Denk mal an den wichtigsten Menschen in deinem Leben. Vielleicht an deinen Ehemann, an deine Mutter oder an deine Tochter. Und dann stell dir mal vor, dass dieser Mensch irgendwann plötzlich einfach weg ist. Von einem Moment auf den anderen. Einfach so. Für immer. Fangen wir mal so an. Ayla Erjan steht mit ihrem Sohn Abbas in der Abstellkammer ihrer Wohnung. Da ist ein Kleiderschrank drin, ein Regal und in der Ecke liegen ein paar Kartons. Und dann ist da noch etwas. Der Koffer steht hier. Ein Koffer. Also der Koffer. Von Hilal, seiner verschwundenen Schwester. Abbas hat ihn erst vor ein paar Minuten aus dem Keller in die Wohnung seiner Mutter gebracht. Nee, hab ich noch nicht ausgemacht. Abbas legt den grauen, etwas abgegriffenen Koffer ganz langsam auf das Regal in der Abstellkammer. Das macht er ganz vorsichtig, als wäre er zerbrechlich. Ayla geht in diesem Moment zwei, drei Schritte zurück, als würde sie auf Abstand zu dem gehen, was da im Koffer verborgen ist. Ich stelle mich neben sie. Ja, das ist für mich immer so schwer. Da bin ich den ganzen Tag nicht so gut. Ayla, die Mutter. Sie hat ein schwaches Herz, holt sich jetzt ein Taschentuch aus der Küche. Dann sagt sie, immer wenn sie diesen Koffer, also den Koffer ihrer Tochter Hilal aufmachen, dann überkommt sie der Schmerz. Sie macht es aber immer wieder, jedes Jahr mindestens zweimal, an Hilals Geburtstag und an dem Tag, an dem sie verschwunden ist. Heute dürfen wir dabei sein. Also ich bin ehrlich, es ist halt sehr berührend für mich auch. Man weiß nicht, was man so sagen soll, weil es ist wirklich schwer, das in Worten irgendwie zu fassen. Und wenn ich jetzt gleich das Aufmachen und so Sachen sehe, ist das für mich dann immer wieder herzreißend. Abbas schluckt jetzt ziemlich schwer. Ich mache da noch ein bisschen auf. Abbas öffnet den Deckel vom Koffer. Wir gucken rein und sehen Pullover, Hosen und Röcke. Alles sorgsam gefaltet. Ordentlich sieht es da drin aus. Ayla, die steht immer noch zwei, drei Schritte vom Koffer entfernt. Manchmal, sagt sie, da hält sie sich ein Pullover aus dem Koffer ganz nah an die Nase, weil sie hofft, dass der Geruch von damals noch geblieben ist. Abbas hat jetzt einen Turnbeutel gefunden und macht ihn auf. Für meine Mutter ist es natürlich sehr emotional. Ich weiß, sie kann auch nicht darüber reden. Hier laufen die Tränen, aber ich wollte es nur wirklich machen, damit die Leute sehen, wie ich da wirklich fahre. Für meine Mutter tut das mir echt leid. Für mich tut das auch sehr leid, die Sachen zu sehen, aber jeder verarbeitet das anders. Ja, der Geruch. Ihre Geruchs. Ich denke, bei den Sportsachen riecht man halt ihr, Sachen mehr, glaube ich. Abbas riecht am Turnbeutel und schüttelt dann langsam den Kopf. Ganz schwer. Ein Schmerz nur. Ein Schmerz. Jetzt hält Abbas ein Heft in den Händen. DIN A6. Fein geschwungene Mädchenschreibschrift auf Linien. Ein Hausaufgabenheft. Grundschule 4. Klasse steht da vorne drauf. Abbas blättert an das Ende der ausgefledderten Seiten. Der 27. Jahr ist wahrscheinlich die letzte Notiz von der Schule. Ich hatte sie für den 27 sogar notiert. Heute, morgen und Freitag. Elternsprechtag bitte pünktlich. Montag schulfrei. Freitag auch. Der 27. Januar. Elternsprechtag bitte pünktlich. Darunter hat Hilal die Hausaufgabe geschrieben. Worte suchen für Stadt, Land, Fluss. Doch was Abbas so umhaut, das ist nicht die Hausaufgabe. Es ist das Datum. Genau, 27.1.99. Das hatte sie als letztes geschrieben, bevor sie verschwand, ja. Ich bin Annalena Anza, Reporterin bei RTL Nord. Das mache ich jetzt seit zehn Jahren. Besonders berichte ich über Gerichtsprozesse in Norddeutschland, vor und hinter der Kamera. Ich bin Nikolas Büchse. Ich schreibe. Für den Stern. Seit 15 Jahren bin ich jetzt schon als Reporter unterwegs. Immer wieder recherchiere ich zu Kriminalfällen. Und das haben wir gemeinsam, die Berichterstattung über Verbrechen. Seit Jahren ist unser Reporterleben bestimmt von Gerichtssälen, von Gesprächen mit Opfern, ihren Familien oder auch mit Zeugen und Ermittlern. Wir arbeiten häufig mit vielen, vielen Akten, Gutachten und Aussagen. Aber mit keinem Fall haben wir uns so lang und so intensiv beschäftigt wie mit diesem. Mit Hilal. Ein zehnjähriges Mädchen, das an einem Mittwochnachmittag verschwindet. Keine 300 Schritte von ihrem Zuhause entfernt. Seit 27 Jahren fehlt von ihr jede Spur. Kein Kind in Hamburg ist so lange vermisst. Kaum ein Fall ist so rätselhaft. Dabei gibt es Dutzende Hinweise, mehrere Verdächtige und sogar ein Geständnis. Genau genommen einige Geständnisse. Und trotzdem bleibt die entscheidende Frage bis heute unbeantwortet. Warum wurde Hilal nie gefunden? Das ist die erste Folge. Letzte Schritte. Vielleicht schließt du mal kurz die Augen und stellst dir ein Mädchen vor. Zehn Jahre alt. 1,45 Meter groß. Lange schwarze Haare, dunkelbraune Augen. Ein hübsches Mädchen. Es trägt einen Zopf, gehalten von so einem dicken roten Zopfgummi. Und jetzt stell dir die Augen vor. Da ist so ein Pipi langstrumpfhaftes Funkeln drin. So ein Ich-mach-mir-die-Welt-wie-sie-mir-gefällt funkeln. Und dazu ein Lächeln. Als stünde ihr die Welt offen. Nicht so ein verkrampftes Lächeln, sondern ein ausgelassenes Lächeln, das Szene zeigt. Ja, genau so. Das ungefähr, das ist Hilal. Es gibt eine Datenbank beim Bundeskriminalamt, in der sind Fahndungen nach Vermissten gespeichert. Nehmen wir mal das Jahr 2025. Da wurden im Schnitt pro Tag fast 300 Fahndungen nach Kindern und Jugendlichen neu erfasst und fast genauso viele wieder gelöscht. Weil die meisten der Vermissten, die tauchen nach wenigen Stunden, Tagen oder Wochen wieder auf. Bis Jahresende hatten sich nahezu alle Fälle erledigt. 98 Prozent Aufklärungsquote. Aber es gibt ein paar wenige Kinder, die bleiben in der Datenbank gespeichert. Manchmal jahrzehntelang. Kinder, deren Schicksal bis heute nicht geklärt ist. Kinder wie Hilal Ercan. Nikolas und ich haben für diesen Podcast den Fall neu recherchiert. Wir haben mit der Familie Ercan gesprochen, Zeuginnen und Zeugen interviewt, Dokumente ausgewertet und Spuren verfolgt, die bis heute nachwirken. Wir haben Verdächtige aufgesucht und zur Rede gestellt. Wir erzählen dabei die Geschichte eines der mysteriösesten vermissten Fälle Deutschlands. Und wir begleiten eine Familie durch 27 Jahre Hoffen, Suchen, Verzweifeln und Weitersuchen. Was als Vermisstenfall beginnt, entwickelt sich zu einer Geschichte über Vorurteile, mutmaßliche Ermittlungsfehler, falsche Verdächtigungen und die Frage, warum manche Fälle nie wirklich abgeschlossen sind. Wie kann ein Kind mitten am Tag in der Stadt, inmitten vieler Menschen, einfach so verschwinden? Aber bevor wir dazu kommen, wollen wir euch erst mal erzählen, was überhaupt genau passiert ist mit Hilal. Hallo Fatma, hallo. Dürfen wir reinkommen? Ich ziehe mal die Schuhe aus. Hallo, ich bin Nikolas. Das ist Fatma, Hilals Schwester. Mit ihr fangen wir an. Denn sie ist die letzte aus der Familie, die Hilal gesehen hat. Fatma, die trägt so einen tiefen Zopf und komplett schwarze Kleidung. Als wir bei ihr in die Wohnung reinkommen, sehe ich Fotos von ihren Töchtern an den Wänden hängen. Wir setzen uns ins Wohnzimmer. Mit am Esstisch sitzt auch Ayla, Fatmas Mutter. Und klar, auch Hilals Mutter. Unser Gespräch wird Ayla auffühlen. Ich sehe, wie sie immer die Augen zusammenkneift, gegen die Tränen kämpft. Und auch Fatma ist aufgewühlt, als sie sich zurückerinnert. Fatma ist heute Mitte 30. Sie erzählt uns, dass sie und ihre Schwester so verschieden gewesen seien, im Aussehen und auch im Charakter. Aber irgendwie glaube ich, in Fatmas Gesicht auch ein wenig von dem Mädchengesicht ihrer Schwester Hilal wiederzuerkennen. Vor allem, wenn sie lächelt. Es dauert nicht lange, da erzählt uns Fatma von dem Tag, an dem ihre Schwester verschwunden ist. Der 27. Januar 1999. Fatma ist dann neun Jahre alt. Hilal ist elf Monate älter. Wir haben uns ein Zimmer geteilt. Wir hatten ein Hochbett. Ich war dann oben, sie unten. Ab und zu mal getauscht. Es gibt ein Foto von dem Zimmer. Die Mädchen lachen darauf vor einer bunten Tapete mit Komiktieren auf einer Südsee-Palmeninsel. Hilal und Fatma sind mehr als Schwestern. Ja, die beste Freundin auch. Wir waren ja wirklich nur zusammen in der Schule, hat sie mit ihrer Freundin gespielt und ich mit meiner. Aber dann, wo wir dann zu Hause waren, waren wir dann immer zusammen. Ihr Bruder Abbas ist damals zwölf. Und für Hilal ist er wohl so, wie große Brüder in dem Alter eben immer so sind. Mit meinem Bruder konnte sie sich nicht so gut verstehen, weil der uns immer ein bisschen geärgert hatte. Das weiß ich noch, aber mit mir hatte sie gar kein Problem. Hilals Mutter Ayla und ihr Vater Kamil stammen aus der Türkei. Mit ihren drei Kindern wohnen sie im siebten Stock in einem Hochhaus im Hamburger Stadtteil Lurup, Spreestraße 1. Lurup war mal ein Arbeiterstadtteil. Heute leben hier viele zugewanderte Menschen. Es ist ein Viertel voller Kontraste. Da sind Einfamilienhäuser, Hochhaussiedlungen und an einigen Ecken auch soziale Brennpunkte. Der 27. Januar 1999 ist ein Mittwoch. Gerhard Schröder ist ganz frisch Bundeskanzler. Und Britney Spears stürmt gerade die amerikanischen Charts mit Baby one more time. Die Nachrichten berichten vom US-Präsidenten Bill Clinton. Der steckt gerade ganz tief in der Lewinsky-Affäre. Heute Abend stimmt der US-Senat über den Antrag der demokratischen Senatoren ab, das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Bill Clinton einzustellen. Und natürlich beschäftigt die Menschen das Wetter. Genauer gesagt der Winter, der gerade Skandinavien lahmlegt. Arktische Kälte kommt, Nordeuropa zittert bei Rekordtemperaturen bis unter minus 50 Grad. Kalt wird es an diesem Mittwoch auch in Hamburg-Lurup. Die nächstgelegene Wetterstation, die misst höchstens 4 Grad. Vormittags regnet es leicht. Hilal steht an diesem Mittwoch von alleine auf. Die Mutter Ayla ist nämlich schon weg bei der Arbeit. Ich habe die Brotdosen fertig gemacht, früh, ganz früh. Sonst habe ich sie gesehen. Aber Hilals Oma ist da, als sie aufwacht. Daran erinnert sich Fatma noch. Sie hat dann von meiner Schwester die Haare geflochten, das weiß ich noch. Da haben wir uns angezogen. Sie war immer sehr aktiv und hat immer ihre Sachen selber gemacht ähm ja. Und dann haben wir uns fertig gemacht. Das ist so gegen 7 Uhr am Morgen. Der Vater bringt die Kinder dann etwas später zur Schule. So gehen der Morgen und der Vormittag vorbei. Und weil an diesem Mittwoch Zeugnistag ist, geht die Schule nur bis 12.30 Uhr. Als der Vater sie von der Schule abholt, ist Hilal stolz. Sie ruft ihrem Vater zu, ich habe ein gutes Zeugnis, gib mir mal einen Kuss. Und Fatma, die ist ein bisschen neidisch. Sie denkt, Hilal ist schon wieder besser als ich. Hilal liest Fatma in der Wohnung aus ihrem Zeugnis vor. Da drin steht, du hast in diesem Halbjahr lebhaft und interessiert am Unterricht teilgenommen. Du konntest auch erfreuliche Fortschritte erzielen. Und außerdem? Du bist sehr hilfsbereit. Hilal hat wegen dem guten Zeugnis gute Laune und dann auch noch eine gute Idee. Dieses Huber-Buba, das war neu und das mochten wir. Das sind diese dicken Kaugummi-Batzen, mit denen man so große Blasen machen kann. Cola ist die beste Sorte, da sind sich die Schwestern einig. Und als wir dann nach Hause kamen an dem Tag, also nach der Schule, hat sie mich dann gefragt, soll ich dann nochmal das kaufen, dieses Huber-Buber-Kaugummi? Dann meinte ich, ja, kannst du gerne machen. So war das dann. Und wir hatten so einen kleinen Schrank, da hat sie so Geld rausgenommen. Das hat der Vater erlaubt. Es ist dann gegen 13.10 Uhr, als Hilal und Fatma die Wohnung verlassen und mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss fahren. Fatma mit einem Brief in der Hand. Der war fälschlicherweise bei den Erdscharns gelandet. Fatma erinnert sich noch, wie Hilal sie fragt, Fatma, was willst du mit dem Brief? Fatma antwortet, in den Briefkasten von den Nachbarn stecken. Das tut sie dann auch, unten im Treppenhaus. Dann fragt Hilal, willst du mit zum Spar? Normalerweise wäre Fatma wohl mit Hilal mitgegangen. Aber es ist eben eiskalt. Und außerdem? Ich konnte einfach nicht mitgehen. Weil ich da Hausschuhe anhatte und keine Jacke oder sowas. Fatma sieht, wie Hilal sich umdreht. Wie sie die Haustür aufmacht. Und durch die Tür geht nach draußen. Das ist so um 13.15 Uhr. Sieben Minuten später, um 13.22 Uhr, registriert die Kasse im Supermarkt, dass jemand eine Kaugummipackung Huba-Buba-Cola kauft und passend mit einer D-Mark bezahlt. Ob es wirklich und ganz sicher Hilal ist, daran wird sich die Kassiererin später nicht mehr erinnern können. Wahrscheinlich ist sie es aber. Fatma ist inzwischen schon wieder oben in der Wohnung im siebten Stock und wartet auf Hilal. Sie freut sich schon auf den Huber-Buber-Kaugummi. Dann hat mein Vater gefragt, wo ist denn Hilal? Und dann meinte ich, die ist kurz runtergegangen und wollte Kaugummis holen. Aber Hilal kommt nicht zurück. Sie bleibt weg. Zehn Minuten, 20 Minuten, dann sind es 30 Minuten. Dann wurde er langsam sauer und hat dann gesagt, ja, wo bleibt sie denn? Die Eltern haben eigentlich immer ein Auge auf ihre Töchter. Undenkbar, dass sich Hilal oder Fatma allein auf den Weg zur Schule machen. Und wenn die Eltern mal keine Zeit haben, dann lassen sie Abbas seine Schwestern begleiten. Aber manchmal darf Hilal Fladenbrot einkaufen gehen oder eben zum Sparmarkt, so für kurze Erledigungen. Dann ist sie nie lange weg normalerweise. Denn der Sparmarkt liegt im Einkaufszentrum Elbraupassagen direkt auf der anderen Straßenseite. Doch Fatma und ihr Vater warten jetzt schon eine halbe Stunde. Und dann eine Stunde. Noch immer keine Hilal. Hilals Vater ist jetzt nicht mehr sauer. Er ist unruhig, nervös, er sorgt sich. Seine Tochter ist doch sonst immer so zuverlässig. Sie treibt sich nicht so einfach rum. Gegen 15.40 Uhr dann, nach gut zwei Stunden, halten Fatma und ihr Vater es nicht mehr aus. Und dann bin ich mit meinem Vater runtergegangen zur Spar und dann haben wir sie da gesucht. Sie suchen und suchen, aber sie finden Hilal nicht. Ein bisschen später, so gegen 16 Uhr, kommt Hilals Bruder Abbas nach Hause. Er ist nach der Schule noch bei einem Klassenkameraden gewesen. Und jetzt sieht er seinen Vater und Fatma aufgeregt nach Hilal suchen. Aber egal, wen sie fragen, wo Hilal ist, keiner kann ihnen weiterhelfen. Kein Nachbar, bei dem sie klingeln, auch keine Schulfreundin, bei der sie anrufen. Niemand hat Hilal gesehen. So geht der Nachmittag vorbei. Gegen 17 Uhr ruft die Mutter die Polizei an. Es wird dann langsam Nacht. Das war, glaube ich, der schlimmste Tag, den man, glaube ich, erleben kann. Das war richtig schlimm für uns. Also schlimmer könnte es gar nicht sein. Dieses Ungewisse, ja, wo bleibt sie, kommt sie noch, wo ist sie denn, wo ist sie denn überhaupt? Warum kommt sie nicht wieder? Weil wir kannten das ja gar nicht. Wo kann ein Kind denn sein? Und immer, wo die dann gemerkt haben, ja, sie kommt nicht wieder, dann haben wir gar nicht geschlafen. Also dieser Tag war echt richtig schlimm für uns. Sagst du, dass du einfach schlaft wirst in deinem Zimmer? Ja, wir saßen alle im Wohnzimmer, da kam natürlich auch die ganze Familie. Wir sind ja auch eine große Familie und dann, ja, dann kam die Polizei, war auch so, was sucht die Polizei? Und was machen die jetzt alle hier? Hast du das als Kind wahrscheinlich alles auch nicht verstanden? Ne, ich habe startet. Wie alt warst du nochmal? Neun. Meine Schwester ist nicht da. Ja, weil ich dachte so, ist das jetzt wirklich so ein Spiel, was sie spielt? Hat sie sich irgendwo versteckt? Weil wir haben öfters immer mit ihr verstecken gespielt. Also mit meinen ganzen Cousinen. Das war wirklich so, wo wir dachte, sie kommt doch wieder. Was kann denn passieren? Weil als Kind weiß man ja nicht. Kann man ja nicht wissen. Als Hilal sich auf den Weg macht, ist es 13.15 Uhr. Nach 97 Schritten steht sie an der Ampel. Nikolas und ich haben das nachgezählt. Nach 181 Schritten erreicht sie den Parkplatz. Und nach 298 Schritten ihr Ziel, den Sparmarkt. Die Kassenabrechnung belegt, höchstwahrscheinlich war sie tatsächlich im Markt. Normalerweise hätte sie dann locker in 5 bis 10 Minuten zurück bei Fatma und ihrem Vater in der Wohnung sein müssen. Aber Ayla, Kamil, Fatma und Abbas, sie warten vergeblich. Es gibt aber jemanden, der Hilel noch gesehen haben soll. Ein Gemüsehändler, der seinen Laden in den Elbgol-Passagen hatte. Wir recherchieren seinen Namen. Kader Yildirim heißt er. Doch wo wir Herrn Yildirim heute finden können, das kann uns keiner sagen. Den Gemüseladen gibt es nicht mehr. Und weil uns nichts Besseres einfällt, klappern wir deshalb andere türkische Lebensmittelläden in benachbarten Stadtvierteln ab und fragen, ob ihn jemand kennt. Vielleicht ist er ja in der Branche geblieben. Unsere Suche beginnt ziemlich frustrierend. Doch dann, als wir das alles schon für eine Schnapsidee halten. Mit der Mütze? Wir gehen mal zu ihm. Vor dem Laden sitzt ein grauhaariger Mann an einem kleinen Tisch. Darauf dampft ein kleines Glas Tee. Als wir ihm von unserer Recherche erzählen, da schüttelt er traurig den Kopf. Die Familie hatte uns nur gesagt, dass sie so viel Kontakt damals hatten, dass Hilal jeden Tag fast tot geholt hat bei Ihnen. Ja, aber ich möchte nicht reden. Warum nicht? Ich traurig bis jetzt. Keine Ahnung von Hilal. Ich unglaublich traurig. Warum, warum, warum? Aber dann fängt Kada Yildirim doch an zu reden. Er erzählt uns von seinem Gemüseladen, damals in den Elbgau-Passagen. Von den Kindern dort, die immer in seinen Laden gekommen sind. Und natürlich von einem Kind, von Hilal. Unglaublich. Gut. Schlau. Gut. Mit. Ich kenne Gutekinnen. Mein Nachbar, Vater und Mutter. Mutter, zum Beispiel mein Laden hier, andere Seite, Wohnung. Er legt seinen Teelöffel neben sein kleines Teeglas. Der Löffel soll die Wohnung der Erdschand symbolisieren und das kleine Teeglas seinen Laden. Beide schiebt er ganz dicht nebeneinander. Sie waren wie Nachbarn. Man kannte sich gut. Das will Kada Yildirim uns damit zeigen. Und Hilal, die hat er besonders ins Herz geschlossen. Die, sagt er, war immer so höflich. Und die sorgt auch dafür, dass ihre Schwester auch höflich ist und nicht einfach so, ohne zu fragen, Fruchtgummi aus dem Süßigkeiten-Glas nimmt. Aber Sie haben sie an dem Tag noch gesehen, am 27. Ja, ja. Und mein Vorladen ist vorbei. Ich kann da eine kleine Sache kaufen. Hilal ist da schon auf dem Rückweg, zurück nach Hause. Hat sie noch mal gewunken, als Sie sie gesehen haben? Oder geguckt? Nein, zum Beispiel denken Sie, ich arbeite hier und es ist einfach vorbei. Ja, einfach vorbeigedacht. Während er erzählt, stellt Kader Yildirim für uns nach, wie er imaginäres Obst in eine imaginäre Auslage einsortiert. Wie er Hilal dabei aus dem Augenwinkel sieht. Er sagt, er sieht, wie Hilal langsam an seinem Laden vorbeischlendert. Dass sie was in der Hand hält, vielleicht Kaugummi oder Süßigkeitenpapier. Das ist so gegen 13.25 Uhr, sagt er. Als Kader Yildirim dann das nächste Mal von seiner Obstauslage aufschaut, sagt er, ist Hilal verschwunden. Das ist das letzte sichere Lebenszeichen von Hilal Ercan. Ein zehnjähriges Mädchen, 1,45 groß, lange schwarze Haare, ein dickes rotes Zopfgummi, dunkelbraune Augen und dieses Pipi-Langstrumpf-Funkeln. Einfach verschwunden, wenige Schritte von ihrem Zuhause entfernt. Es gibt einen Menschen, der arbeitet sich schon so lange an diesem Puzzle ab, wie niemand sonst. Manchmal raubt es ihm den Schlaf. Manchmal verzweifelt er daran. Jemand, der nicht aufhören will. Vielleicht auch nicht aufhören kann. Weil er es Hilal schuldig ist, sagt er. Das ist so eine Charaktersache, würde ich sagen. Weil ich wurde so erzogen, dass ich der ältere Bruder bin von Hilal. Auf sie aufpassen soll, muss. Und auf meine beiden Geschwistern. Abbas, Hilals großer Bruder. Und ich fühle mich in der Verantwortung, für sie da zu sein, auch wenn sie nicht mehr an meiner Seite ist. Aber ich weiß, sie schaut mir über die Schultern. Und ich möchte sie einfach finden. Ihr habt Abbas schon am Anfang dieser Folge gehört, als er den Koffer mit Hilals Sachen aufgemacht hat. Er ist zwölf Jahre alt, als seine Schwester verschwindet. Heute ist er Ende 30. Ein gepflegter Mann mit getrimmten Bart. Und er hat es selbst schon gesagt. Er will Hilal finden. Unbedingt. Er muss einfach wissen, was mit ihr passiert ist. Und jeden Tag denkt er an sie, sagt er. Immer noch. Nach über 27 Jahren. Und er hat immer noch Hoffnung, etwas herauszufinden. Weil es gibt Anhaltspunkte, es gibt Indizien, es gibt Verdächtige, Es gibt eine Menge, woran man sich halten kann. Und, wie gesagt, es ist nicht mitten im Wald passiert, es ist mitten im Einkaufszentrum passiert, am helllichen Tag. Es gibt Zeugen, es gibt Beobachter und daran knüpfe ich mich. Abbas will wissen, was mit seiner Schwester passiert ist. Wir auch. Auch deshalb machen wir diesen Podcast. Damit jemand redet. Zeugen, mögliche Mitwisser, vielleicht sogar ein Täter. Natürlich klingt das jetzt verrückt. Das ist uns schon klar. Aber manche Verbrechen klären sich tatsächlich erst nach Jahren. Und manchmal braucht es dazu Druck aus der Öffentlichkeit. Ich glaube immer noch nach wie vor, dass es immer noch Menschen gibt, die ihr Schweigen brechen könnten. Vielleicht sind die mit dem Täter heute auch nicht mehr gut vielleicht packen die aus, Ich verstehe Abbas auch weil seine Schwester am helllichten Tag verschwindet, inmitten von Menschen Dutzenden Menschen, Menschen die in den Elbgau-Passagen einkaufen und arbeiten, Menschen die vorbeigehen oder im Café sitzen Menschen die an der Haltestelle stehen oder im Bus sitzen, Hilal Ercan verschwindet vor alle Augen und das will mir in den Monaten die wir recherchieren, einfach nicht in den Kopf Wie das sein kann. Weil wir berichten beide schon seit vielen Jahren über Kriminalfälle. Annalena für RTL Nord, ich für den Stern. Wir hatten es da auch mit einigen Vermisstenfällen zu tun. Aber meistens war das an abgelegenen Orten, nachts an einsamen Bushaltestellen auf dem Land. Und meistens klären sich solche Vermisstenfälle. Aber der Fall Hilal ist noch immer ungelöst. Sie ist das einzige vermisste Kind in Hamburg, dessen Schicksal seit Jahren ungeklärt ist. Wie konnte Hilal nur verloren gehen? Einmal, da sitzen wir in einem türkischen Café und trinken Tee. Wir sitzen ja hier gerade mit Blick auf die Elbgau-Passage. Und, das ist ja der Ort, an dem Hilal verschwunden ist. Mitten am helllichten Tag, ähnliche Uhrzeit. Und ist dir gerade was aufgefallen? Wie soll mir aufgefallen sein? Ja, wie viele Leute sind denn hier jetzt gerade so langgegangen? Wie ist das jetzt ein Test oder was? Ich will dich mal testen, mitten am helllichten Tag, hast du was beobachtet? Seitdem wir hier sitzen. Wir sitzen ja hier gerade im Café, wir gucken hier gerade so auf den Eingang der Elbgau-Passage. Und hier ist einiges los. Aber ich frage mich, an was erinnerst du dich jetzt, seitdem wir hier sitzen? Weil, ja, weiß ich nicht, vielleicht so, ich weiß nicht, waren hier 50 Leute vielleicht? Keine Ahnung, weiß ich nicht. Aber ich kann jetzt, ja, weiß ich nicht, da war so ein Mann auf Krücken, der in den Lottoladen gegangen ist. Dann eine Mutter mit Kinderwagen. Zwei Rentner, an die ich noch erinnere. Die hatten so eine beige Jacke, die eine Frau an. Und sonst weiß ich nicht. Habe ich jetzt auch nicht so drauf geachtet. Gar nicht so schlecht. Ich habe drauf geachtet. Und hast du Kinder gesehen? Kinder? Nee, ich glaube nicht. Also zwei Jugendliche waren da, glaube ich, so auf diesen E-Rollern. Nee, aber Kinder, würde ich jetzt sagen, waren nicht dabei. Nee. Ja, auf dem E-Roller habe ich auch gesehen, aber es waren tatsächlich auch ein paar Kinder hier. Also ich glaube, ich habe jetzt, ja, ich habe darauf geachtet. Also es waren jetzt insgesamt acht Kinder. Nein, nein, das habe ich nicht gesehen, nein. Mit einer bunten Jacke? Nee. Klingelt nichts. Das schockiert mich schon. Bin ich wirklich so blind für meine Umwelt? Wahrscheinlich wäre ich aber genauso eine schlechte Zeugin gewesen wie du. Und all die Menschen, denen am 27. Januar 1999 nichts aufgefallen ist, weil sie es eben eilig hatten oder in Gedanken waren. Mindestens ein Mensch aber, der war nicht in Gedanken. Der hat genau hingesehen. Der weiß genau, wie Hilal verschwunden ist. Der Täter. Jeden Tag sucht die Familie die Nachbarschaft ab. Die Polizei befragt Anwohner. Niemand weiß, wo Hilal ist. Niemand meldet sich bei der Polizei. Doch dann, am 3. Februar, eine Woche nach Hilals Verschwinden, klingelt bei den Erjans das Telefon. Wir haben den Anruf nachsprechen lassen, so wie sich die Familie daran erinnert. Ich kann Ihnen sagen, wo Hilal ist. Kommen Sie allein. Christuskirche. Keine Polizei. Das war Folge 1 von Hilal. Die ersten vier Folgen dieses Podcasts hört ihr wöchentlich auf allen Podcast-Plattformen. Alle neun Folgen könnt ihr ab sofort auf Sternplus oder RTLplus durchhören. Den Link dazu findet ihr in der Folgenbeschreibung. Und wenn ihr die Doku zu diesem Podcast sehen wollt, dann geht doch auf den YouTube-Kanal von RTL Nord. Wenn ihr mit uns direkt in Kontakt treten wollt oder Fragen zum Podcast habt, dann kommt doch in die App campfire.fm. Da könnt ihr mit Nikolas und mir chatten und euch auch mit anderen austauschen, die den Podcast hören. Alle Fotos und Grafiken gibt's da natürlich auch. Hilal ist eine Produktion von Stern Plus und RTL Plus. Konzipiert, geschrieben, gehostet und produziert von Adrian Breder, Isa von Heil und uns. Annalena Anza und Nikolas Büchse. Postproduktion Veitjön und Andolin Sonnen. Die Titelmusik kommt von Paul Eisenach. Wenn ihr etwas wisst, wenn ihr wirklich einen Hinweis zu Hilals Verschwinden habt, dann meldet euch. Aber bitte keine Spekulationen. Es helfen nur konkrete Hinweise. Die Kontakte findet ihr in der Folgenbeschreibung.