Er will ein gespaltenes Land einen, Schwarzen zu gleichen Rechten verhelfen, den Vietnamkrieg beenden und ins Weiße Haus einziehen. Robert F. Kennedy, der Bruder des 1963 ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy. Doch in der Nacht seines größten Triumphs wartet ein Attentäter auf den charismatischen Politiker. Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft! Hallo, herzlich willkommen bei Verbrechen der Vergangenheit, dem Geo-Epoche-Podcast über die dunkle Seite des Menschen und der Macht. In dieser Folge rekonstruieren wir also das Attentat auf Robert F., genannt Bobby Kennedy, im Jahr 1968.
Und wir haben überlegt, dass das doch eigentlich mal eine ganz gute Gelegenheit ist, sich den Kennedy-Klern mal genauer anzuschauen. Denn das ist ja wirklich erstaunlich, der atemberaubende Aufstieg der Kennedys an die Macht in einer Zeit, die ja nicht minder spannend war. Die Kennedys, das ist die wohl berühmteste politische Dynastie der Vereinigten Staaten. Das ist ein Name wie Donnerhall voller Macht, Glanz und Glamour, aber auch ein Name voller Abgründe. Dazu wollen wir gleich noch mehr. Ins internationale Rampenlicht treten die Kennedys am 20. Januar 1961. Da wird Roberts großer Bruder John Fitzgerald Kennedy, kurz JFK, als 35. Präsident der USA vereidigt. JFK, das ist der erste katholische und mit 43 Jahren auch der jüngste aller jemals gewählten US-Präsidenten. Die Spitze der Macht, die hat er nicht allein erklommen. In dem vorangehenden Wahlkampf, den die Demokratische Partei mit allen Mitteln der sich damals gerade entwickelnden Mediengesellschaft führt.
Da steht seine glamouröse Frau an seiner Seite. Jacqueline, ihr Name besser bekannt als Jackie. Und dann ist da noch sein Wahlkampfmanager, der zugleich sein engster Berater und späterer Justizminister ist. Das ist JFKs jüngerer Bruder Robert Francis Kennedy. Ich sagte es genannt Bobby. Die beiden Kennedys sind charismatische Strahlemänner, wie sie die US-amerikanische Politik selten zuvor gesehen hat. Zwei junge, sehr erfolgreiche, von Kraft nur so strotzende Männer. Schön anzusehen, wie ihre Frauen auch, ihre Kinder. Das sind Väter von Vorzeigefamilien. Aber wir ahnen es, da ist viel Fassade dabei und hinter diese Fassade wollen wir in dieser Folge natürlich schauen. Also, wir gehen jetzt zurück in die 1960er Jahre, das Jahrzehnt zwischen Flower Power und Rassenunruhen, Hoffnung, Aufbruch und politischen Morden, Mondlandung und Vietnamkrieg. Vor allem für die USA, aber nicht nur für sie. Wir haben also viel Stoff, den wollen wir uns jetzt anschauen. Mein Name ist Insa Bethke und mir gegenüber sitzt meine Kollegin Dr. Anja Fries. Hallo Anja, schön, dass du da bist. Hallo Insa, da haben wir uns ja einiges vorgenommen heute. Ja, das schaffen wir. Wir müssen ja nicht alles ganz genau anschauen. Gleich mal back to the roots, Anja. Woher stammt wohl der erste Kennedy?
Woher der erste Kennedy kommt, weiß ich natürlich nicht. Aber die Vorfahren von JFK und Bobby Kennedy, die kommen aus Irland. Und sie sind erzkatholisch. Das ist ein wichtiges Detail. Das mag heute nebensächlich erscheinen, war damals aber tatsächlich ein Politikum. Denn sie kommen ja in ein Land, die USA, das weitgehend protestantisch geprägt ist. Alle Urgroßeltern der beiden sind noch in Irland geboren und im 19. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten ausgewandert. So wie ja sehr viele ihrer Landsleute. Ja, die Iren wurden ja vor allem einfach vom Hunger fortgetrieben. Genau. Grund dafür ist die sogenannte Kartoffelfäule, die ab etwa 1845 über mehrere Jahre hinweg die Kartoffelernten in Irland zerstört. Die Folgen sind dramatisch. Millionen Menschen leiden Hunger, viele wandern aus, viele nach Amerika. Vor allem nach Boston im US-Bundesstaat Massachusetts.
1855, also nur zehn Jahre später, machen sie bereits, Mehr als ein Drittel der Bevölkerung der Stadt aus, also gewaltige Auswanderermengen und auch gewaltige Mengen an Iren, die die Stadt aufnimmt. Und sie sind bei den Bostonern absolut nicht gern gesehen. Das heißt, sie haben keine guten Startbedingungen? Nee, gar keine guten Startbedingungen. Aber die irischen Einwanderer sind entschlossen, ihr Glück in die Hand zu nehmen. Und dabei machen sie sich die Funktionsweise der amerikanischen Demokratie zunutze. Sie schließen sich zu hierarchisch organisierten Wahlgemeinschaften zusammen, unterstützen sich untereinander, unterstützen aber auch die Kandidaten, die ihnen Vorteile bringen.
Weben ein feines Netz aus Loyalitäten, aber auch voller Manipulation. Es wird mit allen Mitteln gekämpft, mit Einschüchterung, Stimmenkauf, mit präparierten Stimmzetteln, Kartellabsprachen. Und ich ahne, es funktioniert gut. Hm, es funktioniert. 1885 stellen die Iren zum ersten Mal den Bürgermeister in Boston. Und dann, ein paar Jahre später, treten bald zwei irischstämmige katholische Männer im Senat des Staates Massachusetts ins Rampenlicht der Namengeschichte schreiben werden. Das zum einen Patrick Joseph P.J. Kennedy und zum anderen John Francis Fitzgerald. Die beiden können sich allerdings auch nicht leiden. Kennedy, der hat sich von Kneipenbesitzer zum wohlhabenden Spiritosenhändler hochgearbeitet.
Fitzgerald hingegen ist Politiker durch und durch. Dank seiner einnehmenden Art kennt man ihn auch bald unter dem Spitznamen Honey Fitz. Der Honigsüße Fitz oder wie darf man das versetzen? Ja, so ungefähr kann man das wohl übersetzen. Okay, dann haben wir jetzt also mit PJ Kennedy und Honey Fitz, die Großväter von JFK und Bobby kennengelernt. Denn, und jetzt wird es kurz romantisch, Rose, die Lieblingstochter von Fitzgerald und ein Kennedy-Spross namens Joseph Patrick, die verlieben sich. Die verlieben sich, vorher wird es aber kurz tragisch, denn die Fitzgeralds sind gegen die Verbindung. Sie schicken Rose deshalb sogar nach Europa weit weg von ihrem Schwarm, aber sie hält weiter an ihm fest und der Schwarm, der macht Karriere und wird mit 25 Jahren zum jüngsten Chef einer Bosner Bank.
Und schließlich geben die Fitzgeralds ihren Widerstand auf und das Paar heiratet. Und damit sind die beiden Streithähne nun als Schwiegerväter durch die Ehe ihrer Kinder verbündet. Ja, und diese Kinder, Rose und Joseph Patrick, das werden die Eltern von JFK und Bobby. Genau, und von noch einer ganzen Reihe weiteren Kindern insgesamt sind es neun. Ja, das klingt jetzt ja erstmal so ganz nett, fast romantisch, habe ich ja schon festgestellt. Aber Anja, es gibt natürlich ein, ja, ein Aber. Es war absolut nicht nett und romantisch. Joseph Patrick Kennedy ist zwar geschäftlich erfolgreich, bald mehrfacher Millionär, aber die Aufnahme in die feinste Bostoner Gesellschaft, die, die bleibt ihm verwehrt. Für die Bostoner High Society ist und bleibt er ein katholischer und irischer Emporkommling. Und das, das ärgert ihn, das ärgert ihn sein ganzes Leben lang. Und diesen Ärger, den lässt er, und jetzt kommen wir zu dem Bereich Nicht-Nett, vor allem an seinen Kindern aus. Auch an seiner Frau, aber vor allem an seinen Kindern. Er spornt sie zu Höchstleistungen an. Egal in welcher Disziplin, lässt sie sogar gegeneinander im Wettstreit antreten. Und das kann ja nur ungute Folgen haben. Kurze psychologische Analyse. Was steckt hinter seinem Erziehungsmodell?
Ich bin keine Psychologin, aber so viel kann man wohl sagen, denke ich. Über allem steht für Kennedy das Ansehen der Familie in der Öffentlichkeit. Das will er bewahren und wenn möglich auch noch irgendwie mehren, also noch weiter aufsteigen, als sie schon aufgestiegen sind. Und die Kinder, die sollen die Anerkennung ernten, die er nicht bekommen hat. Und für seinen ältesten Sohn Joe hat der Patriarch dann auch ganz konkrete Pläne. Der soll nichts weniger als US-Präsident werden. Daraus wurde bekanntermaßen nichts und damit sind wir jetzt schon beim ersten tragischen Todesfall im Kennedy-Clan. Nein und ja. Nein, daraus wurde nichts. Und ja, es ist der erste tragische Todesfall. Joe, eigentlich Joseph Patrick Kennedy Jr., ist Navy-Pilot und kommt im Zweiten Weltkrieg 1944 bei einer Flugzeugexplosion über der englischen Küste ums Leben.
Sein jüngerer Bruder JFK übrigens, der war erst ein Jahr zuvor bei einer Schiffskollision im Pazifik nur knapp dem Tod entronnen. JFK konnte sich und andere aber retten und kehrte damals als Kriegsheld heim. Nach dem Tod von Joe ist er jetzt der älteste Überlebende von den Söhnen. Und für den Vater ist jetzt klar, nach dem Tod von Joe soll nun er, also JFK, ins Weiße Haus einziehen. Ja, die US-Präsidentschaft ist also das erklärte Ziel und wird wie alles, was Joseph Patrick Kennedy anfasst, ja durchgezogen. Genau, und zwar koste es, was es wolle. Da werden Strippen gezogen, es wird gekauft, wer und was nützlich ist. Ja, und zum Beispiel wird ja auch verschwiegen, dass JFK oft unter sehr großen Schmerzen leidet. Er hat ein schweres Rückenleiden, das aber niemand mitbekommen soll. Genau, das soll niemand mitbekommen, weil es wichtig ist, als gesund und stark dazustehen im Wahlkampf. Er braucht ständig Schmerzmittel, er trägt ein Korsett, läuft oft an Krücken, aber natürlich nur, wenn es niemand mitbekommt, damit eben keine Bilder für die Öffentlichkeit dabei entstehen. Und bei der Außenwirkung, dass die also möglichst perfekt ist, da spielt übrigens auch Großvater Honey Fitzgerald eine wichtige Rolle. Von ihm lernt JFK nämlich unter anderem, wie man mitreißend redet, wie man Menschen begeistert.
1952 wird JFK zum Senator für Massachusetts gewählt, hat also da schon seinen ersten großen Triumph eingefahren. Den Wahlkampf hat sein Bruder Bobby für ihn geführt, also auch hier schon das spätere Erfolgsgespann.
Eigentlich wurde hier schon die ganze Familie eingespannt. JFK sitzt jetzt im Senat. Das ist die zweite Kammer des US-Kongresses neben dem Repräsentantenhaus und kann sich jetzt auch erstmals landesweit profilieren. Lass uns kurz einmal schauen, was das damals für eine Zeit war in Amerika. Die 50er Jahre, das sind ja auf jeden Fall Boom-Jahre für das Land. Absolut. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem die Amerikaner ja zu den Siegermächten gehörten, erleben die USA einen wirklich gewaltigen Wirtschaftsausschwung, der vor allem durch den Rohstoff Öl getrieben wird. Millionen Menschen können sich dank des billigen Öls zum ersten Mal ein Haus leisten, es mit Kühlschränken, Fernsehgeräten und weiteren Annehmlichkeiten ausstatten, Autos anschaffen. Das Ganze hat allerdings auch eine Kehrseite und die heißt Konsumwahn, Abstiegsängste, überhaupt Angst. Also die haben Angst vor allem, was nicht der Gleichförmigkeit, dem Konsens der Mehrheit entspricht. Und dazu gehören Schwarze oder Kommunisten. Vor allem vor Kommunisten entwickelt man im Kalten Krieg eine fast an Hysterie grenzende Furcht. Stichwort McCarthy-Ära. Ganz recht. Dieser McCarthy, das war ein US-Senator und der führte in den frühen 50ern einen erbitterten Kampf gegen eine, muss man sagen, eingebildete Unterwanderung der USA durch Kommunisten.
Und dieses adrette, bunte und erfolgreiche Eigenbild der USA, was so durch die Werbung auch transportiert wird, nach innen und nach außen, das war ein Wunschbild quasi der USA ihrer selbst, als ein Land, in dem jeder alles schaffen und werden kann. Der amerikanische Traum. Aber, wie wir wissen, ein Zerrbild. Ja, dieses Zerrbild, das wird dann in den 1960er Jahren mächtige Risse bekommen. Viele Amerikaner haben damals nämlich wirklich die Nase voll von den alten Männern im Weißen Haus, namentlich dem Weltkriegsgeneral und 34. US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower. Und der dagegen jungenhaft erscheinende JFK, der begeistert die Massen. Also die wollen Veränderung, sie wollen Verbesserung. Und er schafft es mit den bewährten Mitteln der Kennedys tatsächlich 1960 zum US-Präsidenten gewählt zu werden. Und wieder, wir haben es ja schon angeteasert, wieder führt Bobby den Wahlkampf und dann zieht er sogar an der Seite seines Bruders als Justizminister in die Regierungsmannschaft ein.
An JFKs Seite steht zudem seit 1953 seine Ehefrau Jackie. Und die muss allerdings damit leben, dass ihr Mann sie permanent betrügt, weil er von seinem Vater gelernt hat, dass Sex mit so vielen Frauen wie möglich gut für das eigene Ego ist.
Aber nach außen natürlich gibt sich das Paar als das perfekte Paar, als strahlend, jung, frisch und kultiviert und glücklich natürlich. Ja, im Fassadenbau sind die Kennedys gut, wir haben schon darüber gesprochen. Ja, darüber sprachen wir und die beiden werden mit diesem Auftreten zu regelrechten Ikonen. Sie machen das Weiße Haus zu einem Ort des feinen Geschmacks, in dem die perfekte, moderne Familie wohnt. Jackie prägt dafür sogar ein eigenes Bild, das Bild von Camelot. Camelot, der legendäre Hof von König Arthus, kennt man aus der Sage, wo die Ritter der Tafelrunde zusammenkommen. Jackie macht also Anleihen bei der Arthussage. Genau und das meiste davon, das ist natürlich inszeniert und nährt insofern auch den Mythos. Bis hin zu den Bildern der Kinder, die unter dem Schreibtisch des Präsidenten spielen. Das sieht alles so zufällig aus, ist es aber alles nicht. Damit setzen die Kennedys ja auch wiederum maßstäbisch. Stichwort mediale Familieninszenierung. Mir kommt da sofort das Bild von Helmut Kohl in den Kopf, wie er da im Sommerurlaub in Österreich mit Söhnen und Ehefrau für die Fotografen posiert. Ich weiß nicht, ob du dich an dieses Foto erinnerst. Aber ich will nicht abschweifen. Das ist bei Weitem natürlich auch nicht so glamourös wie das Bild von den Kennedys und das von ihnen beschworene Camelot, womit wir jetzt wieder beim Thema wären. Ja, danke Insa. Ich dachte schon, du driftest jetzt komplett in die Geschichte der BAD ab.
Auf Kohl wäre ich jetzt tatsächlich im Zusammenhang mit Kennedy es nicht gekommen. Also, zurück zu JFK. Kein Wort dringt damals nach draußen von den Affären, der Medikamentensucht, den Krankheiten und Exzessen. Zugleich hält der Kalte Krieg die Welt in Atem. 1961 wird die Berliner Mauer gebaut. Im selben Jahr fällt der erste US-Amerikaner in Vietnam im Gefecht gegen die kommunistischen Kräfte dort.
Und im Oktober 1962 droht dem Globus sogar ein Atomkrieg, als JFK Aufklärungsbilder von sowjetischen Atomraketen auf Kuba gezeigt bekommt und Moskau ein Ultimatum stellt. Also sehr ernsthafte Zeit damals. Ja, und wer das genau nachhören möchte, dazu haben wir eine Doppelfolge in unserer Backlist sozusagen. Bei Verbrechen der Vergangenheit unbedingt mal reinhören, wen das näher interessiert. Genau, das ist die Doppelfolge zur Kubakrise. Ein absoluter Hörtipp. Ein Jahr später marschieren im August 1963 zigtausende auf Washington DC, um für die Gleichberechtigung der Schwarzen in Amerika zu demonstrieren. Ja, und dann ist da noch Martin Luther King Jr., der seine berühmte Rede I have a dream hält.
Innenpolitisch sind nämlich die fehlenden Bürgerrechte für die Schwarzen ein ganz großes Thema. Dazu muss man wissen, Anfang der 1960er Jahre herrscht noch immer Rassentrennung im Süden der USA. Die Bürgerrechtsbewegung bekommt erst mit dem Baptistenpastor Martin Luther King eine machtvolle Stimme. Eine so machtvolle, dass King dann 1968 erschossen wird von einem weißen Rassisten und Kleinkriminellen. Über den Mord an King haben wir übrigens auch schon eine Folge gemacht, kann man auch nachhören, hier bei Verbrechen der Vergangenheit. Auch JFK wird ja, wir wissen es alle, ermordet. Und dieser Mord, der fehlt allerdings noch in unserer Ausspielliste. Wir haben uns jetzt für diese Folge erstmal den jüngeren Bruder vorgenommen. Genau, auch JFK wird ermordet. Und zwar am 22. November 1963 bei einem Besuch in Dallas.
Tatsächlich ist seine Politik, sind seine Pläne einigen Wählern in den USA nämlich viel zu liberal. Im konservativen Texas kursieren sogar Steckbriefe, die ihn des Landesverrats bezichtigen. Es gab Warnungen, besser nicht nach Dallas zu reisen. Ob das Attentat politisch motiviert war, wer weiß. Es ist viel geschrieben worden darüber, viele Verschwörungserzählungen kreisen darum. Und daher wäre das in der Tat auch mal eine Podcast-Folge hier bei uns wert. Denken wir auf jeden Fall drüber nach. Mit JFK stirbt 1963 auf jeden Fall eine Lichtgestalt. Noch auf dem Rückflug von Dallas wird der bisherige Vizepräsident Lyndon B. Johnson als US-Präsident vereidigt. Und der setzt tatsächlich eine ganze Menge der von JFK angeschobenen Reformen um.
Etwa eine Steuerreform und auch im Bereich der Bürgerrechtsgesetze wird er tätig, aber auch bei Krankenversicherungen für Arme und Alte. Er setzt das Raumfahrtprogramm fort und vieles mehr. Und was wird, um endlich mal zu unserem heutigen Protagonisten zu kommen, aus Bobby Kennedy? Das müssen wir jetzt auch noch mal kurz anschauen. Der bleibt tatsächlich in der Regierung und bis 1964 Justizminister, wird anschließend Senator für New York und beschließt nach einigem Hin und Her, also er ist sich da selber nicht sicher, dann aber doch noch in die Fußstapfen seines älteren Bruders zu treten und US-Präsident zu werden. Er will das gespaltene Land einen, den Vietnamkrieg, beenden. Aber wir wissen es und hören die ganze Geschichte gleich ausführlich. So weit wird es nicht kommen. Das Ganze geht nicht gut aus.
Wie ohnehin ein Schicksalsschlag nach dem nächsten. Die Kennedys traf und trifft. Ja, und das ist wirklich auffällig. Das müssen wir jetzt noch einmal hier kurz zusammenfassen, was den Kennedys alles widerfahren ist. Beginnen wir bei den neun Kindern von dem Patriarchen Joseph P. Kennedy und seiner Frau Rose. Der älteste Sohn Joe starb ja, darüber haben wir schon gesprochen, bereits im Zweiten Weltkrieg. JFK und Bobby überlebten ihr politisches Engagement nicht. Beide fielen Attentaten zum Opfer. Der vierte Sohn, Edward Moore Kennedy, genannt Ted.
Der ist ein langjähriger US-Senator für Massachusetts gewesen, der überlebte 1964 nur knapp und schwer verletzt einen Flugzeugabsturz. Die älteste Tochter der Kennedys, Rosemary, war 1941 nach einer vom Vater angeordneten Lobotomie. Das musst du kurz erklären, was das ist. Das ist eine schon damals umstrittene Art der Hirnoperation gewesen, die er angeordnet hat, weil ihr Verhalten ihm nicht gefiel und die schiefgelaufen ist. Und danach war Rosemary schwer behindert und lebte bis zu ihrem Tod 2005 in einer Heilanstalt. Die Reihe geht aber noch weiter. Kathleen, die zweitälteste Tochter, wurde früh Witwe und kam 1948 ebenfalls bei einem Flugzeugunglück ums Leben. David A. Kennedy, ein Sohn von Bobby Kennedy, der starb 1984 an Drogen.
Sein Bruder Michael Lemoine Kennedy, der verunglückte 1997 bei einem Skiunfall tödlich. Und John F. Kennedy Jr., der Sohn von JFK und Jackie, der starb 1999 gemeinsam mit seiner Frau und deren Schwester wiederum bei einem Flugzeugabsturz. Er selbst flog die Maschine. Und das sind noch nicht mal alle Tragödien und plötzlichen Todesfälle, die es in der Kennedy-Familie gegeben hat. Es sind tatsächlich so viele, dass immer mal wieder von einem Fluch gesprochen und geschrieben wird, der angeblich auf der Familie liegt. Das glauben wir natürlich nicht. Natürlich nicht. Danke, Anja. Das war sehr interessant. Jetzt tauchen wir ein in eine dieser Kennedy-Tragödien in das Leben von Robert F. Kennedy und sein gewaltvolles Ende. Tod eines Hoffnungsträgers. Eine historische Reportage von Oliver Fischer. Es liest Peter Kämpfe.
Er sitzt auf dem Boden seiner Hotelsuite in Los Angeles und raucht. US-Senator Robert Kennedy, 42, hat lässig die Arme um die Knie gelegt und zieht an einer Zigarre. Einige Schritte weiter hüpft seine schwangere Frau Ethel ausgelassen auf dem Bett. Es ist kurz vor Mitternacht am 4. Juni 1968, während unten im Ballsaal des Hotels Ambassador schon hunderte Anhänger auf ihn warten, genießt Kennedy, der jüngere Bruder des 1963 ermordeten John F. Kennedy und die Hoffnung der Armen und Ausgegrenzten in seinem Land einige Minuten lang seinen Triumph. Seit gut einer Stunde melden TV-Sender, dass er die Vorwahlen der Demokratischen Partei in Kalifornien gewonnen hat, dem nach Einwohnern größten Bundesstaat der USA.
Es ist bereits die fünfte Vorwahl, bei der er siegt. Sein Ziel scheint greifbar, beim Konvent seiner Partei in knapp drei Monaten zum Kandidaten der Demokraten bei der Präsidentschaftswahl im November gekürt zu werden. Wollen wir, fragt der Eiffel und drückt die Zigarre aus. Sie nehmen den Aufzug hinunter zum Ballsaal. Der Raum ist völlig überhitzt. Seit Stunden drängen sich hier schon die Menschen. »We want Bobby«, rufen sie wieder und wieder. Jubel, Pfiffe, spitze Schreie, als Kennedy schließlich am Rednerpult erscheint. »Ich glaube, dass wir die Spaltung in Amerika beenden können«, verkündet er, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen den Armen und den Wohlhabenderen. Das Land wird eine andere Richtung einschlagen und wir wollen Frieden in Vietnam. Rasender Applaus. Mit Sätzen wie diesen begeistert Kennedy seit Wochen Bürger in den USA. Für Hunderttausende ist er die Antwort auf die gewaltigen Probleme des Landes, etwa die skandalöse Armut vieler Schwarzer, deren Wohnviertel trotz teurer Sozialprogramme noch immer Elendsquartiere sind.
Da ist aber auch die Angst vieler Weißer, wenn militante Schwarze nach Misshandlungen durch Polizisten randalieren und in ihrer Wut Autos und Häuser abbrennen. In 125 Städten kam es bei Krawallen nach dem Mord an dem Bürgerrechtsaktivisten Martin Luther King am 4. April zu Verwüstungen. Und da ist der Zorn vieler junger Menschen, die dagegen protestieren, dass die USA Dörfer in Vietnam zerbomben, Zehntausenden Tod und Elend bringen. Kennedy, davon sind viele Amerikaner überzeugt, wird diese Probleme lösen. Ist er nicht seit Jahren engagierter Anwalt der Armen? Steht er nicht als ehemaliger Justizminister für Recht und Ordnung? Schon sein Aussehen verheißt Aufbruch, das jungenhafte Lächeln und die Haartolle, die ihm in die Stirn hängt. Dazu die große Familie mit den zehn, bald elf Kindern. Und dann die Erinnerung an seinen Bruder, an die Zeit vor kaum acht Jahren, als John F. Kennedy das Präsidentenamt übernahm und mit seiner eleganten Frau Jacqueline das Weiße Haus zu einem Treff von Stars und Künstlern machte. JFK verkündete damals den Aufbruch des Landes zu neuen Grenzen. Sogar eine Expedition zum Mond ließ er vorbereiten.
Mit einem zweiten Kennedy im Weißen Haus, so glauben viele, wird eine neue Zeit der Zuversicht beginnen. Doch dazu wird es nie kommen.
Robert Francis Kennedy ist kein geborener Anführer. In seiner Familie ist er lange Zeit der wenig beachtete dritte Sohn, der leicht stottert, in der Schule nur mittelmäßige Noten erhält und sich in dieser sportverrückten Familie gerade beim Sport schwer tut. Der Vater, ein ehemaliger Whisky-Händler und millionenschwerer Unternehmer, kann mit ihm wenig anfangen. Sein Favorit ist zunächst der erstgeborene Joseph und nach dessen Tod im Zweiten Weltkrieg der zweitälteste Sohn, der belesene und blendend aussehende John Fitzgerald. Aber Robert zerbricht an der Geringschätzung nicht, sondern beginnt an sich zu arbeiten. Er lernt, all das, was ihm an Begabungen fehlt, durch Entschlossenheit und Härte auszugleichen. Als er 1946 in Harvard Verwaltungswissenschaft studiert, schließt er sich der Football-Mannschaft an und übt, um mitzuhalten, täglich mehrere Stunden. Einmal bricht er sich beim Training das Bein und spielt trotzdem weiter, bis er vor Schmerzen zusammenbricht.
Da seine Noten nach wie vor mäßig sind, darf er nach dem Bachelor nicht in Harvard weiter studieren und wechselt zum Jurastudium an die weniger renommierte Universität von Virginia. Auch dort fällt ihm das Lernen nicht leicht. Mit einiger Beharrlichkeit schließt er 1951 mit immerhin durchschnittlichen Zensoren ab. Einige Wochen später bringt Ethel, mit der er seit einem Jahr verheiratet ist, ihr erstes Kind zur Welt.
Sein Vater hat inzwischen Gefallen gefunden an dem lange Zeit kaum beachteten Jungen. Ihn beeindruckt die Ausdauer, mit der sich Bobby trotz seiner Unzulänglichkeiten durchs Leben kämpft. Außerdem mag er an seinem Sohn, dass der viele seiner Überzeugungen teilt, etwa, dass der Kommunismus Teufelswerk ist und dass das Wohl der Familie Kennedy über allem steht. Aus Loyalität zu seiner Familie gibt Robert daher 1952 schon nach wenigen Monaten eine Stelle im Justizministerium wieder auf, um seinen Bruder John zu unterstützen. Der kandidiert in Massachusetts für den dortigen US-Senat. Robert, der schon bei Johns Kandidatur fürs Repräsentantenhaus 1946 Straßenwahlkampf gemacht hat, übernimmt nun die Leitung der gesamten Kampagne. Er hat inzwischen gelernt, seine Sensibilität und Schüchternheit durch ein aggressives Auftreten zu verdecken.
Schon bald brüskiert der 26-Jährige die örtlichen Funktionäre der Demokraten, indem er Johns Wahlkampf unabhängig von der Partei führt, sogar auf Distanz zu ihr, denn die Stimmung ist gegen die Demokraten. Und je weniger John mit der Partei assoziiert wird, umso besser für die Kennedys. Für den Wahlerfolg tun Robert und seine Angehörigen fast alles. Die Taufe seines zweiten Kindes durch den Erzbischof von Boston, eine gute Gelegenheit, um schöne Fotos für die Illustrierten zu produzieren, bei denen der Patenonkel John F. Kennedy mit im Bild steht. Und als die Boston Post wenige Tage vor der Abstimmung eine Wahlempfehlung für Johns Gegenkandidaten abdrucken will, leiht Kennedys Vater der Zeitung eine halbe Million Dollar, worauf sie auf die Empfehlung verzichtet. Roberts Strategie hat Erfolg. Sein Bruder erringt den Sitz im Senat. Wegen der teils rüden Methoden im Wahlkampf allerdings beginnen Journalisten und politische Gegner nun ihn Ruthless Bobby zu nennen, skrupelloser Bobby.
Das schlechte Image verstärkt sich noch, als er beginnt für Senator Joseph McCarthy zu arbeiten, einen Freund seines Vaters. McCarthy führt in diesen Jahren einen fanatischen Kampf gegen eine vermeintliche kommunistische Unterwanderung der USA. Ruiniert mit seinen meist haltlosen Anschuldigungen die Karrieren tausender Beamter und Journalisten. Robert, immer noch ein überzeugter Antikommunist, unterstützt ihn mehrere Monate als Hilfsermittler. Danach geht er jahrelang im Auftrag des US-Senats unter anderem gegen korrupte Gewerkschaftsbosse vor.
Als John F. Kennedy sich 1960 um das Amt des US-Präsidenten bewirbt, macht er Bobby erneut zum Wahlkampfleiter. Wieder eine schmutzige Kampagne. Robert spielt der Presse Informationen zu über einen dubiosen Kredit, den der Bruder des republikanischen Kandidaten Richard Nixon von einem Geschäftsmann bekommen hat.
John F. Kennedy gewinnt die Wahl und macht seinen umtriebigen Wahlkampfmanager zum Justizminister. Im neuen Amt beginnt Robert Bald sehr erfolgreich gegen das organisierte Verbrechen zu kämpfen, erhöht die Zahl der Anklagen gegen Mafiosi von 19 auf fast 700. Für die Bürgerrechtsabteilung des Ministeriums heuert er 200 junge Anwälte an, damit sie gegen Beamte in den Südstaaten der USA vorgehen, die sich weigern, Schwarze in die Wählerregister einzutragen. Auf diese Weise verhilft Robert Kennedy zehntausenden Afroamerikanern dazu, ihr Wahlrecht auszuüben. Doch er kümmert sich um weit mehr als sein Ressort. John bezieht ihn in fast alle Regierungsgeschäfte ein, betraut ihn mit hochsensiblen Missionen. Etwa im Oktober 1962, als die USA mit einer Seeblockade Kubas zu verhindern versuchen, dass die Sowjetunion Nuklearraketen auf der Insel stationiert.
Robert wird zum engsten Vertrauten des Bruders. Und so erschüttert ihn das tödliche Attentat auf John am 22. November 1963 in Dallas so tief wie kein anderes Ereignis zuvor. Er sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben, gerät fast ein Jahr lang in eine schwere Depression.
Auf der Suche nach Trost liest er Werke antiker Griechen, findet dort einen Sinnspruch, der ihn sehr bewegt. Die Aufgabe des Menschen sei es, die Wildheit des Menschen zu zähmen und das Leben auf der Welt friedlich zu machen.
Angetrieben von Worten wie diesen, bewirbt er sich um einen Sitz im US-Senat in Washington, gewinnt die Wahl und kümmert sich besonders um die Benachteiligten im Land. Der Millionärssohn geht in die Hütten von Schwarzen im Mississippi-Delta und ist schockiert, als er dort vor Hunger apathische Kinder mit aufgequollenen Bäuchen sieht. Er besucht die Reservate der indianischen Ureinwohner, die ebenfalls oft im Elend leben, trifft sich mit Mitgliedern einer neu gegründeten Gewerkschaft mexikanischer Einwanderer, die miserabel bezahlt auf den Feldern Kaliforniens schuften. Mit seinen guten Kontakten hilft Kennedy oft sehr konkret. Er bringt den US-Landwirtschaftsminister dazu, den Menschen in Mississippi den Zugang zu Lebensmittelgutscheinen zu erleichtern und überzeugt den Chef des Computerherstellers IBM davon, in einem schwarzen Viertel New Yorks eine Fabrik mit 500 Arbeitsplätzen zu eröffnen. Nicht alle nehmen Kennedy die Wandlung zum Anwalt der Armen ab Sie arg wöhnen, er sei nur auf Wählerstimmen aus Doch zuletzt haben sich viele Amerikaner den konservativen Republikanern zugewandt Und so ist es keineswegs sicher, dass ein Politiker mit linken Themen Wie dem Kampf gegen die Armut Stimmen gewinnen kann.
Im März 1967 fordert Kennedy den Stopp der Luftangriffe auf Vietnam. Vier Jahre zuvor hat er noch die Entscheidung seines Bruders mitgetragen, das militärische Engagement der USA in Südostasien auszuweiten. Doch nun ziehen sich die Kampfhandlungen immer länger hin, ohne Aussicht auf Sieg, wie er es sieht. Damit stellt er sich gegen US-Präsident Lyndon B. Johnson, seinen Parteifreund Der propagiert immer noch einen Triumph in Vietnam Will weiter Bomben und Soldaten dorthin schicken, Spätestens jetzt sehen viele in Robert einen möglichen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 1968 Und tatsächlich denkt er in den folgenden Monaten intensiv über diese Frage nach ruft Spätnachts Bekannte an und fragt, ohne Einleitung soll ich als Präsident antreten? Doch zugleich zögert er, eine Kandidatur gegen Johnson könnte die Demokratische Partei spalten und ihm erneut den Ruf eintragen, skrupellos zu sein.
Die verheerenden Nachrichten jedoch, die Anfang 1968 aus Vietnam in die USA gelangen, ändern die politische Lage. Am Tag des vietnamesischen Tid-Festes starten die kommunistischen Kräfte eine Offensive an zahlreichen Orten in Südvietnam. Die US-Streitkräfte sind davon völlig überrascht und erleiden erhebliche Verluste. Zwar können sich die amerikanischen Truppen und ihre südvietnamesischen Verbündeten rasch sammeln und zurückschlagen, doch kaum jemand glaubt jetzt noch den Beteuerungen der Regierung, man sei in Vietnam auf dem richtigen Weg. Und Johnsons Beliebtheit nimmt rapide ab.
Die erste Vorwahl der Demokraten Mitte März, bei der die Parteianhänger in einem Bundesstaat über ihren Kandidaten bei der kommenden Präsidentschaftswahl abstimmen, in New Hampshire bringt ein für Johnson vernichtendes Ergebnis. Der mächtigste Mann der Welt kann sich nur knapp gegen einen Hinterbänkler durchsetzen, den Senator und Kriegsgegner Eugene McCarthy. Robert Kennedy stand in New Hampshire nicht zur Wahl, aber dieses Ergebnis zeigt ihm, die Partei ist bereits gespalten. Nichts, so scheint es, spricht mehr gegen seine Kandidatur.
Am 16. März um 10 Uhr früh betritt Kennedy in Washington den Caucus Room des Senats, einen prächtigen Saal. Acht Jahre zuvor hat sein Bruder an diesem Ort seine Bewerbung um das höchste Staatsamt bekannt gegeben. Um an die von vielen inzwischen verklärte Amtszeit des Toten anzuknüpfen, spricht Robert nun genau die gleichen Worte wie John damals. Als ich kündige heute meine Kandidatur für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten an. Doch die Reaktionen von Politikern und Journalisten sind verheerend. Sie werfen Kennedy Opportunismus vor und unterstellen, er habe es dem Außenseiter McCarthy überlassen, die Stimmung bei den Wählern zu testen, ehe er sich zu kandidieren traute. Passanten auf der Straße beschimpfen ihn als Feigling. Um die Menschen von sich zu überzeugen, muss er nun so schnell wie möglich seinen Wahlkampf organisieren, Mitarbeiter anheuern, Fernsehwerbung schalten, Flugzeuge und Autos mieten. Einen großen Teil der Kosten zahlt er mit den Kreditkarten seines Vaters.
Die erste Vorwahl, zu der Bobby sich stellt, findet in Indiana statt, einem Bundesstaat im mittleren Westen. Sein Hauptgegner ist Eugene McCarthy. Präsident Johnson hat sich inzwischen zermürbt aus dem Rennen zurückgezogen. An seiner Stelle bewirbt sich Vizepräsident Hubert Humphrey. Aber der beteiligt sich nicht aktiv an den Vorwahlen, denn nur in 14 der 50 Bundesstaaten können zu dieser Zeit Bürger über die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten abstimmen. In den anderen Staaten wählen Parteigremien Delegierte für den Parteitag aus und Humphrey spekuliert darauf, dass die Unterstützung der Funktionäre ausreicht, um ihn zum Kandidaten zu machen. Kennedy dagegen will versuchen, durch überwältigende Siege bei den Vorwahlen die Vertreter der Demokraten zu beeindrucken. Indiana ist kein leichter Bundesstaat für ihn. Schwarze und Latinos, unter denen er seine treuesten Anhänger hat, stellen weniger als 10 Prozent der Einwohner. Er braucht Stimmen von den weißen Arbeitern, muss also unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Anliegen hinter sich vereinen.
Um die Arbeit dazu überzeugen, gibt sich Kennedy bei Auftritten in Fabriken betont solide, lässt sich die zerzausten Haare kürzen, trägt statt maßgeschneiderte Anzüge billige Jacketts und Hosen. Die oft sehr patriotischen Männer sehen seine Kritik am Vietnamkrieg mit Misstrauen, ebenso sein Engagement für die Schwarzen. Ihre Themen sind Recht und Ordnung, die Krawalle in den Städten, die gestiegene Kriminalität. Kennedy redet zu ihnen vor allem über seine Arbeit als Justizminister, etwa seinen Kampf gegen die Mafia Wenn es einen Law and Order Mann in dieser Wahl gibt, so die Botschaft, dann ihn Doch auch in den Vierteln der Schwarzen wirbt er um Stimmen Er darf die Stammwähler ja nicht vernachlässigen.
Kennedy ist am 4. April gerade in Indianas Hauptstadt Indianapolis gelandet, um dort zu Schwarzen zu sprechen, als er erfährt, dass Martin Luther King tot ist. Der Bürgermeister und der Polizeichef drängen ihn, den Auftritt abzusagen, fürchten um seine Sicherheit, aber Kennedy besteht darauf. Er ahnt, dass in den nächsten Stunden überall in den USA Schwarze ihre Wut über den Mord auf die Straßen tragen werden, dass wieder Autos und Häuser brennen und auch Menschen sterben wie bei Unruhen im Jahr zuvor. Er sucht nach Worten des Ausgleichs, macht Notizen auf der Rückseite eines Briefumschlags. Als er am Ort der Kundgebung ankommt, an einem Park, warten 3000 Menschen.
Viele haben die Nachricht von Kings Tod noch nicht gehört. Von denen, die es schon wissen, sind manche mit Pistolen und Molotow-Cocktails bewaffnet, offenbar bereit zu einem Aufruhr. Kennedy klettert auf die Ladefläche eines LKW, eine schmale Gestalt in der Dämmerung. Das Gesicht erhellt vom Licht eines Scheinwerfers. Ich werde heute Abend nur eine Minute oder so zu Ihnen sprechen, sagt er, denn ich habe eine sehr traurige Nachricht. Martin Luther King wurde niedergeschossen und ermordet.
Ein Aufschrei in der Menge. Einige fallen auf die Knie und beten, andere recken wütend die Fäuste in die Luft. Allen unter ihnen, die schwarz sind und versucht, sich angesichts der Ungerechtigkeit einer solchen Tat dem Hass auf alle Weißen zu überlassen, möchte ich nur sagen, ich fühle in meinem Herzen das Gleiche. Ich musste erleben, dass ein Angehöriger meiner Familie getötet wurde und auch er wurde getötet von einem weißen Mann. Seine Stimme klingt dünn. Es ist das erste Mal, dass er öffentlich so über den Tod seines Bruders spricht. Aber was wir in den Vereinigten Staaten brauchen, ist nicht Spaltung, nicht Hass, nicht Gewalt, sondern Liebe und Weisheit und Mitgefühl. Und daher bitte ich Sie, heute Abend nach Hause zu gehen und ein Gebet zu sprechen für unser Land, für Verständnis und Mitgefühl.
Kaum sechs Minuten dauert die Rede, doch es ist die eindringlichste, die er je gehalten hat. Die Zuhörer sind berührt, gehen nach Hause, so wie Kennedy sie gebeten hat und während es in den nächsten Stunden in vielen Städten zu Ausschreitungen kommt, bleibt Indianapolis friedlich. Schwarze bekennen sich zu ihm mit dem Slogan »Kennedy white, but all right«. Am Wahltag Anfang Mai stimmen mehr als 85% der schwarzen Wähler Indianers für ihn. Zudem eine große Zahl weißer Arbeiter, unter anderem auch davon beeindruckt, dass er in Indianapolis einen Aufruhr verhindert hat. Er kommt auf 42 Prozent, McCarthy auf 27.
Kennedys Plan ist aufgegangen. Er hat ganz unterschiedliche Wähler vereint. Ich kann eine Brücke sein zwischen Schwarzen und Weißen, erklärt er. Am gleichen Tag gewinnt er auch die Vorwahl in der Hauptstadt Washington. Eine Woche später muss er die Farmer von Nebraska von sich überzeugen. Ihnen präsentiert er sich als Kumpeltyp, der sich wie sie für Sport interessiert und Gott ehrt und holt über 51 Prozent. Doch bei der nächsten Vorwahl in Oregon geschieht das Unerhörte. Die Bürger verweigern ihm die Mehrheit. Weder JFK noch Roberts jüngerem Bruder Edward, der seit einigen Jahren im Senat sitzt, ist das je passiert.
Bobby erklärt seinen enttäuschten Anhängern, er werde seinen Wahlkampf neu organisieren. Zugleich kündigt er an, sich aus dem Rennen zurückzuziehen, sollte er die nächste Wahl in Kalifornien nicht gewinnen. Entschlossen wirft er nun alles in die Schlacht, schont weder Gesundheit noch Vermögen, kauft fast die gesamte verfügbare Werbezeit in Fernsehen und Radio auf. Oft fliegt er an einem Tag nach San Francisco, Los Angeles und San Diego, wo die drei großen kalifornischen TV-Sender sitzen. Überall im Bundesstaat sollen die Bürger ihn in den Abendnachrichten sehen.
Immer wieder fährt er im offenen Wagen durch die Stadtteile der Schwarzen und Latinos. Er steht auf der Rückbank, während Hunderte ihn berühren wollen. Sie greifen nach seinen Händen, Armen, Fingern, auch nach Krawatten, Nadeln und Manschettenknöpfen. Manchmal nimmt er ein Megafon und ruft die Faust in die Luft gereckt. Ich brauche eure Hilfe. Und die Menge brüllt zurück. Die hast du. Gib's ihnen, Bobby. Am Ende solcher Fahrten sind seine Knöchel blutig, die Knie wund. Er schluckt Vitamine und Antibiotika, um durchzuhalten. Kennedy, der charismatische Held, umringt von jubelnden Massen. Solche Szenen sind nun häufig in den Nachrichten zu sehen. Sein Konkurrent McCarthy ist nicht so bildmächtig. Aber in Kalifornien ebenfalls stark. Dem professoralen Herrn vertrauen die liberalen Bürger in den Vororten der Großstädte.
Den 4. Juni 1968, den Tag der Wahl, verbringt Kennedy in einem Strandhaus, das einem befreundeten Regisseur gehört. Ethel und sechs seiner Kinder sind bei ihm. Er spielt mit ihnen am Strand, schwimmt im Ozean, schläft am Rand eines Swimmingpools. Gegen 18.30 Uhr fährt er zum Ambassador Hotel im Zentrum von Los Angeles. In einer Suite wartet er auf die Ergebnisse, gemeinsam mit Ethel, Freunden, Journalisten.
Schon bald bekommt er einen Anruf von einem Mitarbeiter aus South Dakota, wo an diesem Tag ebenfalls Vorwahlen sind. Er hat dort gewonnen, mit mindestens 50 Prozent der Stimmen. Die Ergebnisse aus Kalifornien treffen langsamer ein. Doch am späten Abend melden TV-Sender, auch hier hat Kennedy gewonnen. Um kurz vor Mitternacht fährt er hinunter in den Ballsaal, um die Siegesrede zu halten. Eine Viertelstunde lang steht er mit Ethel am Rednerpult, lässt sich feiern. Hier in Kalifornien haben wir den urbansten Bundesstaat der USA, erklärt er. South Dakota ist der ländlichste unter allen Bundesstaaten. Beide gewonnen. Ich denke, dass wir die Spaltung in den Vereinigten Staaten beenden können.
Kennedy spricht noch einmal über seine wichtigsten Themen, den Vietnamkrieg, den Kampf gegen Armut und Rassenhass und nimmt dann den Parteitag der Demokraten in den Blick. Nun, auf nach Chicago, ruft er in den Saal und lasst uns dort gewinnen. Es sind die letzten Worte, die die Öffentlichkeit von ihm hören wird.
Er steigt von der Bühne herab und, weil er sich nicht durch die Menge drücken möchte, verlässt er den Saal durch einen Nebenausgang, der durch die Hotelküche führt. Sein Leibwächter wartet ein paar Momente, hilft der schwangeren Ethel von der Bühne.
Als Kennedy die Küche betritt, flutet eine Schar von Reportern und Wahlkampfhelfern mit hinein. Der Raum ist sofort überfüllt. Bobby gibt im Gehen Interviews, schüttelt Hände. Auf einmal tritt aus einem Versteck hinter einer alten Eismaschine ein junger, lockiger Mann auf ihn zu, zieht einen Revolver und streckt den Arm aus. So wie einer, der an einem Schießstand schießen lernt, wie sich ein Zeuge erinnert. Kennedy schreit noch, nein, doch da drückt der Mann schon ab, feuert mehrere Male. Momente später überwältigen Helfer den Schützen, entwinden ihm die Waffe, aber da ist Kennedy schon auf den Betonboden gesunken, blutet aus einer Wunde hinter dem rechten Ohr, wo ihn eine der Kugeln getroffen hat, Außerdem an Nacken und Schultern. Einer der Umstehenden beugt sich zu ihm hinab, öffnet ihm das Hemd. Eine Küchenhilfe legt ihm einen Rosenkranz in die Hände, versucht Kennedys Kopf auf eine Jacke zu betten. Ethel ruft den Umstehenden zu, gebt ihm Raum zum Atmen. Sie kniet neben Robert, der mühsam nach Luft schnappt und immer wieder das Bewusstsein verliert. Sanft flüstert sie ihm zu, ich bin bei dir, mein Baby.
Als Sanitäter ihn auf eine Bahre heben, sagt er noch, nein, hebt mich nicht an, dann schwindet das Bewusstsein.
Er wird in die zentrale Notaufnahme gebracht, dann in eine besser ausgestattete Klinik. Dort operieren ihn noch in der Nacht sechs Chirurgen, fast vier Stunden lang. Doch sein Gehirn ist derart schwer geschädigt, dass eine Heilung nicht möglich ist. Noch während er lebt, beginnen Ethel und Roberts Bruder Edward bereits, die Beerdigung zu planen. In der Nacht darauf tritt Kennedys Pressesprecher um zwei Uhr vor die am Krankenhaus wartenden Reporter und erklärt, Senator Robert Francis Kennedy ist heute, am 6. Juni 1968, um 1.44 Uhr gestorben. Er wurde 42 Jahre alt.
Der Attentäter ist ein 24-jähriger christlicher Palästinenser mit dem Namen Sirhan Sirhan, der seit zwölf Jahren in den USA lebt. Für die Tat hat er einen kleinen Revolver benutzt, der sich leicht unter der Kleidung verstecken lässt. Kontrollen gab es an diesem Abend kaum, auf Wunsch Kennedys, der nicht abgeschottet oder unnahbar erscheinen wollte. Wie nach der Ermordung von John F. Kennedy beginnen schon bald Spekulationen über das Motiv und mögliche Komplizen. Sirhan erklärt, er habe aus Wut geschossen, weil Kennedy ein Unterstützer Israels war. Allerdings äußert er sich so erst einige Zeit nach der Tat. In einem Heft mit wirren Notizen, das die Polizei in seiner Wohnung entdeckt, findet sich zwar ein Dutzend Mal der Satz »RFK muss ermordet werden«, aber kein Hinweis auf den Nahostkonflikt. Am wahrscheinlichsten ist, dass Sirhan unter einer psychischen Störung leidet und mit dem Attentat auf den Politiker berühmt werden wollte.
Die Trauerfeier in New York am 8. Juni wird zu einem letzten Triumph für Robert Kennedy. Ähnlich wie gut 100 Jahre zuvor der Sarg des ermordeten Abraham Lincoln, wird auch sein Leichnam nach dem Gottesdienst mit dem Zug zur Beisetzung gefahren, von New York nach Washington. Hunderttausende stehen an der Strecke, Schwarze und Weiße, Fabrikarbeiter, Nonnen, Pfadfinderinnen, Feuerwehrleute. Sie knien, winken, salutieren, werfen Rosen. Musikbands warten neben den Gleisen, spielen einen letzten Gruß. Fährt der Zug über einen Fluss, geben die Schiffe Signal Überall halten Menschen Schilder hoch Mit Aufschriften wie Wir lieben dich, Bobby Oder Wir haben unsere letzte Hoffnung verloren.
Als der Zug in Washington ankommt, ist es schon Abend. In der Dunkelheit fährt der Trauerkorso durch die Straßen der Stadt, erreicht gegen 22.30 Uhr den Nationalfriedhof Arlington. Dort wird Robert in einem schlichten Grab beigesetzt, nahe der monumentalen Ruhestätte seines Bruders John. Der Wandel, den Robert Kennedy versprochen und auf den Hunderttausende gehofft hatten, bleibt aus. Auf dem Parteitag der Demokraten Ende August in Chicago nominieren die Delegierten Hubert Humphrey als Präsidentschaftskandidaten. Den Mann des Parteiapparats, der keine einzige Vorwahl gewonnen hat.
Und wie um Kennedys Appell zur Gewaltlosigkeit zu verhöhnen, beginnen Polizisten noch während des Konvents vor dem Tagungshotel mit ungeheurer Brutalität auf demonstrierende Kriegsgegner einzuschlagen. Bei den Präsidentschaftswahlen im November siegt der Republikaner Richard Nixon, der acht Jahre zuvor noch gegen John F. Kennedy verloren hatte. Zwar hat Nixon im Wahlkampf angekündigt, er werde den Vietnamkrieg rasch ehrenvoll beenden, tatsächlich aber weitet er keine zwei Monate nach seiner Amtsübernahme die Luftangriffe auf Kambodscha aus. Mehr als 150.000 Zivilisten werden allein dort in den folgenden Jahren durch amerikanische Bomben sterben Nixon interessiert sich nicht für die Anliegen der Schwarzen und anderer Minderheiten Und während Robert Kennedy Menschen für Politik begeistert hat wird Nixon mit der Watergate-Affäre dazu beitragen dass sie sich angewidert vom politischen Geschäft abwenden, Das Land will eine neue Richtung einschlagen, hatte Kennedy bei seiner Siegesrede im Hotel Ambassador gesagt. Mit seinem Tod hat das Land den Mann verloren, der diesen Weg vielleicht hätte weisen können.
Das war Peter Kämpfe mit einer historischen Reportage aus der Geo-Epoche-Ausgabe über das Jahr 1968. 68.
So, liebe Anja, ich kann mir diese Nachbemerkung einfach nicht verkneifen. Auch in der aktuellen US-Regierung ist ja ein Kennedy tätig. Was macht er da? Ja, das stimmt. Das ist Robert F. Kennedy Jr., eines der elf Kinder von Bobby und Ethel Kennedy. Und der ist der aktuelle Gesundheitsminister. Man sieht, die Kennedys sind eine in Wirtschaft und Politik höchst einflussreiche Familie geblieben. Insofern haben sie den Traum des Patriarchen erfüllt, wenn allerdings auch zu einem wirklich hohen Preis.
Wenn ihr mehr wissen wollt über die Kennedys, also die, die vor dem Gesundheitsminister die politische Bühne in den USA prägen, dann schaut gerne in unserer Ausgabe John F. Kennedy, die gibt es hier und da noch im Handel und auch sonst in digitaler Form auf GeoEpoche Plus. Wie ihr dort hingelangt, steht in den Shownotes. Da findet ihr übrigens auch weiter die Links zu unseren Podcast-Serien, die wir bisher gemacht haben. Deutschland 1945 ist das und Germanen gegen Rom. Vielen Dank fürs Zuhören an dieser Stelle. Wir würden uns freuen, wenn ihr uns zu dieser Folge oder überhaupt zu Verbrechen der Vergangenheit Feedback schickt unter verbrechendervergangenheit.geo.de, also per Mail. Wenn ihr Verbrechen der Vergangenheit in euren Apps abonniert und freundlich bewertet und wenn ihr einfach in zwei Wochen hier wieder zuhört, dann geht es hier um das schwarze Loch von Kalkutta. Macht's gut bis dahin. Tschüss. Tschüss.