Ich entsperre die App und sehe diesen roten Kreis an der App. Die Zahl darin ist dreistellig. 114 ungelesene Nachrichten. Und was mache ich? Ich sperre den Bildschirm sofort wieder. Manche Leute warten seit drei Wochen auf eine Antwort für eine einfache Kaffeeverabredung. Ich schaffe es nicht mal die Nachrichten zu lesen, geschweige denn eine Antwort zu tippen. Ich fühle mich wie ein Geist, der seine Freunde im Stich lässt, während ich gleichzeitig einfach nur will, dass alle aufhören, mir zu schreiben. Ist das unnormal?

Babsi, wie geht's dir mit der Frage, ob es unnormal ist, so viele unbeantwortete Nachrichten zu haben? Ich liebe, dass du diese Frage wahrscheinlich an meiner Stelle für mich beantworten könntest, weil du eins der Opfer bist von den Leuten, die ewig auf Antworten von mir warten und selber nicht besser bist als das. Ich wollte gerade sagen, in diesem Fall bin ich Opfer und Täter. Ich verstehe es 100 Prozent. Ich fühle mich gerade auch irgendwie verpflichtet, falls irgendjemand von meinen Freunden und Bekannten diesen Podcast hört. Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid. Ich bin so schlecht darin, WhatsApp-Nachrichten zu beantworten. Ich habe, ganz ehrlich, ich hatte neulich Geburtstag und.

Ich habe mir einen Slot in meinen Kalender gepackt, um mich zu zwingen, alle Geburtstagsnachrichten zu beantworten. Und das liegt überhaupt nicht daran, dass ich mich nicht total freue, dass voll viele Leute an mich gedacht haben und so voll liebe Nachrichten geschrieben haben auf unterschiedlichen Kanälen und Leute angerufen haben und so, sondern einfach nur daran, dass ich sozial overwhelmed bin von dieser Menge an Nachrichten. Es ist, ich bin ein absoluter Kandidat für 100 ungelesene Nachrichten bei WhatsApp. Ich glaube, bei mir sind es aktuell 15.

Bei WhatsApp muss ich ehrlich sagen, da reichen mir aber auch schon zwei, drei ungelesene Nachrichten. Ich lasse die wochenlang da stehen und sogar die zwei, drei, die stressen mich aber auch immer, wenn ich sehe. Gerade wenn es Menschen sind, die ich auch eigentlich total gerne mag und mit denen ich eigentlich voll gerne Kontakt habe. Also ich habe zum Beispiel hier eine meiner besten Freundinnen. Teilweise lasse ich die drei, vier Tage auf siehen. Und Gott sei Dank weiß sie, dass ich so jemand bin, der das macht und dass es nichts über unsere Freundschaft und unsere Beziehung zueinander aussagt. Aber ich will damit einfach sagen, es ist auch sogar unerheblich, wie wichtig mir diese Person ist. ist bei mir genau das gleiche. Es ist bei mir genau das gleiche. Wir beide haben das miteinander ja auch, dass wenn wir uns mal nicht sehen und einer von uns im Urlaub ist oder so und der andere schreibt, das passiert schon mal, dass dann zwei, drei Tage keine Antwort kommt von der anderen Person. Und ich habe auch das Gefühl, ich habe wirklich mit allen Leuten in meinem Leben die.

Also mit denen ich irgendwie nähere Verbindungen habe, die wissen alle, dass das nicht persönlich gemeint ist. So, ruf mich an oder schreib mir, Alter, die Welt geht unter. Wenn ich das lese, bin ich auf jeden Fall am Start. Aber sowas wie, hey, ja, der Urlaub war mega, hier sind noch ein paar Bilder, bla bla bla bla bla.

Ey, mega, ich freue mich total, dass du einen schönen Urlaub hattest. Ich gucke mir die Bilder auch an, aber es dauert drei Wochen, bis ich dir antworte. Es tut mir leid. Ich glaube, unsere Kommunikation ist mittlerweile auch so, dass manchmal, oder ich musste manchmal daran denken, letzte Woche warst du ja im Urlaub und dass ich da dann teilweise dir Dinge schreibe, die ich dir halt einfach mitteilen will und dabei auch hinschreibe, einfach nur for your information, um dir damit mitzuteilen, dass du jetzt nicht antworten musst, dass ich einfach nur möchte, dass du es weißt. Das Beste finde ich eigentlich deine Nachrichten, die nur aus einem Fragezeichen und einem Smiley bestehen. Das ist dann, wenn ich eine Antwort brauche. Ich warte auf eine Antwort, meine Liebe. Was ist damit? Wie sollen wir weiter verfahren? Ja, das ist immer dann, wenn ich deine Antwort brauche, um mit diesem Thema irgendwie weiterzumachen, meistens Podcast-related und ich irgendwie in so einem Working-Process bin und ich von dir eine Antwort brauche oder irgendwie deine Meinung brauche, und ja, dann schiebe ich schon mal gerne Fragezeichen auch bald dahinter, auch ziemlich schnell manchmal, weil ich mir denke, wenn ich direkt schon Fragezeichen hinterher schmeiße, dann weiß sie, dass sie antworten soll. Ja, das finde ich aber auch gut, weil das stresst mich dann. Und ich glaube, manchmal brauche ich auch diesen Stress. Du brauchst ein bisschen Druck. Ja, ich funktioniere, das ist ja kein Geheimnis, ich funktioniere unter Druck deutlich besser.

Und gleichzeitig merke ich aber auch, dass ich bei einer bestimmten Menge an Nachrichten irgendwann so...

Ich bin dann so überfordert damit. Und je mehr Nachrichten das sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich den Leuten nicht antworte. Bis ich irgendwann so einen spontanen Moment kriege von, ich mach's jetzt. Und dann beantworte ich innerhalb von 40 Minuten alle Nachrichten bei WhatsApp. Und wenn mir dann aber direkt wieder jemand antwortet, könnte ich heulen. Ja, ja. Ganz Arbeit für nichts. Jetzt ist der wieder eins. Dann wartest du jetzt wieder drei Wochen. Es tut mir leid. Bei mir ist es aber auch so, dass ich auch manchmal dran denke. Also ich denke öfter am Tag vielleicht dran, oh Gott, ich muss ihr noch antworten. Also generell jetzt ihr oder ihm. Und ich habe da ein schlechtes Gewissen. Und obwohl ich so oft dann dran denke und mehrmals am Tag mir denke, Maxi, du musst da antworten, das geht nicht. Ich mache es trotzdem nicht. Ich mache es trotzdem zwei Tage später. Und dann fühle ich mich zwei Tage lang aber schlecht deswegen. Weißt du, wo das herkommt? Ich liebe es. Ich habe es recherchiert für diese Folge, weil ich wusste, dass es das Phänomen gibt. Ich wusste aber nicht, wie es heißt. Man nennt das den Zayganik-Effekt. Zayganik ist der Nachname von der Person. Ich dachte, das wäre sowas wie, ich zeige gar nicht, dass ich es gesehen habe oder sowas. Richtig dumm. Nein, es bezieht sich ja nicht nur auf Nachrichten, sondern die Psychologin Bluma Zaganik, ich glaube, ich spreche den Nachnamen auch falsch aus, aber ich weiß nicht, wie man ihn richtig spricht. Die hat herausgefunden, dass unser Gehirn unerledigte Aufgaben deutlich besser speichern kann als erledigte. Ja.

100 ungelesene Nachrichten sind für unser Gehirn also quasi wie 100 unerledigte Aufgaben. Und die hängen dann in unserem Gehirn. Und unser Gehirn mag gerne runde Dinge. Es mag gerne Vollständigkeit. Es mag gerne, wenn Sachen abgeschlossen sind. Und deswegen kann man sich quasi vorstellen, dass aufgrund dieses Zeigarnik-Effekts.

Unser Gehirn immer wieder Reminder schickt an alle Dinge, die wir noch nicht erledigt haben. Und dann gab es eine Studie im Jahr 2016 zum Thema Permanently Online, Permanently Connected. Und da wurde beschrieben, dass quasi der Zustand, die Tatsache, dass wir immer erreichbar sein müssen, weil unser Gehirn ist ja eigentlich nicht dafür gemacht. Unser Gehirn ist dafür gemacht, uns mit Leuten face-to-face zu unterhalten, direkt zu antworten und das Thema dann abgeschlossen zu haben. Aber das, was wir tun, sind ja auseinandergezogene Unterhaltungen und wir kreieren quasi mit jeder Nachricht, die wir beantworten müssen, eine nicht erledigte Aufgabe. Und dadurch ist unser Gehirn quasi dauernd in der Situation, uns erinnern zu müssen, daran, dass wir noch etwas machen müssen, nämlich eine Nachricht zu beantworten. Und das kann zu chronischer mentaler Erschöpfung führen. Also da kommst du ja nicht raus. Das heißt, WhatsApp, das ist jetzt ja bei mir die App, wo man quasi am meisten diesen Stress auslöst. Obwohl ich muss sagen, es sind auch Mails, die ich eigentlich beantworten muss. Und ja, you know. Das heißt, WhatsApp ist ein dauerunerledigtes To-Do in hundertfacher Ausführung, je nachdem wie viele Chats offen sind, wie viele Leute man schreibt.

Und das heißt, das ist für mein Gehirn eine nicht endenvolle To-Do-Liste, die ich gar nicht abschließen kann. Könntest du schon, aber dann müsstest du halt immer antworten. Ja, nee, aber immer, wenn ich antworte und die Person antwortet mir wieder, ist dann wieder ein To-Do offen. Solange ihr eine, ich würde vermuten aus meiner Perspektive, solange ihr eine Unterhaltung führt, die quasi aufrechterhalten ist. Weil früher war das ja, man schnackt mal eben über einen Gartenzaun oder so. Und heute führst du Unterhaltungen über mehrere Wochen. Und das ist ja, als würden wir uns gegenüberstehen und ich würde sagen, hi Maxi, wie geht's dir? Und dann starren wir uns an und du antwortest mir zwei Tage später, während wir uns immer noch angucken. Gut und dir. Und für unser Gehirn ist das, also eigentlich sind wir nicht dafür gemacht, diese Art von sozialer Interaktion zu haben, weil es einen Task kreiert in unserem Kopf. Junge, das hört sich so übelstressig an. Also ich finde diese Erklärung, ich muss sagen, allein diese Erklärung löst gerade in mir Stress aus, weil ich mir denke, oh mein Gott, das stimmt, das stimmt, das stimmt, das stimmt, das ist genau so. Und dazu kommt, ich habe diese Vorbereitung für diese Folge geliebt, weil ich so viele Dinge verstanden habe über mich selbst, weil ich bin wirklich, ich bin ein absoluter Kandidat für Überforderung durch diese Nachrichten und für das Gefühl von, ich kann jetzt nicht antworten, weil das gerade einfach zu viel ist, denn ...

Es gibt die sogenannte Dunbar-Zahl, ich weiß nicht, ob die dir was sagt, vom Wissenschaftler Dunbar quasi erforscht, dass unser Gehirn nur eine begrenzte Anzahl an sozialen Beziehungen stabil verwalten kann. Diese Zahl ist quasi die Menge an bedeutungsvollen Beziehungen, die wir parallel haben können. Und diese Danbarzahl ist für alle Affen und Primaten identisch, weil sie nämlich unter anderem durch die Größe unseres Gehirns bestimmt wird. Und bei Menschen liegt diese Anzahl bei 150. Echt? Bei 150? 150 stabile Beziehungen oder 150 Beziehungen zum Menschen können wir führen. Ah, okay, aber also Beziehungen jeglicher Intensität. Also, keine Ahnung, Beziehung zu meiner Tante dritten Grades, die ich eigentlich schon irgendwie mag, aber halt selten Kontakt habe, ist auch schon eine von diesen Beziehungen? Wenn du mit ihr, also wenn es eine Art von Bedeutung hat und wenn du sagst, sie ist deine Tante und ihr schreibt ab und zu und so weiter und so fort, dann ist das eine Beziehung, ja. Okay, also, okay, weil ich dachte mir gerade... Es geht nicht um 150 beste Freunde, nein. Ja, oder generell 150 Menschen, die mir... Für die ich emotional etwas fühle, also was Stärkeres fühle als, ja, ich kenne die halt oder ich habe ab und zu mal mit der Kontakt.

Das wäre ja ein bisschen viel. Also ich stelle mir das sehr anstrengend vor. Ja, auf jeden Fall. Aber es geht ja auch, eigentlich sind das gar nicht so viele, wenn du mal überlegst, wie viele Leute auf deiner Hochzeit waren. Weniger als 150. Korrekt. Und dann überleg, wie viele Leute du nicht eingeladen hast, die du on top noch kennst, die du regelmäßig siehst. Wie viele Bekannte du hast, mit denen du zum Beispiel auf der... Nicht so viele. Aber du hast auf der Arbeit mit Leuten zu tun, die du kennst. Die sind nicht deine besten Freunde. Das ist keine super... Aber denen musst du antworten, wenn sie dir schreiben. Und wenn sie was von dir wollen, kannst du dir nicht... Ach, solche auch. Okay, okay.

Ja, okay, dann sind 150. Dann sehe ich es. Ich finde 150 gar nicht so viel. Vor allen Dingen, wenn du überlegst, dass du beispielsweise im Job noch Beziehungen aufbaust, in deinem Podcast noch Beziehungen mit Leuten aufbaust und die musst du alle parallel pflegen, Deine Familie, Patienten auch. Auch das sind bedeutungsvolle Beziehungen.

Und tatsächlich hat das in Verbindung mit einer Studie, die ich gefunden habe, sehr viel Erkenntnis in meinem Kopf verursacht. Denn laut einer Studie von Kaschliff und dann aus dem Jahr 2015 sind ständige Benachrichtigungen über WhatsApp oder über andere Dienste am Handy ein Faktor dafür, die kognitive Leistungsfähigkeit zu senken und das Stresshormon Cortisol nach oben zu treiben. Also jedes Mal, wenn dein Handy dieses Pling von sich gibt, ist das Gift für deine Konzentrationsfähigkeit in dem Moment, egal was du gerade machst. Und wenn du 100 Nachrichten zum Beispiel ansammelst, dann entsteht auch sowas wie eine sogenannte Decision Fatigue, also eine Entscheidungsmüdigkeit.

Weil du dann nämlich darüber nachdenken musst, welche Nachricht verdient denn jetzt als erstes eine Antwort? Und was antworte ich darauf? Und wie mache ich das überhaupt? Und wenn du dann auch noch überlegst, dass du bei den 100 Nachrichten jeweils eine andere zwischenmenschliche Beziehung berücksichtigen musst, eine andere Art und Weise zu antworten, dann musst du vielleicht noch eine Entscheidung treffen und sozial unterschiedlich reagieren, dann ist es gar kein Wunder, dass es uns immer schwerer fällt, wenn wir immer erreichbar sind. Und in unserem Alltag dauernd mit Leuten zu tun haben und dann auch noch über unser Handy mit Hunderten von Leuten zu tun haben oder mit zig Leuten zu tun haben, dass uns das ermüdet. Das heißt, ich spreche es jetzt einmal deutlich aus, auch für uns beide.

Das ist ganz und gar nicht unnormal, dass man viele unbeantwortete Nachrichten auf dem Handy hat.

Denn das ist was, was uns potenziell stressen kann, was unerledigte To-Dos sind, was unser Gehirn beansprucht. und wo wir vielleicht manchmal einfach, zu überfordert davon sind oder zu müde sind, um das alles so schnell zu beantworten. Ja, es kann wie so ein Schutzmechanismus sein, dass man in so einen Freeze-Status geht und einfach gar nichts mehr macht, weil es einfach zu viele Ansprüche sind, die parallel bestehen und ehrlich gesagt habe ich.

Mit den meisten Leuten um mich herum den Deal, wenn es super wichtig ist, ruf mich an. Wenn es super wichtig ist, ruf mich an. Wenn es nicht so wichtig ist, schreib mir gerne eine WhatsApp-Nachricht. Kann halt ein bisschen dauern, bis ich antworte. Ich kriege dann auch mal so eine Nachricht wie, Babsi, ist es nicht dein Ernst, Mann, es ist vier Wochen her. Damit kann ich dealen. Am liebsten schicke ich dir dieses GIF von diesem... Kennt ihr dieses GIF von Mr. Bean, der so an der Straße steht und so auf seine Uhr guckt? Dann guckt er wieder auf seine Uhr. Und es passiert nichts.

Solche GIFs schicke ich tatsächlich ganz gerne. Ich kriege manchmal auch ein GIF von Leuten, wo so eine Person auf der Schaukel sitzt. Dieses aus der Pablo Escobar-Serie, wo er so schaukelt, einfach alleine und so wartet. Waiting for a response. Ja, genau. Es ist wirklich unangenehm. Also in diesem Sinne, abonniert den Podcast, wenn ihr es interessant findet. Aktiviert die Glocke, wenn ihr keine Folge mehr verpassen wollt. Und fühlt euch bitte nie wieder schlecht, wenn ihr Nachrichten nicht sofort beantwortet. Und schreibt uns gerne einfach nur die Zahl, wie viele Nachrichten gerade bei euch noch.