Bevor es losgeht, ein wichtiger Hinweis. In diesem Podcast hört ihr echte Auszüge aus Chats und Sprachnachrichten. Sie enthalten rassistische, antisemitische und menschenverachtende Inhalte. Die Namen wurden geändert, die Stimmen mit KI verfremdet. Der Inhalt ist aber echt. Ich erinnere mich genau an diesen Moment im März 2025. Ich bin im Homeoffice und laufe gerade mit einem Kaffee in der Hand an den Schreibtisch im Arbeitszimmer. Mein Laptop ist offen, das Handy liegt auf dem Schreibtisch. Es ist eine Nachricht im Generalchat der letzten Verteidigungswelle. Ich atme kurz durch und gucke dann aufs Display.

Es ist eine neue Sprachnachricht von Kevin, dem selbsternannten Führer der LVW. Ich höre sie an. Elias wurde tatsächlich festgenommen zusammen mit seinem Kumpel. Das ist der Grund, warum er uns seit Februar nicht mehr antwortet, meine Erste. Das steht nämlich in dem Artikel. Ein paar Sekunden später schickt Kevin den Link zu dem Artikel, von dem er hier spricht. Es ist ein Online-Artikel der Zeitung Welt. Die Überschrift lautet Kulturhaus in Brandenburg, vermutlich von jugendlichen Neonazis angezündet. Das Kulturhaus, um das es hier geht, ist das in Altdöbern. In dem Text geht es um Elias, der 15-Jährige aus Brandenburg. Der, der sich schon eine ganze Weile nicht mehr im Chat der LVW gerührt hat. Da steht, Elias soll mutmaßlich beteiligt an diesem Brandanschlag sein. Von diesem Vorfall habe ich euch schon erzählt. Das war in Episode 2. Im Text steht auch, ein Freund von ihm soll dabei gewesen sein. Beide mutmaßlich Mitglieder der LVW. SVW. Letzte Verteidigungswelle. Der Name steht auch da. Woher die Zeitung die Infos bekommen hat? Keine Ahnung. Vielleicht hat jemand von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft geplaudert. Ich habe das Gefühl, ich habe gar keine Kontrolle mehr über die Recherche. Ist das jetzt der Moment, in dem eine Tarnung auffliegt?

Ich bin Angelique. Ich bin Investigativreporterin bei RTL. In diesem Podcast tauchen wir ein in eine verstörende Welt von jugendlichen Neonazis, die sich radikalisieren und sogar Anschläge planen. Und ich war undercover mittendrin.

Ihr hört Braune Kinderzimmer, eine Produktion von RTL+. Das ist Episode 6, Die Verräterin.

Es steht auf jeder perfekten Internetseite irgendwas über die LVW. Ihr müsst mal googlen LVW Neonazi Gruppe. Dann findet ihr alles. Wirklich alles. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich bin da ein bisschen stolz auf euch. Aber irgendwie, es wird langsam sehr gefährlich für uns alle. Am meisten für die, die hier am aktivsten waren. Kevin. Der, der da spricht, ist hin und her gerissen. Ich kann mir richtig vorstellen, wie er gerade vor seinem Laptop sitzt und sich jeden Artikel reinzieht, in dem über seine rechtsextreme Gruppe geschrieben wird. Einerseits ist er echt stolz, dass seine kleine Armee jetzt bekannt ist. Als Neonazi-Gruppe. Überall im Internet zu lesen. Sogar mit Fotos von ihrem Instagram-Account. Auf der anderen Seite höre ich bei ihm auch raus, dass er Schiss hat, eben weil sie jetzt bekannt sind. Natürlich wusste ich das mit Altdöbern und dem Kulturhaus schon vor den anderen Medien. Ich hatte ja die Videos gesehen und die Nachrichten von Elias gelesen. In Uhr 24 hab ich's angezündet, in Uhr 49 ging Sirene, da war ich schon wieder daheim.

Und Justin, bei dem ich in der Laube war, der hatte mir auch persönlich gesagt, dass sein Freund Elias tatsächlich Brandbeschleuniger benutzt haben soll, um das Haus anzuzünden. Ich war wegen dem Brand sogar bei der Polizei. Deswegen sind meine Daten ja in den Akten gelandet. Aber ich und auch das Team von RTL und Stern, wir konnten zu diesem Zeitpunkt noch nichts veröffentlichen. Für euch einmal zur Erklärung. In den Medien geht es oft darum, wer zuerst die großen News verbreitet und auf wen sich dann am Ende alle beziehen. Es ist schließlich meine Recherche. Würden wir das, was wir wissen, zu diesem Zeitpunkt veröffentlichen, hätte das alles gefährdet. Dass Justin festgenommen wird und dass alle Beweise gesichert werden. Also muss ich abwarten. Und ganz ehrlich, das ist ne Scheiß-Situation. Ich weiß, was passiert ist. Ich habe sogar noch viel mehr Infos, aber ich kann nichts tun, jedenfalls nicht sofort. Ich sitze immer noch am Schreibtisch, da bei mir zu Hause. Und ich mache das, was ich während meiner Recherche immer mache, wenn ich jemanden zum Reden brauche.

Morgen. Hallo? Ja, grüß dich. Na? Na, wie ist die Lage? Ich telefoniere wieder mit André Aden von Recherche Nord. Im Moment haben wir ziemlich viel Kontakt. Eigentlich jeden Tag. Parallel zur Recherche in der LVW arbeiten wir auch an der Unterwanderung einer anderen Neonazi-Gruppe. Und da unterstützt er mich natürlich. Aber das wäre ein Podcast für sich. André ist für mich nicht nur Recherche-Partner. Den kann ich auch einfach anrufen, wenn es mir scheiße geht. Und, wie ist deine Stimmung so? Gut, alles ziemlich viel. Es ist so, ach, irgendwie, ja, ich bin heute ein bisschen genervt. Die Welt hat irgendwie rausbekommen, dass es sich bei dem Brand in Brandenburg um Neonatis gehandelt hat. Unsere Gruppe, die LVG. Das ist so ein bisschen dumm jetzt. Aber ich glaube, es ist kein Einbruch. Nee, nee, solange die nicht mehr wissen und den Hintergrund, solange können die halt nur sagen, na ja, da gab es ein... Ja, die wissen schon Details. Das ist so ein bisschen erschreckend. Die wissen, dass ein 15-Jähriger war. Die kennen den Namen der Gruppe. Also da hat schon jemand echt geplaudert. Aber wahrscheinlich haben sie es schon rausgehauen, oder? Ja, ist schon. Ja, ist online. Und seit den Artikeln ist die ganze Chatgruppe in Panik.

Wir müssen auf jeden Fall sicher gehen, dass die nicht in unsere Community reinkommen. Also demnächst sind wir vorsichtiger, was Leute angeht. Böse, die jetzt aus Brandenburg oder ähnliches kommen, die nehmen wir nicht mal rein. Dann müssen wir alle zusammenarbeiten, dass das irgendwie, dass wir da irgendwie alle zusammen rauskommen. Und das könnte klinisch werden.

Das könnte kritisch werden, sagt Kevin in seiner Sprachnachricht. Und damit wird er recht haben. An der Panik im Chat bin ich schuld. Weil zwei Monate vorher habe ich alles der Polizei gemeldet.

Es ist der 12. Februar 2025. Es ist so ein Tag, an dem ich merke, wie anstrengend Journalismus sein kann. Ich bin müde, gereizt, habe Kopfschmerzen und ich fühle mich echt elend von dem ganzen Stress. Ich merke das aber auch bei meinen Kolleginnen und Kollegen. Alle, die an dieser Recherche beteiligt sind, gehen langsam auf dem Zahnfleisch. Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem es nicht mehr weitergeht. Zumindest nicht mit den Mitteln des Journalismus, die mir und uns zur Verfügung stehen. Vor ein paar Tagen war ich bei Justin, ihr erinnert euch. In seiner Laube, irgendwo in Sachsen. Die Rollläden hingen schief, drinnen roch es nach kaltem Rauch und wir haben Rechtsrock gehört. Unter seinem Bett lagen die Kugelbomben, die hat er mir gezeigt. Kugelbomben. Mit denen plant er das Geflüchtetenheim in Senftenberg anzuzünden. Gemeinsam mit Elias. Aber der meldet sich nicht mehr. Wenn Elias nicht mehr offtauft, dann wirst du die geplante Aktion alleine durchführen. Das klingt für mich, als würde Justin das trotzdem durchziehen wollen.

An diesem Punkt ist einfach klar, jetzt muss die Polizei übernehmen. Unsere Recherche, dies keine Story mehr. Es geht hier um echte Gefahr. Für Menschen in der Geflüchtetenunterkunft in Senftenberg. Ganz kurz zur Einordnung. Als Journalisten halten wir eigentlich Abstand zu den Ermittlungsbehörden. Also es ist nicht üblich, dass wir unsere Informationen übergeben. Wir sind schließlich nicht der verlängerte Arm von Polizei oder Verfassungsschutz. Wir sind unabhängig. Ich hoffe, dass die Polizei ernst nimmt, was wir herausgefunden haben. Für mich und das Team heißt es vor allem eins. Warten. Wie genau es ab diesem Punkt weitergeht, kann ich nur begrenzt erzählen. Und das ist Absicht. Aus guten Gründen verläuft vieles davon hinter verschlossenen Türen. Zum Schutz von laufenden Verfahren, aber auch zu meinem eigenen Schutz. Aber schon einen Tag, nachdem wir der Polizei die Informationen gegeben haben, bekommen wir einen Hinweis. Bei Justin soll eine Razzia stattfinden. Deswegen fährt mein Kollege Markus zu dieser Laube in Sachsen, weil er dabei sein will, wenn Justin festgenommen wird.

Markus, der ist ziemlich gestresst. Hinten auf der Rückbank sitzt ein Kameramann und hat seine Kamera auf der Schulter und filmt nach draußen. Das Auto hat hinten getönte Scheiben, man sieht also nichts von außen. Meine Kollegen wollen den Polizeieinsatz schließlich nicht gefährden. In der Nähe der Laube ist Markus schon etwas aufgefallen. So, ich fahre jetzt rechts die Straße. Du musst an meiner linken Seite gucken dann, da müssten sie im Wald stehen. Da hinten ist auch das eine Auto, das steht da auch, siehst du das? Eins ist im Wald da drin. Und jetzt müsste auf der linken Seite von mir müssen die da drin stehen. Ich fahre relativ langsam. Das, was Markus da beim Vorbeifahren sieht, sind dunkelgraue, größere Transporter, die im Wald geparkt sind. Ihm ist es aufgefallen, weil da sonst nichts los ist. Vielleicht ist das nichts. Aber es könnte ja auch die Polizei sein. So, hier müsste es irgendwo sein. Da drin stehen die, siehst du das? Da steht einer auf jeden Fall. Markus und der Kameramann suchen jetzt nach einem Platz, wo sie sich hinstellen können.

So, wir sind jetzt da und gucken mal, was passiert, weil eigentlich müsste jetzt ja eigentlich hier gleich jemand kommen. Also wir stehen auf Position, wir sind eigentlich ganz gut platziert, wir sehen, wer reinfährt, wir sehen, wer rauskommt und beobachten das hier einfach. Sie stehen mit dem Wagen seitlich genau an dem Weg, der zu Justins Laube führt. Von dort haben sie einen ganz guten Blick zur Kleingartensiedlung und auf die Landstraße. Wir haben übrigens ganz bewusst entschieden, dass ich nicht mitfahre. Wenn Justin mich sehen würde, hätte er sofort gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Aber Markus kennt er nicht. Deswegen kann er unauffällig beobachten, ohne bei Justin gleich Verdacht zu wecken. Auf dem Feldweg, an dem Markus steht, passiert eigentlich nicht viel. Ab und zu fährt mal ein Auto oder ein Trecker vorbei. Sonst ist es ruhig und ziemlich unspektakulär. Nach über fünf Stunden passiert endlich was.

Ein Volvo. Oh, das ist der. Ein Volvo. Der Volvo kommt im Schritttempo aus Richtung der Laube den Feldweg entlang. Und es ist nicht irgendein Auto, sondern der alte, dunkelblaue Volvo mit der viel zu langen Antenne. Justins Volvo. Zwei Typen drin. Das ist der Sohn. Da in dem Auto sitzen tatsächlich Justin und sein Stiefvater Adi. Und die gucken ziemlich auffällig rüber. Nur ein paar Meter vor Markus' Wagen gehen die Bremslichter an. Der Volvo bleibt stehen. Was ist denn das jetzt? Mach mal ran. Bitte? Mach mal ran.

Wenn die uns zupacken, lasst sie nicht zupacken. Der Wagen von Justin bleibt einen Moment stehen, dann wendet er ganz langsam und fährt wieder zurück in Richtung Laube. Wahrscheinlich haben sie Markus und den Kameramann nur kurz ausgecheckt. Es passiert minutenlang nichts. Dann beobachten die beiden, wie nach und nach Autos von der Straße in Richtung Kleingartensiedlung fahren. Also ganz komisch jetzt, jetzt kam noch ein Auto aus Dresden, davor ist schon ein Auto aus Chemnitz gekommen. Da sitzen immer irgendwelche junge Männer mit Kapuzenpullis drinnen. Klar, es kann gut sein, dass Justin Verstärkung holt, weil er merkt, hier stimmt irgendwas nicht. Aber es könnte genauso gut auch die Polizei sein. Eigentlich rechnet man ja mit Blaulicht, aber es wäre ja auch möglich, dass die Einsatzkräfte in Zivil kommen. Die nächsten 20 Minuten passiert wieder nichts. Markus kann von seinem Standpunkt aus aber auch nicht direkt in die Kleingartensiedlung sehen, weil der Weg da um die Ecke geht. Also entscheidet er sich, zur Laube zu fahren und nachzuschauen, was genau los ist. Okay, dahin steht schon mal dieses Chemnitzer Auto, das sehe ich da, das eine.

Markus steht jetzt mit dem Auto schräg gegenüber von Justins Laube. Da sind schon Leute, drei, vielleicht vier. Dann geht alles sehr schnell. Die dunkelgrauen Transporter, die Markus vorher schon im Wald gesehen hat, die kommen jetzt in echt zügigem Tempo angefahren und halten in der Nähe. Markus und der Kameramann gehen davon aus, das ist der Start der Razzia. Sie steigen aus und laufen Richtung Laube.

Ihnen kommt ein Beamter mit Sturmhaube auf dem Kopf entgegen. Der ist ziemlich angespannt und echt aufgebracht, die zwei hier zu sehen. Gehen Sie mal ein Stück hinterher, der läuft gerade zum polizeilichen Maßnahmen, die wird nicht gestört. Gehen Sie einfach wieder zurück zu Ihrem Auto. Beide gehen ein Stück zurück, aber filmen weiter, was ja ihr gutes Recht ist als Journalisten. Von dort, wo sie jetzt stehen, haben sie einen ganz guten Blick in die Laube. Sie sehen das Metalltor, den Zaun und können in den verwilderten Vorgarten sehen. Auf der Kamera ist zu erkennen, wie Justin von einem schwer bewaffneten Polizisten am Boden fixiert wird. Draußen vor der Laube stehen weitere Beamte in voller Montur. Und die Stimmung ist echt angespannt. Aus der Laube gehen schwer bewaffnete Polizisten ein und aus. Dann spricht einer von ihnen Markus an. Das ist einfach gefährlich aktuell. Es ist aktuell noch eine Explosionsgefahr.

Explosionsgefahr, sagt der Beamte dazu Markus. Das heißt, sie haben wohl die Kugelbomben da unter dem Bett in der Laube gefunden. Justin wird an diesem Tag festgenommen.

Anschlag vereitelt. Sächsische Ermittler haben einen 21-jährigen Deutschen aus dem Landkreis Meißen festgenommen. Er sitzt in Untersuchungshaft. Der Beschuldigte soll eine Sprengstoffattacke auf ein Wohnheim für Asylsuchende in Brandenburg geplant haben. Bei Durchsuchungen hat das LKA Kugelbomben und Waffen sichergestellt. Ein anonymer Hinweis hatte die zuständige Sonderkommission auf die Spur des Verdächtigen gebracht.

Der anonyme Hinweis, von dem hier gesprochen wird, das waren wir, die Reporterinnen und Reporter von RTL und Stern. Unsere Informationen und meine Undercover-Recherche haben die Beamten also auf die Spur von Justin geführt. Und damit auch zur letzten Verteidigungswelle. Öffentlich bekannt ist das zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht.

Vergeht es? Ja, fuck, man! Das am Telefon ist mein Kollege Tim. Ihr hört es an meiner Stimme. Ich bin noch echt ziemlich aus dem Häuschen, dass das ganze Internet voll ist von der Razzia. Passiert auch nicht jeden Tag, dass man als Journalistin einen mutmaßlichen Anschlag verhindern kann. Am Tag danach ist er froh, dass alles geklappt hat. Aber er macht sich auch Sorgen, wie das jetzt nach der Razzia weitergeht mit meiner Undercover-Recherche in der LVW. Droht dir etwas oder ist irgendjemand hier gegen was Geld? Der Typ sitzt jetzt in Urhaft. Ja, der eine fand sich weniger, aber... Genau, aber es kam jetzt auch noch nichts in der Gruppe. Also die sind alle noch, die wissen noch von nichts. Die wissen nicht, dass er verhaftet ist? Nee, die wissen nicht, dass er verhaftet ist. Ach krass. Ja. Ihr habt richtig gehört. Die Gruppe, also die LVW, weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Justin verhaftet wurde. Oder besser gesagt, die wissen nicht, dass der, der in Sachsen verhaftet wurde, zur LVW gehört. Sie haben zwar von der Razzia gelesen und gehört, aber offenbar nicht damit gerechnet, dass jemand aus ihren eigenen Reihen betroffen ist. Sie denken nur, Justin hat sich einfach aus der Gruppe zurückgezogen.

Inzwischen fehlen der LVW drei wichtige Figuren. Zwei sogenannte Gauleiter und ein Propagandaminister. Yannick, Justin und Elias. Alle sitzen zu diesem Zeitpunkt in Untersuchungshaft. Wer noch da ist, ist Kevin. Der selbsternannte Führer, der jetzt in so eine Art Endzeitsprech verfällt. Das wirkt fast so ein bisschen, wie Hitler das auch gemacht hat. Er versucht offenbar, die Motivation seiner kleinen Armee hochzuhalten. Es klingt ein bisschen wie ein Auszug aus einem Propagandahandbuch. How to Hitler. Ob er das bewusst so macht? Keine Ahnung. Meine treuen Kameraden, auch wenn alle gehen, ich bleibe in der Gruppe. Ich habe versprochen, die Mitglieder der LVW in Schutz zu nehmen. Auch vor der Polizei. Da ich selbst sehe, dass es sogar für mich zugrunde geht und ich wahrscheinlich eine lange Haftstrafe absitzen muss, nehme ich es niemandem übel, wenn er geht. Aber die LVW stirbt niemals. Sieg heil! Ich denke mal, dass wir jetzt alle nach und nach hochgenommen werden. Aus der Gruppe austreten bringt jetzt nichts mehr. Ich bleibe auch bis zum Tod in der LVW. Ein kräftiges Sieg heil euch Kameraden!

Mittlerweile ist es Anfang Mai 2025. Bevor unsere Recherche rausgeht, müssen wir natürlich allen, über die wir berichten, die Chance geben, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Das gehört einfach zum journalistischen Handwerk. Deswegen haben wir Briefe an Justin, Elias und Yannick geschrieben. Bei Elias haben wir es zusätzlich über seine Eltern versucht, weil er noch minderjährig ist. Und tatsächlich, einer hat sogar geantwortet. Yannick. Der, der am Morgen, als wir nach Tschechien gefahren sind, eine Razzia hatte. Von ihm kam ein handgeschriebener Brief direkt aus der JVA. Eingegangen am 17. April 2025. Adressiert an meine Kollegin Tina, die ihm unsere Fragen geschickt hatte. Yannicks Handschrift ist richtig krakelig. Ein paar Sachen sind mit Kugelschreiber wieder durchgestrichen. Ich musste direkt an unseren ersten Chat denken. Er hatte da schon gesagt, dass Schreiben eigentlich nicht so sein Ding ist.

Sehr geehrte Frau Kaiser, soweit ich weiß, existiert die Rechtsgruppe LVW seit zwei Jahren. Ich konnte an der Fahrt nach Tschechien nicht teilnehmen, da um 6.15 Uhr das SEK eine Razzia in der Wohnung meiner Mutter durchführte und ich verhaftet wurde. Es trifft zu, dass eine Waffe sowie eine Hakenkreuzflagge und weiteres NS-Material sichergestellt wurde, wie eine SS-Fahne, ein Reichsadler, NS-Bilder und eine Binde der Hitlerjugend. Mitglieder der Rechtsgruppe LVW nahmen zahlreiche Aktionen in Kauf, wobei es keine Toten gab. Auch ich habe zahlreiche Aktionen in Kauf genommen, wobei es ebenso keine Toten gab. Ich äußere mich nicht zu allen Fragen und ich hoffe, Sie können dies verstehen und respektieren es. Wenn das Interesse aber bis zu meiner Entlassung noch besteht, wäre ich bereit, das private Gespräch mit Ihnen in Kauf zu nehmen und andere oder neue Fragen zu beantworten. Mit freundlichen Grüßen, Yannick.

Ich habe den Brief echt mehrmals gelesen und ehrlich gesagt, bis heute weiß ich nicht so richtig, was ich davon halten soll. Ich meine, da sitzt ein Jugendlicher in Untersuchungshaft und nach allem, was passiert ist, schlägt er ein Treffen nach seiner Haft vor. Vielleicht hat er noch nicht verstanden, wie ernst das alles ist. Oder vielleicht ist es auch so eine merkwürdige Art von Stolz, dass er Teil der LVW war. Vielleicht will er sich auch einfach erklären. Darum haben wir ihn schließlich gebeten.

Es ist Anfang Mai, als unsere gemeinsame Recherche von RTL und Stern zur letzten Verteidigungswelle endlich veröffentlicht wird. Aus dem ganzen Material, das wir haben, entsteht eine 60-minütige Dokumentation. Sie heißt Die Nazi-Kinder und läuft auf RTL Plus und im Fernsehen. Parallel erscheinen begleitende Artikel im Stern, darunter auch die Titelgeschichte dieser Woche. Danach geht es in der Chatgruppe der LVW richtig ab. Es werden Links zum Film und zu den Artikeln geteilt. Jeder sucht nach Erklärungen, manche regen sich auf und andere spekulieren wild. Das eigentlich Faszinierende, ich bin zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht aufgeflogen. Ich kann weiter als Isabel mitlesen, bekomme also hautnah mit, wie verunsichert die Gruppe ist. Meine lieben Kameraden und Kameradinnen, einer in der LVW hat versucht, einen Bombenanschlag auf ein Asylheim zu starten. Der Typ soll 32 sein und soll in unserer Gruppe entweder gewesen sein oder ist in unserer Gruppe.

Also ich bin wirklich stolz auf euch. Aber Leute, ein Bombenanschlag. Es war eine Razzia bei diesem Typen. Es wurde Sprengstoff von diesem Typen einkastiert. Schusswaffen, Messer und sämtliche anderen Sachen. Falls irgendeiner weiß, wer dieser Typ war, dann meldet euch bitte bei mir. Nach Verfassungsschutz ist das nämlich einer aus der LVW gewesen. Das ist wieder Kevin, der selbsternannte Führer der LVW. Er bringt da aber einiges durcheinander. Zum Beispiel mein Alter oder wer genau festgenommen wurde. Ich bin 32, aber verhaftet wurde Justin. Kevin hatte offenbar selbst keinen Plan, was Elias und Justin da wirklich vorhatten. Trotzdem sagt er, er sei stolz auf das, was seine Jungs da versucht haben. Ich komme nicht darauf klar, dass er darauf stolz ist. Ganz kurz mal. Das wirkt jetzt so, als hätte Kevin keine Ahnung von irgendwas. Und das, obwohl er der selbsternannte Führer dieser Gruppe ist. Und es kann ja sein, dass er nicht wusste, was genau Justin da mit den Kugelbomben geplant hat. Aber wir wissen heute, dass er und vermutlich auch weitere sehr wohl einen Überblick über die Aktivitäten und die mutmaßlichen Straftaten der Gruppe hatten.

Kevin schickt jetzt alles, was er zum Thema finden kann, in die Gruppe. Links, Screenshots, Ausschnitte aus Berichten. Die anderen diskutieren inzwischen ganz offen, wie das passieren konnte. Und sie rätseln, was sie jetzt tun sollen, um irgendwie wieder aus der Nummer rauszukommen. Sie überlegen auch, wie die Journalisten an die ganzen internen Informationen der LVW gekommen sind. Aber woher haben die das? So, da müssen die ja gezielt nach unserem Account gesucht haben. Oder der Name ist halt des Öfteren gefallen. Ja gut, macht's dann, ne? Auch Tage nach der Veröffentlichung hat in der Gruppe immer noch niemand gecheckt, dass Kameradin Isabel in Wahrheit die Reporterin Angelique ist. In der Doku zeige ich offen mein Gesicht. In den Artikeln steht mein voller Name, Angelique Geray. Das war übrigens eine bewusste Entscheidung. Ich wollte mich nicht verstecken, sondern Rückgrat zeigen und deutlich machen, dass ich mich von dieser Szene nicht einschüchtern lasse. Gleichzeitig ist mir klar, wie privilegiert ich in dieser Position bin. Ich habe ein großes Medienhaus im Rücken, eine Rechtsabteilung und Sicherheitsstrukturen. Viele andere, die sich rechtsextrem entgegenstellen, haben all das nicht.

Aber wieder zurück zur LVW. Dass sie das nicht checken, liegt vermutlich auch daran, dass die meisten, die nach der Veröffentlichung noch im LVW-Chat waren, mich nie persönlich getroffen haben. Sie wissen schlicht nicht, wie Isabel in echt aussieht und merken deshalb nicht, dass sie die ganze Zeit über mich reden. Aber irgendjemand ist oder war in der Gruppe von denen. Das ist das Problem. Ja, aber wenn diese Person noch hier ist, dann sind wir am Arsch. Lieber Stern oder wer auch immer hier nicht reingehört, geht Eier lecken. Ach man, ich bin so geistig, mir diesen Scheiß Plus Krack zu holen. Weißt du, wahrscheinlich der einzige Beitrag ist, den ich mir da angucke, aber wie sehe ich aus, was ich hier, weiß ich nicht, wie viel waren es, 5 Euro pro Woche oder so bezahlen? Am Arsch.

Das ist echt absurd. Am Anfang weigert sich noch jeder in der LVW, für den Sternartikel zu zahlen, obwohl es genau um sie geht. Niemand hat Lust, Geld für so einen Kack-Plus-Beitrag auszugeben, wie sie das hier gesagt hat. Aber dann, so etwa eine Woche nach unserer Veröffentlichung, wird die Neugier doch größer als der Geiz. Irgendwer holt sich den Plus-Artikel, macht Screenshots und postet sie in die Gruppe. Und damit ist es raus. Isabel, ihre vermeintliche Kameradin, die existiert so gar nicht. Ich bin keine Mitläuferin gewesen, sondern Investigativreporterin von RTL.

Könnt ihr euch erinnern, wo Yannick, wo die nach Tschechien gefahren sind? Das war ein RTL-Reporter. Oder einer von SternTV, eins von beiden. Findet diese Alte. Versucht herauszufinden. Also wirklich alles. Na, Ding. Die Typen von Stern sind da ja auch mit involviert. Weil die haben das auf deren Stern irgendwas da Seite. Das sind genau dieselben Dinger. Und das sind auch quasi das alte Gruß-Ideo. Was ich noch bekommen hatte, als ich neu beigetreten bin. Ja, die Fotze, die sich eingeschleust hat. Warte, wegen Elias und Janek waren die von RTL und Stern jetzt bei uns drinne? Hä? Ich verstehe nur Auschwitz.

Ich habe total warme Wangen und meine Hände, die zittern schon ein bisschen. Jetzt passiert es. Vielleicht dauert es noch ein paar Minuten, vielleicht nur Sekunden. Ich will unbedingt live dabei sein, wenn sie mich enttarnen. Keine Ahnung warum, aber nach all den Monaten will ich das jetzt bis zum Schluss miterleben. Meine Fresse, strengt euer Hirn an. Wenn ihr bei so Kleinigkeiten schon zu blöd seid zum Lesen, Zuhören oder Verstehen, will ich nicht wissen, wie es bei ernsteren Themen ist. Jungs, ich bin enttäuscht von euch. Tina hat Isabel entfernt.

Tina hat Isabel entfernt. Das ist die letzte Nachricht, die ich im LVW-Chat bekomme. Bei dir ist das, glaube ich, auch noch eine ganz spezielle Variante, weil wir können uns das ja letztlich aussuchen, auf welche Veranstaltung wir fahren. Und wir können dann quasi im Homeoffice arbeiten oder in unserem Büro und sind aber nicht permanent. Also es ist immer noch eine freiwillige Entscheidung. Wenn man Teil der Szene ist, undercover, dort drin ist, dann musst du wirklich dafür so ein Doppelleben. Mein Doppelleben, das ist jetzt erst mal vorbei. Und ich glaube, da ist wirklich dieser Austausch und vor allem auch immer auch zu wissen, es gibt einen Exit-Plan. Also was passiert, wenn du auffliegst? Was passiert, wenn sie einen Verdacht schöpfen, der mehr ist als nur so eine bloße Ahnung?

Über den Exit-Plan, von dem André hier spricht, bin ich heute sehr dankbar. Als absehbar war, wann die ersten Beiträge erscheinen würden und dass meine Tarnung damit aufliegt, haben wir bei RTL einen Sicherheitsplan gemacht. Wir haben Szenarien durchgespielt, Drohpotenzial eingeschätzt und mit Sicherheitsexperten gesprochen. Nach acht Monaten Undercover-Recherche in dieser rechtsextremen Parallelwelt fühle ich mich einfach vollkommen platt und erschöpft. Und ja, auch besorgt, weil jetzt mein Name und mein Gesicht in der Öffentlichkeit bekannt ist.

Schon gegen Ende der Recherche hatte ich immer häufiger den Albtraum, dass plötzlich irgendwelche Leute vor meiner Türe stehen. Pakete nehme ich nur noch an, wenn ich zu 100% weiß, dass ich sie selbst bestellt habe. Am Ende weiß ich gar nicht mehr so genau, was ich erwartet habe. Aber irgendwann habe ich mich einfach nicht mehr wirklich sicher gefühlt. Klar war, ich werde Deutschland vorübergehend verlassen. Mein Arbeitgeber hat organisiert, dass ich für knapp drei Wochen ins Ausland gehe, außerhalb Europas. Wichtig war, dass ich für die rechtsextreme Szene nicht auffindbar bin, weil bei so einer Recherche ist klar, dass die Leute ganz schön angepisst sind.

Da, wo ich bin, ist es warm und es scheint die Sonne. Und es liegen mehrere Zeitzonen zwischen mir und allem, was gerade in Deutschland passiert. Immer wieder muss ich in dieser Zeit an das Buch Blut muss fließen von Thomas Kuban denken. Thomas Kuban, das ist nur ein Pseudonym. Sein echtes Gesicht kennt so gut wie niemand. Er tritt, wenn überhaupt, immer nur verkleidet auf. Mit Perücke und Sonnenbrille, damit ihn wirklich niemand erkennt. 15 Jahre lang hat er undercover mit versteckter Kamera in der Neonazi-Szene recherchiert. Sein Buch darüber habe ich mehrmals gelesen, vor allem in den schlaflosen Nächten während meiner eigenen Recherche. Und jetzt, nach der Veröffentlichung, setze ich mich selbst hin, um alles in ein Buch zu packen, was ich erlebt habe.

Es ist der 21. Mai 2025. Ich bin immer noch im Ausland. Guten Tag und herzlich willkommen zu Punkt 12 mit einem riesigen Erfolg für die deutschen Ermittler. Nach RTL-Enthüllungen haben Beamte heute Morgen deutschlandweit rechtsradikale Jugendliche festgenommen, die ganz konkret Anschläge geplant und schon ein Haus angezündet haben. Monatelang hatte unsere Reporterin dazu recherchiert und sich auch in rechte Chatgruppen eingeschleust und damit den Ermittlern entscheidende Hinweise geliefert. Hier sind die Einzelheiten.

An diesem Morgen ist die letzte Verteidigungswelle nicht nur in Deutschland Thema. Selbst die amerikanische New York Times und der britische Guardian berichten an diesem Tag über die Razzien. Frühmorgens gegen 6 Uhr stürmen Ermittlerinnen und Ermittler zeitgleich in mehreren Bundesländern Wohnungen, Garagen und Gärten. In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Hessen, Sachsen und Thüringen. Insgesamt werden 13 Objekte durchsucht. Die Aktion ist groß angelegt und von der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe koordiniert. Das Ziel? Eine rechtsextreme Terrorzelle zerschlagen, die sich selbst letzte Verteidigungswelle nennt. An diesem Tag werden vier mutmaßliche Mitglieder und ein mutmaßlicher Unterstützer festgenommen. Der Vorwurf? Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und die Planung von Anschlägen auf Geflüchtete und politische Gegner. Inzwischen sitzen mehrere mutmaßliche Mitglieder der LVW in Untersuchungshaft. Darunter auch Kevin, der selbsternannte Führer.

Mittlerweile ist Mitte Juni 2025. Inzwischen bin ich wieder zurück aus meinem Exil. Ich bin aber noch nicht in meiner Wohnung, sondern in einem Airbnb irgendwo in Brandenburg. Ein paar Tage einfach mal durchatmen, das tat gut. Aber jetzt will ich weitermachen. Denn die Geschichte mit der LVW ist für mich noch nicht abgeschlossen. Also nehme ich mein Handy und öffne die alte Chatgruppe der LVW. Und ich sehe fast 40 Nummern. Manche erkenne ich sofort, andere habe ich noch nicht eingespeichert. In den nächsten Tagen starte ich die Kontaktversuche. Ich schreibe jedem Einzelnen per WhatsApp. Ich stelle mich als Journalistin vor, die die Recherche über die LVW gemacht hat. Ich frage, ob sie jetzt mit etwas Abstand bereit wären, mit mir zu reden. Mich interessiert, wie sie überhaupt in die LVW gerutscht sind und wie sie heute auf diese Zeit zurückblicken. Meine Nachrichten werden immerhin gelesen. Das zeigen die zwei Häkchen bei WhatsApp. Manche antworten nur knapp mit kein Interesse. Aber einer will immerhin kurz mit mir telefonieren.

Und er erlaubt mir, das Gespräch für diesen Podcast aufzuzeichnen. Also wenn ich jetzt darüber nachdenke, kann ich auch nur über mich grübeln und mich lustig machen. wie kann ich so blöd sein. Über TikTok wurde damit geworben, auch ganz viel, kommen die letzte Verteidigungsstelle, bla, und wir stehen dafür. Und dann hat Abba mal geschrieben und dann ist man halt tatsächlich reingekommen, ganz einfach, was wahrscheinlich auch der Fähr, deswegen wahrscheinlich auch sie reingekommen sind. Und dann laut meines Denkens war ich kein Extremist. Ich habe meine Meinung geteilt durch Leute, die es interessiert haben, Besonders mit Gleichgesinnten, das ist ja auch nicht verboten. Und dann habe ich mich halt immer mehr informiert, immer mehr über die deutsche Geschichte. Dann auch DNS-Zeit bekommen in der Schule.

Und da hat sich immer Gedanken gemacht, man hat mehr gelesen, man hat mehr gehört. Ich war ja tatsächlich bis zum Zeitpunkt auch noch ein Skinnet. Es ist wirklich so das Umfeld, wo man einrutscht. Er war anscheinend nur ein paar Wochen im Chat der LVW aktiv. Jetzt, ein paar Monate später, sagt er, er habe sich komplett von der Szene gelöst. Also so erzählt er es mir zumindest. Ich gehe raus zu meinen Freunden, normal, gehe was essen, auch beim Türken oder beim Griechen. Weil es erst einmal gut schmeckt, brauchen wir es nicht zu machen. Also ich bin auf jeden Fall kein Skynet mehr. Also keine Bobbemerkung mehr, keine Stiefel mehr und keine Jeans oder Cargo-Hosen. Also Jeans schon, aber nur ganz normale.

Ich finde es faszinierend, wie schnell Jugendliche in rechtsextreme Gruppen reinrutschen und ein paar Wochen später gefühlt schon wieder draußen sind. Fast wie ein Trend, den man mal ausprobiert. Ich versuche in den nächsten Tagen weiter, ehemalige Mitglieder der letzten Verteidigungswelle zu erreichen. Am liebsten würde ich jemanden persönlich treffen. Am Telefon ist es leicht, nicht die ganze Wahrheit zu sagen oder das Ganze zu verharmlosen. Und dann, irgendwann, kommt sie. Die Nachricht von einem jungen Mann, der bis zum Schluss in der Gruppe war und vielleicht bereit ist, sich mit mir zu treffen.

Ich bin sowieso noch fast einen ganzen Monat dran geschrieben. Deswegen, das passt bei mir auf jeden Fall. Der, der da spricht, ist immer noch in der Neonazi-Szene unterwegs. Er sagt überraschend einem Treffen mit Kamera zu. Aber nur unter einer Bedingung. Er will sich im Wald treffen. Ich biete ihm ein Hotelzimmer oder ein Airbnb an, aber er bleibt hart. Geschlossene Räume kommen für ihn nicht in Frage. Wahrscheinlich, weil er Angst hat, dass wir ihn in eine Falle locken. Vor dem Treffen frage ich ihn sogar, ob es okay für ihn ist, dass mein Kameramann, der auch ein Freund von mir ist, einen Migrationshintergrund hat. Das ist eine seltsame Frage, das ist mir klar. Aber ich fühle mich sicherer, wenn ich sowas vorher offen anspreche. Ja, das ist okay. Wie gesagt, ich bin ja immer rechts, aber das ist trotzdem okay.

An diesem Tag scheint die Sonne. Es ist richtig warm. Ich bin in Dresden, in der Nähe vom Stadtwald. Nach allem, was in den letzten Monaten passiert ist, will ich so ein Gespräch einfach nicht alleine führen. Einige aus der Szene sind immerhin ziemlich sauer auf mich. Deswegen habe ich mir Security organisiert. Sind wir verabredet?

Sehr gut. Schön, dass ihr da seid. Hi. Hi, Orselik, freut mich. Freut mich auch. Die beiden Sicherheitsmänner, die mich heute begleiten, sollen möglichst unauffällig im Hintergrund bleiben. Sie wissen schon grob, um was es heute geht. Okay, ist es so einer mit Tattoos und so? Ja, der hat auf jeden Fall auf den Händen Tattoos. Ja, genau. Kommt der alleine? Das hoffe ich jetzt. Achso, der weiß nicht, dass ihr hier seid. Das ist nur für unsere Hauptsicherheit. Die Security suchen sich schon mal einen Platz. Sie bleiben aber in Hörweite, damit sie notfalls sofort reagieren können. Und falls es richtig brenzlig wird, direkt die Polizei rufen. Ich stehe in der Nähe vom Dresdner Stadtwald und laufe nervös auf und ab. Mein Gesprächspartner hat Schwierigkeiten, den Treffpunkt zu finden. Was auch daran liegt, dass der Platz absichtlich etwas versteckt liegt. Damit nicht ständig Leute vorbeikommen und uns vielleicht beobachten. Damit er auch wirklich kommt, habe ich ein Taxi bestellt, das ihn direkt zu mir bringt. Ja, ich glaube, das ist er.

Sehr gut, das hat wunderbar funktioniert. Vielen lieben Dank. Der junge Mann, der aus dem Taxi steigt und mir die Hand gibt, trägt eine schwarze Jacke und Turnschuhe. Auf seinen Händen hat er auffällige Tattoos, bei denen er mich aber gebeten hat, sie nicht zu beschreiben. Er möchte möglichst anonym bleiben. Für diesen Podcast nenne ich ihn also Martin. Und ich merke sofort, Martin ist ziemlich nervös. Geht's gut? Wir gehen hier lang. Kann man nochmal irgendwo Zigaretten holen? Boah, shit, hättest du was gesagt? Ich glaube, ich habe keine dabei. Wir laufen zusammen einen Weg im Stadtwald entlang, biegen dann rechts ab und gehen ein Stück in den Wald hinein. Dort warten schon der Kameramann und der Tonassistent. In der Mitte einer kleinen Lichtung stehen zwei Stühle. Die haben wir extra mitgebracht und ein kleines Set aufgebaut. Auf der Kamera sieht man ihn zur Sicherheit nur von hinten. Was meinst du, was würden die machen, wenn das jetzt jemand rauskriegt? Wahrscheinlich aufs massivste Krankenhaus reichlagen. Meinst du? Ja, das ist schon ganz schön doll.

Martin ist 22 Jahre alt und kommt aus Dresden. Er macht aktuell eine Ausbildung in der Baubranche und war ungefähr ein Jahr lang aktives Mitglied der LVW. Er will reden, weil er reinen Tisch machen will, sagt er. Es ist ein echt seltsames Gefühl, ihm jetzt so gegenüber zu sitzen. Ich frage, wie das für ihn ist. Aber ich sag mal, zu meinem damaligen Zeitpunkt, wo ich noch so aktiv war, da hätte ich auf jeden Fall abgrundtief gehasst. auf jeden Fall, ja. Weil Verräter, das ist ein schwieriges Thema bei mir. Also ich hasse Verräter eigentlich über alles. Verräterin. Das ist also ab jetzt mein Label. Mich interessiert, wie das bei ihm angefangen hat mit der LVW. Letzte Verteidigungswelle bin ich durch einen guten Freund gekommen. Der hat mich auf die Gruppe aufmerksam gemacht. Und da habe ich mir gesagt, ich gucke mir das erst mal an. Da hatten wir so eine Art Gruppentreffen gehabt. Also zu dem Zeitpunkt war ich wahrscheinlich in der Gruppe drin, aber das war jetzt so mein erstes Treffen mit den Leuten. Und da habe ich dann halt irgendwann gemerkt, So, die sind stabile Jungs, mit denen man auch mal ordentlich auf die Kacke hauen kann, die halt dieselbe richtig krass rechte Meinung wie ich halt vertreten. Und natürlich fühlt man sich halt auch sehr wohl dann unter den Leuten. Martin hat eine Glatze rasiert. Er würde sich selbst nicht als Neonazi bezeichnen, aber wie er sagt, als krass rechts.

Normalerweise trägt er auch eine Bomberjacke, aber heute ist es zu warm. Zu seinem Kleidungsstil sei er über TikTok gekommen. Die politische Gesinnung dagegen, da ist er ziemlich klar. Die hat auch mit seinem Elternhaus zu tun. Also bei meinem Umfeld gar nicht, aber bei meinem Stiefvater und meiner Mutter halt so. Dann doch immer, wenn man so nach euch guckt und wieder irgendwelche Vorfälle liest, dann kam natürlich so Wörter wie Scheißkanaken und so. Und das hat halt auch ein bisschen in meinem Kopf ein bisschen was ausgelöst, wo ich dann auch ein Stück weit durch meine Familie halt dann diese Meinung gekommen bin. Woher genau der Hass auf Migrantinnen und Migranten in seiner Familie kommt, kann er aber nicht so wirklich erklären. Er spricht von Respektlosigkeit und erzählt von Situationen, wo er von Migranten manchmal komisch angeschaut wurde. Nichts Konkretes. Aber das hat wohl schon gereicht. Was bei ihm allerdings irgendwann dazukam, ist die Gewalt. Er erzählt, dass er und seine Freunde oft in einer größeren Gruppe abends durch die Dresdner Innenstadt gezogen sind und dass sie eigentlich genau deswegen unterwegs waren. Also wir sind jetzt nicht komplett gezielt auf diesen Rückgang, aber wenn wir dann, ich sag mal, ausländische Leute gesehen haben, dann gab es mal ein kleines Handzeichen oder so, oder dann wurde mal gesagt, hier lass mal zu denen hin. Und dann ging das dann ab und zu auch mal so weit, dass wir uns dann mit den Leuten geprügelt haben. Man fühlt sich halt so... Mächtig halt. Man fühlt sich so groß und stark.

Man kann auch einfach, also was ich halt bei mir gemerkt habe, ich habe halt, wenn ich solche Leute zusammengeschlagen habe.

Da habe ich auch meine ganze Wut einfach rausgelassen. Da kamen auch noch andere Punkte in meinem Kopf hoch, wo ich einfach, ich habe da einfach rot gesehen, habe dann einfach drauf eingeschlagen. Einfach drauf. Und habe halt meine ganze Wut, die sich den ganzen Tag in meinem Kopf angestaut hat, einfach an diese eine Person ausgelassen. Was er mir hier erzählt, schockiert mich wirklich. Denn der Junge, der mir hier gegenüber sitzt, der wirkt eigentlich total unsicher. Während er seine Geschichte und seine Gründe, warum er wahllos auf Menschen eingeschlagen hat, schildert, verstehe ich vieles davon einfach nicht. Bei Martin merke ich aber ganz klar, ihm ging es vor allem um Anerkennung, um das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Aber auch um Wut, diese diffuse Wut, die mir während meiner Recherche immer wieder begegnet ist. Die Provokation war bei Martin wohl auch ein wichtiger Faktor. Vor allem, weil es in seinem Umfeld offenbar kaum jemanden gab, der rechten Sprüchen oder extremen Ansichten wirklich widersprochen hat. Er erzählt, dass er bei drei oder vier Aktionen der LVW selbst dabei war. Bei vielen weiteren wusste er zumindest Bescheid, weil er im Chat alles mitbekommen hat. Vieles davon habe er damals wirklich gut gefunden. Aber nach unserer Berichterstattung kam für ihn eine Art Erkenntnis. Da wo ich das mit diesen ganzen Sachen gehört habe, mit diesen ganzen großen Anschlägen und so, diese ganzen Pläne, wie die haben, da habe ich dann einfach gesagt, ich will das nicht mehr.

Und dann, wo halt dann noch die ganzen Polizeisachen waren, wo halt auf einmal alle irgendwie im Gefängnis waren, da habe ich dann auch gedacht, nee, ich möchte so nicht enden. Paranoia, sehr viele Panikattacken gehabt, Angstzustände gehabt. Auf jeden Fall eine richtig, richtig krasse Angst vor Polizeikontrollen bekommen. Was jetzt halt immer noch so ist, wenn ich ein Polizeiauto sehe, kriege ich es direkt mit der Angst zu tun, Und ja, es hat schon einen kleinen psychischen Knacks mit mir gemacht. Martin erzählt mir, dass er seit den Razzien keinen Kontakt mehr zur LVW hat. Am engsten war er wohl immer mit Justin. Er sagt, dass er auch ein paar Mal bei ihm in der Laube übernachtet hat.

Apropos Justin, also der, mit dem ich in Tschechien war und eben auch der mit der Laube in Sachsen. Justin sitzt inzwischen schon eine ganze Weile in Untersuchungshaft. Wahrscheinlich bis zum Prozess. Und ein paar Wochen nach meinem Gespräch mit dem ehemaligen LVW-Mitglied Martin ruft plötzlich die Polizei bei mir an.

Der Beamte am Telefon berichtet, dass sie bei einer routinemäßigen Durchsuchung von Justins Zelle in der JVA einen handgeschriebenen Zettel gefunden haben. Eine Art Notiz. Die hat er versteckt und vielleicht wollte er sie weitergeben. Das ist aber nicht ganz klar. Darauf steht sinngemäß. Meine Kameraden, ich bereue zutiefst, dass ich die Journalistin so tief in die LVW geholt habe. Ich gebe es ehrlich zu, ich habe mit dem Schwanz gedacht. Ich nehme die ganze Schuld daran auf mich, dass die LVW aufgeflogen ist. Hiermit schwöre ich Rache. Ich werde diese Journalistin töten.

Ich war acht Monate undercover. Ich habe mich allein in gefährliche Situationen gebracht. Auch durch meine Arbeit wurden Mitglieder der LVW inhaftiert. Bald stehen acht von ihnen vor Gericht. Unter anderem wegen der Mitgliedschaft und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, gefährliche Körperverletzung, Verabredung zum Mord, unversuchter Mord. Und höchstwahrscheinlich werde ich als Zeugin vor Gericht geladen, um gegen meine ehemaligen Kameraden auszusagen. Möglicherweise sitze ich also bald im Gerichtssaal. Auch direkt gegenüber von Justin. Dem Mann, der schriftlich gedroht hat, mich zu töten. Das ist die vorerst letzte Episode von Braune Kinderzimmer.

Braune Kinderzimmer ist eine Produktion von RTL+. Danke an das Podcast-Team von RTL+. Besonders an Redaktion und Sounddesign, die diesen Podcast möglich gemacht haben. Geschrieben und gesprochen von mir, Angelique Geray. Die Musik kommt von The Vibe. Braune Kinderzimmer ist eine Recherche von Stern und RTL. Jonas Fedders, Markus Frenzel, David Holzapfel, Tina Kaiser, Frederik Mittendorf, Marc Neller, Tim Kickbusch und mir, Angelique Geray.