Stell dir vor, du scrollst durch die News. Ein schweres Unglück, eine Gewalttat, ein prominenter Todesfall. Während dein moralischer Kompass wie schrecklich flüstert, klickt dein Finger bereits auf die Bildergalerie. Du suchst nach Details, nach dem Wie, nach der Schwere. Du spürst diesen dunklen, fast elektrisierenden Sog der Neugier. Und im nächsten Moment diesen Stich Scham, weil du eigentlich traurig sein müsstest, aber stattdessen starrst. Dabei ist das doch wirklich unerhört.

Und damit herzlich willkommen bei Blackbox. Wir sprechen über die Faszination für das Ende oder den Tod anderer Menschen. Und allein das auszusprechen hört sich unerhört an oder fühlt sich unerhört an. Ja. Ja. Maxi, wir müssen reden. Ja. Hand aufs Herz. Ja. Hattest du diesen Gedanken oder diese Empfindung schon mal, dass dich der Tod anderer Menschen fasziniert hat? Ich glaube, dass diese Frage ein bisschen, ich sag's mal ganz provokant überflüssig ist bei uns beiden. Denn Blackbox war ja sehr lange ein Psychologie-True-Crime-Podcast. Das heißt, eine gewisse Faszination für solche Geschichten, die muss ja bestehen bei uns beiden, Sonst hätten wir uns ja nicht, ich glaube, es waren ja jetzt dann wirklich über vier Jahre, mit diesen Thematiken beschäftigt. Von daher würde ich sagen, ich als auch immer noch großer True-Crime-Dokumentationsfan, natürlich kenne ich das. Und natürlich faszinieren mich die Dokumentationen, die ich da angucke, faszinieren mich da sehr krasse, sehr aufsehenerregende Fälle. Ich bin jemand, ich schaue dahin.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich vor dieser Folge sehr lange darüber nachgedacht habe, wie das bei mir ist. Weil ich weiß, wir haben ganz viel über True Crime Fälle gesprochen, aber die Frage ist für mich ein bisschen tiefer, weil fasziniert mich daran der Tod von jemandem oder fasziniert mich alles, was vor dem Tod passiert ist? Ah, ja. Bei mir ist es, ich glaube, bei mir ist es wirklich mit, es ist nicht nur das, aber es ist auch der Tod. Ich war auch als Kind schon, habe ich sehr viel Interesse gehabt an so.

Wenn es so Katastrophenberichte gab oder so, oder wenn es zum Beispiel so Geschichten wie Fukushima oder der Tsunami in Thailand, das sind ja zum Beispiel dann keine True-Crime-Dinge, Aber ich weiß noch, dass auch solche Naturkatastrophen, wo Menschen zu Tode gekommen sind, mich sehr fasziniert haben. Und ich weiß auch noch früher, dass wenn ich gehört habe, dass da niemand gestorben ist, mein Interesse daran als junge Person irgendwie weniger stark war, als wenn dabei viele Menschen gestorben sind. Das fühlt sich ganz schlimm an, das zu erzählen. Aber genau so war es für mich. Also nicht nur to crime, sondern auch generell Katastrophen haben mich irgendwie da schon immer fasziniert. Ja, ich verstehe, was du meinst. Und mir ging es auch so tatsächlich. Ich erinnere mich auch an diese Naturkatastrophen, beziehungsweise an den Tsunami. Und daran, dass es mich interessiert hat und ich mich gleichzeitig schlecht gefühlt habe dafür, dass es mich interessiert hat, schon als Kind. Also ich habe mich auch geschämt dafür gleichzeitig, dass ich es so interessant fand. Und ich weiß auch noch, dass meine Eltern zu mir gesagt haben, warum interessiert dich das so?

Boah, fühle ich. Und ich konnte ja nicht sagen, weil ich den Tod interessant finde. Also das ist ja, stell dir mal vor, dein Kind sagt das zu dir. Oh Gott. Das ist ja irgendwie schon Kafka-esk, könnte man sagen. Also schon sehr absurd, glaube ich. Ich glaube, ich persönlich bin sowohl fasziniert von dem, was vor dem Tod passiert, als auch vom Tod selbst. Und ich glaube vom Tod selbst in den letzten Jahren noch mehr als vorher. Also vorher war das wie so ein Nebenaspekt, der es interessanter gemacht hat, der irgendwas in mir mehr gekitzelt hat. Aber ich musste zum Beispiel, ich musste daran denken, dass ich habe vor ein paar Jahren das erste Mal in meinem Leben jemanden in meiner Familie verloren, der mir nahe stand.

Und ich weiß noch, dass es auch das erste Mal war, dass ich die Person, nachdem sie gestorben war, noch sehen konnte, weil sie so aufgebahrt war quasi. Und ich weiß, dass mein Vater damals zu mir gesagt hat, mach das nicht. Das wirst du nie wieder vergessen. Und er meinte, er macht das nicht. Er wurde als Kind gezwungen, sich das einmal anzugucken bei dem Verwandten. Er hat das nie wieder vergessen. Er würde das nie wieder machen wollen. Und ich war so neugierig, wie es sein würde, jemanden zu sehen, den ich kenne, der nicht mehr da ist, aber noch da ist, dass ich es gemacht habe. Ich habe mir die Verwandte Person aufgebaut, angeschaut und das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine Leiche gesehen habe und.

Es war eine richtig verrückte Erfahrung, weil das war irgendwie viel näher am Tod quasi als alles, was man so in Unfallstellen oder so damit zu tun hat, weil das war der Tod direkt. Ich war noch nie so nah am Tod dran und gleichzeitig selbst zu weit weg davon. Ich glaube auch, was du gerade gesagt hast, ich war so neugierig, hast du ja gesagt. Und ich glaube vielleicht, wir haben vorhin Faszination gesagt, aber ich glaube Faszination ist gar nicht so das richtige Wort, sondern ich glaube auch, wenn ich daran denke, was so meine Motivation auch früher war, diese Infos mir zu holen irgendwie über diese Berichte, das ist so eine ganz starke Neugier gewesen. Und bis heute habe ich diese starke Neugier, die aber irgendwie gleichzeitig paradoxerweise kombiniert ist mit gleichzeitig einer ganz großen Angst vor dem Tod. Also ich zum Beispiel bin jemand, der Gedanke daran, dass ich oder meine nahen Menschen in meinem Leben sterben können, macht mir absolute Panik. Finde ich ganz schlimm. Und gleichzeitig habe ich da so eine morbide Neugier, was dieses Thema Tod betrifft. Und ich glaube, das ist irgendwie der Punkt auch für mich, weil ich ganz lange darüber nachgedacht habe und ich dachte, weil für mich war das ganz schlimm, dass diese Person gestorben ist. Das hat mich unfassbar traurig gemacht. Und gleichzeitig dachte ich mir, wie kannst du...

So traurig darüber sein und die Personen trotzdem sehen wollen, nachdem sie, also wie kann das gleichzeitig da sein? Und ich glaube, der Punkt ist auch, dass Neugier und auch Faszination nicht zwangsläufig positive Empfindungen sind. Oder vielleicht erst mal auch einfach wertfrei sind. Also wenn ich neugierig auf was bin, ja, obwohl wenn ich nur Angst davor habe, dann bin ich wahrscheinlich nicht neugierig, was zu erfahren. Aber es ist ja gerade bei diesem Thema irgendwie auch so zweigeteilt. Ich habe auf der einen Seite Angst und auf der anderen Seite will ich aber auch irgendwie mehr darüber wissen. Und die Frage, die wir uns natürlich dann für diese Folge gestellt haben, ist, warum ist das so? Warum empfinden wir Neugierde und gleichzeitig Angst? Und warum beschäftigen wir uns dann mit dem Tod anderer? Warum fasziniert uns der Tod anderer Menschen? Egal in welcher Form, ob jetzt in Form von Unfällen oder Naturkatastrophen oder vielleicht sogar, wenn man jemanden sieht, der aufgebahrt ist und schon gestorben ist. Warum haben wir diese morbide Neugier daran, neben allen anderen Emotionen, die wir empfinden? Und der Psychologe Colton Scrivener, der einer der führenden Forscher auf dem Gebiet von morbid curiosity, also morbider Neugier ist, hat genau das untersucht. Und wir denken in unserer Gesellschaft ja oft, Menschen, die Interesse am Tod haben, sind aggressiver oder vielleicht gefährlicher oder emotional abgehärteter oder kälter.

Ja, so abgestumpft vielleicht auch, dass es sie nicht interessiert. Aber tatsächlich ist es das Gegenteil der Fall. Scrivener hat herausgefunden, dass die Faszination am Tod eine Art Lernstrategie ist. Es ist wie so eine adaptive Vorbereitung. Unser Gehirn versucht quasi Informationen über potenzielle Gefahren zu sammeln, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Und der Tod eines anderen ist die ultimative Information, die sich selbst in Gefahr zu bringen.

Über eine Bedrohung, die wir ganz sicher aus der Distanz studieren können, während wir gleichzeitig ganz nah dran sind. Es ist quasi der Irrglaube, dass je mehr wir über das Ende wissen, desto besser können wir es vielleicht hinauszögern, desto besser können wir es ertragen, desto weniger Angst haben wir vielleicht auch davor. Und es ist quasi ein funktionaler Versuch unseres Gehirns, um unterschiedliche Szenarien in unserem Kopf darzustellen, abzubilden, einzuordnen, um quasi diese Angst vor dem Abstrakten.

In eine Art Versicherungspolize umzuwandeln, bei der wir dann sowas sagen wie, wenn ich das nicht mache und das nicht mache und darauf achte, dann wird mir das nicht passieren. Das ist ja eigentlich das Gleiche wie, wir haben schon über einen ähnlichen Mechanismus gesprochen, als wir über Horrorfilme zum Beispiel gesprochen haben, so Splatterfilme. Oder auch, als wir mal über, ich glaube, auch wir beide uns mal über True Crime unterhalten haben. Gerade True Crime, was ja auch ein super beliebtes Genre ist, hat ja auch, da gibt es ja auch die Theorien, dass das, es wird ja überwiegend von Frauen konsumiert und dass es auch wie so eine Art Versicherungstaktik ist, so in dem Sinne Vorbereitung für den Fall, das auf unbewusster Ebene. Ja, und psychologisch betrachtet, also in der Gesellschaft sagt man dann, das kann man ja nicht sagen und man sollte da wegschauen und man sollte Distanz halten. Und wenn man da hinguckt und hingafft, wird man moralisch abgewertet. Also so ein Gaffer zu sein, ist ja einer der schlimmsten Titel, die du gefühlt haben kannst. Und psychologisch betrachtet ist es aber ein total funktionales Verhalten, weil wir quasi versuchen, und das war für mich auch meine Erkenntnis, weshalb ich diese angehörige Person sehen wollte, obwohl es mir gleichzeitig so wehgetan hat.

Dass mein Gehirn versucht hat zu begreifen, was da passiert, was das Ende vom Leben bedeutet, was es bedeutet, wenn jemand nicht mehr da ist. Und ich weiß noch, dass ich daneben saß und ich die ganze Zeit mir eingebildet habe, dass sich die Brust dieser Person hebt und senkt, obwohl es natürlich absolut unmöglich ist. Und ich lange, ich saß bestimmt 20 Minuten, 15 Minuten daneben, weil ich es so unfassbar fand.

Absolut unfassbar. Und ich glaube, dieser Glaube, dass das unerhört ist, das zu denken, dass es unerhört ist, fasziniert zu sein vom Tod, liegt eher daran, weil wir die biologische Neugier, die wir haben, gegen unsere moralischen Idealvorstellungen stellen und unsere biologische Neugier moralisch als verwerflich empfinden. Dabei sind das zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Ich kann ein Interesse an einem Ereignis haben, ohne mich am Leid von jemandem zu erfreuen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich glaube, das ist ja auch mit so ein bisschen der Vorwurf, gerade bei so Gaffen, bei Unfällen oder auch bei True Crime, da gibt es ja auch durchaus Kritik an diesem Genre und da ist ja so dieses Spannungsfeld, es ist total funktional und normal eine Neugier dahin zu haben und natürlich kann es gleichzeitig für Betroffene total übergriffig sein. Zum Beispiel bei einem Unfall stehen zu bleiben und zu gucken, ist einfach für die Betroffenen des Unfalls super übergriffig, unangenehm und ist einfach nachvollziehbarerweise im sozialen Kontext einfach nicht okay.

Und das gleiche gibt es ja auch als Kritik am True-Crime-Genre von wegen, da sind ja Opfer, da sind diese Geschichten, da geht es um echte Menschen, um das Leid von Menschen und das wird da in den Fokus gerückt und das kann ja auch für die betreffenden Menschen sehr schmerzhaft sein. Ja. Also nur da diese soziale Komponente sehe ich vollkommen. Und ich habe aber auch das Gefühl, dass man da eben unterscheiden muss. Die Neugier daran, an einem Unfall vorbeizufahren. Ich sage ehrlich, ich bemühe mich sehr nicht, langsamer zu werden, weil ich das unangebracht finde im sozialen Kontext. Aber ich muss mich sehr konzentrieren, dass ich nicht langsamer werde und ich mache immer einen Blick nach rechts und gucke da schnell hin, weil diese Neugier daran doch da ist und die aber dann kämpft gegen meine soziale Erwünschtheit quasi und gegen das Wissen, okay, eigentlich ist das für die Betroffenen gerade gar nicht cool. 100 Prozent. Ich bin gestern erst auf der Autobahn gewesen und wir haben anderthalb Stunden länger gebraucht. Nicht, weil es auf unserer Strecke einen Unfall gegeben hätte, sondern weil es auf unserer Strecke Stau gab, weil es auf der anderen Seite, auf der Gegenfahrbahn einen richtig großen Unfall gegeben hat und unsere Spur, da lagen keine Teile drauf, da war nichts. Die Leute haben einfach nur alle angehalten, um zu gucken. Und dann hatten wir anderthalb Stunden Stau. Nur deswegen. Ja, ja.

Und da kann ich auch schon verstehen, dass man sich denkt ... Warum? Also schau doch da nicht so viel hin. Macht dir das etwas Spaß, das zu sehen? Nein, es macht keinen Spaß, das zu sehen, aber die Neugier an dem Tod anderer, die ist grundsätzlich da. Dennoch möchte ich an dieser Stelle dafür appellieren, dass ihr nicht langsamer fahrt an Unfallorten und dann nicht länger als notwendig hinguckt und auch wenn Leute auf offener Straße zusammenbrechen, im Zweifelsfall helfen, aber nicht stehen bleiben und gaffen. Ich habe das selber schon gehabt, dass ich einen Kreislaufzusammenbruch hatte bei 36 Grad draußen, zu wenig getrunken, war keine Glanzleistung. Ich war irgendwie 15, bin in der Bahn zusammengeklappt. Es war maximal unangenehm, weil Leute außerhalb der Bahn reingestarrt haben und mich angeguckt haben, wie ich da lag und halb besinnungslos auf den Notarzt gewartet habe, beziehungsweise den Krankenwagen gewartet habe. Und es ist super unangenehm. Also es ist in Ordnung, dass ihr diese Empfindung habt und sie ist auch normal, wenn auch unerhört zuzugeben. Aber nur weil es normal ist und okay ist und nachvollziehbar ist, sich so zu fühlen, heißt das nicht, dass ihr euch euren Gelüsten an der Stelle immer hingeben müsst. Also entweder helft oder geht weiter.

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