Willkommen bei Blackbox, der Psychologie-Podcast, der dich mitnimmt in die Tiefen der menschlichen Psyche. Ich bin Maxi. Und ich bin Babsi. Als studierte Psychologin schauen wir uns an, warum Menschen fühlen, denken und handeln in Extremen wie im Alltag. Dabei verbinden wir Psychologie mit echten Geschichten direkt aus dem Leben. Von Beziehungen über Verbrechen bis hin zu außergewöhnlichen Case Studies. Du wolltest schon immer verstehen, was in.

In unserer letzten Folge haben wir ja über Dark Romance gesprochen. Einige von euch erinnern sich vielleicht daran. Ich erinnere mich. Wie viele sich vielleicht auch erinnern, kommt in vielen der Bücher Sexualität vor. In den meisten würde ich behaupten. In den meisten. Ich würde behaupten, in allen. Ja, ich wollte es jetzt nicht so. Aber ja, also wie ihr wisst, kommt in so gut wie allen dieser Bücher auch Sexualität vor. Und bei manchen dieser Geschichten kommen offensichtlich Paraphilien vor, also Formen der Sexualität, die sich außerhalb der Norm der Gesellschaft quasi befinden und zudem gegen beispielsweise Wünsche oder ja auch die körperliche Unversehrtheit von anderen Menschenverstößen und zwar nicht im Einverständnis.

Und was würde näher liegen als die Frage, was genau sind Paraphilien eigentlich und worum geht es da eigentlich? Wir stellen uns heute dabei ein paar mehr Fragen, würde ich sagen. Und zwar zum einen ganz allgemein, was ist eigentlich Paraphilie und müssen Paraphilien immer krankheitswertig sein? Also bedeutet Paraphilie, dass es eine Krankheit ist oder krankhaft ist? Was genau unterscheidet eigentlich eine gewöhnliche sexuelle Vorliebe von einer Störung? Welche Tätertypen und Paraphilien treten bei Sexualdelikten auf? Wie entstehen diese Tatmuster bei Sexualstraftaten überhaupt, wenn sie mit Paraphilien in Zusammenhang stehen? Und dann sprechen wir noch ein bisschen zu den Themen in Bezug auf die Prognose zum Beispiel, warum ritualisierte Tatmuster prognostisch besonders ungünstig sind und wie sich eine Mehrfachparaphilie auf das Rückfallrisiko auswirkt. Und ich würde vorschlagen, wir starten direkt mit der Beantwortung der ersten Frage, die du gerade gestellt hast, nämlich die Frage, was ist eigentlich eine Paraphilie?

Eine Paraphilie ist eine Störung, deren zentrales Merkmal es ist, dass Betroffene sexuelle Befriedigungen nur dann erreichen können, wenn sie das mit bestimmten Patern, bestimmten Objekten, bestimmten Tätigkeiten verbinden, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen. Da kann man jetzt natürlich sagen, gut, das ist ja immer unterschiedlich, denn die Definition von abweichendem sexuellen Verhalten ist ja sehr stark kultur- und epochenabhängig. Da gibt es Kulturen sicherlich, bei denen die eine Form der Sexualpraktik als vollkommen normal angesehen wird. In der anderen Kultur wäre das dann schon eine Paraphilie beziehungsweise eine Abweichung.

Im ICD-11, ihr kennt ja die ganzen Klassifikationssysteme, wir hatten früher und haben oft auch noch in der Praxis den ICD-10, aber der ICD-11 ist veröffentlicht und kommt sicherlich auch bald in der deutschen Praxis an. Nach dem ICD-11 sind Paraphile-Störungen durch ein anhaltendes, intensives Muster atypischer sexueller Erregung gekennzeichnet, das sich in sexuellen Gedanken, Fantasien oder in dranghaften Bedürfnissen äußert. Um euch ein paar Beispiele zu nennen, zu Paraphilien zählen zum Beispiel Exhibitionismus. Einige von euch werden es schon mal gehört haben, das zur Schaustellen der eigenen Genitalien gegenüber nicht einwilligenden Personen.

Voyeurismus, also sexuelle Erregung durch das Beobachten anderer Menschen bei intimen Handlungen, ohne dass diese anderen Personen davon wissen, dass sie beobachtet werden. Und Pädophilie, was bedeutet die sexuelle Präferenz gegenüber präpubertären oder pubertierenden Kindern. Dabei ist besonders wichtig zu beachten, dass Paraphilien immer Krankheitswert haben. Das heißt, nach dem ICD-11 liegt erst eine Paraphilie vor, wenn diese sexuelle Orientierung, diese sexuelle Neigung Leidensdruck auslöst, also die Person selbst sich unwohl damit fühlt oder darunter leidet oder dieser Fokus, diese Handlung mit nicht einwilligenden oder nicht einwilligungsfähigen Personen in Verbindung steht. Das ist deswegen besonders wichtig, weil der ICD-11 im Gegensatz zum ICD-10 damit den Fokus stärker auf die sexuelle Gesundheit und das Wohlbefinden richtet und nicht so sehr darauf, was jetzt tatsächlich das Objekt der Begierde in Anführungszeichen ist, sondern auf die Frage, ist das im Einvernehmen aller Beteiligten und fühlt sich jeder der Beteiligten damit wohl? Das heißt, einvernehmliche Sexualpraktiken zwischen erwachsenen, urteilsfähigen Personen fallen nicht unter den pathologischen Bereich der Paraphilien. Das heißt, wenn ich ...

Wenn ich beispielsweise jemandem anders bei sexuellen Handlungen zuschaue und diese Person vorher zugestimmt hat, dass ich zugucken darf, dann bin ich vielleicht, also dann bin ich trotzdem ein Voyeur, weil ich gerne dabei zusehe und vielleicht auch so vermeintlich heimlich dabei zusehe, weil wir zusammen ausgemacht haben, dass wir so tun, oder dass ich immer zugucken darf und die Person dann im Grunde nie weiß, ob ich gerade zugucke oder nicht. So was kann man sich ja zum Beispiel einvernehmlich überlegen. Dann wäre das immer noch Voyeurismus, aber eben keine Paraphilie, weil die Person, die zuguckt, nicht darunter leidet und die Person, die beobachtet wird, ursprünglich ganz grundsätzlich zugestimmt hat, dass die Person theoretisch immer zugucken darf. Das heißt, das, was die Paraphilie zu einer Störung macht oder das eigentlich das sexuell abweichende Verhalten oder die von der Norm abweichenden Neigungen zu einer psychischen Störung macht, ist halt wirklich dieses Fehlen von Einverständnis oder eben tatsächlich gewalttätige Handlungen, wie zum Beispiel du vorhin gesagt hast. Bei Doug Romans war ja viel dann ohne Einverständnis mit gewalttätigen Handlungen. Das ist das, was die Paraphilie zu einer Störung macht und wenn das nicht zutrifft, dann ist es einfach nur eine sexuelle Vorliebe, eine sexuelle Neigung, der man im gegenseitigen Einverständnis nachgehen kann und das dann auch gar nicht problematisch ist.

Oder im Fall einer Pädophilie, weil wir sie vorhin genannt haben, an der Stelle wäre es auch dann nur eine sexuelle Neigung, wenn bei der Person, die pädophile sexuelle Neigungen hat, kein Leidensdruck dadurch besteht, also dass die Person nicht darunter leidet, dass sie so empfindet, weil sie das zum Beispiel in einer Therapie aufgearbeitet hat und dieser pädophilen Neigung natürlich auch nicht nachkommt. Also wenn diese beiden Kriterien erfüllt sind, kein Leidensdruck und keine Gefährdung anderer Personen, dazu zählt auch der Konsum beispielsweise pornografischer Inhalte, also jegliche Form von Kontakt damit, weil es natürlich und vollkommen zu Recht verboten ist. Wenn kein Leidensdruck vorliegt und keine illegalen Handlungen vorgenommen werden, dann muss auch eine Pädophilie keine Paraphilie im krankheitswertigen Sinn sein, sondern dann ist es nur eine sexuelle Neigung, die natürlich nicht ausgelebt werden darf.

Damit macht, glaube ich, auch der ICD-10 ja wirklich erstmalig diese Unterscheidung. Also, weil bisher war Pädophilie ja immer per se als Paraphilie aufgezählt und jetzt erstmalig nicht. Ist es nicht so, dass Pädophilie an sich diesen Krankheitswert hat. Was ich wirklich sehr spannend finde und was vielleicht auch nochmal Stoff für eine weitere Blackbox-Folge wäre. Auf jeden Fall. Lasst uns gerne wissen, ob euch das interessiert. Schreibt uns eine Nachricht zum Beispiel bei Instagram. Da heißen wir Blackbox, der Podcast, alles klein und zusammengeschrieben. Und ich würde vorschlagen, damit starten wir in den Fall der heutigen Folge. Vorher möchte ich an dieser Stelle eine Triggerwarnung aussprechen. Viele von euch können es sich bestimmt denken, wenn wir über Paraphilien sprechen, dass es um sexuelle Gewalt gehen wird heute. Denn wir befinden uns ja in einer Blackbox-True-Crime-Folge.

Und dementsprechend achtet bitte auf euch, es geht um sexuelle Gewalt, es geht um Vergewaltigung, es geht um nicht einvernehmlichen sexuellen Kontakt. Und achtet auf euch, auf eure Emotionen und wenn euch das emotional nahe geht, ihr euch nicht wohl fühlt, dann überspringt den Fall. Wir haben, wie ihr bestimmt schon gesehen habt, seit neuestem Kapitelmarker. Das heißt, ihr könnt die Diskussionen trotzdem mithören und könnt einfach springen.

Ein grauer Herbstmorgen im Jahr 2007. In der Reha-Klinik einer kleinen Stadt im Norden Baden-Württembergs riecht es nach Desinfektionsmittel und warmem Tee. Durch die halb geöffneten Fenster zieht feuchte Luft in die Flure. Leises Stimmengewirr dringt aus den Zimmern. Zwischen Pflegern, Besuchern und Patienten bewegt sich ein Mann. Unscheinbar, freundlich, gepflegt. Niemand würde ihm einen zweiten Blick schenken. Er trägt eine Aktentasche, lächelt höflich, spricht leise. Auf einem der Briefkästen vor einer Patiententür klebt ein gelber Zettel. Die Visite sei für 10 Uhr angekündigt. Die Patientin, eine ältere Frau, wartet in ihrem Zimmer. Dass der Zettel von dem Mann stammt, weiß sie nicht. Sie erwartet einen Arzt, vielleicht einen Pfleger. Anstelle dessen betritt der Mann das Krankenzimmer. Fast unauffällig spricht er mit sanfter Stimme. Die Patientin folgt seinen Anweisungen, legt sich hin, glaubt noch an eine Routineuntersuchung. Minuten später verliert sie das Bewusstsein. Betäubt durch eine Flüssigkeit, die er zuvor heimlich in ihre Wasserflasche geträufelt hat.

Als sie nicht mehr ansprechbar ist, schiebt der Mann ihre Kleidung nach oben, berührt sie an den Oberschenkeln, dem Bauch und den Brüsten. Er zieht ihr eine im Zimmer gefundene Strumpfhose bis zur Hälfte der Oberschenkel an und streichelt immer wieder die Beine der wehrlosen Frau, um sich sexuell zu erregen. Nur Minuten später wird die Klinke der Zimmertür energisch heruntergedrückt und eine Krankenschwester betritt den Raum. Fluchtartig rafft der Mann alle seine Sachen zusammen, eilt aus dem Zimmer und flieht vom Klinikgelände.

Für die Ermittler Jahre später ist dies der Beginn einer Serie, deren Muster sich fast lehrbuchartig wiederholt. Immer geht es um Kontrolle, um Macht, um Bewusstlosigkeit, um die Möglichkeit, die Realität eines anderen Menschen für einen Moment vollständig zu besitzen. Ende März 2008 steht derselbe Mann wieder vor einer Tür, diesmal in einer Wohnsiedlung in Karlsruhe. Er trägt eine Umhängetasche, darin kleine Becher, Saft und dieselbe Substanz, die er schon beim letzten Mal eingesetzt hat. Nachdem er gemeinsam mit der Frau, die er an der Tür anspricht, einen angeblichen Fragebogen zur Wohnsituation durchgeht, reicht er ihr einen präparierten Becher. Etwa zehn Minuten nach dem Trinken wird ihr schwindelig. Kurz darauf verliert sie das Bewusstsein. Wieder entkleidet der Mann sie teilweise, zieht ihr die mitgebrachten schwarzen Damenschuhe mit Absatz an und berührt sie, um sich sexuell zu erregen. Außerdem fertigt er mindestens 15 Fotos mit seiner Digitalkamera an, auf denen Gesicht, Oberkörper, Beine und der Intimbereich der Frau zu sehen sind.

Am 22. April 2008 kontaktiert er telefonisch eine 70-Jährige in Biberach. Er gibt sich als Mitarbeiter ihrer Krankenkasse aus und kündigt einen Hausbesuch wegen ihrer Herzbeschwerden an. Etwa zehn Minuten später steht er tatsächlich an ihrer Wohnungstür. Die Frau, die ihn für einen Arzt hält, lässt ihn herein. Während des Gesprächs schlägt der Täter vor, gemeinsam etwas zu trinken und gießt Saft in zwei Plastikbecher. Als die Frau kurz den Raum verlässt, träufelt er K.O.-Tropfen in ihren Becher. Nachdem sie den Saft getrunken hat, wird ihr übel und auch sie verliert das Bewusstsein. Der Mann legt sie auf die Couch, zieht ihr die Hose aus, berührt ihre Beine und den Oberkörper, um sich sexuell zu stimulieren und riecht dann an ihren Beinen. Danach ornanniert er bis zum Samenerguss.

Ich finde solche Fälle, wo Menschen bewusstlos gemacht werden, um dann das in Anführungszeichen Objekt der sexuellen Begierde zu werden, des Täters, und die nicht wissen, was mit ihnen passiert. Also es ist ja gar nicht merken, quasi ihr Körper benutzt wird und es hört sich so schlimm an, aber eigentlich ist es ja so. Ich finde solche Fälle immer super, super eklig. Da geht es mir wirklich kalt den Rücken runter. Hätten wir im Videopodcast, dann hätten alle jetzt gesehen, wie ich ständig die Nase so krausziehe und richtig die Augen zusammengekniffen habe, weil ich es so eklig fand. Ja, ich weiß, was du meinst. Als ich den Fall rausgesucht habe und Also ich habe nach Fällen gesucht, explizit zum Thema Paraphilie. Und als ich den Fall gefunden habe, war ich auch beim Lesen, war ich die ganze Zeit so... Ja, ja, es ist... Ich meine, irgendwie... Ich glaube, wir hätten keinen Fall in der True-Crime-Folge bezüglich Paraphili machen können, wo nicht mindestens einmal so ein Moment kommt.

Aber ja, also irgendwie, ich weiß nicht, dieses K.O.-Tropfen, bewusstlose Frauen in dem Fall ja und dann der Täter, der einfach mit ihnen macht, was er möchte. Und sie bekommen es nicht mehr, das ist einfach Horrorvorstellung. Ja. Ja, wir haben ja vorhin darüber gesprochen, ich würde super gerne kurz so switchen zum psychologischen Aspekt oder zu den psychologischen Gedanken dazu. Wir haben vorhin ja so ein bisschen darüber gesprochen, was genau eine Paraphilie quasi ist. Ich persönlich fand den Fall deswegen interessant, weil es unterschiedliche Hinweise auf unterschiedliche Paraphilien und auch Fetische gibt in diesem Fall.

Oh ja. Und was ich ganz interessant fand, war auch die Frage, ist das ein Fetisch oder eine sexuelle Neigung oder ist das ein Mittel zum Zweck? Du meinst den Nutzen von K.O.-Tropfen oder was? Unterschiedliche Aspekte. Deswegen fand ich es so interessant, weil ich fand, man könnte das ganze Tatverhalten aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und sich nie ganz sicher sein, ob das eine parafile Störung ist. Oder ein Fetisch, eine Paraphile-Störung, ja, aber oder ob das quasi Verhalten ist, das gezeigt wird als Mittel zum Zweck. Ich weiß nicht, was ist dir denn so aufgefallen am Vorgehen, wo du denkst, okay, das könnte irgendwie entsprechend unserer Definition zum Beispiel eine Paraphile-Neigung sein oder Mittel zum Zweck oder vielleicht auch ein Fetisch?

Ich glaube, ich verstehe gerade erst, wo du herkommst. Also du meinst... Die Frage, ob das eine Paraphilie ist oder ob das Vorgehen ein Mittel zum Zweck ist, damit er den Fetisch ausleben kann, der an sich vielleicht keine Paraphilie wäre, aber durch die Art, wie er das macht, schon einen Paraphilie-Charakter bekommt. Ja.

Vielleicht müssen wir, bevor du deine Gedanken dazu äußerst, kurz die Unterscheidung treffen. Was ist ein Fetisch, was ist eine Paraphilie? Ein Fetisch bezeichnet die sexuelle Erregung durch bestimmte unbelebte Objekte oder auch Körperteile. Man kennt den klassischen Fußfetisch. Also Leute stehen irgendwie auf den Anblick, das Gefühl, das Anfassen, das Riechen, was auch immer an Füßen. Finde ich persönlich nicht nachvollziehbar. Ich mag keine Füße, aber es gibt Leute, ihr wisst das. Nee, aber you do you, whatever floats your boat, aber nicht unser Ding. Dann gibt es Fetisch natürlich, wie gesagt, für Objekte oder auch für Stoffe, Schuhe zum Beispiel als Objekt oder Leder als Material, Latex. Auch das wäre ein Fetisch, weil es sich quasi auf einen bestimmten Aspekt, auf etwas Objekthaftes quasi bezieht. Und ein Fetisch ist nur dann behandlungsbedürftig, wenn er erhebliche Beeinträchtigungen verursacht oder die Person selber darunter leidet. Paraphilie, haben wir vorhin schon erklärt, ist ein sehr viel weiter gefasster Begriff, bei dem es insgesamt um atypische sexuelle Präferenzen geht. Das heißt, man kann im Grunde sagen, Fetischismus kann eine Unterform von Paraphilie sein. Also ein Fetisch, wenn er Leid verursacht, kann eine Unterform einer Paraphilie sein.

Weil er im Grunde eine sexuelle Abweichung sein kann, eine Abweichung von der Norm der sexuellen Präferenz und sich auf ein Objekt bezieht. Und wenn das krankhaft ist, könnte man sagen, es ist ein Fetisch als Subform einer Paraphilie, wohingegen eben Paraphilie als solches ein deutlich breiterer Begriff ist, weil da zum Beispiel, haben wir vorhin ja gehört, Exhibitionismus, Voyeurismus dazu zählen kann, aber eben zum Beispiel auch sexuell-sadistische Störungen oder die, also insgesamt die Ausübung von Zwang. Und deswegen fand ich die Frage so interessant. Fetisch, Paraphilie oder Mittel zum Zweck? Okay, also, wenn ich jetzt Gutachter in diesem Fall wäre, dann würde ich mich fragen, genau das. Und ich glaube, ich würde erst mal herausfinden wollen, ob der Vorgang der K.O.-Tropfen auch sexuelle Erregung auslöst. Also ob die Tatsache, dass er das Bewusstsein seiner Opfer nimmt, dass das schon sexuell erregend ist, das wäre ja auf jeden Fall Paraphilie. Ja, da denke ich gerade auch so an so Machtdominanz-Ding, also dass er ja da die Macht hat quasi über das Bewusstsein seiner Opfer.

Ich würde aber auch abklären wollen, ob vielleicht der Fetisch, besteht der halt im Sinne von, was hat er da benutzt? Strumpfhosen, Damenschuhe? Ist das der Fetisch? Was an sich kein problematischer Fetisch wäre, wenn Menschen auf Strumpfhosen oder Damenschuhe oder so stehen. Das ist ja jetzt gar nicht so unüblich. Und ich würde aber auch herausfinden wollen, ist das nur das? Oder ist es vielleicht wirklich, dass dieser Darmschuh und diese Strumpfhose an einem Fuß, der sich vielleicht auch nicht bewegt, also weißt du, was ich meine, der halt an einem bewusstlosen Körper dran ist? Das könnte ja auch sein. Das ist quasi wie so eine Multiparaphilie ist. Also ja, also ich würde als Gutachter ... Ganz unangenehm detaillierte Fragen stellen, um ganz genau herauszufinden, und was davon erregt ihn jetzt sexuell, weil das ist ja dann das, was die Diagnose begründet. Ja, ich weiß, was du meinst.

Das fand ich an dem Fall sehr interessant, weil man natürlich auch, was für mich für eine Paraphilie sprechen würde, ist die Tatsache, dass er Fotos gemacht hat und zwar nicht nur von der Strumpfhose oder von dem Bein, sondern vom Gesicht der Frau und von ihrem Intimbereich zum Beispiel auch. Und das war für mich so ein Punkt, wo ich dachte, wenn du exklusiv Fotos von einzelnen Teilen des Körpers machst, die nichts mit Strumpfhosen und Schuhen und so zu tun haben, dann scheint dir ja die Tatsache, dass diese Person bewusstlos war, irgendwie auch was zu geben. Vielleicht auch die Vorstellung oder das Nutzen der Person als Objekt, dass das was gibt, auf sexueller Hinsicht. Vielleicht auch das. Vielleicht auch das. Jetzt interessiert mich natürlich ganz dolle, ob diese Fragen, die wir uns jetzt gestellt haben, noch beantwortet werden. Das heißt, ich bin jetzt sehr ungeduldig und presche einfach mal vor und bitte darum, dass wir den Fall weiterhören, weil ich gerne meine Fragen in meinem Kopf beantwortet haben möchte.

Zwischen Herbst 2007 und Sommer 2008 folgt eine Reihe von Angriffen, die alle demselben Ablauf folgen. Mit kaum variierender Präzision. Der Mann verschafft sich Zutritt unter falscher Identität. Mal als Mitarbeiter der Gemeinde, mal als Vertreter einer Krankenkasse, mal als Arzt. Immer höflich, unauffällig, vertrauenswürdig. Dann das Getränk, der Saft, die Tropfen, die Bewusstlosigkeit. Der Mann, der unter verschiedenen Vorwänden in die Wohnungen und Krankenzimmer älterer Frauen einbringt, plant jedes Detail. Er täuscht die Termine vor, druckt offizielle Schreiben, mischt Flüssigkeiten, deren Wirkung genau berechnet ist. Immer hat er dabei sein inneres Bild vor Augen, das ihn seit Jahren nicht mehr loslässt. Ein innerer Zwang, gespeist aus Fantasie, Ritual und ständiger Wiederholung. Was er sucht, ist nicht Nähe, sondern Stillstand. Körper, die nicht reagieren, keine Gegenwehr, kein Blick, der zurückschaut. Nur Stille.

Zwei Fälle ragen aus den Ermittlungsakten hervor. Sie machen deutlich, wie sehr sich die sexuellen Handlungen mit einer spezifischen Form von Fetischismus verknüpfen. In einem Fall findet man auf seiner Kamera dutzende Fotos einer bewusstlosen Frau, sorgfältig arrangiert, bekleidet mit Trümpfen und Schuhen, die er selbst mitgebracht hat. Es ist ein kontrolliertes Setting, fast wie eine Inszenierung. Es geht um Ästhetik, um Kontrolle, um Macht über Bewegung und Gestalt. Deutlich ist zu erkennen, dass es ein inneres Skript zu geben scheint. Strumpfhosen werden immer wieder identisch angeordnet, Kleidung penibel gefaltet.

Die Fotos sowie die Taten folgen einer klaren, beinahe zwanghaften Struktur, die nur funktioniert, wenn das Gegenüber keine Kontrolle hat. Die Opfer sind alle ältere Frauen. Allein vertrauensvoll. Für ihnen sind sie Projektionsflächen. Austauschbar, aber notwendig. Der sexuelle Reiz entsteht nicht aus ihrem Körper, sondern aus der Situation. Aus der Täuschung, dem Moment der Lähmung, dem Gefühl über eine fremde Realität zu verfügen. Je länger die Serie dauert, desto sicherer wird er. Täuschung, Dosis, Zeit, alles folgt einem Muster. Ein Ritual, das über die Jahre zur Routine wird. Erst die Ermittlungen der Polizei, ausgelöst durch ein Zusammentreffen von Spuren, Fotos und Tatorten, beenden die Abfolge im Sommer 2008. In seiner Wohnung wird er festgenommen und die Beamten finden hunderte von Bildern. Mit immer wieder dem gleichen Motiv. Frauenkörper, Strumpfhosen, unbeweglich und arrangiert.

Okay, also ich muss sagen, jetzt wurden einige meiner Fragen beantwortet. So wie ich das jetzt verstanden habe und korrigiere mich, wenn ich da jetzt falsch liege, geht es nicht um die Frauen an sich, es geht nicht um die Strumpfhose an sich, es geht nicht um die Schuhe an sich, sondern es geht darum, die Kontrolle in dieser Situation zu haben, die Macht darüber zu haben und es geht um dieses ritualisierte Vorgehen. Und das ist das, was dann im Endeffekt zu seiner sexuellen Erregung führt. Genau. Tatsächlich geht es in dem Fall von dem, was ich gelesen habe, um eine Unterform von sexuellem Sadismus, weil man unterscheidet da nach nicht einvernehmlichem Sadismus und, Und tatsächlich ritueller, machtzentrierter Paraphilie mit Kontrollhandlung. Nicht einvernehmlicher Sadismus wäre aktives Zufügen von Schmerzen. Und man könnte bei letzterem, also in unserem Fall, davon sprechen, dass es da ja nicht um das aktive Zufügen von Schmerzen geht, sondern es ist im Grunde eine Form von Sadismus, die...

Mit Kontrollverlust und Stillstand zusammenhängt. Also mit absoluter Macht über den Körper der anderen Person. Ja, und es ist ja deswegen auf jeden Fall eine Paraphilie, weil ja seine sexuelle Erregung oder sein Sadismus dann ja gar nicht, also es würde ihm ja sexuell nicht erregen oder befriedigen, wenn die andere Person damit einverstanden wäre. Denn dann hätte er nicht mehr die Kontrolle und die Macht über die Situation, oder? Ja, also es wurde tatsächlich deutlich, dass es elementar war und deswegen fand ich es interessant, dass es elementar war, dass die Frauen bewusstlos sind, nicht weil er geglaubt hat, dass er sonst das nicht ausüben kann, sondern weil es sonst für ihn sein Bild, das er erfüllen wollte, in seinem Streben nicht erfüllt hat, weil es nicht sexuell befriedigend war, wenn die Frauen wach waren. Das heißt, es war so eine Kombination aus der Ohnmacht, im wahrsten Sinne des Wortes, der Bewusstlosigkeit, in Kombination mit den Fetischen, die er hat, mit den Frauenkleidern und dieser extrem peniblen Anordnung von Frauenkleidung.

Mhm. Das heißt, eigentlich ist das fehlende Einverständnis der Frauen der Schlüssel dazu, dass er überhaupt es so ausleben kann, wie er möchte und damit kann er seine sexuelle Neigung, seine Paraphilie gar nicht ausleben, ohne dass es eine Paraphilie ist und straffällig wird. Genau. Es geht zwangsläufig nicht anders. Tatsächlich gibt es bei Paraphilien beziehungsweise bei Sexualdelikten mit multiplen Präferenzen und davon reden wir ja. Wir haben ja auf der einen Seite dieses Bedürfnis nach Ohnmacht bei den Frauen und auf der anderen Seite diesen starken Fokus auf, wie gesagt, Frauenkleidung und ein sehr strukturiertes, sauberes Vorgehen. Es gibt unterschiedliche Tätertypen bei dieser Form von Sexualdelikten bei Paraphilien. Und zwar gibt es zum einen Täter mit exklusiven Paraphilen-Tendenzen. Das heißt, es gibt ein Hauptmuster.

Und dann gibt es beispielsweise, wenn der Täter nur sexuellen Sadismus als Hauptparaphilie hat, indem er seinen Opfern immer Schmerzen zufügt. Das wäre eine exklusive Paraphyle-Präferenz. Aber in unserem Fall geht es quasi um multiple Paraphilien, weil er ja auf der einen Seite das Thema Ohnmacht hat und auf der anderen Seite aber dazu diese Fetische mit der Strumpfhose, mit den Fotos, mit der sauber angeordneten Kleidung.

Tatsächlich zeigt sich in der Literatur, dass insbesondere multiple Paraphilien, also Täter mit multiplen Paraphilien, stärkere ritualisierte Verhaltensweisen zeigen und dass diese Verhaltensweisen schneller eskalieren. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass so jemand eine ganze Serie davon an diesen Taten begeht, ist deutlich höher, als wenn jemand nur eine exklusive Paraphile-Präferenz hat. Es gibt tatsächlich dazu mehrere Studien. Eine von Brieken et al. aus dem Jahr 2006, Firestone aus 1998, Koch et al. 2011. Also es wurde häufiger überprüft und es zeigt sich immer wieder, dass multiple Präferenzen mit komplexerem, kontrolliertem Tatverhalten korrelieren. Also je mehr Paraphilien ich quasi habe, desto kontrollierter und sorgfältiger gehe ich quasi vor. Und was ich persönlich ganz interessant fand, was ich vorher gar nicht wusste, ist, was man in dem Fall bisher gesehen hat, ist ja, dass die Tatmuster identisch sind. Es geht jedes Mal, es passiert jedes Mal das Gleiche. Es ist ja sehr ritualisiert, sehr, sehr geplant. Es wirkt fast zwanghaft.

Und auch die Vorgehensweise ist ja sehr, sehr gut abgestimmt. Und ich als alte Neurotante Hat mich dann natürlich gefragt, ob sich das irgendwie im Gehirn zeigt, dass die Täter immer die gleichen Tatmuster durchlaufen. Und das hat natürlich verhaltenspsychologische Hintergründe, aber vielleicht ja auch neuropsychologische Hintergründe. Maybe. Und was ich da gefunden habe, ist tatsächlich, dass, und ich finde es super spannend, weil wir darüber um zwei Ecken auch schon in unserer Folge über Dark Romans gesprochen haben, dass wiederholte sexuelle Fantasien etwas mit unserem Gehirn machen und quasi unsere inneren Skripte überarbeiten können.

Und wiederholte sexuelle Fantasien und Handlungen, bei denen es beispielsweise um parafile Inhalte geht, wenn wir das gedanklich immer wieder durchgehen, löst das dopaminärige Belohnungsschleifen aus. Also wir werden quasi schon in der Fantasie dafür belohnt, dass wir uns diese Gedanken machen. Und wir werden für die gedankliche Durchlebung der Fantasie belohnt und noch viel mehr belohnt, wenn wir es tatsächlich ausführen, wenn man so will. Also man fängt quasi an, sich eine sexuelle Fantasie zu überlegen, man spielt die durch und unser Gehirn über diese dopaminerge Belohnungsschleife, also über unser Belohnungssystem, den Nucleus Akumbens, belohnt uns für diese Fantasie. Manchmal können wir das auch selber machen, wenn wir zum Beispiel gewalttätige Pornos konsumieren und belohnt werden in Anführungszeichen mit einem Orgasmus, bei dem ja sehr, sehr, sehr viel positive Belohnungseffekte im Gehirn passieren. Das heißt, umgekehrt bedeutet das also, dass je öfter man die Fantasie in Gedanken durchspielt ...

Desto höher wird das Risiko, dass man das auch in Real Life dann ausleben möchte. Also ich denke gerade zum Beispiel an Pädophilie, die ja im ICD-11 an sich, wie wir vorhin gesagt haben, keinen Krankheitswert an sich mehr hat. Aber da wäre es ja bei Betroffenen mit Pädophilie, je öfter sie das dann durchspielen, die Gedanken, das auszuleben, dass damit auch das Risiko steigt, das wirklich auszuleben. Ja, weil du entwickelst quasi sowas wie einen neuronalen Konditionierungszyklus. Das ist nicht gut. Du baust quasi in deinem Gehirn die Schleife auf, wenn du dich dafür belohnst. Es funktioniert in die andere Richtung natürlich genauso, aber wenn du dir eine sexuelle Fantasie in den Kopf setzt, die du immer wieder durchgehst und du belohnst dich immer wieder beispielsweise mit einem Orgasmus damit, dann sorgst du, dann konditionierst du dein Gehirn im Grunde positiv auf diese Fantasie. Und wir haben schon ganz oft drüber gesprochen, dass natürlich das Gehirn irgendwann mehr davon craved, also mehr will. Irgendwann reicht die Fantasie nicht mehr als Reiz. Irgendwann brauche ich irgendwas Haptisches und dann kaufe ich mir das erste Mal eine Strumpfhose oder ich kaufe mir eine leblose Puppe oder was auch immer.

Um diesen Kick wieder größer zu machen. Und dann arbeite ich mich in Anführungszeichen daran ab. Also entschuldigt für diese platte Erklärung, aber ich versuche irgendwie es nachvollziehbar zu erklären. Und durch diese neuronalen Konditionierungszyklen kann man quasi im Gehirn Scriptflows erstellen. Also im Grunde sowohl in unserer gedanklichen Vorstellung als auch im Gehirn erwarten wir, dass bestimmte Dinge nacheinander passieren und werden immer wieder dafür belohnt. Das heißt, wir haben bestimmte, wir erwarten quasi bestimmte Sequenzen von sexuellen Erlebnissen, weil wir unser Gehirn und auch unser Verhalten quasi darauf trainiert haben, darauf konditioniert haben, dass das passieren wird.

Und Landgraf hat in einer Veröffentlichung 2017 diese Scriptflows als rigide Ereignissequenzen bezeichnet, die als Risikofaktor für Übergriffe gelten. Also wenn man in einem paraphilen Kontext, bei dem es tatsächlich um Gewalt geht und um Gewalt an anderen Menschen, um Dinge, die ohne Einverständnis passieren, dass man mit dem regelmäßigen Durchgehen dieser Sequenzen im Gehirn und sich selber dafür belohnen kann.

Neuronale Konditionierungszyklen erschafft und dadurch die eigenen quasi sexuellen Skripte umschreibt. Und das wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit für Übergriffe. Ich finde, es deckt sich so ein bisschen mit dem, was du in der letzten Folge gesagt hast bei Dark Romance mit den inneren Skripten, die man hat und den Risikofaktoren für Übergriffe. Ja, da musste ich auch gerade dran denken. Und im Grunde ist das Prinzip sehr, sehr ähnlich, um die Frage zu beantworten, warum diese Tatmuster entstehen und warum sie identisch bleiben. Und natürlich kann man sich an der Stelle auch die Frage stellen, wo kommt das eigentlich her? Also wo kommt sowas wie so ein Strumpfhosen-Fetisch, wo kommt der her? Und es gibt ganz viele unterschiedliche Theorien und Überlegungen dazu, aber ganz allgemein, ich glaube, da haben wir schon ganz oft drüber gesprochen, auch in vergangenen Folgen, kann es natürlich sein, dass bestimmte Objekte schon in der Kindheit oder in der Jugend einen bestimmten Wert erfahren. Beispielsweise indem meine Mutter immer Strumpfhosen getragen hat oder die Mädchen, die ich nicht angucken durfte.

Die ich aber super interessant fand, bei denen ich aber zu schüchtern war, die haben immer Strumpfhosen getragen und die fand ich immer sehr begehrenswert. Und ich hatte immer das Gefühl, dass ich nicht gut genug bin, um an die ranzukommen. Ich formuliere es gerade sehr platt. Aber in so einem Kontext kann dann die Strumpfhose für etwas ganz anderes stehen, das im Nachhinein dann sehr schwer nachzuvollziehen ist und wird damit aber quasi in diese Konditionierung und auch in diese sexuellen Fantasien mit aufgenommen. Ich musste da gerade an Ed Gein von Netflix denken, Der ja auch so ein Fetisch hatte mit der Unterwäsche seiner Mutter. Also generell auch Frauenunterwäsche, glaube ich, aber gerade die seiner Mutter war ja nochmal besonders sexuell erregend für ihn. Ja.

Ja, also es ist ja sowas, was ja hoher Wahrscheinlichkeit nach auch aus der Kindheit quasi entstanden ist, nehme ich mal an. Gerade wenn man so diese Mutter-Sohn-Beziehung sich anschaut. Aber das ist ein anderes Thema. Ich fühle mich immer so klischeehaft, wenn wir das sagen, aber es ist halt wirklich, diese Beziehungen zu den Eltern können sehr ausschlaggebend sein. Ja, ist ja auch so. Ich meine, wir wachsen halt auf und haben die frühesten prägenden Jahre und da sind halt die Eltern bzw. Die primären Bezugspersonen bei uns. Und natürlich haben die dann einen riesigen Einfluss, nicht nur auf unsere Bindungsfähigkeit, nicht nur auf unsere Emotionsregulationsfähigkeit oder auf unsere Persönlichkeit, sondern auch auf unsere Sexualität. Ich weiß, das ist ein unangenehmer Gedanke, aber es ist so. Ja, das stimmt. Ja, auch während ich es gesagt habe, war ich kurz so, aber well, it is how it is. Was glaubst du denn aus deiner Perspektive, wenn du dir die Taten des Täters so anhörst oder jetzt so ein paar mehr Informationen dazu hast, aus deiner psychologischen Perspektive, was denkst du im Hinblick auf eine Prognose?

Im Hinblick auf die Prognose, ich würde ehrlich gesagt sagen, dass ich die Prognose deutlich, ja doch schon negativ einschätzen würde. Also ich meine, so gerade so ist er sehr stark ritualisiert bei ihm. Es geht ja sehr viel um Inszenierung, es geht sehr viel um Macht und das fehlende Einverständnis ist ja das, was es reizvoll für ihn macht. Und da würde ich schon sagen, dass, da sehe ich jetzt nicht so viel Veränderungsmöglichkeiten auf lange Sicht, denn du müsstest ja den Kern seiner Sexualität, sag ich mal, den müsstest du ja drehen können. Und das ist ja was, was sich wahrscheinlich schon so verfestigt hat, schwierig, schwierig. Also wäre das mein Patient in der forensischen Psychiatrie, würde ich schon sagen so, boah, okay, well, we can try, but ich hab da jetzt nicht so viel Hoffnung. Ich würde sagen, wir kommen zu Teil 3 und ich löse diesen Teil gleich mit auf. Okay.

Vor dem Landgericht Moosbach steht ein Mann, der äußerlich ruhig wirkt, freundlich, kontrolliert. Die Anklage lautet auf mehrfache, schwere sexuelle Nötigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Sechs Fälle werden verhandelt. Sechs Frauen. Sechs nahezu identische Abläufe. Während der Gutachten und Vernehmungen wird deutlich, dass es sich nicht um spontane Handlungen handelt, sondern um ein fest verankertes Muster. Eine Paraphilie, genauer eine Störung der sexuellen Präferenz mit fetischistischen und voyeuristischen Anteilen. Der psychiatrische Sachverständige beschreibt sie als fixiert, chronisch, von Persönlichkeit und Fantasie untrennbar.

Der Täter selbst spricht von schrägen Sachen. Er bagatellisiert, erkennt kein Leid, keine Opfer. In ihm treffen zwei Ebenen aufeinander, der Zwang, der das Handeln antreibt, und der Narzissmus, der es rechtfertigt. Der Gedanke, er könne sich selbst heilen, ersetzt jede echte Auseinandersetzung. Nach mehreren Jahren im Maßregelvollzug wird die Unterbringung für erledigt erklärt. Doch auch danach, in Therapie und Haft, zeigen sich keine Fortschritte. Immer wieder fertigt er Fotos an, verstohlen, heimlich. Immer wieder dieselben Motive. Die Sachverständigen sprechen schließlich von einer persistenten Störung der Sexualpräferenz, einer emotional unbehandelten Paraphilie mit enorm hohem Rückfallrisiko. Das Gericht entscheidet, die nachträgliche Sicherungsverwahrung anzuordnen. Die Gefahr sei hochgradig. Das Muster ungebrochen. Die Revision des Täters scheitert. Im Urteil heißt es nüchtern, beim Verurteilten besteht weiterhin eine akute, hochgradige Gefahr der Begehung schwerster Sexualdelikte. Zwischen den Zeilen steckt alles. Die Macht des Zwangs, das Scheitern der Therapie und das Echo einer Lust, die zu seiner lebenslangen Verwahrung führt.

Ja, also spätestens als ich gehört habe, dass er bagatellisiert, kein Leid seiner Opfer anerkennt und dass da auch noch Narzissmus mit im Spiel ist. Ja, wie gesagt, du kannst es versuchen, aber das war zum Scheitern verurteilt. Also das ist ja, das eine Ding ist ja diese chronische Paraphilie und das andere dann, du müsstest ja erstmal anfangen, dass du es in seinen Kopf reinkriegst, dass das nicht okay ist, was er macht, dass er Leid ausgelöst hat. Du müsstest ja erstmal hinkriegen, dass diese Bagatellisierung stoppt und das ist ja schon was, was bei bei super vielen schon scheitert also da scheitert es schon, wie soll man dann an den Kern rankommen also ich denke, da hat.

So dysfunktional wie es ist, da hat seine Psyche einen mega Schutzmechanismus um diese Paraphilie aufgebaut, riesige Mauer, dass du gar nicht an den Kern rankommen würdest, also Also ich finde es jetzt nicht so überraschend, dass er am Ende heißt, weiterhin akute hochgradige Gefahr, weil ich mir denke, ja, wie soll es auch anders sein? Also mir fällt keine Art der Therapie ein, keine Herangehensweise, die da hätte durchdringen können. Ja, was ich so krass fand, war, dass er selber, also er hat in der, er war erst, vielleicht so ein bisschen zum Kontext, ich habe diesen Fall in einer Online-Datenbank für vor Gericht verhandelte Fälle gefunden und habe quasi die kompletten Mitschriften des Prozesses benutzt, um diesen Fall zu erstellen. Und ich habe ihn, wie gesagt, deswegen ausgesucht, weil ich es interessant fand, dass diese Unterscheidung so schwer war. Was ist Fetisch? Was ist Mittel zum Zweck? Was davon sind parafile Elemente? Und weil das einer der seltenen Fälle war, in denen nachträgliche Sicherungsverwahrung angeordnet wurde. Und.

Tatsächlich, Fand ich es auch deswegen interessant, weil wir im Podcast ja schon mal, also mehrfach über Paraphilien gesprochen haben, aber selten über welche, die so multiple sind. Quasi also über so eine multiple, parafile Neigung, wo unterschiedliche Dinge miteinander reinspielen. Das, was ich auch gelesen habe, was ich sehr interessant fand, war, dass mit jedem Mal, dass ein Täter diese Tat begeht, dass das Gehirn zum Beispiel sensibler reagiert auf diese Belohnung, beziehungsweise nicht sensibler reagiert, sondern dieses Muster noch mehr verfestigt wird, sodass es für die Person, für den Täter in dem Fall immer schwerer wird, von dieser Sexualität wieder abzuweichen. Weil im Grunde kann man sich das im Gehirn so ein bisschen vorstellen wie so Spuren im Schnee. Jedes Mal, wenn man durchführt, wird diese Spur tiefer. Und das erhöht jedes Mal das Rückfallrisiko. Ja. Im Sinne von Prognose. Und es ist doch auch so, dass, also quasi platt formuliert, je mehr Paraphilien du hast, desto höher ist auch das Risiko zum Rückfall, oder? Also ich meine, es hat doch, das hast ja bestimmt auch irgendwie noch Studien zu gefunden. Aber ich meine ...

Nagel mich nicht fest, aber ich meine, dass es auch was damit zu tun hat, wie das Rückfallrisiko eingestuft wird, denn ich erinnere mich an so ein, zwei Prognoseinstrumente, die wir auch in der Forensik benutzt haben, wo das auch mit aufgeführt werden sollte, wie viele parafile Strömungen gibt es, welche Neigungen sind vorhanden, wie handlungsleitend sind die und die mussten wir auch alle, also die mussten wir alle einzeln aufführen und auch in den Stellungnahmen an die Staatsanwaltschaften zum Beispiel genau erklären, wie das miteinander zusammenwirkte. Und das haben wir natürlich deswegen gemacht, weil es auch einen Einfluss aufs Rückfallrisiko hatte. Ja, also das stimmt auf jeden Fall. Es gibt mehrere Aspekte, die in die Abschätzung des Rückfallrisikos oder der Rückfallprognose mit reinspielen. Das eine ist, wie du gerade gesagt hast, das Vorhandensein von multiplen Paraphilie-Diagnosen, also Fetischismus, Voyeurismus, Sadismus, you name it. Und in diesem Fall war es ja Fetischismus, Voyeurismus und Sadismus. Also quasi eine passive Form von Sadismus, wenn man so will. Und das ist das eine, das sorgt für eine deutlich höhere Rückfallrate laut Studien. Das zweite ist ritualisierte Tatmuster, also Dinge, die immer wieder gleich ablaufen.

Die erhöhen weiter das Rückfallrisiko oder verschlechtern die Prognose, wenn die Tatmuster immer wieder identisch abgelaufen sind. Das heißt, wenn man nicht sehen kann, dass jemand zwar mehrfache Paraphilien hat, aber immer wieder anders versucht, daran zu kommen und diese Tat zu begehen, sondern wenn die gleich abläuft und sehr strukturiert, sehr geplant abläuft. Das ist übrigens auch das dritte Merkmal. Sehr kontrolliertes planendes Vorgehen ist ein Hinweis auf ein Hochrisikoprofil, weil es bedeutet, dass der Täter oder die Täterin sich sehr bewusst darüber ist, das Ganze gedanklich sehr, sehr, sehr oft durchgespielt hat. Wir erinnern uns an das Thema von vorhin mit der Auswirkung davon, Fantasien immer wieder durchzugehen und Abläufe immer weiter zu perfektionieren. Man konditioniert sich quasi selbst darauf, diese Dinge zu tun.

Und was am Ende auch dazukommt, ist diese mangelnde Einsichtsfähigkeit. Und das macht ja jegliche Form von Therapie sowieso, zumindest upfront, zunichte, weil du erst mal die Arbeit investieren musst, um der Person überhaupt begreiflich zu machen, dass das nicht schräge Dinge sind, die da passiert sind. Ja, Bagatellisierung an sich ist in jedem Prognoseinstrument, das ich kenne, ist es immer mit drin. Also es ist immer mit drin, der Täter ist er sich bewusst darüber, dass das falsch war, was er getan hat. Ist da auch vielleicht eine emotionale Komponente mit dabei, ist Reue mit dabei.

Dafür gibt es dann auch natürlich verschiedene Items und die sind immer dabei, weil es einfach eine riesige Rolle spielt. Wenn du einfach der Meinung bist, dass es ja nicht so schlimm ist, was du gemacht hast, dann natürlich ist das Risiko höher, dass du es wieder machst.

Wie genau werden denn aus deiner Erfahrung aus der forensischen Psychiatrie Paraphilien behandelt? Was gibt es denn so für Ansätze, um damit umzugehen? Wenn ich Patienten mit Paraphilien hatte, dann ist es meistens gescheitert an diesem Bagatellisierungsaspekt. Also wir sind gar nicht an die Paraphili rangekommen, weil es bagatellisiert wurde, weil es dann hieß, Ich erinnere mich an den Fall von Voyeurismus.

Die wussten das ja nicht, es tut denen ja nicht weh. Die wissen das ja bis heute teilweise nicht, was da war. Also warum soll das schlimm sein?

Also da hat es dann teilweise schon ... Schon gestoppt und da war es, also je nachdem, wie viel Zeit du auch für die Therapie hast, in der Forensik ist es ja so, dass die Patienten auch die Station wechseln.

Und da bei diesem Einwahr-Eurismus-Fall ging es hauptsächlich um dieses Thema von Bagatellisieren, wo du auch immer wieder zurückgefallen bist. Mir fällt ein Fall ein, wo wir, das war dann ein Fall von Pädophilie, da sind wir dann auch an den Kern so ein bisschen rangekommen. Ich sag's ja direkt, Erfolg hatten, hatte ich bei keinem. Also da war es alles, in der Forensik hast du natürlich so die schwersten Fälle, die ja dann auch schon straffällig geworden sind, auch schon mehrfach. Da ist es schon so, auch so ritualisiert gewesen. Es ist so statisch, so chronifiziert drin, dass das jetzt nicht sehr von Erfolg gekrönt war. Aber die Versuche waren in Richtung Kontrolle der paraphilen Impulse. Wir haben an der Emotions- und der Selbstregulation gearbeitet, auch aus dem Grund, weil ja der Sexualität auch viel mit deiner emotionalen Lage natürlich auch zu tun hat. Also das ist ja alles, was sich, können wir wahrscheinlich alle bestätigen, dass es sich auch bedingt, unsere Emotionen und die Sexualität. Ja und dann ging es natürlich auch darum, präventive Maßnahmen zu ergreifen. Wir haben Notfallpläne erstellt, wir haben geguckt, was sind Frühwarnzeichen der Straftat, welche Schritte wurden in der Vergangenheit gegangen, wo kann man vielleicht noch einen Stopp reinhauen, wo kann man sich hinwenden.

Ja, natürlich wäre das absolut beste Ziel gewesen, dass es gelingt, die Sexualität ein bisschen anzugleichen an die gesellschaftliche Norm. Aber das hat, in der Forensik kannst du es eigentlich vergessen. Also das habe ich noch nie angefangen. Den Gedanken, den du gerade angebracht hast, fand ich sehr interessant zu sagen. Im besten Fall versucht man natürlich irgendwie die Sexualität in eine andere Richtung vielleicht auch zu entwickeln.

Und dafür vielleicht damit auszugleichen und zu sagen, du hast diese Paraphilie, also diese sexuelle Neigung, aber wir erweitern auf der gesunden Seite, auf der sozialverträglichen Seite den Horizont deiner Sexualität, damit du da vielleicht das ausleben kannst, was sich gut anfühlt und legal ist und das andere so ein bisschen, dass man die Waage so ein bisschen halten kann. Ja, das war jetzt nicht was, was wirklich ernsthaft in Betracht gezogen wurde, weil das einfach trotzdem ein hohes Rückfahrrisiko bei diesem Patienten gewesen wäre. Das war Richtung Voyeurismus, aber der hatte auch multiple Paraphilien. Also es war auch gemischt und dann war auch Narzissmus mit drin. Also schwieriges Risikoprofil. Aber da waren auch so Überlegungen, naja, wie könnte er denn trotzdem dieses Gefühl haben von Voyeurismus Menschen beobachten? Also das Beispiel, was du vorhin gesagt hast mit Einverständnis beobachten.

Wie es zum Beispiel in solchen Sexkinos möglich wäre, ob das nicht auch was wäre, was halt eben, sexuelle Befriedigung bringen könnte. Das wäre zum Beispiel ein Beispiel. Das wäre zum Beispiel ein Beispiel in Richtung, es geht ja nicht darum, die Neigung wegzubekommen. Denn wenn die sexuelle Neigung an sich ein Abweichen von der Norm ist, haben wir ja schon gesagt, das ist gar nicht das Problem. Aber auch hier war halt das Hauptproblem, dass es eben, wenn das Bedürfnis kam, dann bei diesem Patienten, dann musste es sofort befriedigt werden. Und dann war da keine Zeit. Und natürlich ist die Umlenkung von jemandem, der diese Grenze einmal überschritten hat, deutlich schwieriger als jemand, der von vornherein gelernt hat, damit anders umzugehen. Ja, und dann war halt in dem Fall, dass er es halt auch nie als schlimm empfunden hat. Ich verstehe. Aber ich fand den Gedanken sehr spannend, weil du gesagt hast, man versucht, das so ein bisschen umzulenken.

Häufig kursiert ja, und das ist mir bei der Recherche zum Thema Paraphilien auch aufgefallen, kursiert ja so der Gedanke, dass Sexualität wie so ein Ja-Nein-Prinzip ist. Ich bin heterosexuell, ich bin homosexuell, ich finde das gut, ich bin asexuell und es gibt nur dieses Ja-Nein-Rechts-Links- richtig falsch. Und bei der Recherche dazu bin ich auf die Kontinuumstheorie der Sexualität gestoßen und hab mich da noch ein bisschen reingelesen und mehr dazu, wie Sexualität tatsächlich funktioniert und ob sie tatsächlich Ja-Nein funktioniert oder ob, wir vielleicht komplexer sind, was das angeht, als wir denken, erfahrt ihr in unserem Quickie zu dem Thema. Und ich würde sagen, damit beenden wir die heutige Folge zum Thema Paraphilien. Seid lieb zueinander und wir sagen Tschüss!