Manchmal lüge ich ohne Grund. Ich habe keine Angst oder schäme mich für etwas. Ich mache es einfach so und oft auch bei kleinen, belanglosen Sachen. Beunruhigend, wie leicht mir das fällt. Ist das unnormal?

Und damit herzlich willkommen zu unserer neuen Blackbox-Quickie-Rubrik Unnormal. Wir haben so oft Nachrichten von euch bekommen, in denen ihr uns gefragt habt, ob bestimmte Verhaltensweisen oder bestimmte Gedanken normal sind. Und wir sagen es euch, das reicht für ein komplettes Format. Also here we are. Es ist ein komplett neues Format. Also wie gesagt, wir kommen zu regelmäßigen Diskussionen. Der noch so absurdesten ist das Normal-Fragen. Ganz ehrlich, was war das Erste, das du gedacht hast bei dem Satz, ich lüge ohne Grund? Ich habe an meine kleinen Lügen ohne Grund im Alltag gedacht als erstes.

Ich auch. Ich glaube, jeder. Und ich würde es einfach mal behaupten, es kennt doch bestimmt auch jeder diese kleinen, grundlosen Lügen so im Alltag, oder? Oder sind wir jetzt unnormal? Also ehrlich gesagt war mein erster Gedanke auch, ich glaube, ich habe das auch häufiger im Alltag, dass ich manchmal, wenn mich jemand fragt, möchtest du auch einen Kaffee, dann antworte ich, nee, ich hatte schon einen, aber ich hatte noch gar keinen. Also, und ich weiß nicht mal, warum ich das sage. Ich sage das einfach dann in dem Moment und dann ist es aber irgendwie auch zu spät, um zu sagen, ah nee, warte, ich hatte doch noch keinen Kaffee, aber ich will auch keinen. Also, und ich kann mir aber auch nicht, also es ist für mich irgendwie total schwer, mich zu stoppen, weil ich das, ich antworte dann irgendwie schneller, als ich denke. Ja, bin ich ehrlich, finde ich ganz schön fake von dir.

Ich musste dran denken, dass ich sehr oft dazu neige, wenn ich Menschen Dinge erkläre, also vielleicht aus bestimmten Themengebieten, wo ich weiß, da kennt sich diese andere Person jetzt nicht so sehr aus und die stellt mir dazu Fragen, dass ich sehr dazu tendiere, dann die Antworten so stark zu vereinfachen, Dass man es eigentlich auch schon als Lüge bezeichnen könnte, weil ich Dinge halt so erkläre, wie sie eigentlich nicht sind, aber ich tue es so, damit es irgendwie leichter erklärbar ist, sodass die Person es irgendwie im Ansatz versteht und damit es halt für mich leichter ist und ich nicht 10.000 Nachfragen bekomme. Tatsächlich reagieren viele Menschen auf das Thema Lügen ja sehr emotional. Also ich hoffe, dass niemand zuhört, dem du jemals was erklärt hast. Ja, also wenn da jetzt eine Person ist, der ich was, nicht im beruflichen Kontext und auch nicht hier im Podcast, hier ist ja auch der Raum, um sich da Zeit zu nehmen für, aber sollte da eine Person sein, die es jetzt hört und sich denkt, ah, deswegen gibt die manchmal so kurze Erklärungen, fragt dann gerne einfach doppelt nach, dann merke ich es auch selbst und dann erkläre ich euch auch die ganze komplizierte Bandbreite. Ich verstehe aber schon zu fragen, ob das normal ist, im Alltag zu lügen, weil so Begriffe wie unehrlich, falsch, manipulativ ja sehr schnell auftauchen, wenn es um das Thema Lügen geht. Manchmal sogar Ekel vor Leuten, die lügen und ganz oft Schuld.

Und ehrlicherweise, ich kann das auch nachvollziehen, weil ich mir manchmal auch denke, warum habe ich denn jetzt ja gesagt? Ich hätte ja auch nein sagen können. Es hätte überhaupt keinen Unterschied gemacht. Es wäre vollkommen egal gewesen. Und im Grunde finde ich das eigentlich ganz interessant, dass Lügen so stark emotional aufgeladen ist, weil das ja auch sehr stark damit zusammenhängt, wie der Wert von Wahrheit quasi oder von Realität ist. Die viel interessantere Frage ist jetzt ja eigentlich aber, warum machen wir das eigentlich? Warum lügen wir bei kleinen Dingen, die eigentlich völlig egal sind? Ich meine, große Lügen kennen, Um Strafe zu entgehen oder um ein Gespräch einfacher zu machen, im Sinne von, um jemanden nicht zu verletzen, das kennen wir alle. Aber warum sage ich beispielsweise, dass ich schon einen Kaffee hatte, obwohl ich noch keinen hatte?

Oder warum frage ich, wenn meine Mutter nachfragt, bis wann ich gestern gearbeitet habe und es war irgendwie drei Uhr nachts, warum sage ich dann ein Uhr nachts? Das macht ja im Grunde eigentlich nicht so einen Unterschied. Nicht so sehr, aber irgendwie fühle ich mich damit wohler. Das eine ist, dass ehrlicherweise Unwahrheit sehr normal ist. Also vorabgesetzt, Lügen ist kein moralischer Defekt. Es ist ein sehr hochentwickeltes soziales Werkzeug und eine Studie von de Paolo hat tatsächlich gezeigt, dass wir im Schnitt ein bis zweimal am Tag lügen. Das heißt, Lügen ist gar kein Ausnahmeverhalten, wie wir vielleicht immer denken, sondern eigentlich psychologischer Standard. Und wenn wir lügen, leistet unser Gehirn Schwerstarbeit, weil wir auf der einen Seite die echte Information ja aktiv unterdrücken müssen. Also ich muss aktiv unterdrücken, dass ich noch keinen Kaffee getrunken habe und gleichzeitig eine plausible neue Realität erschaffen. In dem Fall relativ simpel, ich hatte schon Kaffee. Das ist im Grunde je nach Komplexität der Lüge kognitiver Hochleistungssport. Und das ist tatsächlich eine der ersten Ebenen, die man in der Psychologie vermutet, warum wir im Alltag bei so kleinen belanglosen Sachen lügen. Wir üben das Lügen an irrelevanten Dingen. Die zweite Ebene, die beschreibt, warum wir lügen, in der habe ich mich sehr wiedergefunden, basierend auch auf meinem ersten Beispiel, was ich hier gerade gebracht habe.

Social Editing. Das bedeutet schlichtweg, dass wir bei Kleinigkeiten total oft lügen, weil die Wahrheit zu kompliziert oder zu langatmig wäre.

Siehe ich, wenn ich jetzt nicht in allen möglichen Ausführungen super hochkomplizierte Dinge erklären möchte, dann tendiere ich dazu, die Rolle des Regisseurs zu übernehmen und quasi die langweiligen Szenen aus diesem Gespräch oder aus diesen Aspekten meines Lebens rauszuschneiden. Das machen wir nicht, um jemanden zu manipulieren, sondern um das Gespräch einfach am Laufen zu halten. Also wir passen die Wirklichkeit quasi an die Anforderungen dieses Gesprächs in diesem Moment an. Ich würde behaupten, das ist keine Lüge und kein Betrug, das ist soziale Intelligenz. Das finde ich eine sehr, sehr interessante Perspektive.

Der dritte Ansatz, warum wir bei Kleinigkeiten lügen, ist im Grunde sowas wie ein Autonomie-Snack, also die Lüge als Freiheit. Gerade in der aktuellen Zeit, in der wir so viele Dinge dokumentieren, unseren Online-Status, den Standort, unser Mittagessen auf Instagram, ist eine kleine, grundlose Lüge manchmal der einzige Ort, der quasi nur noch uns gehört. Das heißt, wenn ich, wie Maxi sage, ich war um eins im Bett oder ich habe bis um eins gearbeitet, aber eigentlich habe ich bis um drei gearbeitet, dann ist das im Grunde auch wie so eine Art kleines Signal an mich selbst, wie ein Beweis, dass meine Informationen immer noch mir gehören, dass nicht alles an mir transparent ist, dass ich quasi ein bisschen Privatheit noch habe, die nur mir gehört. Und da geht es gar nicht so sehr darum, die andere Person zu täuschen. Also es geht viel weniger um die andere Person als um uns selbst. Denn in dem Moment erinnern wir uns daran, dass wir diejenigen sind, die unsere eigene Geschichte schreiben und die nicht einfach nur protokollieren quasi, was um uns herum passiert und immer quasi wiedergeben müssen, was wir alles so gemacht haben, sondern dass wir auch Seiten in unserem Leben kennen wollen und dürfen, die niemand anders je lesen wird.

Und das finde ich persönlich irgendwie eine ganz charmante Perspektive, dass wir das auch manchmal machen, um Geheimnisse mit uns selbst zu haben. Das finde ich auch eine sehr schöne Perspektive irgendwie darauf. Vielleicht ist das auch mit ein Grund, warum ich eins sage und nicht drei. Was ich noch total spannend finde, gerade in Bezug darauf, welche Rolle Lügen in unserem Leben spielt und was das auch mit uns macht.

Studien haben gezeigt, dass Menschen, die überhaupt nie lügen und nie Informationen zurückhalten, dass die oft sozial ungeschickt wirken oder sogar eben im Sozialkontakt sehr verletzend sein können.

Bedeutet, wie ich vorhin gesagt habe, es ist ein Ausdruck sozialer Intelligenz, diese kleine Lüge reguliert unser gemeinsames Leben, unser Miteinanderleben. Vielleicht sollten wir also aufhören, so kleine grundlose Lügen als defekte zu sehen. Und vielleicht könnten wir sie als so eine Art Kompliment an unsere eigene menschliche Fantasie betrachten. Ich glaube, ich werde das in Zukunft versuchen für mich selbst so zu betrachten, solange ich mir diese kleinen, komplett unnützen White Lies erlaube. Wenn ihr euch hier also jetzt wiedergefunden habt, dann wisst ihr jetzt, es ist vollkommen normal und wenn ihr mehr über die Abgründe und Feinheiten unserer Psyche erfahren wollt, dann abonniert gerne unseren Podcast und aktiviert die Glocke. Dann verpasst ihr keine neue Folge mehr. Schreibt uns gerne eure Ist-das-eigentlich-Normal-Fragen in die Kommentare oder nutzt die anonyme Q&A-Funktion. Wir lesen auf jeden Fall alles mit. Was glaubt ihr, warum habt ihr...