Und welche Abgründe können in jedem von uns stecken? Im Sterncrime-Podcast Spurensuche erzählen Ermittler und Spezialisten über ihre spannendsten Fälle und die Herausforderungen ihres Berufes. Es gibt Verbrechen, die sind juristisch aufgeklärt. Ein Täter ist verurteilt, die Fakten stehen fest. Und doch bleiben sie offen. Weil Fragen zurückbleiben, weil Zweifel bleiben und weil ein Mensch, der die Antworten kennt, sich entscheidet zu schweigen. Im Jahr 2004 entführt und tötet Mark Hoffmann zwei Kinder. Das ist bewiesen. Doch kurz nach seiner Festnahme beginnt er, von weiteren Taten zu sprechen. Nur um sie später wieder anzudeuten, zurückzunehmen oder ganz zu verweigern. Für die Ermittler beginnt damit ein zweiter Fall. Ein Fall ohne klares Ende. Mein Name ist Giuseppe Di Grazia und ihr hört Sterncrime Spuchensuche.
Einer der Männer, die diesen Fall geprägt haben, ist Carsten Bettels. Er leitete damals die Sonderkommission Liefke und später Liefke II. Als das erste Kind verschwindet, ist er erst seit wenigen Monaten Leiter des zentralen Kriminaldienstes in Cuxhaven. Heute, über 20 Jahre später, beschäftigt ihn dieser Fall noch immer. Herr Bettels, herzlich willkommen bei Sterncrime Spurensuche. Wenn Sie auf Ihre Laufbahn zurückblicken, was hat Sie ursprünglich zur Kriminalpolizei geführt? Meine polizeiliche Laufbahn begann 1979 und 1983.
Also nach vier Jahren, habe ich dann zur Kriminalpolizei gewechselt und war viele Jahre dort in der Polizeidirektion Hannover im Kriminaldauerdienst eingesetzt. Das war eigentlich die prägendste Zeit für den Bereich der Ermittlungen, wenn man 98 Prozent Leid und Freude einer Großstadt aus polizeilicher Sicht erfährt. Und anschließend bin ich dann 2004, wie Sie ja schon richtigerweise gesagt haben, dann Leiter des zentralen Kriminaldienstes in Cuxhaven geworden. Eine neue Aufgabe, eine neue Verantwortung und dann passiert gleich etwas, das alles verändert. Wie begann dieser Fall, über den wir heute mit Ihnen sprechen, denn konkret für Sie?
Die Soko Dennis noch nicht beendet. Das heißt auch, die vermissten und getöteten Kinder aus der Sonderkommission Dennis waren noch nicht aufgeklärt. Und das war im Grunde genommen die Situation, als damals im Mai 2004 dann ein achtjähriges Mädchen in Cuxhaven verschwand. Den Maskenmann, den kennen wir sehr gut. Den haben wir in mehreren Folgen schon bei Sterncrime Spurensuche behandelt. Und dann verschwindet dieses Kind. Zunächst sucht die Polizei und Öffentlichkeit nach diesem vermissten Kind. Dann wird die Schultasche an einem Waldparkplatz entdeckt. Ich könnte aber vorab noch etwas dazu sagen, zu dieser ganz besonderen Situation.
Auf der einen Seite war es jetzt sozusagen die Einleitung, jetzt verschwindet das Kind. Und wenn ich jetzt noch kurz eingehen soll auf die Situation an dem Verschwindenstag, das könnte ich ja noch mal ganz kurz machen. Gerne, gerne. Okay. Und am 6. Mai 2004 verschwindet ein weiteres Kind, ein Mädchen, Levke Straßheim, aus Cuxhaven nach einem Schulbesuch. Und ich kann mich noch sehr gut an die Situation erinnern. Es war damals die erste...
Diese Besprechung, die ich geleitet habe im Bereich der Polizeidirektion Oldenburg mit den anderen Leitern der zentralen Kriminaldienste und als ich dann gegen halb fünf zurückgekommen bin auf die Dienststelle, da sind die ersten Informationen schon eingetroffen, dass ein achtjähriges Kind aus Cuxhaven vermisst wird. Was sind dann die ersten Schritte, die man in so einem Fall einleitet bei der Polizei? Also auf der einen Seite geht es natürlich darum, Informationen zu sammeln über die Umstände dieses vermissten Falles. Und dazu ist natürlich ein erster Kontakt möglich. Zu der Familie hier des Mädchens, zu Freunden und Freundinnen herzustellen, um die Umstände überhaupt dieses Verschwindens zu klären. Das heißt, was können überhaupt die Gründe dafür sein, dass hier ein Kind verschwunden ist? Und auf der anderen Seite geht es natürlich auch um ganz konkrete Suchmaßnahmen. Denn wenn ein achtjähriges Kind seinen oder ihren gewohnten Lebenskreis verlässt, dann ist per se von einer Leib- und Lebensgefahr auszugehen und danach müssen sich die polizeilichen Suchmaßnahmen auch orientieren. Auf der anderen Seite ist natürlich auch immer gleich mitzudenken.
Könnte es sich hier auch um ein Verbrechen handeln. Das heißt, es steht nicht nur ein vermisstes Kind im Fokus sozusagen der polizeilichen Maßnahmen, sondern auch einleitende Maßnahmen zur Strafverfolgung. Und das ist manchmal eine gewisse Schwierigkeit, ganz am Anfang schon hier ganz konkret zu sagen, ist es wirklich nur ein Vermisstenfall mit einer gefahrenabwährenden Suchmaßnahme oder sind auch schon strafverfolgende Maßnahmen wie eine Tatortarbeit oder auch konkrete Zeugenvernehmung zu bewältigen. Was waren denn die ersten Spuren, die Sie hatten in den ersten Tagen der Ermittlungen? Also am Tag des Verschwindens wurden natürlich sofort Suchmaßnahmen eingeleitet. Es ging um ein achtjähriges Kind und dieses Kind muss zurückgeführt werden, so schnell wie möglich in den geschützten Lebensbereich der Familie. Und auf der anderen Seite waren die konkreten Umstände des Verschwindens zunächst nicht genau festzustellen. Es hätte sich natürlich darum handeln können, dass das Mädchen auch während der Schulzeit irgendeine Erfahrung gemacht hat, dass es sich nicht traut, nach Hause zu kommen.
Und vielfältig andere Umstände konnten im Raum stehen. Denn so haben sich zunächst mal diese Suchmaßnahmen auf den unmittelbaren Bereich beschränkt, wo das Kind verschwunden ist, also diesen Ortsteil von Cuxhaven. Und auf der anderen Seite schon um die ersten Nachbarschaftsbefragungen, also auch Informationen, die man gewinnen will über die Umstände, ob jemand etwas gesehen und beobachtet hat. Und am nächsten Tag, quasi einen Tag nach dem Verschwinden des Kindes, als auch schon großflächige Suchmaßnahmen eingeleitet waren, auch durch Hundertschaften der Bereitschaftspolizei, kam es dann zu einem eher zufälligen Fund der Jacke und der Sporttasche, beziehungsweise auch des Ranzens des Mädchens auf einem Waldparkplatz rund 30 Kilometer vom Verschwinderort entfernt. Und als klar war, dass es sich hier um die Gegenstände von Levke gehandelt hat und natürlich damit auch schon feststand, dass ein achtjähriges Kind nicht alleine in der Lage wäre, die Gegenstände dort eigenständig und selbstständig abzulegen, war hier natürlich der Verdacht einer Straftat sehr, sehr schnell im Raum.
Also sie gingen dann in dem Moment von einem Verbrechen aus, aber sie wussten dann aber immer noch nicht, ob das Mädchen lebt oder noch nicht mehr lebt. In den ersten Überlegungen, nachdem diese Gegenstände auf diesem Waldparkplatz gefunden worden sind, eigentlich auch durch einen Zufall, weil ein Bauhofmitarbeiter regelmäßig an Freitagen morgens die Mülltonnen leert und er somit auf eine Jacke in der Mülltonne stieß. Und gleichzeitig aber auch im Wald einen abgelegten Ranzen fand.
War für uns auch die gesamte Dimension noch nicht klar, dass es sich hier zunächst mal nur um eine Zwischenablage dieser Gegenstelle auf diesem Waldparkplatz handelte. Und es war natürlich auch noch nicht klar, ob da noch mehr liegen würde in diesem auch abgeschiedenen Waldbereich. Das heißt, grundsätzlich sind wir auch eher davon ausgegangen, dass möglicherweise wir dort auch das Mädchen finden in diesem Wald. Welche Schritte haben Sie danach eingeleitet nach diesen ganzen Funden? Also nachdem deutlich war, dass hier eine Straftat mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann.
Ist eine Sonderkommission gebildet worden, die Soko-Lewke, mit einem deutlich höheren Personalbestand als in dem zunächst angenommenen Vermisstenfall, Und es sind dann natürlich die entsprechenden Gegenstände, die gefunden wurden auf dem Parkplatz, kriminaltechnisch ausgewertet worden mit einem ernüchternden Ergebnis, dass weder individuelle einer Person zuzuordnende DNA als auch Faserspuren auf diesen Gegenständen gefunden worden sind. Das heißt, die objektive Spurenlage zu diesem Zeitpunkt war eher beschränkt.
Das Einzige, was nachgewiesen werden konnte, waren sogenannte DNA-Mischspuren, die auf der Jacke und dem Ranzen gefunden wurden, die aber nicht eine individuelle Zuordnung zu einer Person ermöglichten. Wie lange hat es dann gedauert, bis Sie die Leiche gefunden haben? Die sterblichen Überreste des Mädchens wurden rund dreieinhalb Monate später, rund 400 Kilometer entfernt, im Sauerland, aufgefunden in der Nähe der Stadt Attendorn auf der sogenannten Reeperhöhe. Auch hier war es ein Zufallsfund, dass ein Pilzsammler in einen sehr, sehr dichten Wald in eine Tannenschonung gegangen ist und dabei die sterblichen Überreste des Mädchens fand.
Das ist ungewöhnlich, oder? Also die Grundorte des Schulranzens, der Sachen, die den Mädchen gehörten und dann, vielleicht war es der Tatort, das weiß man ja auch nicht, aber zumindest war es der Ablegeort, dass die so weit entfernt sind.
Das war für uns, für uns war es damals auch eine besondere Situation, dass die sterblichen Überreste des Mädchens dann so weit von dem eigentlichen Verschwinderort entfernt waren und natürlich haben wir uns damals auch die Frage gestellt, wie ist das zu erklären, wo sind da die Zusammenhänge, dass man.
Sogenannte Ankerpunkte jetzt finden kann oder Personen, die einen Bezug zwischen diesen Regionen haben. Und das war für uns auch eine der wichtigen Aufgaben, hier Klarheit zu bekommen.
Wie groß ist überhaupt das Potenzial von Personen, die einen Bezug zwischen diesen beiden Regionen haben? Also Sie haben sich die Frage gestellt, um es jetzt mal ganz einfach herunterzubrechen, wer fährt regelmäßig zwischen diesen beiden Orten? Kann man das so sagen? Das ist eine mögliche Erklärung, dass jemand parallel sozusagen an beiden Orten zur selben Zeit einen Bezug hat. Aber es gibt natürlich auch die Möglichkeiten, dass jemand durch einen Wohnungswechsel oder Wohnortwechsel Beziehungen in diese Regionen hatte, ohne die dauerhaft sozusagen immer wieder neu aufzusuchen. Aber die Erkenntnisse oder die Erfahrungen sind schon im Kopf aus der Region, wo man mal gelebt hat. Also es sind für uns natürlich auch diese Gruppen von Personen wichtig gewesen. Welche Hinweise haben dann am Ende Sie zum Täter geführt? Auf der einen Seite war die besondere Situation dieser Ablage des Mädchens in diesem Wald für uns schon ein Aspekt, den wir berücksichtigt haben in weiteren polizeilichen Maßnahmen. Und wir haben auch dem Täter gesagt.
Versuch zu signalisieren, dass wir alles tun, um ihn zu ermitteln und haben da auch in diesem Waldbereich auf einem Korridor von rund zehn Metern die Äste und Zweige gesammelt und kriminaltechnisch untersucht, auf der Suche auch nach feinsten Spuren vom Täter, zum Beispiel Haare. Und diese Maßnahmen sind damals auch in die Öffentlichkeit gegangen, das heißt, die sind auch zum Täter gelangt und haben ihn im Grunde genommen auch in seinem Verhalten in einer polizeilichen ersten Vernehmung als Zeuge dann dazu gebracht, uns Fragen zu stellen oder Informationen zu stellen, die auch einen Bezug zu dieser Ast-Abschneideaktion gehabt haben könnten.
Ich würde gerne noch einen Schritt zurück. Wie sind Sie denn aber auf ihn gekommen? Sie sprechen jetzt von dem Täter, aber wer hat sie denn zu ihm geführt? Also welche Hinweise waren das konkret, die Sie dabei erhalten haben? Wir haben damals diese Frage offen in die Öffentlichkeitsfahndung gegeben, wer Personen kennt, die einen Bezug haben zwischen diesen beiden Regionen. Wir haben also bewusst auch nach Zeugen gefragt, die uns konkret auch weiterhelfen können, einen Bezug zwischen diesen beiden Regionen herzustellen. Und so kam es unter anderem dazu, dass rund 125, ich glaube es ist die Einzelne, 126 Personenhinweise gekommen sind und auch Hinweise auf Organisationen wie Krankenhäuser zum Beispiel. Und so ist der später überführte Täter dann auch genannt worden als eine der Personen, die einen Bezug zwischen diesen Regionen hatte und er ist dann als Zeuge befragt worden von der Polizei. Allerdings hatte es noch eine Weile gedauert, weil die Kollegen, die diese Ermittlungsspur auf dem Tisch hatten.
Versucht haben, ihn mehrfach aufzusuchen, zu klingeln in seiner Wohnung und er hatte nie geöffnet. Und schließlich hatte man ihm eine Vorladung in den Briefkasten gesteckt mit der Bitte, einer polizeilichen Vorladung zu folgen und das hat er dann auch getan. Und wie war dann die Vernehmung? Hat er sich in Widersprüche verstrickt? Hat er überhaupt ein Alibi gehabt?
Die Situation in der ersten Zeugenvernehmung hatte sich so dargestellt, dass er beschrieben hat, dass er diesen Fall aus den Medien kannte und dass er auch beschrieben hat, dass er einen Bezug zwischen diesen beiden Regionen hatte, dass er auch in dem Bereich Köln, Pattendorn groß geworden ist und auch familiäre Beziehungen in diesem Bereich immer noch hatte. Auf der anderen Seite hatte er aber auch ein klares Alibi vorzuweisen. Er war nämlich zu diesem Zeitpunkt in einer Praktikumsmaßnahme des Arbeitsamtes und dieses wurde auch bestätigt in einer telefonischen Kontaktaufnahme während der Vernehmung durch die Firma, dass er dort den ganzen Tag und auch in diesem gesamten Zeitraum gearbeitet hat. Und damit auch es im Grunde genommen ausgeschlossen war, dass er etwas mit der Tat an Liefke zu tun haben konnte. Der betreffende Mann, den Sie verdächtigt haben, hat damit ein klares Alibi. Sie haben es überprüft. Dennoch machen Sie weiter mit den Vernehmungen. Warum?
Es waren für uns trotz dieses bestehenden Alibis noch einige Fragen offen. Dazu lassen Sie mich noch ein bisschen weiter ausführen. Auf der einen Seite haben wir damals überlegt, welche polizeilichen Maßnahmen können wir eigentlich mit diesem Ort, wo die Gegenstände aufgefunden wurden, also auf dem Waldparkplatz verbinden.
Und eine der dort entwickelten Maßnahmen war, dass wir dort einen Schaukasten aufgestellt haben auf diesem Parkplatz, wo wir auf der einen Seite Zeugen gebeten haben, die diesen Parkplatz befahren, sich bei uns zu melden, weil es eben hier ein besonderes Ereignis auf diesem Platz gegeben hat, in Verbindung mit dem Vermisstenfall Levke. Und auf der anderen Seite ist dieser Schaukasten bzw. Auch die Zufahrt zu diesem Schaukasten damals überwacht worden, weil es für uns interessant war, welche Fahrzeuge diesen Bereich befahren.
Und das Fahrzeug, mit dem dann der später überführte Täter zu der Vernehmung gekommen ist, war das Fahrzeug einer nahen Verwandten, dessen Kennzeichen wir eben festgestellt hatten vorher als eines von ungefähr 880 Fahrzeugen, die in diesem Bereich befahren hatten. Und das war für uns natürlich schon eine wichtige Information, auch in Verbindung mit der Geschichte dieses Wildunfalls. Und deshalb war natürlich eine der nachfolgenden wichtigen Maßnahmen dieses Alibi nochmal sehr genau zu überprüfen und zu sehen, inwieweit hat das wirklich Bestand. Denn es ist auch ein Teil polizeilicher Erfahrungen.
Dass Alibi-Überprüfungen immer auch mit einer gewissen Unsicherheit verbunden sind, ob sie denn tatsächlich dieses Alibi so Bestand hat, wie es zunächst einmal geschildert wird. Und so sind wir auch hier in dieser Firma über eine Diagrammscheibe eines Lkw auf die richtige Spur gekommen, wo der Lkw-Fahrer an dem Tag, als Levke verschwand, um 10 Uhr aus privaten Gründen Feierabend machen musste. Und als Beifahrer war der später überführte Mörder eingetragen. Und das brachte dann natürlich die Erinnerung auch in der Firma sozusagen zurück, dass man ihn dann nach Haus geschickt hat, weil man ihn nicht weiter beschäftigen konnte. Und so war dann das Alibi nicht mehr vorhanden. Als Sie das festgestellt haben, wie sind dann die weiteren Schritte gewesen in der Vernehmung und in der weiteren Beweisführung?
Ja, es war dann natürlich wichtig, dass der Mann uns die Stelle einmal zeigte, wo, oder zeigen sollte, wo dieser Wildunfall passiert ist. Das war die erste Zielsetzung sozusagen dieser weiteren Maßnahmen. Und es ist dann eben auch entsprechend dazu gekommen, dass er die Kollegen dann an diesen Ort geführt hat. Das heißt, er hat die Kollegen in die unmittelbare Nähe der Stelle geführt, wo damals Liefke aufgefunden wurde. Das war also derselbe Wald, ungefähr 100 Meter von der Stelle entfernt. Und das war natürlich auch schon ein erster wichtiger Hinweis für uns, dass er natürlich damit versuchen wollte, mögliche DNA-Spuren in diesem Wald zu erklären, also auf eine ganz andere Art und Weise zu erklären, als in Zusammenhang mit der Tat an Levke. Und das führte dann natürlich auch zu den entsprechenden weiteren Ermittlungen und letztlich dann auch zu einer Vernehmung, in der er dann unterm Strich tatsächlich die Tat gestanden hat. Was wussten Sie zu diesem Zeitpunkt bereits über seine Vorgeschichte?
Nachdem die Hinweise auf seine Person von Zeugen eingegangen sind, aufgrund unserer Öffentlichkeitsfahndung, der Frage, wer kennt Personen, die einen Bezug zwischen diesen beiden Regionen haben.
Wurde bemerkt. Die Person natürlich auch polizeilich überprüft zunächst. Es wurde festgestellt, dass er kein Fahrzeug auf seinen eigenen Namen zugelassen hat. Und es wurde auch festgestellt, dass es eine Vorgeschichte gibt. Auf der einen Seite im Sauerland, dass es zu einer Vergewaltigung einer 17-jährigen Anhalterin gekommen ist, in der Zeit, als er noch im Sauerland wohnte. Und auf der anderen Seite, das war eine Jugendstrafe, die er damals bekommen hat, ungefähr zehn Jahre vorher und auf der anderen Seite gab es auch in Bremerhaven einen Vorfall im Jahr 2000, wo ein ebenfalls 17-jähriges, geistig leicht behindertes Mädchen von ihm in seinem Fahrzeug attackiert wurde, die sich aber aus der Situation hat befreien können und flüchten können. Und in diesen beiden Fällen, wo es sich um 17-jährige Mädchen handelte, sind diese Erkenntnisse dann auch in die weiteren Ermittlungen eingeflossen. Im Fall Levke war er von Anfang an aber ein Zeuge und wurde auch entsprechend als Zeuge in dem Verfahren vernommen. Ja.
Er war überführt worden von Ihnen und Ihren Kollegen. An diesem Punkt könnte die Geschichte ja zu Ende sein, der Fall könnte zu Ende sein. Sie haben ihn überführt, er wurde verurteilt, er kam ins Gefängnis. Doch Mark Hoffmann, der Täter, erzählte Anfang Januar 2005 in der Untersuchungshaft einem Zellengenossen, er habe auch einen Jungen ermordet, der damals vermisst wurde. Wie erfuhren Sie davon und was waren die nächsten Schritte, die Sie dann eingeleitet haben?
Vorausschickend sind uns schon bei der ersten Betrachtung des Vorgehens des Täters bei Liefke sind uns auch schon erste darüber hinausgehende Fragen gekommen. Ist Liefke möglicherweise seine erste Tat oder eine seiner letzten Taten, die er begangen hat? Also inwieweit ist die Vorgehensweise, die er bei Levke angewandt hat, auch ein gewisses Zeichen einer gewissen Routine oder einer gewissen Erfahrung, die ein Täter in diese Tat hat einfließen lassen und insbesondere... Spielte da eine Rolle, dass in der allerersten Betrachtung unseres Falles, des Vermisstenfalles vom ersten Tag.
Es nicht einen Hinweis in den Akten gegeben hat, sowohl von der objektiven Spurenlage als auch von der subjektiven Spurenlage, sprich Zeugenaussagen, die in irgendeiner Art und Weise einen Hinweis auf diesen Täter gegeben haben. Also beispielsweise, es gab nicht irgendeine Person, die etwas gesehen hat, nicht ein Kennzeichen, nicht ein verdächtiges Fahrzeug. Es gab eigentlich nichts. Und diese Ausgangssituation, die Frage, inwieweit ist er eigentlich auch bei Levke vorgegangen? Das heißt also, wie hat er die Situation richtig eingeschätzt, sie ins Auto zu bekommen, ohne dass irgendjemand davon etwas mitbekommt, das mag alles ganz großer Zufall gewesen sein, es kann aber auch Teil eines Plans schon gewesen sein, einer Erfahrung, nicht aufzufallen und das Risiko aus seiner Sicht zu minimieren. Und die andere Sichtweise war, dass er augenscheinlich seine EC-Karte nur in Bremerhaven eingesetzt hat, um dort Geld zu holen. Und außerhalb von Bremerhaven hat er mit Bargeld getankt. Auch das kann natürlich einen ganz, ganz anderen Zusammenhang haben, aber es...
Könnte auch Teil sozusagen eines Gesamtkonzepts sein auf der Suche nach Opfern. Und er hat letztlich auch in späteren Aussagen oder einer Aussage getroffen, dass es auch tausend Opfer hätte sein können, wenn er nur die passenden Gelegenheiten gehabt hätte. Und das waren natürlich schon erste Überlegungen für uns zu sagen, ist da eigentlich noch mehr. Und dann fehlte ja auch im Nachbarlandkreis Rothenburg seit Ende Oktober ein weiteres Kind, ein achtjähriger Junge. Und auf den allerersten Blick...
Haben wir hier keine Anhaltspunkte gehabt, dass es einen Zusammenhang geben konnte zwischen diesen beiden Taten. Auf der einen Seite ein Mädchen, auf der anderen Seite ein Junge. Und in beiden Fällen, sowohl bei Liefke als auch bei dem Jungen.
Gab es in der allerersten Phase der Ermittlung nicht einen Hinweis auf den späteren Täter Mark Hoffmann. Also auch dort in der gleichen Art und Weise. Keine Person hat irgendetwas gesehen, wie der Junge tatsächlich abgegriffen und verschwunden ist. Und ich kann mich noch gut erinnern, dass ich auf dem Rückweg von Rothenburg auch mehrfach an dem Waldparkplatz vorbeigefahren bin und in diese Mülltonne geschaut habe, ob da irgendetwas liegt. Aber es gab nichts als nur diese Bauchvermutung und dieses Gefühl, möglicherweise ist es doch Zufall, dass es zu diesen beiden Taten im Abstand von sechs Monaten gekommen ist. Aber unterm Strich wurde dann diese Tat einem Mitgefangenen von dem Täter in der Untersuchungshaft geschildert, sehr detailliert geschildert. Auch die Ablagestelle sowohl des Jungen als auch von Gegenständen, die der Junge mitführte, zum Beispiel ein Fahrrad, wurden so konkret beschrieben, dass die bei den polizeilichen Ermittlungen danach sofort auch gefunden werden konnten. Und das Fahrrad zum Beispiel lag in derselben Region, wo auch Liefke gefunden wurde, in einem See oder in einer Talsperre und wurde genau an der Stelle später auch aus der Talsperre geborgen. Und diese weiteren Beschreibungen, die...
Der Täter dem Mitgefangenen damals in der Untersuchung gegeben hat über weitere rund sieben bis acht Tötungsdelikte an jungen Frauen, an Kindern beiderlei Geschlechts als auch an älteren Menschen, war dann wirklich der Einstieg in eine neue Sonderkommission Lefke II, die gegründet wurde mit der Zielrichtung, ein Bewegungsbild dieses Täters zu erarbeiten über sein bisheriges Leben und dann mit potenziell nicht geklärten Vermisstenfällen, Tötungsdelikten dieser speziellen Zielgruppen von Opfern bundesweit zu vergleichen. Sie waren jetzt an dem Punkt, dass Sie davon ausgehen mussten, dass Sie es mit einem Serienmörder zu tun haben. Und dann begann aber ein, ich würde es mal nennen, psychologisches Katz-und-Maus-Spiel, was Mark Hoffmann mit Ihnen und Ihren Kollegen da an den Tag gelegt hat. Hoffmann machte Andeutungen über weitere Taten, zog sie aber immer wieder zurück in den Gesprächen und den Vernehmungen mit ihnen. Wie liebt man sowas als Ermittler? Und ab wann weiß man, dass man so einen Vorsicht hat? Und geben Sie uns mal so ein Gefühl, wie das war, mit ihm solche Gespräche zu führen. Ich möchte dazu vorab noch ergänzend sagen, dass...
Die Situation, die wir in dem Geständnis mit dem Täter erreicht haben, nämlich, dass er mit der Polizei spricht und dass er in einer Vernehmungssituation auch als Beschuldigter mit der Polizei spricht und auch ein Geständnis abliefert, Genau wie die Zeit vorher, seit dem Erstkontakt, dass er mit der Polizei kommuniziert, abweichend war von dem, was auch aus den Erfahrungen der Vergangenheit mit ihm polizeilicherseits festzustellen war. Zum Beispiel, dass er von Anfang an bei der Polizei die Aussage verweigert hat. Und dieses war für uns von Anfang an in der durchgeführten Vernehmung natürlich auch eine Herausforderung, dass er mit uns weiter spricht. Und letztlich müssen wir auch feststellen, dass ab dem Zeitpunkt der Vernehmung durch den Haftrichter oder beim Haftrichter schon, er keine Aussage mehr bei der Polizei gemacht hat. Und er hat es auch den ganzen Prozess über durchgehalten, nicht ein Wort auch während des Prozesses zu sagen. Also er ist wieder zurückgefallen in die eigentlich ursprünglich von ihm angewandte Verhaltensweise. Und es ist dem Ermittlerteam, die auch die Vernehmung mit dem Geständnis gemacht haben, dann später immer wieder gelungen, mit ihm noch weitere Gespräche zu führen, aber er hat nie wieder irgendetwas unterschrieben.
Und das war diese Situation aus Sicht der Polizei, wo es aus unserer Sicht, aus meiner Sicht gelungen ist, durch einen Beziehungsaufbau mit ihm in der Kommunikation zu bleiben.
Auf der anderen Seite müssen wir aber auch sehen, diese Aussagen des Mitgefangenen, die er dann später auch der Polizei gegenüber machte.
Hier gibt es mindestens drei Möglichkeiten. Die eine Möglichkeit ist, der Mitgefangene hat sich das alles ausgedacht und der Täter hat ihm nichts davon erzählt. Die andere Möglichkeit ist, der Mitgefangene hat alles wirklich chronologisch aufgeschrieben, was ihm der Täter gesagt hat. Und auch hier muss man ja sagen, die Möglichkeit, dass das, was der Täter gesagt hat, der Realität entspricht oder nicht, ist ja auch noch ein Unsicherheitsfaktor. Und in diesem sozusagen gesamten Rahmen galt es dann, die weiteren Ermittlungen zu führen und im Grunde genommen immer zu sehen, es bleiben Unsicherheiten. An welcher Stelle mag es zu Übermittlungsfehlern oder tatsächlich auch falschen Darstellungen gekommen sein. Wenn wir das aber jetzt wieder zurückspiegeln auf die tatsächlichen Aussagen, die getroffen worden sind, dann muss man einfach sagen, dass in dem Fall des vermissten Jungen hier alle Aussagen, die auch der Mitgefangene gemacht hat, vollständig der Wahrheit entsprochen haben. Das heißt, hier müssen diese Aussagen komplett so auch von dem Täter an ihn ausgehen.
Und es gibt auch darüber hinaus Schilderungen von Orten, die der Mitgefangene dann an uns gegeben hat, wo diese Orte in der Tat genauso beschrieben vor Ort so sich dargestellt haben. Und man muss damals sagen, 2004, 2005, da gab es noch nicht Google Earth. Also da muss man schon selber vor Ort gewesen sein, auch in Nordrhein-Westfalen oder woanders. Und dieses alles zu unterstellen, dass das der Mitgefangene sich sozusagen selber so ausgedacht hat, dafür gab es gar keine Anhaltspunkte. Deswegen sind Sie ja davon ausgegangen, dass er weitere Taten begangen hat. Ich möchte gerne nochmal zurück zu dem psychologischen Katz-und-Maus-Spiel, was er mit Ihnen und Ihrem Ermittlerteam gespielt hat.
Hoffmann machte immer wieder Andeutungen in den Vernehmungen über weitere Taten, zog sie aber immer wieder zurück und ließ sie dann immer im Umklaren. Wie erlebt man sowas als Ermittler? Wie hat Ihr ganzes Team diese Vernehmungen erlebt? Ja, in der Tat, das waren schon schwierige, herausfordernde Situationen für uns alle.
Auf der einen Seite müssen wir nochmal zurückkommend auf diese Aussagen zu den Mitgefangenen sagen, dass nur sehr, sehr wenige Taten auch hinterlegt waren mit ganz konkreten Namen, auch von den Opfern.
Und in anderen Fällen gab es weder Zeitangaben noch Ortsangaben, sondern nur sehr, sehr grobe Beschreibungen eines Sachverhalts und eine sehr, sehr grobe Ortsbeschreibung und zeitliche Einschränkungen fast gar nicht. So dass dieses der Aspekt war, dass man auf der einen Seite mit ihm diese potenziellen Taten erörtern musste und das ist auch regelmäßig immer erfolgt. Auf der anderen Seite spielte aber auch in diesen Gesprächen mit dem Täter durch das Vernehmungsteam auch die Erkenntnislage aus dem Bewegungsbild eine Rolle. Das heißt, wo hat er sich aufgehalten in den Jahren vorher? Wo war er bei der Bundeswehr? Wo ist er aufgewachsen? Und wo gibt es Orte, wo er mal einen Verkehrsunfall verursacht hat? Also diese ganzen Dinge zusammenzuführen. Und die Kollegen haben dann versucht, auch diese Aspekte miteinander zu kombinieren und mit ihm zu erörtern. Und in der Tat gab es dort immer Situationen, dass...
Es immer so einen Katz und Maus oder einen Hin und Her gegeben hat in diesen Vernehmungen und es gab nie irgendwo ein konkretes Ergebnis, dass man sagen kann, aus polizeilicher Sicht und da spielen ja eine ganze Menge an Faktoren eine Rolle, die nicht nur Bauchgefühl oder gar nicht Bauchgefühl sind, sondern es geht ja auch um Beweise, die auch geeignet sind für eine gerichtliche Bewertung und möglicherweise eine Verurteilung eines Täters. Und das ist in der Tat einer der problematischen Bereiche gewesen, weil in vielen von den Fällen, die sozusagen in die Bewertung mit hineingegangen sind, ein direkter Bezug zwischen objektiv oder subjektiv zum Täter nicht herzustellen waren.
Und Ihr Ermittlerteam hat meinem Kollegen erzählt, wo andere ein Gewissen haben, hat er ein Loch. Das heißt, den Ermittlern ist aufgefallen, wie wenig emotional er reagierte. Und er konnte auch mit Druck umgehen. Einmal vernahm ihn ein zugereister Polizist aus einer anderen Soko. Der bekam von Hoffmann zu hören, ich kann ruhig weiterschlafen, aber Sie, Sie werden Magenschwüre kriegen. Und ein anderes Mal, als sie ihn mit einem Fall konfrontierten, stand er auf, was er selten tat, stützte sich auf den Tisch und sagte, Sie, Sie wissen gar nichts. Wie geht man als Ermittler damit um? Ja, das sind Herausforderungen in der Kommunikation und dass sozusagen das Ermittlerleben auch aus Rückschlägen besteht. Und hier deutlich sozusagen gezeigt wird.
Ich weiß mehr als du und das werde ich dir nicht preisgeben. Das ist Teil sozusagen des gesamten Ermittlungsgespräches oder auch von entsprechenden Vernehmungen, wo man hinterher auch zu einer Nachbereitung dieser Vernehmungen kommen muss oder dieser Gespräche und auch die Kollegen, die dieser Situation über Wochen ausgesetzt waren, natürlich auch ein Stück weit Beratung brauchen. Und das ist eine genauso wichtige Aufgabe.
Diese Nachbereitung von nicht nur einer Vernehmung vom schriftlichen Text her, sondern auch von dem gesamten Verhalten und von der Situation her dieses nachzubereiten. Hatten Sie das Gefühl, hatte Ihr Ermittlerteam das Gefühl, dass Hoffmann diese Situation genoss, dass alle etwas von ihm wissen wollten und er diese Macht hatte, das alles für sich zu behalten? Ich möchte die psychologische Komponente des Täters nicht weiter bewerten, aber es gibt natürlich ganz, ganz unterschiedliche Gründe, warum jemand dieses Spiel so spielt oder beziehungsweise nicht aufräumt oder die Wahrheit erzählt.
Die können natürlich auf der einen Seite darin liegen, dass es ja auch so etwas wie ein Kopfkino gibt im Kopf eines Täters über eine bestimmte Tat und die wird man nicht verraten. Wenn man sie dann mit jemandem anders teilt, dann ist es nicht mehr alleine nur meine Erinnerung. Es kann natürlich auch die Darstellung von Macht sein, gar keine Frage. Auch das ist durchaus realistisch zu sehen. Es ist natürlich auch nicht ganz ausgeschlossen, dass auch für den Täter selbstbestimmte Zwänge bestehen, nicht mehr Preis zu geben, um möglicherweise auch die eigene Familie nicht noch mehr zu belasten. Also es sind ganz, ganz unterschiedliche Gründe, die da eine Rolle spielen können. Welche Motive es hier konkret sind, kann nur der Täter sagen.
Herr Bethel, Sie waren ja ein paar Mal mit ihm in einem Vernehmungsraum. Sie haben vermutlich ein Gefühl für Mark Hoffmann bekommen. Was glauben Sie, ist sein Motiv, dass er immer wieder diese Andeutung macht und dann sie wieder zurückzieht, also die Wahrheit für sich behält? Ist es eine Sache der Macht? Ist es ein Machtspiel von ihm? Oder was glauben Sie? Ich möchte natürlich nicht eine Bewertung der Motivlage des Täters hier abschließend vornehmen. Diese Antwort kann Ihnen nur der Täter selbst geben. Auf der einen Seite... Kann es sich natürlich um ein Machtmotiv handeln, das heißt, dieses Wissen, was bei ihm vorhanden ist, nicht mit Dritten und schon gar nicht mit Ermittlungsbehörden zu teilen, weil dieses ja auch weiterführende Konsequenzen hätte, wenn es zu einer möglichen Aufklärung weiterer Taten kommt.
Es könnte auch sein, dass der Täter selbst unter bestimmten Zwängen steht Er hat die Tat an Levke gestanden und hat damit ja auch insgesamt seine Familie in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gebracht Und es könnte ja durchaus auch sein, dass Teile seiner Familie so etwas nicht noch einmal erleben möchten oder wollen die großen Einfluss auf ihn haben. Ihre Sonderkommission, Herr Beatles, überprüfte hunderte Vermissten- und Todesfälle.
Es gab sogar konkrete Verdachtsfälle, wie bei Adelina Pismark, bei Katrin Konert oder Ella Steinhofer. Da gab es Plausibilitäten, da gab es Indizien und doch war es am Ende nicht beweisbar. Wie frustrierend ist das für Sie gewesen? Auf der einen Seite wünscht man sich natürlich immer auch Ermittlungserfolge. Ermittlungserfolge aber nur in der Form, wenn sie auch vor Gericht konkret beweisbar sind und auch ein Gericht überzeugt ist von der Schuld eines Täters. Solange das nicht erfüllt ist, ist das Teil polizeilicher, professioneller Arbeit, zu sagen, es gibt bestimmte Verdachtsmomente, es gibt vielleicht auch in dem einen oder anderen Fall etwas mehr als nur Verdachtsmomente, aber wenn es nicht reicht für eine Verurteilung, ob mit oder ohne Geständnis des Täters, dann ist das Teil der Professionalität der Polizei, auch einen Schritt zurückzutreten und zu sagen, okay, es ist vielleicht noch nicht so weit und wir müssen noch warten, bis es so weit ist, eine Klarheit zu haben. Und die Klarheit heißt, er ist der Täter oder er ist es nicht.
Wie spricht man in so einem Fall mit den Familien, denen man Stand heute noch keine Antworten geben kann? Das ist sicherlich einer der herausforderndsten Aspekte der polizeilichen Arbeit, die Kontaktaufnahme, das Kontakthalten, die Gespräche mit den Hinterbliebenen, mit den Familien, mit den Eltern, den Geschwistern, den Eltern.
Kindern und Enkelkindern von vermissten Personen oder getöteten Personen, die Fragen haben.
Und Teil der polizeilichen Arbeit ist es.
Natürlich diesen Kontakt mit den Angehörigen zu suchen und zu halten und auf einer vertrauensvollen Basis zu kommunizieren. Dazu gehört dann natürlich auch, solche Aspekte anzusprechen, dass auch polizeiliche Ermittlungen und polizeiliche Ermittlungsarbeit auch an Grenzen stößt. Und diese Grenzen können rechtlicher Art sein, diese Grenzen können auch psychologischer Art sein, aber es gibt eben diese Grenzen auch in einem Rechtsstaat.
Und dieses Verständnis auch für die Angehörigen dafür zu entwickeln, was sehr, sehr schwierig ist, weil dafür können möglicherweise Angehörige nicht das gleiche Verständnis aufbringen, wie es Polizei aufbringen muss. Aber auch zu zeigen, Polizei hört nicht auf, sondern Polizei bleibt auch hier dran. Vielleicht ist auch die Klärung so einer Fragestellung auch noch nach Jahren oder nach Jahrzehnten möglich. Ich glaube, das größte Problem für Angehörige, zumindest die, mit denen ich auch regelmäßig Kontakt habe oder gesprochen habe, ist, wenn Fälle in Vergessenheit geraten. Wenn sie polizeilicherseits irgendwo in einem Schrank liegen und verstauben.
Also wörtlich gesprochen, das ist vielleicht unter der technischen Situation heute mit digitalisierten Akten jetzt nicht mehr, aber es ist sozusagen wörtlich und diese Fälle auch in der polizeilichen Priorität von Cold Cases, die ja nur ein Teilbereich der Aufgaben ist. Polizei muss sich ja auch um aktuelle Fälle kümmern oder wo die Priorisierung der Polizei für bestimmte Cold Cases, auf die man sich beschränken muss, um dort weiter zu arbeiten, wenn dann solche Fälle nicht priorisiert werden, haben Angehörige oftmals natürlich kein Verständnis dafür. Denn man muss, und da kann ich den Angehörigen ja nur zustimmen, erkennen, es handelt sich um Tötungsdelikte und in Deutschland ist der Mord nicht verjährbar. Das heißt, der Mord verjährt nicht in Deutschland. Und somit ist natürlich diese Sichtweise der Angehörigen zu sagen.
Bei uns tut sich nichts mehr in dem Fall, der Fall ist auch nicht priorisiert, nachvollziehbar, dass das zu Spannungen führt. Und dass man hier Lösungen oder auch andere Ansätze wählen kann und aus heutiger Sicht und auch suchen muss, ist für mich auch ein dringendes Bedürfnis, darüber zu sprechen. Was wären denn aus Ihrer Sicht Lösungen? Also es gibt sicherlich unterschiedlichste Lösungsansätze. Ich will vielleicht mal zwei oder drei skizzieren. Ein Lösungsansatz, weil natürlich Polizei selbst auch Aufgaben hat, sich um die aktuellen Fälle zu kümmern. Und natürlich, wenn Kollegen Cold Cases sozusagen auch noch mit auf dem Tisch haben und immer abduelle Fälle, dann kann man sich vorstellen, dass diese Cold Cases immer nach hinten rutschen, weil immer was Abduelles natürlich dazwischen kommt. Es gibt mittlerweile ja Cold Case Units, die aufgebaut worden sind in einzelnen Bundesländern. Ich kann mich jetzt nur auf Niedersachsen beziehen.
Das ist sicherlich ein allererster Ansatz, das zu tun, dass man Kollegen sozusagen komplett aus der Alltagsorganisation herausnimmt und in die Cold Case Analyse bringt. Das ist sicherlich ein erster guter Ansatz, solange es denn auch gelingt, die Kollegen dort zu belassen und nicht wieder in das Alltagsgeschäft zu überführen, weil dort die Hütte brennt.
Auf der anderen Seite gibt es auch gute Ansätze, wir kennen sie aus Nordrhein-Westfalen, dass pensionierte Polizeibeamte sozusagen an einen Fall herangebracht werden, die sich dann um diese Fälle in ihrer Pension kümmern. Und die Polizei damit unterstützen eigentlich. Und das ist ein möglicher Ansatz. Ich kenne auch andere Ansätze, wo es eine ganze Gruppe von Cold Case Analysten gibt. Oder die pensioniert sind, als Gruppe zusammenarbeiten und damit das Alltagsgeschäft der Polizei komplett entlasten.
Das sind Möglichkeiten, wie es intern in der Polizei unmittelbar passieren kann. Es gibt aber auch Möglichkeiten, neue technische Entwicklungen, ich denke mal an künstliche Intelligenz, KI, auch mitzunutzen. Wir haben in unserer internationalen Cold-Case-Analyse erste Erfahrungen damit gemacht und die stimmen uns eigentlich hoffnungsvoll, zu sagen, auch das ist eine Möglichkeit, hier an diesen Fällen weiterzuarbeiten. Nicht es der KI zu übergeben und bitte nicht so verstehen, das ist so etwas wie Chat-GPT, wo die Akten dann im Internet stehen, sondern das muss schon sehr geschützt sein, aber es gibt entsprechende Möglichkeiten und auch Ansätze, dieses zu erreichen. Und nur um ein oder zwei Beispiele dafür zu geben, wie wir selber es in unserer Cold-Case-Analyse erleben, wenn wir einen Sachverhalt von Tausenden, Zehntausend Seiten haben und mit menschlicherer sozusagen.
Arbeit versuchen, Zusammenhänge herzustellen, zwischen einzelnen Aussagen Widersprüche zu finden. Wenn zum Beispiel in einer Aussage Person A sagt, ich bin mit B nach Hause gefahren und B sagt, ich bin mit A nach Hause gefahren und sechs Wochen später C sagt, ich bin mit A nach Hause gefahren und hier hunderte von Zeugen vernommen worden sind, Dann können Sie sich sicherlich vorstellen, was das von der sozusagen menschlichen Komponente bedeutet, diese Zusammenhänge oder Widersprüche herzustellen, welche Tabellen ich da brauche, um diese Widersprüche einzelner Zeugenaussagen gegenüberzustellen. Und hier würde ich mir KI-Unterstützung schon wünschen oder auch vorstellen, um zu sagen, gibt es Zusammenhänge innerhalb eines Sachverhalts, die noch nicht entdeckt worden sind, also durch menschliche Zusammenhänge.
Intelligenz oder menschlichen Verstand. Und jeder wird Fehler machen. Und auch das muss man auch sagen, auch wenn man eine Akte zweimal liest oder auch beim dritten Mal. Man stellt plötzlich neue Aspekte fest, die man vielleicht beim ersten Lesen noch überlesen hat, weil man jetzt 10.000 oder 1.000 Seiten weiter neue Anhaltspunkte hat, die man jetzt wieder auf den Ursprungssachverhalt beziehen kann. Und die wären sonst weg gewesen. Man hört aus jedem dieser Sätze, wie wichtig es ihnen ist, den Familien Antworten irgendwann mal zu geben.
Deswegen, sie sind ja jetzt eigentlich im Ruhestand und arbeiten ja trotzdem weiter an den ungelösten Fällen. Sie sind Teil einer internationalen Cold Case Arbeitsgruppe, über die Sie ja vorhin auch schon gesprochen haben. Also man merkt, dass sie ihre Leidenschaft um diesen Familien, oder man merkt, dass sie wirklich mit viel Leidenschaft darum kämpfen, diesen Familien Antworten zu geben.
Die internationale Cold Case Analyse oder dieses Projekt, die Situation für Angehörige ist eine sehr, sehr schwierige, wenn sie offene Fragen haben und für sich selbst keine Möglichkeiten sehen, diese beantwortet zu bekommen. Und mir fällt da ein Fall aus Baden-Württemberg gerade auch wieder ein, wo die Tochter einer in den 80er Jahren ermordeten jungen Frau, Cornelia Pfau.
Die Tochter heißt Natascha Pfau, eigenständig in die Medien geht, ein Video produziert und bei YouTube hochlädt, auf die Suche geht nach dem Mörder ihrer Mutter. Und das ist für mich ein so großes Vorbild, auch für andere Angehörige, zu sagen, hier nimmt jemand den Mut zusammen, Fragen noch zu stellen, die von den Ermittlungsbehörden zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht beantwortet worden sind und wo dieser Fall eben nicht priorisiert ist in der Bearbeitung und damit kalt weiter liegt. Und diese Frau hat sich damit nicht einverstanden erklärt und geht ihren eigenen Weg und versucht Hinweise zu generieren und sie dann der Polizei zu übermitteln. Das ist für mich eine sehr, sehr mutige Frau, das möchte ich an dieser Stelle nochmal besonders erwähnen. Und an dieser Stelle vielleicht auch noch der letzte Ansatz dazu, was diese Natascha-Frau versucht ist, externe neue Spuren zu generieren, die noch nicht in den Akten sind. Ich würde gerne nochmal zu Mark Hoffmann zurückkommen. Die Ermittlungen wurden irgendwann eingestellt. Zu was wurde Mark Hoffmann alles verurteilt?
Also in dem Prozess, wo es um die Taten an Levke und Felix ging, ist er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes verurteilt worden unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld mit anschließender Sicherungsverwahrung. Das ist sozusagen die Höchststrafe, die das deutsche Strafrecht vorsieht. Mark Hoffmann sitzt im Gefängnis, er schweigt bis heute und vielleicht ist dieses Schweigen das Letzte, was er kontrollieren kann. Die letzte Entscheidung darüber, wer weiß, was wirklich geschehen ist. Für die Ermittler ist der Fall damit nicht beendet, für die Familien erst recht nicht. Wenn Hoffmann heute vor Ihnen säße und tatsächlich reden würde, was wäre Ihre erste Frage? Ich würde ihn nach der Wahrheit fragen. Ich möchte wissen, was war und was nicht war.
Und es geht darum, dass viele Menschen in den Fällen, wo die Unsicherheit besteht, ob er für diese Tat verantwortlich ist oder nicht, dass diesen Menschen die Gewissheit gegeben wird, Er ist dafür verantwortlich oder er ist es nicht. Und das ist eigentlich der wichtigste Aspekt zunächst, die Suche nach der Wahrheit. Vielen Dank, Herr Bethels, für die Einblicke in den Fall Mark Hoffmann. Das war Sterncrime Spurensuche.