Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt du schon von den Schmerzen, die in mir sind? Und was weiß ich von deinen? Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest du von mir mehr als von der Hölle, wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich? Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich stehen, wie vor dem Eingang zur Hölle. Franz Kafka, Brief an Oskar Pollack, 8. November 1903 Willkommen bei Blackbox, der Psychologie-Podcast, der dich mitnimmt in die Tiefen der menschlichen Psyche. Ich bin Maxi. Und ich bin Babsi. Als studierte Psychologin schauen wir uns an, warum Menschen fühlen, denken und handeln, in Extremen wie im Alltag. Dabei verbinden wir Psychologie mit echten Geschichten direkt aus dem Leben. Von Beziehungen über Verbrechen.
Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Blackbox. In der heutigen Folge sprechen wir über Depressionen und ehrlicherweise bin ich heute mal wieder besonders, kann man sagen, glücklich darüber, dass wir diesen Podcast erweitert haben in Richtung Psychologie. Denn sonst könnten wir heute in dieser Form gar nicht darüber sprechen und uns ist es schon lange ein Anliegen, über Depressionen einmal richtig zu sprechen und aus psychologischem Kontext darüber zu sprechen, weil es einfach so ein riesiges Thema ist.
Ich glaube nicht, dass es die letzte Folge dazu sein wird. Schreibt uns sehr, sehr gerne direkt in die Kommentare, zum Beispiel bei Spotify oder schreibt uns bei Instagram, welche Fragen ihr zu dem Thema habt, weil ich würde wirklich gerne mehr als eine Folge dazu machen und dabei natürlich gerne darauf eingehen, was ihr besonders spannend findet. Ich habe das Gefühl, das ist ein bisschen ähnlich zu der Folge über Sexualität in Beziehungen, wo man über alles Mögliche sprechen könnte Und man muss sich aber auf irgendwas fokussieren und über irgendwas im Detail ja sprechen. Also haben wir uns für heute die Dinge rausgenommen, wo wir dachten, das ist das Wichtigste, auf jeden Fall darüber zu sprechen. Das ist wichtig, dass es auf jeden Fall hier Raum findet. Und auf der anderen Seite natürlich auch, ihr kennt uns, wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien, die uns besonders interessiert haben in dem Bereich. Die Fragen, über die wir heute sprechen, sind erstmal natürlich, was sind Depressionen und wie viele Menschen sind davon betroffen? Wir sprechen darüber, wie Depressionen entstehen und welche Behandlungsmöglichkeiten es bei Depressionen gibt.
Ihr habt bestimmt schon mal davon gehört, dass Depressionen auch chronifizieren können. Wie passiert sowas? Auch darüber werden wir sprechen. Und wir werden auch erklären, warum Menschen mit Depressionen sich oft nicht selbst helfen können, obwohl sie ganz genau wissen, was ihnen guttun würde.
Außerdem klären wir die Frage, wie unterscheidet man Depressionen von anderen psychischen Erkrankungen und welche Werkzeuge langfristig helfen und warum sie bei jedem anders sind. Denn vielleicht erinnert ihr euch, bei anderen Erkrankungen ist es ähnlich. Nicht jede Therapie, nicht jedes Medikament, nicht jeder Behandlungsansatz greift bei jeder Person gleich.
Wir klären die Frage, ob funktionelle Depression ein Mythos ist. Vielleicht habt ihr davon schon in den sozialen Medien gehört. Ganz im Sinne von Blackbox, ich denke gerade ja an deine Appelle gegen Ende, Babsi, klären wir natürlich auch, was man tun kann, wenn man jemandem nahesteht, der depressiv ist und wie ihr da im besten Fall helfen könnt. Depressionen sind nach den Diagnosekriterien des ICD-10 eine Liste unterschiedlicher, oder besteht aus einer Liste unterschiedlicher depressiver Symptome. Die Symptomatik von Depressionen teilt sich dabei in Hauptsymptome und in Nebensymptome. Die Hauptsymptome sind anhaltende Traurigkeit oder gedrückte Stimmung, Verlust von Interessen oder Freude und Müdigkeit oder geringe Energie. Und mindestens eins dieser Symptome muss an den meisten Tagen über die meiste Zeit über mindestens zwei Wochen hinweg bestehen. Und wenn eines dieser drei Symptome auftritt oder vielleicht sogar mehr als eins, dann guckt man sich noch die Sekundärsymptomatik quasi an oder die Nebensymptome. Dazu gehören zum Beispiel gestörter Schlaf, Konzentrationsschwäche oder Unentschlossenheit, ein geringes Selbstvertrauen, schlechter oder gesteigerter Appetit, Selbstmordgedanken oder sogar Handlungen, Unruhe oder Verlangsamung der Bewegungen oder auch Schuldgefühle oder Selbstvorwürfe.
Anders als bei anderen Erkrankungen ist es hier nicht so, dass man nur sagt Depression ja oder nein, je nachdem, ob diese Symptomatik vorliegt, sondern die Intensität der Symptomatik beziehungsweise die Häufigkeit oder Menge der Symptome bestimmt gleichzeitig mit den Grad der Depression.
Wenn man weniger als vier Symptome hat, gilt man als nicht depressiv. Bei vier Symptomen liegt eine leichte Depression vor. Bei fünf bis sechs Symptomen sprechen wir von einer mittelschweren Depression. Von einer schweren Depression sprechen wir bei Menschen, die mehr als sieben Symptome erleben. Und auch diese Symptome sollten mindestens einen Monat lang vorhanden sein. Und jedes Symptom sollte dabei fast jeden Tag vorhanden sein. Natürlich haben wir uns auch angeschaut, wie verbreitet Depressionen gerade in Deutschland sind. Depressionen ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen. Laut dem Gesundheitsatlas Deutschland des Wissenschaftlichen Instituts der AOK waren im Jahr 2022 9,49 Millionen Menschen von ärztlich dokumentierten Depressionen betroffen. Das heißt, die Prävalenz der Erkrankung, also die Häufigkeit des Auftretens, lag bei 12,5 Prozent und ist in den letzten fünf Jahren kontinuierlich gestiegen. Zum Vergleich, 2017 lag es bei 11,8 Prozent. Und hier dann nochmal ein Vergleich, das ist nämlich wirklich viel. Wenn wir zum Beispiel über Schizophrenie hier sprechen würden, dann würde die Prävalenz bei ungefähr einem Prozent liegen. Also dass ihr so einen kleinen Vergleich bekommt, wie viel häufiger Depressionen auftreten als jetzt zum Beispiel eine Schizophrenie.
In den letzten Jahren, gerade in den Pandemiejahren, wurde ein besonders starker Anstieg bei jüngeren Menschen festgestellt, im Alter von 10 bis 24 Jahren und bei Menschen ab 65 Jahren. Es gibt natürlich auch regionale Unterschiede, gerade in Deutschland. Das Saarland führt da mit 14,2 Prozent, hat dieses Gebiet die höchste Depressionsrate und Sachsen hat mit 11,1 Prozent die niedrigste. Da würde mich jetzt natürlich mal interessieren, warum kann man das irgendwie an irgendwelchen Ursachen festmachen? Aber das ist vielleicht was für eine andere Diskussion, eine andere Folge, eine andere Zeitpunkt. Ich habe es mich auch gefragt und habe direkt geguckt, wie unser Bundesland abschneidet. Wir sind ja in Baden-Württemberg, Maxi und ich. Ja. Und wir sind tatsächlich, ich glaube, Platz 5 oder Platz 6. Okay. Was die Rate angeht. Also so gut stehen wir nicht da. Aber vorderes Mittelfeld, würde ich sagen. Nee, ich meinte schon häufig. Also häufig ist Platz 1, am häufigsten ist Platz 1. Ach so. Wir sind Platz fünf bis sechs. Okay, dann in der Häufigkeit der Depression vorderes Mittelfeld. Ja. Na gut.
Das bringt jetzt irgendwie den Enthusiasmus, ich merke das schon. Ja, naja, aber ich will ja trotzdem wissen, woran es liegt. Ich würde vorschlagen, damit kommen wir, wie ihr wisst, es ist eine Psychologiefolge, kommen wir zur ersten Case-Study. Ich habe heute drei Case-Studies mitgebracht. Und die Tatsache, dass ich das getan habe, basiert auf einem meiner eigenen inneren Appelle an diese Folge, weil Maxi und ich uns fest vorgenommen haben und als Ziel gesetzt haben, in dieser Folge Depressionen von möglichst vielen Perspektiven zu zeigen, weil es eine Krankheit ist, die so viele Gesichter hat, dass es eigentlich trotz der vergleichsweise eindeutigen Symptomatik gar nicht so einfach ist, sowohl für Externe, sage ich mal, als auch für Betroffene immer eindeutig zu erklären, wie das eigentlich ist, wenn man Depressionen hat. Ich möchte an dieser Stelle noch eine Triggerwarnung aussprechen. Depressionen gehören zu den psychischen Erkrankungen mit der höchsten Sterblichkeitswahrscheinlichkeit aufgrund der Symptomatik dieser Erkrankung. Und deswegen geht es nicht in jedem, aber in den Study Cases unter anderem auch um Suizid und Suizidversuche.
Als Luke an diesem Morgen den Gruppenraum für die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie betritt, sieht man ihm seine Geschichte nicht an. 34 Jahre alt, seit fast neun Jahren im Promotionsstudium, erfolgreich nach außen und innerlich erschöpft. Er beschreibt sich selbst so. Seit der Highschool ist er fast durchgehend angespannt. Seit dem späten Jugendalter gab es drei depressive Episoden, jede schwerer und länger als die vorherige, meistens ausgelöst durch Lebensübergänge. Seine aktuelle Episode beginnt vor einem Jahr, als sein Betreuer ihn in die Pflicht nimmt, wieder regelmäßig in die verabredeten Meetings zu kommen. Für Luke ist das der Punkt, an dem all seine alten Überzeugungen aufflammen, nicht gut genug zu sein, Erwartungen zu enttäuschen und Chancen zu verspielen. Er hat schon vieles versucht, mehrere Antidepressiva und verschiedene Psychotherapien, darunter eine kognitive Verhaltenstherapie nach dem College. Damals half sie ihm, positiver zu denken, doch jetzt sagt er, ich kann nicht mehr verhindern, dass ich ins Negative abrutsche.
Auf Zertralin, einem Psychopharmaka, fühlt er sich flach und gefühllos. Bupropion zeigt praktisch keine Wirkung, Duluxetin lindert zwar etwas die depressive Symptomatik, hinterlässt ihn aber mit massiver Müdigkeit. Parallel dazu schläft er schlecht, liegt nachts wach und grübelt über all das nach, was er hätte lesen oder schreiben sollen. Früher war Basketball sein wichtigster Ausgleich. Doch eine alte Knöchelverletzung flammt wieder auf. Erst Schmerz der Fuß beim Spielen, dann beim Laufen, schließlich selbst beim Gehen. Damit verliert er eine der wenigen Quellen für Energie und Freude. Er zieht sich von Freunden und seiner Freundin zurück, verliert Lust, Interesse, Energie, nimmt zu und fühlt sich gleichzeitig leer. Er sagt nicht, dass er sich das Leben nehmen will, Aber manchmal wünscht er sich, er würde einfach an einer schweren Krankheit sterben oder verschwinden. Trotz seiner Erfolge ist er überzeugt, sein Potenzial zu verschenken. Die Schmerzen im Knöchel, der Druck mit seiner Dissertation, die angespannte Beziehung zu seinem Betreuer, all das verschmilzt zu einem Gefühl tiefer Hoffnungslosigkeit.
Nach mehreren erfolglosen Medikamentenversuchen wird er schließlich in eine Gruppe für achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie überwiesen.
In der ersten Sitzung wirkt Luke fast übermotiviert, höflich, angespannt, bemüht, alles richtig zu machen. Er sagt, er freue sich, endlich wieder etwas Positives zu tun, um sich besser zu fühlen. Die Gruppenleiter greifen das auf und erklären, dass es in dieser Therapie nicht darum geht, Gedanken zu reparieren oder sie positiv zu machen, sondern darum, die Beziehungen zu ihnen zu verändern. Das irritiert Luke, weil positives Denken bislang seine Hauptstrategie war. Die Gruppe macht eine Übung mit einer chinesischen Fingerfalle. Je stärker man zieht, desto fester zieht sie zu. Die Lösung besteht darin, den Widerstand loszulassen. Die Metapher trifft Luke, weil sie das Gegenteil seiner bisherigen Strategie beschreibt. Kämpfen, kontrollieren, gegen die Depression angehen. Beunruhigt fragt er, was wenn ich für immer stecken bleibe? Die Leiter erklären den Unterschied zwischen Akzeptanz und Resignation. Akzeptanz heißt nicht aufzugeben, sondern aufzuhören, sich an inneren Zuständen wundzukämpfen. In der nächsten Sitzung wird die Formel eingeführt, Leiden gleich Schmerz mal Widerstand. Schmerz, körperlich oder emotional, ist nicht immer vermeidbar, aber der Widerstand dagegen vervielfacht das Leiden.
Luke erkennt sich darin wieder. Er hat versucht, die Depression mit Vermeidung und Ablenkung zu umgehen und sich damit immer wieder von allem abgeschnitten, was ihm gut tat. In Übungen, in denen angenehme Erfahrungen und Körperempfindungen beschrieben werden, merkt er, wie viel Ärger er auf seinen eigenen Körper richtet, insbesondere auf seinen verletzten Knöchel. In der Gruppe wird ein Bild angeboten. Ein verletzter Körper ist nicht der Feind, sondern eher wie ein kleiner Welpe. Unkoordiniert, verletzlich, aber nicht bösartig. Zum ersten Mal empfindet Luke ein Stück Selbstmitgefühl, statt nur Wut auf sich selbst. In der dritten Sitzung lernen die Teilnehmenden die Metapher vom schwarzen Hund, so bezeichnete Winston Churchill seine Depression. Die Gruppe spricht darüber, wie man auf diesen Hund reagieren kann, mit Angst, mit Flucht, mit Aggression oder mit vorsichtiger Neugier. Für Luke wird deutlich, dass seine Depression vielleicht nicht nur Bedrohung ist, sondern auch ein Signal dafür, dass in seinem Leben etwas nicht stimmt, zum Beispiel die unklare und für ihn belastende Beziehung zu seinem Betreuer.
Später in der Therapie folgt das Frankenstein-Experiment. Ein Gruppenmitglied spielt das Monster, die Depression, das sich bedrohlich nähert. Der andere ist das Opfer. Luke probiert verschiedene Reaktionen aus. Erstarrung, Ausweichen, Gegenangriff und schließlich die Variante, das Monster am Arm zu nehmen und damit in eine gewählte Richtung zu gehen. Diese letzte Form, nicht gegen die Depression, sondern mit ihr in Bewegung zu kommen, öffnet ihm eine neue Perspektive. Er muss die Depression nicht besiegen, um handeln zu können.
Eine weitere Übung, Your mind is not your friend, verunsichert ihn zunächst. Die Idee, dass er seinem eigenen Verstand nicht immer trauen kann, fühlt sich bedrohlich an. In der Diskussion merkt er jedoch, wie häufig seine Gedanken ihn in unlösbare Grübeleien hineinziehen. Er sagt schließlich, dass er vielleicht nicht auf jeden Köder seines Kopfes reagieren müsste. Ein entscheidender Moment entsteht in einer kurzen Meditation, bei der die Aufmerksamkeit auf den Atem und auftauchende Gedanken gerichtet wird. Immer wieder stellt er sich innerlich die Frage, was denkt Luke gerade?
In dieser Übung bemerkt er, dass ein Teil von ihm die Gedanken einfach beobachten kann, ohne automatisch in sie hineinzurutschen. Er beschreibt später, dass er zum ersten Mal das Gefühl hatte, Gedanken zu haben, statt das zu sein, was sie über ihn sagen. In weiteren Sitzungen geht es auch um Erwartungen. Die Gruppe spricht über die Formel Selbstwert gleich Leistung geteilt durch Erwartung. Luke erkennt, wie überhöht seine Erwartungen an sich selbst sind und wie schnell sein Selbstwert in den Keller fällt, sobald er diese Maßstäbe nicht erfüllt. Er lernt, hohe Lebensziele von täglichen Erwartungen zu unterscheiden. Es ist in Ordnung, große Ziele zu haben, aber sie müssen nicht jeden Tag der Maßstab sein. Schritt für Schritt beginnt er, kleine, realistische Handlungen umzusetzen. Konkrete, überschaubare Etappen für seine Dissertation planen, medizinische Schritte bezüglich seines Knöchels einleiten, das Gespräch mit seinem Betreuer suchen, weniger unterwürfig und klarer in seinen Bedürfnissen.
Vorsichtig nimmt er Aktivitäten wieder auf, die ihm früher Freude gemacht haben, ohne von sich selbst zu verlangen, dass sich sofort Glück einstellt. Am Ende der Gruppentherapie wird sein Depressionsschweregrad erneut erfasst. Und er liegt überraschend nahe am Normalbereich. Die Depression ist nicht weg, aber ihre Macht, sein Leben komplett zu bestimmen, ist deutlich geringer geworden. Luke hat nicht gelernt, nur noch positiv zu denken, sondern etwas ganz anderes. Seine Depression wahrzunehmen, ohne mit ihr zu verschmelzen und trotz ihrer Anwesenheit wieder Schritte in Richtung seines Lebens zu gehen.
Aus der Case Study Mindfulness-Based Cognitive Therapy for Treatment-Resistant Depression von Walter E. B. Saib und Stuart J. Eisenberg. Ich musste an mehreren Stellen bei deiner Case Study lächeln, obwohl es natürlich eine Geschichte ist. Obwohl es ja eigentlich ein bisschen schon, es ist eine Happy End Geschichte. Ich meine, Luke hat es ja in der Case Study geschafft, quasi Frieden mit seiner Depression zu schließen. Und ich musste mehrmals lächeln, weil ich ganz viel von dem, was du berichtet hast, irgendwie wiedererkannt oder wiedergefunden habe. So von der eigenen Psychotherapie mit meinen Patienten. Und gerade als du den schwarzen Hund erwähnt hast, habe ich mich hier, für euch zur Info, wir sitzen ja immer hier zu Hause und haben hier unser Setup aufgebaut. Und ich sitze immer genau neben meinem Bücherregal, wo all meine Therapiematerialien drin sind.
Und während du den schwarzen Hund, als du den schwarzen Hund erwähnt hast, habe ich einmal um die Ecke gegriffen und habe ein kleines A5-großes Buch rausgeholt. Das heißt Mein schwarzer Hund von Matthew Johnstone. Also der Untertitel ist, wie ich meine Depression an die Leine legte. Und da geht es genau darum, dass der Autor berichtet, wie er seine Depression als riesigen schwarzen Hund wahrgenommen hat, der immer bei ihm war und irgendwann quasi Besitz von ihm genommen hat und wie er halt gelernt hat, mit diesem Hund an der Leine dann irgendwann durch sein Leben zu gehen. Und manchmal ist der Hund größer, manchmal ist der Hund kleiner und wenn an den Tagen, wo der Hund größer ist, da muss er dann freundlich zu dem Hund sein, damit er am nächsten Tag wieder ein bisschen weiter weg sein kann, so quasi. Und das ist ein Buch, was ich ganz oft meinen Patienten auch in der Therapie mitgebe. Und auch die chinesische Fingerfalle habe ich hier irgendwo rumliegen, weil das so ein gutes Beispiel ist, so zum Selbstspüren, wie anstrengend so ein Widerstand sein kann. Manchmal machen wir in der Therapie auch so, dass wir ein Seil nehmen und daran ziehen lassen und ich die Patienten so lange ziehen lasse, bis die Finger so ein bisschen wehtun. Und es dann darum geht, ja warum lässt du denn nicht einfach los, wenn es wehtut? So in dem Sinne. Also deswegen musste ich an sehr vielen Stellen sehr lächeln.
Weil das tatsächlich sehr viele Inhalte sind, die ich auch kenne und die ich auch in der Therapie anwende. Und die ich auch sehr effektiv finde. Also ich benutze es sehr gerne. Es macht die Dinge so viel greifbarer. Ja, es sind halt Dinge, wo du richtig was mit machen kannst. So oft ist es so abstrakt. Weil man sie vom Innen ins Außen bringt und in etwas, dass man greifen kann und anfassen kann. Ja, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Tatsächlich ist die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie, ich fand das wahnsinnig spannend, weil was der Klassiker ist, ist so kognitive Verhaltenstherapie. Aber das Thema Achtsamkeit damit reinzubringen, ist ein Ansatz, den man tatsächlich in dem Ausmaß, wie er da gelebt wird oder auch umgesetzt wird, in erster Linie bei chronifizierten Depressionen verwendet. Und quasi nicht im Akutfall.
Zumindest nicht, wenn die Depression erstmalig und akut auftritt. Aber ich fand das unglaublich spannend, weil ich finde, dass diese Case Study zeigt, wie mächtig wir selbst eigentlich mit uns selbst sein können. Also wie mächtig unser Bewusstsein ist. Und das ist ja im Grunde genau das. Im Grunde ist diese Case Study ja eine Case Study über das Bewusstsein und das sich Bewusstwerden. Ja, ja. Ich bin riesen Fan von achtsamkeitsbasierten Therapien. Ich habe das Gefühl, da gibt es in den letzten Jahren immer mehr in dem Bereich und immer mehr für verschiedene Ansätze. Und ich...
Ich muss sagen, so sehr ich selbst manchmal Schwierigkeiten habe, in die Achtsamkeit zu kommen, umso mehr bin ich ein Fan davon, das in der Therapie anzuwenden, weil es einfach wirklich total wirksam ist. Ich muss gestehen, dass Achtsamkeit für mich auch etwas ist, was mir sehr schwerfällt.
Aber dass ich über diese Büchereihe Achtsam Morden, habe ich da irgendwie einen totalen Zugang bekommen zu diesem Thema. und ehrlicherweise höre ich manchmal das Hörbuch wie so eine Achtsamkeitsübung. Und ein Satz aus diesem Hörbuch ist tatsächlich für mich so ein Mantra geworden, das richtig oft in meinem Kopf hochploppt. Und zwar, ich muss nicht tun, was ich nicht tun will. Und das hatte für mich, als ich mir das angehört habe, so eine befreiende Wirkung. Und es war mir vorher gar nicht so bewusst. Also natürlich war mir bewusst, dass ich die Dinge nicht tun muss, die ich nicht tun will. Aber irgendwie hat mich der Satz nochmal anders gecatcht. Und jetzt höre ich das zum Beispiel richtig oft für das Thema Achtsamkeit, obwohl es natürlich ein sehr humorvolles Buch bzw. Eine sehr humorvolle Bücherei ist. Ja, obwohl da ja auch echte Achtsamkeitsübungen drin sind und wie er sie benutzt, ist es ja auch, das kann man übertragen. Mir ging es auch so, es gibt eine Szene, da sieht er irgendwie eine Explosion, der Protagonist. Und dann sitzt er da und auf seinem Bett und sagt sich einfach, okay, das ist gerade passiert. So radikale Akzeptanz mäßig. Und das ist was, was ich für mich noch mitgenommen habe. So wenn irgendwas ist, was mich irgendwie nervt. Hier, Stau. Leute, wenn ich im Stau stehe. Ich bin jetzt nicht so der Lulu zu sagen, dass es immer funktioniert.
Aber ich versuche es jedes Mal. Manchmal klappt es, manchmal eher nicht. Aber ich denke dann daran. Also ich finde das Achtsam-Morden mega und ich habe auch Achtsam-Morden schon an Patienten weitergegeben und empfohlen. Jetzt haben wir ganz viel über die erste Case Study gesprochen und auch über das ganze Thema Achtsamkeit, dass dort ja ein sehr relevantes, ein sehr wichtiges Thema gewesen ist. Aber wir haben ja zuvor schon gesagt, dass wir uns auch anschauen wollen, wie Depressionen eigentlich entstehen. Also wo kommt das eigentlich her? Und ich weiß, dass es eine Generation gibt, beispielsweise die Nachkriegsgeneration. Ich glaube, von niemandem habe ich häufiger gehört. Ja, Depressionen, also das ist ja, traurig waren wir damals auch. Und wenn überhaupt dieser Satz mal kam. Aber ansonsten ist das alles ja auch ein Hirngespinst und das ist ja auch alles Quatsch.
Depressionen haben ja nicht nur eine, sondern viele unterschiedliche mögliche Ursachen. Das heißt, sie entstehen mal wieder multifaktoriell bedingt. Es gibt allerdings auslösende Faktoren, die nicht immer, aber manchmal einer Depression quasi so den Anschubs geben. Also die im Grunde diese ganze Problematik oder Symptomatik, besser gesagt, auslösen. Und die häufigsten Faktoren sind ganz klassisch Trennungen, Scheidungen oder der Tod einer nahestehenden Person. Also Situationen, in denen Trauer absolut angemessen ist und in denen man aber über die Zeit hinweg dann sieht, dass die Trauer nicht besser wird, sondern sich in etwas verwandelt, das Depressionen sind. Ein anderer Trigger kann sein Arbeitslosigkeit oder auch hoher Leistungs- und Erwartungsdruck im Leben einer Person, soziale Isolation, natürlich chronisch-körperliche Krankheiten, hormonelle Veränderungen wie zum Beispiel Schwangerschaft, das Wochenbett oder auch die Wechseljahre und Medikamente.
Wie schon gesagt, nicht jeder Mensch entwickelt nach solchen Ereignissen eine Depression und nicht alle Menschen mit Depressionen haben einen solchen Triggerpunkt, also so einen auslösenden Faktor, aber es ist doch relativ häufig. Der Unterschied, warum Menschen da unterschiedlich drauf reagieren und dass nicht jedes Ereignis bei jedem Menschen die gleiche Wirkung hat, also in Richtung Depressionen, ist abhängig von genetischer Veranlagung, von der Persönlichkeit, Resilienz, damit ist gemeint die psychische Widerstandskraft, die Vulnerabilität, also die Anfälligkeit für eben depressive Erkrankungen, die auch bei jedem multifaktoriell bedingt ist.
Familiäre Rahmenbedingungen, gesellschaftliche Einflüsse und Arbeits- und Umweltbedingungen. Du hast ja gerade schon gesagt, Arbeitslosigkeit kann ein auslösender Faktor sein. So in dem Sinne können Arbeits- und Umweltbedingungen da natürlich mit zusammenhängen und mitbedingen, ob jemand erkrankt oder nicht. Die belastenden Ereignisse wirken bei Menschen, die dann von Depressionen betroffen sind, wie der Tropfen, der das fast zum Überlaufen bringt. Und das ist auch ein Problem. Aber nur dann, wenn zuvor schon eine, wir nennen es eben Vulnerabilität bestanden hat, bestehend aus eben diesen verschiedenen Faktoren, die ich gerade genannt habe. Man kann diese Faktoren quasi in zwei Unterkategorien teilen, wenn man so möchte. Das eine sind biologische Faktoren und das andere psychologische Faktoren oder psychosoziale Faktoren, um wirklich alle mit aufzunehmen. Zu den biologischen Faktoren gehört, wie du gerade schon gesagt hast, zum Beispiel genetische Veranlagung. Laut Studien haben Kinder depressiver Eltern zum Beispiel ein Risiko von 10 bis 15 Prozent selbst zu erkranken.
Tatsächlich sind im Rahmen der genetischen Prädisposition ziemlich viele Gene beteiligt. Man befindet sich aktuell immer noch in der Erforschung der Depressionsgene quasi, denn es gibt kein einzelnes Depressionsgen, das quasi vorhersagt, ob jemand erkranken wird oder nicht. Was natürlich auch eine Rolle spielt, ihr könnt es euch schon denken, die fleißigen Neurofolgen-Hörer von uns haben bestimmt an das Stresshormon Cortisol gedacht. Auch das spielt eine Rolle ebenso wie eine Veränderung der Hirnbotenstoffe, zum Beispiel Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Für den Fall, dass ihr eine Neuro-Folge zum Thema Depressionen haben wollt, schreibt uns gerne mal bei Instagram zum Beispiel oder schreibt es direkt in die Spotify-Kommentare, wenn ihr die Folge über Spotify hört. Und dann machen wir eine Folge dazu, welche Veränderungen man im Gehirn bei Depressionen zum Beispiel sehen kann. Ich äußere an dieser Stelle schon mal meinen Wunsch nach einer Neuro-Depressions-Folge. Ich schreibe dich auf die Liste.
Gene beeinflussen an dieser Stelle, wie gut jemand mit Belastung umgehen kann. Das heißt, das Gen bestimmt quasi nicht, ob man erkrankt, aber es kann zum Beispiel mit darauf Einfluss haben, wie jemand Stress verarbeitet oder auch wie sensibel jemand auf Stress oder auf belastende Umweltfaktoren reagiert. Die psychosozialen Faktoren hast du eigentlich gerade alle schon genannt. Belastende Lebensereignisse, Stress, Mangel an positiven Erlebnissen, emotionale Faktoren wie Trauer. Es gibt also sehr, sehr viele unterschiedliche potenzielle Auslöser einer Depression und es ist bis heute noch nicht hundertprozentig erforscht. Wie genau diese Depression entsteht. Das heißt, dadurch, dass es so viele unterschiedliche Faktoren gibt, die sich alle gegenseitig bedingen können und von denen manche auf unserer Seite noch gar nicht komplett erforscht sind, ist es extrem schwer, genau vorherzusagen oder zu bestimmen, wie Depressionen entstehen. Alles, was wir wissen, ist, dass diese Faktoren eine Rolle spielen können, aber nicht müssen. Denn es gibt auch Menschen, die ohne erkennbaren Auslöser einfach von heute auf morgen quasi an einer Depression erkranken. Jetzt haben wir ja in unserem Fall heute gehört von Luke, der wiederkehrende depressive Episoden hatte und es aber ja so schien, dass gegen Ende er Frieden mit seiner Depression geschlossen hat. Wir drücken die Daumen, dass es auch dann so geblieben ist.
Leider ist es nicht so, dass jede depressive Erkrankung mit so einem Happy End wie in unserem Fall endet, denn es gibt auch chronifizierte Depressionen. Das bedeutet, dass Menschen, die an Depressionen erkranken, tatsächlich nach mehreren Jahren, Jahrzehnten einfach immer noch in dieser Depression feststecken und ja, ich würde sagen, teilweise in manchen Kontexten auch als therapieresistent angesehen werden, weil egal was versucht wird, die Depression einfach nicht kleiner zu werden scheint.
Normalerweise ist es wie bei Luke episodisch, aber bei 15 bis 25 Prozent der Erkrankten kommt es zu einer solchen Chronifizierung. Eine chronische Depression bedeutet in dem Sinne, dass das depressive Syndrom über einen, wie gesagt, sehr langen Zeitraum besteht. Ungeachtet der Frage, ob da Behandlungen stattfanden. Ich habe ja gerade schon gesagt, das ist der Fall, wenn nach vielen Jahrzehnten, vielen Jahren von verschiedenen Behandlungen die Depression immer noch nicht kleiner zu werden scheint. In der Medizin wurde dieser Zeitraum, ab wann es als chronisch bezeichnet wird, mit zwei Jahren definiert, was ich ehrlich gesagt ein bisschen knapp finde. Also in meinem Empfinden, wenn ich jetzt Patienten habe, die seit zwei Jahren in einer Depression stecken, kommt jetzt in meinem Kopf noch nicht direkt was Chronisches. Aber wenn wir jetzt ganz klar bei diesen Definitionen bleiben, dann sind das zwei Jahre. Jetzt habe ich ja gerade gesagt, in manchen Kontexten werden diese Menschen als therapieresistent bezeichnet. Therapieresistent bedeutet da nicht unbehandelbare Depressionen, sondern eine auf Standardtherapieverfahren nicht unmittelbar ansprechende Depressionen. Da gibt es eine ganz große Diskussion darüber, was Therapieresistenz denn eigentlich bedeutet und wie es so genutzt wird.
Denn Therapieresistenz per Definition besteht dann, wenn zwei pharmakologische Behandlungsversuche von Alkohol, der entsprechenden Dauer, solange wie es eben normalerweise empfohlen wird und in der entsprechenden Dosis erfolglos bleiben. Und als wir das gelesen haben, beziehungsweise als ich das gelesen habe und wir ja darüber gesprochen haben, war ich und Babsi hat es mir mit der gleichen Empörung berichtet.
Sehr geschockt darüber, dass Therapieresistenz per Definition nur auf der pharmakologischen Behandlungsebene basiert, Weil es ja nachgewiesen ist, dass Psychotherapie und eben andere Verfahren, wie du jetzt gerade in dem Fall hattest, die achtsamkeitsbasierte Behandlung, dass das eine totale Wirksamkeit hat. Und deswegen finde ich es echt kritisch, dass Therapieresistenz schon dann gilt, wenn zwei Medikamente nicht angeschlagen haben. Also es ist halt einfach nicht alles immer nur Medikation. Es ist tatsächlich eine der häufigsten oder eine sehr verbreitete Definition davon, weil auch bei dem Thema Therapieresistenz ist man sich noch nicht einig bei der Depression, was denn das eigentlich hundertprozentig heißt. Das ist eben, wie gesagt, diese sehr verbreitete Definition ist die, von der ich dir erzählt habe. Was an der Stelle aber auch ganz spannend ist, was uns bei den Recherchen aufgefallen ist, ist, dass das Thema Therapieresistenz viel diskutiert wird, weil es relativ wenig Qualitätskontrollen gibt und geben kann, Was zum Beispiel die Frage angeht, ob die Patientinnen und Patienten, die...
Die Dosis zum Beispiel bei pharmakologischer Therapie tatsächlich so regelmäßig einnehmen und ob sie genau die Dosis nehmen, die verordnet worden ist oder ob sie zu wenig nehmen oder zu viel. Das gleiche gilt für Psychotherapie. Natürlich tun Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen ihr Bestes, aber in jedem Berufsstand gibt es Leute, die ihren Job besser und Leute, die ihren Job schlechter machen, wie eben auch bei Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen. Und an der Stelle ist es extrem schwer zu sagen, ob jemand wirklich therapieresistent ist oder ob er einfach noch nie die Therapie bekommen hat, in der Form, wie man sie hätte durchführen müssen. Also ob sich überall seitens des Patienten und auch seitens der Behandler an die Standards gehalten wurde. Und natürlich ist es auch schwer zu sagen, dass jemand therapieresistent ist, weil es so viele unterschiedliche Schulen gibt.
Die sich quasi mit der Behandlung von Depressionen beschäftigen und Depressionen so vielseitig ist, dass es auch einfach sein kann, dass jemand die richtige Behandlung für sich selbst einfach noch nicht gefunden hat. Du hast gerade schon angesprochen, dass es ja auch auf Patientenseite sein kann. Ich denke gerade auch daran, dass es ja auch Momente gibt, wo Menschen zwar in Therapie gehen, aber vielleicht noch nicht bereit sind, dass es vielleicht Widerstände gibt, die zu dem Zeitpunkt vielleicht noch so wichtig sind, dass sie noch nicht abgelegt werden können. Und dann kann es ja vielleicht sein, dass zu dem Zeitpunkt, wo die Person Hilfe sucht, sie vielleicht noch nicht bereit ist, ihre Widerstände loszulassen, was in dem Moment dazu führt, dass die Depression nicht behandelt werden kann, was aber nicht heißt, dass sie grundsätzlich nicht behandelbar ist, sondern vielleicht einfach zu diesem Zeitpunkt, das noch nicht an der Zeit ist, so in dem Sinne. Weißt du, was ich meine? Ja.
Von daher kann man auf die Frage, wie geschieht eine Chronifizierung, im Grunde antworten, es ist multifaktoriell bedingt. So wie alles. Es kommt darauf an, um es einmal kurz zusammenzufassen, welche Therapien hat jemand schon durchgeführt? Sind die ordentlich, in Anführungszeichen, fachgemäß durchgeführt worden? War die Person mental offen dafür? Gab es, und hier wollen wir nicht jemandem, der Depressionen hat, die Schuld dafür zuschreiben, dass er Depressionen hat, darum geht es gar nicht, sondern es muss ja auch eine bestimmte Bereitschaft bestehen, beispielsweise die Medikamente zu nehmen oder zur Psychotherapie zu gehen oder bei der Psychotherapie über bestimmte Dinge auch zu sprechen.
Manche Situationen sind für die Person, die diese Erkrankung hat, vielleicht auch wertvoll und quasi der Krankheitswert der Person etwas gibt. Ob das jetzt Aufmerksamkeit ist oder eine gute Argumentation, um sich so zu verhalten, wie man sich verhält. Und da will ich nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen. Wir machen das alle. Wir haben alle unsere Schwachstellen, wo wir in für uns vielleicht gar nicht so guten Situationen länger bleiben oder Verhaltensweisen beibehalten, die für uns nicht gut sind. Weil sie uns einen anderen Mehrwert liefern. Und genau das kann bei Depressionen eben auch der Fall sein. Das heißt, Chronifizierung kann eben daraus entstehen, dass die richtige Therapie noch nicht gefunden wurde, dass die Therapien, die gemacht wurden, nicht fachgerecht durchgeführt wurden oder dass die Person möglicherweise auch einfach noch nicht 100 Prozent bereit ist, sich mit der Krankheit so auseinanderzusetzen, dass die Symptomatik nachlassen kann. Und was ja auch damit reinspielt, ist ja, dass so eine Behandlung, so eine therapeutische Behandlung sehr viel Disziplin und Konsistenz erfordert. Denn wir haben es vorhin ja schon gesagt, allein zu wissen, dass man Depressionen hat und vielleicht auch allein zu wissen, was einem gut tut und was einem Freude bereitet und was man irgendwie ändern sollte. Allein das zu wissen bringt es nicht. Also das ändert nichts an der Erkrankung.
Denn so wie wir in dem Fall von Luke ja gehört haben, braucht es noch einiges mehr ab dem Zeitpunkt, wo man quasi weiß, was einem helfen würde. Das ist genau das Perfide an dieser Krankheit, denn obwohl man das weiß, hat man dann trotzdem noch diesen geringen Antrieb und diese Lähmung, dieses Gefühl, das nicht machen zu können, sich nicht selbst helfen zu können.
Trotzdem wissen, was man machen kann, fehlt da die physische und psychische Energie, es umzusetzen. Dann kommen die Denkstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, in dem Sinne, die es total schwer machen, den Alltag zu bewältigen und da so strukturell dran zu gehen, wie es vielleicht eigentlich erforderlich wäre. Dann die emotionale Lähmung. Die Krankheit lähmt oft die Fähigkeit, Emotionen zu spüren, zu differenzieren und dann in positive Handlungen zum Beispiel umzuwandeln. Also zu spüren, okay, jetzt bin ich gerade traurig. Ich weiß, wenn ich traurig bin, brauche ich das, also mache ich jetzt das. Das scheitert schon am ersten Punkt, nämlich ich spüre gar nicht, dass ich traurig bin.
Außerdem ist es ganz oft so bei Menschen mit Depressionen, dass sie in so eine Gedankenspirale reingezogen werden. Das ist dann so ein Kreislauf aus negativen Gedanken und Gefühlen, der einen wirklich nach unten zieht und sich einfach nur zusammenzureißen, wie es so schön gesagt wird, hilft dabei einfach nicht, das zu durchbrechen. Und auch gute Ratschläge oder der Versuch, die Person aufzumuntern, ist jetzt nicht immer so hilfreich, denn die Menschen wissen, dass es besser wäre, jetzt einfach mal gut drauf zu sein oder was auszuprobieren. Aber auch das Wissen an sich kann zusätzlichen Druck erzeugen und Schuldgefühle verstärken, weil die Person dann das Gefühl hat zu versagen, was sie vielleicht wieder in diese negative Depressions-Gedankenspirale reinschmeißt, was dann vielleicht wieder das nächste aktiviert. Also ihr seht, es allein zu wissen und einen Schritt nach vorne gehen zu wollen, ist nicht alles und kann teilweise sogar dazu führen, dass man wieder zurückgerissen wird. Also es ist ein, zwei Schritte nach vorne oder ein Schritt nach vorne, zwei Schritte nach hinten. Und es ist einfach ein super anstrengendes, mühseliges und immer wieder von kleinen Rückfällen gekennzeichnetes Vorgehen. Ich glaube, man kann es so ein bisschen zusammenfassen. Wir haben diese Frage mit aufgenommen, weil sie mir zumindest ganz oft gestellt wird von Leuten, die sagen, ja, aber wenn die doch wissen, was ihnen hilft, also warum machen die das dann nicht einfach? Also warum gehen die dann nicht einfach mal raus an der frischen Luft, ein bisschen in der Sonne spazieren? Das hilft doch direkt.
Und eine solche Frage zeugt halt von einem massiven Unverständnis dieser Krankheit, weil Menschen mit Depressionen genau das nicht können. Und ihnen zu sagen, geh doch mal raus, ist ungefähr so, als würde man jemandem mit zwei gebrochenen Beinen sagen, warum läufst du denn nicht? Herrgott, steh doch einfach auf und geh, mach doch einfach. Und das ist im Grunde eigentlich auch grausam, Menschen mit Depressionen anzusprechen und zu sagen, warum gehst du nicht einfach mal raus? Das würdet ihr auch nicht zu jemandem sagen, der sich beide Beine gebrochen hat. Ja. Ich habe vorab ja gesagt, dass diese Folge unter anderem dafür da ist, Depressionen, also quasi so ein Grundverständnis dafür zu schaffen, aber auch Depressionen in vielen unterschiedlichen Facetten zu zeigen. Und ich würde vorschlagen, damit kommen wir direkt zur nächsten Case Study.
Martin A. ist 60 Jahre alt, als er in unsere Spezialambulanz kommt. Nach außen wirkt er freundlich, kontrolliert, bemüht, alles richtig zu machen. Nach innen fühlt es sich seit Jahren anders an. Seit fünf Jahren steckt er fast ununterbrochen in einer schweren, depressiven Episode. Nur gelegentlich, für weniger als zwei Wochen, lässt die Symptomatik leicht nach. Dann rutscht er wieder in dieselbe Tiefe. Traurige Stimmung, Interessensverlust, Schlafstörungen, innere Unruhe, Entscheidungsunfähigkeit und Gefühle von Wertlosigkeit. Gleichzeitig gibt es in seinem Erleben etwas, das nicht zu einer reinen Depression passt. Martin und seine Frau berichten von Phasen innerhalb der Depression, in denen er plötzlich sehr schnell spricht, seine Gedanken rasen, er mehrere Dinge gleichzeitig anpacken will und leicht gereizt ist. Es gibt keinen klar abgegrenzten manischen Zustand, aber immer wieder kippt er in eine Art Mischlage, depressiv und gleichzeitig getrieben, angespannt, überaktiv.
In den letzten eineinhalb Jahren wird Martin fünfmal stationär aufgenommen. Insgesamt verbringt er acht Monate in Kliniken. Er unternimmt zwei schwere Suizidversuche, einmal mit Kohlenmonoxid, einmal mit einer tiefen Schnittverletzung am Hals. Ein dritter Versuch durch Kohlenmonoxid-Inhalation wird von einem Familienmitglied rechtzeitig unterbrochen. Alle Versuche geschehen im Rahmen der Depression, aber in Phasen, in denen sein Schlaf komplett zusammenbricht, seine Gedanken rasen und seine Unruhe unerträglich wird. An Behandlungen mangelt es nicht. Martin hat adäquate Versuche mit mehreren Antidepressiva hinter sich.
Bupropion, Mirtazapin, einzeln und in Kombination mit weiteren Medikamenten, Venlafaxin, dazu verschiedene Schlafmittel. Er erhält zwei Serien Elektrokrampftherapie mit insgesamt 28 Sitzungen. Parallel nimmt er an einem Tagesklinikprogramm teil, fünf Tage die Woche über sechs Wochen. Rund 60 Sitzungen kognitive Verhaltenstherapie und psychodynamische Therapie begleiten diese Zeit. All das führt immer wieder zu kurzfristiger Verbesserung, aber nie zu einer stabilen Remission. Im Rückblick erinnert sich Martin, schon mit sieben oder acht Jahren ängstlich gewesen zu sein. In seinen frühen 30ern treten erstmals depressive Symptome auf. Damals noch selten und ohne gravierende Einbußen seiner Funktionsfähigkeit. Er nimmt zeitweise Diazepam, kommt mit den Episoden aber im Alltag zurecht. Es gibt keine Hinweise auf Alkohol oder Drogenmissbrauch. In seiner Familie hingegen sind psychische Belastungen präsent. Zwei Schwestern leiden an Depressionen, der Vater hat Wutanfälle und möglicherweise ein Alkoholproblem.
Bei Aufnahme nimmt Martin eine Kombination aus Nortryptylin, Methotrimeprazin, Quetiapin, Vendlafaxin und Supplikon. Laborwerte und MRT sind unauffällig. Die strukturierte Diagnostik ergibt zunächst eine chronische, schwere Major Depression ohne psychotische Symptome sowie eine Angststörung ohne nähere Spezifikation. Doch das klinische Bild passt nicht ganz. Die anhaltend depressive Grundströmung mit den immer wiederkehrenden hypomaniformen Anteilen, druckhafte Sprache, erhöhte Zielgerichtetheit, Gereiztheit, wirft Fragen auf. Nach den Kriterien des DSM-5 wird die Diagnose schließlich präzisiert. Major Depression mit gemischten Merkmalen und ängstlicher Verstimmung. Wir ergänzen seine Medikation zunächst um Lithium, steigern die Dosis bis zu einem therapeutischen Spiegel. Kurz darauf verschlechtert sich die Depression so stark, dass Martin erneut stationär aufgenommen werden muss. Während eines dreiwöchigen Aufenthalts erhält er neun weitere Elektro-Kampf-Therapie-Behandlungen. Zunächst bessert sich sein Zustand, doch neun Tage nach Absetzen der EKT kehrt die Depression zurück.
Als nächstes setzen wir Lamotrigin ein. Bei 75 mg entwickelt Martin intrusive, aufdringliche Songtexte und musikbezogene Gedanken im Kopf, die ihn zusätzlich belasten.
Nach dem Absetzen verschwinden diese Symptome wieder. Wir erhöhen Quetiapin schrittweise, stoßen jedoch bei 300 mg auf ein neues Problem. Ausgeprägtes Restless Leg Syndrom, das seinen Schlaf massiv stört. Ein Versuch mit Pramipexol bleibt ohne ausreichende Wirkung. Schließlich ergänzen wir Clonazepan, was die unruhigen Beine lindert und es ermöglicht, Quetiapin auf 600 mg zu steigern. Trotz dieser intensiven Anpassungen bleiben deutliche depressive Symptome bestehen. In dieser Situation treffen wir eine Entscheidung, die zunächst unspektakulär wirkt. Wir beginnen, das Wendler-Faxin vorsichtig auszuschleichen. Der Schritt ist begründet, Martin hat auf kaum ein Antidepressivum dauerhaft positiv reagiert und auffällig ist, dass seine Suizidversuche jeweils in zeitlichem Zusammenhang mit Dosissteigerungen standen.
Mit dem Reduzieren des Antidepressivums geschieht dann etwas Überraschendes. Martin stabilisiert sich deutlich und dieses Mal anhaltend. Die Besserung tritt rasch ein und sie bleibt bestehen. Seine aktuelle Medikation besteht aus Lithium, Quetiapin und Clonazepam. Über einen Zeitraum von fast drei Jahren zeigt er keine depressiven oder Angstsymptome mehr. Seit sechs Jahren braucht er keine stationäre Behandlung und unternimmt keinen Suizidversuch. Auch hypomanische oder gemischte Episoden treten nicht mehr auf. Stattdessen engagiert er sich in ehrenamtlicher Arbeit, berichtet von einem ausgeglichenen Alltag und kommt alle drei Monate zur Nachsorge.
Aber sein Verlauf wirft schwierige Fragen auf. Waren die Antidepressiva einfach unwirksam oder haben sie die Behandlung sogar erschwert? Haben sie durch die gemischten Merkmale seine Stimmung zusätzlich destabilisiert und das Suizidrisiko erhöht? Oder waren es primär die gemischten Episoden selbst, die den Verlauf so kompliziert machten? Sicher ist, die Suizidversuche traten jeweils nach Dosissteigerungen auf und die stabile Besserung setzt erst ein, als das Antidepressivum ausgeschlichen wird. Martins Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, bei Depressionen gezielt nach hypomanen Symptomen zu fragen, vor allem bei therapieresistenten Verläufen und hohem Suizidrisiko. Sie macht auch deutlich, dass Depression kein einheitliches Bild ist, sondern sehr viele Gesichter haben kann und dass die Behandlung manchmal nicht in einem Meer an Antidepressiva sondern in einem differenzierten Hinschauen und Umsteuern liegt.
Ich bin riesen Fan davon, dass wir diesen Fall mit drin haben in dieser Folge, weil ich es richtig wichtig finde, dass wir auch darüber sprechen, dass mehr bei Medikamenten nicht immer mehr ist, sondern dass es auch manchmal wirklich Sinn macht, mal zu gucken, okay, braucht es wirklich alles? Der hat ja zwischendurch so viele Medikamente gleichzeitig bekommen. Also du hast ja, was war das eine Kombination aus Nortriptylin, Methotrimeprazin, Quetiapin, Venlafaxin und Zoblikon. Und ich mir denke, Junge, das sind fünf verschiedene Medikamente. So, das ist ja wirklich saumäßig viel. Und natürlich bei manchen Menschen ist das wichtig und bei manchen Menschen brauchen das. Aber ich finde es total gut, dass wir darüber heute gesprochen, also dass es in dem Fall jetzt heute zur Sprache kam, dass es manchmal auch Sinn macht, einfach zu gucken, braucht es wirklich so viele Medikamente? Ist es nicht vielleicht auch schlecht, so viele zu haben?
Und vielleicht für euch Hörer zur Erklärung, was Hypoman bedeutet, das ist eine abgeschwächte Form der Manie, die gekennzeichnet ist durch eine anhaltend gleichgehobene oder gereizte Stimmung, gesteigerter Antrieb und vermindertes Schlafbedürfnis. Das ist was, was immer wieder so phasenweise auftritt und gerade im stationären Setting natürlich sehr stark auffällt, gerade bei depressiven Patienten.
Ich bin auch hängen geblieben bei der Elektro-Krampf-Therapie. Vielleicht hast du es im Fall gesagt, aber ich weiß es gerade nicht mehr genau. Wie viele Sitzungen hat er denn da bekommen? Tatsächlich hatte er zwei Serien mit insgesamt 28 Sitzungen. Also sie haben 56 Mal Elektro-Krampf-Therapie angewendet. Boah, das ist aber auch richtig lange, ne? Vielleicht für euch zur Erklärung, was Elektro-Kampf-Therapie ist. Tatsächlich ist das eine Art von Therapie, die insbesondere bei Depressionen häufiger eingesetzt wird. Dabei wird durch eine kurze, kontrollierte elektrische Stimulation, man möchte eigentlich sagen ein Elektroschock, der unter Vollnarkose und unter muskelentspannenden Medikamenten durchgeführt wird, ein epileptischer Anfall ausgelöst, weil man davon ausgeht, dass dieser Prozess im Gehirn heilende Prozesse anregen kann. Und er gilt, also diese Elektro-Krampf-Therapie, dieser Ansatz gilt als das wirksamste Verfahren für therapieresistente psychische Erkrankungen, die auf keine anderen Therapien ansprechen. Ich persönlich tue mich immer ein bisschen schwer damit, darüber zu reden und auch das zu erklären, weil es so, das sieht einfach so brutal aus. Das klingt schon brutal und das sieht so brutal aus.
Genau. Ja, ich war in der forensischen Klinik, hatten wir auch einige EKT-Behandlungen bei Schizophrenen-Patienten, die auch als therapieresistent galten. Und da war ich auch ein paar Mal bei der Elektrokrampftherapie dabei. Und es ist wirklich, also die werden dann mit Elektroden da verknüpft und dann Vollnarkose und dann kommen diese Krämpfe und da kommen ja auch mehrere pro Sitzung. Also es werden so ein bis dreimal Krämpfe ausgelöst und es sieht schon richtig krass aus.
Die Patienten selbst berichten, dass sie davon nichts mitkriegen. Also natürlich, die sind ja in Vollnarkose, die sind danach den Tag ein bisschen fertig, ein bisschen durch den Wind. Aber habe da von den Patienten selbst keine negativen Dinge gehört. Also tatsächlich auch eher bei einem Patient muss ich gerade daran denken, dass der tatsächlich davon eine Besserung gemerkt hat und dann tatsächlich auch darauf gepocht hat, weiter EKT zu bekommen. Was ich vielleicht jetzt noch wichtig finde zu erwähnen, ist, dass EKT leider jetzt auch nichts ist, was man irgendwie eine Session mal macht und dann ist es fertig. Es ist was, was man tendenziell auch immer mal wieder als Erhaltungs-EKT machen muss. Also wenn man da eine Session gemacht hat und dann sagt, okay, jetzt ist es besser, da werden dann vor allem am Anfang in der Nachbehandlung immer mal wieder so alle drei Monate Erhaltungs-EKTs angesetzt. Das heißt, es ist nichts, was man einmal macht und dann ist es erledigt.
Ich habe die Case-Study von Martin mit aufgenommen. Du hast gerade schon gesagt, weil sie zeigt, dass manchmal auch ein weniger an Medikamenten hilfreich ist. Ich fand es wichtig, weil er eine Kombination bekommen hat von EKT, Medikation und Psychotherapie und er eine so lange Geschichte hatte von Depressionen und tatsächlich umgesetzten Suizidversuchen, dass ich mir dachte, wenn wir über Depressionen sprechen, dann müssen wir auch darüber sprechen, dass es zumindest von dem, was ich so mitbekomme, eine der unterschätztesten psychischen Erkrankungen ist. Auf jeden Fall. Weil Depressionen, dieses Wort allein im Wortschatz wird so oft benutzt, ja, ich bin ein bisschen deprie heute, ein bisschen depressiv. Deprie kann vielleicht noch für deprimiert stehen, aber ich bin irgendwie ein bisschen depressiv heute. Das ist ja ein Wording, das schon im Alltag auch vorkommt. Und mir war es total wichtig, zum einen unterschiedliche Perspektiven dieser Erkrankung zu zeigen und auch die krasseren Fälle in Anführungszeichen zu zeigen und zu zeigen, was es bedeuten kann für Menschen darunter zu leiden und wie dieser Leidensweg aussehen kann. Und weil ich ganz klar verdeutlichen möchte, dass Depression eine der psychischen Erkrankungen mit der höchsten Sterblichkeitsrate ist. Das ist nicht einfach ein bisschen depressiv sein. Das ist eine ernstzunehmende, schwerwiegende Erkrankung.
Nicht jeder mit einer leichten Depression, also wenn Hörerinnen oder Hörer von euch darunter leiden oder Depressionen haben, ich will euch keine Angst machen. Ich will jetzt nicht sagen, ihr seid akut gefährdet oder so. Mir geht es eher darum zu sagen, für alle Leute, die nicht darunter leiden und die der Meinung sind, Und depressiv sein bedeutet ein bisschen traurig sein. Das ist eine ernstzunehmende Erkrankung, von der es ganz unterschiedliche Auftrittsbilder gibt und ganz unterschiedliche Leidenswege gibt und die nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist.
Was mir bei der Case-Study, du hast vorhin ja das Thema hypomanisch angesprochen, aufgefallen ist und was ich interessant fand war, die Frage, wie unterscheidet man denn jetzt jemanden mit einer Depression mit manischen Anteilen, also oder mit einer quasi mit hypomanen Symptomatiken von jemandem, der beispielsweise manisch depressiv ist? Also wie unterscheidet man Depressionen eigentlich von anderen psychischen Erkrankungen? Also ich kann ja mal so ein bisschen vielleicht erzählen, wie es bei uns in der Ambulanz so läuft. Also es ist so, dass wenn Patienten zu uns kommen, dann haben die erstmal so eine quasi so eine Erstsicht, wo sie ihre Symptome berichten und dann bekommen die so Diagnostik-Fragebögen. Also sie haben einen ganzen Stapel an Fragebögen, die sie ausfüllen und wir Behandlertherapeuten bekommen dann eine Auswertung, wo auch dann auf einer Depressionsskala, Angstskala quasi überall eine erste Einschätzung stattfindet, wie viele Symptome berichtet die Person und dann haben wir schon mal so eine grobe Richtung, was so alles da ist.
Und in den ersten Therapiesitzungen ist es dann so, dass wir da ganz genau in alle möglichen Richtungen abfragen. Also erstmal fragen wir, was sind denn die Symptome und wir klopfen quasi wie so ein, ich denke mir manchmal so wie so ein Orthopäde, klopfen wir alles so ein bisschen ab und gucken, was alles da ist, was nicht da ist. Und zumindest kann ich jetzt nur von mir so sprechen. Nach der dritten, vierten Sitzung geht es dann so ein bisschen in Richtung, okay, wie sieht es aus mit Therapieantrag? Und dann gehe ich persönlich immer in die Frage, wie sieht es diagnostisch aus? Was ist da? Und was für Differenzialdiagnosen könnten zutreffen?
Differenzialdiagnosen sind eben Diagnosen, die... Eben alternativ zu der Hauptdiagnose auch da sein könnten, die also zu den vorhandenen Symptomen passen könnten. Wie zum Beispiel bei einer, wenn ich jetzt hatte, habe eine rezidivierende Depression, mittelschwere Episode. Wenn dann zum Beispiel da jemand ist, der auch erzählt, dass es aber auch manchmal Tage gibt, wo er mal voll wenig schläft, aber dann irgendwie doch mal voll viel schafft, dann müsste ich als Behandler gucken, okay, gibt es da vielleicht eine manisch-depressive Episode, da müsste ich quasi das dann für mich ganz genau prüfen und im nächsten Gespräch nochmal explorieren und nochmal nachfragen.
Bei Gelegenheit, wenn ich das habe und die Zeit habe und die Ressourcen dafür vorhanden sind, dann auch nochmal vielleicht mit Diagnose-Tools, mit Diagnose-Instrumenten. Aber so für euch so grob zum Einschätzen, so läuft es in der Ambulanz ab, die Diagnose-Findung. Wir haben vorhin ja auch kurz darüber gesprochen, dass Depressionen dadurch, dass sie so individuell sind, ganz unterschiedliche Therapiemöglichkeiten und Therapieschulen quasi haben, die man anwenden kann, um zu helfen. Wir haben uns, dadurch, dass wir ein Psychologie-Podcast sind und das keine Neuro-Folge ist, in erster Linie auf psychotherapeutische Therapieansätze und nicht auf Psychopharmaka. Aber das heißt, wir würden euch einfach relativ kurz, weil wir diese Folge, mit dieser Folge absolut den Rahmen sprengen werden.
Ganz kurz vorstellen, welche unterschiedlichen Therapien es quasi oder Psychotherapieformen es gibt, die als wirksam gelten bei Depressionen. In Deutschland haben wir drei verschiedene Therapieschulen. Wir haben zum einen die kognitive Verhaltenstherapie. Da geht man davon aus, dass psychische Erkrankungen, in dem Fall Depressionen, aus negativen Kognitionen, also negativen Gedanken entstehen. Sehr auf dieser eben kognitiven Ebene. Und auch auf dieser Ebene werden dann eben Interventionen angewendet, bestimmte Übungen werden mit euch gemacht, damit ihr eben das schafft, eure Kognitionen wieder ins Positive drehen zu können. Dann haben wir die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Da schaut man sich noch mal ein bisschen mehr eure Vergangenheit an. Man geht in die Kindheit, schaut, okay, was für Faktoren gab es denn da? Welche Schutzfaktoren gibt es da vielleicht? Welche Beziehungserfahrung habt ihr da früher mal gemacht? Und was könnte sich auf heute auswirken?
Und da ist grundsätzlich so eine... Also begleitende, akzeptierende und gegenübertragende Haltung, also vielleicht kurz für euch zur Info, gegenübertragung bedeutet, was der Therapeut bei euch spürt, wird dann quasi in den Raum gestellt und wird sichtbar gemacht, so in dem Sinne. Vielleicht könnte man so ein bisschen von Spiegelung sprechen. Also damit der Patient selber oder damit ihr selber merkt oder seht, was ihr gerade in den Raum geworfen habt, in Anführungszeichen, was ihr gesagt habt, welche Emotionen ihr reinbringt oder auch welche Dinge, welche Aussagen ihr getroffen habt. Das kann zum Beispiel manchmal auch einfach heißen, dass der Therapeut oder die Therapeutin den Satz, den ihr gerade gesagt habt, einfach nochmal wiederholt. Weil oft, wenn man den Satz von jemand anderem hört, den man gerade selber gesagt hat, löst das ja auch nochmal eine Reaktion aus.
Dann gibt es noch die Psychoanalyse. Da wird ganz viel mit unbewussten Mechanismen gearbeitet, wird ganz viel geguckt, okay, was liegt denn vielleicht verborgen, was euch vielleicht gar nicht so bewusst ist, was vielleicht aber trotzdem eine Rolle spielt.
Da geht es sehr viel um Assoziationen, da redet ihr sehr viel, der Therapeut redet da eher weniger und quasi ihr schafft euch so euren eigenen Weg und der Therapeut begleitet euch dabei eben so ein bisschen zu die Reise ins Unbewusste, würde ich mal so grob formulieren. Ich würde an der Stelle aber gerne ergänzen, bevor jetzt alle Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen aufspringen, dass diese 100% reine Form von Psychoanalyse heute nicht... Unbedingt die Mehrheit der Therapeuten und Therapeutinnen in dem Bereich abbildet, sondern dass insbesondere die Psychoanalyse sich rechts und links an unterschiedlichen Therapieschulen bedient, wie andere Therapieschulen das auch machen. Ich will jetzt nicht die Psychoanalytiker beschuldigen, sodass dieses reine Assoziation nach Freud und es geht um Sex und um anale Phasen und so, das läuft so nicht mehr hundertprozentig heute. Es geht aber immer noch um unbewusste Aspekte und darum, vielleicht auch Dinge, die man verdrängt hat, wieder nach vorne zu bringen. Genau, also in der Praxis ist es so, dass ja alle Schulen auch noch Inhalte von, also dass alle Schulen mischen irgendwie. Also zum Beispiel ich als systemische Therapeutin benutze auch manchmal kognitive Interventionen oder Ansätze aus der tiefen Psychologie, zum Beispiel Gegenübertragung. Wenn ich das bei mir bemerke, dann stelle ich das auch manchmal einfach in den Raum.
Von daher, so richtig eine Abgrenzung kann man da nicht treffen, aber so die Haltung an sich, also was da so der Fokus der jeweiligen Therapierichtung ist, das kann man da schon sagen. Zuletzt ja eben, wie ich gerade gesagt habe, die systemische Therapie ist da die jüngste zugelassene Psychotherapie. Und die geht eben davon aus, dass psychische Erkrankungen aus dem System, in dem man aufwächst, aus vielleicht Störungen in den Beziehungen, in den Mustern, in der Familie, vielleicht auch transgenerational weitergegeben wurden. Und da schaut man sich dann eben ein bisschen mehr nochmal euer Umfeld an und schaut, okay, wenn es nicht aus euch selbst rauskommt, wo könnte es denn dann herkommen? Und so quasi einmal zum Einordnen, was in den verschiedenen Therapierichtungen stattfindet. Grundsätzlich, wenn ihr von Depressionen betroffen seid, könnt ihr euch an jeden Psychotherapeuten da wenden. Jede der Schulen ist wirksam, sonst wären sie nicht zugelassen. Von daher geht es da eigentlich eher darum, wenn ihr das jetzt so hört, was glaubt ihr, was am besten da zu euch passt. Und ich würde vorschlagen, damit starten wir in die dritte Case Study dieser sehr, sehr langen Depressionsfall.
Denise ist Mitte 40, Mutter und verwitwet. Ihr Alltag klingt zunächst unspektakulär. Sie verbringt den Großteil des Tages zu Hause, sitzt vor dem Fernseher, geht kaum vor die Tür. Hausarbeit bleibt liegen, Rechnungen werden nicht geöffnet, duschen fällt oft aus. Auf den ersten Blick scheint das eine Strategie zu sein, um sich zu schonen. Sie sagt, es fühle sich kurzfristig besser an, wenn sie einfach liegen bleibt und sie niemanden sehen muss.
Wenn der Therapeut nachfragt, wie sie sich abends fühlt, zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Sie beschreibt sich als erbärmlich und schuldig, als hätte sie den Tag verschwendet und damit den Beweis erbracht, dass mit ihr etwas grundsätzlich nicht stimmt. In der ersten Sitzung versucht der Therapeut nicht, sie zu drängen, sofort aktiver zu werden. Stattdessen bleibt er bei ihrer eigenen Annahme stehen, dass Zuhausebleiben und Fernsehen ihr guttut und lädt sie ein, diese Einschätzung genauer zu prüfen. In der nächsten Sitzung berichtet Denise, dass sie bewusster darauf geachtet hat. Das Fernsehen blockiert zwar unangenehme Gefühle, macht sie aber nicht wirklich besser. Es betäubt, aber es tröstet nicht.
Gleich in der ersten Stunde sagt Denise, die Therapie sei für sie die letzte Hoffnung. Der Therapeut nutzt diesen Satz, um ihre Hoffnungslosigkeit und Suizidgedanken behutsam zu erkunden. Sie sagt, sie könne sich nicht vorstellen, für immer so weiterzuleben. Im Moment habe sie keinen konkreten Plan, aber die Vorstellung, auf Dauer in diesem Zustand zu bleiben, lasse sie an Suizid denken. Sie erzählt schon früher, darüber nachgedacht zu haben, ohne je ernsthaft eine Methode zu planen. Als wichtigste Gründe dagegen nennt sie ihre Kinder und ihre Mutter. Sie weiß, wie sehr es beide verletzen würde und dass ihre Mutter sie möglicherweise irgendwann brauchen wird. Nachdem klar ist, dass kein akuter Suizidplan besteht, schlägt der Therapeut vor, mit etwas sehr Kleinem zu Beginn.
Denise erwähnt ihre Freundin Diane aus Florida. Diane hat bereits zweimal angerufen und beide Male vertröstete Denise sie, weil sie sich zu schlecht fühlte, um mit ihr zu reden. Der Therapeut fragt nach der Zeit, in der Diane noch in der Nähe wohnte. Denise erinnert sich an vieles, was ihnen gemeinsam wichtig war. Kinder im ähnlichen Alter, Gespräche über Bücher, ein gemeinsamer Buchclub, Vortragsreihen im Museum, eine gemeinsame Begeisterung für Kunst. Sie sagt, sie habe die gemeinsame Zeit als interessant und bereichernd erlebt und dass sie Diane sehr vermisst. Daraus entwickelt sich ein erster Schritt. Nicht direkt der Besuch im Museum, sondern lediglich die Idee, sich online über aktuelle Vortragsreihen im Museum zu informieren. Denise hat einen Computer, der funktioniert. Der Auftrag lautet für die nächste Woche nicht am Vortrag teilnehmen, sondern nur die Website des Museums aufrufen und nachsehen, was angeboten wird. Am Ende der ersten Stunde füllt Denise mit Unterstützung des Therapeuten einen Wochenplan aus. Einfache Aktivitäten wie duschen, Mahlzeiten zubereiten, einkaufen, online die Museumsvorträge checken. Sie sagt, sie sei noch immer sehr niedergeschlagen, spüre aber durch die Vorstellung dieses ersten Schritts einen Hauch von Erleichterung.
In der zweiten Sitzung berichtet sie, dass sie tatsächlich online nachgesehen hat und eine Vortragsreihe gefunden hat, die sie interessant findet. Sie spielt mit dem Gedanken, sich anzumelden, und allein diese entdeckte Neugier überrascht sie, weil sie geglaubt hatte, in ihr sei nichts dergleichen mehr übrig. Parallel dazu bringt sie eine Liste negativer Gedanken mit, die sie in der Zwischenzeit notiert hat. Einer dieser Gedanken bezieht sich auf ein Thema aus der ersten Sitzung. Sie hatte offen darüber gesprochen, dass sie ihrem verstorbenen Mann gegenüber auch Ärger empfindet, obwohl er an einer schweren Krankheit gestorben ist. Später im Bett schämt sie sich dafür und denkt, der Therapeut halte sie nun für hart und gefühllos und wolle sicherlich nicht mehr mit ihr arbeiten. In der Stunde formuliert der Therapeut das als Frage. Wer bewertet hier wen? Denise erkennt, dass diese harten Urteile zuerst aus ihr selbst kommen. Der Therapeut bietet eine alternative Sicht an, dass ambivalente Gefühle in einer extrem belastenden Situation, also Liebe, Trauer und Ärger, menschlich verständlich sind und kein Zeichen von Kälte. Denise kann diese Perspektive annehmen und erlebt zum ersten Mal, dass ihre Gefühle auch anders gedeutet werden können als durch die Brille reiner Selbstanklage.
Der Therapeut beginnt, Muster in ihren Gedanken zu benennen, zum Beispiel die Tendenz, sich selbst und andere sehr streng zu beurteilen und bei jeder vermeintlichen Verfehlung mit innerer Strafe zu reagieren. Er deutet dies als Schema von Punitivität, die Überzeugung, dass Fehler hart sanktioniert werden müssen. Ein weiteres Thema taucht auf, als Denise zufällig den Ehering des Therapeuten bemerkt und spontan denkt, sie sei ganz anders als er. Sie, die Witwe, allein und überfordert. Er, verheiratet und scheinbar normal. Der Therapeut nutzt diese Situation, um gemeinsam mit ihr zu differenzieren. Was wissen sie denn tatsächlich voneinander? Könnte es sein, dass sie sich in manchen Punkten ähneln? Etwa darin, dass beide wissen, was eine Partnerschaft bedeutet, sich aber in ihrer aktuellen Lebenssituation unterscheiden?
Schritt für Schritt kann Denise ihren globalen Gedanken »Ich bin ein Freak und völlig anders als andere« in eine realistischere Einschätzung verwandeln. In der dritten Sitzung spricht sie offen darüber, dass sie aufhören möchte, sich so stark zurückzuziehen. Gleichzeitig glaubt sie, strenge Regeln und emotionale Distanz seien notwendig, damit andere sie respektieren. Ein Beispiel dafür ist wieder ihre Freundin Diane. Denise wünscht sich einen Besuch im Sommer, doch Diane erklärt am Telefon, dass ihr schwerkranker Hund sie davon abhalten könnte, zu reisen. Für Denise ist das zunächst ein Affront. Sie empfindet es als Beleidigung, dass ein Tier scheinbar wichtiger ist als sie. Im Gespräch prüft sie diese Situation mit Hilfe des Therapeuten noch einmal. Was, wenn der Hund für Diane Teil der Familie ist? Was, wenn ihre Absage nicht bedeutet, dass Denise ihr unwichtig ist, sondern dass sie zwischen zwei wichtigen Bindungen hin- und hergerissen ist.
Sie erkennt, dass sie selbst sehr unflexibel reagiert hat und damit gegen ihre eigenen Werte von Empathie und Verbundenheit verstößt. Der Therapeut spielt mit ihr im Point-Counterpoint-Stil Szenen durch, in denen ihre bestrafenden Gedanken, sie darf das und das nicht, sonst muss es Konsequenzen geben, auftauchen und sie dagegen eine mildere, verstehende Antwort formuliert. Denise merkt, dass absolute Starrheit langfristig dazu führt, dass sie Beziehungen verliert, genau das Gegenteil dessen, was sie sich eigentlich wünscht.
In den folgenden Sitzungen beobachtet sie ihre automatischen Gedanken systematisch mithilfe eines Protokolls. Sie füllt weiterhin ihren Wochenplan mit Aktivitäten aus und bewertet bei jeder Eintragung, wie viel Kompetenz und Freude sie erlebt hat. Mithilfe kleiner gestufter Aufgaben, Museumsvorträge recherchieren, sich anmelden, Diane anrufen, beginnt sie, ihre Passivität Schritt für Schritt zu durchbrechen. Sie macht die Erfahrung, dass andere sie nicht automatisch verurteilen, wenn sie nicht perfekt reagiert und dass sie selbst milder und flexibler werden kann, wenn sie innehält, bevor sie ihren alten Mustern folgt. Ihre Schemata, unnachgiebige Standards, Punivität, das Gefühl, anders und ausgeschlossen zu sein, sind noch da, aber sie kann sie immer häufiger erkennen und ihnen etwas entgegensetzen.
Im Verlauf von etwa 20 Sitzungen hält sich ihre Stimmung deutlich auf. Sie nimmt wieder Aktivitäten auf, meldet sich für eine Vortragsreihe an, pflegt mehr Kontakte. Ihr Depressionswert sinkt in den Normalbereich. Am Ende der Behandlung beschreibt Denise nicht, dass sie ein anderer Mensch sei, sondern dass sie sich selbst besser versteht und nicht mehr jedem ihrer Gedanken blind glaubt. Für sie ist das vielleicht der wichtigste Schritt heraus aus der Starre. Zu wissen, dass Veränderung nicht mit einem großen Sprung beginnt, sondern mit einem ersten, sehr kleinen. Und damit, sich selbst ein Stück weniger hart zu verurteilen.
Aus dem Clinical Handbook of Psychological Disorders, Case Study of Denise, Non-Chronic Depression, Copyright von The Guildford Press. Ich muss sagen, während du den Fall vorgelesen hast, war ich ein bisschen neidisch. Weil ich mir dachte, ach, das hört sich so wundervoll an. Also das ist ja wirklich eine Bilderbuchbehandlung einer Depression, was genauso auch funktionieren kann. Also Denise hat das wirklich mega gemacht, echt Hut ab, da so konsequent ranzubleiben und da quasi sich so kontinuierlich so zu verändern und das alles so durchzuziehen. Sie hat ja auch alle Hausaufgaben immer gemacht. Ja, das ist ... Ich als Therapeute habe mir so gedacht, ich wünschte, jede Therapie wird es so wundervoll sein. So smooth ablaufen und die Person würde quasi alles so gut nutzen können, wie die Denise es genutzt hat. Es ist leider nicht immer der Fall, aber es kann sein. Ich meine, es gibt auch Therapien, die einfach wirklich easy laufen.
Und ich finde es heute gerade in der Folge total cool, dass ich ganz viele Dinge einfach so wiederfinde von mir. Und ich merke auch, während wir darüber sprechen heute, vielleicht für euch Hörer zur Einordnung, heute ist Sonntag. Wir nehmen gerade sonntags auf und montags habe ich immer meinen vollen Patiententag. Und in meinem Kopf ist gerade schon die ganze Zeit bei meinen zwei depressiven Patienten, die ich gerade habe, okay, was kann ich vielleicht auch da jetzt konkret morgen davon machen? Vielleicht kann ich da irgendwas nochmal umplanen in meinem Behandlungsplan, weil ich glaube, das wäre jetzt gerade richtig sinnvoll für diese Person. Also bei mir ist gerade so, die eine Hälfte ist Podcast hier und die andere Hälfte ist gerade Therapeuten hier, dass ich denke, oh ja, sehr gut, gut, dass wir darüber reden, ja stimmt.
Ich fand die dritte Case-Study deswegen so spannend, weil sie, finde ich, nochmal einen ganz coolen Einblick gibt, wie Therapie dann, also diese Gesprächstherapie dann tatsächlich aussehen kann. Ja, weil auch die Case-Study in eine Art Gesprächsprotokoll aufgeschrieben ist. Also ich habe das jetzt natürlich selber nicht so gemacht, weil das für diese Folge nicht funktioniert hätte, aber es ist im Grunde ein Gesprächsprotokoll, das mitgeschrieben wurde. Und ich fand das total spannend, weil ich das Gefühl hatte, dass wir damit quasi zum einen.
Eine Perspektive auf eine Depression bekommen haben, die erstmalig auftritt, nicht chronifiziert ist, wo keine Psychopharmaka genommen werden, sondern es sich hundertprozentig auf die Psychotherapie fokussiert. Und wo wir nochmal so einen kleinen Deep Dive bekommen, wie kann so eine Therapie denn aussehen? Wie könnte da denn vorgegangen werden? Was ich auch cool finde, ist, dass da keine, also nicht nur keine Medikamente, Sondern da sind auch keine besonders krassen Interventionen genutzt worden. Es zeigt auch, wie unaufgeregt manchmal Therapie ablaufen kann. Dass es manchmal wirklich einfach nur, okay, Minischritte zwischen den Therapiesitzungen und in den Therapiesitzungen einfach nur Fragen stellen. Und dass das schon eben in der Länge dann dazu führen kann, dass so ein Krankheitsbild sich verändert. Das finde ich so faszinierend an der Psychotherapie. Ja, manchmal braucht es einfach nur jemanden, der mit einem quasi darüber spricht und einem dabei hilft, die Dinge anders umzusetzen. Ja, und so fand ich, haben wir mit den drei Study Cases sehr viele verschiedene Perspektiven und Blickwinkel auf die Thematik Depressionen zeigen können. Deswegen habe ich alle drei oder haben wir alle drei ausgesucht. Der eine Aspekt, den wir in den Study Cases nicht aufgezeigt haben, ist das Thema funktionale Depressionen.
Für diejenigen von euch, die den Begriff funktionale Depression noch nicht gehört haben, unter der funktionalen Depression versteht man so im Gesprächskontext, es gibt keine klinische Diagnose offiziell dafür, aber wenn man darüber spricht, versteht man darunter, dass Menschen, die eine Depression haben oder an einer Depression leiden, ihre Symptome maskieren. Also trotzdem an sozialen und beruflichen Verpflichtungen teilnehmen, diese auch erfüllen, dass sie selbst ihre Symptomatik komplett verbergen, dass sie zum Beispiel sehr perfektionistisch sind, immer zurechtgemacht, immer frisch geduscht, die Wohnung ist immer sauber, im Job läuft alles super, sind an allen möglichen sozialen Events dabei und die Leute, die immer am lautesten lachen. Und man nennt es hochfunktionale Depression, weil diese Verhaltensweisen nach außen natürlich dafür sorgen, dass die Person weiter funktioniert. Also ein Merkmal von Depression ist ja, dass zum Beispiel Betroffene manchmal Probleme haben können, überhaupt aus dem Bett aufzustehen oder ihrem Beruf nachzugehen oder duschen zu gehen oder sowas. Und wenn jetzt jemand Depressionen hat, aber keins dieser Symptome nach außen zeigt, dann nennt man das im Jargon quasi. Wie gesagt, nicht im klinischen Kontext, aber im Jargon, die funktionale Depression.
Für mich ist da dieses Bild so von einer Person, die alles macht, aber innerlich total leer ist. Und sobald sie mal zur Ruhe kommt, bricht diese ganze gedrückte Stimmung, diese ganze geballte Traurigkeit über sie hinein und brückt sie runter. Ja. So habe ich es für mich so ein bisschen als Bild abgespeichert. Tatsächlich berichten manche, dass sie selbst die Symptome innerlich stärker noch wahrgenommen haben, weil sie eben nicht die Möglichkeit haben, sie nach außen auszuagieren, also darüber zu sprechen, sich zurückzuziehen und sich selbst zu erlauben, dass sie zum Beispiel jetzt gerade nicht an einem sozialen Event teilnehmen. Tatsächlich sind auch bei Menschen, die diese Symptome aktiv unterdrücken oder aktiv verstecken, körperliche Beschwerden wie zum Beispiel Rückenschmerzen oder Magenprobleme noch häufiger, weil die tatsächlich bestehende emotionale Belastung nicht offen gezeigt wird. Und ich wollte gerne, dass wir über dieses Thema sprechen, weil ich immer mal wieder in Gesprächen mitbekomme, dass Leute sagen, hochfunktionale Depressionen sind ein Modewort und das gibt es gar nicht.
Deswegen auch dieser leicht provokante Marker, ob es ein Mythos ist. Tatsächlich ist es das nicht. Die funktionale Depression ist klinisch nicht offiziell festgelegt als Begriff und sie ist auch noch sehr wenig erforscht, weil sie relativ neu ist. Aber die funktionale Depression gibt es tatsächlich. Also es gibt Menschen, die unter Depressionen leiden und einfach gleichzeitig ein so hohes Maß an Perfektionismus und Selbstkontrolle an den Tag legen, dass sie im Grunde diese Außenseinigkeit. Darstellung in Anführungszeichen von ich habe kein Problem, wie so eine Coping-Strategie benutzen. Also sie bewältigen den Alltag, indem sie sich selbst so viel Druck auflasten, perfekt zu sein und die Kontrolle zu behalten und bloß nicht zu zeigen, dass es ein Problem gibt, dass sie damit quasi versuchen, die Beschwerden im Zaun zu halten. Es ist im Grunde, wenn man so will, wie so eine Art extreme Gegenreaktion. Jemand, der nur auf dem Sofa liegt und nicht aufstehen kann aufgrund von Depressionen. Und der extreme Gegenentwurf dazu ist jemand, der immer alles im Griff hat, es ist immer alles perfekt, aber innen drin sieht es genauso aus wie bei der Person, die auf dem Sofa liegt. Ich glaube, man könnte es vergleichen mit Denise von unserem letzten Fall. Die hat ja berichtet, dass sie Fernsehen guckt und dadurch sich betäubt fühlt und dass das dann ganz gut ist.
Und bei Menschen mit einer hochfunktionalen Depression ist quasi das Funktionieren das Äquivalent dann zu Fernsehen gucken, nämlich das Betäuben. Denn in der, also wie ich das jetzt in der Vergangenheit kennengelernt habe, ist dann viel Arbeiten, viel Soziale Events, ist dann quasi das Pflaster, das Betäubungsmittel, was drübergelegt wird. Aber dann gibt es natürlich Momente, wenn man dann abends zu Hause ist und im Bett liegt oder wenn man dann mal nichts zu tun hat, dass es dann wie so eine Welle über einen reinbricht. Tatsächlich ist die hochfunktionale Depression dadurch, dass die Menschen nicht kommunizieren, was sie fühlen und nicht ehrlich sagen, wie sie sich fühlen, mit einem sehr hohen Risiko für Burnout oder auch einer Chronifizierung der Erkrankung verbunden. Kurz zur Orientierung, ein Burnout ist eine Erschöpfungsdepression, also eine Depression, die aus übermäßiger Leistung in Verbindung mit sehr dysfunktionalen Strategien, um mit Stress umzugehen, entsteht, simpel formuliert. Und natürlich einer Chronifizierung, weil Menschen mit einer funktionalen Depression nicht darüber sprechen, wie sie sich fühlen und wie es ihnen geht und sich dementsprechend häufig auch keine Hilfe holen. Was bedeutet, dass die depressive Symptomatik sich chronifizieren kann, während nach außen alles so aussieht, als hätte die Person ihr Leben quasi im Griff. Und das ist auch deswegen besonders gefährlich, weil...
Das sind häufig die Fälle, bei denen im Nachhinein, wenn die Person sich dann das Leben nimmt, alle sagen, das habe ich ja gar nicht kommen sehen, wo kam das denn her? Jetzt ist natürlich noch die Frage offen, was kann ich denn aber tun, wenn ich jemanden in meinem Umkreis, in meinem nahen Angehörigenkreis habe, der depressiv ist? Ihr kennt es von unseren Appellen der letzten Folgen und eigentlich kann man Copy-Paste machen von ganz vielen anderen Erkrankungen auf depressive Erkrankungen. Was total wichtig ist, ist zu reden, Hilfe anzubieten, sie nicht aufzudrücken. Wir haben vorhin davon geredet, dass gut gemeinte Ratschläge oder sich sehr aufdrängen auch zu Druck bei der Person führen kann und zu erhöhten Schuldgefühlen führen kann. Das heißt, es geht darum, Hilfe anzubieten, aber sie optional zu lassen. Denn in der Überzeugung, dass die Person die Hilfe in Anspruch nehmen wird, wenn sie sie braucht, wenn sie sie nehmen kann. Was ganz wichtig ist, verurteilt diese Person nicht. Denn wir haben es schon gesagt, Depression ist keine Wahl. Fang nicht an mit 30 zusammen, komm, steh jetzt mal auf, komm, wir machen jetzt das und das.
Obwohl ich an der Stelle differenzieren möchte, denn manchmal, wenn es empathisch vorgetragen wird quasi, oder ihr das Gefühl habt, okay, gerade ist da vielleicht eine Lücke, wo ich das auf eine gute Art und Weise hinbekomme mit der Person, da kann es schon mal sinnvoll sein zu sagen, hey, komm, wir gehen mal zusammen einfach eine Runde draußen spazieren oder komm, wir machen uns einen Tee. So ein, was zusammen machen, aber die Person nicht dazu drängen, wenn ihr merkt, da ist zu viel Widerstand da. Also da kommt es drauf an, dass ihr so ein bisschen spüren müsst, okay, was ist jetzt vielleicht für diese Person gerade möglich, was wäre vielleicht gut für sie und was kann sie auch wirklich annehmen und was nicht. Das ist so ein bisschen eine kleine Gratwanderung. An manchen Tagen kann es gut sein, an anderen auch nicht. Und natürlich ganz wichtig, achtet dabei auf euch selbst, denn ihr seid natürlich nicht komplett für diese andere Person da verfügbar. Also ihr lebt nicht, um diese andere Person aus ihrer Depression rauszubekommen. Ihr dürft eure Hilfe anbieten, ihr dürft mit der Person reden, ihr dürft ihr zuhören, ihr dürft ihr vielleicht auch anbieten zu sagen, komm, wir suchen zusammen einen Therapieplatz.
Aber ganz wichtig, schaut, dass es euch selbst gut geht. Nur wenn es euch selbst gut geht, könnt ihr auch euch um andere kümmern. Wir wissen, dass es manchmal bei psychischen Erkrankungen im nahen Umfeld schwierig ist, sich davon auch abzugrenzen und da auch für sich zu sorgen. Aber wir sagen es immer wieder, es ist super wichtig, achtet auf euch, achtet auf eure Emotionen und achtet in erster Linie darauf, dass es euch gut geht, denn das ist eure Hauptaufgabe.
An dieser Stelle noch ein paar Worte an diejenigen von euch, die diese Folge hören und vielleicht selber unter Depressionen leiden. Wir haben diese Study Cases auch deshalb ausgesucht, weil sie alle drei zeigen, dass ein Kernsymptom von Depressionen ist, dass die Menschen etwas glauben, was sie selber denken. Dass sie glauben, dass sie wertlos sind, nur weil sie das denken. Dass Betroffene denken, dass sie nicht wichtig sind, nur weil ihr Kopf diese Gedanken hat. Und mir ist es unfassbar wichtig zu sagen, diese Gedanken, die ihr habt, sind nicht wahr. Es ist nicht die Realität. Es ist perfide und grausam, weil es ist ein Teil der Erkrankung, dass diese Gedanken aufkommen. Aber sie entsprechen nicht der Realität. Und ich kann an dieser Stelle oder wir können an dieser Stelle nur sagen, sucht euch Hilfe, wenn ihr sie benötigt. Und wenn ihr glaubt, dass das helfen kann. Wie schon gesagt, Depressionen sind mit die häufigste psychische Erkrankung überhaupt. Und es ist keine Schande und auch kein Grund zur Scham. Ihr seid nicht schwächer als die anderen, ihr seid nicht schlechter als die anderen, ihr seid auch nicht dümmer als die anderen. Ihr habt am Ende des Tages einfach Pech gehabt, in Anführungszeichen, dass diese Erkrankung sich entwickelt hat und natürlich könnt ihr selber etwas dafür tun, dass es besser wird.
Aber ganz im Allgemeinen ist das, was ihr denkt, über euch selbst nicht wahr. Und ihr verdient wie alle anderen Menschen auch, dass euch jemand zuhört und dass euch jemand hilft und dass euch jemand unterstützt. Und wir können einfach nur sagen, jeder Mensch, der sich an der Stelle Hilfe und Unterstützung sucht, ist mutig und gehört zu den starken Menschen, weil es immer Überwindung braucht, sich mit den eigenen Schwächen und Problemen auseinanderzusetzen. Also wenn ihr noch darüber nachdenkt, ob ihr euch Hilfe suchen sollt oder nicht, tut es. Und an der Stelle vielleicht auch noch, es gibt auch die Möglichkeit, wenn ihr euch noch nicht sicher seid, ihr könnt bei einer psychotherapeutischen Praxis auch erstmal Kennenlernstunden vereinbaren und dann gucken, ob ihr glaubt, dass es passt oder nicht. Also einmal hingehen ist kein Commitment, das komplett durchzuziehen. Ihr habt jederzeit die Möglichkeit abzubrechen oder zu sagen, gerade passt es für mich noch nicht. Und in diesem Sinne sagen wir, seid lieb zueinander und tschüss!