Willkommen bei Blackbox, dem Sci-Crime-Podcast. Euch erwartet ein True-Crime-Podcast mit der Extra-Portion Psychologie. Ich bin Maxi. Und ich bin Babsi. Ihr habt euch schon immer gefragt, was Menschen dazu bringt.
Music.
Schreckliche Taten zu begehen? Dann seid ihr hier genau richtig.
Ihr habt euch schon ganz oft gewünscht, dass wir uns mit dem heutigen Täterprofil beschäftigen. Und ich freue mich sehr, dass wir das heute mitgebracht haben. Einige von euch werden das Täterprofil schon kennen, denn es gab dieses Thema schon mal, als wir noch einen Patreon-Account hatten. Aber wir haben uns dazu entschieden, uns diesen Fall nochmal anzuschauen, zu schauen, nochmal eine Folge dazu aufzunehmen und ja, ich würde sagen, hier ist sie. Und vielleicht geht's euch ähnlich wie mir, denn natürlich haben wir diese Folge schon mal gemacht. Ich weiß aber noch, damals war das so, dass du, Babsi, die Folge vorbereitet hattest und ich dann wie als Hörer dann dabei saß und mir den Fall angehört habe und ihn quasi davor auch noch nicht kannte. Und ich habe heute ein ähnliches Feeling wie damals, denn ich kann mich nur noch an einige, also an das Grobe, also an die Grobe, keine Ahnung, Umreißung des Falls erinnern und nicht an mehr und ich hoffe mal, euch geht's auch so, denn dann ist es wie, als würde man eine Serie, die man lange nicht geguckt hat, wieder gucken und denkt sich so, ach ja, darum ging's, ach ja, darum ging's. Und deswegen bin ich heute trotzdem, obwohl wir diesen Fall schon mal gemacht haben, sehr gespannt, weil ich bin wieder in der gleichen Situation. Du hast den Fall nochmal aufgearbeitet, nochmal aktualisiert und ich bin heute die Blackbox-Zuhörerin.
Vorab muss ich dazu sagen, dass ich doch tatsächlich, die langjährigen Hörerinnen und Hörer von euch wissen das, ich habe tatsächlich eine Serie zu diesem Fall geguckt und das kommt bei mir nicht so oft vor, denn ich bin eigentlich kein klassischer Seriengucker. Wobei ich ehrlich gesagt, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, sagen muss, dass sich das in den letzten zwölf Monaten, glaube ich, doch verändert hat und ich mittlerweile schon ziemlich viele Serien geguckt habe. Ja, ich wollte gerade sagen, du bist da wirklich, du hast da zugelegt. Da bist du besser geworden. Menschen können sich ändern. Ich sag's dir. Wunderschön. Von daher, ja, ich habe eine Serie dazu geguckt. Und zwar heißt sie Gefesselt. Und man kann sie auf Amazon Prime anschauen. Vielleicht mein kurzer Eindruck dazu. Die Serie an sich fand ich ganz gut. Also ganz gut gemacht. Ich hatte ehrlich gesagt aber immer wieder Probleme damit, nicht auszuflippen, während ich sie geguckt habe. Weil darin so viele sexistische Situationen vorkommen. So viele Situationen, in denen Frauen einfach so schlecht dastehen und man einfach merkt, zu welcher Zeit diese Serie noch spielt und wie diese sexistischen alten Rollenbilder stark verankert sind, wie Frauen unterdrückt werden, wie einfach ein extremes Ungleichgewicht herrscht.
Und ich habe wirklich eine Menge beruhigenden Tee getrunken, während ich diese Serie angeguckt habe und habe ein paar Mal tief durchgeatmet, weil ich mir dachte, Bafsi, komm, es sind Recherchezwecke, es ist okay, beruhige dich, atme tief durch, du kannst es gerade nicht ändern. Ja, und ich vermute, vielen von euch könnte es genauso gehen, wenn ihr euch diese Serie anschaut. Also quasi so sexistische Muster als Teil der Serie, weil das zu den Zeiten sehr ausgeprägt war und dass es halt auch damit dargestellt wird, meinst du? Ja, also es kommt in der ganzen Geschichte, in dem Fall, kommt eine Mordermittlerin vor, die sehr, sehr bekannt geworden ist später. Denn sie war eine der ersten Mordermittlerinnen überhaupt in Deutschland, weil es ein sehr ungewöhnlicher Beruf für Frauen zu dem Zeitpunkt war. Und man merkt in der Serie zum Beispiel, dass ihre männlichen Kollegen schicken sie zum Kaffeekochen und sagen, ja, sie können das ja gut, mach mal. Und ich war so, das hab ich so sauer gemacht, Gott.
Ja, und dazu kommt, dass ich ehrlich gesagt finde, dass die Opfer sehr erotisch dargestellt werden, was ich persönlich irgendwie ein wenig Pietätlos finde. Und die Hauptfigur eine sehr komödiantische Rolle hat und fast schon so ein bisschen glamourös, sympathisch. Und das persönlich finde ich eine sehr befremdliche Art der Darstellung, die ehrlicherweise bei mir auch sehr angeeckt ist. Das heißt, der Täter wird als sympathisch, glamourös, irgendwie lustig dargestellt. Ja, irgendwie fängt man an, ihn zu mögen und ihn gleichzeitig abstoßend zu finden.
Also es ist eine ganz komische Mischung. Und die Serie hat an manchen Stellen Szenen, wo ich mir denke, ist dieser komödiantische Touch wirklich notwendig gewesen? Brauchte das diese Serie wirklich bei dem Thema, um das es hier geht? Und das ist mir ehrlich gesagt ein bisschen schwer gefallen. Es gibt aber seit 2024 mittlerweile einen Dokumentarfilm, wenn man so will, der heißt Die Unsichtbaren. Und zwar wurde der vom Regisseur Matthias Freier ins Leben gerufen und betreut und erstellt. Und da wird die Geschichte von dieser Ermittlerin, von der ich gerade gesprochen habe, nochmal genauer beleuchtet und anders dargestellt. Weil am Ende des Tages, und das kommt, glaube ich, auch am Ende unseres Falls und unserer Folge heraus, Ist diese Ermittlerin diejenige, die es überhaupt geschafft hat, den Täter unserer heutigen Folge zu überführen? Ohne diese Frau hätte es nie eine Aufklärung gegeben. Und wenn man das weiß, macht einen die Serie und die Darstellung von ihr eigentlich noch viel wütender. Ja, ich kann es mir vorstellen. Ich glaube, ich habe das damals schon gesagt, als wir die Folge zum ersten Mal besprochen haben, den Fall besprochen haben. Ich glaube, ich werde mir die Serie mal angucken.
Weil, gut, wahrscheinlich werde ich auch ganz viel beruhigenden Tee brauchen. Aber irgendwie finde ich es dann doch irgendwie spannend, das so zu sehen, wie du es jetzt so beschreibst. Dass ich das irgendwie auch gerne, die Serie zumindest mal sehen möchte, damit ich da verstehe, was du damit meinst, wie er dargestellt wird und wie doch diese Ermittlerin dargestellt wird. Ja. Spannend. Also, wenn ihr euch die Serie schon angeschaut habt oder noch anschauen werdet, dann freue ich mich total, wenn ihr mir eure Gedanken, euer Feedback, eure Meinungen dazu auch mal gebt, weil ich gerne wüsste, ob ihr das auch so empfunden habt. Schreibt uns dafür super gerne bei Instagram. Da heißen wir Blackbox, der Podcast. Alles klein und zusammengeschrieben. Oder schreibt uns eine E-Mail an blackboxderpodcast at gmail.com. Bevor wir jetzt mit dem eigentlichen Fall starten, habe ich eine Frage an dich. Ja. Glaubst du an Horoskope und, eigentlich zwei Fragen, welches Sternzeichen bist du? Ich bin Sternzeichen Waage.
Und naja, Sternzeichen, ich sage es, wie es ist. Ich kenne mich damit nicht aus. Ich habe mich noch nie groß damit beschäftigt. Ich werde immer wieder gefragt, was mein Aszendent ist und was, es gibt Aszendent, es gibt Sternzeichen und es gibt ja noch irgendwas. Ich glaube im Zeichen von irgendetwas geboren oder so. Der Sternzeichen das, Aszendent bla bla bla und im Zeichen von bla bla geboren oder so im dritten Haus oder so. Ja, gar keine Ahnung. Jedes Mal, wenn ich gefragt werde, was mein Aszendent ist, bin ich so, well, I have to ask Google. Ich kenne mich wenig damit aus und ehrlich gesagt nehme ich diese Dinge auch nicht so ernst. Also ich glaube da nicht daran, dass Horoskope uns da wirklich fehlerfrei beschreiben können oder uns unseren Tag vorhersagen können oder uns vorhersagen können, welcher Partner zu uns passt. Ob ich jetzt einen Krebs als Partner haben kann oder einen Skorpion oder einen Wassermann, halte ich für nicht so valide. Also es ist nichts für mich. Ich weiß, dass viele viel damit anfangen können und da auch großes Vertrauen drin haben. und das auch, also ich weiß auch von Menschen, die es auch mitnutzen quasi als so abchecken, okay, könnte die Person zu mir passen oder nicht.
Ich bin da nicht so drin, von daher muss ich deine Frage beantworten mit nein, ich glaube da nicht dran und ich bin Sternzeichen Waage. Wurde das bei dir in der Familie thematisiert? Also war das so, haben deine Eltern irgendwas dazu gesagt, dass du Sternzeichen Waage bist? Oder haben Sie mal sowas gesagt wie, ja, deswegen bist du so, du bist halt auch Sternzeichenwaage? Erst als wir uns mal diese Beschreibung mal vor ein paar Jahren angeschaut haben, da saß ich mit meinen Eltern und meinem Bruder da zusammen und dann haben wir halt die ganzen Beschreibungen angeschaut und fanden es natürlich total lustig, dass ja teilweise natürlich was passt und teilweise was nicht. Und natürlich ist es so, dass immer mal wieder auch was passt und dass man sich dann auch das Gefühl bekommen kann, ah ja, vielleicht... Könnte doch was dran sein an diesem Sternzeichen. Ich kann mich ja nicht mehr viel erinnern, was bei mir stand. Ich weiß nur, dass Waage ein sehr ausgeglichener Mensch sein soll. Und das ist das, was bei mir hängen geblieben ist, weil es auch das ist, was bei mir als häufigstes Persönlichkeitsmerkmal auch von anderen immer genannt wird. Ich habe tatsächlich die Beschreibung deines Sternzeichens mal mitgebracht, weil natürlich, wir kennen uns schon so lange, natürlich weiß ich, dass du vage bist.
Und laut dieser Beschreibung von deinem Sternzeichen bist du sehr diplomatisch und freundlich. Du neigst dazu, die Dinge sehr intuitiv aufzufassen, bevor du deine Entscheidung triffst. Als Waage suchst du nach Balance und Harmonie in allen Bereichen deines Lebens. Du hast ein Talent für die Aussöhnung verschiedener Standpunkte. Du liebst Kunst und Schönheit und bist oftmals fantasievolles Denken gewöhnt. Das ist jetzt ein bisschen gruselig, weil da würde ich sagen, stimmt. Ich meine, allein schon mein Job als Therapeutin passt da vollkommen rein. Was hast du gerade gesagt? Ich habe ein Talent für die Aussöhnung verschiedener Standpunkte. Well, ich mache Paartherapie. So diplomatisch, freundlich. Kunst und Schönheit. Ich liebe Kunst und ja, ich bin, vielleicht für diejenigen, die es nicht so wissen, ich bin sehr kreativ, ich male sehr gerne und bastle sehr gerne und bin da sehr perfektionistisch, bis es dann wirklich schön aussieht, höre ich nicht auf.
Ja, crazy, also das passt schon ganz gut, muss ich auch sagen, alles. Gab es denn auch irgendwie Aspekte in diesem Text, wo du sagst, naja, das würde aber nicht wirklich zu Maxi passen? Also der Text war relativ kurz, muss ich sagen. Ich habe mir jetzt keinen super, super langen Text rausgesucht. Was mir aber aufgefallen ist, ist, dass viele von den Aspekten, die man bei unterschiedlichen Sternzeichen sieht, auf sehr viele Menschen zutreffen. Ja. Nur um das zu kompletieren, ich bin am Sternzeichen Wassermann. Und bevor er jetzt alle schreiend davonrennt, weil ich weiß, in den sozialen Medien werden Wassermänner heftig abgehatet, kurz hinter Skorpionen, würde ich sagen. Das ist aber auch so ein Trend gerade, gell? Auf Social Media habe ich das Gefühl. Das ist schrecklich, ja. Habe ich bei sowohl deiner als auch bei meiner Beschreibung Sachen gesehen, wo ich so dachte, ja, das stimmt und das trifft zu. Also Wassermänner sind zum Beispiel laut diesem Hochskop lebendig, unabhängig und neugierig. Sie haben eine starke Vision und stecken voller Ideen. Sie verstehen die Welt auf tiefgründige Weise und neigen dazu, über den Tellerrand hinauszublicken. Wassermänner sind kreativ und bevorzugen Freiheit über Konformität. Sie können ihren Geist herumgeistern lassen, Impulse erkennen und sie auf innovative Weise nutzen.
So. Und für diejenigen von euch, die wissen, was ich beruflich ganz lange gemacht habe, dass ich mein eigenes Unternehmen gegründet habe und dass, ich glaube, alle Leute um mich herum, die mich gut kennen, wissen, dass ich immer irgendwie mehr Ideen habe, als ich eigentlich Zeit hätte und mehr Projekte, als ich Zeit habe und immer irgendwas anderes machen will. Ich weiß nicht, ob du das auch so bestätigen würdest, aber ich hab mich da drin auch ein bisschen gesehen gefühlt. Voll, ich dachte mir aber auch gerade, wir haben jetzt ja gerade gesagt, naja, die Sachen können ja auf viele Menschen zutreffen und das stimmt ja schon auch, aber wenn ich jetzt mal überlegen würde, man würde unsere beiden jetzt umdrehen also der Text für Waage würde bei dir stehen und der Text für Wassermann bei mir da würde ich dann sagen, ja, aber das, fittet dann doch nicht so dolle, also ne also ich meine, der Wassermann Ich finde, es ist eine sehr gute Beschreibung von dir.
Und gleichzeitig dachte ich mir so, naja, würde das jetzt zum Beispiel, wenn ich das bei mir lesen würde, würde ich dann glauben, naja, irgendwie passt es auch zu mir. Und ich glaube, ich würde sagen... Lebendig, unabhängig, neugierig. Du hast ganz viele Ideen, verstehst die Welt auf eine tiefgründigere Art und Weise. Du bist kreativ, bevorzugst Freiheit über Konformität. Also ich fand jetzt nicht, das war jetzt nichts, wo ich dachte, da würde ich dich nicht auch drin sehen. Ich sehe da ziemlich viele Leute drin. Weißt du? Ja, okay, gut. Ja, vielleicht war es auch jetzt einfach verknüpft von mir mit dir. Denn so zum Beispiel, ich habe gestockt bei dem Neigen dazu, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Ich erinnere mich an ganz viele Abende auch mit unseren Partnern, wo wir dann zu viert da saßen und irgendwie gegrillt hatten und dann essen wir so. Und ich weiß, dass gerade du und mein Freund, ihr beide, seid so die Experten im Wir diskutieren die Dinge. Nein, deinen Mann genauso. so. Ihr diskutiert die Dinge bis zur Unendlichkeit. Da kommen dann neue Geschäftsmodelle, die kommen, wenn es drusen. Oder da werden Fragen aufgemacht, so philosophische Fragen, wo ich mir denke, okay, warum? Wo kommt das her? Und ihr habt so viel Spaß, daran, das so weiter zu diskutieren, dass es mir sehr viel Spaß macht, da immer zuzuhören. Ich merke aber, dass das zum Beispiel was ist, was ich jetzt unter dieses Neigen, das über den Tellerrand hinauszublicken, gerade verbucht habe. Und wo ich sage, naja, ich finde es total.
Und total spannend und lustig für mich, euch dazuzuhören, aber selbst da so einsteigen, das ist eher nicht so mein Ding. Da habe ich gerade dran gedacht. Ich weiß, was du meinst. Ich verbinde halt dieses über den Tellerrand hinausblicken auch, damit Dinge nicht so zu machen, wie alle sie machen oder sich Gedanken darüber zu machen, Lösungen zu finden, die nicht den normalen Weg gehen, sondern vielleicht außenrum. Und wenn ich darüber nachdenke, wie oft du dir Gedanken darüber machst, zum Beispiel bei deinen Klienten bzw. Patienten, also in deiner therapeutischen Tätigkeit, alternative Möglichkeiten und Lösungen zu finden und auch mal rechts und links zu schauen, dann verbinde ich das schon mit dir. Ja, okay. Und was ich super witzig finde, ist, was wir im Grunde beide gerade besprechen, ein psychologischer Effekt, den man auch Barnum-Effekt nennt. Ich wollte es gerade fragen. Sprechen wir auch noch über den Barnum-Effekt? Auf jeden Fall, denn der Warnung-Effekt bezeichnet die Neigung von Menschen sehr vage und sehr allgemeingültige Aussagen über die eigene Person oder in unserer Diskussionssituation gerade auch über andere Personen so zu interpretieren, dass man sie als zutreffende Beschreibung empfindet. Man nennt es auch den Forer-Effekt oder die Täuschung durch persönliche Validierung.
Fand ich persönlich super interessant und auch irgendwie ganz witzig, jetzt gerade in unserer Diskussion auch zu merken, dass es auch auf andere Personen quasi zutrifft. Also auch in der Diskussion zwischen uns beiden. Der Begriff Barnum-Effekt wurde übrigens von Paul Miel eingeführt und ist nach dem Zirkusgründer Phineas Taylor Barnum benannt. Der hatte ein sehr großes Kuriositätenkabinett, Barnum's American Museum, das jedem Geschmack etwas bieten sollte. Also Zitat, a little something for everybody. Und deswegen heißt es Barnum-Effekt, weil in Horoskopen finden wir a little something for everybody. Ich habe den Barnum-Effekt kennengelernt im Bachelor-Studium. Glaubst du mir, dass ich erst heute verstehe, dass P.T. Barnum... Der, ja, sehr umstrittener Zirkusdirektor, der ja aber auch so die Inspiration für den Film The Greatest Showman war, der einer meiner absoluten Lieblingsfilme ist. Glaubst du mir, dass ich erst jetzt raffe, dass der damit gemeint ist?
Hm, Junge. Bei mir war gerade so, das ist der. Ja, ich würde sagen, better late than never. Und in diesem perfekten Stichwort zu better late than never, würde ich sagen, kommen wir nach dieser sehr, sehr langen Einleitung gleich zum Fall vorab dazu. Der Grund, weshalb wir über Horoskope gerade gesprochen haben, wird sich in unserer Diskussion noch ergeben. Es gab natürlich einen Grund dafür, dass wir diesen Random-Fact hier eingestreut haben. Und bevor ich mit dem Fall starte, an dieser Stelle eine Triggerwarnung. Es geht in diesem Fall natürlich um schwere Gewalt, es geht aber auch um sexuelle Gewalt, es geht um Vergewaltigung. Und es geht um sehr grafische Darstellung von biologischen Verwesungsvorgängen, könnte man sagen. Also bitte achtet auf euch.
Es ist der 6. September 1991 in Hamburg. Der Himmel ist grau, regenschwer. Ein feiner Niesel legt sich wie ein kühler Schleier über den Morgen, der nach feuchtem Asphalt und nassen Blättern riecht. In einer kleinen Garage steht die 53-jährige Christa S. zurechtgemacht neben ihrem Auto. Die Finger umklammern den Autoschlüssel, den sie gerade in das Schloss der Fahrertür steckt. Plötzlich spürt sie etwas an ihrem Hals. Ein Gegenstand. Hart. Kalt. Fremd. Ihre Kehle schnürt sich zusammen, das Herz stolpert. Mit heiserer Stimme flüstert er ein Mann ins Ohr. Die Worte kriechen in ihr Bewusstsein wie giftige Ranken. Sie solle bloß still sein, sonst werde er den Elektroschocker direkt an ihrem Hals auslösen. Christa ist wie gelähmt vor Angst. Die Sekunden erstarren.
Langsam, eingeschüchtert nickt sie. Es ist das Einzige, wozu sie fähig ist. Grob drückt der Mann ihr eine Sonnenbrille mit verklebten Gläsern in die Hand. Er fordert sie auf, sie aufzusetzen. Das Licht verschwindet, die Welt wird schwarz. Dann zwingt er Christa auf den Beifahrersitz ihres eigenen Autos. Die Tür fällt zu wie ein Fallbeil. Christa hört, wie sich der Fremde neben sie setzt, wie der Motor startet. Im nächsten Moment rollen sie rückwärts aus der Garage. Die Minuten, die nun vergehen, fühlen sich für sie an wie eine Ewigkeit. Christa kauert zitternd und wimmernd auf dem Sitz, umgeben von Dunkelheit und Geräuschen, die ihr nichts sagen. Sie hat keine Ahnung, wohin der Fremde sie bringt, keine Spur, kein Gefühl für Richtung oder Zeit. Sie weiß nur, sie ist ihm allein ausgeliefert.
Die Fahrt ist kurz, doch für Christa zieht sich jede Kurve, jedes Bremsen, jede Beschleunigung wie durch zähen Nebel. Als der Mann schließlich den Motor abstellt, steigt er aus, öffnet die Beifahrertür und packt sie grob am Arm. Sie solle sofort mitkommen, befiehlt er.
Blind unter der abgeklebten Sonnenbrille, unfähig sich zu wehren, gehorcht sie. Die Angst macht ihren Körper leicht, aber den Verstand schwer. Der Fremde zieht sie hinter sich her, durch ein Haus, die Kellertreppe hinab. Sie gehen durch mehrere Räume, kühle Gänge, bis sie vor einer massiven Stahltür stehen. Mit einem quietschenden Geräusch öffnet der Mann die Tür, schubst Christa hindurch und folgt ihr direkt. Der Raum dahinter scheint tot. In eine Wand ist eine weitere Tür eingelassen, schmal und niedrig, fast wie eine Katzenklappe. Auch dieses Schloss öffnet der Mann, Christa muss auf allen Vieren hindurchkriechen. Zwei Türen, kaltes Metall, dann ist sie in einem Raum angekommen, den sie nie wieder vergessen wird. Ein kleiner Raum, die Decke ist niedrig, flackerndes Licht kommt von einer funzeligen Glühbirne. Ein metallenes Stockbett steht an der einen Wand, ein kleiner Tisch mit einem Hocker an der anderen. An einem Holzbrett hängen Ketten, Peitschen, Handschellen. Der Raum riecht nach Schweiß, Rost und altem Staub.
Christa fühlt sich wie in einem Albtraum gefangen. Doch was sie nicht weiß, ihr Albtraum hat zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig angefangen. Kaum ist sie durch die kleine Klappe gekrochen, folgt ihr der fremde Mann. Er nimmt ihr die Sonnenbrille ab, fesselt sie an den Handgelenken mittels Handschellen an einer langen, grobgliedrigen Kette. Dann dreht er sich wortlos um und verlässt den Raum.
Was Christa S. in diesem Moment nicht weiß, ihr Entführer ist kein Unbekannter. Nicht für ihren Lebensgefährten Kurt K. Er ist ein ehemaliger Mitarbeiter und in diesem Augenblick hat er nur eines im Sinn. Geld. Die nächsten Stunden ziehen sich für Christa wie Kaugummi. Die Luft im Verlies hängt schwer. Die Zeit scheint sich aufzulösen wie Zucker im Tee, ohne Richtung, ohne Halt. Christa hört ihren eigenen Atem lauter als alles andere Ihre Gedanken kreisen Ein Schwarm aus Angst, der nicht landet, Dann, ohne Vorwarnung, ist er wieder da Der dunkelhaarige Mann Er steigt die Stufen hinab Die Tür quietscht, seine Schritte hallen Christa spürt, wie sich die Kälte in ihren Nacken schleicht Er fesselt sie erneut Diesmal mit den Händen über dem Kopf ans Bett, Die Haltung schmerzt, doch sie sagt nichts. Ihre Augen irren durch den Raum, als könnte sie einen Ausweg erkennen. Dann holt der Fremde etwas hervor.
Fotos. Polaroids. Eines nach dem anderen flackert vor ihren Augen auf. Auf den Bildern zu sehen, Frauen, nackt. Ihre Hände über dem Kopf zusammengebunden, ihre Körper von Verletzungen gezeichnet. Blaue Flecken, blutige Striemen, Haut, die aussieht, als sei sie zerbrochen. Auf einigen Bildern sind Brüste mit Seilen abgeschnürt, so stark, dass sie sich schon bläulich verfärbt haben. Einer anderen Frau wurden die Haare abrasiert. Sie hängt wie eine zerbrochene Marionette an Seilen von der Decke. Christas Blick flackert. Ihre Lieder zittern, als könnten sie sich weigern, das Gesehene hereinzulassen. Doch sie sieht. Und sie versteht.
Die Frauen auf den Bildern sehen aus, als sei ihre Würde herausgerissen worden, ausgehöhlt, gequält, abgemagert, was aber am schlimmsten für Christa ist. Die Bilder wurden hier aufgenommen, genau in diesem Raum. Sie erkennt die Wände, das Bett. Sogar die Glühbirne ist die gleiche. Panik kriecht ihre Wirbelsäule hinauf wie eine kalte Hand. Sie hat Todesangst. Sie glaubt, sie wird das gleiche Schicksal ereilen. Die Vorstellung ist so greifbar wie die Kette an ihrem Arm. Aber sie entscheidet sich, ruhig zu bleiben. So ruhig, wie es ihr möglich ist. Sie hört zu, lässt sich beleidigen, lässt sich demütigen. Doch sie bleibt bei sich. Sie bietet ihm die Stirn, immer wieder, auf höfliche, fast vorsichtige Weise, nicht trotzig, nicht herausfordernd, aber menschlich. Sie will, dass er sie sieht, nicht als Objekt, nicht als Abbild seiner Fantasien, sondern als Mensch mit Geschichte, Gedanken und einem Herzschlag.
In der Hoffnung, dass er ihr dann das Leben lässt. Er zwingt sie Briefe an ihren Lebenspartner zu schreiben, Worte, die nicht ihre sind. Und noch weiter geht er, er diktiert ihr Texte über vermeintliche sadomasochistische Fantasien. Sie soll sie auf Kassetten sprechen, mit ihrer eigenen Stimme. Er gibt ihr die Worte, die sie lesen muss, als seien es ihre eigenen. Doch Christa denkt weiter, überlegt, plant. Sie klebt kleine Obstaufkleber, jedes Mal, wenn er ihr Obst bringt, heimlich unter das Bett. Eine stille Spur, ein winziger Beweis. Ich war hier, ich lebe noch. Es ist ihr einziger Widerstand. Winzig, aber aufrecht. Wie ein Licht, das in einem Kerker nicht verlöscht. Bereits kurz nach der Entführung klingelt bei ihrem Lebensgefährten Kurt K. das Telefon. Die Leitung knackt. Am anderen Ende meldet sich der Entführer. Mit verstellter Stimme. Er klingt fast weiblich. Künstlich. Die Worte sind kurz. Klar, kein Zögern. 300.000 Mark will er. Für Christa S. Kurt K. verspricht, das Geld schnellstmöglich aufzutreiben. Er fleht um Zeit. Der Entführer gewährt sie. Denn für ihn scheint alles nach Plan zu laufen.
Doch während Christa in der Dunkelheit des Verlieses ausharrt, hat ihr Lebensgefährte längst die Polizei eingeschaltet. Die Beamten sind vor Ort, als der Erpresser zum ersten Mal anruft. Jedes Wort, das durch den Hörer geleitet wird, nehmen sie auf. Sie haben technische Geräte installiert, still wie heimliche Zeugen, lauschend auf einen Fehler. Kurt K. ist ein angesehener Kirschner, ein Mann, der stets Haltung bewahrt. Doch jetzt steht er im Auge seines eigenen Sturms. Und in dieser Zeit wird ihm eine Frau zur Seite gestellt. Es ist Kriminalbeamtin Marianne Azeroth-Freier. Sie ist die erste Frau, die je beim LKA Hamburg aufgenommen wurde. Eine Pionierin, leise, aber beharrlich, unter Männern, die sich weigern, sie zu sehen. Doch sie ist da. Und sie hört zu.
Kurt K. erzählt ihr von Hildegard, seiner Ehefrau vor Christa. Auch sie war plötzlich verschwunden, einfach gegangen von einem Tag auf den anderen. Nur einige Postkarten hatte sie ihm danach geschickt, Worte auf Papier, leer und doch schwer wie Blei. Er erzählt, wie sehr ihn dieser Verlust erschüttert hat und wie sehr er nun um Christa fürchtet. Die Frau, mit der er endlich das Leben führen wollte, das ihm einst versagt blieb. Die Anrufe des Erpressers häufen sich. Immer wieder gelingt es Kurt K., ihn hinzuhalten. Jeder Anruf wird aufgezeichnet, jeder Satz durchkämmt. Die Polizei hofft auf eine Spur, eine Schwäche, einen Ort. Die Ermittler richten eine Fangschaltung ein. Und als Kurt K. Es eines Tages schafft, ein Gespräch lange genug in die Länge zu ziehen, öffnet sich endlich eine Tür. Die Verbindung kann zurückverfolgt werden. Eine Woche nach der Entführung steht ein Treffen bevor. Die Lösegeldübergabe soll stattfinden. Es scheint, als könne Christa S. Nun bald befreit werden und ihr Entführer dank der Fangschaltung auch endlich gefasst.
Doch alles kommt anders. Am 13. September 1991, eine Woche nach ihrer Entführung, hört Christa plötzlich, wie das Schloss an ihrem Verlies geöffnet wird. Das Geräusch ist ihr inzwischen vertraut, doch diesmal klingt es anders. Eilig. Wieder reicht ihr der Entführer die abgeklebte Sonnenbrille. Wieder droht er ihr mit dem Elektroschocker. Ohne ein Wort des Trostes, ohne Erklärung. Dann buxiert er sie aus dem Haus durch den Regen, der in dünnen Fäden vom Himmel fällt bis zum Auto. Christa nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. Die Welt hinter den verklebten Gläsern ist wieder dunkel.
Der Mann geht zum Kofferraum. Sie hört ihn öffnen, hört ein metallisches Krachen. Etwas Schweres, der Klang erinnert sie an einen Spaten. Einen großen. Die Vorstellung fährt ihr wie ein Messer durchs Mark. Sie ist sich sicher, er wird sie töten. Und danach, irgendwo verscharren, zitternd und wimmernd, bleibt sie sitzen. Ihre Angst ist so groß, dass selbst der Gedanke an Flucht sich nicht regt. Sie ist wie eingefroren. Der Mann steigt ein, startet den Wagen. Der Regen prasselt unaufhörlich auf das Autodach, als die Straße unter ihnen dahingleitet. Dann hält er an. Christa hört nur den Regen, das Heulen des Windes zwischen Häusern. Die Beifahrertür wird aufgerissen, wieder packt er sie brutal am Arm, zieht sie aus dem Auto. Er sagt, sie solle stehen bleiben, genau dort. Sie gehorcht, noch immer blind, orientierungslos. Dann ein Türenschlag, ein Motor, der aufheult, Reifen, die sich entfernen. Das Geräusch wird leiser und dann nichts.
Es dauert Minuten, bis sie sich traut, die Sonnenbrille abzunehmen. Der Regen beißt ihr ins Gesicht. Als ihre Augen sich an das Licht gewöhnen, sieht sie, sie steht allein, mitten auf der Straße. Etwa 100 Meter entfernt vor ihr erhebt sich ein Gebäude. Nüchtern, funktional und unauffällig. Eine Polizeistation. Christa taumelt. Jeder Schritt ist ein Kampf gegen ihre Erschöpfung. Ihre Knie zittern, ihr Körper ist durchnässt, ihre Kleidung mit Schmutzflecken übersät. Sie riecht, als habe sie seit Wochen keine Dusche gesehen. Ihre Haare kleben an der Stirn, doch sie erreicht das Gebäude, drückt die Tür auf, tritt ein. Am Empfangstresen stehen Beamte. Ihre Blicke treffen sie, entgeistert, abwartend. Mit bebender Stimme sagt sie, ich heiße Christa S. und ich bin entführt worden. Dann bricht sie in Tränen aus. Die Polizisten wechseln skeptische Blicke. Noch bevor sie sie hineinbitten, ruft einer von ihnen bei der örtlichen Psychiatrie an. Er will sicher gehen, dass sie nicht von dort abgehauen ist. Auf ihn wirkt die Frau vor ihm wie eine Verrückte. Dennoch bringen sie sie in einen Verhörraum.
Reichen ihr eine Tasse Kaffee, lassen sie erzählen. Christa berichtet. Von allem. Und die Beamten hören zu. Aber sie glauben ihr nicht. Für sie ist klar, so schlimm kann es nicht gewesen sein. Der Entführer habe sie schließlich weder verletzt noch vergewaltigt. Und außerdem diese Geschichte. Erst nach Stunden wird ihre Kollegin Marianne Azeroth-Freier hinzugezogen. Sie soll Christa erst zur körperlichen Untersuchung und dann nach Hause bringen. Für die Beamten ist der Fall damit beendet. Christa habe alles erzählt, aber ob das stimmt? Sie glauben, die Frau habe versucht, Geld von ihrem Partner zu erpressen. Immerhin sind die beiden nicht verheiratet. Sie würde nichts von ihm erben. Bei der körperlichen Untersuchung wird dann festgestellt, keine Vergewaltigung, keine Verletzungen im intimen Bereich, keine sichtbaren Spuren von Misshandlung. Nicht einmal Druckstellen an den Handgelenken, wo die Handschellen gewesen sein sollen. Und doch, Christa wirkt wie eine Frau, der die Welt genommen wurde. Marianne Azzeroth-Freier bringt sie schließlich zurück zu Kurt K. Der Mann schließt sie sofort in die Arme, die Erleichterung steht ihm ins Gesicht geschrieben und für einen Moment scheint die Welt stillzustehen.
Am 17. September 1991 ist es dann soweit. Die Polizei verhaftet Lutz Rheinstrom, einen ehemaligen Auszubildenden von Kurt K. Die Handschellen klicken, die Ermittler haben endlich einen Namen, ein Gesicht, einen Wohnsitz. Sie haben den Mann, der Christa S. eine Woche lang ihrer Freiheit beraubt hat. Der Prozess beginnt kurz darauf. Rheinstrom wird wegen erpresserischen Menschenraubs angeklagt. Der Gerichtssaal ist kühl, sachlich, unbeeindruckt von dem Grauen, das sich dort entfaltet. Und doch spürt man, dass für Christa S. jener Satz ein Abgrund ist.
Reinstroms Verteidigung greift hart an. Sie stellt die Schilderungen von Christa S. infrage, mehr als nur beiläufig. Sie habe sich ja offensichtlich nicht gewehrt, als sie mit dem Elektroschocker bedroht wurde. Ob sie es womöglich gewollt habe? Ob sie Kleidung getragen habe, die den Täter gereizt habe? Die Fragen hängen im Raum wie Spinnennetze. Unsichtbar, aber verletzend. Und es kommt noch viel schlimmer. Lutz Rheinstrom, 43 Jahre alt, Kirschner Meister, ist ein geschickter Erzähler. Er tritt im Saal auf mit einem Lächeln, das zu seiner Brille nicht passen will. Dunkle Haare, ein gewisser Charme, der manchen Richter dazu bringen könnte, zu vergessen, wer er ist. Er wendet sich direkt an Christa. Wieder und wieder fragt sie, warum sie ihn anklagt. Sagt, sie habe es doch genossen, bei ihm zu sein. Seine Berührungen habe sie gern gehabt. Warum sie sich denn jetzt schäme für ihre Neigungen? Es sei doch nichts dabei, nur dass ihr Partner sie nicht mehr befriedigen könne. Und dass sie es selbst gewesen sei, die sein Geld habe, haben wollen, das sei ohnehin allen klar.
Die Worte sind wie Nadeln. Auch Marianne Atzeroth-Freier wird befragt. Ihre Aussagen sind klar, ihre Beobachtungen sorgfältig. Doch auch sie wird von der Verteidigung ins Lächerliche gezogen. Ihre Argumente prallen ab. Am 26. Mai 1992 fällt das Urteil. Rheinstrom wird wegen eines minderschweren Falls des erpresserischen Menschenraubs zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Drei Jahre. Für eine Woche Albtraum, Demütigung, Fesseln, Bedrohung.
Das Gericht begründet, der Angeklagte sei erstmals straffällig geworden. Seine Existenz sei durch die Pleite seines Geschäfts ins Wanken geraten. Er habe sich astrologischen Vorhersagen hingegeben, sei depressiv, masochistisch veranlagt, doch nicht so sehr, dass seine Steuerungsfähigkeit eingeschränkt gewesen sei. Es habe kein durchdachter Plan vorgelegen, sondern spontane Taten. Die Lösegeldforderung sei nicht mit einer Todesdrohung verknüpft worden, das Opfer sei, soweit möglich, gut behandelt worden. Ein Geständnis habe er abgelegt, wenn auch eingeschränkt. Das Gericht macht von der doppelten Strafmilderung Gebrauch. Ein Urteil, das klingt wie ein Urteil über ein Versehen. Und es sagt noch etwas. Man könne nicht mit Sicherheit ausschließen, dass Christa S. Selbst in die Entführung verwickelt gewesen sei. Sie habe offenkundig nicht alles gesagt, was sie wisse. Christa S. nimmt das Urteil gefasst hin. Sie hofft, dass sie diesem Mann nie wieder begegnen muss. Doch die Geschichte ist damit nicht zu Ende. Im Gegenteil. Hier fängt sie erst so richtig an.
Während einer der Verhandlungspausen, der Flur des Gerichts ist erfüllt von gedämpftem Stimmengewirr, dem Klappern von Absätzen, dem Knistern von Papier, steht Marianne Azzeroth-Freier auf dem Flur und spricht mit Christa S. Da tritt eine dritte Frau auf sie zu. Ihr Gesicht ist eingefallen, ihre Stimme vorsichtig, fast brüchig. Sie heißt Margarete R. und sie erzählt, ihre Tochter Annegret B. Ist seit 1988 verschwunden.
Sie habe Lutz Rheinstrom seit Jugendtagen gekannt aus dem Schwimmverein. Und es gäbe da Parallelen zu dem, was Christa S. erlebt habe. Marianne hört genau hin. Später durchforstet sie die Vermisstenakten. Die Jahre sind lang, die Fälle zahlreich und doch sticht etwas hervor. Zwei Frauen. Hildegard K., die Ex-Frau von Christas Lebensgefährten und Annegret B., die Tochter von Margarete R. Beide verschwunden, beide angeblich freiwillig gegangen und beide haben Briefe hinterlassen. Schreiben, in denen steht, es gehe ihnen gut, dass sie nicht vermisst seien. In der oberen linken Ecke jedes Schreibens steht die Nummer des Personalausweises. Ordentlich. Fast zu ordentlich. Bei Annegret B. gibt es sogar Postkarten aus verschiedenen Ländern. Chile, Schweiz, Brasilien. Sie schreibt, es sei schön dort, dass sie einen Mann kennengelernt habe, dass sie bleibe. Die Polizei sieht damals keinen Grund für Ermittlungen. Die Frauen seien volljährig, hätten sich abgesetzt. Die Briefe und Postkarten würden das beweisen.
Aber für ihre Angehörigen fühlt es sich nicht an wie die Wahrheit. Marianne Azzeroth-Freier spürt, dass hier etwas nicht stimmt. Sie beginnt zu graben, fragt Freunde und Familie erneut, notiert, vergleicht, sortiert, erstellt Listen mit verschwundenen Gegenständen, deckt Muster auf. Und sie erkennt, die Fälle ähneln sich auf beängstigende Weise. Doch die Mordkommission ist nicht zuständig für Vermisste. Also arbeitet Marianne heimlich weiter. In ihrer Freizeit, an Abenden, an Wochenenden. Ihre Notizen füllen bald ganze Ordner, ihre Fragen bohren tiefer. Und irgendwann hat sie genug. Genug, um eine Sonderkommission zu fordern. Doch in ihrem Team stößt sie auf Widerstand. Besonders ihr Vorgesetzter stellt sich quer. Niemand will an eine Mordserie glauben. Niemand, bis ein erster Fund das Schweigen durchbricht.
Bei der Durchsuchung von Rheinstroms angemieteter Garage wird ein Sofa gefunden. Es gehört Annegret B. Kurz darauf lässt sich belegen, Rheinstrom hat ihr Auto verkauft. Die Soko 924 wird eingerichtet und sie erhält die Genehmigung, Rheinstroms Haus und Grundstück zu durchsuchen. In den folgenden Wochen wird jeder Winkel beäugt, jeder Schatten abgetastet. Sie stehen im Bunker, den Christa S. Beschrieben hat. Das Verlies existiert. Die Ketten, das Bett, die Glühbirne. Trüb wie ein vergessenes Geständnis. Dann kommen die Hunde. Leichenspürhunde. Ausgebildet und geübt. Sie gehen durch Räume, Flure, über Böden, Wände. Und sie schlagen an. Immer wieder. Drinnen, draußen, in Hamburg-Rahlstedt und im Wochenendhaus in Baseldo. An mehreren Stellen. Doch sie finden nichts. Keine Knochen, keine Fasern, kein Blut, keine Spur, die das menschliche Auge oder das Labor greifen kann. Nur Hunde, die wittern. Und was sie wittern, ist der Tod.
Ratlosigkeit macht sich breit. Die Ermittler wenden sich an die Rechtsmedizin. Sie stellen zwei Fragen. Zwei Fragen, die sich anfühlen, als kämen sie aus einem Albtraum. Wie lässt man eine Leiche verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen? Und was bedeutet es, wenn ein Leichenspürhund an mehreren Stellen anschlägt, ohne dass der Mensch dort etwas findet?
Am 21. November 1992 stoßen sie dann doch auf etwas. Vergraben an genau den Stellen, an denen die Hunde zuvor gebellt haben, finden sie fünf Plastikbehälter. Darin insgesamt 35 Liter 30-prozentige Salzsäure. Und ein weiteres Objekt, ein blaues, säurefestes Fass mit 200 Liter Volumen. Auf diese Funde angesprochen, schweigt Rheinstrom. Er behauptet nicht zu wissen, woher diese Gegenstände kämen. Doch dann geschieht etwas, die Polizei kehrt zurück in den Garten und dieses Mal spricht sie mit den Nachbarn. Einer von ihnen erinnert sich. Vor einigen Jahren habe Rheinstrom eine Grube ausgehoben, so tief, dass man seinen Kopf kaum noch sehen konnte. Eine Grube, die keinen sichtbaren Zweck hatte. Sofort beginnen die Ermittler, an genau dieser Stelle zu graben. Am 1. Dezember 1992 stoßen sie auf eine massive Betonplatte, verborgen in der Erde. Stundenlang stemmen sie mit Maschinen gegen das Hindernis an, stemmen, hämmern, graben und schließlich geben Stein und Zeit nach. Unter der Platte liegt ein Fass, groß, blau, säurefest.
Als der Deckel sich einen Spalt weit hebt, weicht zahlreichen Beamten die Farbe aus dem Gesicht. Einige müssen sich abwenden, einer stützt sich an der Wand ab.
Was in dem Fass liegt, ist kein Mensch mehr. Und doch war es mal einer. Sie verschließen das Fass und bringen es sofort in die Rechtsmedizin. Dort beginnen die Ermittlungen vorsichtig, tastend, mit Handschuhen, Röntgengeräten und Atemmaske. Noch bevor der Deckel geöffnet wird, durchleuchten sie es. Die Bilder zeigen keine klaren Strukturen mehr, nur Schatten. Dann wird das Fass geöffnet. Die Flüssigkeit darin ist dunkel, dick und beißend. Schnell steht fest, es ist Salzsäure, 30%ig. Darin schwimmen große Fettklumpen, Fleischfetzen und ein Teil, der sich als menschlicher Oberkörper herausstellt.
Die Arbeit beginnt. Acht Stunden später bergen sie die erschütternde Wahrheit. Es sind Körperteile, stark zersetzt, teilweise aufgelöst. Dennoch gelingt es, eine Frau zu identifizieren. Silberfarbene Fingernägel, rot lackierte Fußnägel, Amalgamfüllungen in den Zähnen, der Körper ist gefesselt, die Haare abrasiert, der Kopf abgetrennt. Alles, was bleibt, ist entstellt. Und doch spricht der Leichnam. Leiser, aber eindeutig. Die Gerichtsmediziner rekonstruieren den Zahnstatus. Am Ende sind sie sich sicher, die Überreste stammen von Annegret B. Eine DNA-Analyse ist nicht mehr möglich. Die Säure hat das Erbgut zerfressen. Die Untersuchung wird zu einem Wettlauf gegen den Zerfall, denn kaum haben sie das Fass geöffnet, beginnt die Luft, ihr Werk der Zerstörung zu vollenden. Die Leichenteile lösen sich auf dem Sektionstisch unter den Händen der Experten in eine gelatineartige Masse auf.
Eine genaue Todesursache kann nicht festgestellt werden. Es gibt keine Hinweise auf Drogen, keine Spuren von Gift oder Medikamenten. Die Polizei konfrontiert Lutz Rheinstrom mit dem, was sie gefunden hat. Sie sprechen von Annegret B., von den Überresten in der Säure, von dem, was im Garten unter Beton verborgen lag. Doch Rheinstrom streitet alles ab. Sein Blick bleibt ruhig, seine Stimme kontrolliert. Dann, als die Ermittler ihm sagen, sie würden seine Häuser bis auf die Grundmauern durchsuchen und notfalls alles in Schutt und Asche legen, wenn er nicht endlich den Mund aufmache, geschieht etwas. Rheinstrom gibt einen Hinweis. Waage. Es gäbe noch ein zweites Fass.
Drei Tage nach dem Fund von Annegret B. wird es entdeckt. Wieder liegt es unter einer dicken Schicht Beton, 80 Zentimeter tief verscharrt. Auch dieses Fass ist blau, auch dieses ist säurefest. Und auch dieses trägt einen toten Menschen in sich. Es wird in die Rechtsmedizin gebracht, die Öffnung erfolgt mit aller Vorsicht. Doch was sich darin befindet, ist kaum noch zu begreifen. Wieder ist die Masse dunkel und dickflüssig, kaum identifizierbar. Die Obduzenten finden Organreste, Teile von Groß- und Kleinhirn, Fragmente von Haut, Knochen, Lunge, Gallenblase. Alles ist so stark von der Säure zerfressen, dass sich nicht einmal mehr bestimmen lässt, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Die Säure hat hier nicht nur ausgelöscht, sie hat verschlungen.
Ihnen bleibt nur ein Weg, die Masse zu sieben. Die Gerichtsmediziner durchfrosten den Inhalt, trennen das Unaussprechliche vom Rest. Sie finden Zahnfüllungen, Amalgam, Gold und noch mehr, Plastiktüten, Bausand, Steinwolle, Pinnnadeln, eine Holzklammer und eine Metallzwinge, eine Kabelschelle aus Hartplastik und Bänder. Ob diese Gegenstände den Körper gefesselt haben oder einfach zurückblieben von dem, was vorher geschah, das lässt sich nicht mehr sagen. Das Fass hat alles verwischt, Schmerz und Stille liegen auf dem Grund. Kein Name kann mit Sicherheit genannt werden, kein Gesicht, keine Stimme. Nur noch Spuren, die auf ein Menschenleben hinweisen, ausgelöscht und aufgelöst.
Der 11. Januar 1995, Hamburg, Landgericht, Saal 390. Vor den Türen drängen sich Reporter, Fotografen, Kameraleute. Über 100 sind es. Mikrofone recken sich wie Spieße in die Luft. Kamerablitze zucken. Alle warten auf den Mann, den die Zeitungen längst den Säuremörder nennen.
186 Zeugen sind geladen, 5 Sachverständige. Es ist ein Prozess, der wie ein Sturm in den Mauern tobt. Noch lange, bevor das erste Wort überhaupt gesprochen ist. Dann beginnt der Prozess. Nach der Vorlesung der Anklage steht Lutz Reinstrom auf. Sein Gesicht wird gefasst, seine Haltung beinahe bühnenhaft. Ich bin kein Mörder und kein Monstrum. Ich habe keinen Menschen getötet. Seine Stimme klingt ruhig. Wie ein Erzähler, der nicht glaubt, dass ihm jemand widersprechen kann. Er spricht von einer Fantasieanklage, von Fakten, die zu Geschichten gemacht worden seien. Aber das, was in den nächsten 93 Verhandlungstagen zur Sprache kommt, hat mit Fantasie gar nichts zu tun. Es ist ein Abstieg in einen Albtraum. Stück für Stück, Bild für Bild, Reinstroms Geschichte beginnt am 29. März 1948 in Sassnitz auf Rügen. Er ist noch ein Kind, als die Ehe seiner Eltern zerbricht. Seine Mutter zieht mit ihm nach Hamburg. 1956 eröffnet sie dort ein Pelzgeschäft. Der junge Rheinstrom wächst zwischen Fällen und Preisen, Stoffen und Schweigen auf. Nach der Schule beginnt er eine Kirschnerlehre. Einer seiner Meister, Kurt K., jener Mann, dessen Lebensgefährtin er später entführen wird.
1972 arbeitet er dann bei ihm, 1973 tritt er in das Geschäft seiner Mutter ein. Er ist ehrgeizig, freundlich, charmant.
1975 heiratet er dann zum ersten Mal. Eine Tochter wird geboren, doch im selben Jahr fällt er durch die Meisterprüfung, wegen Betruges. Es ist ein Schatten, der sich über seine ganze Karriere legt. Als seine Mutter davon erfährt, bricht etwas zwischen ihnen. Sie nennt ihn eine Schande. Und doch übernimmt er das Geschäft. Führt es weiter, erfolgreich. Aber hinter dem gepflegten Lächeln wächst etwas anderes in ihm. Eine dunkle Seite. Eine Faszination für zwanghaften Sadomasochismus, für Dominanz, für Schmerz, für Gewalt. Niemand bemerkt es. Nach außen ist Reinstrom unauffällig. Sogar beliebt. Ein Witzbold, ein Gastgeber. Ab und zu lädt er Polizeibeamte in seinen Garten ein, wenn seine Frau mit der Tochter verreist ist.
1983 lässt er auf seinem Grundstück in Hamburg-Rahlstedt einen unterirdischen Bunker errichten. Offiziell, so sagt er, dient er dem Schutz vor Atomkrieg oder dem Lagern empfindlicher Pelze. Zur Einweihung kommt sogar der Bürgermeister. Rheinstrom bekommt einen Handschlag und ein Lächeln. Was keiner weiß, neben den eingeplanten Räumen baut er geheime Kammern. Versteckt, ohne Eintrag im Bauplan. Ein Labyrinth für seine Fantasien. Und in diesen Räumen, sagt das Gericht, beginnt etwas, das für viele Jahre unentdeckt bleibt.
Es ist der 12. März 1986. Hildegard K., 61 Jahre alt, ist erst am Vortag aus dem Urlaub zurückgekehrt. Noch liegt die Wärme fremder Länder auf ihrer Haut. Vielleicht hängt sogar ihr Koffer noch halboffen in der Diele. Lutz Reinstrom weiß das. Seit Wochen beobachtet er sie, kennt ihre Gewohnheiten, ihre Wege, die Stunden, zu denen sie alleine ist. Sie ist die Ehefrau seines ehemaligen Meisters, Kurt K. und an diesem Tag steht er vor ihrer Tür. In der Hand hält er einen Elektroschocker. Er bedroht sie, nimmt ihr Schmuck und Geld ab, über 40.000 D-Mark. Dann zwingt er sie, einen Zettel zu schreiben. Die Schrift ist zittrig, doch der Satz soll Klarheit vortäuschen. Hab Arbeiten satt, ich will nicht mehr arbeiten, will nur noch leben. Im Urlaub ist es mir klar geworden. Brief folgt. Er nimmt ihren Führerschein, ihren Ausweis, sogar den Hund und dessen Korb. Hildegard, die eben noch Teil eines bürgerlichen Lebens war, führt zu einer Zahl. Einem Schatten. Er bringt sie in sein Haus, führt sie hinab in seinen Bunker. Niemand sieht ihn dort und niemand vermisst sie sofort. Der Zeitpunkt ist perfekt gewählt.
Wochenlang hält er sie dort fest, er fesselt sie, er vergewaltigt sie, peitscht sie, malträtiert ihre Brüste, ihre Genitalien. Er zwingt sie, Texte vorzulesen, die er geschrieben hat, sie auf Kassetten zu sprechen, mit seiner Stimme im Hintergrund. Texte, in denen sie sagen muss, wie sehr ihr das alles gefalle, wie sehr sie das verdient habe. Er zwingt sie Briefe zu schreiben an ihren Mann. Sie schreibt, dass sie nicht zurückkehren will, dass sie ausgewandert sei, dass er sich keine Hoffnungen machen solle. Später folgen Postkarten aus Teneriffa mit bunten Bildern, mit Sätzen, die so gewöhnlich klingen, dass sie fast beruhigen könnten. Doch zwischen den Zeilen liegt etwas. Einzelne Buchstaben schreibt sie dicker. Es ist ein stummes Rufen, das nie jemand hört. Eine Hoffnung, die nie jemand liest. Die Polizei hält die Karten für echt. Sie sieht keinen Grund zu ermitteln. Kurt K. meldet seine Frau zwar als vermisst, aber er wird nicht gehört. Die Briefe gelten als Beweis, es gibt keinen Fall.
Hildegard K. bleibt Wochen in Rheinstroms Keller. Immer wieder wird sie gefoltert, geschlagen und missbraucht. Dann stirbt sie. Wie genau kann nie festgestellt werden. Kein Schuss, kein Schnitt, kein Gift lässt sich mehr rekonstruieren. Nur die Gewissheit, sie stirbt in diesem Verlies. Und sie verlässt es nie mehr.
Reinstrom zersägt ihren Körper, verstaut ihn in einem Fass und übergießt ihn mit Säure. Dann vergräbt er das Fass im Garten seines Sommerhauses. Es ist die erste bekannte Tat.
Es ist der 5. Oktober 1988. Annegret B. ist jung, lebendig, voller Pläne. Sie steht an einem Wendepunkt, hat gerade ein Haus gekauft, das nun durch veränderte Umstände zu teuer erscheint. Und genau das nutzt Lutz Rheinstrom. Er kennt sie seit seiner Jugend. Die beiden waren zusammen im Schwimmverein. Frühe Annäherungen seinerseits sind erfolglos geblieben. Jetzt meldet er sich mit einem scheinbar großzügigen Angebot. Ein Geschäft, das ihr Geld bringen könnte. Und eine Lösung für die hohen Kosten des Hauses. Sie glaubt ihm und sie folgt ihm in sein Haus, in seinen Keller. Dort, in den unterirdischen Räumen, schlägt er erneut zu. Es geht schnell. Annegret hat keine Chance. Keine Chance, sich zu wehren. Er fesselt sie, sperrt sie ein in das Verlies, das er für genau solche Augenblicke geschaffen hat. Dann zwingt er sie, einen Zettel für ihre Reinigungskraft zu schreiben. Mir ist sowieso egal, was sie machen. Ich ziehe aus. Alles Gute für sie persönlich. Diesen deponiert er in ihrem Haus. Die Botschaft ist deutlich. Sie ist freiwillig gegangen.
Auch an ihren Lebensgefährten schreibt sie. Unter Zwang. Sie erklärt, sie wolle nicht zurückkommen. An den Arbeitgeber gehen Briefe mit angeblichen Urlaubsplänen, dann eine Kündigung. Alles scheint stimmig, glatt und unauffällig. Aber Annegret lebt noch und schreibt mindestens neun Briefe an Angehörige. Einen an die Polizei, Geburtstagskarten, Weihnachtsgröße, Postkarten aus Ländern, die sie nie betreten hat. Viele Brasilien, die Schweiz. In einer Karte steht, Hilf, Lutz. Die Buchstaben sind doppelt nachgezogen. Auch sie versucht, durch Papier Hinweise zu geben. Aber niemand sieht es. Niemand außer ihrer Mutter. Diese glaubt nicht an die Briefe und nennt Reinstrom der Polizei gegenüber als den letzten Kontakt ihrer Tochter vor deren Verschwinden. Aber Reinstrom kennt einen der Beamten aus dem Schwimmverein. Und er ist ein guter Erzähler. Er redet sich heraus, lächelnd, unauffällig, charmant. Annegret bleibt verschwunden.
Währenddessen spielt sich in Reinstroms Keller ein Albtraum ab. Er vergewaltigt sie, peitscht sie, hängt sie kopfüber von der Decke, lässt sie hungern, rasiert ihr die Haare ab und macht immer wieder Fotos von ihr. Sie bleibt seine Gefangene in der Dunkelheit und in ihrer Angst. Dann zwingt er auch sie, eine Kassettenbotschaft aufzunehmen, eine Art Abschied. Kurz darauf tötet er sie. Er zerteilt ihren Körper, verstaut die Teile in einem Fass, das er mit Säure füllt. Auch dieses Fass vergräbt er auf seinem Grundstück, verborgen, unter Betonplatten geschützt. Mitte der 1980er Jahre verändert sich dann etwas in der Stadt. In ganz Deutschland. Pelze, einst ein Zeichen von Reichtum, Wärme und Stil, geraten immer mehr in Verruf. Die Zeit der glänzenden Auslagen, der pelzverbrämten Wintermäntel ist vorbei. Tierschutz, Proteste, die neue Partei Die Grünen. Der Glanz verblasst. Auch Lutz Reinstroms Geschäft verliert an Boden. Die Aufträge bleiben aus, die Rechnungen bleiben liegen. Die Schulden wachsen wie Ranken um sein Leben.
1989 muss er schließlich aufgeben. Das Geschäft und seinen Schein. Und mit dem Geld verschwindet auch seine Fassade. Was bleibt, ist sein Hunger nach Kontrolle, nach Macht, nach Rache an einer Welt, die ihn jetzt nicht mehr braucht.
1991, zwei Jahre später, trifft er eine Entscheidung. Er nimmt sich Christa S., die neue Lebensgefährtin seines alten Meisters Kurt K. Es ist keine zufällige Wahl. Rheinstrom kennt sie, weiß, wie sie lebt, wo sie parkt, wann sie allein ist.
Erst diese Tat bringt ihn in das Licht der Ermittler und insbesondere in das Blickfeld von Marianne Azeroth-Freier. Und dort bleibt er. Bis zum Ende. Der Prozess zieht sich. Tag für Tag, Wort für Wort, 93 Verhandlungstage lang liegt das Leben und Sterben von Hildegard K. und Annegret B. Auf den Tischen des Schwurgerichts. Draußen vor dem Saal, Reporter, Stimmengewirr, flackernde Kameras Drinnen Lutz Rheinstrom, der Mann, den man Säuremörder nennt und der alles bestreitet Auf Empfehlung seiner drei Verteidiger Leonore Gottschalk, Solga, Klaus Martini und Uwe Meffert macht er weitestgehend von seinem Schweigerecht Gebrauch Aber wenn er spricht, dann erzählt er Geschichten Und jede dieser Geschichten widerspricht der Letzten, Mal behauptet Reinstrom, eine Organmafia habe die Frauen getötet, zur Gewinnung von Transplantaten. Dann sagt er, Hildegard K. habe sich das Genick gebrochen. Ein Sturz auf der Treppe, bedauerlich, aber ein Unfall. Zuletzt sagt er, Annegret B. sei in der Sauna gestorben. Nach einvernehmlichem Sex, bei dem sie ihm so heftig in den Penis gebissen habe, dass er sie reflexartig von sich gestoßen hätte. Danach sei er gegangen, sie sei liegen geblieben, tot.
Die Geschichten flackern, aber keine hält dem Gericht stand.
Am 22. Mai 1996 fällt das Urteil. Das Gericht verhängt lebenslange Freiheitsstrafe mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und Sicherungsverwahrung. Im Fall Hildegard K. Erkennt das Gericht keinen sexuellen Beweggrund. Es ginge um Habgier, um die Verdeckung einer Straftat. Im Fall Annegret B. bleibt der Tötungsablauf unklar. Aber der Mord ist erwiesen. Das Gericht erkennt, Reinstrom vertuscht, wo er kann, verstrickt sich in Lügen, verwischt Spuren, täuscht mit Worten. Es sind nicht die Zeugen, die ihn überführen. Er ist es selbst. Ein Mann, der am Ende gegen sich selbst aussagt, durch jedes Verschweigen, jedes Zögern, jede merkwürdige Geschichte. Der Fall wird später zum Lehrfilm. Eine Mahnung, eine Chronik des Wegsehens und Weghörens, des Zweifels und der Wahrheit. Marianne Azeroth-Freier, die Beamtin, die alles ins Rollen brachte, verlässt wenig später die Mordkommission. Lutz Rheinstrom sitzt bis heute in der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel. Seine Ankündigung, alles zu erklären, bleibt leer. Nur neue Geschichten erfindet er immer wieder. Damit hat er am Ende mehr zu seiner Verurteilung beigetragen als jeder Zeuge.
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, ehrlich gesagt. Ich hätte mir mitschreiben sollen während dem Fall, wo ich überall unterbrechen wollte, mit verschiedenen emotionalen Ausdrücken. Ich glaube, ich fange damit an.
Wie schrecklich das sein gewesen muss, gerade für die Mutter von, ich glaube, es war die Mutter von Annegret. Also natürlich, wie schrecklich, also im ersten Gedanken, wie schrecklich das für diese Frauen gewesen sein muss, da zu sitzen und misshandelt und missbraucht zu werden, gefoltert zu werden und dann auch noch das aufnehmen zu müssen und zu sagen, dass sie es gut finden und Briefe schreiben. Boah, das ist so... Ich weiß nicht, ich finde, dass wenn da so Sexualstraftaten stattfinden und so massive Gewaltstraftaten stattfinden, finde ich das nochmal...
Ich finde es nochmal ein Level ekliger, wenn dann von den Opfern auch noch gefordert wird, dass sie irgendeine Art von Zustimmung äußern müssen, dass sie da irgendwie auch noch dazu gezwungen werden. Ich finde, ich weiß nicht, wie es dir geht, Aber ich finde, es hat so nochmal so ein Extragrad von Demütigung, dass sie auch noch aufnehmen müssen. Das gefällt mir. Weißt du, was ich meine? Ja. Das finde ich immer übel eklig, wenn das in Fällen passiert. Das finde ich ganz schlimm. Und auch, dass durch diese Karten oder Briefe, die sie geschrieben haben, die Polizei tatsächlich es einfach gelassen hat und einfach angenommen hat, dass sie halt einfach weggegangen sind, dass sie einfach ein neues Leben begonnen haben. Und wie schlimm muss das bitte für so eine Mutter sein, die sagt, nein, ich bin mir sicher, dass sie nicht einfach gegangen ist, ich bin mir sicher, dass sie nicht freiwillig weg ist und dass sie irgendwo ist und dass irgendwas passiert ist und einfach niemand hört dir zu.
Das ist so das Erste, was mir so in den Kopf kommt, wie schrecklich das für die Beteiligten gewesen sein muss und dann auch, ich nehme mal an, in dem Verfahren, in dem Christa S. Auch ausgesagt hat, ganz am Anfang, die Frau, die sich ja da gemeldet hat, also die auf dann die Ermittlerin und sie zugegangen ist, ist ja die Mutter von Annegret B. gewesen. Das heißt, die hat so lange das mit sich rumgetragen und hat so lange daran festgehalten, dass es nicht sein kann, dass ihre Tochter einfach gegangen ist und ein neues Leben begonnen hat.
Dass sie selbst da irgendwie ja anscheinend mitbekommen hat, dass da ein Verfahren stattfindet und dann selbst da noch irgendwie nach Strohhalmen gegriffen hat, in ihrer Verzweiflung von wegen, bitte irgendwas ist da nicht normal, kann bitte da jemand hingucken kann da bitte jemand was machen.
So weißt du, das Das zeigt ja so eine, dass sie nach Jahren immer noch so involviert ist, dass sie da so stark dran geglaubt hat, dass es nicht so ist, wie die Polizei es gesagt hat. Ja, sie sagt in den Artikeln und auch in der Serie, also ich habe meine Quellen ja sowohl aus der Serie, aber natürlich auch aus Zeitungsartikeln etc. Und da sagt sie, dass sie in der Zeitung zufällig einen Artikel gesehen hat, wo sein Gesicht abgebildet worden ist, mit der Aussage, dass er sich gerade vor Gericht verantworten muss wegen dieser Entführung an Christa S. Und das war der Moment, in dem sie dachte, dass damals es auch so war, dass ihre Tochter Karten und sowas schicken musste und Briefe schicken musste und dass sie auch einfach verschwunden ist aus ihrem Haus. Und quasi wie vom Erdboden verschluckt war. Und dass Reinstrom damals auch der letzte war, der mit ihr zu tun hatte. Oder einer der letzten, der sie gesehen hat. Und dann auch noch diese, wie beide ja, beide verstorbenen Frauen versucht haben, irgendwie sich bemerkbar zu machen und diese Buchstaben fett zu schreiben und ...
Das fand ich auch so richtig schlimm, weil die haben, das ist eine gute Idee, das ist ein guter Gedanke, sie haben es versucht und es hätte funktionieren können und das hat es aber nicht und ich fand das so, ich habe so richtig das Gefühl von Enttäuschung gehabt, dass sie es probiert haben, aber es einfach zweimal, außer der Mutter von Annegret eben, niemand gemerkt hat und sie nicht gerettet werden konnten, auch wenn sie hätten gerettet werden können dadurch. Es hätte jemand bemerken können, wenn sie Glück gehabt hätten. Und es ist einfach so, ich weiß nicht, ich finde irgendwie so, mir fehlt gerade das Wort, so wie so erschlagend, ich weiß nicht, ob das richtige Wort ist dafür, dass es halt einfach nicht funktioniert hat.
Niederschmetternd. Niederschmetternd, ja. Ich fand es so enttäuschend. Ja. Ich war so enttäuscht, weil ich, seitdem ich diesen Fall aufgearbeitet habe, achte ich irgendwie immer darauf, wenn mir jemand schreibt. Also auch bei WhatsApp oder so. Es ist richtig komisch, es läuft wie so ein Radar mit. Crazy. Ob jemand komisch schreibt. Ob es irgendwie komisch aussieht oder so. Ich weiß nicht, aber seitdem das passiert ist, weil man schreibt sich ja keine klassischen Karten oder Briefe mehr, aber seitdem das passiert. Achte ich irgendwie immer darauf, ob jemand sich am Telefon irgendwie komisch verhält oder ob jemand irgendwas... Ich kann das gar nicht mehr ausschalten, weil es mich so verfolgt hat, dass das bei den beiden nicht aufgefallen ist. Das hat mich im innersten Kern getroffen, dass das nicht aufgefallen ist. Vor allen Dingen war in dem einen Ding ja sogar noch Lutz und dann Hilf. Ja, das war so eindeutig eigentlich. Ja, weil er war ja mit allen Opfern, und das finde ich das Erschreckendste daran, er war mit den Opfern bekannt. Das waren keine unbekannten Leute. Ja. Und das fand ich so furchtbar. Also so furchtbar, weil ich einfach dachte.
Zusammenspiel, das wurde vor Gericht ja dann auch thematisiert, dieses Zusammenspiel aus nicht hingucken und nicht hinhören und, zu dem Zeitpunkt, er war halt auch mit dem halben Polizeipräsidium gefühlt befreundet, der Bürgermeister war da, um seine Kellersachen da, einzuweihen und haben ihm noch alle die Hände geschüttelt und der hat immer für alle irgendwie noch ein bisschen gegrillt und so und also der war halt richtig close mit den Polizeibeamten auch. Das ist halt so schwierig, wenn so jemand in diesem System drin ist und dieses System so eingespielt ist. Und es ist ja auch sowas, ich meine, das kennt wahrscheinlich jeder, der in irgendeiner Art von System arbeitet. Ich kenne es jetzt aus dem Klinikalltag, dass man ja wirklich irgendwie auch so eine Art von Systemblindheit entwickelt. Also, dass man halt einfach sein Ding macht und so in seinem Tunnel ist und seine Aufgaben erledigt, was total normal ist, dass sowas sich entwickelt. Und gleichzeitig aber, wenn dann jemand eben in so einem System drin ist, überrascht es mich tatsächlich gar nicht, dass dieser Täter, dieser Mörder und Sexualstraftäter vor der Nase all dieser Menschen, deren Aufgabe es eigentlich ist, ihn zu fassen oder das rauszufinden, dass er da einfach vor ihrer Nase war und sie es nicht gesehen haben. Und das ist so crazy und so gefährlich daran, dass wenn jemand da reinkommt, dass er quasi...
Das beste Versteck ist. Ja, weil man so betriebsblind wird. Ja, genau, was ja normal ist, aber halt auch gleichzeitig, wenn ich mir so diese Geschichte angucke, dann denke ich mir so, ah, scheiße. Das ist ja wie, ich sage jetzt ein blöder Vergleich, weil es fiktiv ist, aber es ist ein bisschen wie bei Dexter. Bei der Serie Dexter. Der ist Forensiker und ist auch vor der Nase der Polizisten und niemand kriegt es mit, weil er ist auch Teil des Systems. Ich musste an die Fälle denken, von Pflegern, die Patienten töten. Was auch so lange nicht auffällt. Ja, weil das System halt träge ist. Es bewegt sich langsam. Es bemerkt Dinge langsam. Ja, und vor allen Dingen in dem Fall von Lutz Rheinstrom, der war super charismatisch. Ich persönlich fand ihn in der Serie einfach nur unangenehm und nervig und, Aber ich glaube, das liegt auch daran, dass er, diese Serie ist so voll mit Sexismus. Es ist wirklich, deswegen kann ich das gar nicht. Also das wäre so ein klassischer Typ gewesen, wenn ich den irgendwo auf der Straße getroffen hätte, wäre mein erster Impuls wahrscheinlich ein Side-Eye zu dir gewesen, wenn wir zusammen gewesen wären. So nach dem Motto, was ist das denn für einer?
Ja. Aber zu der Zeit war das noch vollkommen normal. Und da waren seine Verhaltensweisen auch vollkommen normal. Und er hat sich ja auch super eingefügt. Er hat das ja so gemacht, wie viele, viele, viele andere Serientäter auch vor ihm, man sagt ja immer, der klassische Serientäter ist Einzelgänger und alleine und so weiter und so fort. Der hatte eine Frau und eine Tochter. Die haben mit ihm in diesem Haus gewohnt, während er Frauen in diesem Keller festgehalten hat. Das ist crazy. Und die haben das nicht mitbekommen. Die haben das nicht mitbekommen. Und er selber war, deswegen habe ich dich am Anfang gefragt, nach den Horoskopen. Ja. Er selber war extrem bezogen auf.
Horoskope und auf Vorhersagen und hat regelmäßig bei einer Frau angerufen, die so eine Art Wahrsagerin war und die ihm die Karten gelegt hat und Horoskope gelesen hat für ihn. Und er hat dann für sich selber immer versucht rauszufinden, ob heute ein guter Tag ist, um zum Beispiel die Frau zu entführen, ob heute ein guter Tag ist, um sie umzubringen und hat es komplett abhängig davon gemacht und hat dementsprechend auch seine Taten so getimt. Und ich will jetzt bei der Serie auch nicht zu viel vorwegnehmen, aber das war sehr, sehr auffällig. Dass es da auch ganz viel darum ging, die eigenen Entscheidungen in die Hände einer höheren Macht zu begeben. Fand ich persönlich irgendwie ganz interessant. Vielleicht können wir auch so ein bisschen, es sei denn, du hast gerade noch Fragen, aber vielleicht können wir auch so ein bisschen einsteigen in psychologische Analyse und vielleicht auch in so ein fachliches Thema, weil ich vorher zum Beispiel auch gar nicht wusste, dass man tatsächlich Leute in Salzsäure, also Menschen in Salzsäure auflösen kann. Auch darüber würde ich gerne mit dir sprechen. Ja. Wenn du damit einverstanden bist. Es sei denn, du hast jetzt hier erstmal noch Fragen zum Fall. Nee, ich habe keine Fragen zum Fall.
Ich bin einfach schockiert von diesem Fall. Ich fand auch die Stellen, wo du beschrieben hast, wie die Körper sich in Salzsäure auflösen, wirklich maximal eklig. Und dachte mir da so gut, dass ich nicht Rechtsmediziner geworden bin, dass ich irgendwas nicht in Real Life sehen muss. Ja, und was ich noch sagen wollte, bevor wir in psychologische Diskussion reingehen, ist, dass es mich mittlerweile nicht überrascht, jetzt nach dem Fall, dass in dieser Serie so viel sexistische.
Elemente mit drin waren, denn auch in dem Fall, den du jetzt beschrieben hast, kommt es ja schon dolle raus, dass das halt einfach sehr stark vorhanden war zu diesem Zeitpunkt. Also gerade als du gesagt hast mit dem Christa S., wo dann die Polizeibeamten sie nicht ernst genommen haben und gemeint haben, ja gut, sie wurde ja nicht vergewaltigt und sie wurde ja nicht geschlagen, dann wird es schon nicht so schlimm sein. Und die Frage, was hatte sie an? Ja. Ich bin hier kurz aufgestanden, das seht ihr ja leider nicht, aber ich bin hier kurz aufgestanden und hab mich wieder hingesetzt. Dieser Satz, dieser Satz macht mich fertig.
Es ist so crazy. Aber von daher macht es ja voll Sinn, dass in der Serie diese Elemente mit aufgenommen werden, weil offensichtlich hat das eine große Rolle gespielt. Ja, ich persönlich bin großer Fan davon, diesen Satz für illegal zu erklären und zu sagen, er darf nicht mehr gefragt werden in bestimmten Settings, dass es einfach nicht mehr erlaubt ist. Aber das war auch ein Moment, wo ich, ich musste die Serie auch kurz pausieren, weil ich dachte, oh Gott, ich war es war wirklich, ja, also Kurze Meditation einlegen, kurz Bodyscannen, wieder zu mir kommen. Wirklich? Das hat mich irre gemacht. Fühle ich. Aber wir kommen zur psychologischen Analyse. Yes. Zum psychologischen Thema. Was kommt dir denn so in den Sinn, ich greife jetzt erstmal nicht vor, was kommt dir denn so in den Sinn, wenn du dir Lutz Reinstrom mit seiner Vorgehensweise und seiner...
Art und Weise des Verhaltens so anschaust. Naja, also zuallererst kommt mir den Sinn, ob da tatsächlich eine Diagnose von wegen Sadismus, Sadomasochismus, hast du glaube ich auch erwähnt, vorliegt. Denn, also gerade auch dieses mit diesen Brüsten abschnüren und es wirkte so, als ob da sehr viel Lust in dem Quälen der Frauen lag. Und vielleicht auch sehr viel Lust allein in der Ausübung von Macht über diese Frauen, zum Beispiel Christa S., da hat er ja, er hat sie ja nicht vergewaltigt und er hat sie nicht misshandelt, wenn ich das richtig verstanden habe. Und dennoch muss es ihm ja was gegeben haben, sie über eine Woche lang festzuhalten. Also das macht man ja nicht einfach so aus Spaß. Und ich weiß nicht, ich glaube nicht, dass ich mit dem Motiv so mitgehe, dass er das einfach nur aus Habgier getan hat. Weiß ich nicht. Sehe ich irgendwie nicht so. Also ich, Ich habe mich halt gefragt, ob da nicht vielleicht auch nochmal so ein Machtmotiv mit drin ist, das vielleicht auch so allein eine Person festzuhalten und sie ihrer Freiheit zu berauben und vielleicht auch sie zu demütigen, sie quasi zur jetzt in fetten Anführungszeichen Marionette zu machen, dass das nicht vielleicht schon was Lustvolles von wegen diesem Machtgefühl haben könnte. Von daher, Frage nach Paraphilien im Sinne von Sadismus.
Und dieses, ich sag's mal, schillernde Auftreten, wie der Skitt es so schön benennt. Also der Skitt ist ein Test für Persönlichkeitsstörungen, der unter andern die narzisstische Persönlichkeitsstörung auch misst, beziehungsweise erfasst. Bei dieser Art, wie er sich darstellt, habe ich mich gefragt, ob da nicht so etwas Narzisstisches mit drin sein könnte, vorsichtig formuliert. Deswegen vorsichtig formuliert, weil ich jetzt einfach mal erwarte, was du mir darauf antwortest. Ich würde sagen, du bist da auf jeden Fall schon in einer sehr guten Richtung unterwegs. Denn der Psychiater Hans-Jürgen Horn hat sich Rennstrom tatsächlich aus psychologischer Perspektive mal gewidmet und hat bei ihm tatsächlich nach Jahren mal eine Diagnostik durchgeführt. Mhm.
Und er hat ihm tatsächlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert und dazu eine parafile Veranlagung, nämlich eine krankhafte Form des Sadomasochismus, die der Dr. Horn auch sehr deutlich von einvernehmlich ausgelebtem BDSM abgegrenzt hat. Also er hat gesagt, es geht ihm explizit darum, Menschen dazu zu zwingen, mit ihm diese BDSM-Fantasien und Bedürfnisse auszuleben. Ja, was ja eine Paraphilie von einer normalen sexuellen Neigung einfach abtrennt, nämlich die quasi Fremdgefährdung bzw. Die Nicht-Einvernehmlichkeit von anderen Menschen, die dann darunter leiden, das nicht möchten oder eben vielleicht sogar Verletzungen oder ähnliches wie im Fall Lutz-Reinstrom davontragen.
Ja, was ich persönlich vielleicht ganz kurz zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung noch erwähnen möchte. Wir erläutern die zwar regelmäßig, aber vielleicht sind ja ein paar neue Hörer dabei, die mit dieser Folge starten. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist insbesondere dadurch gekennzeichnet, dass betroffene Personen ein sehr stark übersteigertes Selbstwertgefühl haben. Das heißt, sie halten sich für besonders einzigartig, besonders überlegen, besonders wertvoll. Sie sind der Meinung, dass es ihnen zusteht, dass sie besser behandelt werden als alle anderen, weil sie überdurchschnittlich intelligent, überdurchschnittlich besonders und überdurchschnittlich in Summe überdurchschnittlich sind, in allem. Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung haben oft einen erheblichen Mangel an Empathie. Das heißt, sie können kein Mitgefühl für andere Menschen empfinden, beziehungsweise könnten es wahrscheinlich empfinden, wenn sie es zulassen würden. Aber sie ignorieren die Bedürfnisse und Gefühle anderer Personen und empfinden deswegen auch kein Mitgefühl. Sie sind super empfindlich gegenüber Kritik, das heißt sie sind sehr leicht kränkbar und.
Ich sage es mal so, ich würde es nicht empfehlen, einen nicht-therapierten Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung massiv zu kränken, weil das im Zweifelsfall mindestens auf verbaler Ebene sehr unglücklich enden kann. Genau. Und Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung neigen dazu, andere Leute auszunutzen für ihre eigenen Vorteile, ihre eigenen Ziele. Und die Ziele beziehen sich meistens dann auf grenzenlosen Erfolg, grenzenlose Macht, grenzenlosen Reichtum, eben auf alles, was ihnen Aufmerksamkeit und Bewunderung vor allen Dingen, nicht nur Aufmerksamkeit, sondern Bewunderung von anderen Menschen sichert. Und hinter dieser Fassade liegt eigentlich ein sehr, sehr verletzlicher, sehr, sehr instabiler Selbstwert, der aus einer häufig nicht ganz so gesunden kindlichen und jugendlichen Entwicklung herrührt und ganz viel mit Kränkung zu tun hat. Was ich super interessant fand in puncto auf diese narzisstische Persönlichkeitsstörung ist die Tatsache, dass Lutz Rheinstrom gleich zwei Frauen entführt hat und die eine hat er ja getötet. Die beide Lebensgefährten waren von seinem ehemaligen Meister. Ja.
Alle drei Frauen, weil das ist ja etwas sehr Auffälliges, diese Kombination aus er entführt Frauen und er tötet sie, ist per se für einen Serienmörder, der vielleicht von Lust getrieben ist, fand ich jetzt nicht so ungewöhnlich. Die Tatsache, dass er sich aber drei Frauen aussucht, die sich direkt in seinem Umfeld befinden und bei denen der Tat jedes Mal über kurz oder lang eine Kränkung oder eine günstige Gelegenheit hervor, also wo die Tat quasi daraus hervorgeht, fand ich sehr auffällig. Ja. Denn bei Hildegard war es so, dass, Lutz Rheinstrom kurz vorher aufgeflogen war wegen Betrugs bei seiner Meisterprüfung. Und Hildegard K. War die Frau von seinem Meister, der ihn hat auffliegen lassen und der ihn dann rausgeworfen hat.
Und kurze Zeit später verschwindet seine Lebensgefährtin und kommt nie wieder zurück. Die zweite Person war Annegret B. Und Annegret B. Ist nie auf Lutz Rheinstroms Annäherungsversuche eingegangen. Er hat quasi immer wieder sich ihr angebiedert, er wollte immer wieder eine engere Beziehung zu ihr, hat immer wieder versucht, sie dazu zu bringen, mit ihm auf körperlicher Ebene sich einzulassen. Sie hat ihn immer wieder abgewiesen. Und dann kam sie irgendwann in eine Situation, in der es für sie super ungünstig war, weil sie aufgrund ihrer veränderten Lebenssituation das Haus, das sie sich gekauft hat, nicht mehr bezahlen konnte. Und dann kommt er vorbei und bietet ihr einen richtig guten Deal an und lässt sie dann verschwinden.
Und die dritte Person, Christa S., hat er entführt, kurz nachdem sein eigenes Geschäft zusammengebrochen ist. Und man muss sich überlegen, Kurt K., als Kirschner, also sein ehemaliger Chef, war eine unglaubliche Koryphäre in diesem Gebiet. Dieser Typ war unfassbar reich, der hat wahnsinnig viel Geld gehabt, ist wahnsinnig erfolgreich gewesen mit dem, was er gemacht hat und hat einmal Lutz Reinstroms Karriere in seinen Augen ruiniert, indem er den Betrug öffentlich gemacht hat. Er hat ihn sogar von einer Gartenparty rausgeschmissen, auf die sich Reinstrom quasi so reingeschlichen hat. Er hat ihn öffentlich gedemütigt. Das ist ja, mhm, mhm. Dann verschwindet seine erste Lebensgefährtin. Dann ist das Thema mit Annegret B., die ihn nicht haben will, die ihn nicht gut findet, die sich ihm nicht nähern möchte. Sie ist die Zweite, die verschwindet. Und dann bricht quasi in Deutschland dieser Kirschner-Markt zusammen. Er verliert sein komplettes Geld, verliert sein Geschäft, verliert alles, was er hat. Und Kurt K. hat immer noch genug Geld, weil er so erfolgreich gewesen ist. Und dann entführt er Christa S. und er presst von Kurt K. 300.000 Euro. Das heißt, wir haben hier direkt am Anfang eine Kränkung, eine massive Kränkung direkte von wegen öffentlicher Demütigung und in den Augen von Lutz Rheinstrom, er ist der Grund, warum ich aufgeflogen bin oder warum ich meinen Abschluss nicht machen konnte.
Dann das zweite Mal die ständige Zurückweisung von Annegret, die wahrscheinlich auch immer wieder eine massive Kränkung für ihn war.
Und dann im dritten, eigentlich ist ja die Existenz von diesem Kurt, dem Kirchner, seinen ehemaligen Meister, das ist ja eigentlich, ist ja seine ganze Existenz eine einzige Kränkung für Lutz Rheinstrom. Könnte man so nennen. Und deswegen, vor dem Hintergrund macht es ja schon Sinn, dass zwei der drei Opfer quasi mit ihm in Verbindung standen. Ja, es ist ja eine massive Kränkung, wenn du selbst dann scheiterst und der Typ, von dem du denkst, der hat deine Karriere schon mal zerstört, der lebt quasi weiter und ist vollkommen fein damit und wenn du ja auch aus, Selbstwertschutzgründen nicht dazu neigst, deinen Versagen auf dich selbst zu attribuieren, beziehungsweise zu gucken, okay, was habe ich vielleicht, was kann ich da jetzt machen oder was hat vielleicht dazu geführt, was ich gemacht habe, was jetzt dazu geführt hat eben, dass ich finanzielle Probleme habe oder was könnte vielleicht einfach so passiert sein. Manchmal passieren die Dinge auch einfach so. Dass mir das eben passiert ist und andere nicht. Nein, er attribuiert es auf seinen ehemaligen Meister.
Und was noch dazu kommt, was ich interessant fand, war, und deswegen, das haben wir vorhin ja schon mal angerissen, habe ich dich gefragt nach deinem Sternzeichen. Ja. Ein Strom hat einen sehr großen Teil seines Lebens nach seinem Horoskop gerichtet. Mhm.
Er hat zum Beispiel geplant, wann er in den Urlaub fährt und wann nicht, gerichtet auf sein Horoskop. Man hat immer wieder diese Frau angerufen, hey, ich muss nochmal, kannst du mir kurz sagen, Sollte ich das und das heute machen oder eher nicht? Und bevor er diese Entführung von Christa S. begeht, ruft er sie auch an und sagt, ja, ich habe da vielleicht eine gute Gelegenheit, um an Geld ranzukommen. Sollte ich das heute machen oder eher heute nicht? Und dann sagt sie noch, heute ist kein guter Tag dafür. Und dann verschiebt er das um ein, zwei Tage. Krass, okay. Und er ordnet es quasi wie so einen Weltplan ein, was er da tut. Also die Verantwortung ist auch da nicht bei ihm, sondern sie liegt in der astrologischen Grundlage von dem, wann er etwas machen kann und wann nicht, irgendwie auch mitbegründet. Und macht ihn damit ja irgendwie auch zu so einem, keine Ahnung, so einem erhöhten Wesen. Denn wenn er gemeinsam mit dem Universum arbeitet, aus seiner Sicht, ist er natürlich auch höher gestellt als alle anderen. Uh, stimmt, das finde ich auch einen sehr interessanten Gedanken. Oder? Ja, da habe ich gerade noch gar nicht, ich hatte das, ich fand es eher paradox, weil ich dachte, du lässt dich also von einer Weltmacht kontrollieren, weil ich dachte, eigentlich willst du doch die Kontrolle und die Macht haben. Und mein erster Gedanke war, dass er vielleicht versucht, die Schuldgefühle damit abzuwenden, dass er sagt, naja, ich bin Teil eines größeren Plans.
Kann ja auch beides sein. Und deswegen muss ich mich nicht schuldig fühlen. Ja, auf jeden Fall. Ich bin Teil eines größeren Plans, also liegt die Verantwortung nicht bei mir für das, was mir passiert und was ich tue. Und gleichzeitig bin ich aber auch so erhaben über euch alle anderen, weil ich ja eben nicht nur selbst entscheide, sondern ich entscheide mit dem Universum oder mit Gott oder was auch immer er da als höhere Macht interpretiert hat.
Ja, ich fand es irgendwie verrückt, weil wir bisher auch noch nie jemanden hatten, der so stark auf astrologische und horoskopische Elemente irgendwie setzt und sogar seine Taten abhängig davon macht. Ich frage mich aber gerade, wenn er ja sowas sadistisches hatte, eine parafile Störung oder was war das, parafil eingeordnet, hat sich das denn auch, keine Ahnung, im Eheleben mit seiner Frau zum Beispiel gezeigt, im Liebesleben mit seiner Frau? Oder hat sich das nur bei diesen zwei Frauen gezeigt? Weil das wäre ja schon, ich sag mal, außergewöhnlich, wenn jemand, der eine parafile Störung hat, das in seinem ganzen Leben nur bei zwei Personen auslebt und das auch in einem kurzen Zeitraum und danach wieder damit aufhört. Weißt du, was ich meine? Ja, aber nein. Er war Teil von BDSM-Clubs.
Und er hatte ein komplettes Doppelleben neben der Ehe seiner Frau. Ah, jetzt macht's Sinn. Und da hat er da Probleme manchmal bekommen mit dieser Einvernehmlichkeit, weil eigentlich BDSM-Clubs, da ist ja schon strikte, soweit ich es weiß, auch null Toleranzpolitik in Richtung, keine Einvernehmlichkeit, in Richtung auch Verletzungen und so. Also ich meine, das ist ja da nicht gerne gesehen in den meisten Clubs. Die möchten ja, dass das alles, klar, ihr könnt eure ganzen Fantasien ausleben, ihr könnt euch auch Schmerzen zufügen, aber auch so was wie dauerhafte Verletzungen und natürlich... Was halt über die eigene Grenze hinausgeht, dass es wird nicht toleriert. Also tatsächlich gab es unterschiedliche Quellen dazu. Manche Quellen haben gesagt, dass er in diesen Clubs nie auffällig war, sondern dass es immer eine sehr einvernehmliche Geschichte war.
Und andere Quellen haben gesagt, dass er auf mehreren solcher Veranstaltungen rausgeflogen ist, weil er die Grenzen nicht respektiert hat. Okay, ja, das würde Sinn machen. Okay. Also von daher, ich kann es dir nicht genau sagen. Ich fand es aber auch einen interessanten Fakt. Ja. Was mich ein bisschen gewundert hat, das liegt vielleicht daran, dass ich selber eine irrationale, unerfahrene Perspektive darauf habe, wie Salzsäure funktioniert. Weil das haben wir jetzt noch komplett außen vor gelassen. Ich bin irgendwie die ganze Zeit davon ausgegangen, dass wenn du etwas mit Salzsäure übergießt, dass es sich sofort auflöst. Ja, ich irgendwie auch. Das stimmt aber gar nicht. Denn erstens hätten wir ja sonst diese Leichenteile in diesen Tonnen nicht gefunden. Also die Leichenteile, da waren ja tatsächlich noch Teile der Körper drin.
Und das habe ich mir mal ein bisschen genauer angeguckt, weil mich das gewundert hat und weil ich selber mich aber auch nicht gut genug damit auskenne. Und der zuständige Gerichtsmediziner, der hieß Tröger mit Nachnamen, der für den Fall Rheinstrom zuständig war, hat später gesagt, der Grund dafür, dass die Opfer nicht vollständig aufgelöst waren beziehungsweise dass Annegret B. Zum Beispiel sich nicht vollständig, also dass ihr Körper sich nicht vollständig in Salzsäure aufgelöst hat, hängt mit der Menge der Säure zusammen. Weil die Menge der Salzsäure kaum ausreicht, um Leichen in vier oder sechs Jahren so zu zersetzen, dass die Identifizierung ausgeschlossen ist. Und die Tatsache, dass große Teile der Leichen sehr angefressen, aber nicht aufgelöst waren, liegt darin, dass, und das ist total logisch, sich die Ätzwirkung der Salzsäure von Jahr zu Jahr natürlich vermindert, weil sich diese Säure ja mit einem menschlichen Körper vermengt. Ja. Und man kann eine Leiche in Salzsäure nur dann wirklich schnell so zersetzen, wenn man immer wieder neue Säure nachgießt und umrührt. Mhm. Ah.
Ja. Es könnte sein, dass Lutz Reinstrum das selbst nicht wusste. Sonst hätte er es ja vielleicht gemacht. Ja, also ich fand, bestimmt hätte er es gemacht. Was tatsächlich sehr viel effizienter gewesen wäre, wäre Flusssäure. Flusssäure ist aber hochgefährlich. Also deutlich gefährlicher und deutlich aggressiver als Salzsäure. Jetzt möchte ich euch da draußen nicht sagen, hey, wenn ihr eine Leiche verschwinden lassen wollt, dann Salzsäure ist es nicht. Flusssäure ist your choice. Ich habe noch nie von Flusssäure gehört. Flusssäure, also der Unterschied zwischen Flusssäure und Salzsäure ist, Flusssäure ist die wässrige Lösung von Fluorwasserstoff und Salzsäure ist die wässrige Lösung von Chlorwasserstoff. Flusssäure ist dabei extrem giftig und besonders gefährlich, weil Flusssäure nicht nur ätzt, sondern auch durch die Haut eindringt, tiefere Gewebsschichten und sogar Knochen kaputt machen kann. Also tatsächlich sind schon ganz kleine Mengen an Flusssäure, super, super gefährlich. Salzsäure ist auch stark ätzend, ist aber normalerweise weniger gefährlich als Flusssäure, weil Salzsäure bei Hautkontakt zwar sofort Schmerzen verursacht, wenn du es aber schnell abwäschst, dann kann man es ohne bleibende Schäden quasi entfernen.
Okay, also wir merken uns aber trotzdem, wir lassen die Finger weg von Salzsäure und wir lassen auch die Finger weg von Flusssäure. Ja, ich bin nur auf Flusssäure gekommen, weil ich weiß, dass uns mal einer unserer Hörer geschrieben hat, dass man für das Auflösen von.
Eigentlich eher Flusssäure als Salzsäure nehmen sollte. Und ich mich beim Aufarbeiten des Falls Lutz-Reinstrom gefragt habe, warum die Körper sich nicht in Salzsäure auflösen, weil ich immer dachte, Salzsäure wäre die aggressivste Säure, die es gibt. Das stimmt aber nicht. Die kennen sich schon gut aus, unsere Hörer manchmal, ne? Ja, aber ehrlich gesagt, ich fand es so schlimm und so eklig. Und der Grund, weshalb ich mir überhaupt Gedanken darüber gemacht habe, über dieses ganze Thema Salzsäure und was ist aggressiver und was ist weniger aggressiv, ist die Frage, warum hat Lutz Rheinstrom Salzsäure genutzt, um diese Körper komplett aufzulösen? Ja. Was denkst du? Naja, also aus systemischer Sicht habe ich Schwierigkeiten, da eine Herleitung zu finden. Aber aus, wenn ich jetzt Psychodynamiker wäre, oder Tiefenpsychologe, wenn wir da jetzt aus der Sicht, eher aus analytischer Sicht mal drauf gucken würden, gibt es da bestimmt ganz viel, was man da rein interpretieren könnte. Ich meine, wenn Lutz Rheinstrom ja seine diese Frauen mit Salzsäure verzersetzt hat, mit dem Ziel, dass sie komplett verschwinden, dann ist es ja nicht nur so, dass er ihnen die Freiheit entzogen hat und quasi.
Die komplette Macht über diese Menschen hatte, über Macht über ihren Leben und Tod, sondern hat dann auch noch damit die Macht über ihre Existenz ja genommen. Denn wenn er sie zersetzt komplett und quasi sie verschwinden lässt, dann, sorgt er ja dafür, dass es sie gar nicht mehr gibt. Also dass es nicht mal Spuren von ihnen gibt und dass er quasi sogar über den Tod dieser Frauen hinaus noch einen Einfluss oder die Entscheidung über ihre Existenz und über ihr Verbleib hat, was ja nochmal so ein riesiges Kontrollding und vielleicht auch nochmal so was in Richtung narzisstischer Selbsterhöhung hat. Denn wenn wir davon ausgehen, dass dieses Astrologische vielleicht auch was Erhöhendes für ihn hatte und was vielleicht Gottgleichgestelltes hatte.
Dann wäre das ja vielleicht auch sowas, was nochmal aus diesem allmächtigen Gedanken heraus befriedigend sein könnte für ihn. Ja, für mich hat es irgendwie ganz gut gepasst in diese allumfassende Idee von Kontrolle, die er hat. Weil er hat seine Opfer im Keller hungern lassen. Er hat sie gefesselt, er hat sie geschlagen. Er hat sie gezwungen, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollten. Dann hat er sie gezwungen zu sagen, dass sie gut fanden, dass er die Dinge getan hat, die sie nicht wollten, dass er sie tut. Und er hat sie quasi also auf, er hat ihnen die Haare abrasiert und das ist, Haare sind ja ein sehr intimer, ein sehr intimes Körperteil in Anführungszeichen. Persönlich. Genau. Er hat sie auf Diäten gesetzt, hat also entschieden, was in sie hineingeht und was nicht und wie ihr Körper aussieht. Also er hat ihre Haare und ihren Körperbau und alles beeinflusst, wo sie sich hinbewegen, was sie essen, wie sie sich bewegen und auch, was sie am Ende des Tages sagen, was sie schreiben oder was sie behaupten, was sie fühlen. Er ist quasi so stark mit seinem Kontrollbedürfnis auf sie, hat er so stark auf sie eingewirkt, dass er quasi alles kontrolliert hat, was um sie herum passiert.
Und sich ja daran auch ergötzt hat. Er hat ihnen ja quasi eigentlich alles genommen, was sie so ausmacht. Ich habe gerade noch daran gedacht an, kennst du diesen Spruch, Haare halten Erinnerung? Oh, stimmt.
Und dass ich mir dachte, wenn er ihnen die Worte nimmt, die sie eigentlich sagen würden, wenn er ihnen die Haare nimmt, wenn er ihnen die Art nimmt, wie sie aussehen, wie ihr Körper aussieht, was sie essen, was sie tun, sagen, denken. Und ich weiß nicht, warum dieser Spruch mir gerade in den Kopf kam. Aber wenn man das so sieht, nimmt er ihnen die Haare, nimmt ihnen die Persönlichkeit und dann alles, was sie so ausmacht. Und irgendwie dachte ich gerade daran, wenn dieser Spruch stimmen sollte. Ich kenne mich damit nicht so gut aus, ob da wirklich was gespeichert wird. Irgendwie genetisch oder sowas. I don't know. Aber wenn es halt von wegen heißt, Haare halten Erinnerungen, dass man es vielleicht dann auch ganz weit und spekulativ ja auch so interpretieren könnte, der nimmt ihnen halt einfach wirklich alles. Nicht nur die Persönlichkeit, sondern auch ihr bisheriges Leben. Was ja dann stimmt, denn er nimmt sie ja da raus und tötet sie und lässt sie verschwinden. Man kann an Haaren tatsächlich ziemlich viel ablesen.
Beispielsweise Drogenkonsum. Ja, das weiß ich, aber mich würde mal interessieren, ob da auch mehr noch gespeichert wird. Vielleicht für die nächsten Folgen. Ich weiß auf jeden Fall, was du meinst mit dem, dass er ihnen quasi alles genommen hat, was sie ausmacht. Und im Grunde hat er sie damit ja zu fast schon namenlosen Personen gemacht, die er in seinem Keller einsperrt, die keine Identität als solche haben. Und genauso hat er sie verschwinden lassen. Er hat ihnen die Identität genommen, indem er das Einzige, was von ihnen noch übrig geblieben ist, versucht hat, komplett auflösen und verschwinden zu lassen. Vielleicht ist das der Grund, warum Christa überlebt hat. Du hast beschrieben, dass sie immer wieder von sich berichtet hat und immer wieder dafür gesorgt hat, dass er nicht vergisst, dass sie ein Mensch ist. Sodass sie von sich als Person gesprochen hat und von ihrem Leben erzählt hat. Und da quasi so höflichen Widerstand geleistet hat. Und ich frage mich gerade, ob das vielleicht der Grund dafür war, dass er bei ihr nicht weitergegangen ist. dass es ihm dadurch nicht gelungen ist, sie zu entmenschlichen. Vielleicht. Das würde vielleicht auch erklären, warum er.
Ehe zum Beispiel die Haare nicht abrasiert hat. Auf der anderen Seite hat er von vornherein, was er bei den anderen beiden Entführungen nicht gemacht hat, hat er ja von Anfang an eine Lösegeldforderung gehabt. Von daher weiß ich gar nicht so sehr, ob diese Lösegeldforderung vielleicht wirklich das Hauptmotiv war. Das ist irgendwie was, was mich an Lutz Reinstrom so irritiert zurücklässt, dass ich denke, ich weiß, ich verstehe diese... Diese Entwicklung irgendwie nicht ganz. Naja, es kann ja beides auch nebeneinander existieren. Es kann ja sein, dass er da aus diesen statistischen Macht und Misshandlungen und Missbrauch da sexuelle Lust zieht und gleichzeitig ist er in finanziellen Nöten gewesen und hat es vielleicht auch einfach gebraucht in dem Moment. Und ich nehme mal an, dass die Hemmschwelle, wenn du schon Sexualstraftaten und Morde begangen hast, dass dann die Hemmschwelle jemanden zu entführen und Lösegeld zu fordern, nicht mehr so hoch ist. Ja, kann gut sein. Lasst uns gerne mal wissen, was ihr denkt und wie ihr das seht nach dieser sehr, sehr, sehr, sehr langen Folge. Das ist wirklich mal wieder eine lange Folge geworden. Schreibt uns gerne und sagt uns, wie ihr das seht und was ihr so denkt. Und genau, ich würde sagen, damit beenden wir die heutige Folge zu Lutz Reinstrom. Wir sagen, seid lieb zueinander und Tschüss!
Music.
Das war Blackbox, der Cycran-Podcast. Eine Produktion von Auf die Ohren. Konzept und Redaktion Maxi Bels und Barbara Focke. Projektleitung und Vermarktung, Schnitt- und Sounddesign Milan Fay. Das war bei der Fall. Das ist ein Eglis.