Willkommen bei Blackbox, dem Sci-Crime-Podcast. Euch erwartet ein True-Crime-Podcast mit der Extra-Portion Psychologie. Ich bin Maxi. Und ich bin Babsi. Ihr habt euch schon immer gefragt, was Menschen dazu bringt.
Music.
Schreckliche Taten zu begehen? Dann seid ihr hier genau richtig.
Und damit sind wir heute bei unserer dritten Folge zu Kurt-Werner-Wiechmann. Babsi, heute ist die Folge, vor der du dich wahrscheinlich gefürchtet hast. Denn heute geht es um Cold Cases. Ja, also ich freue mich so eingeschränkt drauf, würde ich sagen. Aber ich habe mich mental darauf vorbereitet, dass mich diese Folge und dieser Fall und diese Cold Cases die nächsten schlaflosen Nächte quasi, mir die nächsten schlaflosen Nächte bescheren werden. Und da ich mental darauf vorbereitet bin, es ist okay. Ich fange an, Frieden mit Cold Cases zu schließen. Es ist ein langsamer Prozess. Ich bin noch nicht angekommen, aber ich bewege mich in die Richtung. Okay, das freut mich, weil ich mag Cold Cases ja sehr, sehr gerne. Ich finde das sehr spannend. Ich finde es sehr toll, mir da die ganze Zeit drüber Gedanken zu machen. Fände ich auch, wenn sie mich schlafen lassen würden. Tagsüber finde ich das auch klasse. Aber du kennst das doch bestimmt, wenn man abends im Bett liegt und dann denkst du so, ein langer Tag, in Ruhe schlafen. Und dein Gehirn ist so, sag mal, erinnerst du dich noch an diesen merkwürdigen Fall, von dem wir neulich im Podcast und glaubst du eigentlich, dass, und dann denke ich mir so, nein, bitte nicht. Warum?
Nein, das habe ich nie. Wenn ich mich abends ins Bett lege, ist mein Gehirn so, okay, und jetzt machen wir einen durchgehenden Ton. Und dann bin ich weg, ich brauche zwei Sekunden zum Einschlafen.
Bevor wir jetzt aber zum offiziellen Teil des Falls, dieser Folge kommen, wollen wir noch eine Nachricht mit euch teilen. Und zwar hat uns eine Hörerin von uns geschrieben, die selber bei Strafverteidigern in Deutschland arbeitet und das schon seit fast 17 Jahren.
Und es geht tatsächlich oder ging in der Nachricht um unsere Folge zum Thema Femizid. Und sie selbst sagt, in Deutschland gibt es häufiger den Bonus bei Provokation, ganz besonders bei Femiziden. Da gilt das Klischee, Frauen diskreditieren den Mann und der Mann tötet. Und dann hat sie geschrieben, ein Mandant hat bei denen deshalb nur neun Jahre bekommen, weil da dieses Prinzip der Provokation anerkannt wurde. Wir wollten das nochmal mit euch teilen. Danke an der Stelle für die Nachricht. Weil es für uns natürlich auch immer total interessant ist, Geschichten und Perspektiven aus euren Arbeitsalltagen zu hören und zu erfahren, dass unsere teilweise auf Statistiken basierenden Annahmen in der Realität tatsächlich von euch auch an vielen Stellen so wahrgenommen werden. Also danke dafür.
Damit kommen wir jetzt wieder zurück zu unserer eigentlichen Folge. Bevor wir jetzt aber mit dem Fall an sich starten, haben wir einen kleinen Verweis auszusprechen. Der geht heute an Kollegen von uns, nämlich an das Zeitverbrechenteam. Ich habe nämlich für die heutige Folge sehr viele Artikel von der Zeit genutzt. Die Zeit hat da über die letzten Jahre immer wieder mal Artikel rausgebracht über den Ermittler, der jetzt mittlerweile auch zu Kurt Werner Wichmann weiter ermittelt, dass ich die ganzen Cold Cases anschaue, die es in dem Fall noch gibt, die da zusammenpassen könnten. Und da hat die Zeit einen sehr guten Überblick durch all diese Artikel gegeben. Und deswegen fand ich es nur fair, auch heute darauf zu verweisen, dass wir viele Quellen von der Zeit haben und da eben das meiste genutzt haben.
Und auf der anderen Seite aber auch, dass es so eine Menge an Cold Cases, so eine Menge an Hinweisen und Spuren und Überlegungen gibt, dass wir nicht alles in diese eine Folge jetzt quetschen konnten, beziehungsweise diese dritte Folge zu Kurt Werner Wichmann. Ihr seht, das ist einfach ein absolut riesiger Fall, dem wir nicht mal mit drei Folgen so richtig gerecht werden konnten. But we did our best, dass es nicht zu viel wird, aber ihr trotzdem einen Eindruck bekommt, was für Dimensionen der annehmen könnte. Diese ganzen Artikel und auch die ganzen Ermittlungen, die der Ermittler Reinhard Tschedor mittlerweile auf die Beine gestellt hat, wäre nicht möglich gewesen ohne Öffentlichkeitsarbeit.
Das heißt, so wie auch der Podcast Zeit Verbrechen und die Zeit in ihren Antikeln und auch Reinhard Tschedor in seinen Internet- und Fernsehauftritten selbst, Möchten auch wir heute dazu auffordern, dass wenn ihr heute hier zuhört und merkt, boah, irgendwie kenne ich davon was oder mir ist vielleicht sowas auch schon auch früher passiert oder meine Mutter hat mir erzählt, dass sie früher mit vielleicht einem Mann zu tun hatte, der irgendwie dazu passen könnte. Oder wenn ihr auf Instagram, da heißt er Blackbox, der Podcast, alles klein und zusammengeschrieben, mal vorbeischaut, da haben wir auch Bilder von Kurt Wendt, wie ich mal gepostet. Sollte irgendwas davon euch bekannt vorkommen und ihr sagen, ich weiß irgendwas aus dieser Zeit, das vielleicht helfen könnte, dann könnt ihr euch jederzeit bei der Zeit melden. Die würden das dann weiterleiten an Reinhard Cedor und der ist nämlich nach wie vor dran, die Ermittlungen zu machen und ist da in der Hoffnung, einige der Cold Cases aufzulösen und da eventuelle Verbindungen zu Kurt Werner Wichmann zu ziehen. Und damit würde ich sagen, starten wir in den heutigen Fall und Babsi, in deine nächste schlaflose Nacht. Einige der Namen in dem folgenden Fall wurden geändert, entsprechen nicht der wahren Person, einfach aus Anonymitätsgründen und weil die betreffenden Personen ihre wahre Identität da nicht preisgeben wollten.
Sommer 1975. Ingrid ist 16 Jahre alt. Sie ist gemeinsam mit ihrer Freundin am Wochenende unterwegs. Wie so oft ziehen sie los Richtung Altenwalde bei Cuxhaven. Dort gibt es eine Disco, der Goldene Drache. Sie wollen dort die Nacht verbringen und tanzen, bis ihre Füße sie nicht mehr tragen.
Nach ausgelassenen Stunden dort machen die beiden sich wieder auf den Heimweg. Zu Fuß zur Landstraße, die sie gut kennen. Von dort trampen sie oft. Ihr Ziel? Cuxhaven. Ein Auto hält neben ihnen, ein roter Sportwagen. Die beiden Frauen steigen ein, gut gelaunt von der ausgelassenen Partynacht. Zwei Männer sitzen vorne im Auto, der eine blond, ordentlich frisiert, fast spießig. Der Fahrer wirkt jünger, weicher, freundlicher, mit dunklen Haaren.
Die beiden jungen Frauen begrüßen die beiden, doch es kommt kaum etwas zurück. Die Stimmung im Wagen ist angespannt, die Männer sagen kaum einen Ton. Statt nach Cuxhaven biegt der Jüngere der beiden, der Fahrer, in den Wald ab. Zielgerichtet fährt er durch das Unterholz und mit jedem Meter, den das Auto zurücklegt, wächst das Unbehagen in Ingrids Magengrube. Als das Auto stehen bleibt, ist sie sich sicher, dass sie nun Vergewaltigern zum Opfer fallen. Während ihre Freundin wie erstarrt nach vorne blickt, lehnt sich Ingrid diagonal nach vorne, um den jüngeren, dunkelhaarigen anzusprechen, der auf sie deutlich nahbarer wirkt, als der blonde Mann, der stumm vor ihr selbst sitzt. Sie fordert ihn auf, den Motor wieder zu starten und sie nach Hause zu bringen. Statt einer Antwort blickt der Fahrer zu dem blonden Mann auf dem Beifahrersitz, ganz so, als erwarte er eine Anweisung. Der Beifahrer greift nach vorne und Ingrid erhascht einen Blick auf eine Schusswaffe. Plötzlich schießt es ihr glasklar durch den Kopf. Die beiden sind sicherlich Polizisten in Zivil, darauf aus dem Drogenhandel auf die Schliche zu kommen.
Sie beschwichtigt die beiden, gibt zu, dass sie und ihre Freundin zwar ein bisschen Hasch in der Tasche haben, aber mehr bei ihnen nicht zu holen sei. Sie bietet an, ihren Dealer in Cuxhaven zu verraten, zeigt sich den scheinbaren Polizisten gegenüber kooperativ. Jetzt lacht der Beifahrer, möchte, dass sie ihm das Hasch zeigt. Ingrid folgt seinen Anweisungen und der Fahrer lässt den Motor wieder an. Das Auto bewegt sich rückwärts aus dem Waldweg hinaus. Und die beiden Mädchen kommen sicher in Cuxhaven an.
Sommer 1977. Eine junge Frau steht am Straßenrand und möchte per Anhalter von Cuxhaven nach Saanenburg mitgenommen werden. Sie hat Erfolg. Es dauert nicht lange und ein Auto hält neben ihr am Straßenrand. Sie steigt ein, am Steuer sitzt ein großer, blonder Mann mit großer Brille, der sie freundlich in Empfang nimmt, So angenehm die Mitfahrgelegenheit zu Beginn scheint, so unangenehm wird es im Laufe der Fahrt Am Zielort angekommen, wird er immer aufdringlicher, Sie wehrt sich, nutzt ihre Hände und Nägel als Waffen, mit denen sie ihrem Angreifer das Gesicht zerkratzt, Sie atmet erleichtert auf, als ihr Bruder vor dem Auto auftaucht. Gerade so scheint sie einer schrecklichen Erfahrung entkommen zu sein. Sie schafft es auszusteigen, schlägt die Autotür hinter sich mit aller Kraft zu und sieht zu, wie sich das Auto mit dem unangenehmen Mann mit brummendem Motor entfernt. Ingrid, ihre Freundin und diese junge Frau aus Saarlenburg entkommen. Andere jedoch nicht.
Oktober 1977, Mittlum an der Nordseeküste. Die 16-jährige Anja Beggers erlebt an diesem Freitagabend ihre erste Disconacht. Obwohl sie sich anfangs aufgrund von Kopfschmerzen nicht so wohl fühlt, lässt sie sich von ihrem Nachbarn überreden. Wie vereinbart holt er sie daraufhin ab und gemeinsam fahren sie in die Diskothek Mustache in Bremerhaven. Die Nacht verspricht Freiheit, Musik, Ausgelassenheit. Anja sitzt mit ihrem Nachbarn und einigen Freunden am Tisch. Sie unterhalten sich, lachen, trinken etwas. Doch um ca. 22.30 Uhr wird ihr Begleiter von seinen Freunden aufgefordert, in den nächsten Club weiterzuziehen. Anja möchte nicht mitkommen, sie bleibt in der Bar am Tisch sitzen, das Getränk vor ihr noch nicht ganz leer Sie verabschieden sich und der Nachbar zieht mit seinen Freunden weiter, Andere Gäste werden später berichten, dass Anja irgendwann aufstand und mitgeteilt habe, dass sie nun nach Hause fahren wolle Da ihr Begleiter jedoch nicht mehr hier sei, wolle sie trampen.
Ende der 1970er Jahre ist Trampen Alltag. Wer jung ist und mobil sein will, streckt einfach den Daumen raus. Die Infrastruktur des öffentlichen Nahverkehrs ist eher schlecht als recht ausgebaut, das eigene Auto zu teuer, Taxifahren unvorstellbar. Vor allem auf dem Land, in Richtung Mittlum, gibt es kaum Alternativen. Als riskant gilt es zu diesem Zeitpunkt nicht, sich zu wildfremden Menschen ins Auto zu setzen. Nicht zu wissen, mit wem man die nächste halbe Stunde im Auto verbringt, ist ja auch irgendwie Teil des Abenteuers. Für Anja ist es heute Abend nicht das erste Mal, dass sie sich mitnehmen lässt. Sie geht hinaus in die Nacht und verschwindet in der Dunkelheit. Am nächsten Morgen, gegen 4 Uhr, beginnt der Tag auf dem Hof der Familie Beggers wie gewohnt. Mutter Inge versorgt die Kälber im Stall. Als sie ins Haus zurückkehrt, wartet ihr Sohn bereits auf sie. Er ist besorgt, hat er doch bemerkt, dass das Bett seiner Schwester über Nacht leer geblieben ist.
Sofort suchen die Eltern das Gespräch mit dem Nachbarsjungen, der sie am Abend mitgenommen hat. Doch der gibt an, nichts zu wissen. Inge Beggers fährt zur Polizei. Dort stößt sie jedoch nicht auf die erhoffte Hilfe, ganz im Gegenteil. Die Beamten raten ihr, 24 Stunden abzuwarten. Kinder könnten ja schon mal ausreißen. Vielleicht ist Anja mit einem Mann nach Hause gegangen oder sie hat spontan bei einer Freundin übernachtet. Die Stunden vergehen. Inge Beggers sitzt auf glühenden Kohlen. Doch Anja kommt nicht wieder nach Hause. Schließlich wird eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Neben den Bemühungen der Polizei beginnt Inge Beckers, selbst zu ermitteln. Sie zeigt in Diskotheken Fotos ihrer Tochter, spricht Gäste und Personal an, während ihr Mann sich um Hof und Tiere kümmert. Sie hält Kontakt mit der Polizei, die die Theorie hat, Anja könne in das Drogenmilieu gerutscht oder in einer Kommune untergetaucht sein. Obwohl sie das nicht glaubt, begibt sich Inge Beckers daraufhin ebenfalls auf gefährliches Terrain. Fährt an Orte, die für entsprechende Tätigkeiten bekannt sind, steht schließlich sogar in einer verqualmten Wohnung, in der sie über zugedröhnte, am Boden liegende Menschen steigen muss.
Vier Wochen nach dem Verschwinden der jungen Anja ist die Polizei wieder davon überzeugt, dass das Mädchen einfach Reißaus genommen hat. Dass ihre Familie sie ganz anders beschreibt, dass sie ein pflichtbewusstes, zuverlässiges Kind sei, das nie ohne Rücksprache bei einer Freundin übernachtete, interessiert offenbar niemanden. Am 4. November 1977 wird notiert, dass die Bedenken bezüglich eines Gewaltverbrechens gegen Anja Beggers weitgehend ausgeräumt seien. Doch Inge Beggers gibt nicht auf. Sie hängt Plakate in Raststätten auf, durchsucht Bordelle und Szene-Kneipen, befragt Fremde, riskiert Übergriffe, erträgt maßlose Erschöpfung und Überforderung, schläft kaum. Alles in der Hoffnung, ihre Tochter wiederzufinden. Weitere vier Monate später endet die Polizei wieder den Status der Ermittlungen in Bezug auf Anjas Verschwinden. Nun sei ein Verbrechen doch nicht mehr auszuschließen.
Im Mai jedoch wird das Verfahren ergebnislos eingestellt. Anja Beggas Verschwinden wird zum Cold Case. Ein Cold Case, der nun bald bei der Show Aktenzeichen XY ungelöst vorgestellt wird. Anjas Bild wird gezeigt, die Öffentlichkeit um Mithilfe gebeten. Wer hat diese junge Frau am Abend des 7. Oktober 1977 gesehen? Nach der Ausstrahlung melden sich viele Menschen, die etwas gesehen haben wollen. Hellseher, Erpresser, Wichtigtuer. Doch wirklich gesehen hat niemand etwas. Anja bleibt verschwunden.
Music.
7. Juni 1978. Die 18-jährige Angelika Kielmann aus Cuxhaven verschwindet nach einem Besuch in der Diskothek zur Börse spurlos. Zuletzt wurde sie gegen 23 Uhr gesehen, als sie sich gerade um eine Mitfahrgelegenheit nach Hause bemühte. Wie Anja Beggers wollte auch sie an diesem Abend trampen.
16. Mai 1979 Anke Streckenbach ist 19 Jahre alt, als sie ebenfalls die Diskothek zur Börse an diesem Abend verlässt und per Anhalter nach Hause fahren möchte. Ihre Freunde verabschieden sich noch von ihr, dann wird sie wie Anja und Angelika vor ihr von der Dunkelheit der Nacht verschluckt. 30. November 1980 Andrea Martens aus Sellstedt, 19 Jahre Sie besucht an diesem Tag ihren Freund in einer US-Kaserne in Galstead, Die beiden verbringen schöne Stunden miteinander, dann verabschiedet sich das verliebte Paar voneinander Sie macht sich auf den Weg, kommt aber nie zu Hause an, Im gleichen Jahr möchte eine 16-Jährige ebenfalls per Anhalter reisen. Sie möchte in die Diskothek, die Schleuse. Ein Mann hält an, bietet ihr an, einzusteigen. Er ist groß, schlank, mit kurzen, blonden Haaren und einem hageren Gesicht. Doch statt direkt zu dem vereinbarten Ort zu fahren, biegt er mittendrin ab. In den Wald. Hält das Auto an, wendet sich ihr zu und fordert sie auf, ihn oral zu befriedigen.
Widersetzen darf sie sich nicht. Stundenlang hält er sie in seiner Gewalt, macht mit ihr, was immer ihm beliebt. Sie ist so klug, sich zwar nicht zu widersetzen, aber mit ihrem Angreifer in Kontakt zu treten. Sie versichert ihm, dass sie ihn nicht anzeigen werde, dass er von ihr nichts zu befürchten habe. Er antwortet darauf hin, dass er schon sehr schlimme Dinge getan habe und dass sie nicht die Erste sein werde, die er töten werde. Trotz dieser eindeutigen Drohungen setzt er sie jedoch sechs Stunden später zu Hause ab.
13. August 1982. Die 15-jährige Christina Bohle besucht heute die Diskothek Caspar Music Hall. Weil sie noch so jung ist, begleitet ihre Mutter sie an diesem Abend. Sie und Christinas Bruder warten in der Nähe, während Christina sich mit ihrem Schwarm trifft. Als die beiden in ein Gespräch verwickelt sind und offensichtlich viel Spaß haben, können ihre Mutter und ihr Bruder den Abend in der Diskothek ebenfalls genießen, bis sie gegen Mitternacht aufbrechen. Christina aber möchte noch nicht gehen. Ihre Mutter erlaubt ihr zu bleiben und macht sich mit ihrem Sohn auf den Weg nach Hause. Um zwei Uhr morgens wird Christina zuletzt im Garten der Diskothek gesehen. Danach fehlt von ihr jede Spur. 13. Juni 1986. Jutta Schneefuß ist 25 Jahre alt, Mutter einer fünfjährigen Tochter. Eine taffe, selbstbewusste Frau, die weiß, was sie will. Sie trägt an diesem Abend eine Jeans, ein T-Shirt und Turnschuhe, möchte per Anhalter von Loxstedt nach Bremerhaven fahren. Doch sie kommt nie in Bremerhaven an. Ihre Tochter muss ab diesem Zeitpunkt ohne sie aufwachsen.
Music.
All diese Frauen, verschwunden oder nicht, haben eines gemeinsam. Der Mann, der ihnen diese schrecklichen Dinge angetan hat, wurde nie gefunden. Sie alle gelten als Cold Cases, Fälle, bei denen die Spuren erkaltet sind, in denen kein Täter überführt, keine Anklage erhoben, kein Urteil gesprochen wurde. Fälle, die irgendwann archiviert wurden, weil sich nichts mehr bewegt. Keine neuen Hinweise, keine heiße Spur. Die Ermittlungen ruhen, zumindest offiziell.
Und doch verschwinden sie nie ganz. In Aktenordnern, auf Fotos, in Erinnerungen der Angehörigen bleiben sie lebendig. Cold Cases sind wie eingefrorene Geschichten. Ungelöst, offen, schmerzhaft. Manchmal braucht es Jahre, manchmal Jahrzehnte, bis sich ein Detail findet, das wieder Bewegung bringt. Ein alter Fund, eine neue Methode. oder ein Name, der plötzlich in mehr als einem Fall auftaucht. In diesem Fall ist es ein Name, der uns bereits bekannt ist. Kurt Werner Wichmann. Nachdem 2017 die Leiche der verschwundenen Birgit Mayer auf dem Grundstück von Kurt Werner Wichmann gefunden wurde und endlich beigesetzt werden konnte, ist dieses Rätsel zwar gelöst. Doch das Rätsel über die über 400 Gegenstände, die auf seinem Grundstück gefunden wurden, bleibt weiter bestehen. Reinhard Cedor, ehemaliger LKA-Chef der Hamburger Polizei und Mitglied der Special Force rund um Wolfgang Silaf, bleibt auch nach der Beisetzung Birgit Meyers am Täter Kurt Werner Wichmann dran.
Er fragt sich, wie viele Menschen diesem eiskalten Täter noch zum Opfer gefallen sind. Wie viele Cold Cases sein Verschulden waren, wie viele Familien sich bis heute wegen ihm fragen, wo ihre Töchter, Schwestern oder Mütter sind und was mit ihnen geschehen ist. Er untersucht verschiedene Mordserien, die zu Wichmanns Vorgehen passen könnten. So rücken die Disco-Morde von Cuxhaven in seinen Fokus, die Rhein-Neckar-Morde rund um Heidelberg, die Münsterland-Mordserie, außerdem zahlreiche, scheinbar nicht miteinander verbundenen Fälle verschwundene Anhalterinnen. Er wühlt sich durch die Akten, stellt sich, ebenso wie Sila vor ihm, ein Team aus Journalisten und Experten zusammen. Arbeitet sich durch die Lüneburger Stadtarchive, bittet die Öffentlichkeit um Mithilfe, sucht nach Frauen, die Wichmann entkommen konnten, nach Menschen, die etwas gesehen haben. Tatsächlich wird er fündig. Nachdem im Podcast Zeitverbrechen über Wichmann und die bestehenden Cold Cases berichtet wird, melden sich einige Frauen bei der Redaktion, die sich sicher sind, Opfer von Kurt Werner Wichmann geworden zu sein.
Wie zum Beispiel Ingrid. Ingrid, die gemeinsam mit ihrer Freundin, dem fremden, blonden Mann und seinem jüngeren Komplizen entkommen konnte, sie erkennt Wichmann ganz eindeutig als denjenigen, der in diesem Auto das Sagen hatte. Ebenso wie die Frau, die als 16-Jährige von Wichmann gezwungen wurde, ihn oral zu befriedigen. Die junge Frau, die glücklicherweise ihren Bruder erblickte, als es für sie brenzlig wurde, benennt 40 Jahre später ebenfalls Wichmann als ihren Angreifer. Teresa, die berichtet, Wichmann sei 1982 in ihre Wohnung eingestiegen, habe sie überfallen und gewürgt. Sie habe sich gewehrt, so sehr sie konnte, habe geschrien und gezappelt, sodass er kurz seinen Griff um ihren Hals gelockert habe. Sie habe fliehen können, sei zu den Nachbarn gerannt und habe an die Tür getrommelt. Als die Nachbarn reagierten, sei Wichmann geflohen Alles, was die Polizei von ihm noch fand, war die Strumpfhose, die er sich während dem Übergriff über den Kopf gezogen hatte Es scheint zusammenzupassen, Wichmanns Spur führt nicht nur in den Norden, sondern auch in den Süden der Republik Dorthin, wo er sich in den späten 70ern niederließ und wo ebenfalls junge Frauen verschwanden.
1975 zieht Kurt Wenner-Wiechmann nach seiner Haftentlassung zu seiner neuen Freundin nach Linkenheim-Hochstetten in der Nähe von Karlsruhe. Sieben Wochen nach seinem Umzug findet man 60 Kilometer entfernt die Leiche eines 16-jährigen Mädchens in einem Bach. In der Obduktion ergibt sich, das Mädchen wurde gewürgt, bevor sie ertrank. Fünf Monate später eine 19-Jährige tot in einem nahegelegenen Wald, der Pullover aufgeschlitzt, die Unterwäsche und die Socken in die Taschen ihrer Jeans gestopft.
1976 der Leichenfund einer Tramperin in Mannheim, den Kopf eingebunden in eine Plastiktüte. Ganz so wie bei Birgit Meyer?
1978 verschwindet Anja Eichele an einem Freitagabend in Stuttgart, als sie eigentlich auf dem Weg zu einem Treffen mit ihrer Konfirmandengruppe ist. Ihre nackte Leiche wird drei Tage später in den Weinbergen in einem Gartenbeet gefunden, das hergerichtet wurde wie ein Grab. Anja Eichele, einer der Fälle von Aktenzeichen XY, den Wichmann in seinem geheimen Zimmer auf Kassette aufgezeichnet hatte. Etwa um sich sein Werk immer und immer wieder anzuschauen?
Ende der 70er Jahre ist Wichmann als Auslieferungsfahrer tätig, legt tausende von Kilometern zurück und ist auch im Norden Deutschlands berufbedingt anzutreffen. Genau zu der Zeit, in der Anja Beggers, das erste Opfer der Diskomorde von Cuxhaven, verschwindet. Wichmann ist generell einer, der gerne und viel unterwegs ist. Immer wieder meldet er sich bei seiner Partnerin ab, um ein bis zwei Tage auf den Straßen Deutschlands unterwegs zu sein. Er hat mehrere Autos, scheint das Leben auf der Straße zu lieben. Er fährt dorthin, wo ihn der Wind gerade hintreibt. An FKK-Badeseen, wo er heimlich zwischen den Büschen sitzt und nackte Frauen beobachtet. In Wohngebiete, wo er durch die Fenster sieht, wie Menschen sich ausziehen oder miteinander intim werden. Nicht selten macht er in diesen Momenten Videos, die er dann ebenfalls im geheimen Zimmer versteckt.
Anja Beggers, Ingrid Peters, Birgit Mayer, Bernd Michael Köpping, Anke Streckenbach, Andrea Martens, Anja Eichele, Jutta Schneefuß, Christina Bohle, Ursula und Peter Reinold, Ingrid Warmbier, Ilse Gerkens, Ulrike Burmester. Mindestens zwei dieser Fälle lassen sich heute mit großer Wahrscheinlichkeit Wichmann zuordnen. Einer von ihnen wurde forensisch bewiesen. Bei den anderen bleiben die Hinweise stark, aber nicht abschließend beweisbar.
Du hast, bevor du den Fall vorgestellt hast, ja gesagt, dass du es krass findest, was es für Ausmaße annimmt. Und ja, da haben wir im letzten Fall, in der letzten Folge ja auch kurz drüber gesprochen, dass das quasi größer ist, als man dachte oder zumindest größer sein könnte, als überhaupt absehbar war. Und ich weiß noch, dass du gesagt hast, dass es so ein bisschen diesen amerikanischen Vibe hatte, in Anführungszeichen. Also, dass du das Gefühl hattest, dass es irgendwie ein Serienmörder aus den USA sein könnte. Ja. Ja, und irgendwie konnte ich mir das nicht so richtig vorstellen, bis zu dieser letzten Fallvorstellung jetzt.
Weil das ist ja wirklich, also sorry, aber das ist ja wirklich jenseits von allem, was wir uns so vorstellen, was an Serienmorden in Deutschland passiert. Genau, genau, das meinte ich damit. Also natürlich am Anfang die Doppelmorde und das Verschwinden von Birgit Meyer ist was, was jetzt nicht direkt Assoziationen auslöst mit den USA oder mit den Serienmördern, wie man sie so im klassischen Sinne kennt. Aber genau, dieses Ausmaß und diese Menge an eventuellen Opfern ist einfach was, wo ich mir dachte, das kann doch nicht sein. Das müsste ja dann einer der schlimmsten Serienmörder von Deutschland gewesen sein, wenn es tatsächlich zutrifft. Und auch noch...
Und schrecklicherweise dann einer, der einfach so seinen gesamten Lebzeiten fast geschafft hat, straffrei, nein, eigentlich nicht eigentlich geschafft hat, sondern er hat es geschafft, straffrei zu morden. Er wurde ja nicht für irgendwelche Morde verurteilt zu seinen Lebzeiten, sondern das wäre dann alles nach seinem Tod rausgekommen. Und das ist was, was ich eher bisher mit den USA assoziiert habe und was ich richtig krass fand, jetzt von einem Fall zu lesen, wo das seit Jahrzehnten vor seinem Tod eben in Deutschland hätte stattfinden können. Ja. Ja, was ich auch so also was ich auch einfach so erschreckend fand, ist die Tatsache, dass es mit diesem.
Trampen ja auch so Parallelen hat in die USA und dass Trampen ja nicht umsonst als so gefährlich gilt, dass das in der heutigen Zeit kein Mensch mehr machen würde. Also hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die Infrastruktur heute besser ausgebaut ist, dass wir insgesamt mehr Autos haben und mehr Möglichkeiten von A nach B zu kommen und mehr finanzielle Möglichkeiten, um sowas wie Taxen zu bezahlen. Aber ich erinnere mich zum Beispiel richtig gut daran, mein Papa hat mir das ein paar Mal erzählt, dass der als Kind, also mein Vater ist schon ein bisschen eine ältere Generation und mein Vater ist als Kind richtig viel getrampt oder mit dem Auto, mit dem Fahrrad irgendwo hingefahren. Und er ist mit zwölf schon alleine bis nach Spanien zum Beispiel irgendwie mit dem Fahrrad gefahren oder getrampt. Crazy! Und war alleine im Urlaub dann da und ist dann da halt irgendwie durch Spanien durch oder durch wo auch immer. Und war da einfach alleine, ist von einem Ort zum nächsten getrampt und ich meinte, Papa, was war denn da los mit dir? Also das ist doch mega gefährlich. Sagt er, ja, also damals war das noch nicht so. Also ja, die Mädchen, da war man schon ein bisschen vorsichtiger.
Aber auch die haben das machen dürfen und so. Und da hat er mich auch angeguckt und meinte, völlig unvorstellbar, oder? Also die Vorstellung, dass du mit zwölf Jahren alleine irgendwo hingefahren wärst, jetzt nicht mal nach Spanien, sondern nur in eine andere Stadt oder dass du jemals getrampt wärst, das hätte ich dir im Leben ja nicht erlaubt. Nee, auf gar keinen Fall. Ich muss gerade auch, jetzt kommt wieder meine Mutter in dieser Folge ins Spiel, aber die hat ja auch viel beigetragen zu diesen drei Folgen. Ich habe mit meiner Mutter nämlich natürlich die NDR-Doku gesehen. In der nämlich auch Reinhard Schedor zu sehen ist und er auch ein bisschen erklärt von seinen Ermittlungen, da berichtet. In der Doku ist auch zu sehen, wie er zum Beispiel mit Inge Beggers spricht, der Mutter von Anja Beggers, die ja verschwunden ist und aller Wahrscheinlichkeit nach auch tot ist. Da begleitet man einfach viel Reinhard Schedor, indem er eben da ermittelt und auch vor allem eben in Bezug auf Tramperinnen und viel mit eben dann Frauen spricht, die früher getrampt haben und eventuell Wichmann zum Opfer gefallen sind. Und meine Mutter hat da nämlich auch so den Kopf geschüttelt und meinte so, niemals hättest du das machen dürfen. Niemals. Man muss auch dazu sagen, ich durfte, glaube ich, auch erst mit.
Zwölf oder so allein zur Schule laufen, weil meine Mama so Angst hatte, dass ich irgendwie weggepflückt werde, von irgendwelchen Straftätern entführt werde und man dann irgendwo in irgendeinem Fluss, keine Ahnung, im Neckar meine Leiche findet. Und sie saß wirklich auch richtig schockiert vor der Doku mit diesen Geschichten von den Frauen, die da getrampt sind. Sie selbst hat sich das früher, soweit ich weiß, auch nicht getraut und sie sagte auch so zu mir so Niemals hätte ich dir das erlaubt. Niemals. Das machst du bitte auch nie. Auf so eine Idee kommst du bitte nie.
Ich weiß komplett, was du meinst. Ich hatte mit meinem Papa auch ein paar von den Gesprächen, weil ich ihm manchmal so ein bisschen erzähle, worüber wir im Podcast sprechen. Und er mir dann erzählt, wie er früher gereist ist und wie normal das früher war zu trampen. Ich weiß, also ich durfte mit zwölf, ich bin zur Schule gefahren, immer mit dem Fahrrad. Und bin aber immer mit Freunden zusammengefahren. Weil er meinte, ja, ich mache mir da keine Sorgen, da seid ihr zu dritt. Einer kann dabei bleiben und der andere kann Hilfe holen. Und dann passt das schon.
Aber ich glaube, ich durfte mit zwölf oder dreizehn zu Verwandten nach Italien fliegen. Und das war schon mega das Ding. Das glaube ich. Meine Eltern haben mich zum Flughafen gebracht und mich bis zu dem Gate gebracht. Und dann hatte ich jemanden, der mich quasi den ganzen Flug über begleitet hat. Und dann haben mich meine Verwandten am Flughafen abgeholt. Aber ich weiß noch, dass meine Eltern damals richtig in den Tagen davor schon so ein bisschen nervös waren und mir richtig oft gesagt haben, du lässt dich von niemandem ansprechen. Du gehst mit niemandem mit, es holt dich niemand anders ab als XYZ. Und du rufst mich sofort an und du musst mir sofort Bescheid sagen. Und wenn irgendwas ist, wende dich immer an die Polizei. Die Polizei wird dir immer helfen. Und es war so völlig, ich weiß gar nicht auch, wie oft ich das gehört habe, steig nie zu jemandem ins Auto, den du nicht kennst.
Niemals, niemals, niemals, niemals. Und oh mein Gott, ich habe dieses Versprechen gebrochen, als ich 23 war. Und ich war das nie vergessen, weil ich, oh, da haben wir beide noch zusammen studiert und wir hatten eine Klausur und ich habe einfach krass verschlafen. Und dann musste ich ganz, ganz schnell zu der Bahn hinkommen, damit ich die Bahn noch kriege, damit ich gerade so noch pünktlich zur Klausur komme. Und dann bin ich aus dem Haus gesprintet und dann hielt an der Straße so ein weißer Lieferwagen. Und da saß eine Frau am Steuer und sie meinte, musst du zur Bahn? Und ich so, ja, ja, genau. Und dann hat sie die Tür aufgemacht und meinte, steig ein. Und ich bin einfach eingestiegen. Da kann ich mich dran erinnern, das hast du mir erzählt damals. Oh Gott. Ja, und dann meinte, wollte sie mich zur Bahn fahren. Und ich saß in diesem Auto und dachte mir so, und es war vor allen Dingen auch hinter mir offen. Das heißt, da hätte sonst wer in diesem Lieferwagen sitzen können, hinter dem Beifahrer sitzen. Ja.
Und dann wollte sie mich zur Bahn fahren und hat mich auch in die Richtung gefahren. Und dann hat sie plötzlich eine andere Abzweigung genommen als die, die ich normalerweise genommen hätte, um zur Bahn zu kommen. Und ich weiß noch, in dem Moment ist mir das Herz so in die Hose geruscht und ich dachte mir, oh mein Gott, das war's. Du hast selber Schuld. Warum bist du so dumm, dass du hier eingestiegen bist? Und sie hat, turns out, sie hat am Ende einfach nur einen anderen Weg genommen, hat mich an der Bahn rausgeschmissen, war mega nett. Und, turns out, ich habe sie einfach nur nicht erkannt. Das war eine Nachbarin von uns, die mich offensichtlich kannte, aber ich habe sie irgendwie komplett ausgeblendet. Und ich habe sie einfach nicht erkannt. Crazy. Aber das finde ich so krass, wie sich das innerhalb von 40 Jahren, 30 Jahren verändert hat. Also weil die Fälle, von denen wir hier sprechen, sind ja in den 70er und 80er Jahren passiert. Und ich bin ein true 90s Kid. Das heißt, in den 90ern oder 2000ern im Leben hätte ich nicht trampen dürfen. Nee.
Niemals. Auf gar keinen Fall. Und ich finde auch, das ist auch so eingebrannt, also in unserer Generation, dieses du steigst zu niemandem, den du nicht kennst, ins Auto. Also alle meine Freundinnen, mit denen ich mal darüber gesprochen habe, die haben das alle genauso tief drin in den Hirnstrukturen verbunden, dass man einfach nicht zu irgendeiner fremden Person ins Auto steigt. Und ich habe das so stark, dass wenn ich abends mit den Hunden hier gehe und ein Auto fährt langsamer irgendwie um die Kurve oder so, ich bin immer alarmiert und denke mir immer, bitte bleib jetzt nicht stehen, bitte bleib jetzt nicht stehen, bitte mach jetzt nicht die Tür auf, aus irgendeinem anderen Grund oder generell, wenn ich irgendwie unterwegs bin, ein Auto hält hinter mir, ich kriege immer Herzflattern, so tief ist das verankert. Ja, ich meine, auf der anderen Seite ist es natürlich, wir sind in dem Luxus aufgewachsen, dass es auch nicht notwendig ist zu trampen, weil wir in dem Luxus aufgewachsen sind, dass wir mit dem Bus, mit der Bahn, mit dem Auto unserer Eltern überall hingekommen sind, wo wir hinkommen mussten.
Das hatte man ja damals zu den Zeiten einfach noch nicht. Und ich finde, was ich daran so erschreckend finde, ist, dass dieses Trampen und dieser Case jetzt auch mit all den Taten, die du gerade aufgelistet hast. Das wäre so gar nicht gegangen, wenn Trampen damals nicht so verbreitet gewesen wäre. Weil das ist ja das Gefährliche daran und das Schwierige daran, dass es keine Spur gibt. Es hält irgendein Auto an irgendeiner Straße. Ja.
Und dann verschwindest du einfach in der Nacht. Das war's.
Und dann bist du einfach weg, weil dich niemand sieht, wie du da einsteigst. Niemand sieht, wo du aussteigst. Niemand kennt die Person, die da drin sitzt. Und das ist einfach, das finde ich so krass, weil du ja auch, und das ist auch das, was mir bei Cold Cases immer so den Magen umdreht, dass du einfach nicht weißt, was passiert ist. Und du weißt auch nicht, wo diese Person ist. Wenn es keine Leiche gibt, dann weißt du nur, dass es in den Wäldern und in den Bachläufen und irgendwo unter der Erde auf der ganzen Welt. Ich weiß nicht, wie viele Leichen gibt, die da liegen, von Menschen, die immer noch vermisst werden. Und das ist einfach ein Gedanke, der sich wie so Säure in meinen Kopf brennt und der für mich so schwer zu greifen ist, dass es tatsächlich möglich ist, dass Menschen einfach verschwinden. Ja. Glaubst du, dass der Beifahrer, weil in manchen von den Fällen gab es ja einen Beifahrer, der so wirkte, also ich habe das von dem einen Fall noch im Kopf, wo die jungen Frauen hinten auf der Rückbank sitzen, dass sie gesagt haben, also die dann später entkommen sind, dass sie gesagt haben, es wirkte so, als würde der eine die Anweisungen des anderen befolgen. Ja. Glaubst du, das war sein jüngerer Bruder? Meine Vermutung ist ja. Wir wissen es natürlich nicht. Und natürlich kann auch weder Reinhardt Jedauer noch irgendwie die Polizei da irgendwas zu sagen groß.
Aber natürlich liegt die Vermutung nahe, Wenn da berichtet wird von Wichmann, der mit einem jüngeren Mann im Auto saß, der wohl in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm stand und wir wissen von dem jüngeren Bruder, der wohl emotional abhängig von seinem älteren Bruder war, beziehungsweise oder zumindest einfach sie sehr einander dazugeneigt waren und der kleinere Bruder den größeren ein bisschen als Vorbild genommen hat.
Dann macht es schon Sinn, auch in Kombination damit, dass der Fahrer von diesem Auto sich ja wohl auch sehr gut im Wald auskannte. Also, dass da vielleicht beide Brüder so eine kleine Affinität zu Waldgebieten hatten zum Beispiel und sich da vielleicht auch im Voraus schon irgendwie erkundet haben, mal ausgekundschaftet haben, wie da die Waldgebiete so sind, wo sie jetzt unterwegs sind. Ich könnte es mir gut vorstellen. Meine Vermutung ist ja, es war der Bruder. Aber das wissen wir natürlich nicht. Weißt du, was mich irgendwie auch gewundert hat? Also vielleicht kannst du noch so ein bisschen mehr Licht ins Dunkel bringen.
Was genau ist dieser, also bei einem der vermissten Fälle bei den beiden Mädels, die nach Cuxhaven fahren wollen? Also Ingrid und, wie hieß ihre Freundin noch gleich? Von daher haben wir keinen Namen. Ingrid Peters ist auch ein anderer Name, als diese Frau tatsächlich heißt. Und eben das war eine Frau, die sich gemeldet hatte bei der Zeit, nachdem da, ich glaube, im Podcast drüber gesprochen wurde. Und sie wollte aber ihre Anonymität wahren und hat deswegen diesen eben synonymen Namen gewählt. Von daher wissen wir auch nicht, wie die Freundin heißt. Okay, verstehe. Aber da habe ich mich halt gefragt, warum haben sie die beiden laufen lassen? Also sie sagt ja, dass sie Angst davor hatte oder dass sie dachte, oh Gott, es sind bestimmt Polizisten in Zivil. Und sie selber hat irgendwie Drogen dabei, beziehungsweise konsumiert halt auch Drogen und hat Hasch in der Tasche. Und dann sagt sie, hey, ich sag dir, wie der Dealer in Cuxhaven heißt. Und daraufhin fahren die beiden sie dann doch nach Cuxhaven und lassen sie laufen. Und das hat irgendwie, da habe ich mich total gewundert und mich gefragt, wissen wir darüber noch mehr? Nee, wir wissen nicht mehr darüber.
Aber was ich mir dabei gedacht habe, ist, wir haben jetzt ja vor allem in der letzten Folge viel über die Psyche, so die mögliche Persönlichkeitsstruktur von Kurt Werner-Wiechmann gesprochen. und wir hatten es darüber, dass er...
Und seine Übergriffe abgebrochen hat, wenn wir jetzt mal an den Moment denken, wo er, ich glaube so 16, 17 war und die Untermieterin angegriffen hat, wo er sie gewirkt hat. Und als sie dann anfing zu schreien und zu rufen, als er sich ihrem Baby zugewendet hat, ist er geflohen. Als er die Anhalterin vergewaltigt hat mit 21, hat sie sich ja schlafen gestellt, hat sich dann ihm wieder setzen können. und hat es auch irgendwie geschafft, mit ihm ins Gespräch zu kommen und konnte so irgendwie entwischen. Ganz genau weiß man es nicht, aber das war auch so ein In-Kontakt-Treten und dann quasi wie den Spieß umdrehen der Person, die die Kontrolle hat und gehen können.
Und generell habe ich den Eindruck, dass wenn die betroffenen Frauen anfangen, einen Teil der Kontrolle zu übernehmen, also quasi in Kontakt gehen, ein Gespräch anfangen, vielleicht auch schreien, zappeln, kreischen, dass dann diese Überlegenheit und diese Distanz, über die wir gesprochen haben, die Kurt Werner-Wichmann ja offensichtlich aufgebaut hat und die eben eventuell auch sehr wichtig war, die zu wahren, dass sobald die Frauen Anstalten gemacht haben, diese Distanzgrenze zu überschreiten, dass dann seine Dominanz in diesem Moment quasi wackelig wurde und dieses ganze Kartenhaus zusammengebrochen ist und er dann seine Übergriffe und seine Angriffe eher abgebrochen hat.
Du meinst, das würde zum Beispiel auch erklären, dass er bei der einen jungen Frau, die er ja über Stunden festgehalten hat, Also wenn er das gewesen sein sollte, das wissen wir ja gar nicht, aber ich gehe jetzt in meiner Theorie oder in meiner Diskussion oder in meinen Fragen, gehe ich jetzt einfach mal davon aus, dass er das gewesen ist, angenommen er war das, dass er sie da ja über Stunden bei sich behalten hat und sie gezwungen hat zum Beispiel zum Oralverkehr. Ja. Und glaubst du, dass es da auch daran lag, dass sie ja auch gesagt hat, sie versucht eine Beziehung zu ihm aufzubauen und eben zu zeigen, dass sie quasi wer sie ist und dass sie mehr ist als einfach nur irgendein Mensch. Das ist ja auch etwas, das man quasi empfiehlt in Anführungszeichen zu sagen, versuch dem Täter oder der Täterin klarzumachen, dass du Familie hast, dass du Eltern hast, dass du ein Mensch bist wie er und sie, dass du der Person deinen Namen sagst. Dann glaubst du, dass sie damit quasi wieder dazu geführt hat, dass er diese Distanz nicht aufrechterhalten konnte, weil er dann plötzlich Dinge über sie wusste? Ja, also wenn du mich so fragst, ich glaube gar nicht, dass das so groß was damit zu tun hat, irgendwie eine Verbindung an sich aufzubauen, so was zu erzählen von sich. Und das hat ja so ein bisschen zum Ziel, auch Empathie aufzubauen beim Täter. Und so von wegen diese Entmenschlichung zu stoppen, die auch oft bei Gewaltstraftaten und gerade bei Morden und Sexualstraftaten ja stattfindet.
Und ich glaube aber, dass es bei ihm, dass erstmal Empathie nicht sehr ausgeprägt bei ihm war. Ich glaube, er war da nicht so sehr fähig, das zu empfinden. Ich glaube eher, dass es nicht darum ging, sich zu zeigen, ich bin auch ein Mensch, sondern in diesen Kontakt zu gehen, über den er nicht die Kontrolle hat. Voll bei dir. Das ist nämlich im Grunde das, worauf ich hinaus wollte, was ich damit sagen wollte, dass man das ja häufig empfiehlt, das zu machen und dass sie das vielleicht deswegen oder wahrscheinlich nicht deswegen, weil ich glaube, da war die Forschung in dem Bereich noch gar nicht so weit, aber dass sie das gemacht hat und dass es nicht den Effekt hatte, den es haben soll, nämlich irgendwie Empathie aufzubauen, sondern dass es bei ihm aber auf dieses Thema eingezahlt hat von Nähe und Distanz und dass es deswegen trotzdem funktioniert hat. Ja, safe. Also das kann ich mir schon vorstellen. Und generell ist es auch wirklich eine Strategie, die ich, wenn ich in so eine Situation geraten würde, auch safe machen würde. Ich würde auch mit dem Täter sprechen. Ich würde auch versuchen, da zu quatschen. Denn es ist nun mal so, dass die meisten Gewalttäter können Empathie empfinden. Es ist nicht so, dass alle empathielose Psychopathen sind.
Bei den meisten Straftaten ist es so, dass da eine Empathie möglich ist. Das heißt, man hat eigentlich gute Chancen, da was aufbauen zu können in dem Moment. Und selbst wenn Empathie schwierig ist, ist Macht und Dominanz und eben dieses Kontrollbedürfnis dann auch ein total häufiges Motiv dahinter. Und das wäre ja auch was, was man mit einem eigenen Kontaktaufbau und mit einer Übernahme von Kontrolle quasi kippen kann.
Das heißt, wenn du mich fragst, wäre das auf jeden Fall eine Strategie, die ich machen würde, wenn ich in so eine Situation kommen würde, weil das meiner Meinung nach gute Chancen hat, mich daraus zu retten. Ich bin immer so ein bisschen hin und her gerissen, ehrlich gesagt, weil wir bei uns im Podcast ja auch schon Fälle hatten von Leuten, die sich nicht gewehrt haben, die genau das getan haben, was der Täter wollte und die deswegen gehen durften. Ja, und das finde ich so schwer, das finde ich so unfassbar schwer, dass du in dem Moment quasi so fit sein musst, möglichst schnell herauszufinden, was gerade das Motiv ist quasi und zu schauen, willst du gerade viel Kontrolle oder versuchst du gerade Nähe aufzubauen oder weil wenn jemand versucht, Liebe und Nähe aufzubauen, wird er dich im Zweifelsfall vielleicht umbringen, wenn du dich wehrst. Und dich gehen lassen, wenn du es nicht tust. Und wenn jemand sehr viel Macht und Kontrolle haben will, dann wird er dich vielleicht eher umbringen, wenn du ihm die Macht und die Kontrolle lässt und eher weniger, wenn du dich wehrst. Weißt du, was ich meine? Ja. Und das finde ich, weil wir beides in diesem Podcast ja schon hatten. Ja. Ich glaube, das speist sich bei mir auch so ein bisschen aus vielleicht auch der Arbeit mit den Straftilern in der Forensik. Denn da, oh Gott, lass mich lügen.
Also ich würde jetzt mal schätzen, so von meinem Pi mal Daumen, so bei 90 Prozent der Täter, die dort waren.
Hätte man, klar natürlich, man muss trotzdem schnell schalten, hast du vollkommen recht, inwiefern man da mit der Person sprechen muss. Also das ist gerade auch in der Situation bestimmt super schwierig, da so schnell zu schalten, dass man irgendwie ein Gefühl dafür bekommt, okay, was könnte jetzt sinnvoll sein, was könnte mich da jetzt rausretten. Aber ich würde sagen, bei den meisten meiner Patienten, jetzt mal, ich sage dazu, wenn sie in der Psychose waren, was ja in der Maßregelvollzug häufig der Fall ist, dann macht es natürlich keinen Sinn. Denn in der Psychose ist die Person auch nicht mehr Herr von sich selbst und kann auch nicht mehr auf Gesprächsinhalte adäquat reagieren. Aber ich denke da jetzt an all die Patienten, die eben wegen Persönlichkeitsstörungen oder Paraphilien oder Ähnlichem im Maßregelvollzug waren. Und da bei einem Großteil hat oder hätte eine Kontaktaufnahme des Opfers, glaube ich, etwas verändert. Was nicht heißt, dass die Opfer in diesen Fällen irgendwelche Schuld an dem gehabt hätten, was ihnen passiert ist. Das möchte ich mir ganz schnell klarstellen.
Ich glaube, dass in diesen Momenten es eine Chance gewesen wäre, allerdings ist das was, was jetzt spekulativ von mir ist und was halt in diesen Situationen so schwierig ist einzusetzen. Und für mich jetzt von jemandem, der mit dem Täter gearbeitet hat und der es von außen betrachtet, ich kann jetzt sagen, ja, ich denke, das wäre eine Chance gewesen, wie man sich daraus hätte retten können, aber trotzdem waren das Situationen, in denen die Chancen klein waren. Aber es bewegt mich dazu, mir zu denken, okay, sollte ich in so eine Situation kommen, dann denke ich, würde ich mich bemühen, irgendwie versuchen zu schalten, dass ich das irgendwie hinkriegen könnte. Aber natürlich ist es trotzdem kein Garant. Also selbst wenn ich es schaffen würde, herauszufinden, was das Motiv ist und wie ich mit dieser Person sprechen soll, du weißt nie, was passiert. Du weißt nie, wie du sagst, wie die Person drauf ist, was da jetzt wirklich wirkt. Und von daher ist es ein Pokerspiel und natürlich in den Situationen müsstest du pokern, weil es ist besser natürlich als nichts zu tun in dem Moment, wenn du irgendwas tun kannst, aber natürlich, du weißt es nicht.
Ja, der Gedanke kam mir immer wieder, seitdem wir diesen Podcast haben, kommt mir der Gedanke immer wieder, wie würde ich reagieren, wie würde ich mich verhalten. Ja, same, same. Natürlich kann ich es nicht vorhersehen, weil ich kenne mich selber in solchen Situationen nicht. Denn ich hatte bisher das Glück, noch nie in eine für mich lebensgefährliche, zwischenmenschliche Situation zu kommen. Ich habe schon, also viele von euch wissen das, dass ich aus Hannover komme und dass man in Hannover schon das ein oder andere Mal mitbekommt und sieht. Und auch mal in die eine oder andere etwas ungünstige Situation gerät. Und man da natürlich irgendwie auch so ein bisschen was darüber lernt, wie man sowas deeskalieren kann oder wie man damit umgehen kann.
Aber man weiß ja selber nie, wie es dann in der expliziten Situation wäre. Aber seitdem wir diesen Podcast haben, denke ich da häufiger drüber nach. Und insbesondere in diesem Fall von Kurt Werner Wichmann war ich die ganze Zeit bei den ganzen Teilen quasi, die du oder die ganzen kleinteiligen Fällen, und den vermissten Fällen, den Cold Cases, den versuchten Straftaten, also beziehungsweise versuchten Vergewaltigungen oder auch versuchten geplanten, möglicherweise Morden, wir wissen es ja nicht, habe ich die ganze Zeit gedacht so, oh, was unterscheidet diese Menschen voneinander? Weshalb hat der eine es überlebt und der andere nicht? Und ich finde, wenn wir davon ausgehen, dass er das war, was für mich irgendwie auch noch dazu spricht, ist, dass dieses Motiv Wald schon wieder so irrepräsent ist.
Und Würgen. Ja. Ja. Und, und, Entschuldigung, wenn ich jetzt auch noch reingrätsche, und große Strecken und immer mit Autos, weil Kurt Werner Wichmann, ich weiß nicht, ob wir es in den letzten Folgen gesagt haben, hat über seine gesamte Lebenszeit über 20 Autos gehabt insgesamt und ist jährlich wohl über 30.000 Kilometer gefahren, was zum damaligen Zeitpunkt ziemlich viel war, soweit ich weiß. Und für eine Zeit war er auch quasi in der Auslieferung tätig. Also er war jemand, der auf den Straßen Deutschlands unterwegs war. Passt auch. Ja, das stimmt. Das stimmt. Jetzt haben wir in den letzten zwei Folgen ganz viel über die Psyche von Kurt Werner Wichmann gesprochen und seine Persönlichkeitsstruktur, die Dinge, die ihn möglicherweise angetrieben haben. Und heute wissen wir allerdings ja nicht ganz genau, war er wirklich der Täter all dieser Cold Case, die jetzt eben hier vorgestellt wurden. Und dazu haben wir uns Gedanken gemacht darüber, wie wahrscheinlich ist es denn eigentlich, gerade auch bei der Persönlichkeitsstruktur, dem Psychogramm, das wir jetzt für uns aufgestellt haben, wie wahrscheinlich ist es da, dass Kurt Werner Wichmann tatsächlich Phasen hatte, in denen er jahrelang untätig war, in dem Sinne, dass er keine weiteren Straftaten begangen hat in die Richtung.
Und ja genau, da dachte ich, frage ich einfach mal dich, Babsi, was denkst du denn, glaubst du, dass er da easy peasy mal fünf Jahre nichts machen konnte oder würdest du eher sagen, na, irgendwie schwer zu glauben? Also ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es ihm also dass es ihm leicht gefallen sein wird, weil die Taten, die er zeigt und auch diese Entwicklung, über die wir ja in der letzten Folge schon gesprochen haben, dass die Taten immer fokussierter werden, dass er rumprobiert, deuten ja darauf hin, dass es eine konkrete Vorstellung von dem gibt, was er gerne erreichen möchte. Ja. Und dass er eine bestimmte Vorstellung, eine bestimmte Idee davon hat, wo er hin will. Und.
Grundsätzlich, glaube ich, ist es nicht einfach, damit aufzuhören, es sei denn, es passiert in seinem Kopf irgendwas, das dafür sorgt, dass er eine Pause braucht, in Anführungszeichen. Beispielsweise, wenn er für sich selber irgendwie restrukturiert, was ist jetzt die Fantasie, was genau davon will ich, was davon will ich nicht.
Wie genau will ich es machen? Dass er selber Distanz braucht zu dem, was bisher passiert ist. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es möglicherweise Taten gegeben hat und die Fälle, die du heute vorgestellt hast, sprechen ja dafür, bei denen die Opfer entkommen sind oder bei denen die Opfer sich nicht so verhalten haben, wie er das vorhergesehen hat oder gehofft hat, wie sie sich verhalten würden. Und dass er da möglicherweise auch gestoppt hat, um quasi zu überlegen, Moment, wo will ich eigentlich hin? Was will ich eigentlich machen? Was will ich haben? Wie soll das Ganze aufgebaut sein? Und wie kann ich das besser erreichen? Und er wirkt auf mich nicht wie jemand, der sich absolut gar nicht kontrollieren kann. Dafür hat er viel zu wenig Spuren hinterlassen und dafür hat er die Taten viel zu wenig auffällig begangen.
Was für mich dafür spricht, dass er durchaus in der Lage ist, seine Fantasien und seine Bedürfnisse zu kontrollieren und sie auch zu unterdrücken, wenn sich gerade keine gute Gelegenheit ergibt. Sonst wäre er so lange gar nicht auf freiem Fuß geblieben, sondern wäre viel früher gefasst worden. Also lange Rede, kurzer Sinn. Ich glaube, dass er, also prinzipiell ist es ja möglich, prinzipiell ist es möglich, dass Leute ihre Taten und auch ihre Triebe unterdrücken, auch wenn die Fantasie bleibt. Und ich glaube, dass er zu den Tätern gehört, die das durchaus können, weil er so kontrolliert und so strukturiert und planungsreich da rangegangen ist und sich offensichtlich keinen Fehler erlaubt hat, der groß genug war bis zum Ende seines Lebens, um ihn tatsächlich zu fassen.
Und das spricht für mich für ein extrem hohes Maß an Selbstkontrolle. Auf jeden Fall. Also von den Tätertypologien des FBI, über die wir hier im Podcast ja auch schon mehrfach gesprochen haben, wäre er auf jeden Fall der organisierte quasi Täter. Es gibt ja da desorganisiert und organisiert unter anderem und der organisierte Täter zeichnen sich aus durch soziale Tarnung, also Ehe, Job, Alltagsfassade, Planungs- und Kontrollverhalten, geringe Impulsivität, Manipulationen, Täuschungen und Mobilität.
Das sehe ich alles bei Kurt Werner-Wichmann. Von daher, ich stimme dir vollkommen zu, dass er sehr, sehr geplant vorgegangen ist, sehr überlegt in vielen Bereichen, denke ich, auch vorgegangen ist. Obwohl ich an anderen Momenten mir auch denke, vielleicht hat er auch einfach nur, in Anführungszeichen, viel Glück gehabt. Gerade was so Anhalterinnen angeht, haben wir ja vorhin auch gesagt, ist es einfach sehr schwer nachzuvollziehen, wo sind die verschwunden, wo sind die hin. Und dazu kommt ja auch noch, dass gerade zu der Zeit, in der eben die Discomorde oder die Rhein-Neckar-Morde stattgefunden haben, dass da die Polizeireviere der verschiedenen Bundesländer auch nicht wirklich untereinander vernetzt waren. Das heißt, wenn er von einem Einzugsgebiet ins nächste gefahren ist, wussten die einen nicht, was er im anderen macht. Und das ist ja auch nochmal was, was das verhindert, da wirklich einen Überblick zu behalten. Und was ich an der Stelle auch noch wichtig finde zu erwähnen ist, wir wissen zwar gar nicht, ob er diese Cold Cases begangen hat. Also vielleicht war er es auch gar nicht und wir sprechen ihm hier höchstes Unrecht zu.
Aber was wir eben auch nicht wissen ist, wie viele Morde es potenziell noch gegeben hat, die nie ans Licht gekommen sind. Genau, ja. Wie viele Leute einfach verschwunden sind. Vielleicht gab es noch mehr Opfer, vielleicht gab es noch mehr Tötungsdelikte. Und wir wissen es nicht, weil die Leichen nie gefunden wurden, die Leute nie vermisst gemeldet worden sind. Und für mich spricht auf jeden Fall die Vorgehensweise der Gördemorde nicht dafür, dass er das vorher noch nie in dem Ausmaß gemacht hat. Nee, auf gar keinen Fall. Auch weil, also klar, wir wissen, er hat vorher schon Straftaten begangen, aber die waren im Verhältnis deutlich weniger organisiert als die Gördemorde und deutlich weniger selbstbewusst und konsequent in Anführungszeichen zu Ende gebracht. Und ich benutze fette Anführungszeichen, ihr wisst, wie ich das meine. Und vor allen Dingen das Risiko, und der Gedanke ist mir so zwischen dieser und der letzten Folge noch gekommen, das Risiko, zwei Leute gleichzeitig anzugreifen.
Spricht schon dafür, dass du ein gewisses Selbstbewusstsein über die Zeit aufgebaut haben musst und eine gewisse Sicherheit in deinen eigenen Fähigkeiten erwarten musst. Ja. Weil sonst traust du dich das gar nicht. Da denke ich auch an Birgit Meier, die ja sich unterschieden hat vor so was eher Anonymen, wie zum Beispiel die Anhalterin, die ja mit 21 vergewaltigt hat, die ja nicht vorher kannte. Und bei Birgit Meier waren die gemeinsam auf einer Party, er wusste, die Leute haben sie zusammen gesehen, die haben gesehen, dass sie sich gut verstanden haben, die haben mitbekommen, dass er sie nach Hause gebracht hat auch einmal und dann eben sie zu.
Töten ist ja auch nochmal so ein Ding, was ganz viel Selbstbewusstsein zeigt, was ganz viel zeigt, ich weiß ganz genau, was ich tue und ihr kriegt mich nicht und auch so eine gewisse Überheblichkeit so, ihr habt mich in ihrer Nähe gesehen und trotzdem werdet ihr nicht auf mich kommen. Was sich ja auch unterscheidet davon, einfach anonym Anhalterin mitzunehmen.
Bei mir ist es so, ich meine, es ist ja so, dass Serienmörder oft mal so Cooling-Off-Perioden haben, nennt man das ja, dass es schon mal Phasen gibt, in denen Serientäter dann ihre Aktivitäten einstellen, aber wie du gerade auch schon gesagt hast, diese Fantasien dazwischen hören halt eigentlich nicht auf und gerade bei Tätern wie Wichmann, der Trophäen sammelt, der, wo es eventuell eine sexuell motivierte Struktur gibt, Gehen wir eigentlich davon aus, dass die sehr schwer nur abschalten können und dass es ihm sehr schwer gefallen sein muss, auch als organisierter Täter. Sollte er nichts mit irgendeinem der Cold Cases der heutigen Folge zu tun haben, hätte er ja wirklich jahrzehntelang einfach...
Die Füße ruhig halten müssen. Und das halte ich für sehr unwahrscheinlich bei jemandem, der einmal so eine Entwicklung, auch wieder in Anführungszeichen hinlegt, von sehr desorganisierten Taten zu sehr organisierten Taten mit viel Selbstbewusstsein und Überheblichkeit. Und als Täter, der auf seinem Grundschild dann über 400 Trophäen vergraben hat, wo auch diese 400 Trophäen an sich schon dafür sprechen, dass da mehr als nur.
In Anführungszeichen fünf Personen durch ihn gestorben sind. Dass jemand, der so viel Wert auf Trophäen legt und der so stolz auf das ist, was er damit getan hat, und auch der Umstand, dass er Aktenzeichen XY-Shows und Zeitungsausschnitte und so ja auch behalten hat, von einigen dieser Cold Cases, die wir heute berichtet haben, mich zu dem Schluss bringt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass er in der gesamten Zeit ruhig geblieben ist und nicht tätig geworden ist. Ich schließe mich dir an. Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen. Ja, weil es halt einfach, es gibt zu viele Überschneidungen. Es wäre zu untypisch. Also ich kann mir nicht vorstellen, dass keiner dieser Cold Cases irgendwas mit ihm nochmal zu tun hat. Ich fürchte, dass es am Ende des Tages wahrscheinlich nur so die Spitze des Eisbergs ist. Und ich glaube, wir haben ja jetzt schon ein paar Mal darüber gesprochen, dass sich seine Taten und sein Tatverhalten immer ein bisschen verändert. Und ich glaube, wenn man sich allein den versuchten Mord an der Nachbarin anschaut mit dem kleinen Baby, und die Gördemorde, der Sprung dazwischen ist viel zu groß, als dass da nichts in der Zwischenzeit passiert ist. Weißt du, was ich meine?
Das ist, als würdest du jemandem, weil es ist ja, ich verstehe mich nicht falsch, aber es ist ja im Grunde ein Lernprozess, der da passiert. Und das ist, als würdest du jemandem das allererste Mal ein Englischbuch in die Hand drücken und der wäre gerade dabei, irgendwie zu sagen, I am fine. Und dann siehst du ihn einen Tag später und dann spricht er fließend Englisch. Relativ unwahrscheinlich.
Ja, das ist ein planter Vergleich, aber ich finde ihn sehr passend dafür. Also nur, dass das eben sowas ist wie eben ein normaler Lernprozess. Er findet heraus, wie er Taten so begehen kann, dass es ihm den maximalen Erfolg bringt, den er sich wünscht, sodass er möglichst nicht erwischt wird. Er lernt, wie er was angehen kann und es kommt halt nicht von heute auf morgen. Was denkt ihr, was Kurt Werner-Wichmann betrifft? Glaubt ihr, er hat zwischendurch aufgehört zu morden? Glaubt ihr, er hat was mit den Cold Cases zu tun, die wir heute besprochen haben? Oder denkt ihr, das klingt überhaupt nicht nach ihm? Also schreibt uns mega gerne mal bei Instagram, da heißen wir Blackbox, der Podcast, alles klein und zusammengeschrieben. Und wir freuen uns immer total, Theorien und Gedanken von euch zu hören. Also schreibt uns sehr gerne eine Nachricht mit euren Ideen und Gedanken. Und wir freuen uns natürlich doppelt, wenn ihr uns überall, wo man uns bewerten kann, fünf Sterne gebt oder uns vielleicht noch eine nette Bewertung dazu schreibt. Und sollte jetzt tatsächlich der Fall sein, dass einer von euch irgendwie das Gefühl hat, er könnte da was zu den Ermittlungen beitragen, dann werden wir euch in den Shownotes einen Link beziehungsweise einen Kontakt verlinken, wo ihr euch melden könnt, wo ihr quasi eure Erinnerungen, Erfahrungen, euer Wissen teilen könnt. Und damit eventuell vielleicht nochmal ein kleines Stückchen mehr zur Aufklärung, vielleicht das eine oder andere Cold Cases beitragen könnt. Denn wie gesagt, die Ermittlungen laufen.
Reinhard Cedor ist zwar im Ruhestand, aber ist dran mit seinem eigenen Special Force Team und möchte da Klarheit reinbringen. Ich finde es richtig cool, dass er da dran bleibt und dass er da so hartnäckig ist. Also riesen Respekt dafür, da so dran zu bleiben. Und ja, wir werden euch auf dem Laufenden halten. Wir halten die Augen offen, ob sich da was tut und hoffen natürlich, dass da vielleicht noch das eine oder andere geklärt werden kann und die eine oder andere Familie so ihren Frieden finden kann, soweit es eben möglich ist. Und damit beenden wir Teil 3 unserer Kurt-Werner-Wiechmann-Trilogie und verabschieden.
Music.
Uns mit einem Seid lieb zueinander und tschüss. Das war Blackbox, der Cycran-Podcast. Eine Produktion von Auf die Ohren. Konzept und Redaktion Maxi Bels und Barbara Focke. Projektleitung und Vermarktung, Schnitt- und Sounddesign Milan Fay. Ich liebe es ja, wie ich ständig Reels von Nasenspray-Sucht geschickt bekommen von den ganzen Leuten.