In unserem heutigen Quickie möchte ich gerne eine Studie vorstellen, die ich im Rahmen unserer Recherchen für die letzte Folge gefunden habe. In der letzten Folge haben wir über das Thema Depressionen gesprochen und im Zuge dessen habe ich die weltweit größte genetische Depressionsstudie gefunden, die tatsächlich erst im Jahr 2025 veröffentlicht wurde. Vielleicht so ein bisschen zu den Eckdaten der Studie. Es ist, wie schon gesagt, die bisher größte genetische Studie zur Depression. Wir haben in der letzten Folge ganz kurz darüber gesprochen, dass unsere Gene auch einen Einfluss auf die Entwicklung von Depressionen haben können. Aber wie genau dieser Einfluss aussieht, das würde ich heute gerne so ein bisschen besprechen und mit euch darüber sprechen und mit dir darüber sprechen, was genau diese neue Studie eigentlich bedeutet. Vielleicht so ein bisschen zu den Eckdaten. Es wurden 688.808 betroffene Personen analysiert oder in diese Studie mit einbezogen. Und es gab 4.364.225 Kontrollen aus 29 Ländern. Nur um so eine Idee davon zu geben, warum das Ding die größte genetische Studie heißt. Alter, wie crazy. Was ist das für ein Organisationsaufwand? Ja, ich fand es auch sehr beeindruckend. Ja, krass, krass. Und diese Studie hat 697 genetische Varianten gefunden, von denen bisher 293 unbekannt waren.
Etwa 23 Prozent der Stichprobe hatten nicht europäische Abstammung. Das ist in der Psychiatrie-Recherche leider immer noch relativ selten. Von daher bei der Studie, auch wenn 23 Prozent jetzt nicht viel wirkt, ist es schon ein bisschen mehr fortschrittlich. Wir haben in unserer letzten Folge schon gesagt, dass Depressionen sehr polygen sind. Also quasi die Ausbildung einer Depression nicht von einem Gen abhängt, sondern von vielen Genen, die viele kleine Effekte haben. Und ganz grundsätzlich haben Analysen, die man in dieser Studie gefunden hat, über das Problem.
Die Analysen, die man in dieser Studie gefunden hat, zu den gefundenen Varianten, hängen laut dieser Studie offensichtlich mit dem Thema Synapsen und Signalübertragung zusammen. Also beispielsweise damit, wie Nervenzellen kommunizieren und wie die postsynaptische Dichte quasi aufgebaut ist. Und was sie auch herausgefunden haben, ist, dass bestimmte Nervenzelltypen besonders wichtig sind. Denn diese Genvarianten hängen zusammen mit erregenden und hemmenden Neuronen. Und unter anderem auch mit Aspekten im Striatum. Einige von euch erinnern sich vielleicht an einige der Neurofolgen. Ein Bereich, der sehr wichtig ist für Belohnung und Motivation. Und diese Genvarianten hängen auch zusammen mit Neuronen in der Amygdala und dem Hippocampus, was zu dem passt, was man auch aus der Bildgebung kennt, nämlich dass die Amygdala bezüglich Emotion und Furcht und der Hippocampus in Bezug auf Gedächtnis und Stress sehr eng verknüpft sind mit depressiven Symptomatiken. Ich denke mir gerade, das macht ja auch irgendwie voll Sinn in der Amygdala, weil ja so die Stimmung ja so gedrückt ist. Also ich übersetze es gerade so ins Einfache. Hippocampus dachte ich mir gerade so, Gedächtnis, Stress, Gedächtnisschwierigkeiten.
Bei depressiven Menschen spielt ja auch Stress und so Druck eine Rolle, Schuldgefühle, Belohnung, Motivation ist ja auch so ein Thema. Das ist bei so Studien so oft so, dass man sich denkt, Alter, das macht voll Sinn. Aber natürlich kommt man vorher nicht drauf. Im Nachhinein ist es immer so voll logisch. Ja, voll. Tatsächlich wurden ganz konkrete Gene und biologische Pfade entdeckt in dieser Studie. 308 sogenannte High-Confidence-Gene, also Gene, bei denen man davon ausgeht, dass sie auf jeden Fall Angriffspunkte oder mögliche Ansatzpunkte geben für das Thema Depression. Dazu gehört zum Beispiel CYP7B1. Dieses Gen unterstützt die Neurosteroidsynthese, die mit der Ausprägung von Depressionen zusammenhängt oder auch ein Gen, das mit dem Dopamin-D2-Rezeptor zusammenhängt.
Was, wie wir wissen, mit Belohnung und Motivation zusammenhängt. Themen, die zentral sind für Depressionen. Es ist deswegen so interessant und deswegen wollte ich diese Studie unbedingt vorstellen, weil wenn wir in diesem Bereich weiter forschen und weiter herausfinden, welche Gene quasi zu tun haben und welche Veränderungen in den Genen zu tun haben mit der Ausbildung von Depressionen, dann können wir bestimmte Medikamente zum Beispiel entwickeln, die genau auf diese genetischen Signale einwirken können.
Im Grunde eröffnet die Studie also quasi komplette Drug, also so neue Drug Repurposing Ideen. Es gibt unterschiedliche Medikamente am Markt, die für andere Indikationen gedacht sind, bei denen sich die Wissenschaftler jetzt aber fragen, ob sie vielleicht auch für die Behandlung von Depressionen spannend sein könnten, weil sie genau auf diese Aspekte einwirken, die in dieser Studie eben gefunden worden sind. Ein weiterer interessanter Aspekt dieser Studie waren die sogenannten Polygenic Scores. Also quasi, man kann sich das vorstellen wie eine Zahl, die zusammenfasst, die kombinierten Effekte zusammenfasst, die jemand an genetischen Variationen in sich trägt und die man quasi zusammenrechnen kann, um daraus die Wahrscheinlichkeit für den Auftritt einer bestimmten Erkrankung vorherzusagen. Ah, das heißt, man rechnet zusammen, jetzt zum Beispiel in meinem Fall, wie viele von diesen Genen hätte ich und dann rechnen wir das zusammen und basierend darauf, wie viele da sind, kommt dann eine Prozentzahl raus, die mir sagt, wie anfällig ich gerade für oder generell für Depressionen bin. Ja, genau. Und tatsächlich hat diese Studie ungefähr 5,8 Prozent der Varianz in der Depressionsanfälligkeit bei Europäern erklären können. 5,8 Prozent der Varianz bedeutet quasi, wenn man sich vorstellt, es gibt alle Gründe, die dafür sprechen, dass jemand eine Depression bekommt, sind eine riesige große Pizza. Ein Teil davon ist Genetik, ein Teil davon ist Umwelt, ein Teil davon ist Zufall oder wir wissen es auch einfach nicht.
Und diese Polygenic Scores sind quasi, also mit diesen Polygenic Scores kann man ungefähr 5,8 Prozent dieser gesamten Pizza erklären. Und das ist quasi, es gibt im Grunde einen kleinen Teil, der erklärt, wer gefährdet ist und wer nicht. Deswegen... Liest er sich vielleicht sehr niedrig, zu sagen, es erklärt 5,8 Prozent. Aber wenn man überlegt, wie wenig wir über die Gene wissen, dann sind 5,8 Prozent von dem, was wir erklären können, warum jemand anfällig ist für Depressionen, schon sehr, sehr viel allein auf Basis von Genen. Wichtige Einschränkung an der Stelle, dass diese Polygenic Scores das nur bei Europäern erklären, weil bei nicht-europäischen Gruppen funktioniert zwar dieser Score auch, aber er funktioniert schlechter, weil wir viel zu wenig nicht-europäische Datensätze haben. Dementsprechend kann man darauf basierend diesen Score nicht vernünftig berechnen, weil es nicht repräsentativ ist.
Kommen wir mal wieder weg von diesem sehr komplexen Gene etc. Was genau bedeutet das eigentlich und kommen zu einem im Grunde inhaltlichen Verständnis. Was genau bedeutet denn diese Studie jetzt eigentlich für unser Verständnis von Depressionen? Das eine ist, sie bestätigt im Grunde nochmal, dass Depressionen stark genetisch mitbestimmt sind, aber auf viele kleine Effekte verteilt sind, also auf viele einzelne Gene verteilt sind, auf viele unterschiedliche Varianten verteilt sind. Und dass diese Gen-Varianzen besonders auf das Thema Synapsenfunktion hinweisen, Dopamin und andere Neurotransmittersysteme hinweisen und auf die Amygdala, den Hippocampus und das Striatum. Also im Grunde beweist die Studie, belegt die Studie die bereits bestehenden Aspekte aus Bildgebungsstudien oder auch aus Tiermodellen. Und was super spannend ist daran und deswegen fand ich die Studie so spannend, ist, dass diese genetischen Daten helfen können, unter anderem neue Medikamente zu finden oder eben Repurposing von bestehenden Medikamenten vorzunehmen, um besser zu verstehen, warum manche Menschen auf bestimmte Wirkstoffe zum Beispiel besser ansprechen als andere.
Indem man herausfindet, welche genetischen Variablen bei ihnen beispielsweise vorliegen. Das würde ja dann bedeuten, dass man vielleicht in der Zukunft irgendwann bei Menschen mit Depressionen irgendwie die Gene analysieren könnte und basierend darauf dann die entsprechenden Medikamente auswählt, die auf die verschiedenen Gene wirken.
Ich bin kein Genforscher. Ich finde, das, was du gesagt hast, klingt sehr logisch und sehr erstrebenswert. Und ich hoffe, dass das eines Tages mal so sein wird. Genetik wird natürlich nicht 100 Prozent der Varianz, also 100 Prozent der Pizza erklären können, aber vielleicht irgendwann einen noch größeren Teil davon. Aber es ist auf jeden Fall ein Hinweis darauf.
Dass man vielleicht irgendwann in der Zukunft noch mehr Hinweise dafür bekommt, welche Therapieentscheidungen besser oder schlechter geeignet sind für eine bestimmte Person. Was ich mir auch gerade dachte, was für mich voll Sinn macht, ist, es gibt ja Off-Label-Use. Also manchmal werden Medikamente, die für eine bestimmte Erkrankung gedacht sind, für andere Erkrankungen genutzt. Und ich finde, das erklärt ja, oder es könnte ja erklären, warum eben das manchmal tatsächlich funktioniert. Und ich finde es voll spannend, dass in dem Zusammenhang es ja dann bedeuten würde, dass vielleicht diese Off-Label-Nutzung auf bestimmte Gene gewirkt hat bei depressiven Patienten. Also nur was man vorher halt nicht wusste und jetzt irgendwie damit vielleicht erklären kann. Das finde ich voll spannend gerade. Das wäre zum Beispiel ein Aspekt von Repurposing, von Medication. Ja, genau.
Ich fand es auf jeden Fall super spannend, zumal Depressionen, wie wir in unserer letzten Folge ja schon besprochen haben, eine sehr komplexe und immer noch nicht genügend erforschte Erkrankung ist, obwohl sie so häufig vorkommt. Und was man natürlich auch nicht vernachlässigen darf, in ganz vielen Fällen auch Komorbid verläuft, also mit mehreren unterschiedlichen Parallelerkrankungen dazu, was dazu führt, dass der ganze Krankheitsverlauf noch komplexer wird, die Lebensqualität noch stärker eingeschränkt ist und, manchmal sich daraus auch Verhaltensweisen ergeben, die nicht nur für die Person selbst, sondern auch für ihr Umfeld und andere Menschen potenziell gefährlich werden kann. Und wohin das führen kann, darüber sprechen wir in unserer nächsten Blackbox-Sycrime-Vorangehung.