Nimm den besten Orgasmus, den du jemals gehabt hast. Multipliziere ihn mit 1000 und du bist nicht mal nah dran. Willkommen bei Blackbox, der Psychologie-Podcast, der dich mitnimmt in die Tiefen der menschlichen Psyche. Ich bin Maxi. Und ich bin Babsi. Als studierte Psychologinnen schauen wir uns an, warum Menschen fühlen, denken und handeln, in Extremen wie im Alltag. Dabei verbinden wir Psychologie mit echten Geschichten direkt auf, Willkommen zu einer neuen Folge von Blackbox. Wir sprechen heute, wie euch der Titel der Folge schon verraten hat, über das Thema Heroin und über die Effekte und Folgen einer Heroinsucht oder auch einer Opioidabhängigkeit im weitesten Sinne auf das Gehirn und im Gehirn und im Körper an sich. Das heißt, es ist mal wieder eine, ihr habt es euch schon gedacht, Neurobiologie-Folge.

Und eine True-Crime-Folge. Ihr wisst ja, wir machen den ganzen Bums im Wechsel. Also willkommen zu einer True-Crime-Neuro-Folge. Wir beantworten heute die folgenden Fragen. Was ist Heroin? Wie wird Heroin konsumiert und woher kommt der Stoff überhaupt? Wie wurde er entwickelt? Was ist der Ursprung? Wie genau wirkt Heroin im Gehirn? Was sind die Folgen von Kombinationen mehrerer Drogen, also Mischkonsum? Hat früher Drogenkonsum, also bereits in der Jugend, andere Auswirkungen, als wenn man erst im Erwachsenenalter beginnt? Wie entsteht eigentlich Toleranz? Und was ist und wie wirkt Methadon? Ihr wisst alle, wie excited ich immer bin für Neurobiologie-Folgen. Und genauso excited bin ich schon, seitdem ich angefangen habe, diese Folge vorzubereiten, darauf heute mit euch über dieses Thema zu sprechen. Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich heute vielleicht ein bisschen aufgeregter bin als sonst. Der andere Grund ist, es ist noch genau eine Woche hin, bis zu unseren Live-Auftritten in Hamburg und in Köln. Und ich muss ganz ehrlich sagen, ich kann es gar nicht mehr erwarten. Oh mein Gott, voll crazy. Erfüllung noch eine Woche. Es stimmt, es stimmt. Für diejenigen von euch, die das Wesentliche nicht mitbekommen haben sollten. Maxi und ich sind nächste Woche live in Hamburg und in Köln zu treffen. Am 29. und am 30. November.

Für diejenigen von euch, die sich denken, oh mein Gott, ich habe noch kein Ticket und ich wäre voll gerne dabei. Ihr findet die Tickets, es gibt nämlich noch welche, für beide Shows, findet ihr in unseren Shownotes unter dem Link und könnt euch da super gerne durchklicken. Und wir würden uns riesig freuen, euch zu sehen. Ich bin jetzt schon so aufgeregt und freue mich so sehr, so viele von euch persönlich zu treffen und live zu treffen. Und ich glaube, es wird richtig cool. Und natürlich wird es nicht nur darum gehen, dass wir miteinander quatschen, obwohl es für uns auch ganz, ganz, ganz viel darum geht. Wir haben auch zwei ganz spannende Fälle dabei, die wir natürlich ganz ausführlich psychologisch mit euch zusammen psychologisch analysieren. Und ja, wir freuen uns einfach total auf diesen Austausch und auf eure Perspektiven dazu. Also nicht vergessen, schaut mal rein und wir freuen uns mega doll. Und damit würde ich sagen, starten wir quasi jetzt in den anderen Teil dieser Folge oder den anderen Teil dieses Podcasts, auf den ich mich so lange schon freue. Nämlich mit der Frage, was genau macht Heroin eigentlich im Gehirn? Aber zuerst klären wir mal die Frage, was ist Heroin überhaupt? Heroin besteht aus Diacetylmorphin, einem halbsynthetischen Opioid. Es wird aus Morphin gewonnen, was der Hauptwirkstoff von Opium ist. Ihr habt sicherlich schon den ein oder anderen Film oder Serie gesehen, wo Heroin verkauft wurde. Das ist ein weißes Pulver.

Straßenheroin, also Heroin, was so auf der Straße verkauft wird und wahrscheinlich nicht die höchste Reinheit besitzt, ist meist so bräunlich-weiß. Was eben dann daran liegt, dass es gestreckt oder verunreinigt wurde. Tatsächlich habe ich in meiner Recherche gelesen, dass Heroin, manche Heroin-Mischungen auf der Straße bis zu 95 Prozent aus anderen Substanzen bestehen. und deswegen so stark verfärbt sind. Ich persönlich dachte auch immer, Heroin wäre braun oder so Karamellfarben und war total überrascht, als ich gelesen habe, dass reines Heroin eigentlich weiß sein sollte. Heroin gehört zu den stärksten und am schnellsten abhängig machenden Drogen und es wirkt schmerzstillend, euphorisierend, beruhigend, aber auch atemdepressiv. Was bedeutet, dass es die Gefahr einer Überdosis gibt? Nämlich, dass wenn ihr davon zu viel nehmt, dass da ein Atemstillstand eintreten könnte? Heroin wird auf ganz unterschiedliche Arten konsumiert. Ich glaube, das, was die meisten von uns kennen, ist das intravenöse Spritzen. Also der Konsum oder das Einführen einer Nadel direkt in die Vene und damit direkt in den Blutkreislauf. Das sagt für ein sehr starkes und schnelles High in Anführungszeichen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, das Pulver durch die Nase zu ziehen, Heroin zu rauchen oder auch zu folieren, wie man sagt. Also es auf Alufolie zu erhitzen und den Dampf zu inhalieren.

Seltener spritzen Leute sich das auch unter die Haut oder in den Muskel. Und es gibt tatsächlich auch Leute, die sich Heroineinläufe geben, also die Heroin quasi rektal einführen und vorher flüssig machen. In Nordamerika gibt es mittlerweile auch eine neue Form von Heroin, das sogenannte Black-Tar-Heroin. Das ist tatsächlich schwarz und relativ zäh, flüssig und fest, also nicht pulverförmig. Dieses schwarze Heroin ist tatsächlich in den USA vermeintlich größtenteils verantwortlich für eine fast schon epidemische Verbreitung von Heroinabhängigkeit, weil es die günstigste oder billigste Form von Heroin ist, weil sie am meisten oder am stärksten verunreinigt ist. Dieses Heroin kann auch dunkel orange sein oder dunkel braun. Diese Form von schwarzem Heroin kann man tatsächlich, wenn man es trocknet, auch pulverisieren und es wird dann manchmal mit Laktose vermischt, um es durch die Nase zu ziehen. Diese Form von Heroin kann man aber auch in Wasser auflösen oder eben genauso spritzen wie die anderen Formen von Heroin. Es ist einfach nur quasi eine neue Form, weil es in Deutschland oder auch in bisher normalerweise dunkelbraunes Heroin gab, direkt als Pulver oder eben weiß, wenn es sehr rein ist. Und dieses schwarze, zielflüssige oder fast schon Thea-artige ist quasi eine neue Form in Anführungszeichen von Heroin, die den USA massive Probleme bereitet.

Heroin wird ursprünglich hergestellt aus dem Schlafmohn. Der Milchsaft von den unreifen Samenkapseln wird getrocknet und daraus entsteht Roh-Ropium. Opium selber enthält mehrere natürliche sogenannte Alkaloide, vor allem Morphin und Codein. und wurde schon vor über 4000 Jahren von Ägyptern und Sumeranen als Heilmittel oder Rauschdroge genutzt. Tatsächlich gab es in China zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert durch diesen zunehmenden Opiumkonsum eine massive Abhängigkeit in der gesamten Gesellschaft und ich glaube viele von euch haben das im Geschichtsunterricht schon gehört, führte dann eben auch zum Opiumkrieg oder zu den Opiumkriegen zwischen China und einigen westlichen Mächten.

1806 gelang dann dem deutschen Apotheker Friedrich Wilhelm Seertürner erstmals die Isolierung von Morphin. Morphin wurde dann ab dem 19. Jahrhundert als sehr starkes Schmerzmittel in der Medizin eingesetzt, vor allen Dingen bei Menschen, die im Krieg gewesen sind und starke Verletzungen hatten. Man hat allerdings relativ schnell herausgefunden, dass Morphin extrem süchtig macht, Was dazu geführt hat, dass viele durch den Krieg verwundete Menschen danach auch noch morphinabhängig waren. Und dann hat man quasi in der Medizin versucht herauszufinden, wie man einen nicht abhängig machenden Ersatz für Morphin finden kann.

1897 gelang es dann dem Bayer-Chemiker Felix Hoffmann, Morphin mit Essigsäureanhydrid zu Diacytylmorphin umzuwandeln. Man ist damals davon ausgegangen, dass diese Umwandlung oder diese Kombination dazu führen würde, dass der Stoff wesentlich weniger abhängig macht und als Folge dessen hat 1898 dann die Firma Bayer das neue Mittel rausgebracht unter dem Namen Heroin. Damals war das als Husten- und Schmerzmittel sehr erfolgreich, wurde verstanden als harmlos, nicht abhängig machend und im Grunde basierte die Tatsache, dass es veröffentlicht wurde und als Hustenstiller zum Beispiel auch genutzt wurde auf einem Irrtum in der Beobachtung. Denn die Wissenschaftler sind davon ausgegangen, dadurch, dass Menschen, die dieses Produkt konsumiert haben, langsamer und tiefer geatmet haben, dass sie quasi besser Luft bekommen und dass sich die Atmung stabilisiert.

Was man damals nicht verstanden hat, ist, dass der Grund, dass die Leute langsamer und tiefer atmen, damit zu tun hat, dass die Atmung sich so massiv verlangsamt und der Körper versucht, das Maximum an Sauerstoff aus einem Atemzug zu holen. Wegen der vorhin genannten Atemdepression. Korrekt. Alter, okay. Nur ein paar Jahre später stellte sich heraus, dass Heroin noch stärker abhängig macht als Morphin. Und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Heroin dann in immer mehr Ländern verboten.

1909 in Shanghai fand eine internationale Opiumkommission statt. Und diese legte tatsächlich den Grundstein für die moderne Drogenkontrolle. Und für den Fakt, dass Heroin eben immer weniger verkauft und auch produziert wurde. Bayer hat die Produktion dann erst 1940 komplett eingestellt, aber Heroin ist auf dem Schwarzmarkt natürlich bis heute extrem präsent, wird mittlerweile illegal aus Morphin hergestellt, das aus Opium, aus Schlafmohnfeldern, vor allen Dingen in Afghanistan oder auch in Myanmar stammt. In Deutschland ist Heroin seit 2009 nur noch unter sehr strengen Auflagen für medizinische Zwecke zugelassen und da benutzt man quasi eine Subform, wenn man so will, als Substitutionstherapie zur Behandlung von Schwerstabhängigen, nämlich Methadon, aber dazu kommen wir später noch. Und mit diesem kleinen Exkurs in die Geschichte der Entstehung von Heroin gehen wir jetzt in den ersten Teil des Falls der heutigen Folge rein. Bevor wir aber starten, eine kurze Triggerwarnung für euch. In dem heutigen Fall geht es unter anderem um Gewalt an Tieren, Drogenkonsum und Gewalt.

Ivan wird in einer Stadt geboren, die nach Arbeit riecht. Nach Diesel, Metall und Brot. Seine Mutter ist Lehrerin, sein Vater Lkw-Fahrer. Zwei jüngere Geschwister folgen bald. Die Familie lebt bescheiden, aber stabil. Die Mutter kümmert sich um Schule und Ordnung. Der Vater ist oft unterwegs, tagelang auf den Straßen Europas. Wenn er nach Hause kommt, riecht er nach kaltem Rauch und Motoröl. Ivan ist ein stilles Kind, neugierig, freundlich, manchmal etwas trotzig. In der Schule schreibt er durchschnittliche Noten. Er interessiert sich für Autos und für alles, was sich auseinanderbauen lässt. Lehrer beschreiben ihn als begabt, aber leicht ablenkbar.

Als er neun Jahre alt ist, verändert sich alles. Die Mutter nimmt eine Stelle als Lehrerin und Meteorologin in einem abgelegenen Dorf an. Sie zieht mit den beiden jüngeren Kindern aufs Land. Ivan bleibt bei seinem Vater in der Stadt. Von da an gibt es zwei Leben. Eines bei der Mutter, ruhig, ordentlich und hell. Und eins mit dem Vater, chaotisch, laut und leer. Sie sehen sich an Wochenenden, manchmal im Sommerurlaub. Doch in den Jahren dazwischen wächst eine unsichtbare Distanz. 1997 zieht die Familie dann gemeinsam nach Deutschland. Ein Neuanfang. Der Vater arbeitet als Fernfahrer, die Mutter putzt Treppenhäuser und Klassenzimmer. Ivan spricht kaum Deutsch, kommt in ein Internat, in dem er die Sprache lernt und den Abschluss nach der 10. Klasse macht. Er ist 17, als seine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker beginnt. Doch nach zwei Jahren bricht er ab. Disziplin liegt ihm nicht. Die Werkstatt fühlt sich an wie ein Käfig.

Dann fährt der LKW, wie damals sein Vater. Ein paar Jahre funktioniert das Leben. Fahren, rauchen, schlafen, bis er den Führerschein verliert. Danach rutscht er ab in Gelegenheitsjobs. Ab 2005 arbeitet er nicht mehr regelmäßig. Er lebt von Sozialhilfe. 424 Euro im Monat. Das Geld reicht gerade so für Miete und Stoff. Denn Ivan ist schon seit seinem zwölften Lebensjahr in Berührung mit den unterschiedlichsten Drogen. Mit zwölf trinkt er zum ersten Mal Alkohol, mit 14 regelmäßig. Mit zwölf raucht er zum ersten Mal Cannabis, später täglich. Mit 15 spritzt er sich das erste Mal Heroin. Erst selten, dann wöchentlich. Als er mit seiner Familie nach Deutschland kommt, schafft er es zwei Jahre lang ohne Drogen. Dann beginnt alles von vorn. Heroin, diesmal nasal, später wieder intravenös 2000 folgt die erste Entgiftung, zwei Wochen Dann wieder Rückfall, 2001 eine Therapie, zwei Wochen Abbruch Dann schicken ihn seine Eltern in eine Privatklinik Er wird entgiftet, bekommt ein Implantat, Nemexin, einen Opiatblocker Eine chemische Warnung Wer mit Nemexin im Blut konsumiert, riskiert zu sterben Für eineinhalb Jahre bleibt er abstinent.

2001 heiratet er dann, zwei Jahre später der nächste Rückfall. Ab 2005 mischt er Heroin mit Benzodiazepin. Daran hindert ihn auch seine Rolle als Vater nicht, als seine Tochter auf die Welt kommt. Drei Tabletten am Tag werden zehn. Vergessen, Schlaf, Trägheit, alles in Tablettenformen.

2007 versucht er es erneut mit einer Therapie. Nach zwei Wochen fliegt er raus. Alkohol. Es ist dieser Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Seine Frau lässt sich scheiden und Ivan ist wieder allein. Zwei Jahre später wird ihm dann sogar das Besuchsrecht bei seiner Tochter entzogen. Der Drogenkonsum nimmt Überhand. Ivan versinkt immer tiefer in einem Kreislauf, der sich schneller und schneller dreht. Er selbst wird in den folgenden Jahren ein Wanderer zwischen Haft, Therapie und Rausch.

2009 Therapie, Abbruch. 2010 wieder Heroin. 2011 Haft. 2015 Entgiftung in einer Privatklinik. Wieder Nemexin. Wieder ein Rückfall. Kurz darauf lernt Ivan eine Frau kennen. Tamara. Sie liebt ihn und er liebt sie. Sie glaubt an ihn. Sie ist sich sicher, dass er die Abstinenz schaffen kann. Und sie sieht in ihm etwas, das er selbst schon lange vergessen hat. Eine Zukunft. Tamara selbst steht fest im Leben. Sie hat einen gut bezahlten Job, nimmt keine Drogen, hat keine schwere Vergangenheit. Sie versucht ihm zu helfen, ihn zu halten, ihn vor sich selbst zu retten. Ein Jahr lang arbeitet Ivan im Gartenbau, schwört clean zu bleiben. Dann verliert er den Job, greift zur Flasche. Erst Bier, dann Wodka, drei Flaschen am Tag. Aber Tamara hält durch. Sie glaubt an Ivan bis zu dem Tag, an dem er ihren Kater tritt. Ein banaler und doch so grausamer Moment. Der kleine Körper des Tieres bricht unter den Schuhen.

Es ist dieser Tag, an dem Tamara den Glauben an Ivan verliert. Sie trennt sich von ihm, kommt dann auf sein Flehen wieder zu ihm zurück, bis er erneut straffällig wird und ins Gefängnis muss. Es folgt die endgültige Trennung. Die Zukunft, die Tamara in Ivan gesehen hat, ist verschwunden. Sie gibt ihm Geld, Essen und Mitleid, aber keine Zukunft.

2018 ist er körperlich am Ende. Wöchentlich überweist Tamara ihm Geld, 25 bis 70 Euro. Es ist das letzte Band aus Verantwortungsgefühl, das die beiden zusammenhält. Ivan ist abgemagert, verwahrlost, aber lebendig. Irgendwie. Zwei Suizidversuche begeht er in den nächsten Jahren in Haft. Kaum ist er wieder in Freiheit, spritzt er wieder Heroin. 1,5 Gramm am Tag. Er versucht, sich zu stabilisieren. ambulante Therapie, Methadonprogramm, 60 Milligramm täglich. Aber immer wieder kombiniert er. Heroin, Kokain, Benzodiazepine. Er nimmt, was er bekommt. Im März 2019, wieder stationäre Entgiftung. Nach zehn Tagen bricht er ab. Die Akten nennen ihn körperlich gesund, psychisch instabil. Sogar Hepatitis C hat er schon überstanden, aber der Rest bleibt.

Die Sucht, die Leere, das Chaos. In den polizeilichen Registern füllen seine Vorstrafen Seiten. Diebstähle, Urkundenfälschung, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Betrug, Drogenbesitz. Kleine Delikte, endlose Wiederholungen. Und jedes Urteil klingt gleich. Tat begangen unter Einfluss von Betäubungsmitteln. Er wird immer wieder verurteilt, immer wieder zurückgestellt, immer wieder rückfällig. Ein Leben zwischen Bewährung und Haft, Methadon und Rückfall, Hoffnung und Absturz. Als er 2019 auf Paul trifft, ist Ivan ein Mann, der vom Leben nichts mehr erwartet.

Ich finde, das ist, das hört sich an wie so ein ganz klassischer Verlauf. Oder so eine klassische Biografie, die du im 64er-Maßregelvollzug hörst. Bei den Menschen, die aufgrund von ihrem Hang zu Suchtmitteln für schuldunfähig oder vermindert schuldfähig befunden wurden und dann in eine psychiatrische Einrichtung gekommen sind. Und da klingt, zumindest in meinem Empfinden, klingen viele Biografien so, wie jetzt diese Geschichte von Ivan, dass da zwar dann Beziehungen aufgebaut werden, die aber zerbrechen an der Sucht. Ich finde auch die Tamara da drin, die hält ja lange durch und unterstützt ihn weiter, obwohl er ihren, er hat ja ihren Kater getötet, habe ich das richtig verstanden? Ja, er hat ihn, sagen wir, getreten. Ja, finde ich ...

Besonders bemerkenswert, dass sie trotzdem ihn weiter unterstützt. Ich glaube, ich könnte das nicht. Ich glaube, ich hätte da gesagt, und dich möchte ich niemals wiedersehen und nichts mit dir zu tun haben. Aber sie bleibt ja und sie unterstützt ihn finanziell. Es ist dann ja klar nicht viel, das 25 bis 70 Euro pro Woche, gerade wenn man substanzabhängig ist, aber trotzdem unterstützt sie ihn ja. Und ich finde das so spannend, weil das ist auch was, was so im 64er immer wieder, was es immer wieder gab, so Frauen, also Ex-Freundinnen, Ex-Partnerinnen, enge Freunde oder Familienangehörige, die die ganze Zeit bleiben, was ja gut ist. Also so eine soziale Unterstützung ist ja total wichtig, aber auf der anderen Seite auch halt eben Menschen, wo man das Gefühl hat, okay, das ist aber jetzt keine gesunde Unterstützung mehr und das ist nichts, was irgendwie stabilisierend wirkt, sondern vielleicht auch eher destabilisieren und vielleicht so eine Art Co-Abhängigkeit ist. Ich weiß nicht, wie dein Eindruck von Tamara war, aber mir kam dieses Wort ehrlich gesagt in den Kopf. Ja, also die Tatsache, dass sie mit ihm zusammengekommen ist, obwohl er sich in einer aktiven Substanzabhängigkeit befindet, war was, was mir auf jeden Fall aufgefallen ist.

Und was ich sehr bemerkenswert fand, ist auch die Tatsache, dass sie danach geblieben, also nochmal zurückgekommen ist zu ihm. Und das war auch was, wo ich dachte, okay, das gibt mir so einen gedanklichen Hinweis auf eine Co-Abhängigkeit, weil kein Mensch, der emotional nicht so massiv involviert ist, würde diese Grenze verschieben. Ja, vielleicht für euch kurz zur Erklärung, was Co-Abhängigkeit überhaupt ist. Co-Abhängigkeit bezeichnet ein Beziehungsmuster, bei dem Angehörige von einer süchtigen Person das Verhalten dieser Person unbewusst aufrechterhalten. Zum Beispiel, indem sie Probleme vertuschen, Verantwortung übernehmen, sich selbst anpassen oder es kann auch sowas sein wie so finanzielle Unterstützung, die eben der Person dann weiterhin ermöglicht, zum Beispiel Drogen zu kaufen.

Dabei verlieren die Menschen, die da in Co-Abhängigkeit zu den betroffenen Personen sind, oft das eigene emotionale Gleichgewicht, weil ihr Selbstwert und ihre Stabilität immer mehr davon abhängen, den anderen von der Sucht Betroffenen zu retten oder eben halt ihn da rauszuholen, die Kontrolle da irgendwie, ihm zu helfen, die Kontrolle da zu behalten. Und es ist halt einfach eine Illusion, die in den meisten Fällen nicht aufrechtzuerhalten ist. An der Stelle vielleicht noch eine Ergänzung zum Thema Co-Abhängigkeit. Tatsächlich werden Suchterkrankungen mittlerweile auch als Erkrankungen der Familie betrachtet, weil...

Dieses Thema Co-Abhängigkeit in fast jeder Familie ein Thema ist, weil die Person, die anfängt zu konsumieren oder süchtig ist von etwas oder abhängig ist von etwas, hat ja in den meisten Fällen ein soziales Umfeld, bestehend aus Menschen, die diese Person lieben und die diese Person schützen wollen und die diese Person unterstützen wollen. Und Co-Abhängigkeit ist nichts, wofür man sich irgendwie schämen muss und das ist auch kein Zeichen von Schwäche oder zu viel Liebe oder mangelnder Liebe oder nicht Reflexionsfähigkeit oder sowas, sondern das ist eigentlich eine normale Reaktion auf eine vollkommen unnormale Situation. Ja, und ich finde auch eine ganz nachvollziehbare Reaktion. Also wenn ich mir vorstelle, dass in meiner nahen Familie, meinen nahen Angehörigen jemand suchtkrank werden würde, ich kann die Handlungen, die Menschen, die dann in die Co-Abhängigkeit fallen, ich kann das komplett nachvollziehen und ich glaube, das würde mir auch passieren. Es gibt ganz viele Merkmale und Verhaltensweisen von Co-Abhängigkeit. Wenn euch das interessiert, können wir total gerne mal eine Folge dazu machen und so ein bisschen mehr erzählen, was das eigentlich bedeutet und vielleicht auch, wie man sich daraus lösen kann. Vielen Dank.

Im Zusammenhang mit dem Fall habe ich mir natürlich auch Gedanken dazu gemacht und sehr viel dazu gelesen, was genau Heroin eigentlich im Gehirn macht. Ihr erinnert euch oder einige von euch erinnern sich vielleicht, ich habe versprochen in diesem Podcast über die Zeit, dass wir jede Droge, die es irgendwie am Markt verfügbar gibt, einmal behandeln werden und erklären werden, was im Gehirn passiert, mindestens einmal. Also ich gebe wie immer mein Bestes, es möglichst einfach zu erklären. Diejenigen, die unter euch Experten sind, bitte verzeiht mir, wenn ich nicht ganz so detailliert bin, wie es tatsächlich sein könnte. Und diejenigen von euch, die mit dem ganzen Thema Neuro gar nichts am Hut haben, verzeiht mir, wenn ich mich vielleicht etwas undeutlich ausdrücke. Ich versuche es.

Ganz grundsätzlich entfaltet Heroin im Gehirn seine Wirkung durch die Umwandlung in Morphin. Und Morphin, das kennen sicherlich viele von euch, ist ein sehr, sehr, sehr starkes Schmerzmittel. Und dieses Schmerzmittel, also Morphin, setzt sich an spezifische Opioid-Rezeptoren und beeinflusst Signalwege. Das heißt, Heroin aktiviert im Grunde im Hirn Opioidrezeptoren. Die gibt es zum einen im lymbischen System, es gibt sie im Hirnstamm und es gibt sie auch im Rückenmark. Diese Rezeptoren sind eigentlich das Ziel oder daran docken normalerweise körpereigene Endorphine an, die auch im Grunde Schmerzmittel sind, aber körpereigene Schmerzmittel. Und Morphin, wir erinnern uns, Heroin wird umgewandelt zu Morphin, Morphin ersetzt diese körpereigenen Schmerzmittel und löst eine sehr starke neuronale Hemmung an genau diesen Stellen aus, wo normalerweise Endorphine andocken und dadurch werden Schmerzen, Angst und Stress extrem stark reduziert.

Das führt dazu, dass beispielsweise die sogenannten GABA-Ergen-Interneurone gehemmt werden, die sich im ventralen Tegmentum, kurz im VTA, befinden. Der Effekt ist extrem wichtig, um zu verstehen, wie eigentlich Heroinsucht funktioniert, denn im ventralen Tegmentum, Das Ventraltegmentum ist ein Teil des Belohnungssystems. Morphin hemmt diese, wie gesagt, GABAergen-Interneurone. Und GABAerge-Interneurone sind an dieser Stelle normalerweise dafür da, Dopaminerge-Neurone im ventralen Tegmentum zu hemmen. Und dadurch, dass diese Hemmung gehemmt wird, in Anführungszeichen, wird vermehrt Dopamin ausgeschüttet. Ganz simpel formuliert, Morphin hemmt bestimmte Interneurone, die normalerweise verhindern, dass zu viel Dopamin ausgeschüttet wird.

Und dadurch, dass das Morphin sich jetzt aber an diese Interneurone andockt, können die das nicht mehr hemmen und es wird unkontrolliert viel Dopamin ausgeschüttet. Und diese vermehrte Dopaminfreisetzung direkt nach dem Konsum von Heroin, insbesondere im Nucleus Akumbens, wir erinnern uns, der Nucleus Akumbens, der Kerndreh- und Angelpunkt von Belohnung und Sucht, An genau der Stelle sorgt diese Dopaminfreisetzung für dieses extreme High oder auch diesen Flash, den viele Leute erleben, nachdem sie Heroin konsumieren. Das ist ein extrem euphorisches Gefühl, das eben so extrem süchtig macht, weil es im Grunde wie eingangs beschrieben sich anfühlt, als wärt ihr in eurem Leben nie glücklicher gewesen und nie mehr geschwebt. Leute beschreiben häufig, dass ihnen ganz warm ist und es ist alles so angenehm und schön und sie schweben. Und genau dieser Flash, dieses dopaminerge Signal ist essentiell für die sogenannte positive Verstärkung, also den Belohnungseffekt. Du hast Heroin konsumiert und ich belohne dich mit dem höchsten High, das du jemals empfunden hast, weil ich sehr viel Dopamin ausschütte, viel mehr Dopamin, als das Gehirn normalerweise ausschütten würde. Ich muss da gerade denken an deinen Satz vom Anfang dieser Folge.

Nimm den besten Orgasmus, den du jemals gehabt hast und multipliziere ihn mit tausend und du bist nicht mal nah dran. Ich nehme an, das hängt mit dem Dopamin zusammen. Garantiert. Deswegen ist es auch so riskant, an sich das zu konsumieren, weil in dem Moment, wo du das empfindest, dein Körper kann das ja nicht auf natürlicher Ebene erleben. Es ist unmöglich und es gibt ja gute Gründe, dass dein Körper das nicht auf natürlicher Ebene so erleben kann. Und was ich daran immer so schwierig finde und was mich auch abgehalten hat, ich habe Freunde von mir gesehen, die jetzt nicht Heroin konsumiert haben, aber auch andere Opioide und Aufputschmittel und halt in Summe synthetische Drogen. Und ich habe mir immer gedacht, ich möchte nicht, ich will dieses Glücksgefühl gar nicht empfinden, weil ich dann weiß, das war der glücklichste Moment meines Lebens, ist, weil mein Gehirn das ohne Drogen nicht reproduzieren kann.

Ja, kann ich verstehen. Ich hatte, den Gedanken hatte ich nie, aber ich hatte immer eine riesige Angst davor, dass ich ganz schnell abhängig werde. Und gerade bei Heroin, was ja so eine starke euphorisierende Wirkung hat, ist ja was, was ja auch... Also, ich kann verstehen, dass der Nucleus Akumbens schon nach einmaligem Konsum oder wenigen Konsum malen schreit, dass das weiterhaben will. Weil es ja wirklich so ein Hoch ist, dass halt sonst wirklich in keiner Art und Weise reproduziert werden kann. Und ich hatte damals halt schon so Angst, dass ich nach einem Mal schon da drin bin, dass ich mich nie an sowas herangetraut habe.

Der Grund dafür war, dass ich ein übelster Schisser war. Und im Nachhinein bin ich mir dafür sehr dankbar. Zusätzlich zu diesem stark belohnenden Effekt, also zu dieser positiven Verstärkung, von der ich gerade gesprochen habe, wirkt sich Heroin und auch andere Opioide aber auch auf Emotionen und Stressempfinden aus. Und man nennt es auch negatives Reinforcement, also negative Verstärkung, denn Heroin reduziert, also es pusht die Dopaminfreisetzung, aber es reduziert auch negative Emotionen und unterdrückt die Stressreaktion bei Abhängigen. Und das macht Heroin in dieser doppelten Wirkung so gefährlich, weil Opioide eben neben den GABA-Ergen auch die CRH-aktiven Neurone im Hypothalamus hemmt. Und diese Bereiche und Neurone sind elementar für eine Stressreaktion. Also in dem Moment, wo diese beiden Neurone blockiert werden, wird quasi die Stressreaktion unseres Gehirns gehemmt. Das heißt, wir empfinden weniger Unwohlsein, weniger Anspannung, weil der Körper weniger vom Stresshormon Cortisol ausschütten kann, weil diese Bereiche gehemmt werden. Das heißt, die sogenannte HPA-Achse, die für Stressreaktionen zuständig ist.

Wird quasi geschwächt oder gedämmt. Also gedämpft, diese Reaktion, diese Stressreaktion, Anspannungsreaktion wird gedämpft durch Heroin. Und in dem Moment...

Das heißt, im aktiven Drogenkonsum sind die subjektiven Stressreaktionen wesentlich leichter, wesentlich weniger. Es gibt nichts, was mich aus der Ruhe bringt. Ich bin total entspannt, weil meine HPA-Achse durch den Konsum von Heroin so abgedämpft ist und weniger Cortisol ausgeschüttet wird, fühle ich mich auch entspannter und es gibt nichts, was mich aus der Ruhe bringen kann. Und das Schlimme daran ist, dass die Entzugserscheinungen, die ich empfinde, wenn ich kein Heroin konsumiere, genau diese HPA-Achse stressen quasi. Also, was heißt stressen? Aber da wird dann quasi wieder eine normale Stressreaktion gezeigt, beziehungsweise durch Entzugserscheinungen ist diese Stressreaktion noch stärker ausgeprägt. Das heißt... Dass danach tatsächlich die HPA-Achse durch den Entzug überaktiv ist. Die Personen sind also noch stressempfindlicher als normale, nicht konsumierende Personen, was das Unwohlsein natürlich nochmal mehr verstärkt. Das heißt, die HPA-Achse, die eigentlich sonst, wenn man Heroin konsumiert, dafür sorgt, dass man besonders entspannt ist, ist, wenn man dann eben kein Heroin mehr nimmt, Und so empfindlich, dass man dann ganz viel Angst und ganz viel Stress empfindet.

Und ich nehme mal an, vielleicht nehme ich das jetzt vorweg, aber ich nehme mal an, dass das dann dazu führt, dass ganz viele Betroffene dann ganz schnell wieder zu Heroin greifen, weil es schwer aushaltbar ist, diese Menge an Stress und diese Intensität an Angst auszuhalten, oder? Ja, genau. Es gab tatsächlich eine FMRT-Studie mit 22 heroinabhängigen Patienten, die gezeigt hat, dass unter Heroin ihre neuronalen Verbindungen zwischen den frontalen Hirnregionen und der Amygdala, die wir erinnern uns zentral ist für Angst und Emotion, reduziert werden. Das heißt, es ist im Grunde eine Stressdämpfung und Patienten, die nur ein Placebo bekommen haben, hatten stark erhöhte Verbindungen und damit eine deutlich höhere Stresssensitivität als Menschen, die grundsätzlich gar kein Heroin konsumieren. Also man kann sich im Grunde vorstellen, deine HPA-Achse und deine Cortisolausschüttung und deine Reaktion auf Stress ist vollkommen normal. Du konsumierst das erste Mal Heroin und es wird extrem gedämpft. Es kann dich im Grunde nichts mehr aus der Ruhe bringen, es ist alles total sorglos.

Und in dem Moment, wo die Wirkung des Heroins nachlässt, ist es aber nicht wie vorher, dass du dich wieder so fühlst wie jemand, der noch nie konsumiert hat, sondern du bist viel stressempfindlicher und viel angespannter und viel überaktiver in deiner Stressempfindung und auch in deiner HPA-Achse übersensibel aufgrund des vorangegangenen Konsums, was im Grunde dazu führt, dass...

Ja, dass du dann wieder konsumierst, weil dieser Zustand schwer auszuhalten ist und das nennt man auch negatives Reinforcement, also negative Verstärkung, weil hier quasi nicht etwas gegeben wird, also ich bekomme kein extra Dopamin oder sowas, sondern die Stressachse, meine Stressachse wird weniger empfindlich, weniger reaktiv. Das heißt, mir wird quasi eine negative Empfindung weggenommen, was man negative Verstärkung nennt, weil es ist ja trotzdem ein positives Gefühl, weil ich etwas nicht mehr habe, das ich vorher hatte, das ich anstrengend finde. Ja, ich meine, es gibt zwar nichts hinzu, so von der Perspektive her, ich denke mir gerade, dass es ja schon so eine Art Erleichterung geben kann. Also ich meine Menschen, die vielleicht viel Angst verspüren oder generell sehr gestresst sind und also ich dachte jetzt gerade so an zum Beispiel starke Angstpatienten, wo es ja nachvollziehbar wäre, wenn die sagen, wenn ich Heroin nehme, dann verspüre ich so eine Erleichterung, weil auf einmal diese schreckliche Angst weg ist. Weißt du, was ich meine? Oder Menschen, die einfach halt, es muss ja gar kein Angstpatienten sein, einfach Menschen, die einfach da sehr arg unter Ängsten leiden, dass das ja bestimmt auch nochmal ein Risikofaktor sein könnte, wenn die dann irgendwie da sagen, ach, ich würde es mal ausprobieren, dass.

Die davon subjektiv ja total profitieren und es dann eben noch mehr dazu führt, dass es eben so wie so ein Rettungsanker wird. Auf jeden Fall. Einen weiteren Effekt, der Heroin hat, ist eine reduzierte Hirndurchblutung im anterioren, zingulären Kortex und im medialen, präfrontalen Kortex. Diese beiden Bereiche sind wichtig für Selbstkontrolle, für Entscheidungsfindung, für die eigene Fehlerüberwachung und für emotionale Regulation. Und eine reduzierte Durchblutung an diesen Stellen, die man sowohl nach Heroinkonsum als auch bei chronischer Abhängigkeit feststellen kann, sorgt für eine verminderte Impulskontrolle und schlechtere Emotionsregulation. Und auch das sorgt wiederum wieder dafür, dass die Wahrscheinlichkeit für Drogenkonsum sich erhöht, weil die Impulskontrolle zum Beispiel geschwächt ist. Das heißt, ich mache mir weniger Gedanken über die negativen Konsequenzen meines Verhaltens und entscheide aus dem Moment heraus. Und wenn ich meine Emotionen schlechter regulieren kann und ich sowieso schon Suchtdruck empfinde und meine Impulse nicht so gut kontrollieren kann, weil die Durchblutung in diesen Hirnbereichen vermindert ist.

Dann erleichtert es mir das quasi auf neuronaler Ebene, wieder zu Drogen zu greifen, weil es mir auch die Entscheidung dagegen rein neurologisch schon schwerer macht. Ein weiterer Bereich, der durch Heroin betroffen ist, ist die Amygdala. Ich glaube, es ist der Bereich des Gehirns, der in diesem Podcast mit Abstand am häufigsten thematisiert wurde. Und der präfrontale Kortex. Das stimmt, der präfrontale Kortex auch. Und in der Amygdala, zuständig für die Verarbeitung von Emotionen, insbesondere Angst und Stress, die reagiert auf Heroinkonsum mit einer verminderten Aktivität auf emotionale Reize. Das heißt, wir haben das vorhin in Bezug auf die HPA-Achse schon gehört. Wir haben niedrigere Kortisolspiegel, weniger Angstgefühl direkt im Zusammenhang mit Heroin. Aber langfristig, wenn ich das häufiger bekomme.

Kann es tatsächlich dazu führen, dass meine Amygdala dysreguliert ist, also nicht mehr im Gleichgewicht sich befindet. Was dazu führt und das unterstützt dieses Problem in unserer HPA-Stressachse noch, dass auch die Amygdala quasi sensibler wird und mehr Angst empfindet und sensibler ist für starke Emotionen wie Angst oder Stress. Auch das kann wieder dazu führen, dass im Gehirn eher ein subjektiv als noch unangenehmer wahrgenommener Zustand den nächsten Konsum von Heroin noch weiter unterstützt, weil ich mich eben nicht fühle wie vor dem Konsum, sondern viel sensibler, viel gestresster, viel ängstlicher. Und im Grunde sorgt das Gehirn an allen möglichen Stellen dafür, dass ich wieder konsumiere, weil ich Heroin schon mal konsumiert habe.

Und zuletzt der orbitofrontale Kortex, der ist verantwortlich für die Bewertung von Belohnung und Bestrafung, aber auch für Entscheidungsfindung und Impulskontrolle. Ihr könnt es euch vorstellen, bei Menschen mit Heroinabhängigkeit lässt sich tatsächlich weniger graue Substanz in diesem Bereich feststellen, was zusammenhängt mit einer schlechteren kognitiven Kontrolle und erhöhter Impulsivität. Zudem eine stärkere Aktivierung bei Drogenreizen. Und das wiederum sorgt dafür, dass diese Veränderungen in dem Hirnbereich zwanghafte Verhaltensweisen fördern. Also die Tatsache, dass ich mehr Probleme damit habe, mich immer wieder neu zu entscheiden, mehr Probleme damit habe, meine Impulse zu kontrollieren und, was ich total wichtig finde, zu verstehen, negative Konsequenzen, positive Konsequenzen, Belohnung, Bestrafung. Es macht es also auch auf der Ebene in unserem Gehirn noch schwerer, dem nächsten Konsum von Heroin zu widerstehen. Also ganz ehrlich, wenn man da so zuhört und das sich alles nochmal so geballt bewusst macht, also da möchte ich wirklich nur die Hände beim Kopf zusammenschlagen, weil ich mir denke, wenn man da drin ist.

Also wenn ich mir vorstelle, ich wäre da drin, wie soll ich da je wieder rauskommen? Mein Gehirn sabotiert mich ja am laufenden Band, sobald da Heroin im System drin war, beziehungsweise eine Heroinabhängigkeit entstanden ist, sabotiert mich mein Hirn ja am laufenden Band. Also das macht ja alles, selbst wenn ich was anderes möchte, macht mein Hirn ja alles, dass ich scheitere. Ich kenne es ja von Suchtpatienten, dass gerade Suchtbehandlungen in der Suchtklinik arbeiten, im 64er, das sind mit die frustrierendsten Behandlungsverläufe, weil es immer wieder Rückfälle gibt und weil, es den Menschen so unglaublich schwer fällt davon loszukommen und wenn man diese neurobiologischen Aspekte betrachtet, dann ist es so nachvollziehbar, warum die da nicht von weg kommen und.

Und gleichzeitig gibt es ja Menschen, die es schaffen, davon wegzukommen. Und ich muss sagen, dass ich das dann nochmal umso beeindruckender finde, wenn man es schafft, obwohl das Gehirn so gegen einen arbeitet, dann doch davon loszukommen. Auf jeden Fall. Crazy. Ich muss auch gestehen, dass ich bei der Recherche mir die ganze Zeit dachte, also Heroin würde ich im Leben nicht anfassen. Mit dem, was ich jetzt weiß, nochmal doppelt nicht quasi. Aber ich fand es auch sehr, sehr schockierend, weil mein Eindruck war, dass Heroin und die Auswirkungen von Heroin das Gehirn quasi doppelt umprogrammiert und quasi die Basis für Drogenkonsum schafft. Ja, ich meine, es gibt dir so ein Hoch, das du sonst nicht mehr kriegen kannst. Das heißt, dein Belohnungssystem ist totaler Fan schon mal. Der schreit die ganze Zeit, ich will mehr, ich will mehr, ich will mehr.

Dann deine HPA-Achse sagt, wir sind ganz entspannt, wenn wir Heroin nehmen. Und wenn du kein Heroin benutzt hast, du hast auf einmal so schreckliche Angst und so einen Stress erleben, das für dich ja teilweise sicherlich kaum aushaltbar ist, dann hast du die reduzierte Hirndurchblutung in deinem anterioren Zingulären Kortex und deinem medialen Präfrontalen Kortex. Kannst dich also weniger gut kontrollieren, kannst deine Fehler weniger gut überwachen und deine Emotionen weniger gut kontrollieren. Hast dann auch noch durch die geringere Existenz von grauer Substanz in deinem Hirn, was ja bei Abhängigen immer wieder vorkommt, im Orbitofrontalen Kortex, dann auch noch das Problem, dass du Belohnungen und Bestrafungen nicht mehr richtig einordnen kannst und deine Impulskontrolle nicht mehr kontrollieren kannst. Das heißt, dein Hirn macht ja wirklich alles, damit du nicht mehr davon loskommst.

Das ist crazy. Ich fand es auch sehr, sehr, sehr gruselig. Und ich glaube, wenn man es in einem Satz zusammenfassen kann, warum Heroin so gefährlich ist, dann, weil es auf der einen Seite ein intensives High erzeugt und auf der anderen Seite alles an Stress und negativen Emotionen ausblendet. Und ich glaube, besser kannst du dich eigentlich nicht fühlen, in Anführungszeichen. Und gleichzeitig kannst du dein Gehirn nicht intensiver stören stören. Es wird halt komplett umstrukturiert, so wirkt das für mich, wenn man das mal so platt formuliert. Das Hirn strukturiert sich um und richtet sich darauf aus. Und wie schwer muss es sein, darauf Einfluss zu nehmen, wenn das Hirn ja bei uns allen das ist, was unser Verhalten steuert? Auf jeden Fall. Ich würde vorschlagen, damit kommen wir zum zweiten Teil des Falls beziehungsweise zum zweiten Teil der Geschehnisse in Zusammenhang damit.

Es ist ein kühler Aprilmorgen in einer Stadt, die irgendwo zwischen Verfall und Gewohnheit liegt. Der Busbahnhof riecht nach kaltem Rauch und abgestandenem Kaffee. Die Taubenpicken zwischen leeren Spritzen und Zigaretten stummeln. Hier, an der sogenannten Platte, trifft sich jeden Tag dieselbe Gemeinschaft. Menschen, die in einem anderen Rhythmus leben. Einem, den man außerhalb nicht versteht. Wer hier steht, kennt die Gesichter. Und wer hierher gehört, kennt den Preis. Zwischen ihnen steht Paul, 33 Jahre alt, einer, den viele mögen. Ruhig, freundlich, jemand, der teilt, wenn er etwas hat. Er lebt in einer kleinen Wohnung im zweiten Stock eines alten Mietshauses in der Innenstadt. Die Tür schließt schlecht, die Couch hat mehr Gäste gesehen, als sie sollte. Manchmal wirkt die Wohnung fast wie eine Zuflucht für Menschen, die sonst nirgendwo hingehen können. Paul ist seit Jahren abhängig. Heroin, Methadon, manchmal Kokain. Sein Vater gibt ihm wöchentlich etwas Geld, damit er wenigstens etwas zu essen hat. Wohlwissend, dass ein Teil davon anders endet.

Paul versucht, seine Sucht zu kontrollieren. Er ist im Methadon-Programm. Manchmal schafft er es, pünktlich zu erscheinen. Ein schlechter Mensch ist er nicht. Nur einer, der in dieser Welt keinen Platz für sich gefunden hat. Als er und Ivan sich auf der Platte kennenlernen, könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Paul, zurückhaltend, still, zurückgezogen, einer, der keinen Streit sucht, der sich lieber bedeckt hält. Und Ivan, ein paar Jahre älter, aggressiver, lauter, einer, der auffällt, wo er hingeht. Das Gesicht eines Kämpfers, die Hände eines Arbeiters, das Leben eines Getriebenen. Doch in diesen Tagen, Anfang April 2019, verbindet die beiden mehr. Eine Zweckgemeinschaft. Sie kaufen gemeinsam Drogen, verkaufen kleine Portionen weiter, um sich ihren eigenen Konsum zu finanzieren. Tagsüber sitzen sie auf der Bank am Busbahnhof, teilen sich eine Zigarette, reden über das nächste Gramm. In dieser Welt ist das, was andere Freundschaft nennen, längst relativ geworden. Zeitweise wohnen die beiden sogar zusammen. Paul lässt Ivan in seiner Wohnung schlafen. Nicht aus Vertrauen, sondern aus Routine. Er hat schon viele kommen und gehen sehen, viele, die sagten, sie wollten aufhören, viele, die zurückkehren, wenn das Methadon nicht mehr reicht.

Ivan bringt Unruhe mit. Er redet laut, gestikuliert, will bestimmen. Paul lässt es geschehen. Er ist müde. Zu müde für Konflikte. Ein anderer Bekannter, Gregor, hat bis vor kurzem selbst auf Pauls Couch geschlafen. Jetzt ist sein Platz weg. Ivan ist eingezogen. Gregor ist wütend, fühlt sich verraten, ausgeschlossen. Später wird er sagen, das sei der Anfang vom Ende gewesen. Missgunst, Misstrauen, Stolz. Kleine Dinge, die in der Welt tödlich werden können.

Sucht ist kein lauter Zustand. Sie frisst sich leise durch jeden Tag. Alles dreht sich um drei Dinge. Stoff, Geld und Zeit. Und wer von diesen dreien zu wenig hat, wird vielleicht gefährlich. Für Außenstehende ist das schwer zu verstehen. Aber für Paul und Ivan ist es Alltag. Ihr Leben folgt in einem Rhythmus, der nichts mit Tagen oder Nächten zu tun hat. Aufwachen, suchen, konsumieren und schlafen. Dazwischen kurze Momente, in denen sie fast so wirken, als sei alles normal. Gespräche über alte Musik, über die Zeit, bevor alles schief ging. Manchmal hilft Paul anderen. Er gibt seinen Methadon ab und leiht ein paar Euro. Er lässt Leute in seiner Wohnung übernachten, wenn es draußen kalt ist. Am 5. April sieht man die beiden gemeinsam in der Stadt. Sie lachen, reden laut. Ivan filmt mit dem Handy ein paar Enten auf der Straße. Ein unscheinbarer Moment. Einer der letzten, den Zeugen beschreiben werden. Wenige Stunden später, am selben Tag, hören Nachbarn laute Stimmen aus Pauls Wohnung. Laute Flüche, dann wieder Stille. Niemand greift ein. In diesem Haus ist Streit nichts Ungewöhnliches.

Am nächsten Tag, am 6. April, sitzen Paul und Ivan wieder zusammen am Busbahnhof. Sie streiten über Geld, über Heroin, über das, was sie am Vortag gekauft haben. Paul hat das Geld verwaltet und Ivan glaubt, er wurde betrogen. 5 Gramm Heroin, vielleicht etwas Kokain. 70 Euro von Ivan, der Rest von Paul. Für die meisten wäre es belanglos, aber für die beiden suchterkrankten Männer ist es existenziell. Misstrauen ist wie Gift. Und wenn es einmal da ist, frisst es alles auf. Später an diesem Abend sieht ein Bekannter, wie die beiden in den Bus steigen. Sie fahren zur üblichen Haltestelle, steigen aus und gehen in Richtung von Pauls Wohnung. Der 7. April beginnt still. Pauls Wohnung ist unordentlich, der Vorhang halb zugezogen, die Luft dick vom Rauch. Beide Männer sind high, gereizt und unausgeschlafen. Schon kleine Bemerkungen reichen, um die Stimmung kippen zu lassen. Ein falscher Blick, ein falsches Wort. Die Erinnerung an den Streit vom Vortag hängt wie der Rauch im Raum. Am Mittag verlassen sie kurz das Haus, um neuen Stoff zu besorgen. Zeugen sehen sie am Busbahnhof, wieder laut, wieder gestikulierend. Es geht wohl wieder um das Heroin. Oder um Stolz, vielleicht um beides.

Als sie die Wohnung wieder betreten, geht die Diskussion von vorne los. Paul sitzt auf der Couch, Ivan auf dem Stuhl gegenüber. Zwischen ihnen steht der Rest eines benutzten Löffels, daneben eine halbvolle Spritze. Zuerst sind es Worte, kurz, scharf, unruhig. Dann werden die Stimmen lauter. Flüche, Anschuldigungen, Sätze, die immer wieder abbrechen. Die Nachbarn hören Geräusche, ein dumpfes Poltern, dann wieder Stille. Es ist der Beginn einer Eskalation, die keiner von ihnen aufhalten wird. Irgendwann steht Ivan auf, Paul auch. Beide reden durcheinander, bewegen sich durch den Raum. Was dann genau passiert, lässt sich später nur aus Spuren rekonstruieren. Aus Blutspritzern, Schuhabdrücken, verschobenen Möbeln. Es ist kein gezielter Angriff, kein geplanter Moment. Es ist ein Streit, der zu lange dauert, um die strapazierten Nerven zu behalten. Ivan schlägt zuerst. Paul versucht sich zu wehren, stößt ihn zurück, trifft ihn am Arm. Ein Glas fällt, zerschellt auf den Boden, dann ist wieder Stille. Für ein paar Sekunden.

Dann die nächste Bewegung, ihre Körper prallen aufeinander, Schläge, das dumpfe Geräusch, als ob jemand hinfällt. Auf dem Boden Blut. Zuerst wenig, dann immer mehr. Irgendwann greift Ivan nach einem Gegenstand, nach einer schweren Stehlampe aus Metall. Er hebt sie und schlägt zu. Mehrmals. Paul Feld versucht noch, die Arme schützend über den Kopf zu halten. Später werden die Ermittler an seinen Händen deutliche Abwehrverletzungen finden. Die Lampe trifft wieder, diesmal seitlich, dann von oben. Es gibt keinen klaren Ablauf, keine Pause. Nur Bewegung und Wut. Die Nachbarn hören Schläge, ein wiederkehrendes dumpfes Geräusch und dann nichts mehr. Paul liegt am Boden, er atmet flach. Sein Gesicht ist blutverschmiert, die Augen nur noch halb geöffnet. Ivan steht über ihm, er atmet schwer, er sagt etwas, das niemand außerhalb dieses Zimmers versteht. Dann greift er nach Kabelbindern und bindet Paul die Hände auf den Rücken. Warum lässt sich später nicht mehr feststellen? Kontrolle, Panik, vielleicht beides?

Paul ist kaum noch ansprechbar. Er murmelt nur noch leise, fleht um Hilfe. Ivan nimmt sein Handy und filmt ihn. Man hört seine Stimme, laut, fordernd und ungeduldig. Er verlangt Antworten, ein Geständnis. Aber Paul sagt nur, bitte, ich werde sterben. Aber Ivan antwortet, mir ist das egal. Nach einiger Zeit löst er die Fesseln, vielleicht weil er merkt, dass Paul nicht mehr reagiert. Vielleicht weil er glaubt, dass es vorbei ist. Er bleibt noch in der Wohnung, geht ins Bad, wäscht sich das Blut von den Händen. In der Wanne bleiben Spuren zurück, Wasser, rötlich verfärbt. Er wischt über die Fliesen, über den Tisch, über den Griff der Lampe. Dann nimmt er sie mit, zusammen mit den Kabelbindern. Als er die Wohnung verlässt, zieht er die Tür nicht zu. Es ist nach Mitternacht, die Straße draußen still. Er geht durch den Flur, hinunter auf die Straße, die Gegenstände noch in der Hand. Zwei Häuser weiter wirft er die Lampe in eine Mülltonne. Dann verschwindet er. In der Wohnung bleibt alles, wie es ist. Der Teppich ist dunkel, klebrig. Die Luft steht still. Niemand geht hinein.

Ich finde es so krass. Wir haben jetzt ja gerade, bevor du jetzt diesen Teil des Falls vorgelesen hast, haben wir ja schon gesagt, dass das Gehirn sich ja so verändert und dass es ja so schwer ist, da wieder rauszukommen. Und ich kann mir gut vorstellen, dass auch im Fall von Ivan und Paul diese hirnstrukturellen Veränderungen auch schon stattgefunden haben. Ich meine, die waren ja beide schon jahrelang abhängig. Und ich finde es aber so krass, welche Auswirkungen das annimmt, weil ich meine, wie viel muss passieren, damit es so weit fortgeschritten ist? Wir haben ja darüber geredet, was alles passieren muss.

Aber einfach so, ich finde es so krass, dass es so weit gehen kann, dass man sich ja eigentlich aus so Misstrauen im Grunde, also weil ich meine, es war ja, so wie ich das verstanden habe, es gab immer wieder Streit wegen der Drogen, wegen dem Geld. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es vielleicht auch zwischendurch mal für die beiden zu wenig Drogen gab, dass sie nicht genug Geld hatten für genug und dass da immer wieder so Spannungsmomente aufgekommen sind, so Stressmomente zwischendurch, so diese Episoden, wo man nichts hat. Und dass daraus einfach entstehen kann, dass man sich gegenseitig zu Tode prügelt und wenn der eine sagt, ich sterbe und Ivan einfach antwortet, es ist mir egal. Dieses Level an Gleichgültigkeit. Dieses Abstumpfen. Ja, dieses Abstumpfen, gleichgültig sein, dass wirklich der gesamte Fokus wie so ein Tunnel ist. Dass das ganze Leben halt wirklich so von diesen Drogen so beherrscht wird, dass sogar solche Dinge wie der gewaltsame Tod eines Menschen, mit dem ich viel Zeit verbracht habe und den ich vielleicht als Freund angesehen habe.

Dass selbst der mich nicht mehr berührt, weil ich komplett nur fokussiert darauf bin, wann kriege ich den nächsten Schuss. Ja, oder in dem Fall, dass mich jemand betrogen hat, vermeintlich um mein Geld für Drogen oder um meinen Anteil an den Drogen. Ja, was ja im Allgemeinen, es geht ja die ganze Zeit um die Frage, wie kriege ich mehr? Wann kriege ich mehr?

Und wie ich es verstanden habe, ist ja der Streit da so darüber entstanden.

Ja, fehlendes Geld, fehlende Drogen, Fragezeichen, wurde ich betrogen, hat er sich mir in den Weg gestellt, dass ich an meine Drogen komme, wenn du es runterbrichst und das ist so krass. Ich fand es auch extrem schockierend. Ich muss dazu sagen, ich habe den Fall auf einer Website gefunden, die quasi Mitschriften macht von tatsächlich einfach von vor Gericht verhandelten Fällen. Ich habe die Namen angepasst. Ich habe genau deswegen auch die Städte so explizit nicht beschrieben, weil dieser Fall natürlich genau so passiert ist und das vor Gericht so verhandelt wurde und es mich so schockiert hat, als ich es gelesen habe. Wie sich das quasi entwickelt hat und auch diese Chronifizierung vom Drogenkonsum bei Ivan. Das fand ich sehr, sehr krass. Und auch die Tatsache, wie früh er angefangen hat. Und wir haben ja vorhin über die Auswirkungen von Opioidkonsum im Gehirn gesprochen. Und im Zuge dessen habe ich mir die Frage gestellt, weil er so früh angefangen hat, macht es einen Unterschied, wenn Menschen sehr früh anfangen, so heftige Drogen zu konsumieren. Und tatsächlich haben wir ja.

Vorhin schon über die Veränderungen im Gehirn gesprochen an sich durch Drogenkonsum, was im Gehirn eigentlich passiert. Aber es gibt tatsächlich Studien, die zeigen, dass früher Drogenkonsum, also schon im Jugendalter, tatsächlich das Gehirn noch während des Aufbaus umprogrammiert und verändert. Es wird von vornherein dabei gestört, graue und weiße Substanz, also Nervenzellen und Leitungsbahnen im Gehirn aufzubauen. Insbesondere in dem Belohnungssystem, also im Nucleus Accumbens und im ventralen Striatum, das eben für Belohnung und Motivation zuständig ist. Im präfrontalen Kortex, wir erinnern uns, Impulskontrolle und Entscheidungsfähigkeit und im Hippocampus. Und bildgebende Studien zeigen tatsächlich frühe Alterungserscheinungen im Gehirn. Also es gibt zum Beispiel amyloid-ähnliche Ablagerungen im Gehirn. Das sieht man normalerweise sonst bei einer bestimmten Form von Demenz. Eine weitere Auswirkung, gerade bei Jugendlichen, die schon anfangen mit Heroin, ist, dass das Belohnungszentrum ja in der Pubertät noch besonders sensibel ist und vor allem noch nicht vollständig ausgereift.

Und dass ein früher Substanzkonsum dieses Belohnungszentrum so umprogrammieren kann, dass alltägliche Belohnungen weniger Wirkung zeigen. Also kennt ihr vielleicht von euch in der Pubertät, soziale Anerkennung, Erfolg war was, was als belohnend wahrgenommen wurde. Das zeigt bei Menschen, die eben sehr früh Heroin konsumieren, weniger Wirkung. Und dass starke Reize eben dann Heroin, Drogen übermäßig ansprechen, also übermäßig Wirkung zeigen.

Dadurch entsteht dann eben schon bei jungen Menschen eine erhöhte Suchtanfälligkeit, weil das Gehirn schon da immer stärkere Reize braucht, um die gleiche Belohnung quasi zu empfinden. Zudem kann ein früher Konsum die Reifung des präfrontalen Kortex hemmen. Ich habe das vorhin ja schon erwähnt, der präfrontale Kortex ist beispielsweise zuständig für Impulskontrolle, Selbstkontrolle oder auch Planung und er entwickelt sich noch bis ins junge Erwachsenenalter. Also das ist tatsächlich einer der elementarsten, in Anführungszeichen elementarsten, alle Bereiche des Gehirns sind sehr wichtig, aber der präfrontale Cortex ist sehr wichtig, um Entscheidungen zu treffen und das eigene Verhalten zu kontrollieren. Und die Reifung dieses Bereichs kann gehemmt werden durch frühen Drogenkonsum, was dazu führt, dass Menschen eine schlechtere Impulskontrolle haben oder sich risikoreicher verhalten und eine größere Problematik damit haben, zu gefährlichen oder auch dummen Dingen, muss man ja ehrlich sagen, Nein zu sagen. Es gab zum Beispiel die Imagen-Studie, die gezeigt hat, dass eine geringe präfrontale Aktivität und ein unteraktives Belohnungssystem, was du gerade ja schon angesprochen hast, also quasi ein unprogrammiertes Belohnungssystem, das auf die falschen Dinge anspringt oder auf normal alltägliche Dinge nicht so gut anspringt.

Prädiktoren für spätere Suchterkrankungen sind. Was auch, finde ich, aus einer logischen Perspektive sehr nachvollziehbar ist, wenn ich schlechter darin bin, meine Impulse zu kontrollieren, risikobereiter bin und ja im Grunde nicht so sehr über die Konsequenzen nachdenke und gleichzeitig mein Belohnungssystem auf sowas wie soziale Bestätigung und Erfolgserlebnisse oder halt auch auf andere Dinge wie Sex oder Essen oder Sport nicht so intensiv reagiert, dass ich natürlich auch gerne dieses intensive Gefühl haben möchte. Und wenn ich das dann einmal habe und ich empfinde das durch den Konsum von Drogen und empfinde ein Gefühl, das ich sonst so nie empfinde, weil mein Belohnungssystem unteraktiv ist, also ich empfinde es von vornherein anders als die durchschnittliche Person, dann finde ich es aus einer logischen Perspektive auch nachvollziehbar, dass man dann sagt, das will ich nochmal. Also rein auf einer neurologischen Ebene ist diese Perspektive, Diese Entscheidungskette und dieser Kreislauf, der dann anfängt, sich zu drehen, absolut nachvollziehbar, wenn auch extrem gefährlich. Zusammengefasst kann man sagen, dass Menschen, die schon in ihrer Pubertät oder im frühen Erwachsenenalter beginnen.

Drogen zu konsumieren, im spezifischen Heroin zum Beispiel zu konsumieren, dass diese Menschen ein erhöhtes Risiko für eine generell negative Suchtentwicklung haben und eher häufiger zu Rückfällen neigen. Dass ihr Gedächtnis durch den Drogenkonsum beeinträchtigt wird, wie auch Aufmerksamkeit und generelle Lernfähigkeit.

Ihr könnt es euch schon denken, dadurch, dass dann schon in der Pubertät solche Dinge wie die Reifung des präfrontalen Cortex gehemmt wird oder das Belohnungszentrum sich umprogrammiert, dass dadurch diese strukturellen Hirnveränderungen einfach auch bleibend sind, also später nicht mehr reversibel gemacht werden können. Ja. Das, könnt ihr euch wahrscheinlich denken, ist umso schlimmer, je früher und je intensiver konsumiert wird. Und diejenigen schlauen Füchse von euch, die jetzt sagen, ja naja, also wenn in einer Studie gefunden wurde, dass Jugendliche, die früh angefangen haben, stärkere Drogen zu konsumieren, dazu zählt übrigens, im Grunde muss man sagen, alle Drogen, also dazu zählt auch Alkohol und Nikotin und Cannabis. Aber natürlich ist sowas wie Heroin oder Kokain mit einer höher potenzierten Wirkung noch, also wirkt sich noch stärker aus. Diejenigen von euch, die jetzt sagen, ja, aber nur weil die in den Studien dann eine veränderte Hirnchemie haben, kann ja sein, dass das von den Drogen kommt oder kann ja sein, dass sie das schon vorher hatten. Es gab tatsächlich zu beiden Aspekten Studien. Also eine groß angelegte NIH-Studie mit knapp 10.000 Jugendlichen hat gezeigt, dass diejenigen, die vor dem 15. Lebensjahr mit Alkohol, Nikotin oder auch Cannabis begannen, signifikante Unterschiede im Belohnungsnetzwerk zum Beispiel aufwiesen.

Und sie hat gezeigt, dass ein Teil dieser Unterschiede bereits vor dem Konsum bestanden. Das heißt, wir haben im Grunde kein Henne-Ei-Problem, sondern wir haben einfach einen Faktor, der da heißt.

Ein unteraktives Belohnungssystem und ein unteraktiver, in Anführungszeichen, präfrontaler Kortex, was das Thema Nein-Sagen und Impulskontrolle angeht, ist auf der einen Seite ein Risikofaktor, bevor jemand jemals überhaupt konsumiert hat, der die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass jemand konsumiert und ist aber auch ein Resultat von Konsum. Wenn ich konsumiere, verändert sich das Belohnungssystem und der präfrontale Kortex potenziell in diese Richtung. Das heißt, es besteht tatsächlich dieses Risiko aus beiden Richtungen. Sowohl als Ursache als auch als Auswirkung. Jetzt haben wir ganz viel darüber gesprochen, wie Heroin wirkt und wo das so im Hirn so ansetzt. Vorhin haben wir jetzt aber auch Methadon erwähnt, was ja oft als Substitution für schwer abhängige, heroinabhängige Menschen genutzt wird.

Methadon wirkt bei der Behandlung von Opiat- oder auch Opioidabhängigkeit auf zwei verschiedene Arten. Zum einen erzeugt es als synthetischer Opioid-Agonist morphinartige Effekte, bedeutet hat ähnliche Effekte eben für die betroffenen Menschen dann wie Heroin und unterdrückt damit Entzugssymptome bei süchtigen Menschen. Zweitens kann die langfristige orale Anwendung von Methadonen, das ist dann aber abhängig von Dosis und Substitutionsdauer, eine Toleranz bewirken, die dann die subjektiv euphorisierende Wirkung von injizierten Opiaten, wie zum Beispiel Heroin durch Spritze, blockiert. Für diejenigen von euch, die sich fragen, ja, interessant, aber wie genau entsteht eigentlich eine Toleranz? Das ist eine Frage, die wir nach dem Fall beantworten.

Drei Tage lang bleibt die Tür halb offen, bis Pauls Vater nach seinem Sohn sieht. In der Wohnung ist es still. Nur das Summen des Kühlschranks und das Tropfen eines Wasserhahns sind zu hören. Der Boden klebt, die Luft ist süßlich schwer und auf dem Couchtisch findet er Reste von Stoff, Spritzen und Filter. Auf dem Boden liegt eine einzelne Sandale, die zweite steht draußen im Flur. Paul selbst liegt mit einem Handtuch um den Kopf gewickelt neben seinem Bett. Seine Hände sind frei, sein Körper übersät mit Verletzungen. Mehrere Rippen sind gebrochen und am Schädel zeigen sich deutliche Einwirkungen. Die gerufenen Ermittler sichern sofort die Spuren. Blut, DNA, Fingerabdrücke, Wischspuren. Alles wirkt, als hätte jemand versucht zu reinigen, aber nicht mit Sorgfalt, sondern in Eile. Sie sichern Blutspuren auf verschiedenen Höhen, verteilt über drei Räume. Abdrücke von Händen, Schuhen, Kabelbindern, ein Bewegungsmuster, das zeigt, Paul hat sich gewehrt. Aber irgendwann hatte er keine Kraft mehr.

Währenddessen streift Ivan durch die Stadt. Am Morgen nach der Auseinandersetzung taucht er in der Gastkirche auf, eine Anlaufstelle für Bedürftige. Er spricht mit einem Pfarrer, redet von einem Streit, von Drogen, von Schuld. Der Pfarrer erinnert sich später. Er wirkte erschöpft, verwirrt. Ich hatte das Gefühl, er wollte reden, aber er konnte nicht. Seine Hände sind verletzt, seine Augen gerötet. Zeugen beschreiben ihn als fahrig, zitternd und leer. In den folgenden Tagen spricht er mit Bekannten, wechselt die Kleidung, erfindet Erklärungen. Seine Jacke sei gestohlen worden, sagt er. Dann sagt er, er habe Scheiße gebaut. Manchmal weint er. Meistens ist er still. Als Ivan schließlich festgenommen wird, ist er ruhig. Keine Gegenwehr, kein Fluchtversuch. Er sitzt fast erschöpft auf der Rückbank des Streifenwagens.

Es wirkt, als habe er nichts mehr zu erwarten. In den Ermittlungsakten wird später stehen, Täter und Opfer gehörten derselben Subkultur an. Der Anlass war geringfügig, das Ausmaß der Gewalt unverhältnismäßig. Aber das ist nur die Sprache des Rechts. Dahinter steht etwas anderes. Die Geschichte zweier Männer, die beide am Rand standen. Der eine auf der Suche nach Ruhe, der andere nach Kontrolle. Und am Ende bleibt nichts, was für irgendjemanden der Außenstehenden wirklich Sinn ergibt.

In Ivans Jacke finden die Beamten ein Handy, darauf zwei Videos. Die Dateien tragen Zeitstempel. 7. April, kurz nach Mitternacht. Als die Ermittler die Aufnahmen abspielen, herrscht Stille im Raum. Man hört Stimmen, eine fordernde, laute, die andere leise und gebrochen. Paul ist kaum noch verständlich. Ivan schreit ihn an. Es geht um Geld, um Drogen und um Verrat. Dann Stille. Die Aufnahme bricht ab, für die Polizei ist schnell klar, das war kein Unfall und auch kein Übergriff im Affekt, sondern eine Eskalation, die sich über Stunden entwickelte. Eine Probe von Ivans Blut auf dem Revier zeigt Methadon, Kokain, Oxazepam. Ein gefährlicher Cocktail, den man dem chronisch Abhängigen gar nicht anmerkt. Im Verlauf der Ermittlungen entsteht ein Bild, das komplexer ist, als es zunächst erscheint. Ivan ist kein Fremder, kein Eindringling. Er ist Teil derselben Szene, Teil desselben Kreises, in dem Paul sich bewegte.

Ein psychiatrisches Gutachten soll klären, was in Ivan in jener Nacht vorging. Die forensische Sachverständige, eine erfahrene Psychiaterin, spricht mit ihm. Sie beschreibt ihn als intelligent, aber emotional verflacht. Einer, der weiß, was richtig und falsch ist, aber nicht mehr fühlt, warum.

Sie analysiert seinen Konsum Heroin, Methadon, Kokain, intravenös und mehrfach täglich. Am Tattag habe er, so sagt Ivan selbst, nichts anderes genommen als sonst. Sein Körper ist daran gewöhnt, aber seine Psyche nicht mehr. Die Gutachterin beschreibt ihn als chronisch polytoxokomanabhängig. Ein Mann, der seit Jahren versucht, sich selbst zu betäuben und in dieser Betäubung mittlerweile funktioniert. Auch sieht sie in ihm eine dissoziale Persönlichkeit. Cholerisch, reizbar, mit niedriger Frustrationsgrenze. Aggressiv, aber nicht impulsiv, enthemmt, aber zielgerichtet. Er weiß, was er tut. Er weiß, was richtig und falsch ist. Er handelt zwar in Wut, aber bewusst. Die Sachverständige sagt, er war enthemmt, aber nicht außer Kontrolle. Seine Steuerungsfähigkeit war eingeschränkt, aber nicht aufgehoben. Sie beschreibt ihn als einen Mann, der gelernt hat, Wut zu benutzen, um Macht zu fühlen. Nicht, weil er sie will, sondern weil er sonst nichts mehr spürt. Das Gericht folgt dieser Einschätzung. Ivan ist schuldfähig. Seine Tat sei nicht das Ergebnis eines psychischen Ausnahmezustands, sondern das einer jahrelangen Entwicklung. Eines Lebens, in dem Gewalt zur Sprache wird, wenn Worte nicht reichen.

Die Ermittler rekonstruieren minutiös, was in dieser Nacht passiert sein muss. Ein Video zeigt, dass Paul noch lebte, als Ivan ihn filmt. Dass er sprach, dass er flehte und Ivan um sein Leben bat. Dass Ivan ihn zwang, etwas zuzugeben, was womöglich nie geschehen war. Die forensischen Spuren beweisen, dass er danach noch gehandelt hat, Spuren verwischt, die Lampe entsorgt, sich gewaschen. All das spricht gegen einen Effekt für Kontrolle. Im Gerichtssaal sitzt Ivan ruhig, als das Urteil verlesen wird. Er trägt einfache Kleidung, die Hände auf dem Tisch, die Augen gesenkt. Er sagt wenig. Wenn er spricht, dann leise, stockend. Er gibt die Tat zu. Nicht im Detail, aber im Prinzip. Wir haben uns gestritten, sagt er. Ich war wütend, ich wollte, dass er die Wahrheit sagt. Er zeigt keine sichtbare Reue. Es ist, als sei da nichts mehr, was er noch fühlen kann. Der Staatsanwalt spricht von brutaler Selbstjustiz, von einem lang andauernden, quälenden Gewaltausbruch. Die Verteidigung betont den jahrelangen Drogenkonsum, die soziale Verwahrlosung, die Enthemmung durch Betäubungsmittel. Doch am Ende bleibt da das Gewicht der Tat.

Das Gericht kommt zu dem Schluss, dass Ivan wusste, was er tat. Er hat nicht aus Panik gehandelt, sondern aus Wut. Er war nicht schuldunfähig. Er war, so das Urteil, ein Mensch, der sich entschieden hat. Zwölf Jahre Freiheitsstrafe. Keine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Keine Therapie. Die Prognose sei ohnehin schlecht. Zu viele erfolglose Versuche, zu viele Rückfälle, zu viel Gewalt. Die Sachverständige nennt ihn einen Menschen mit hohem Rückfallrisiko und geringer Beziehungsfähigkeit. Als die Verhandlung endet, sagt Ivan nichts. Er steht auf, nickt kurz und lässt sich abführen. Sein Gesicht bleibt leer und für ihn ist das, was folgt, nur eine weitere Haftzeit.

Ja, ich denke mir gerade, was soll man dazu doch sagen? Ich finde das, den ganzen Fall fand ich so erschreckend, weil ich finde, dass er so beispiellos zeigt, wie dieser Kreislauf aus Konsum und Kriminalität und Entzug laufen kann. Wie schnell sich dieser Kreis quasi drehen kann. Du musst überlegen, der hat Anfang der 2000er die ersten Verurteilungen gehabt, die ersten Entzugskuren gemacht, 19 Jahre lang. Und das ist, ich glaube irgendwie, dass viele Leute denken, dass Heroin etwas ist, das man konsumiert und dann stirbt man entweder innerhalb von fünf Jahren oder man wird clean. Und ich fand, das war einfach eine Geschichte, ein Fall und quasi eine Situation, die zeigt, wie, wie sehr Drogenkonsum einen Menschen verändern können und auch in seinem Affekt, in seiner Wahrnehmung, in seiner Person verändern können, sowohl neurologisch, weil er so extrem abgeflacht war. Er hat vor Gericht keinerlei Emotionen gezeigt, keinen wirklichen Bezug. Er hat auch selber gesagt, er fühlt nichts. Es gibt nichts. Er empfindet nichts.

Und diese Geschwindigkeit und das Ausmaß, was das annehmen kann, fand ich einfach sehr bezeichnend und gleichzeitig sehr schockierend. Ja, auf jeden Fall. Was ich extrem auffällig fand, war ja auch in der Urteilsverkündung, dass es quasi keine Rolle gespielt hat, dass er Drogen konsumiert hat und auch Drogen im Blut hatte bei der Tat und auch danach und davor. Die Verteidigung hat das ja als Argument benutzt zu sagen, er war halt intoxikiert. Und es hieß ja dann, dass das nicht zählt, weil er im Grunde, weil davon auszugehen ist, dass er schon eine so enorme Toleranz entwickelt hat, dass das nicht mehr als Grund quasi zählt. Weil man davon ausgehen kann, dass der Effekt nicht mehr so stark ist. Also in der Einschränkung quasi. Ja, ich hätte mich auch gewundert, wenn es jetzt gehießen hätte, wegen Drogeneinfluss schuldunfähig, weil ich meine.

Er hat ja über die Zeit auf jeden Fall, also ich würde es mal behaupten, das hast du deinem Fall jetzt nicht gesagt, aber ich würde mal behaupten, der war eigentlich durchgehend auf irgendeine Art von Droge oder Alkohol. Und ich meine, dem Fall hast du ja auch gesagt, man hat es ihm nicht angemerkt, obwohl er ja zum Tatzeitpunkt wohl sehr intoxikiert war. Ja. Und da könnte man jetzt ja denken als Backbox-Hörer, okay, er war intoxikiert, warum ist denn ja keine Schuldunfähigkeit? Und genau da setzen wir jetzt an, denn wir erklären euch jetzt, wie Toleranz entsteht und warum das dann im Endeffekt in diesem Fall wahrscheinlich dazu geführt hat, dass die Person eben nicht schuldunfähig gesprochen wurde.

Toleranzbildung bedeutet, dass nicht nur bei Heroin, sondern auch bei anderen Drogen, aber in diesem Fall, dass Heroin mit der Zeit seine Wirkung verliert. Das heißt, die Dosis muss erhöht werden, teilweise, ich habe in unterschiedlicher Literatur gelesen, bis zum Zehnfachen, bis zum Fünfzigfachen, um überhaupt noch diesen Effekt, der durch die Droge ausgelöst wird, zu erreichen. Und es gibt ein Grundprinzip, da wird aktuell noch dran geforscht, welche Möglichkeiten es gibt für Toleranzbildung. Aber die Arbeitsgruppe rund um Professor Stefan Schulz vom Universitätsklinikum Jena hat sich quasi mit molekularen Mechanismen der Toleranzentwicklung bei Opioiden auseinandergesetzt. Und deren These oder das, was sie herausgefunden haben, ist, dass die Zellen, also wir haben vorhin ja gehört, dass Heroin die Opioidrezeptoren aktiviert auf der Nervenzelle und die Toleranzbildung liegt darin begründet, dass die Zelle einen Schutzmechanismus vor Dauerreizung entwickelt. Das heißt, sie reduziert die Empfindlichkeit ihrer eigenen Opioid-Rezeptoren, um den Körper vor diesem Dauerbrennen quasi zu schützen. Und das tut die Zelle, indem die Enzyme...

Also indem Enzyme Phosphatgruppen an die inneren Bereiche des Rezeptors binden. Das heißt, der Rezeptor wird quasi in die Zelle aufgenommen, internalisiert und dann deaktiviert, was bedeutet, dass die Signalübertragung schwächer wird und der Körper weniger stark auf Heroin reagiert. Man kann also zusammenfassend sagen, dass der Körper durch die Veränderung quasi, durch die Verminderung der Reaktivität der Zelle sich selbst davor schützt, dass diese Signalübertragung so stark bleibt und dadurch quasi die Zellen so überreizt werden, um den Körper davor zu schützen. Und diese Arbeitsgruppe und auch andere Arbeitsgruppen arbeiten daran, um noch besser herauszufinden, wie sie beispielsweise Medikamente weniger suchterzeugend machen können. Jetzt haben wir im Fall auch gehört, dass Ivan Polytox abhängig war. Das bedeutet also, dass er mehrere Drogen konsumiert hat, immer wieder Mischkonsum betrieben hat. Und da wollten wir uns auch nochmal angucken, was sind denn die Folgen von der Kombination von mehreren Drogen?

Es kommt sehr häufig vor, dass eine Mehrfachabhängigkeit besteht, vor allem in Kombination mit Kokain. Das sind über 70 Prozent der Betroffenen. Und natürlich gibt es auch eine psychiatrische Komorbidität bei Suchterkrankungen. Das bedeutet, die Wahrscheinlichkeit, dass mit der Suchterkrankung auch noch andere psychische Erkrankungen auftreten, die liegt bei über 50 Prozent. Heißt, die meisten der Suchtbetroffenen haben nicht nur eine Suchterkrankung, sondern auch andere psychische Erkrankungen und nehmen nicht nur Heroin, sondern auch andere Drogen, also betreiben diesen Mischkonsum. Was ich noch ganz interessant fand zum Thema Kombination, nur um ein Gefühl dafür zu bekommen, was Ivan und auch Paul da eigentlich konsumiert haben, ist, wir haben uns das ja vorhin angeschaut, die Rede war nicht nur von Heroin, sondern auch von Benzodiazepin und auch von Kokain. Und ich habe mir das einmal ganz kurz zusammengefasst angeschaut.

Einmal die Kombination von Heroin und Benzodiazepin, die sehr gefährlich ist, weil beide Stoffe die Atmung dämpfen. Das heißt, in der Kombination ist ein Risiko für Atemstillstand sehr hoch, selbst in kleinen Dosen, weil der Körper, man kann sagen, vergisst zu atmen. Die zweite Kombination, von der die Rede war, waren Heroin und Kokain. Du hast vorhin gesagt, die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der Heroin konsumiert, auch Kokain konsumiert, liegt bei 70 Prozent. Das nennt man übrigens umgangssprachlich auch Speedball, weil diese Kombination einen kurzzeitigen, sehr intensiven Rausch auslöst durch die gegensätzliche Wirkung. Weil Heroin im Grunde beruhigt und ja so ein bisschen Angst löst und euphorisch macht und Kokain ja aber extrem aufputscht und Leute sehr euphorisch sein lässt. Und diese Kombination ist extrem belastend fürs Herz. Ich glaube, das kann man sich vorstellen, weil...

Weil das Herz auf der einen Seite sehr geputscht wird und auf der anderen Seite beruhigt wird quasi. Also diese Atemdepression, diese Verlangsamung des Herzschlags und gleichzeitig ein Hochputschen. Genau. Das hört sich schrecklich stressig für diesen Muskel an. Ja und auch für den ganzen Körper, zumal das Kokain schneller nachlässt. Und wenn das Kokain nachlässt, wirkt das Heroin stärker, als wenn man Heroin einzeln konsumiert. Deswegen ist in der Kombination eine Überdosierung sehr häufig. Und alle drei zusammen, denn das hatten wir ja, dass Ivan selbst gesagt hat, er hat Heroin, Benzodiazepine und Kokain konsumiert. Und alles, was ich dazu gefunden habe, ist, dass es eine komplett unkontrollierbare Wirkung ist. Also es ist immens schwer vorherzusagen, was das mit dem Körper macht, weil das gesamte Herz-Kreislauf-System und die Atmung gleichzeitig unterdrückt und gefordert werden. Es hat also ein sehr, sehr hohes Risiko für Bewusstlosigkeit, für Atemstillstand, für Herzversagen und Tod. Und selbst sogenannte erfahrene Konsumenten, also Menschen, die schon sehr, sehr lange drogenabhängig sind, sterben an solchen Mischungen, weil es einfach so schwer vorhersehbar ist, was damit passieren wird. Logischerweise. Also wenn man hört, wie die alle drei wirken, dann...

Es ist ja vollkommen logisch, dass das zusammen ein sehr tödlicher Cocktail ist. Ja, also die Kombination im Gehirn kann ich mir irgendwie nur sehr schwer vorstellen, was da alles passiert. Jetzt haben wir uns aber ja auch Kokain und Benzodiazepine zum Beispiel noch gar nicht angeschaut. Wenn ihr gerne möchtet, dass wir eine Folge dazu machen, dann schreibt uns super gerne bei Instagram. Und ansonsten würde ich sagen, war das eine sehr intensive Folge zum Thema Heroin und die Folgen dessen im Gehirn. Und damit beenden wir die heutige Folge über das Thema Heroin im Gehirn. Seid lieb zueinander. Nehmt keine Drogen. Nehmt keine Drogen. Denkt an euer Gehirn. Und an euer Herz. Und wir sagen Tschüss. Das war Blackbox. Eine Produktion von Auf die Ohren. Konzept und Redaktion Maxi Bels und Barbara Focke Projektleitung und Vermarktung, Schnitt und Sounddesign Milan Fay Ja, ja.