Hand aufs Herz. Als du gehört hast, dass das Vorzeigeprojekt deiner perfekten Kollegin krachend gegen die Wand gefahren ist oder als dieses makellose Power-Couple auf Instagram die Trennung bekannt gab, was war dein erster Impuls? War es Mitleid? Oder so ein kurzes, sogar freudiges Gefühl? Ein tiefes Einatmen, fast wie ein Sieg, obwohl du gar nicht mitgespielt hast. Es ist doch so. Wir tun so, als wären wir bestürzt, aber innerlich bestellen wir uns den nächsten Shampoos. Dabei ist das doch wirklich unerhört.
Babsi, was war dein erster Gedanke, als ich diesen Start dieser Folge vorgelesen habe? Ich musste an eine Unterhaltung denken, die ich vor zwei Tagen mit Freunden von uns hatte, bei denen ich unser neues Format vorgestellt habe. Und dann haben sie gefragt, worum geht es denn da so? Und dann habe ich gesagt, zum Beispiel um sowas wie jemand anders ist gescheitert und ich lieb's. Und ich musste gerade an die sehr heiße Diskussion denken, die daraufhin am Tisch losgegangen ist, bei der manche von den Personen der Meinung waren, dass es vollkommen normal ist, das zu empfinden und dass man das auch so aussprechen kann. Und andere Leute der Meinung waren, dass das gar nicht geht und dass sie sowas normalerweise nicht empfinden und dass man sowas auf gar keinen Fall jemals sagen könnte. Und ehrlicherweise musste ich gerade daran denken, weil ich in dem Moment dachte.
Wirklich glaube ich ein Thema, das Menschen in mindestens zwei Lager teilt. Ich habe tatsächlich bei meiner Familie die gleiche Reaktion beobachtet. Ich habe auch einige der nächsten Unerhört-Folgen quasi gedroppt. Und ich glaube, wir haben wirklich eine Stunde lang diskutiert an diesem Tisch. Das heißt, an alle Hörer freut euch, was noch kommt. Und auch, dass sie es gescheitert und ich lieb's, hat, ich würde sagen, zu 60, 70 Prozent schon die Reaktion gehabt, ja, kenne ich, hatte ich schon mal, aber auch zum kleinen Teil zu, das darf nicht, so, das ist ja was... Was macht es denn für einen schlechten Menschen aus dir, wenn du dich über das Scheitern von anderen Menschen freust? So, weißt du, sowas. Es hatte sowas sehr Wertendes. Ich muss gestehen, dass ich, meine erste Empfindung dabei war eine sehr starke innere Zerrissenheit, weil ich nicht zugeben möchte, dass ich sowas auch schon gedacht und empfunden habe. Ein Teil von mir weigert sich mit Händen und Füßen. Also wirklich, dieser Teil von mir kreilt sich gerade am Türrahmen fest, während ich versuche, ihn nach draußen zu ziehen. Und er so, nein, das können wir nicht sagen. Ich kann nicht ins Licht. Wirklich so, nein, es brennt.
Und der andere Teil von mir ist so, naja, aber das empfinden, glaube ich, alle, oder? Also es ist wirklich, ich fühle mich innerlich sehr zerrissen. Bei dem Gedanken zuzugeben, dass auch ich mich schon so gefühlt habe und dass auch ich das schon gedacht habe, weil es moralisch so verwerflich ist und in unserer Gesellschaft ja auch so tabuisiert wird, sich gut zu fühlen, wenn jemand anders scheitert. Ja, ich muss sagen, dass ich komischerweise diesen Teil, das ich am Türrahmen festgehalten habe, bei dieser Fragestellung nicht habe oder bei diesem Unerhört nicht habe. Es kommen sicherlich einige ohne Hertz noch, wo ich das ganz dolle habe. Ich kenne es von mir ganz stark von diesem Instagram-Kontext. Ich habe mich sehr ertappt gefühlt, als ich hier das aufgeschrieben habe, das makellose Power Couple auf Instagram gibt, die Trennung bekannt. Oder, was mir jetzt auch einfällt, noch das Clean Girl kriegt es auch mal nicht hin oder sowas. Oder so die Person, die ständig komplett aufgeräumtes Zuhause hat, was mir immer auch so einen Druck gibt von wegen, oh Gott, mein Zuhause sieht nicht so aus. Ich glaube, da kennen es viele auch, dass es erleichternd ist zu sehen, dass es bei denen auch nicht immer so aussieht und ich würde sagen, das passt vielleicht nicht so in die Unerhört-Folge heute jetzt rein aber so dieses so Pärchen, wo du dir denkst.
Also ihr seid ja jetzt ja wirklich, ihr macht ja so ein auf rosa-rote Brille, dass es ja fast schon nervt. Und da habe ich schon die Momente gehabt, die haben sich dann getrennt und ich war so, aha, ja, ich wusste es.
Und diesen Teil, den habe ich auf jeden Fall. Und der zeigt sich vor allem im Instagram-Kontext bei mir. Ich habe das tatsächlich in Kontexten mit Leuten, die ich nicht gut kenne. Also bei Instagram. Instagram ist, finde ich, so das Offensichtlichste, weil es Social Media ist. Und ich glaube, da ist es irgendwie auch so, dass man die Person auch noch nie, auch nur live gesehen hat oder so. Aber an sich habe ich das, wenn dann mit Menschen, die keine enge Beziehung zu mir haben, bei denen ich das Gefühl habe, dass die so perfekt sind, dass es mich nervt. Weil ich dann häufig mich selbst mit dieser Person vergleiche und mir denke, es kann doch nicht sein, dass du in allen Bereichen immer alles so absolut optimal, das macht mich wahnsinnig, weil ich dann selber denke, wieso bin ich nicht so? Ja, und was mir gerade auch noch einfällt, wenn du das so sagst, Menschen, auf die ich halt grundsätzlich irgendwie vielleicht Neid empfinde, weil ich irgendwie das haben will, was die haben oder das machen will, was die machen oder so weit sein will, wie die sind oder so, da habe ich es ganz stark und da ist auch egal, ob die auf Instagram sind oder ob ich die irgendwie im privaten Kontext irgendwie mal gesehen, kennengelernt habe.
Da habe ich es ganz stark, dass mich das Scheitern dieser Personen anbietet. Das gibt mir dann, ja, Erleichterung, Erheiterung, nenn es wie du möchtest, aber das gibt mir ein gutes Gefühl. Mich erleichtert es meistens. Also ich finde es selten witzig, aber oft erleichternd, weil ich dann irgendwie oft denke, ja okay, bei denen klappt auch nicht alles. Dann muss bei mir auch nicht immer alles klappen. Und ich finde das selber ganz unangenehm von mir selbst, das zuzugeben und zu sagen, ja, es ist so, weil ich natürlich an mich selber die Erwartung habe, mich nicht darüber zu freuen, wenn jemand anders bei irgendwas scheitert, weil das nicht in mein Selbstbild passt. Ich möchte nicht so ein Mensch sein, was auch immer so ein Mensch ist. Es ist schon wieder so, man merkt, wie tabuisiert das ist. Ich möchte so etwas nicht denken. Ich möchte anderen Menschen eigentlich was Gutes wünschen und mich nicht darüber freuen, wenn sie irgendwas nicht erreichen, worüber sie sich freuen. Und gleichzeitig ist es aber zutiefst menschlich, dass wir uns manchmal darüber freuen, wenn jemand anders scheitert, weil es, seien wir ehrlich, es ist so eine richtige Abkürzung, dass wir uns schnell besser fühlen. Wenn jemand anders scheitert, der ansonsten perfekt aussieht, weil ich finde, das macht es am allerschlimmsten, dann hat man selber das Gefühl, wenn der nicht perfekt ist, muss ich es auch nicht sein. Weil ich finde, wenn man so perfekte Leute um sich herum sieht.
Löst das so einen Druck aus, dass man selber nicht reicht, dass man selber nicht gut genug ist und es entlastet mich wahnsinnig doll, wenn ich das dann sehe. Und gleichzeitig fühle ich mich schlecht dafür. Ja, weil wer eigentlich sonst, oder zumindest habe ich das bei mir so, dass ich eigentlich sonst so den Anspruch an mich habe, anderen irgendwie Dinge zu gönnen oder eben, wie du gesagt hast, Gutes zu wünschen und ich dann aber merke, dass ich das da nicht mache. Jetzt haben wir so uns ein bisschen exposed und ich bin mir aber ganz sicher, dass ihr, die ihr zuhört, dass ihr das auch schon mal hattet. Denn es ist auch wissenschaftlich total nachvollziehbar, dass wir das machen. Es machen wir alle. Unser alter Freund Leon Festinger hat schon 1954 die Theorie der sozialen Vergleichsprozesse aufgestellt. Die erklärt, warum wir erleichtert sind, wenn andere scheitern. Diese Theorie zeigt auf, dass unser Selbstwertgefühl eben kein fester Wert ist, den wir halt einfach so stabil in uns tragen, sondern wir bestimmen unseren Selbstwert fast ausschließlich über den Vergleich mit anderen.
Das heißt, wenn ein Mensch, den wir als überlegen wahrnehmen, wenn dieser Mensch quasi fällt, dann... Für uns, empfundenermaßen, steigen wir in unserer inneren sozialen Hierarchie, also rein rechnerisch, wir steigen ein Stück auf, ohne dass wir irgendwas machen mussten. Und so wie du es gerade gesagt hast, das Scheitern des Anderen ist nach dieser Theorie die Abkürzung für ein besseres Selbstwertgefühl. Daraus ergeben sich für mich gleich zwei Dinge. Erstens, wenn ihr das nächste Mal mitbekommt, dass jemand anders Schadenfreude empfindet oder euch das gönnt, wenn was nicht funktioniert oder was nicht klappt, dann nehmt es als Kompliment, denn es bedeutet, dass die Person der Meinung ist, dass ihr in der sozialen Hierarchie in diesem Punkt überlegen seid.
Also das kann man durchaus als Kompliment mitnehmen. Und wenn ihr selbst das nächste Mal euch so fühlt, und dieser Gedanke geht auch raus an mich, wenn ich mich das nächste Mal so fühle, seid ein bisschen netter mit euch. Es ist ein normaler sozialer Mechanismus. Und nur weil ihr diesen Gedanken für einen Moment lang habt, heißt das nicht, dass ihr irgendwie ein schlechter Mensch seid oder so. Sondern es liegt in der Natur der menschlichen Psyche, sich über den Vergleich zu definieren. und wenn wir im Vergleich zu jemand anderem besser abschneiden, dann freuen wir uns natürlich. Und das hat viel mehr mit uns selbst zu tun, als mit der anderen Person. Was ich super spannend fand, ich habe mir in dem Kontext dann auch so ein bisschen die neurobiologischen Aspekte angeschaut.
Und da gibt es eine Studie. Kennst du so Studien, wo du dir denkst, das kann doch nicht wahr sein. Oh mein Gott. Das hat die Studie in mir ausgelöst. Die Psychologin Mina Chikara von der Harvard University hat die Gehirnaktivität von Menschen untersucht, während sie sahen, wie Personen, die sie zuvor als beneidenswert oder überlegen eingestuft hatten, Misserfolge erlitten.
Und dabei hat sie eben die Gehirnfunktion überprüft, überwacht. Und das Ergebnis war, in den Gehirnen der Beobachter, die also gesehen haben, wie überlegene Menschen vielleicht fallen, feuerte das ventrale Striatum, was mit unter anderem das Belohnungszentrum ist, also derselbe Bereich, der aktiv wird, wenn wir Zucker essen, Geld gewinnen oder Sex haben. Das heißt, wenn einfach wirklich Menschen scheitern und wir die vorher als Überlegen wahrgenommen haben, dann ist das eine neurobiologisch eine Belohnung für uns.
Ich finde es mind-blowing. Ja, mir tut es weh. Also ja, ich finde es auch, aber es löst ein bisschen Schmerz in mir aus. Zumal, wenn man berücksichtigt, dass laut dem Sozialpsychologen Richard Smith dieser Effekt besonders dann sehr stark ist, wenn wir der Person gegenüber vorher Neid empfunden haben. Denn Neid tut weh, vor allen Dingen in unserem Selbstbild. Und das Scheitern der Person, die wir beneiden, ist wie so ein Schmerzmittel. Es ist wie so eine Art kosmische Gerechtigkeit in unserer subjektiven Wahrnehmung, weil wir natürlich immer versuchen, uns selbst gut zu fühlen. Und wenn jemand anders durch etwas, das er hat, das wir nicht haben, dazu beiträgt, dass wir uns schlechter fühlen und die Person dann scheitert, dann fühlt sich das wieder fair an für unser Gehirn. Und es ist wirklich, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr dieser Teil in mir drin, dieser Türrahmen, wird nicht losgelassen. Es tut weh. Es ist mir so unangenehm wirklich. Ich kann es nicht zugeben. Ja.
Dennoch, kannst du jetzt bei deinem Teil sagen, dass er bitte sehr gut jetzt zuhören soll. Diese dunklen Gedanken sind nämlich kein Zeichen eines verdorbenen Charakters. Sondern einfach nur ein Resultat von unserem Leben in einer Welt, wo uns ständig Optimierung und Perfektion gepredigt wird. Und da ist es einfach so, dass das Scheitern von anderen für uns wie so ein Sicherheitsventil ist. So ein Wissen, okay, die anderen sind auch nicht so perfekt. Die schaffen auch nicht alles, was sie sich vornehmen. Ihr Leben ist nicht immer rosarot und wundervoll, sondern auch da hat dieses Bild der Perfektion Risse. Und ich würde sogar sagen, wir hassen dabei wahrscheinlich gar nicht die Person beziehungsweise wir.
Freuen uns gar nicht so sehr über vielleicht eine Traurigkeit oder eben Scham oder was weiß ich von dieser Person, die gescheitert ist, sondern wir hassen den Druck, den ihre vermeintliche Makellosigkeit auf uns ausübt. Das heißt, eigentlich hat es gar nichts mit dieser Person zu tun, sondern vielmehr mit dem Druck, der dadurch auf uns liegt. Das werde ich mir auf jeden Fall gedanklich mitnehmen fürs nächste Mal, dass ich mich so fühle und mich dann hart dafür verurteile.
Hattet ihr diesen Gedanken auch schon mal? Dieses Gefühl von, ich liebe es, wenn die Fassade von jemand anderem bröckelt. Schreibt uns gerne in die Kommentare, wann ihr diese Erfahrung gemacht habt. Oder nutzt das anonyme Q&A-Tool, wenn ihr euch nicht traut, das öffentlich zuzugeben in den Shownotes. Wenn ihr noch mehr tiefere Blicke in die menschliche Psyche oder auch in unerhörte Gedanken haben wollt, dann abonniert den Podcast, aktiviert die Glocke und verpasst keine Folge von Unerhört oder Unnormal, wo wir darüber sprechen, ob manche merkwürdigen Dinge in unserem Leben normal sind.