Ich schäme mich, das zu sagen, aber wenn mein Partner anfängt zu weinen, bin ich nicht mitfühlend. Ich bin genervt. Ich rolle innerlich mit den Augen und ich will, dass es aufhört. Manchmal denke ich, reiß dich zusammen. Dabei ist das doch wirklich unerhört. Maxi, was war das Erste, das du gedacht hast, als du das gerade gehört hast? Mein erster Gedanke war, oh wie unfair. Wie unfair der anderen Person gegenüber, der es gerade vielleicht nicht so gut geht. Und auf der anderen Seite habe ich auch ein bisschen relaten können, jetzt vielleicht nicht in Bezug auf Weinen. Also wir fragen uns bei diesen Unerhört-Folgen ja immer so, okay, kennen wir das? Hatten wir das schon mal? Und bei mir ist es jetzt nicht so, dass mein Mann weint, also der weint sehr selten. Aber ich kenne es von mir, dass ich manchmal, wenn er irgendwas hat, worüber er reden möchte, oder was ihn belastet, dass ich manchmal nicht ganz...

Da sein kann für das, was er gerade besprechen möchte, weil ich vielleicht größer noch in meinem Ding bin. Und dass dann manchmal, wenn er mir das dann erzählt oder wenn ich merke, dass er das jetzt gerade so braucht von mir, dass ich nicht immer quasi dann direkt da so da sein kann, wie er es braucht, mit der Aufmerksamkeit.

Und dass ich das dann manchmal anstrengend finde, das kenne ich. Ich kenne das tatsächlich auch. Also ich bin, glaube ich, noch nie genervt gewesen, wenn jemand weint. Aber ich kenne es von mir auch, dass ich genervt bin, wenn jemand manchmal über ein Thema reden will, über das wir zum Beispiel schon häufiger gesprochen haben, das die Person beschäftigt. Oder wenn jemand, ich habe gemerkt, wenn jemand, das kennst du auch von mir, wenn jemand so wehleidig ist. Oh, ja, ja, ja. Das habe ich aber auch. Das ist ganz schwierig für mich. Ganz, ganz schwierig. da empathisch und einfühlsam und ruhig zu bleiben. Und ich sage nicht, dass das richtig ist. Ich sage nur, wie ich es empfinde und wie es sich für mich anfühlt. Ich denke mir dann manchmal, oh mein Gott, reiß dich zusammen. Gott verdammt nochmal. Und das ist irgendwie unfair in dem Moment, weil ich dann denke, jede Person hat ein Recht auf ihren eigenen Schmerz und ein Recht auf ihr eigenes Leid und ein Recht auf ihr eigenes Empfinden. Aber manchmal denke ich mir, ja, du hast dieses Recht, aber nicht jetzt und nicht hier. Ja, wenn ich gerade irgendwie selbst genug zu tun habe.

Und dann da quasi irgendwie Themen hochkommen, das muss jetzt auch nicht nur bei meinem Partner sein, aber irgendwie Themen aufkommen, vielleicht die auch in meinem Empfinden subjektiv weniger schwer sind, wie das, was ich vielleicht gerade habe. Und dann sich so darüber beklagt wird, dann habe ich das auch manchmal.

Obwohl ich da ein bisschen unterscheiden muss, ich als private Maxi habe das manchmal. In der Therapeutenrolle ist das ein bisschen wie ausradiert. Vielleicht aber auch, weil in der Therapeutenrolle der Raum ja da ist dafür. Also da ist meine Rolle, da zu sein für diese Person und quasi diesen Raum zu geben. Und da habe ich die eigenen Kapazitäten, diesen Raum zu geben. Und manchmal aber als private Maxi habe ich die vielleicht nicht. Und wenn dann jemand kommt und die beansprucht für etwas, was mir geringer belastend erscheint, als das, was ich vielleicht gerade habe, dann habe ich auch diese Gedanken. Und dann bin ich auch so, nee, wirklich nicht, wirklich nicht. Ich merke, dass...

Dass die Tatsache, dass ich das gerade gesagt habe und zugegeben habe, in mir drin einen totalen Widerstand auslöst. Ja. Also ich fühle mich richtig unwohl gerade damit, das öffentlich zuzugeben. Vor allen Dingen, weil diese Folgen und die Dinge, die ihr uns schreibt oder in der Vergangenheit geschrieben habt, die benutzen wir für die Folgen ja anonym. Aber Maxi und ich sitzen hier und geben das mit unserem Gesicht quasi zu, dass wir solche Dinge auch empfinden. Und ich merke gerade, dass in mir drin so, wie gesagt, so ein starker Widerstand herrscht, das zuzugeben. Also wie gesagt, das Gefühl von genervt sein, wenn mein Partner weint oder wenn Freunde weinen oder so, das hatte ich tatsächlich noch nie. Aber ich kenne das Gefühl, genervt zu sein von den Gefühlen oder Bedürfnissen anderer Leute. Und ich glaube, ich hatte das erst einmal, wobei stimmt, ich muss es revidieren, ich hatte das einmal, dass ich tatsächlich genervt war von jemandem, der geweint hat, weil ich mit dieser Person über dieses Thema schon monatelang gesprochen habe, immer wieder über die gleichen Sachen und es wurden immer wieder die gleichen Dinge thematisiert. Und ich hatte das Gefühl, dass ich so monatelang versucht habe, der Person zu helfen und da zu sein und Ratschläge zu erteilen. Und das auch wirklich, du erinnerst dich vielleicht daran, in einem sehr intensiven Ausmaß.

Und irgendwann war bei mir eine richtig stressige Phase und es war richtig viel los. Und ich war müde und ich war erschöpft und ich hatte mich die ganze Woche auf so einen freien Abend gefreut. Und dann hat die Person mich angerufen und hat mega geweint und war so, kannst du bitte da sein, kannst du mir zuhören? Und es ging wieder um dieses gleiche Thema, über das wir uns seit Monaten mehrfach die Woche unterhalten haben. Und das war ein Moment, wo ich so dachte, oh mein Gott, es nervt mich.

Und im Rückblick muss ich aber sagen... Dass das überhaupt nichts mit der Person zu tun hatte und auch nichts damit, dass sie mir nicht viel bedeutet hat und ich gerne für diese Person da gewesen bin, sondern es hatte was damit zu tun, dass ich nicht dazu in der Lage war, die Grenze zu setzen, die ich gebraucht hätte für mich. Ja, ich glaube, also wenn wir so darüber reden, denke ich mir gerade, dass ich glaube, dass der Grund dafür, dass ich das manchmal denke oder dass ich dann genervt bin von den Empfindungen anderer, dass, so wie ich gerade gesagt habe, im therapeutischen Kontext habe ich diese Kapazität. Und wenn mir halt die Kapazität dafür fehlt, dann kann ich halt auch nicht so empathisch für jemanden anders da sein und dann kommt es schneller, dass ich genervt bin, weil ich diesen Raum vielleicht gerade für mich brauche und dann eine andere Person kommt und ihn beansprucht.

Und ich aber diesen Raum gerade nicht hergeben will, weil es meiner ist quasi. Also wenn wir jetzt so dieses Private und Therapeutische so ein bisschen gegeneinander abwägen, wenn ich zum Beispiel merke, ich bin durch irgendwas total belastet und es kam auch durchaus schon mal vor durch irgendwie irgendwelche Schicksalsschläge oder so.

Dann habe ich als Therapeutin ja zum Beispiel die Pflicht oder bin ich in der Verantwortung, dann zu sagen, ich sage die Termine ab, ich kann gerade nicht. Ich kann gerade nicht einen guten Raum für meine Patienten schaffen. Also ist es dann meiner Verantwortung auch zu sagen, gerade geht es nicht. Als private Maxi, wenn ich einfach so angesprochen werde, kann ich das natürlich nicht. So da passiert es halt eher, dass mein Space so invaded wird und dann passiert es schon öfter, dass ich dann irgendwie genervt bin, wenn ich gerade die Kapazität halt wie gesagt einfach nicht habe. Ja, ich merke bei mir, dass ich in solchen Situationen in so eine Bedrängnis komme, weil ich auf der einen Seite natürlich gerne für die Menschen da sein möchte, die mir am Herzen liegen.

Und auf der anderen Seite, so wie du es gerade gesagt hast, manchmal kann ich das nicht. Ich habe einfach die Kapazität nicht dafür. Und es ist ja irgendwie diese absolut ideologische Anforderung an uns selbst, dass wir immer für unsere Freunde 110 Prozent da sein müssen in jeder Sekunde und das auch immer gerne machen müssen. Und ich finde, da muss man unterscheiden. Ich bin immer zu 110 Prozent für alle Menschen da, die mir am Herzen liegen, wenn sie mich gerade brauchen. Aber dass ich das auch noch immer super gerne und mit 100% Kapazität mache und es mich wirklich gar nicht stört und mich auch nicht stresst, finde ich sehr viel verlangt. Ja, auf jeden Fall. Also, und das ist so ein bisschen was, wo ich aber auch glaube, ich fühle mich dann manchmal so machtlos irgendwie, weil ich denke, wenn ich die Wahl hätte, würde ich mir gerade wünschen, dass es dir einfach gut geht und ich gerade nicht hier sein muss. Und ich kann aber nicht gehen, weil ich bin natürlich für dich da.

Und dann fühle ich mich so gefangen in der Situation, weil ich das Gefühl habe, ich kann mich nicht für mich selbst entscheiden, weil in mir drin quasi zwei Werte miteinander kämpfen und keiner davon so richtig gewinnt. Und ich glaube, dass dieses Gefühl von Machtlosigkeit oder von Festgefahrensein, irgendwie von Unentschlossenheit oder auch mit sich selbst dringen, dass das total schnell dazu führen kann, dass man wütend wird. Weil man sich so eingeengt fühlen kann. Es kann ja auch so ein Überforderungsgefühl sein. Ich meine, wenn ich mir zum Beispiel vorstelle, ich selbst bin sehr belastet, dann kommt noch eine Person, die mir vielleicht wichtig ist, für die ich dann da sein will, kommt dann auch nochmal was Belastendes. Das ist ja für mich dann überfordernd. Und es ist natürlich, also bei mir persönlich ist es so, wenn ich überfordert bin.

Dann bin ich natürlich entweder in so einer Hilflosigkeit von wegen, ich möchte mich jetzt in mein Bett verkriechen und die Decke über mich ziehen und bitte niemanden soll mich ansprechen oder mich erreichen. Oder ich werde wütend. Ja. Und tatsächlich dieses wütend werden oder auch genervt sein ist überhaupt nicht ungewöhnlich. Tatsächlich zeigt die Emotionsforschung von beispielsweise James Gross aus der Universität von Stanford, dass Menschen, die subjektiv empfunden keine Handlungsoptionen sehen, sehr viel wahrscheinlicher so Wutreaktionen zeigen oder Abwehrreaktionen zeigen. Also in dem Moment, wo man dann genervt ist von den Bedürfnissen oder auch den Emotionen des Partners, hat das nichts damit zu tun, dass man die Person nicht liebt, sondern dass man selber das gerade nicht aushalten kann, dass man selber gerade damit nicht umgehen kann. Und ich glaube, manche Menschen empfinden das vielleicht, wenn jemand weint. Und dann ist es eher ein Zeichen davon, wie überfordert man eigentlich selber ist. Und das kann zum einen dadurch sein, dass man gerade die Ressourcen einfach nicht hat emotional und man sich eben so ohnmächtig fühlt. Oder vielleicht auch, dass man aufgrund von Kindheitserfahrungen mit Trauer nicht umgehen kann. Ja, ich meine, was ja auch noch dazu kommt, ist ja, dass wir haben immer so die Erwartung, dass wenn wir unseren Partner zum Beispiel leiden sehen, also wir weinen würde ich jetzt damit verknüpfen.

Dass das Mitgefühl auslösen muss und dass wir dann direkt so voll gerne verfügbar sein wollen und dass wir voll gerne für die Person da sein wollen, emotional verfügbar, was weiß ich.

Und tatsächlich ist es aber so, dass in mehreren Studien vom Max-Planck-Institut nachgewiesen werden konnte, dass das Beobachten von Leid auch bei nahen Bezugspersonen nicht automatisch Mitgefühl aktiviert, wie wir eigentlich denken würden, sondern total oft eigene Stressnetzwerke aktiviert, bevor es Mitgefühl aktiviert. Das heißt, erst mal sind wir selbst gestresst und wenn das dann eben noch zu eigenem Stress hinzukommt, dann natürlich rutscht man auch mal in so ein Gefühl von Überforderung, in oh Gott, was mache ich jetzt und in vielleicht auch ein oh Gott, ich will das gerade gar nicht.

Und wenn man dann überlegt, dass man als Kind vielleicht auch gelernt hat, ich weiß nicht, ob du das gehört hast, aber ich habe als Kind auf jeden Fall gehört, so schlimm ist es nicht oder ist doch gar nichts passiert. Und wenn man selber nicht gelernt hat, wie man mit so Emotionen wie Trauer oder Angst von jemandem anders umgehen kann, wie genau soll ich denn dann in dem Moment, wo ich selber überfordert bin, wissen, wie ich damit umgehe? Dann bin ich noch mehr überfordert, weil ich nicht weiß, was ich tun soll.

Und ich merke bei mir selber auch, ich habe einen wirklichen Lernprozess hinter mir, Emotionen anderer Menschen auszuhalten, ohne das Gefühl zu haben, dass ich sie verändern muss. Ja, das ist aber auch so ein riesiges Learning, was viele Menschen noch nicht haben. Weißt du, dass halt einfach, dass manche Gefühle auch einfach nur ausgehalten werden wollen. Dass es manchmal gar nicht um Lösungen geht, sondern einfach nur um zusammen aushalten. Ja, und das ist für mich zum Beispiel sehr lange sehr unangenehm gewesen. Und da verstehe ich dann wieder, dass man vielleicht auch genervt sein kann von bestimmten Emotionen oder bestimmten Gefühlsäußerungen. Mich nervt nicht, wenn mein Partner weint, aber mich nervt richtig oft, wenn mein Partner schlechte Laune hat.

Oh ja, das nervt mich auch. Das ist so doll und so schnell und es ist super unfair von mir. Und ich arbeite da immer noch richtig hart dran, weil ich ganz schnell in so ein Muster rutsche, dass ich versuche, meinen Partner aufzumuntern und irgendwie dafür zu sorgen, dass er bessere Laune hat. Und wenn das nicht klappt, dann empfinde ich das als persönlichen Affront. Weil ich dann denke so, oh mein Gott, okay, ich habe jetzt wirklich alles in meiner Macht ständig getan, damit du bessere Laune hast. Kannst du jetzt bitte aufhören, so ein Gesicht zu ziehen? Das macht mich irre. Und gleichzeitig sind wir beide auch so Kandidaten, die manchmal auch einfach random den ganzen Tag schlechte Laune haben Und dann aber erwarten, dass unsere Männer dann doch bitte wirklich auch mal einfach uns schlecht gelaunt sein lassen und uns einfach mal den Space lassen. Ja, es ist wirklich, also das ist echt so ein Lernthema, die Emotionen anderer Menschen sein zu lassen und...

Was ich irgendwie auch gedacht habe, ist, wenn ich genervt bin davon, dass mein Partner weint, die Frage ist, warum weint mein Partner? Weint er, weil ich etwas gesagt habe, das die Person verletzt hat? Weint er, weil etwas in seinem Leben passiert ist, was ihn oder sie traurig gemacht hat? Weint die Person, weil sie sich irgendwie verletzt hat und Schmerzen hat? Und ich glaube, dass es dann irgendwie auch immer noch einen krassen Unterschied macht. Wenn du genervt bist, wenn dein Partner weint und du die Person gerade verletzt hast.

Dann würde ich mir ehrlicherweise so ein bisschen Gedanken machen um das ganze Thema Beziehung und auch eigene Perspektivwechsel im Streit zum Beispiel. Und auch, wie man quasi richtig streitet, wie man mit Menschen richtig umgeht, wie man sich entschuldigt und welche Dinge man zu Menschen vielleicht auch einfach nicht sagt oder welche Dinge man nicht tut.

Und natürlich ist die Frage auch immer, und damit fass ich jetzt nicht auf, aber nur um alles genannt zu haben, natürlich gibt es auch Leute, die im Streit anfangen zu weinen und bei denen das ein Manipulationsversuch ist. Und wenn man davon genervt ist, oh mein Gott, verständliche Reaktion. Wäre ich auch. Das heißt, wir fassen zusammen. In den meisten Fällen, gehen wir mal davon aus, ist es nicht unerhört, genervt zu sein. Ich denke, es kommt auch gar nicht so viel darauf an, ob man es verspürt, sondern viel eher, wie man dann danach handelt. 100 Prozent. Und ihr könnt genervt sein und ihr könnt es blöd finden und ihr könnt schlechte Laune haben und ihr könnt ermüdet sein und trotzdem für eure Freunde oder Partner da sein und euch entscheiden, die richtigen Dinge zu sagen und die richtigen Dinge zu tun.