In unserer letzten Folge haben wir uns ja über Dark Romance unterhalten, also über dieses Subgenre quasi. Wer von euch das noch nicht gehört hat, kann da gerne mal reinhören. Und im Zuge dieser Folge haben wir uns auch über SM, also Sadomasochismus unterhalten. Bevor wir uns der Frage widmen, was passiert im Gehirn, während wir sadomasochistische Praktiken praktizieren. Kurz zur Definition. Sadomasochismus ist eine einvernehmliche Form sexueller oder emotionaler Interaktion zwischen Menschen, bei denen es um Macht.
Schmerz und Kontrolle geht und bei der diese Elemente bewusst als Teil von Lust und Intimität erlebt und eingesetzt werden. Ganz wichtig an der Stelle, Sadomasochismus ist keine krankhafte Sexualität. Das ist nicht krankhaft, das ist nicht illegal, das ist keine Straftat. Das ist eine vollkommen legale, einvernehmliche Sexualpraktik. Beim Ausleben von SM geht es fast immer oder eigentlich immer um Kontrolle jeglicher Form. Es gibt unterschiedliche Formen, es gibt Atemkontrolle zum Beispiel, es gibt unterschiedliche Anwendungen von Schmerz, es gibt Fesselspiele und also um so einen kleinen Ausschnitt davon mal genannt zu haben. Und insbesondere die Kombination von Schmerz beim Sadomasochismus ist natürlich, wie ich finde, ein sehr spannender Teil quasi, weil ich mich gefragt habe, was passiert denn im Gehirn, was begründet, dass quasi das Empfinden von Schmerz als positiv wahrgenommen wird und warum kann man SM und das Empfinden von Schmerz eigentlich so gut finden?
Beim Ausleben von SM, wenn es sich um Schmerzzufügen handelt, werden zum einen das Belohnungssystem und gleichzeitig das Schmerzzentrum im Gehirn aktiviert. Eine sehr seltene gleichzeitige Kombination quasi. Und insbesondere das lymbische System spielt da eine Rolle. Wir erinnern uns, das lymbische System beinhaltet beispielsweise die Amygdala, die zuständig ist für Emotionen, insbesondere Angst, aber auch Erregung. Dazu kommt der Hypothalamus, der unter anderem Körperreaktionen beeinträchtigt und auch sexuelle Motivation mit sich bringt, quasi oder sexuelle Lust. Der Nucleus Accumbens, beziehungsweise das ventrale Striatum, die beiden sind zuständig für Dopamin und Belohnung. Insbesondere der Nucleus Accumbens ist nicht umsonst auch unser Suchtzentrum, denn da werden wir für Dinge belohnt, Beispielsweise für Sex, für Essen oder wenn wir uns darauf konditioniert haben, irgendwann auch fürs Glücksspielen. Und dann das periaquaduktale Grau.
An der Stelle sitzt die Schmerzunterdrückung und die Endorphinausschüttung. Für diejenigen von euch, die das nicht wissen, Endorphine sind körpereigene Schmerzmittel, wenn man so will. Und wenn wir Schmerz kontrolliert erleben, und das ist bei SM der Fall, denn wir wissen, wir empfinden diesen Schmerz, weil wir das so wollen. Wir haben uns bewusst entschieden und wir könnten das jederzeit stoppen, wenn wir wollten. Dann schüttet der Körper zum einen Endorphine aus, um den Schmerz zu betäuben und gleichzeitig Dopamin, weil wir quasi Erregung und Glücksgefühle empfinden, weil unser Gehirn, der Nucleus Accumbens zum Beispiel, uns belohnt für sexuelle Erregung und das Gefühl, dass es sich gut anfühlt. Und diese Kombination von Endorphinen, also körpereigenen Schmerzmitteln und Dopamin, also körpereigenen Glückshormonen, kann ein extrem intensives High erzeugen. Ähnlich wie nach einer Extremerfahrung, wenn man beispielsweise Fallschirm gesprungen ist, zum Beispiel. Oder auch bei Meditation. Es gibt Menschen, die auch das dann erreichen können. Das Faszinierende an SM ist, und das macht auch diese Kombination im Gehirn so spannend, der Körper weiß, dass er diesen Schmerz empfindet und aktiviert deswegen das Schmerzzentrum und löst Endorphine aus. Aber das Gehirn bewertet den Schmerz anders, nämlich nicht als Bedrohung, nicht als etwas, das uns Angst macht oder unangenehm ist, sondern als ein sehr intensives Erlebnis, das unter Kontrolle passiert.
Und deshalb berichten ganz viele Menschen, die SM praktizieren, dass sie sich dabei total entspannt fühlen oder dass sie sich jemandem sehr nah fühlen oder sogar eine Art spirituelle Ruhe empfinden. Ich finde es total spannend, dass Menschen, die SM praktizieren, dabei Entspannung oder besonders starke Nähe empfinden.
Als wir uns für diesen Quickie so ein bisschen vorbereitet haben, habe ich mich auch gefragt, was sind denn so die verschiedenen Motive, die Menschen, die eben SM ausleben wollen. Das sind zum einen Kontrolle durch Kontrollverlust. Also wie du gerade schon gesagt hast, man gibt sich hin, man gibt sich in den Schmerz, macht es aber freiwillig und hat da schon die Kontrolle noch darüber. Dieses Paradoxon erzeugt Sicherheit in der Unsicherheit, was, wie wir auch in der letzten Folge zu Doug Romans auch schon thematisiert haben, was so ein Cocktail sein kann, den unser Gehirn einfach total toll findet und der uns starke Emotionen verspüren lässt bei gleichzeitiger Sicherheit.
Und was ich super spannend fand, ist, dass viele Menschen, die SM ausleben, das als ehrlicher, als normale Sexualität beschreiben. Denn wer sich auf solche Praktiken einlässt, der braucht ganz klare Kommunikation und gegenseitiges Vertrauen. Und das führt dafür, dass viele Menschen, die sich in dieser Branche bewegen, sehr viel ehrlicher miteinander kommunizieren, sehr viel klarer miteinander sind als Menschen, die das nicht sind. Was ich persönlich noch super spannend finde, ist, dass diese Kombination von Schmerz, Dominanz und Unterwerfung, insbesondere die Tatsache, dass das Schmerzzentrum und das Belohnungszentrum gleichzeitig aktiviert werden, dass viele Menschen das Gefühl haben, ich habe mich selber schon mit Leuten darüber unterhalten, die das tatsächlich praktizieren und mir erzählt haben, dass sie das Gefühl haben, dass sie nie so sehr im Moment sind, wie wenn sie aktiv gerade SM-Praktiken praktizieren. Weil es keine Möglichkeit gibt für irgendeinen anderen Gedanken, weil man 100 Prozent in dieser Situation ist und es nur das gibt, was jetzt gerade ist. Das ist so ein Ding von Achtsamkeit. Ja genau und das finde ich total spannend, weil es irgendwie auch nachvollziehbar ist, weil Schmerz, zum Beispiel wenn man Schmerz empfindet, ist man ja häufig durch den Schmerz sehr abgelenkt, je nach Intensität, mehr oder weniger abgelenkt. Und gleichzeitig, wenn du sehr viel Glück empfindest oder eine sehr hohe Dopaminausschüttung hast, dann bist du dadurch ja auch sehr abgelenkt.
Und wenn du das beides in Kombination hast, ergibt das für mich schon Sinn zu sagen, ich empfinde sowas wie Ruhe, weil in meinem Kopf ist nichts anderes mehr vorhanden als das, als dieser Moment. Ich bin nur hier und jetzt gerade. Ja, wie so ein kognitiver Radiergummi. Und da bleibt nur noch das eine im Kopf übrig. In einer Zeit, wo es eher üblich ist, dass der Kopf platzt von den ganzen Dingen, die wir so erleben, im Kopf haben To-dos.
Auf der Sicht kann ich mir das, da kann ich mir auch vorstellen, dass das entspannend ist, wenn dann auf einmal nur noch eine Sache da ist. Also nur noch diese starken Emotionen oder nur noch dieser Schmerz. Was ich tatsächlich auch ganz interessant finde, ist, dass es Menschen gibt, die SM tatsächlich praktizieren als eine Art Selbsterfahrung. Denn es gibt Menschen, die im Grunde während der SM-Praktiken ihre eigenen Grenzen neu verhandeln, in Anführungszeichen. Das kann zum Beispiel dafür da sein, um für sich selber herauszufinden, wo liegen meine eigenen Grenzen, für sich selber herauszufinden, was gefällt mir eigentlich und was gefällt mir nicht. Aber auch sowas wie Vertrauen und Kontrollverlust zu üben und das vielleicht gar nicht in erster Linie aus sexueller Motivation, sondern auch aus mentaler Motivation für mich selber oder für einen selbst herauszufinden, wie bin ich, wenn ich Kontrolle abgebe, wie kann ich damit umgehen, wie kann ich besser darin werden, Kontrolle abzugeben oder wie kann ich besser darin werden, dominanter aufzutreten und im Grunde mehr Raum einzunehmen.
Und insofern finde ich, ist SM nicht zwangsläufig eine... Also nur aus sexueller Perspektive etwas, das Menschen nur deswegen machen, weil der rein sexuelle Aspekt von SM sie daran interessiert. Ja, ich meine, du musst dich ja auch richtig gut kennen, wenn du in solchen Situationen sagen kannst, es gibt ja auch Menschen, die ganz extreme Formen von SM ausleben. Und da musst du ja ganz genau wissen, wie weit kann ich gehen? Also wenn ich mir jetzt mir vorstelle, dass ich jemandem sagen müsste, ganz genau wie weit, wo meine Grenzen da liegen, wie viel ich aushalten kann quasi, ich wüsste es nicht. Und diese Menschen haben sich damit so auseinandergesetzt, dass die sich so gut kennen, dass die das in dem Moment dann wahrscheinlich sagen können.
Ja, ich habe mal ein Interview gesehen mit einer Domina, die zum Beispiel auch sowas wie Atemkontrolle macht. Und das ist für mich das absolute Maximum in meinem Kopf an Kontrollverlust. Und sie hat in dem Interview gesagt, dass es zum einen was damit zu tun hat, wie gut man sich kennt und dass es eine Beziehung ist, die sich über die Zeit aufbaut, weil man herausfinden muss, wo ist die Grenze der anderen Person. Ja, und auch die eigene. Und auch die eigene und zum anderen, dass es auch was mit Erfahrung zu tun hat, wie gut man sich auch anatomisch quasi mit Menschen auskennt und wie gut man weiß, was funktioniert und was nicht funktioniert und was man machen darf und was man nicht machen darf. Wir haben das in dem Podcast schon mal besprochen, dieses Thema, das Wirken in dem ganzen Kontext von Dark Romance und ja im Grunde auch so in Zeiten von Fifty Shades of Grey und 365 Days, dass es da immer mehr auch darum ging, dass die Öffentlichkeit das ausprobiert und dass es in der UK tatsächlich Jugendliche gab, die sich gegenseitig aus Versehen erwirkt haben, weil sie nicht wissen und nicht gewusst haben, wie man quasi richtig vorgeht, anatomisch korrekt vorgeht, ohne irgendwie den Körper zu beschädigen.
Also Leute, wenn ihr das ausprobieren wollt, macht langsam, tastet euch vor und informiert euch richtig. Informiert euch, fangt nicht einfach an zuzudrücken oder irgendwo zu schneiden oder irgendwas weh zu tun. Don't do it. Und es würde mich total interessieren, schreibt uns gerne mal, wenn ihr mögt, wenn ihr Erfahrungen oder Gedanken oder Perspektiven dazu habt, die wir vielleicht in einem der nächsten Quickies dazu auch noch teilen können.
Abschließend, ist SM krank oder ist das eine Paraphilie? Habe ich eingängig schon gesagt, SM ist keine Krankheit und auch nicht krankhaft und es ist auch keine Paraphilie, also keine krankhafte Abweichung der eigenen Sexualität. Im DSM-5, also einem der beiden Standards in der Kategorisierung der psychiatrischen Erkrankungen, gilt SM nur dann als behandlungsbedürftige Abweichung der Sexualpräferenz, wenn sie nicht einvernehmlich durchgeführt wird oder im Grunde Leid, Zwang oder Beeinträchtigungen verursacht. Das heißt, solange SM in beidseitigem Einverständnis praktiziert wird, ist das nicht krank, nicht abstoßend, nicht merkwürdig. Es ist einfach nur eine Variante menschlicher Sexualität. Und tatsächlich gibt es Studien, die sogar zeigen, dass Menschen mit einvernehmlichen SM-Praktiken im Durchschnitt psychisch stabiler, empathischer und weniger neurotisch sind als Vergleichsgruppen.
Wenn ihr euch jetzt aber fragt, okay, Paraphilie ist ja ganz interessant, was genau heißt das denn? Und wenn SM keine Paraphilie als solche ist, wie würde eine Paraphilie denn dann aussehen? Dann geduldet euch bis zur nächsten Folge, denn da werden wir genau darüber sprechen.