Stell dir vor, du bist Lungenfachärztin. Du hast heute fünf Patienten erklärt, dass ihre Tumore vom Rauchen kommen. Du hast die Röntgenbilder gesehen. Zehn Minuten später stehst du am Hinterausgang des Krankenhauses, ziehst gierig an deiner Zigarette und denkst, ich brauche das jetzt zur Entspannung. Bei mir ist das was anderes. Du weißt es besser. Du siehst das Elend jeden Tag. Und du tust es trotzdem. Ist das unnormal?

Maxi, was ist das Erste, was du gedacht hast bei dieser Frage? Ich finde es überhaupt gar nicht unnormal. Ich habe erst vorgestern mir die absolut fettigste Pizza reingeschoben, die ich hier im Umkreis bekommen kann. Obwohl ich gerade voll gut im Ernährungs- und Sportgame bin und voll gut im Flow bin und da schaue, dass es mir gut geht und dass ich mich gesund ernähre. Und dann hatte ich hier sturmfreie Bude, war alleine, hatte Grey's Anatomy an und war so, ja. Ich weiß, dass es schlecht für mein Herz ist. Ich weiß, dass das vollkommen konträr zu dem ist, was ich eigentlich gerade die Rest der Woche durchziehe. Und dass ich auch einfach eine andere Pizza hätte bestellen können, die vielleicht nicht so fettig ist. Aber dieser eine Pizzalieferservice ist mein absoluter Lieblingspizzaservice. Diese Pizza, die schmeckt einfach nur nach Fett und ich liebe es. Und ich weiß es besser. Und trotzdem habe ich diese Pizza genossen.

Also ich finde es gar nicht unnormal, weil es würde bedeuten, dass ich auch unnormal bin. Und ich glaube, wenn ich jetzt mal so über anderem nachdenke, jeder, den ich kenne, macht Dinge, die nicht gut für ihn sind oder macht Dinge, obwohl er sie besser weiß. Jeder Einzelne. Ja, ich kann da nur zustimmen. Ich habe mich bei unserer Intro tatsächlich selber sehr ertappt gefühlt, denn diese Folge basiert auf einer Frage aus unserer Community. Da ging es zwar nicht um Lungenfacharzt sein, aber im Grundkern darum, ist das normal, dass ich das mache, obwohl ich weiß, dass das doof ist? Und auch ich würde diese Frage mit Ja beantworten. Ja, es ist normal, dass wir Dinge tun, die wir besser wissen, auch wenn wir, Also wie gesagt, auch wenn wir wissen, dass das doof ist. Ich gehöre zu den Leuten, die sich regelmäßig morgens vornehmen, früher aufzustehen, um entspannter in den Tag zu starten. Weil ich weiß, dass es für meine mentale Gesundheit wahrscheinlich besser wäre, wenn ich nicht mit einem Kaffee in der Hand völlig abgehetzt, und irgendwie, weiß ich nicht, kurz Schminke ins Gesicht geklatscht und irgendwas angezogen vor dem Bildschirm erscheinen würde.

Also ich glaube, es wäre besser für mich, so wie ich es mir manchmal vornehme, morgens in Ruhe aufzustehen, ich frühstücke was total Gesundes, bla bla bla bla bla, weil ich weiß, dass es mir dann besser geht. Wenn ich das mache, fühle ich mich immer besser. Ich starte immer besser in den Tag, ich bin produktiver, ich bin glücklicher und trotzdem mache ich es oft genug nicht. Und dann fühle ich mich schlecht, weil ich denke, warum bin ich so inkonsequent, warum bin ich irgendwie auch so blöd zu mir selber, weil ich würde mir das Leben viel einfacher machen, wenn ich nicht immer so abgehetzt zum Beispiel wäre, sondern einfach mal 20 Minuten früher aufstehen würde. Herrgott, nochmal. Aber ich tue es halt nicht. Obwohl ich weiß, dass es dumm ist.

Und das war das Erste, woran ich denken musste, dass ich da, ich struggle im Moment damit. Das ist gerade ein Thema bei mir. Warum stehe ich morgens nicht einfach mal 20 Minuten früher auf? Ich weiß doch besser, dass es gut für mich ist. Ich weiß doch, dass es mich nerven wird, dass ich gestresst bin. Ich weiß, dass ich schlechtere Laune haben werde, den ganzen Vormittag, nur deswegen. Und ich tue es trotzdem nicht. Und vor allem, es ist ja auch nicht nur bei so Alltagssachen, wie wir jetzt haben, sondern ja auch, wenn man zum Beispiel irgendwie krank ist. Also bei mir ist zum Beispiel so, wenn ich krank bin und es geht mir aber nicht so schlecht, dass ich mich wirklich nicht bewegen kann. Ich wusle hier im Haus rum. Ich wusle in der Wohnung rum. Ich mache hier das, ich mache das. Ich gehe vielleicht mit dem Hund spazieren. Und ich weiß, dass es absolut dumm ist. Und jeder andere, der das machen würde, würde ich ihm sagen, sag mal, hackt es eigentlich. Du solltest deinem Körper ein bisschen Pause gönnen. Und ich weiß, dass ich das sollte. Tue ich es? Nein. Geht es mir drei Tage später dann noch schlechter? Ja. Oh Gott, ich musste gerade, ich hatte einen ganz unangenehmen Flashback. Ich hatte vor, ich glaube vor sieben Jahren oder so, hatte ich eine atypische Lungenentzündung, nachdem ich eine Kehlkopfentzündung und eine Bronchitis hatte. Also ich habe quasi wirklich einmal alles mitgenommen, was man so mitnehmen konnte. Ich glaube, ich war in Summe acht Wochen krank. Wer hat mit einer asymptomatischen Lungenentzündung, weil er sich wirklich nicht so krank gefühlt hat, die Wohnung umgeräumt?

Ich. Ich. Ich habe Kleiderschränke ein- und ausgeräumt, habe sie durch die Gegend geschoben, weil ich dachte, du, so viel freie Zeit wirst du lange nicht mehr haben. Und es war so dumm. Und während ich das gemacht habe, dachte ich, Mann, Babsi, das ist richtig dämlich. Und gleichzeitig wollte ich aber gerne, dass, also ich wollte es aber gerne machen und ich wollte mir selber glauben, dass es mir gar nicht so schlecht geht, weil ich diese Zeit hatte, die Wohnung umzuräumen und ich wollte das schon so lange machen und ich hatte so lange keine Zeit dafür. Und ach Gott, ich hab dieses und jedes Mal denke ich mir Mann, die Lüge, die du dir selber gerade erzählst du erzählst sie wirklich gut und ich würde sie dir wirklich gerne glauben, aber sie ist Quatsch und dann hab ich in mir drin so wie zwei Figuren die sich miteinander darüber streiten, was ich da gerade tue, es ist, a hell of a ride gefühlt Wenn du dann bei sowas ertappt wirst vielleicht von deinem Mann oder sonst irgendwas oder von sonst irgend wem, wie geht's denn dir dann? Das kommt auf das Level an. Also es gibt Sachen, die kann ich dann nach außen irgendwie noch verargumentieren. So was wie ja, kann ja sein, aber also zum Beispiel, ach ich weiß nicht, wenn ich mir vorgenommen habe, keine Softdrinks mehr zu trinken für zwei Wochen und dann kommt mein Mann runter und ich habe da eine Cola-Dose in der Hand.

Und ich habe vorher noch so rumgetönt, weißt du, ich trinke das jetzt nicht mehr, ist richtig giftig. Und dann kommt er runter und ich sitze dann da ganz genüsslich mit meiner Cola-Dose, da das erste, was ich empfinde, ist Scham.

Am besten hast du ihm vorher noch gesagt, wie ungesund es ist und dass er es lassen soll. Ja, dann schäme ich mich. Und dann kommt aber so 50-50, entweder gestehe ich das direkt ein und Und sage, ja, okay, also irgendwie, also dann verteidige ich es weder vor mir selbst noch vor der anderen Person und gebe mich meiner Niederlage hin, dass ich quasi mit mir selbst gestritten und verloren habe und ich mich sowieso schlecht gefühlt habe, während ich sie getrunken habe und gleichzeitig wollte ich sie aber trinken. Und dann gebe ich einfach zu, dass ich das gerade einfach gewinne. Gemacht habe und dass es falsch war. Manchmal gewinnt aber auch dieser argumentative Teil in meinem Kopf und dann sage ich sowas wie ja, also ich weiß nicht, ich hatte gerade irgendwie so ein bisschen auch mit Kreislauf und so und da ist ja Cola auch mega gesund und bla bla bla.

Wie low! Wegen Zucker und zu Koffein, weißt du? Oder ich sage so Sachen wie ja, ich habe das um zwei Wochen verschoben weil ich brauche gerade irgendwie diesen Energy Boost und Kaffee hat mir nicht geholfen oder sowas, weißt du?

Ich fühle es vollkommen. Ich habe es gleich mit Energydrinks. Dann sage ich, nee, sonst mache ich nicht mehr. Und wenn ich dann dabei erwischt werde, dann sage ich, ich habe halt heute Nacht auch nur vier Stunden geschlafen. Oh mein Gott, ja. Was soll ich denn machen? Ja. Ja. Ja, also es kommt immer ein bisschen drauf an, wie ich dann damit umgehe. Tatsächlich haben sich bestimmt viele von euch schon dabei ertappt und das Ganze, was wir empfinden, dieses innere Gefühl von Widerspruch, diese Unruhe, nennt man auch Dissonanz. Und das ist also quasi der Moment, in dem man sich selber beim Lügen zuhört und hofft, dass man die eigene Lüge glaubt, damit der Druck im Kopf nachlässt. Wir sind selber Weltmeister darin, Ausreden zu erfinden, die so genial sind, dass wir uns diese Ausrede selber abkaufen. Oder wenn die Ausreden so richtig dumm sind, können wir die trotzdem glauben. Ja, also brillant in welcher Art auch immer. Die Frage ist, warum sind wir denn so? Und da kommt die psychologische Wissenschaft ins Spiel. Der Sozialpsychologe Leon Festinger hat 1957 nämlich das Konzept der kognitiven Dissonanz begründet, mit der ich seitdem sehr viele Verhaltensweisen von mir selbst erkläre, damit ich sie einfach abtun kann. Wir sind gute Freunde.

Psychologisch gesehen ist das, was in dem Moment in unserem Kopf passiert, eine kognitive Zerreißprobe, weil wir tatsächlich echten, manchmal sogar gefühlt physischen Schmerz in unserem Gehirn empfinden, wenn unser Handeln nicht zu unserem Wissen passt. Der Moment, in dem wir uns zum Beispiel eine Zigarette anzünden, obwohl wir wissen, dass das Lungenkrebsrisiko immens steigt. Und der Grund dahinter ist, dass wir uns selber als vernünftige Wesen sehen wollen. Wir wollen quasi von uns selbst sehen, dass wir kongruent, also im Fluss mit uns selbst handeln. Wenn wir das nicht tun, indem wir etwas tun, das wir eigentlich besser wissen, brechen wir quasi dieses Bild. Und ich habe häufig den Gedanken, oh Gott, ich bin so ein Heuchler oder oh Gott, ich fühle mich so schlecht, ich bin so ein, weiß ich nicht, so undiszipliniert oder was auch immer. Und genau da... Beginnt eigentlich der interessanteste Teil von kognitiver Dissonanz, weil wir dann quasi anfangen, uns unterschiedliche Schutzmechanismen an die Hand zu nehmen, mit denen wir uns dann besser fühlen. Es gab von Festinger eine super interessante Studie zu dem ganzen Thema kognitive Dissonanz, bei der Probanden eine super langweilige Aufgabe machen mussten. Und dann wurden sie danach bezahlt, um den nächsten Teilnehmern zu sagen, dass die Aufgabe super viel Spaß gemacht hat.

Die Gruppe, die sehr viel Geld dafür bekommen hat, nämlich 20 Dollar, hatte gar kein Problem. Die wussten, sie lügen für Geld. Und dann gab es keine innere Dissonanz, also keinen Widerspruch, weil 20 Dollar sind viel Geld. Die Gruppe, die aber nur einen Dollar bekommen hat, hatte ein Problem. Für einen Dollar lügt man doch andere Leute nicht an, oder? Das passt irgendwie nicht zum Selbstbild eines ehrlichen Menschen. Übrigens, kleine Side-Note von meiner Seite, da soll noch mal jemand sagen, wir wären nicht alle käuflich.

Hach so. Aber ich war auch gerade so, für 20 Dollar hieß sie. Das Ergebnis dieses Experiments war, dass die Eindoller-Gruppe sich hinterher eingeredet hat, dass die Aufgabe ja eigentlich gar nicht so langweilig gewesen ist. Sie haben also ihre Einstellung geändert, damit sie ihr Verhalten vor sich selbst rechtfertigen können. Lange Rede kurzer Sinn, unser Gehirn findet Widersprüche viel schlimmer als die Wahrheit. Das heißt, wenn wir unser Verhalten nicht ändern können oder nicht ändern wollen, dann ändern wir einfach unsere Überzeugung, siehe, ja, also, ähm.

So schlecht sind Softdrinks eigentlich gar nicht. Oder ab und zu darf man die schon mal trinken. Oder unsere Wahrnehmung der Realität. Ich habe letzte Nacht auch nur vier Stunden geschlafen. Was soll ich denn sonst machen? Ist so. Und das ist tatsächlich einfach eine Überlebensstrategie, damit wir uns in unserem Selbstwert nicht ganz so unsicher fühlen. Jetzt ist es aber ja total widersprüchlich, dass ja jeder von uns das macht. Also ich würde es einfach mal wirklich soweit gehen, jeden einzuschließen. Und trotzdem schreien wir als Gesellschaft ständig so, sei authentisch und sei real, wenn wir jetzt mal im Trash-TV bleiben, sei nicht fake. Und wir werten Menschen sofort ab, die A sagen und B machen. Und Integrität halten wir für den absoluten idealen Normzustand. Und das ist so widersprüchlich, weil wir ja eigentlich wissen, dass totale Konsistenz eine absolute Illusion ist. Es ist absolut unnormal zu glauben, dass Menschen immer rational handeln und immer nach dem eigenen Wissen handeln. Und die Erwartung, dass unser Wissen immer direkt zu unserem Handeln führt, also dass wir da so eine Kausalität immer herstellen können, das ignoriert einfach komplett unsere Neurobiologie, unsere Emotionswelt. Also unsere, zum Beispiel eben diese kognitive Dissonanz, die wir alle verspüren. Und ich würde mal behaupten, wer behauptet, er habe nie kognitive Dissonanzen, ist immer total integer und immer total real.

Dem würde ich sagen, ich glaube, dass du vielleicht nicht lügst, aber du bist bestimmt richtig gut darin, die Sachen zu verdrängen und sie nicht zu bemerken.

Ja, ich glaube nämlich, wir lassen unser Gewissen einfach nicht immer gewinnen. Manchmal gewinnen unsere Emotionen, manchmal gewinnen unsere niederen Bedürfnisse und das ist in Ordnung. Habt ihr den Moment von Cognitiva Dissonans heute auch schon gehabt? Diesen kurzen Moment, bei dem man sich denkt, ich weiß, dass das gerade dumm ist, aber ich mache es trotzdem? Dann seid nicht ganz so hart mit euch. Wenn euch diese Folge geholfen hat, das nächste Mal ein bisschen gnädiger mit eurem widersprüchlichen Gehirn umzugehen, dann abonniert den Podcast, aktiviert die Glocke, damit ihr die nächste Folge nicht verpasst und schreibt mal in die Kommentare, was ist eure Lieblingsdissonanz? Wo wisst ihr es besser, aber macht es trotzdem. Schaut außerdem gerne in unsere Show Notes, da haben wir eine Q&A-Frage für euch. Wir würden uns ja sehr freuen, wenn ihr da zahlreich abstimmt. Und hört auch gerne in unsere anderen kurzen Folgen, nämlich Unerhört, rein. Denn da sprechen wir über Gedanken, die wir niemandem erzählen können.