen Abend mit seinem Trabant bei einer Arbeitskollegin abgesetzt. Seitdem gebe es kein Lebenszeichen mehr von ihr. Interessant dabei ist, dass seine Frau ihre Kollegin nicht mit leeren Händen besucht hat. Denn sie hatte 1000 Ostmark dabei, die sie ihrer Kollegin leihen wollte. 1000 Ostmark, das ist eine Menge Geld. Der Betrag entspricht damals knapp eineinhalb Monatsgehältern, im Jahr 1971.
Nur mal zum Vergleich, ein kleines Bier kostet damals in einer Kneipe 40 Pfennig. Einen Trabant, das typische DDR-Auto, galt jahrzehntelang als Statussymbol. Das gab's 1971 für 7800 Mark. Was die Kollegin mit so viel Geld machen will, das ist leider nicht bekannt. Vor allem ist Geld ja immer eins, ein gutes Motiv für ein Gewaltverbrechen. Aber in der DDR kann man nicht einfach so viel Kohle auf den Kopf hauen. Auf einen Trabant zum Beispiel muss man bis zu 15 Jahre warten, bis man einen bekommt. Das ist heute ja unvorstellbar, weil wir im Grunde alles sofort kaufen und besitzen können. Daher ist es eher unwahrscheinlich, dass es bei dem Verschwinden von Renate Mischner um Geld ging. Wenn jemand so plötzlich zu Geld kommt, dann wäre das dem Umfeld schon aufgefallen. Wolfgang Mischner spricht natürlich mit der Kollegin, zu der er seine Frau gebracht hat. Die kann ihm aber nicht groß weiterhelfen. Er befragt also noch weitere Arbeitskolleginnen seiner Frau, ob sie vielleicht irgendwas über den Verbleib von Renate wissen. Aber nein, niemand hat sie gesehen oder mit ihr telefoniert. Renate Mischner ist wie vom Erdboden verschwunden.
Seinen Kollegen in der Dienststelle zeigt Wolfgang auch den Drohbrief, den wir ja bereits am Anfang der Folge erwähnt haben. Zur Erinnerung darin steht, wir hängen euch auf, Staatssicherheitsschweine. Wolfgang Mischner fürchtet wegen der Morddrohung konkret um das Leben seiner Frau. Und das, wie sich schon bald herausstellen wird, leider völlig zu Recht. Denn zwei Tage später wird die Leiche seiner Frau in einem Waldstück gefunden, nördlich von Berlin, nahe Wandlitz. Sie ist übel zugerichtet. Jemand hat ihr von hinten aus ca. 50 cm Entfernung in den Kopf geschossen. Und was man irgendwie nicht richtig fassen kann, sie wurde zudem auch noch mit einem Beil verletzt. Der Täter muss dabei sowohl die scharfe als auch die stumpfe Seite des Beils benutzt haben. und als ob das alles nicht reicht, wurde sie mit einem Schal erwürgt.
Die Ermittler können den Verlauf der Tat zunächst nicht eindeutig interpretieren. Wenn ein Opfer auf mehrere Arten getötet wird, dann spricht man von einem sogenannten Overkill, einem Übertöten. Das zeugt von enormer Wut des Täters. Denn normalerweise lässt ein Täter von seinem Opfer ab, wenn es tot ist. Ein Overkill spricht in der Regel für eine Beziehungstat. Das bedeutet in dem Fall, dass sich Täter und Opfer gekannt haben müssen. Doch die Obduktion ergibt ein anderes Bild. Renate Mischner wird zuerst in den Kopf geschossen. An diesem Kopfschuss stirbt sie aber nicht. Warum der Täter nicht ein zweites Mal auf sie schießt, ist zu diesem Zeitpunkt unklar. Auf alle Fälle nimmt er nach dem misslungenen Todesschuss einen Beil und schlägt damit zu. Die Verletzungen sind zwar heftig, aber die 30-Jährige überlebt auch die Beilattacke. Um seine Tat zu vollenden, nimmt der Täter einen Schal und wirkt sie so lange, bis sie schließlich tot ist. Das wirkt insgesamt sehr merkwürdig und das hat auch einen Grund, wie sich später herausstellen wird.
Daher haben wir es in diesem Fall doch nicht mit einem Overkill zu tun, wie er anfangs vermutet wurde. Es wirkt jetzt eher wie die Tat eines Amateurs, der reichlich improvisieren muss, bis er seine Tat vollendet hat. Die Tatwaffe kann immerhin schnell identifiziert werden, was den Ermittlern aber nicht wirklich hilft. Es handelt sich um eine sowjetische Makarov-Pistole. Das ist damals die Standard-Handfeuerwaffe der Volkspolizei, der Nationalen Volksarmee und der Stasi. Die ist quasi Massenware in der DDR. Bevor wir euch verraten, wie es jetzt im Fall weitergeht, schauen wir uns doch mal die Familie Mischner genauer an.
Möglicherweise findet sich ja hier ein Motiv. Wir starten mit dem Opfer, Renate Mischner. Sie stammt aus Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Nach ihrem Schulabschluss macht Renate eine Ausbildung zur Näherin und arbeitet danach in der Textilindustrie bei VEB-Treffmodelle. VEB, das steht für volkseigener Betrieb. Das ist damals in der DDR die gängige Rechtsform von Industrie- und Dienstleistungsbetrieben. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden unter sowjetischer Besatzung Betriebe von Privatunternehmen enteignet und verstaatlicht. Sie werden dadurch also zu staatlichen Unternehmen, also zu volkseigenen Betrieben.
Renate Mischners Betrieb, VEB Treffmodelle, gehört übrigens zum Kombinat Oberbekleidung Berlin.
Für das Kombinat, also dem Zusammenschluss mehrerer Textilbetriebe, arbeiten zeitweise knapp 16.000 Menschen. Renate Mischner gilt als ehrgeizig und resolut. Sie ist SED-Mitglied und auch in der Partei aktiv. Sie hat ein großes Ziel, und zwar will sie Ingenieurin werden. Und die Chancen stehen noch gar nicht schlecht, da sie als Vorzeigesozialistin gilt und entsprechend von der Partei unterstützt wird. So darf sie beispielsweise in einer TV-Doku über VEB-Treffmodelle als eine der Protagonistinnen auftreten. Als sie 1960 mit nur 19 Jahren ihren zwei Jahre älteren Mann Wolfgang Mischner heiratet, jubelt die Betriebsseitung des VEB-Treffmodelle. Glückwunsch zur sozialistischen Hochzeit! Denn auch Ehemann Wolfgang ist ein Paradesozialist. Damals heiratete man übrigens oftmals so jung. Wer in wilder Ehe lebte, hatte große Probleme, eine entsprechend große Wohnung zu bekommen. Wolfgang Mischner wird 1939 in Freital, einem Ort nahe Dresden, in Sachsen geboren. Freital ist zu DDR-Zeiten ein industriell geprägter Ort mit Bergbau und Maschinenbaugeschichte. Laut dem Spiegel-Magazin wächst Wolfgang ohne Vater auf und lernt in Zwickau den Beruf des Universalfräsers. Seine Mutter heiratet erneut. Später machte er es seinem Adoptivvater nach, der für die Stasi arbeitet.
1957, da ist Wolfgang gerade mal 18 Jahre alt, wird er Soldat im Wachregiment. Das war so etwas wie der militärische Arm der Stasi. Dort dient er zunächst als Sicherungsposten für die Parteikader, also wichtige Mitglieder der SED. Und er bringt es sogar zum Hilfs-Sachbearbeiter. Wolfgang gilt als loyal und ist stramm auf Parteilinie. Ob aus Überzeugung oder aus Karrieregründen, das ist leider nicht bekannt. Dank seiner Gesinnung macht er Karriere bei den Personenschützern. Er ist als einer der Praetorianer, also ideologisch besonders geschult, aus der Hauptabteilung Personenschutz im Stasi-Reich zuständig, für die Sicherheit des Politbüros. Das heißt, er überwacht die Fahrstrecken der SED-Prominenz, Sorgt als Verantwortlicher für Organisation und Planung, aber auch für den Schutz auf Parteitagen. Er hat also durchaus einen wichtigen Job. Aber nicht nur beruflich geht es bei den Mischners bergauf. Auch das private Familienglück ist mit der Geburt ihrer zwei Söhne komplett. Die beiden Jungs sind bei der Ermordung ihrer Mutter zehn und sechs Jahre alt. Ja, doch so ganz perfekt ist die Ehe offenbar nicht. Denn im Frühjahr 1971.
Also nur wenige Wochen vor dem Mord an Renate, macht Stasi-Oberleutnant Wolfgang Mischner Urlaub an der Ostsee. Mit dabei ist aber nur sein jüngerer Sohn. Der Ältere bleibt bei seiner Mutter Renate zu Hause, in Berlin-Weißen See. Rein zufällig lernt Wolfgang im Urlaub die ledige Lehrerin Regina kennen. Tja, und nicht nur kennen, sondern auch lieben. Die beiden beginnen eine stürmische Affäre. Sie wollen unbedingt nach dem Urlaub weiter Kontakt halten. Die ledige Lehrerin weiß allerdings nicht, dass Wolfgang Mischner noch verheiratet ist. Und so geht die heimliche Liebe nach dem Urlaub weiter.
Jetzt wäre es natürlich ein leichtes für Wolfgang Mischner gewesen, sich von Ehefrau Renate zu trennen und später scheiden zu lassen. Das ist in der DDR ja nicht verboten. Auch für Mitglieder der Staatssicherheit gilt das. Doch eine Scheidung will Wolfgang unter allen Umständen vermeiden. Denn ein tadelloser Ruf als systemtreues und klassenbewusstes Mitglied der SED gehört zu einer Stasi-Karriere eben dazu. Und genau hier liegt das Problem für Wolfgang Mischner. Denn er betrügt seine Ehefrau und führt mit seiner Geliebten eine geheime Beziehung. Und wenn ein Genosse im Privaten schon so unzuverlässig und ein Betrüger ist, kann man ihm dann dienstlich noch vertrauen? Kann man ihm wirklich sicherheitsrelevante Aufgaben übertragen? Ja, also für uns klingt das heute ein bisschen seltsam, dass sich die Politik ins Privatleben einmischt. Aber in der DDR ist das normal. Eine ZDF-Doku bezeichnet beispielsweise die SED als die größte Eheberatung, die man sich vorstellen kann. Das weiß Oberleutnant Wolfgang Mischner natürlich auch. Ihm bleiben daher nur zwei Optionen. Entweder er trennt sich von seiner geliebten Regina oder er bleibt bei ihr, hält die Affäre weiterhin geheim und hofft, dass sie nicht auffliegt.
Wolfgang entscheidet sich. Er will seine Geliebten nicht verlassen. Regina und er schreiben sich also regelmäßig Briefe. Und das ist natürlich brandgefährlich für ihn. Er ist ja nicht immer zu Hause, wenn der Briefträger kommt. Daher besteht die Gefahr, dass einer dieser Liebesbriefe seiner Frau Renate in die Hände fällt. Ja, und genau so kommt es auch. Ihr Frau Renate kommt ihrem Mann auf die Schliche und findet so heraus, dass er seit einigen Wochen eine Affäre hat. Sie fühlt sich betrogen und hintergangen und will die Scheidung. Wie gerade erwähnt, will er eine Scheidung aber unter allen Umständen verhindern. Sie hätte möglicherweise einen empfindlichen Karriereknick für ihn bedeutet. Wir haben also eine zerrüttete Ehe zweier linientreuer Sozialisten, die aber keine persönlichen Feinde haben.
Jetzt kennen wir also Renate und Wolfgang Mischner und den Stand ihrer Ehe ein bisschen besser. Lasst uns zu den Ermittlungen zurückschauen. Wolfgang Mischners Kollegen sind natürlich besorgt, als sie vom Verschwinden von Renate erfahren. Immerhin wurde ja offenbar eine konkrete Morddrohung von möglichen Staatsfeinden ausgesprochen. Damit stehen im Grunde alle Stasi-Mitarbeiter potenziell auf der Abschussliste. Die Kollegen hören sich also im Umfeld von Renate Mischner um. Und ihre Arbeitskolleginnen beim VÖB-Treffmodelle, die haben tatsächlich interessante Dinge zu berichten. Renate hat ihnen zwar nichts von der Untreue ihres Mannes erzählt, denn von der Affäre weiß sie selbst ja erst seit wenigen Tagen. Aber sie hat ihnen berichtet, dass sie sich sorgen und zwar wegen des seltsamen Verhaltens ihres Mannes mache. Ihr Mann sei in letzter Zeit irgendwie so komisch und sie machen abends immer so seltsame Ausflüge.
Wolfgang Mischner will nämlich neuerdings mit seiner Frau immer ins Grüne fahren. Das verwundert sie, da ihr Ehemann nie ein großer Naturliebhaber war. Und so durchstreift sie mehrere Abende die Wälder rund um Berlin mit Wolfgang. Die Kinder sind in der Zeit allein zu Hause. Und noch etwas erfahren die Ermittler. Renate Mischner hat erst vor wenigen Tagen eine Lebensversicherung abgeschlossen. Offenbar auf Drängen ihres Mannes hin. Wir fassen nochmal kurz an dieser Stelle zusammen. Wolfgang Mischner fährt Renate am Abend des 3. Mai 1971 zu einer Arbeitskollegin. Mit dabei hat sie 1000 Ostmark. Woher sie das Geld hat, ist unklar. Von ihrem Konto hatte sie es ja jedenfalls nicht.
Zudem bestreitet die Arbeitskollegin aber, dass Renate Mischner an diesem Abend überhaupt bei ihr war. Und von diesen 1000 Ostmark weiß sie auch nichts. Sie habe Renate nie um Geld gebeten. Dazu kommen die mysteriösen Ausflüge spätabends in die Wälder rund um Berlin. Wieso entdeckt Wolfgang Mischner seine Liebe zur Natur auf einmal so kurz vor der Ermordung seiner Frau? Gibt es da einen Zusammenhang? Ja, und dann ist da ja noch die Sache mit dem Drohbrief. Solche Morddrohungen sind in der DDR nicht bekannt. Und warum sollte dann jemand ausgerechnet einen Oberleutnant nach dem Leben trachten? Dafür steht Wolfgang Mischner in der Stasi-Hierarchie eigentlich viel zu weit unten. Er ist nur ein kleines Rädchen im Getriebe sozusagen.
Und selbst wenn es wirklich diese Drohung gab, wieso wird seine Frau Renate getötet und nicht er selbst, Wolfgang? Sie ist ja nicht bei der Staatssicherheit wie er, sondern in der Textilindustrie. In der Tat gibt es hier einige Ungereimtheiten. Wolfgang Mischners Stasi-Kollegen finden die Sache auch höchst eigenartig. Als erfahrene Verhörspezialisten nehmen sie sich ihren Kollegen zur Brust. Er wird rund um die Uhr befragt. Und nach zwei Tagen Dauerverhör, endlosen Fragen und Durchhaltevermögen kommt es zum großen Knall. Denn Wolfgang Mischner gibt tatsächlich zu, für den Tod seiner Frau verantwortlich gewesen zu sein. Was für eine Wendung, oder? Wolfgang schildert nach dem Geständnis nun auch den Tathergang. Am Abend des 3. Mai 1971 setzt bereits die Abenddämmerung ein, als er mit Renate in die Gegend um Wandlitz fährt. Der Grund für die abenteuerlichen Ausflüge, wegen der sich Renate ja sorgenvoll an ihre Arbeitskolleginnen gewandt hat, war nämlich die Suche nach einem perfekten Tatort. Der ist gar nicht so leicht zu finden.
Denn entweder ist Wolfgang Mischner die Straßenbeleuchtung zu hell oder es sind für seinen Geschmack zu viele Autos unterwegs. Denn Zeugen kann er verständlicherweise keine gebrauchen. Auf Höhe eines Waldstücks nördlich von Berlin nahe Wandlitz täuscht er eine Autopanne vor. Wolfgang lässt seinen Trabant in einem Waldweg rollen. Dort steigt er aus und öffnet die Motorhaube. Wie es damals üblich ist, kennen sich die meisten Leute bestens mit ihren Autos aus. Das Modell des Trabants hat jahrzehntelang die gleiche Technik. Im Laufe der Zeit lernt man eben, sein Auto selbst zu reparieren. Daher erregt es bei Renate keinen Verdacht, dass ihr Mann selbst einen Blick unter die Motorhaube wirft. Er bittet seine Ehefrau Renate dann, auszusteigen und mit der Taschenlampe in den Motorraum zu leuchten, damit er das vermeintliche Problem erkennen kann. Als sie in den Motorraum leuchtet, geht Wolfgang zurück zum Innenraum des Trabants. Er greift unter den Beifahrersitz und holt seine Dienstwaffe heraus, die sowjetische Makarov-Pistole. Die hat er dort vor Antritt der Fahrt versteckt. Das kann Renate von ihrer Position aus aber nicht sehen. Mit seiner Dienstwaffe in der Hand stellt er sich hinter seine Frau. Er hebt die Pistole, zielt und schießt ihr aus nächster Nähe in den Hinterkopf. Die 30-jährige Renate Mischner bricht auf der Stelle zusammen und fällt zu Boden.
Wolfgang geht davon aus, dass seine Frau durch den Schuss tödlich verletzt wurde. Er schleift sie also ins Unterholz. Dort vernimmt er aber wieder erwarten ein Lebenszeichen von ihr. Ohne ein Gefühl von Schuld oder Reue läuft er wie ferngesteuert zurück zum Auto. Dort holt er ein Beil. Den Gewaltexzess, in den er jetzt verfällt, den wollen wir lieber nicht im Detail beschreiben. Den Körper von Renate bedeckt Wolfgang mit Laub. In diesem Moment vernimmt er ein leises Stöhnen und Röcheln. Seine Frau hat nicht nur den Schuss aus der Pistole, sondern auch die verheerende Beilattacke überlebt. Also das kann man fast nicht glauben.
Jetzt nimmt er einen Schal zur Hand und wickelt ihn Renate um den Hals. Er zieht minutenlang so fest zu, wie er nur kann. Schließlich ist er sich sicher, dass sie tot ist. Er bedeckt die Leiche notdürftig mit Ästen, Zweigen und Laub. Das Beil wirft er in den Wald. Dann geht er zurück zu seinem Trabant, fährt nach Hause, in die Falkenberger Straße nach Berlin, duscht und geht ins Bett. Am nächsten Morgen weckt er seine Jungs und sagt ihnen, dass ihre Mutter heute schon früher zur Arbeit musste. Anschließend geht er selbst wie immer zu seiner Dienststelle. Den Mord hat Wolfgang Mischner laut seiner Aussage akribisch geplant. Er kundschaftet nicht nur den Tatort aus, sondern besorgt sich auch eine nicht registrierte Patrone für seine Dienstpistole. Jetzt wissen wir also auch, warum er nur einmal schießt. Über jede verschossene Patrone wird genauestens Buch geführt. Hätte eine Patrone in seiner Dienstwaffe gefehlt, wäre das sofort aufgefallen. Wolfgang Mischner gibt aber auch zu, dass er diesen Drohbrief selbst geschrieben hat. Und auch hinter dem Abschluss der Lebensversicherung steckt er. Das Geld sollte die Beerdigungskosten seiner Frau decken. Als nächstes führt er seine Kollegen zum Fundort der Leiche in das Waldstück bei Wandlitz. Selbst erfahrenen Ermittlern verschlägt es die Sprache, als sie den zertrümmerten Schädel von Renate Mischner sehen.
Nach dem Geständnis und der entdeckten Leiche wird Wolfgang Mischner umgehend verhaftet. Davon bekommt aber bis auf wenige Stasi-Mitglieder niemand was mit. Weder Wolfgangs Angehörige noch die Öffentlichkeit. Denn der Mord ist für die DDR kein normaler Kriminalfall. Es wird extreme Geheimhaltung verordnet. Nicht mal die beiden Söhne erfahren was. Die werden einfach in ein Kinderheim in Eisenhüttenstadt gebracht. Die Erzieher dort erklären ihnen, dass ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall gestorben sind. Unglaublich, oder?
Ja, und die extreme Geheimhaltung hat aus Sicht der Partei auch gute Gründe. Kapitalverbrechen werden in der DDR systematisch verschwiegen. In den Medien, die ja von der Partei und ihren Organen streng zensiert werden, gibt es schlichtweg keine Meldungen über Mord, Totschlag, Drogenmissbrauch, Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch. Bundesmissbrauch. Solche Verbrechen passen einfach nicht ins Leitbild der Partei. Die DDR gilt in der veröffentlichten Meinung als gelobtes Land, in dem es allen gut geht und sich alle wohlgesonnen sind. Verbrechen haben hier keinen Platz. Die finden nur im Westen beim kapitalistischen Klassenfeind statt. Das ist natürlich auch ein Stück weit Selbstschutz und soll dem Überleben des sozialistischen Systems dienen. Denn jedem ist klar, dass der Kapitalismus dem Sozialismus überlegen ist, was das Warenangebot betrifft. Im Westen gibt es schicke Klamotten, stylische Jeans, exotische Südfrüchte und topmoderne Autos. Im Osten ist die Auswahl sehr stark eingeschränkt. Den Bürgerinnen und Bürgern der DDR soll daher vermittelt werden, dass sie quasi als Ausgleich für ihren Konsummangel in einem sehr sicheren Land leben. Indem es zudem einen großen gesellschaftlichen Zusammenhalt gibt, was durchaus zutrifft.
Während es in den Großstädten im Westen oft sehr anonym zugeht, kennt man sich in der DDR, in der Nachbarschaft, sogar in den riesigen Plattenbauten. Die gelten heute ja eher als Bausünde. In den 1960er und 70er Jahren sind sie aber extrem begehrt. Da gibt es Zentralheizung, einen Aufzug und einen Balkon. Man muss also nicht mühsam Kohle aus dem Keller in die Altbauwohnung schleppen, um es dort im Winter einigermaßen warm zu haben. Auf den Gemeinschaftsflächen rund um die Plattenbauten finden regelmäßig Grillfeste statt. Oder man setzt sich einfach gemeinsam auf ein Bier zusammen. Denn leckeres Bier gibt es in der DDR genug. Und was manche vielleicht nicht wissen, oder ich wusste es zumindest nicht, es wurde viel Bier von der DDR nach Westdeutschland exportiert. Die meisten Namen kennt man heute noch, wie beispielsweise Radeberger oder Berliner Pilsner, Wernesgrüner Pils oder Köstritzer Schwarzbier, um nochmal ein paar Namen zu nennen. Generell hilft man sich in der DDR sehr bereitwillig, auch bei privaten Problemen. Wenn man beispielsweise weiß, dass jemand Probleme mit dem Alkohol hat und nicht bei seinem Arbeitsplatz erscheint, Dann werden einfach zwei Kollegen zu ihm nach Hause geschickt, um ihn abzuholen. So wird in vielen Fällen ein Totalabsturz vermieden. In der BRD mischt man sich dagegen weniger stark ins Privatleben der Menschen ein. Wie so oft im Leben gibt es eben neben dem Licht auch Schatten. Und wir wollen jetzt auch nicht irgendwie nostalgisch sein oder ostalgisch, wie das früher mal hieß.
Wir wollen vielmehr an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, der seine Macht extrem ausgenutzt hat. Bürgerinnen und Bürger werden überwacht, bespitzelt und natürlich bestraft, wenn sie gegen die Parteilinie verstoßen. Ja, nicht nur das. In dem bekannten Foltergefängnis der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen, da ist heute übrigens eine Gedenkstätte für die Opfer, da werden Menschen systematisch gebrochen. Dabei werden die Inhaftierten psychologisch zermürbt. Die Opfer erleiden Schlafentzug und werden ständig mitten in der Nacht verhört. Manche Verhöre gehen über Wochen.
Sie sitzen in fensterlosen Zellen in Isolationshaft. Die Familien und die eigenen Kinder werden bedroht. Am Ende haben die Opfer kein Vertrauen und keine Widerstandskraft mehr. Es sind gebrochene und zutiefst verängstigte Menschen. Auch wenn Wolfgang Mischner selbst keine Menschen in Berlin-Hohenschönhausen bricht und foltert, so ist er doch Teil dieses unmenschlichen Systems, das seine Macht gnadenlos ausnutzt. Möglicherweise hat dieses Machtbewusstsein ihn dazu verleitet, Macht auch im Privaten auszuleben. Er hintergeht erst seine Frau, belügt zudem seine Geliebte und tötet dann Ehefrau Renate auf eine extrem brutale Art, nur um keine beruflichen Nachteile erleiden und Ansehen verlieren zu müssen.
Wobei dieses Motiv gar nicht gesichert ist. Wolfgang Mischner gibt zwar zu, seine Frau getötet zu haben, aber er nennt ein völlig anderes Motiv. In Wirklichkeit sei es weder um seine Affäre mit der jungen Lehrerin gegangen, noch wollte er mit dem Mord an seiner Frau einer Scheidung zuvorkommen, die möglicherweise ja einen Karriereknick bedeutet hätte. Wolfgang Mischner berichtet viel mehr von einem regelrechten Agenten-Thriller, an dessen Ende seine Frau tot ist. Und das ist der zweite Grund, warum der Mord an Renate Mischner mit keiner Silbe in der Öffentlichkeit erwähnt wird. Okay, das klingt jetzt ein bisschen verwirrend, deswegen der Reihe nach. Bei den Verhören von seinen Stasi-Kollegen erklärt Wolfgang, dass er vom Bundesnachrichtendienst, dem westdeutschen Auslandsgeheimdienst, angeworben wurde. Unter dem Decknamen Pitt soll er sich seit dem Jahr 1969 insgesamt 15 Mal mit einem BND-Agenten namens Manfred Junge getroffen haben. Laut Spiegel soll er dem Westspion Jahrespläne der Leibwächter detaillierte Skizzen für den Schutz auf Parteitagen und an der Protokollstrecke von Wandlitz nach Ost-Berlin verraten haben. BND-Agent Manfred Junge interessieren vor allem die Fragen, woher kommt das Essen für Staatsbankkette, wer liefert die Getränke und werden die Speisen vorher untersucht?
Die Kontaktaufnahme zu ihm soll BND-Agent Manfred Junge eingefädelt haben. Allerdings gibt Wolfgang dazu verschiedene Versionen zu Protokoll. Zunächst behauptet er, dass seine ermordete Frau Renate ihn für die Westspionage rekrutiert habe. Eines Tages habe Manfred Junge bei ihm zu Hause im Wohnzimmer auf dem Sofa gesessen. Der Mann aus Purlach habe ihm Fotos seines Dienstausweises und des Dienstsiegels gezeigt und gedroht, Zitat, Sie können gar keine Zicken machen. Wolfgang Mischner soll daraufhin Panik bekommen haben, kann aber nichts unternehmen. Er sagt dazu in seiner Vernehmung Folgendes. Manfred Junge weidete sich ganz höhnisch an meiner Aufregung und den Schweißausbrüchen aus Angst. Ja, diese Version trifft wohl nicht so ganz zu. Denn Renate Mischner hatte niemals Kontakt zu irgendwelchen ausländischen Geheimdiensten. Daher ist es auch ausgeschlossen, dass sie einen westdeutschen Agenten in ihrer Wohnung im Berlin-Weißen See auf dem Sofa sitzen lässt. Warum Wolfgang diese Version erzählt, bleibt sein Geheimnis. Möglicherweise wollte er die Schuld für den Mord an seiner Frau irgendwie Renate selbst in die Schuhe schieben. Seine krude Logik dahinter ist, dass er ohne seine Frau nicht zum Verräter geworden wäre. Damit ist sie im Grunde selbst an ihrem Schicksal, also an ihrem Tod, schuld. Es ist der Versuch einer klassischen Täter-Opfer-Umkehr.
Als nächstes erklärt Wolfgang, dass er Manfred Junge zufällig bei einem Feierabendbier in einer Kneipe in Berlin-Weißensee kennengelernt habe. Der Agent aus dem Münchner Vorort Polach, wo der BND damals seine Zentrale hatte, gibt sich als Werkzeugmacher des VEB 7. Oktober aus. Der Betrieb heißt so, volkseigener Betrieb 7. Oktober, benannt nach dem Gründungstag der DDR am 7. Oktober 1949.
Die beiden kommen ins Gespräch und plaudern entspannt über ein gemeinsames Hobby, nämlich Briefmarken. Schließlich beginnen die beiden sogar, Briefmarken zu tauschen. Manfred Junge hat deutlich wertvollere Briefmarken als Wolfgang. Doch er überlässt ihm großzügig schöne Stücke, gewährt ihm quasi Kredit für sein kostspieliges Hobby. Als Gegenleistung verlangt Manfred Junge Informationen. Er lässt seine Maske fallen und gibt sich als BND-Agent zu erkennen. Immer wieder passt ihn Manfred Junge vor seiner Stasi-Dienststelle in Berlin-Weißensee ab oder ruft ihn sogar an. Schließlich soll sich Wolfgang bereit erklärt haben, für den Klassenfeind, also für die Bundesrepublik Deutschland, zu spionieren. Und Renate soll von seiner Spionagetätigkeit nichts gewusst haben. Aber sie sieht ihren Mann gemeinsam mit Manfred Junge bei einer Unterhaltung. Sie wird also misstrauisch und will wissen, wer der Mann sei.
Wolfgang erklärt seiner Frau, dass der Mann ein neuer Arbeitskollege sei. Aber Renate lässt nicht locker. Sie verlangt, dass ihr Mann ihr den neuen Kollegen vorstellt. Bei einem Mitarbeiterfest von der Stasi, da sucht sie den ganzen Abend nach diesem vermeintlich neuen Kollegen, der natürlich nicht auftaucht. Wolfgang Mischner bekommt zunehmend Angst, dass seine Frau hinter seine Spitzeltätigkeit für die BRD kommt. Er befürchtet, dass seine sozialistische Renate ihn anschließend ans Messer liefern wird. In seiner Not bittet er Manfred Junge um Hilfe. Doch er rechnet nicht damit, was der Westagent ihm rät. Nämlich, ich zitiere jetzt hier, Im Interesse meiner persönlichen Sicherheit hat er, also Manfred Junge, eine mehr als harte Maßnahme vorgeschlagen. Er sprach dabei konkret davon, meine Frau umzubringen und wollte wissen, ob ich damit einverstanden wäre oder nicht. Ich sagte ihm zu. Ja, ein doch recht, sagen wir mal, ungewöhnlicher Vorschlag. Um es mal vorsichtig zu formulieren. Der Vorschlag, seine Frau zu beseitigen, soll also vom BND-Spion gekommen sein. Und nicht nur das. Manfred Junge soll ihm auch noch detailliert beschrieben haben, wie Wolfgang bei der Tat vorgehen solle. Er müsse ein einsames Waldstück auswählen, sich eine nicht registrierte Patrone besorgen, den tödlichen Schuss mit der Dienstpistole abgeben und vor der Tat mit anonymen Drohungen eine falsche Spur legen.
An dieses Drehbuch hält sich Wolfgang Mischner akribisch. Lass uns jetzt mal einen Blick auf diese Aussage werfen und schauen, ob das stimmt. Anfang der 1970er Jahre tobt ein regelrechter Agentenkrieg zwischen Ost und West. Sowohl die DDR als auch die BRD versuchen immer wieder Spione im anderen deutschen Teil einzuschleusen. Auf der Glienicker Brücke über die Havel zwischen Berlin und Potsdam gibt es immer wieder spektakuläre Austauschaktionen zwischen inhaftierten Ost- und Westspionen. Es könnte also stimmen, dass dieser Manfred Junge Wolfgang angeworben hat. Wobei das sicher nicht sein richtiger Name war, falls es diesen Agenten wirklich gegeben hat. Jetzt kommt allerdings das große Aber. Wolfgang Mischnar hat als Personenschützer keinerlei Kenntnisse, wie die Stasi als Geheimdienst arbeitet und organisiert ist. Er ist ja nicht mal in der Zentrale beschäftigt, sondern in einer kleinen, eher unbedeutenden Außenstelle. Zudem gehört er ja wie erwähnt als Oberleutnant nicht zur Führungsriege der Stasi. Der Erkenntnisgewinn für Manfred Junge wäre also, sagen wir mal, überschaubar gewesen. Außerdem hätte ein BND-Agent niemals Kontakt mit einem Stasi-Mitarbeiter vor einer Dienststelle aufgenommen, so wie es Wolfgang Mischner behauptet. Der BND wäre viel konspirativer vorgegangen. Man hätte sich wahrscheinlich in einer geheimen Wohnung getroffen. Auch Telefonate hätte es keine gegeben.
Die wurden oft abgehört. Die Gefahr aufzufliegen wäre viel zu groß gewesen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist die ganze Spionagegeschichte also eine Erfindung und Schutzbehauptung. Wolfgang Mischner will damit wohl die Schuld für den Mord erneut von sich wegschieben. Diesmal soll ihn eben der BND zur Bluttat überredet haben. Der BND bestreitet übrigens jede Beteiligung. Von einem Wolfgang Mischner will man beim Westdeutschen Geheimdienst noch nie irgendwas gehört haben. Doch die DDR-Fahnder nehmen das Geständnis ernst. Die 4. Mordkommission ermittelt gegen unbekannte Mitarbeiter des BND wegen Anstiftung zum Mord. Es steht also nicht zu 100% fest, ob Wolfgang Mischner für den BND spioniert hat oder nicht. Später widerruft er sein Geständnis übrigens wieder. Das hat aber wohl eher taktische Gründe. Denn Wolfgang droht ein extrem hohes Strafmaß, um genau zu sein, die Maximalstrafe. Und die ist in der DDR die Todesstrafe. Schließlich geht es nicht nur um Mord, sondern auch um Spionage. Und bei Staatsverrätern kennt die DDR kein Erbarmen und keine Gnade.
Noch vor dem Prozessbeginn wird Wolfgang vom Ministerium für Staatssicherheit unihrenhaft aus dem Dienst entlassen. Einen Mörder, der seine Frau kaltblütig erschießt, erschlägt und erwürgt, den kann man in den eigenen Reihen nicht gebrauchen. Wenn die Tat an die Öffentlichkeit gekommen wäre, dann hätte das Ansehen der Stasi sowohl in der DDR als auch in der BRD großen Schaden genommen. Der Prozess gegen ihn beginnt ein Jahr nach dem Mord an Renate Mischner im Mai 1972 vor dem Militärstrafsenat des obersten Gerichts der DDR.
Eine faire Verhandlung nach rechtsstaatlichen Prinzipien bekommt Wolfgang nicht. Das Urteil steht bereits seit Februar 1972 fest, also schon ein paar Monate vor Prozessbeginn. Und es wird von allerhöchster Stelle abgesegnet. Erich Honecker, erster Sekretär des Zentralkomitees der SED, Vorsitzender im Nationalen Verteidigungsrat und des Staatsrats, ist der mächtigste Mann in der DDR. Ohne seine Zustimmung geschieht hier gar nichts. Im Prozess fragt ihn der vorsitzende Richter, gibt es einen Zusammenhang zwischen der Tötung an ihrer Frau und der Spionage? Wolfgang Mischner antwortet zunächst mit einem Nein. Ein paar Minuten später ändert er seine Aussage. Er sagt, ja, es gibt eine enge Verbindung zwischen den beiden Komplexen. Danach bittet er um Gnade und sagt weiter, wenn ich die Möglichkeit erhalten sollte, werde ich für mein weiteres Leben die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Doch diese Möglichkeit bekommt er nicht. Sein Verrat hätte dem Westen terroristische Handlungen gegen führende Repräsentanten der Partei und Staatsführung ermöglicht.
Nach drei Verhandlungstagen wird Wolfgang Mischner daher wegen Mordes und Spionage im besonders schweren Fall zum Tode verurteilt. In der Urteilsbegründung heißt es, ich zitiere, Das Charakterbild des Angeklagten ist dem Sozialismus völlig wesensfremd. Die schärfste Reaktion des sozialistischen Staates ist daher angemessen. In der DDR wurden übrigens insgesamt 372 Menschen zum Tode verurteilt. 206 Todesurteile werden davon auch vollstreckt. Die Todesstrafe wurde in der DDR übrigens offiziell im Jahr 1987 abgeschafft. Die letzte Hinrichtung gab es 1981. Die bis dahin nicht vollstreckten Todesurteile wurden in lebenslange Freiheitsstrafen umgewandelt. Nach dem Urteil wird Wolfgang Mischner in die Justizvollzugsanstalt Leipzig gebracht. Die befindet sich im ehemaligen königlichen Landgericht, einem wunderschönen Gebäude. Hier hofft Wolfgang noch auf ein Wunder.
Möglicherweise glaubt er, dass man ihn noch brauchen wird, um den BND-Agenten Manfred Junge zu fassen. Wenn es diesen Manfred Junge, wie gesagt, überhaupt gegeben hat. Die Stasi scheint von seiner Existenz überzeugt zu sein. Ansonsten hätten sie den Fall niemals an Staatschef Erich Honecker gemeldet und sich das Okay für das Todesurteil eingeholt. Die Staatssicherheit versucht anschließend dem ominösen Manfred Junge eine Falle zu stellen. Dafür stehen Einsatzkommandos bereit, die ihn jederzeit verhaften können. Doch der Spion taucht nie wieder auf. Nach wie vor ist es also unklar, ob es diesen Manfred Junge gegeben hat. Vom Bundesnachrichtendienst gibt es dazu bis heute jedenfalls keine Information.
Der frühere Militäroberstaatsanwalt der DDR soll in einer Gesprächsrunde über den Fall Wolfgang Mischner gesagt haben, als es um politische Morde ging, ich kenne nur einen Auftragsmord und da kam der Befehl vom BND. Am 29. September 1972 wird Wolfgang Mischner aus seiner Zelle der JVA Leipzig geholt. Möglicherweise wird ihm erklärt, dass er zu einer ärztlichen Untersuchung gebracht werden soll. Als er in einem Raum wartet, tritt von hinten der Offizier Hermann Lorenz unbemerkt an ihn heran und schießt ihn ohne Vorwarnung in den Hinterkopf. Wolfgang Mischner ist sofort tot. Was sich jetzt brutal anhört, war seit 1968 in der DDR tatsächlich gängige Praxis. Die Todesurteile wurden mit dem sogenannten unerwarteten Nahschuss vollstreckt. Es ist ein gezielter Kopfschuss aus nächster Nähe. Diese Methode wird als humaner angesehen, als die Hinrichtung durch das Fallbeil, das bis dahin zum Einsatz kam. Den Verurteilten soll damit stresserspart bleiben, weil er seine Hinrichtung nicht kommen sieht. So, und jetzt wird's interessant. Im Totenschein, ausgestellt von Medizinalrat Günther Schneider, steht übrigens nichts von einer Hinrichtung. Mit Todesurteilen geht man in der DDR nicht hausieren. Todesurteile dienen also weniger der Abschreckung, sondern sind wirklich als Strafe gedacht.
Todesurteile werden für drei verschiedene Deliktgruppen verhängt. Nationalsozialistische Verbrechen, die bis 1945 begangen wurden, politische Straftaten wie Spionage oder Republikflucht oder eben Tötungsdelikte.
Als Ursache für seinen Tod stehen in Wolfgangs Totenschein Bluthochdruck und Unterzuckerung. Diese Angaben sind natürlich falsch. Aber es fragt niemand nach, warum ein kerngesunder 33-Jähriger urplötzlich an Bluthochdruck und Unterzuckerung gestorben sein soll. Den Totenschein bekommt eh keiner zu Gesicht. Der ist ausschließlich für die Akten gedacht. Nicht einmal Wolfgangs Mutter wird über das Schicksal ihres Sohnes informiert. Die Frau, die in einem Zwickauer Plattenbau lebt, erfährt weder von der Verhaftung noch vom Prozess oder dem Todesurteil und der Hinrichtung. Sie glaubt an einen tödlichen Autounfall, genau wie ihre Enkelkinder. Bis zu ihrem Tod weiß sie auch nicht, wo sich das Grab ihres hingerichteten Sohnes befindet. Wolfgang Mischnar dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit nach seiner Hinrichtung verbrannt und auf dem nahegelegenen Südfriedhof anonym verscharrt worden sein. So wurde das jedenfalls bei den übrigen Hinrichtungsopfern praktiziert. Als die Mutter von den Behörden über den vermeintlichen tödlichen Autounfall ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter benachrichtigt wird, beantragt sie das Sorgerecht für ihre Enkel. Das wird aber ohne Begründung abgelehnt. Was aus den beiden Kindern wurde, die heute 64 und 59 Jahre alt sein müssten, und ob sie überhaupt noch leben, ist nicht bekannt. Auch ob die Söhne jemals über die wahren Todesumstände ihrer Eltern informiert wurden, wissen wir nicht.
Ich glaube, da müssen wir alle kurz einmal durchatmen, oder? Ich habe so viele Gedanken in meinem Kopf. Ich weiß gar nicht so richtig, wo ich anfangen soll bei diesem Fall. Also ich finde es erst mal unfassbar, wie ein Staat es damals eben geschafft hat, solche Kriminalfälle unter den Teppich zu kehren. Und ja, dass das möglichst nicht an die Öffentlichkeit kommt und nach außen halt ein anderes Image versucht hat zu leben. Also das finde ich auf der einen Seite unfassbar, aber natürlich auch, wie Wolfgang Mischner vorgegangen ist. Also dass er verschiedene, wenn wir mal Ideen hatten, wem er es denn in die Schuhe schieben kann. Achso, ich dachte, du meintest die Waffen. Auch, alles. Alles ist einfach unfassbar. Und ich kann das gar nicht fassen. Wir haben jetzt schon oft in der Vorbereitung drüber uns informiert und jetzt drüber gesprochen, aber dass man den Hinterbliebenen nichts gesagt hat beziehungsweise man hat sie angelogen, dieser Autounfall. Ja, ja, ja. Ich frage mich, ob es im Sinne der Kinder, ob es humaner ist, das nicht zu erzählen. Müssen die unbedingt wissen, wie ihre Eltern umgebracht wurden oder verstorben sind? Weil wenn ich überlege, ich werde mit einem Bewusstsein groß, meine Eltern sind verunglückt in einem Autounfall. Also das wäre mir tausendmal lieber, auch wenn es eine Lüge ist.
Als das, was ihnen eigentlich passiert ist, oder? Ja, das will ich mir auch gar nicht vorstellen, diese Situation. Aber klar, aus der damaligen Perspektive hat man ja gedacht, die DDR wird ja noch ganz viele Jahre weitergehen. Und dann wäre es ja auch nicht rausgekommen. Aber diese Information gibt es ja jetzt. Haben die das erfahren? Wissen die das jetzt? Oder leben sie immer noch im Bewusstsein ihrer Eltern, seien bei einem Autounfall gestorben? Weil das hinterfragst du ja nicht. Das ist eine Info, die dir gegeben wurde. Und dann denkst du ja nicht 20 Jahre später, oh, war das vielleicht eine Lüge? Das machst du ja nicht. Ja, also viele Fragen, die da offen sind, viele, die zum Glück aber auch beantwortet sind, muss man ja sagen. Also das Verbrechen konnte ja auch aufgeklärt werden. Und die DDR hat dann ja, wie sie sagt, in der humanen Art und Weise gehandelt und im Überraschungseffekt, so möchte ich ihn jetzt mal nennen, die Todesvollstreckung durchgeführt. Das finde ich ist auch nochmal, da fällt mir nicht mal ein Wort ein, wie ich das beschreiben soll, das Vorgehen.
Aber um es mal so ein bisschen positiver zu sehen, was ich erstaunlich finde, ist, dass die Menschen aus diesem Unrechtsstaat ja wirklich nahtlos in den Westen eingegliedert wurden. Und irgendwie, ich finde die Deutschen, die merken manchmal gar nicht, was da Tolles passiert ist, dass sie über Nacht von zwei so unterschiedlichen Systemen ein Volk wurden, obwohl das so ein traumatisiertes Volk ist. Also ich fand das noch erstaunlicher, nachdem dieser Fall irgendwie kam, dass ich dachte, wow, das sind sehr unterschiedliche Leute gewesen in den letzten Jahrzehnten davor und irgendwie... Habt ihr es hier in Deutschland ja geschafft, dass man trotzdem irgendwie eine Gemeinsamkeit anscheinend hergestellt hat, auch wenn es nicht perfekt ist, ist mir schon klar. Vielleicht noch ganz kleiner Disclaimer am Schluss, weil wir jetzt ja schon sehr negativ, möchte ich mal sagen, über die DDR gesprochen haben und die ganzen Dinge, die da so vonstatten gegangen sind. Da war sicherlich auch vieles sehr, sehr negativ. Aber was so mein engstes Umfeld, was in der DDR aufgewachsen ist, beschreibt, da gibt es auch schöne Seiten, die sie erlebt haben. Deswegen, das ist mir jetzt am Ende nochmal ganz wichtig, dass da sicherlich nicht alles so schlecht war. Sicherlich vieles, aber nicht alles, sondern dass man da auch ein schönes Leben haben konnte.
Aber ja, da wird jeder seine eigenen Erfahrungen gemacht haben. Ja, total. Und wir haben ja noch eine kleine Nachricht für euch am Ende unseres DDR-Falls, wenn man so möchte. Wir legen nämlich jetzt bei Im Schatten der Macht eine kleine Pause ein. Das ist jetzt sozusagen das Ende der ersten Staffel. Und an der Stelle jetzt erstmal möchten wir uns ganz dolle bei euch bedanken, dass ihr immer zuhört und kommentiert. Und wir haben uns auch über die Kommentare, die vielleicht nicht so positiv waren, gefreut, weil das heißt, dass ihr mit dabei seid und mitfiebert. Genau, wir hatten bis hierhin ganz viel Spaß, auch wenn das immer falsch klingt im True-Crime-Kontext, aber ich meine damit eher die Zusammenarbeit zwischen Ricardia und mir und all den Personen, die hier an diesem Projekt beteiligt sind. Das sind ja nicht nur wir beide, aber ihr hört eben nur uns beide, aber da sind noch ganz viele andere Leute involviert. Also vielen Dank an alle, die dieses Projekt bis hierhin schon so schön und so hörenswert gemacht haben. Und wenn ihr gar nicht auf True Crime verzichten wollt und könnt, dann könnt ihr ja auch mal in die schwarze Akte reinhören. Und möchten wir jetzt mal an der Stelle empfehlen. Unbedingt.
Bis dahin, bis zum nächsten Mal auf jeden Fall. Wünschen wir euch alles Gute. Eure Ricardia. Und eure Anne. Bis dann. Danke an unser Team von Open Minds Media. Executive Producer Rüdiger Barth. Konzeption Peter Greve, Rüdiger Barth und Manfred Neumann. Autor Stefan Weber. Producer Riccardia Bremley. Den Schnitt machte Lilli Johansen. Zusätzliche Unterstützung von Falco Schulte.