Und welche Abgründe können in jedem von uns stecken? Im Sterncrime-Podcast Spurensuche erzählen Ermittler und Spezialisten über ihre spannendsten Fälle und die Herausforderungen ihres Berufes. Hallo, herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Spurensuche. Heute geht es um einen Cold Case, aus dem gewissermaßen zwei wurden. Es geht um den Mord an der 13-jährigen Sonja Hurler, die 1981 in einer Sommernacht spurlos verschwand. Wer sie getötet hat, ist bis heute ungeklärt. Aber vor einigen Monaten, wurde nach Jahrzehnten der Ermittlungen eines klar, wer auch immer sie getötet hat, hat höchstwahrscheinlich nicht nur einmal gemordet. Er hat schon Jahre zuvor, mehrere hundert Kilometer entfernt, ein weiteres Mädchen umgebracht, die zwölfjährige Marion Bayer. Ich bin Bernd Volland von Stern Crime. Heute bin ich zu Gast in den Räumen der Kripo Kempten, um mit einem Mann zu reden, der seit Jahren den Fall Sonja Hurler betreut. mit Norbert Bernhardt. Hallo Herr Bernhardt. Hallo Herr Volandt. Herr Bernhardt, Sie sind Leiter des K1. Was ist das K1 in Kempten? Genau, ich bin seit 2007 Leiter des K1 in Kempten. Wir bearbeiten neben Tötungsdelikten auch fast alle Fälle von Sexualdelikten, von Menschenhandel, von Bränden, Schleusungen und immer dann, wenn es zu einem Kapitalverbrechen kommt. Also Sie haben eine ganz schön ordentliche Bandbreite, die Sie abdecken müssen. Macht es für Sie die Arbeit spannender oder ist es manchmal auch anstrengend zu springen von den einzelnen Fällen? Im Vergleich jetzt zu, wenn man jetzt eine Kripo in der Großstadt hat, wo es eine eigene Mordkommission oder mehrere eigene Mordkommissionen teilweise gibt und jedes Kommissariat spezialisiert ist. Nein, das macht ja für mich gerade die Arbeit unheimlich spannend. Sonst würde ich sie jetzt auch nicht seit 25 Jahren machen. Es gibt immer was Neues. Man muss neue Überlegungen anstrengen. Man muss sich in neue Geschichten einarbeiten. Es ist schon unheimlich interessant. Ich muss vorab sagen, ich bin selber Allgäuer. Also liebe Hörerinnen und Hörer, verzeiht es mir, wenn ich da manchmal aus Versehen in den Dialekt reinfalle. Das ist so ein Automatismus. Wir reden heute über einen Mordfall. Sie befassen sich schon seit 24 Jahren mit dem Fall. Man sagt ja immer bei Cold Cases, dass es natürlich von den Ressourcen abhängt und auch von möglichen neuen Ansätzen, die sich ergeben, aber auch vom Engagement der zuständigen Ermittler. Was hat Sie so lange an dem Fall gehalten oder was treibt Sie an in diesem Fall? Also grundsätzlich muss man sagen, wir haben keine Einheit, wie es woanders so ist, die ausschließlich Cold-Case-Fälle bearbeitet. Bei uns hat natürlich immer das Alltagsgeschehen Vorrang. Was hat mich jetzt an diesem Fall so stark berührt? Das ist vielleicht etwas außergewöhnlich, weil ich eigentlich mit diesem Fall schon mehr oder weniger seit 1981 befasst bin. Zum damaligen Zeit, ich war damals 17 Jahre alt, war mein Bruder bei der Kriminalpolizei in Kempten und hat an diesem Fall ermittelt. Ich selber bin örtlich mit dieser Geschichte verbunden, weil ich in unmittelbarer Nähe des Aufwindeortes aufgewachsen bin. Das heißt wo? Ich bin in der Heiligkreuzer Straße aufgewachsen, also faktisch in der Straße, wo man das Mädel dann später gefunden hat. Das ist schon eine Familiengeschichte dann auch für Sie der Fall? Sozusagen ist es eine Familiengeschichte und es ist natürlich interessant, wenn man die Nachermittlungen hat und man liest dann die Vernehmungen, die der Bruder vor einigen Jahrzehnten in dem Fall gemacht hat. Lassen Sie uns doch mal in die Zeit zurückgehen. Erzählen Sie uns ein bisschen was über das Erste der beiden Mädchen, um die es hier geht. Wer war Sonja Holler? Wie wurde sie beschrieben? Die Sonja war 1981 13 Jahre alt. Sie galt als relativ gute Schülerin des Allgäu-Gymnasiums in Kempten. Die Sonja galt als sehr burschikos, die sich von Buben, von Jungs nicht unbedingt was gefallen ließ. Wir haben mit Klassenkameraden von ihr gesprochen. Die schilderten sie so, dass sie in den Pausen in der Schule zum Beispiel mit den Buben Fußball gespielt hat. Und wenn es da zu Rangeleien kam, wusste sie sich schon zu wehren. Also man kann sie sich so vorstellen, als was man heute so ein toughes Mädchen bezeichnen würde. Die war, habe ich gelesen, auch viel größer als eigentlich die meisten in ihrem Alter. Die Sonja war, so schildern die Klassenkameraden, tough. Sie war größer und war auch von der körperlichen Entwicklung weiter als eine 13-Jährige. Also man konnte sie durchaus als 16-jähriges Mädel einschätzen, ja. Die Familienverhältnisse waren aus heutiger Sicht schon etwas problematisch. Die Mutter war ein schwieriger Mensch. Sie hat offensichtlich gern und viel Alkohol getrunken. Sie hatte viele Männerbekanntschaften, worunter die Sonja ganz offensichtlich auch gelitten hat. Weil ständig so ein neuer Papa dann da war. Genau, es kam ständig ein neuer Papa. Und zum Zeitpunkt des Geschehens war die Mutter mit einem Kollegen der Kriminalpolizei in Kempten liiert. Sie hatten zusammen gewohnt in Kempten, der allerdings auch problematisch war und offensichtlich auch relativ viel Alkohol getrunken hat. Der Ankerpunkt für die Sonja war eigentlich die Großmutter, eigentlich für die ganze Familie. Die hat den Laden so stabil gehalten einigermaßen? Ich glaube, so kann man sagen. Die hat den Laden stabil gehalten. Die Großmutter lebte in einem Bauernhof im Ortsteil Heiligreuz, zu dem die Sonja eigentlich auch immer ging, wenn es für sie problematisch wurde. Ah, okay, das war dann so ihr Zufluchtsort? Das war der Zufluchtsort für sie, ja. Für die Leute, die jetzt die Region nicht so gut kennen, Kempten ist sozusagen die Metropole des Allgäus, kann man sagen, also zumindest im südlichen Teil. Drumherum wird es dann sehr ländlich und Heiligkreuz gehört zu Kempten, ist aber eigentlich so, was man eigentlich von außen betrachtet als ein kleines Dorf bezeichnen würde, richtig? Ja, das muss man sagen. Zwischen dem Ortskern Kempten und Heiligkreuz ist auch ländliches Gebiet, also das ist nicht durchgehend gebaut. Wie war der Tag Ihres Verschwindens im Sommer 1981? Ja, es war der 4. Juli, ein wunderschöner, warmer Sommertag. In Kempten fand an diesem Tag das Stadtfest statt. Dieses Stadtfest wurde von der Sonja mit ihrer Mutter und dem damaligen Lebensgefährten besucht. Die drei gingen dann im Laufe des Abends nach Hause in die Wohnung der Mutter und des Lebensgefährten. In dieser Wohnung kam es offensichtlich zum Streit zwischen der Mutter und ihrem Partner. Was häufiger wohl mal vorkam, so wie Sie das vorher geschildert haben? Das muss häufiger vorgekommen sein. Irgendwann im Laufe des Abends, es könnte vielleicht so gegen 22 Uhr gewesen sein, hat dann die Mutter mit der Sonja die Wohnung verlassen und ging in die nahegelegene Gaststätte Geflügeltes Rad. Was war das für eine Gaststätte? Das ist eigentlich eine ganz normale bürgerliche Gaststätte, wo man vielleicht am Abend hingeht, um was zu trinken. Also keine Absturzkneipe. Nein, keine Absturzkneipe, aber schon, wo Stammgäste sind, die sich dort halt am Wochenende treffen, weil sie vielleicht alleine zu Hause sind oder weil sie sonst keine Anlaufgelegenheiten oder keine Kontakte haben. Was offensichtlich der Fall war, ist, dass der Wirt und die Mutter sich gekannt haben. Das hat sich im Laufe des Abends herausgestellt. Dies hatte die Folge, dass Mutter und Wirt sich sehr intensiv unterhalten haben und Sonja in der Zwischenzeit Flipper gespielt hat oder sich mit anderen Gästen unterhalten hat. Nach einer gewissen Zeit war es dann allerdings so, dass Sonja sagte, sie möchte jetzt nach Hause. Und wenn ich sage nach Hause, meinte sie jetzt nicht die Wohnung der Mutter und des Lebensgefährten, sondern die Wohnung der Oma. Also dort auf dem Dorf. Auf dem Dorf, genau. Es war es so zu dieser Zeit, dass die Oma nicht zu Hause war. Sie befand sich im Krankenhaus und das Haus in Heiligkreuz somit unbewohnt war zu dem Zeitpunkt an diesem Wochenende. Zunächst zeigte sich die Mutter einverstanden und sie bestellte ein Taxi. Und jetzt passiert eigentlich etwas Tragisches. Das Taxi kommt, die Sonja möchte eigentlich einsteigen und die Mutter entscheidet sich aber dagegen. Sie sagt, nö, ich unterhalte mich gerade recht gut mit dem Wirt, ich möchte noch bleiben und die Mutter schickt das Taxi wieder weg. Und die Tochter hat aber jetzt schon komplett die Schnauze voll eigentlich, weil sie den Streit mitgekriegt hat und jetzt die ganze Zeit in dieser Gaststätte abhängen musste. Von dem muss man ausgehen, ja. Sie wollte eigentlich nur noch heim, zu Oma ins Haus. Ihr blieb dann nichts weiter übrig, man ging zurück in die Gaststätte. Die Mutter unterhält sich weiterhin mit dem Wirt, die Sonja spielt noch am Flipper und irgendwann, es dürfte etwa gegen 1 Uhr, 1.15 Uhr sein, kommt es zum Streit zwischen der Sonja und der Mutter und die Sonja sagt, ich gehe jetzt, ich möchte jetzt gehen, gib mir den Schlüssel zum Haus. Sonja verlässt die Gaststätte. Die Mutter und der Wirt schauen der Sonja noch kurz nach, sehen, wie sie sich da einwärts bewegt, also in Richtung Heiligreuz. Und das war das letzte Mal, dass man die Sonja lebend gesehen hat. Die Mutter blieb dann noch etwa bis 5 Uhr in der Früh in der Gaststätte. Sie habe sich so die Aussagen von beiden einfach miteinander unterhalten. Etwa gegen 5 Uhr fuhr sie dann selbst zum Haus der Großmutter nach Heiligkreuz. Naja, jetzt kommt sie am Haus an und stellt fest, das Haus ist verschlossen. Und sie rottelt an den Türen, klopft an den Fenstern und niemand öffnet. Irgendwann fährt sie dann wieder zurück und geht aber zu ihrem Lebensgefährten. Okay, weil sie vielleicht vermutet hat, Sonja ist dorthin gegangen. Das war vielleicht eine Vermutung und der Lebensgefährte selber war Polizist und vielleicht hat sie sich da einfach Rathilfe gesucht. Die beiden haben sich dann nach ihren Angaben nochmals auf die Suche gemacht, sind auch zu diesem Wirt nochmals gegangen, der Lebensgefährte, der anscheinend auch etwas eifersüchtig war, so wie sich das aus den Akten herausließ, war mit beim Wirt, aber man findet das Mädchen nicht. Die Mutter geht zur Polizeiinspektion nach Kempten und erstattete Vermisstenanzeige. Also gleich am nächsten Morgen. Gleich am nächsten Morgen, ja. Vielen Dank. Und was war Ihre Vermutung dann? Also sowohl die Vermutung der Mutter erst mal und dann auch die Ihrer Kollegen damals? Das ist eine Vermutung, die man, glaube ich, auch heute in der gleichen Situation auch wieder treffen würde. Es gab einen Streit. Die Sonja hat öfter schon mal gesagt, sie haut jetzt ab. Und das war natürlich die Vermutung, sowohl von der Mutter als auch vom Lebensgefährtin, dass die Sonja einfach abgehauen ist. Okay, das war jetzt nicht ganz unplausibel. Das war nicht unplausibel, nein, nein. Und vor allem mit dieser ganzen Geschichte am Tag, am Abend zuvor. Ja, und so schwierige Verhältnisse. Wenn die Oma dann auch im Krankenhaus ist, dann fehlt der Schutzpunkt. Genau, es war dann gerüchteweise so, dass sie mal jemanden aus München kennengelernt hätte, dass sie vielleicht nach München ging. Also man ging jetzt nicht gerade von dem Schlimmsten aus, sondern man hat halt gerechnet, naja, die ist jetzt halt abgehauen. Die wird schon wieder kommen oder man wird sie schon finden irgendwie. Man hat natürlich schon gesucht nach ihr. Auch unmittelbar nach der Anzeigenerstattung bei der Polizeiinspektion in Kempten haben sich die Kollegen auch mit Hunden auf die Suche gemacht. Die Kollegen sind den mutmaßlichen Nachhauseweg von Kempten nach Heiligreuz zum Anwesen der Oma gegangen. Haben auch das Bauernhaus der Oma durchsucht und haben auch ein, damals sagte man noch, fernschreiben, ein deutschlandweites Fernschreiben gestellt, in dem man eben das Mädchen als vermisst gemeldet hat. Aber es gab keinerlei Hinweise. Es gab dann schon nach einer... Eine Öffentlichkeitsfahndung mit einem Bild des Mädchens, der eine oder andere Hinweis, man hätte dieses Mädchen hier oder dort gesehen. Später wusste man, dass das natürlich nicht der Fall war, sondern das war, dass jemand anders war. Sie sagten, mit Hunden sei mal den Weg abgelaufen. Wie sah denn dieser Weg aus? Also der Nachhauseweg zur Oma hätte ungefähr, man hat das dann auch nachgestellt und wir haben es selber auch schon ausprobiert, ungefähr 45 Minuten gedauert. Der Weg führt zunächst mal durch Kempten hindurch bis zum angrenzenden Stadtteil Tingers. Tingers war zum damaligen Zeitpunkt, heute würde man sagen, vielleicht ein sozialer Brennpunkt, weil man in diesem Bereich viele Personen hatten, die in verschiedensten Richtungen straffällig wurden. Also man kennt die Polizei und Tingers kennt die Polizei auch. Tingers kennt die Polizei, wobei der Stadtteil Tingers eigentlich zweigeteilt war und zwar in einem Bereich, in dem man in den 70er Jahren viele Sozialwohnungen gebaut hat. Und zum anderen sind aber auch im südlichen Bereich des Stadtteils sehr teure Villen angesiedelt worden. Die Sonja musste an diesem Stadtteil vorbeilaufen, was eigentlich zunächst jetzt nicht so problematisch aus heutiger Sicht ist, weil wir wissen eigentlich, dass es in dem Stadtteil, auch wenn dort Personen waren, die polizeilich auffällig waren, eigentlich zu relativ wenig Sexualdelikten oder überfallartigen Übergriffen auf Frauen kam. An den Stadtteil Tingers gliedert sich ein, heute ist es ein Nacherholungsgebiet. Damals war es ein Weihergebiet, das allerdings recht verwachsen war, ein recht unübersichtliches Wald-, Wiesen-, Seengebiet war. Die Hauptstraße, an der die Sonja nach Heiligkreuz gehen musste, es ist eigentlich der einzige plausible Weg, wenn sie zu Oma geht, war zum damaligen Zeitpunkt im Gegensatz zu heute zum Beispiel auch nicht beleuchtet. Die Sonja musste auf einer dunklen Straße laufen. Also es war kurzum insgesamt so eine Route, die man, sage ich jetzt mal, als 13-jähriges Mädchen mitten in der Nacht nicht mit den allerbesten Gefühlen eigentlich entlang geht. Genau so kann man sagen, ja. Also ich glaube nicht mal jetzt als 13-jähriges Mädel, sondern auch ich als 13-jähriger Bub würde, glaube ich, dort mit Unbehagen entlang gehen. Zumal es dort noch eine Situation gab, die dann später auch bei den Ermittlungen eine zunächst maßgebliche Rolle gespielt hat. Unmittelbar am Weg gegenüber diesem Weihergebiet, man nennt den Schwabelsberger Weiher, war das Clubhouse einer, wir würden heute sagen, einer Rockergruppe. Das wurde natürlich auch gern und viel Alkohol getrunken. Und man wusste, dass Personen aus diesem Kreis schon gerne auch mal junge Frauen dementsprechend anmachten. Also die Sonja musste eigentlich unmittelbar an diesem Clubhaus vorbeigehen. Dann kommt eigentlich, wie soll man sagen, freies Feld. Eine Strecke vielleicht einen Kilometer unbebaut, hin und wieder mal im Bauernhof, aber ansonsten freies Feld mit Wiese. Bis dann schließlich der Stadtteil Heiligkreuz kommt. Relativ nah am Ortseingang befindet sich ja auch dann das Wohnhaus der Großmutter. Ob sie jetzt so weit kam oder nicht, wissen wir nicht. Wann war dann klar, dass sie doch nicht abgehauen ist? Ja, das ist eigentlich erst richtig spät klar geworden, nämlich eigentlich erst mit Auffinden der Leiche. Wie wurde sie gefunden? Das Ganze war mehrere Monate später. Letztendlich wurde die Leiche der Sonja von einem Landwirt, der im Oktober 1981 auf seinen Wiesen die Zäune gerichtet hat, unter einem Stadel gefunden. Und der Stadel liegt unmittelbar vor dem Ortseingang von Heiligkreuz. Er ist übrigens heute noch genauso sichtbar und steht noch genauso wie vor über 40 Jahren. Das war ein richtiger Zufallsfund. Ja, so kann man es sagen. Nach drei Monaten. Nach drei Monaten ein Zufallsfund dahingehend, weil ein Mitarbeiter vom Landwirt austreten musste. Und wo geht er hin? Geht zum Stadel hin, wo man ihn von der Straße aus nicht sieht und bemerkt dann natürlich einen sehr starken, unangenehmen Geruch. Er als Landwirt weiß natürlich sofort, das ist Verwesungsgeruch, möglicherweise von einem Tier. Schaut nach und findet die Leiche. Die Polizeiinspektion Kempten schickt natürlich daraufhin eine Streife hin. Man schaut sich das an und dann kommt natürlich sehr schnell der Verdacht auf, oh je, das könnte sich... Jetzt wissen wir, wo das vermisste Mädchen ist. Genau, ja. Das könnte die Sonja sein. Und was konnten Sie am Tatort vorfinden an Spuren? Und was sagte Ihnen das? Ich weiß, Sie dürfen nicht alles erzählen, weil es manches auch sogenanntes Täterwissen ist. Das heißt, wenn die Polizei das rausposaunt, dann kann jeder sagen, er wüsste es aus der Zeitung oder aus dem Podcast. Aber das, was Sie sagen können, was wurde dort gefunden und was sagt es Ihnen? Oder Ihren Kollegen? Also genauso, wie Sie es sagen. Ich kann Ihnen natürlich nicht die Details sagen, wie die Leiche dort versteckt wurde und sie wurde versteckt. Aber es hat sich sehr schnell herausgestellt, die Leiche war entkleidet. Und das ließ natürlich sehr schnell den Schluss zu, dass hier auch ein Sexualdelikt vorliegt. Konnten die Gerichtsmediziner was zur Todesursache in Erfahrung bringen? Aufgrund von der langen Liegezeit der Leiche war es der Rechtsmedizin nicht mehr möglich, die eigentliche Todesursache festzustellen. Dafür war der Leichnam zu stark verwest. Also wir können bis heute nicht sagen, wie wurde die Sonja letztendlich umgebracht. Drei Monate, noch dazu im Sommer, das ist schon schwierig dann. Wie haben die Angehörigen, also die Oma und auch die Mutter, darauf reagiert, als sie das erfahren haben? Ja, das ist natürlich eine schwierige Frage nach langer Zeit zu beantworten, weil wir ja als jetzige Ermittler weder zu Oma noch zu Mutter noch Kontakt hatten. Die Oma ist im September 1981 verstorben. Das heißt, die Oma hat gar nicht mehr mitbekommen, dass die Sonja tot aufgefunden wurde. Aber mitbekommen, dass sie verschwunden ist. Das hat sie mitbekommen. Also mit ihrem Wissen ihrer Enkelinnes Spur, das ist verschwunden, ist sie gestorben. So ist sie gestorben, das stimmt, ja. Das Verhalten der Mutter, gut, ich kann mir nur vorstellen, wie eine Mutter reagiert, wenn sie mitbekommt, dass das einzige Kind letztendlich tot aufgefunden wird. Ich gehe davon aus, dass sie sehr stark betroffen war. Aber wie gesagt, das ist alles nur Vermutung. Die Mutter selber ist in den 90er Jahren verstorben. Ich selber hatte keinen Kontakt mehr zu ihr, deswegen kann ich Ihnen gar nicht sagen, wie die Reaktion von ihr war. Kann sie es vorstellen. Was waren die ersten Ermittlungsansätze Ihrer Kollegen damals dann? Man hat dann angefangen, Nachbarschaftsbefragungen durchzuführen von Leuten, die auf dem mutmaßlichen Nachhauseweg der Sonja nach Heiligkreuz gewohnt haben. Dann war ein Punkt, der dann Schwerpunkt der damaligen Ermittlungen auch wurde, Das war die bereits genannte Rockergruppierung, weil es einfach relativ sicher war, dass die Sonja an diesem Clubhaus vorbeigehen musste. Gab es da konkrete Verdächtige dann? Es gab konkrete Verdächtige, weil insbesondere eine Person aus dem harten Kern dieser Gruppierung im gleichen Jahr verdächtigt wurde, bei einem Motorradtreffen eine junge Frau vergewaltigt zu haben. Ah, da war auch schon eine Anzeige da. Da war eine Anzeige da, aber die Kollegen kamen nicht weiter. Wen hatten sie sonst noch im Visier? Einer war der Lebensgefährte der Mutter. Dieser wurde natürlich im Rahmen der Vermisstenanzeige und dann auch in den Tagen danach ausführlich vernommen und er gab an, als die Mutter nach dem Streit die Wohnung verlassen hatte und in die Gaststätte ging, wollte er sich auf die Suche nach beiden gemacht haben. Hierzu hätte er unter anderem ein Taxi genommen. Er beschreibt das Taxi dann auch, ein Taxi mit einem schwarzen Kotflügel. Er will mit diesem Taxi zum Haus der Oma nach Heiligkreuz gefahren sein. Dort angekommen, stellt er fest, dass sich dort niemand aufhalt. Er will dann mit dem Taxi wieder zurück nach Kempten gefahren sein. In verschiedenen Örtlichkeiten die Mutter und die Sonja gesucht haben. Und nachdem dies erfolglos war, will er sich nach eigenen Angaben etwa nach 1 Uhr nachts schlafen gelegt haben und sich dann so lange in der Wohnung aufgehalten haben, bis dann die Mutter zu ihm kam und ihm vom Verschwinden der Sonja berichtet hat. Was war verdächtig an dieser Aussage? Insbesondere das, dass die Kollegen das von ihm beschriebene Taxi nicht ausfindig machen konnten. Sie haben also sämtliche Taxiunternehmen in Kempten kontaktiert. Sie konnten aber weder eine Fahrt von Kempten nach Heiligreuz feststellen, noch konnte man ein Taxi ausfindig machen, welches einen schwarzen Kotflügel hatte. Somit muss man eigentlich sagen, dass der Lebensgefährte für diese Nacht kein Alibi hatte und möglicherweise aus welchen Gründen auch immer nicht die Wahrheit gesagt hat. Das war ja damals, haben Sie ja gesagt, er war ein Kollege von Ihnen. Wie ist es da zu ermitteln gegen einen Kollegen, noch dazu mit solch einem Vorwurf? Also ich kann es mir aus heutiger Sicht eigentlich nicht vorstellen, beziehungsweise noch ganz schwer vorstellen, wie das damals abgelaufen ist. Aus heutiger Sicht wäre es unmöglich, dass so jemand, solange die Ermittlungen andauern, auf der Dienststelle arbeitet, auf der solche Ermittlungen geführt werden. Warum das damals so war, weiß ich nicht. Kann ich nicht sagen, ist für mich nicht nachvollziehbar. Aber gut, es war so, aus welchen Gründen auch immer. Gab es irgendwas anderes, was ihn noch belastet hat? Naja, er war bekannt, dass er selber auch gerne Alkohol trinkt und dass es halt auch in der Vergangenheit immer wieder zu Streitereien kam. Also eine Impulsivität war auch der Alkoholeinfluss. Eines muss man sagen, es war nichts bekannt, dass er sich in irgendeiner Art und Weise einmal der Sonja genähert hätte oder auch der Sonja gegenüber aggressiv gewesen wäre, sondern diese Ausbrüche, diese Aggressivität hat sich, was jetzt diese Beziehung anbelangt, eigentlich vorwiegend auf die Mutter konzentriert. Aber was war dann die Hypothese Ihrer Kollegen, was passiert sein hätte können? Sonja geht aus dieser Gaststätte raus und geht gar nicht zur Oma, sondern geht zu ihm und dort passiert irgendwas? Oder was war da die Idee dahinter? Naja, eine Hypothese ist natürlich schwierig zu sagen, was die Kollegen damals interpretiert hätten in diese Geschichte. Ausschließend hätte man ja ein mögliches Sexualdelikt auch nicht können. Ich meine, wer weiß, wie jemand im alkoholisierten Zustand reagiert, der vielleicht zuvor Streit hatte mit der Mutter und dann mit der Sonja zusammentrifft, das vielleicht dort zum Streit kommt, vielleicht artet dieser Streit auch aus. Vielleicht ist etwas passiert, was gar nicht beabsichtigt war, was ja nicht unbedingt ein Sexualdelikt hätte sein müssen und es wird ein Sexualdelikt nachgestellt. Aber das ist alles nur Theorie und Hypothesen. Fakt war zum damaligen Zeitpunkt, er war unterwegs. Er macht Angaben, die nicht nachprüfbar sind. Und das passt natürlich nicht, insbesondere nicht für einen Polizeibeamten. Aber mehr hatten die Kollegen gegen ihn da auch nicht in der Hand? Man hat dann schon auch ermittelt, man hat seine Kleidung sichergestellt, man hat seine Kleidung untersucht, man hat auch das Auto von ihm untersucht. Aber es hat eigentlich nichts ergeben, was es da einen Tatverdacht gegen ihn erhärtet hätte. Aber in den Köpfen der Kollegen blieb er immer als einer der mutmaßlichen Mörder der Sonja. Sie sagten schon, Ihre damaligen Kollegen hatten dann auch viele Zeugen befragt. Haben die irgendwas wahrgenommen, irgendwas Auffälliges in dieser Nacht? Nachdem natürlich die Sonja als ermordet aufgefunden wurde, gab es einen relativ umfangreichen Zeitungsbericht und es wurden umfangreiche Befragungen durchgeführt. Dabei stellte sich ein Ereignis im Stadtteil Tingers heraus, welches von mehreren Anwohnern eigentlich verteilt über einen großen Teil des Stadtteils wahrgenommen wurde. Und zwar gab es bereits 1981, 1982 die ersten Hinweise, dass eine Gruppe junger Männer ein furchtbar um Hilfe schreiendes Mädchen durch den Stadtteil Tingers gezogen hätten. Und zwar zu einem Zeitpunkt, der auch, wenn man jetzt eine Wegzeitberechnung macht, von der Gaststätte nach Heiligreuz ungefähr in der mutmaßlichen Tatzeit liegt. Also wir sprechen hier von einem Zeitraum etwa 2.15 Uhr, 2.30 Uhr. Also das würde genau zum Aufbruch von dieser Gaststätte aus dann passen? Das würde genau zum Aufbruch passen, wenn man den Weg vollzieht, den die Sonja mutmaßlich gegangen ist. Wobei diese Schreie zum Teil sehr markant gewesen sein müssen. Also eine Zeugin schildert von einem letzten markerschütternden Schrei. Die anderen sprechen von Schreien eines Mädchens, einer Frau in Todesangst. Die anderen sprechen wieder davon, das hört sich ja an wie eine Frau, die vergewaltigt wird. Okay, also nicht nur irgendwie jetzt grölende Jugendliche, bei denen auch eine Frau dabei ist, sondern schon dramatischer. Die Schreie müssten dramatisch gewesen sein, so von den Aussagen her. Und wir haben auch Zeugen, die eine Gruppe Jugendlicher gesehen hat, wie sie ein um Hilfe schreiendes Mädchen mit sich hergezogen haben. Die Aussagen... Waren eigentlich relativ einheitlich. Die sprechen immer von einer Gruppe Jugendlicher. Eine Zeugin legt sich da noch relativ fest. Eine Gruppe Jugendlicher, nicht alter als 14 bis 18 Jahre. Konnten Sie das Mädchen beschreiben, die Zeugen? Eine Zeugin spricht von einem Mädchen. Die Beschreibung könnte auf die Sonja passen. Die Kleidung könnte auf die Sonja passen. Aber die Beschreibung ist nicht so, dass sie sagt, das war hundertprozentig die Sonja, sondern ein Mädchen. Aber die Zeugin legt sich auf das Alter der Burschen fest, nämlich 14 bis 18 Jahre und nicht älter. Diese Burschen hätten dann eben das Mädchen hinter das damalige Tingerstreff gezogen. Das Tingerstreff, da war unter anderem auch eine Diskothek drin, eine Kneipe drin, wo sich am Wochenende viele Jugendliche aufgehalten haben. Und hinter diesem Gebäude sei es dann zu einem letzten markerschütternden Schrei gekommen. Und dann sei es still gewesen. Auf diesem Gelände, man muss sich das so vorstellen, dass dieses Gebäude, hinter dem das Mädchen gezogen wurde, praktisch das letzte Gebäude im Stadtteil Tingers war, bevor dann der Schwabelsberger Weiher mit diesem Naherholungsgebiet kam. Und dann kommen Wiesen und dann Heiligkreuz. In unmittelbarer Nähe ist noch ein relativ großer Bolzplatz und hinter diesem Bolzplatz kommt eine Behindertenschule, hat man damals gesagt, die heutige Tom-Mutterschule. Und es gibt Zeugen, die wollen dann in diesem Zusammenhang mit diesem Zerren von diesem Mädchen oder diesem Hilfeschreien Motorräder gehört haben, die auf dem Bolzplatz rumgefahren sein sollen. Andere Zeugen wollen bemerkt haben, dass sich in dieser Örtlichkeit Jugendliche aufgehalten haben, die dort in diesem Waldgebiet, Wiesengebiet, Seengebiet gezeltet haben. So gibt es unterschiedliche Angaben über ein Geschehen danach. Okay, aber das klingt ja schon nach einem sehr dramatischen Geschehen. Eine Frage, die mich da natürlich nicht loslässt, ist. Die Aussagen haben die erst nach Finden der Leiche gemacht. Warum hat da niemand in der Nacht angerufen? Also wenn man sagt, Brennpunktviertel, ja, dass da mal grölende Kids jetzt durch die Straße ziehen. Ja, aber markerschrittener Schrei, Todesschrei, Mädchen wird gezerrt. Warum? Und es sind mehrere. Warum hat das niemand gemeldet? Ja, das zu Rechtfertigen ist natürlich schwierig. Oder hier eine Antwort zu geben. Ich kann Ihnen das sagen, was uns die einen oder anderen dazu gesagt haben. Vorab muss man natürlich eines auch sagen. Wir müssen von unserem heutigen Denken weggehen, wo wir ein Handy zur Verfügung haben, jederzeit kommunizieren können. Das war zur damaligen Zeit 1981 nicht der Fall. Wir haben also Personen, die eben diese Wahrnehmung gemacht haben, die haben gesagt, wir hatten kein Telefon im Haus. Das heißt, wir hätten das Haus verlassen müssen, um zur nächsten Telefonzahle zu gehen. Das haben sie halt einfach nicht gemacht, vielleicht auch aus Angst. Hinzu kommt auch, dass in diesem Stadtteil hat es halt immer wieder mal Lärm, Schreie oder mal Schlägereien gegeben, vielleicht auch Hilferufe, sodass der eine oder andere das einfach nicht mehr ernst genommen hat. Als außergewöhnlich. Oder als außergewöhnlich gesehen hat, ja. Wir hatten aber auch dann, als wir zum allerersten Mal die Nahermittlungen begonnen hatten, noch Zeugen ausfindig gemacht, die sehr betroffen waren, die also wirklich dann bei den Vernehmungen zu weinen angefangen haben, weil sie aus heutiger Sicht sagen, Mensch, hätten wir damals die Polizei gerufen und dann wird das Mädel vielleicht leben noch. Aber Sie sind auch heute dankbar über jeden, der sich heute noch meldet? Ja, selbstverständlich. Und jeder, der sich heute meldet, kann noch einen Beitrag dazu leisten, dass sich wieder ein Stück von dem Puzzle ergibt, wo man ein Stück weiterkommt. Was schlossen Ihre Kollegen dann damals aus diesen Zeugenaussagen? Also ich kann mir vorstellen, das war für die wahrscheinlich die heißeste Spur. Es war eine der heißesten Spuren, ja. Der Fokus lag, wie ich bereits gesagt habe, schon schwerpunktmäßig auf den Rockern. Man hat dann bereits 1982 diese Mitteilungen über diese Hilfeschreie in der örtlichen Zeitung veröffentlicht. Allerdings ohne den Erfolg, dass man auf diese Jugendgruppe gekommen ist. Und vielleicht ist es aus damaliger Sicht auch schwer nachvollziehbar, dass eine Gruppe von 14- bis 16-Jährigen eine solche Tat begehen sollte. Da kommt natürlich der Rocker, der schon wegen gleichgelagerten Fällen in Erscheinung getreten ist, ist ja viel eher ins Bild als irgendwelche angetrunkenen, betrunkenen Jugendliche. Es ist, glaube ich, auch bei Zeugenaussagen, also gerade nach der Berichterstattung, dann weiß man, was passiert ist, wurde umgebracht, Sexualdelikt stand wahrscheinlich damals auch schon in der Zeitung. Ich habe häufiger gehört, dass es für sie auch schwierig ist, dann diese Zeugenaussagen zu bewerten. Also was haben die jetzt wirklich gesehen oder wo ist jetzt die Geschichte dann schon weiter gedreht? Was Sie so erzählt haben aus diesen Aussagen, bei mir kam da gleich so ein Film im Kopf. Aber es war halt auch wirklich ein Film, wie so Rocker, vielleicht Motorräder und die fahren dann auf dem Bolzplatz, fahren die mit ihren Motorrädern vielleicht um dieses gekidnappte Mädchen herum und so. Also. Es ist schwierig, den Gehalt dieser Aussagen zu gewichten, stelle ich mir vor. Das ist ja bis heute eigentlich so bei Ermittlungen. Zeugenaussagen sind immer mit Vorsicht zu genießen. Insbesondere dann, was Beschreibungen anbelangt, was Uhrzeiten und solche Dinge anbelangt. Wie eingangs schon gesagt, der Fall wurde ja dann eben ein Cold Case oder ist bis heute ein Cold Case. Wie wird ein Fall eigentlich zum Cold Case? Gibt es dann so einen Punkt, wo man den abschließt und sagt, okay, jetzt ruht der erst mal oder passiert das einfach, dass die Akte immer weiter nach hinten läuft? Eigentlich wird ein Fall dann zum Cold Case, wenn die ursprünglichen Ermittlungen abgeschlossen sind und man zu dem Ergebnis kommt, wir haben eigentlich bislang alles getan. Wir können im Moment nichts mehr machen. dann kommen die Akten jetzt bildlich gesagt in den Keller. Zunächst. Es ist natürlich auch so, man muss es so sehen, auch damals schon, 1981, hat ein Ereignis das andere dann natürlich gleich wieder überflügelt. Sie haben hier den Mord und dann kommen die nächsten Taten und die nächsten Taten. Und irgendwann sagt man dann, du bist jetzt einfach mit deiner Kapazität am Ende. Du musst diese Geschichte mal weglegen, weil du hast jetzt einfach was Neues wieder. Es war zur damaligen Zeit so, dass es in den 70er, 80er Jahren bei weitem mehr solche Kapitalverbrechen gab als zur heutigen Zeit. Widerspricht eigentlich unserem Lebensgefühl, dass alles immer gefährlicher und schlimmer geworden ist? Ja, das ist natürlich auch so, dass wir heute von Medien überfrachtet werden und jede Schlägerei in jedem Ort natürlich live mitbekommen, was ja früher nicht so der Fall war. Aber wenn ich so die gravierenden Kapitaldelikte von früher anschaue, diese Mordfälle, die ungeklärten Mordfälle, gab es schon bei weitem mehr als in der heutigen Zeit. Auf alle Fälle wurde es ein Cold Case und dann haben Sie sich das Fall angenommen. Wann und wie kam es dazu? Es war damals so, dass ich mich im Jahr 2000 zur Kripo Kempten beworben habe, ins Kommissariat 1 als stellvertretender Kommissariatsleiter und in dieser Funktion auch als Sachbearbeiter für Tötungsdelikte. Jetzt kam, was nicht ungewöhnlich ist, im Jahr 2002 eine Zeugin zu uns auf die Dienststelle und wollte Angaben zum Fall Sonja Hurler machen. Sie hätte von ihrem verstorbenen Vater gehört, wer möglicherweise der Täter sei. Okay. Ich habe dann die Akten aus dem Keller geholt, die Akten studiert, intensiv durchgelesen. Natürlich zunächst mal auf den Hinweis bezogen, der zu uns auf die Dienststelle kam. Wer war denn dann der Mörder, laut der Aussage? Es handelte sich hier eindeutig, das konnten wir definitiv ermitteln, um sogenanntes Stammtischgeschwätz. Also diese Mitteilung hatte keine Relevanz. Um einen, dem man es zugetraut hätte. Aber auf alle Fälle haben Sie jetzt die Akten wieder hochgezogen. Ich habe die Akten hochgezogen und lese sie mir durch und stelle fest, Mensch, da könntest eigentlich was machen. Mich hat eigentlich auch, ganz ehrlich gesagt, eines geärgert, dass man ein Mädchen, ein Kind umgebracht hat, es finden Ermittlungen statt und dann 20 Jahre nicht mehr. Woran lag das? Das kann ich nicht sagen, weiß ich nicht. Vielleicht hatte man einfach nicht die Zeit oder vielleicht hatte man für sich ausgesagt, weil 2002 waren ja noch ein Großteil der Kollegen im Dienst, die 1981 schon ermittelt hatten. Und diese Kollegen waren natürlich auf den einen oder anderen Täter eingeschworen. Naja, das war der, der ist ja jetzt in der Zwischenzeit tot. Was soll man da noch ermitteln? Ja gut, und vielleicht hat das dann auch so automatisch den Stempel hoffnungsloser Fall drauf. So was, ja. Sie hatten in unserem Vorgespräch was gesagt, was bei mir sehr hängen blieb. Von dem Sie auch sagten, dass es Sie motivieren würde. Nämlich, die Mutter ist gestorben, das ist ein Mädchen, das ermordet wurde, aber keine Angehörigen mehr hat. Und das macht natürlich einen Unterschied aus, ob man Angehörige hat. Die an die Medien gehen, die zur Polizei gehen und Druck machen. Und das hatte dieses Mädchen nicht. Scheint, so habe ich Sie verstanden, auch eine Rolle gespielt zu haben. Ja, das hat für mich von der Motivation eine große Rolle gespielt. Ich dachte für mich, das kann doch nicht sein, dieses Mädchen hatte keine Lobby. Kein Mensch interessiert sich mehr dafür, dass dieses Mädchen umgebracht wurde. Ein Mädchen, das heute jetzt vielleicht in unserer Zeit Mutter, Großmutter gewesen wäre. Und dann kommt irgendeiner oder irgendwelche daher und bringen dieses Mädchen um und das lassen wir so stehen. Das geht nicht. Beim Sichten der Akte habe ich halt festgestellt, Mensch, es gibt weitere Ermittlungsansätze. Vorwiegend diese Jugendlichen, diese Schreie, diese Jugendlichen und wie ich es auch schon gesagt habe, die Aussage, dass da möglicherweise Jugendliche gezeltet haben in dem Bereich, an dem man dieses Mädchen zuletzt gesehen hat. Und so haben wir dann 2002 angefangen, wirklich mit den Möglichkeiten, die wir damals hatten, umfangreich zu ermitteln. Wir haben eine Ermittlungsgruppe gebildet, eine relativ zahlenmäßig starke Ermittlungsgruppe für die damalige Zeit. Wir haben den Schwerpunkt eben auf den Bereich Jugendliche im Stadtteil Tingers gelegt, wo wir ja 20 Jahre später auch wussten, Mensch, was ist eigentlich aus denen geworden und haben gesehen. Ja klar, der eine oder andere, der ist kriminell geworden, der eine ist vielleicht drogensüchtig geworden. Der eine oder andere hat eine Vergewaltigung begangen später oder wurde eine Vergewaltigung überführt später. Genau, wir wussten ja 20 Jahre danach eigentlich, was waren das eigentlich für Leute. Wir haben sich hier entwickelt und das war eigentlich schon ein anderes Wissen, als die Kollegen 1981 hatten. Wir hatten dann auch eines angefangen, das war so die Zeit Ende der 90er Jahre 2000. Als man angefangen hat, Spuren bei vorhandenen alten Fällen hinsichtlich DNA zu untersuchen. Und wir hatten oder haben immer noch viele Asservate von Mordopfern bei uns gelagert. Ich habe dann damals schon diese Asservate an die zuständige Rechtsmedizin gesandt. Allerdings hatten wir, also 2002 war einfach die Wissenschaft noch nicht so weit bei uns, dass wir aus diesem minimalen Spurenaufkommen, das man anscheinend vom Täter hatte, diese DNA extrahieren konnte. Was brachten, um nochmal darauf zurückzugehen, was brachten die Befragungen mit den ehemals Jugendlichen, die heute, so klingt es ein bisschen, also es klingt für mich so, sie haben ihre heutige Stammkundschaft so ein bisschen abgeklappert, ob es da auch Bezug zu 81 gab. Kam da was raus? Wir haben dann vielleicht fünf, sechs Monate diese relativ aufwendige Ermittlungsgruppe gehabt. Aber letztendlich war es so, dass wir auch nicht weitergekommen sind. Also wir haben keinen konkreten Hinweis auf den oder die Täter bekommen. Und somit musste man den Fall Sonja Hurler beiseite legen, wobei er ab diesem Zeitpunkt nie mehr ganz im Keller verschwunden ist, sondern ich habe mir immer wieder die Akten mal gezogen. Um nachzulesen, was könnte man machen, haben wir was übersehen, haben wir was vergessen. Und so gingen die Jahre ins Land. Aber es ist ein besonderer Fall für Sie geworden. Es gibt ja diesen fast ein bisschen Klischee, der Fall, der den Ermittler nicht loslässt. Aber vielleicht ist ja doch ein bisschen was dran. Das gilt für den Fall eindeutig. Es ist nicht der einzige Cold Case Fall, den wir bearbeitet haben. Sondern wir haben bei uns sämtliche Altfälle, soweit es irgendwie möglich ist, in den letzten 25 Jahren bearbeitet. Das sind insgesamt bis 1957 zurück neun ungeklärte Mordfälle. Wenn man so lange so einen Fall begleitet, baut man da so eine gewisse persönliche Beziehung auf, also zum Opfer. Sie setzen sich mit der Person auseinander, sie spielen zigmal den letzten Abend durch, sie suchen Ansatzpunkte im persönlichen Umfeld. Ja, eine persönliche Beziehung in einem gewissen Maße vielleicht, aber vorwiegend dahingehend, weil man immer wieder, so wie Sie sagen, das Ganze durchspielt. Ich habe einfach einen, oder deswegen einen sehr speziellen Bezug zu dieser Geschichte. Zum einen, wie bereits erwähnt, hatte mein Bruder bereits daran ermittelt, ich selber bin wirklich in unmittelbarer Tatortnähe aufgewachsen. Und jetzt kommt bei mir noch eines hinzu, ich fahre seit über 20 Jahren jeden Tag, wenn ich zur Arbeit fahre und zurück, zweimal an diesem Stadel vorbei. Okay, ja. Ich bin schon unzählige Male ausgestiegen, war an diesem Stadel gestanden, bin um diesen Stadel herumgelaufen, habe mir Gedanken gemacht und das hört sich jetzt vielleicht sehr filmmäßig an und ich habe eigentlich auch versprochen, dass wir den Täter finden werden. Das ist ein bisschen wie so ein persönliches Mahnmal, das an der Arbeitsroute dann steht. Jeden Tag, ja. Und Sie haben dann ja tatsächlich doch noch einen Pfund bekommen. Lassen Sie uns mal weitergehen ins Jahr 2022. Ja, genau. Und dann passiert etwas, was das Ganze natürlich für uns revolutioniert hat. Im Jahr 2022 hat der zuständige Staatsanwalt beschlossen, dass wir sämtliche Asservate von allen ungeklärten Mordfällen noch einmal durch die Rechtsmedizin untersuchen lassen. Dann bekommen wir tatsächlich nach einigen Monaten die Mitteilung, dass wir im Fall Sonja Hurler eine vollständige DNA einer männlichen Person haben, von der wir aufgrund der Auffindesituation der DNA, also wie diese DNA gesichert wurde, worauf ich jetzt nicht näher eingehen möchte, sagen können, dass die mit großer Wahrscheinlichkeit vom Täter stammt. Also es ist nicht irgendwo an einer Stelle, wo man sagt, mein Gott, da können Sie jetzt auch noch an demselben Tag ein Dutzend Leute zufällig berührt haben. Genau, es ist an einer Stelle gesichert worden, so gesichert, dass wir davon ausgehen. Dass sie vom Täter stammen muss. Wir haben natürlich zuvor noch eines gemacht. Das ist einfach Pflicht bei solchen Fällen. Wir haben zunächst definitiv abgeklärt, dass diese DNA nicht von einem Kollegen gesetzt wurde, der vielleicht irgendwann einmal mit diesem Fall in Berührung kam. Also sprich die Asservat, der mal in den Händen hielt. Also handelt es sich mit allergrößter Wahrscheinlichkeit um die DNA von dem Täter. Haben Sie die DNA mit Täterdatenbanken abgeglichen? Das ist natürlich der allererste Vorgang, der passiert. Der Abgleich war negativ. Das heißt also, es gibt in der Datenbank, in der polizeilichen Datenbank, keine Person, die aus irgendwelchen Gründen mal eine DNA abgegeben hat, die mit unserer Täter-DNA übereinstimmt. Jetzt hatten Sie ja einen Schwung Verdächtige noch aus den 80er-Jahren. Sie hatten den Lebensgefährten der Mutter. Sie hatten Personen aus dem Kreis dieser Rocker. Wurden die überprüft? Genau. Das war natürlich für uns ein Hurra. Wir haben dann eines gemacht. Wir haben uns zunächst mal die Namen rausgesucht von allen Personen, die damals im Verdacht kamen. Darunter fielen die Rocker, darunter fiel auch der Kollege und dann später auch natürlich die Jugendlichen. Beim Kollegen abzuklären, das war nicht sehr schwierig, weil wir konnten seinen definitiv leiblichen Sohn ausfindig machen. Der Kollege war mittlerweile verstorben. Der Kollege war verstorben. Er hatte einen Sohn und der Sohn hat sich, nachdem wir ihm den Sachverhalt erklärt haben, bereit erklärt, eine Speichelprobe abzugeben und können heute mit Sicherheit sagen, dass dieser Kollege von damals nicht der Täter im Mordfall Sonja Hulle ist. Ja, was war das Nächste? Natürlich diejenigen, die ganz zentral im Fokus zunächst standen, nämlich unsere Rocker. Die Rocker, die heute alle Herrschaften im Alter so ab 60, 65 bis 60 sind alle ruhiger geworden. Und es sind alle, die wir gebraucht haben und wo wir nicht schon vorher, zum Beispiel 2002, eine Speichelprobe geholt haben. Es sind alle zur Speichelprobe gekommen. Egal, was diese Personen die letzten 40 Jahre gemacht haben, ob sie in Gefängnissen gesessen sind, ob sie in dieser oder jener Art und Weise straffällig geworden sind, es sind alle gekommen. Und was unheimlich interessant war, wir haben ja nicht nur stur eine Speichelprobe abgenommen, sondern wir haben uns mit denen unterhalten auch. Und sie können sich heute mit diesen Leuten einfach anders unterhalten als wie vor 20 oder vor 40 Jahren. Und aus diesen Gesprächen haben sich unheimlich interessante Sachen ergeben. Zum Beispiel? Zum Beispiel hätten wir einige Straftaten klären können, die sie begangen haben, die natürlich heute verjährt waren. Es kam zu anderen Geständnissen. Es kam zu anderen Geständnissen über Einbrüche oder solche Dinge, die natürlich alle verjährt waren, aber über die man wirklich locker reden konnte oder aber auch über Zusammenhänge zwischen den Personen, wer sich mit wem aufgehalten hat oder wer zu wem welche Beziehung hatte, was sie einfach früher nicht so kundgetan haben. Aber für uns war natürlich wichtig, dass wir von jedem eine DNA hatten. Und es war der Täter nicht dabei dort? Und der Täter war nicht dabei. Und es war tatsächlich so, wie Sie 1981 schon gesagt haben und 2002 auch. Da sind wir diesen Personenkreis ja auch natürlich mit angegangen. Sie gehen nicht davon aus, dass einer aus Ihren Kreisen dieses Mädchen umgebracht hat. Tut aber auch niemand. Das tut niemand. Egal in welchem Kreis man ist. Und dann ging es natürlich weiter. Wir hatten ja die Jugendlichen aus dem Tingas. Hier hat sich dann die Staatsanwaltschaft entschieden. Wir beantragen, oder die Staatsanwaltschaft beantragt, einen richterlichen Beschluss für eine sogenannte DNA-Reihenuntersuchung. Und somit haben wir uns den Personenkreis herausgeholt, die im Tingas gewohnt haben, im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Und haben dann für diesen Personenkreis eine sogenannte DNA-Reihenuntersuchung durchführen können. Kamen alle, die geladen wurden? Also man muss dazu sagen, das ist ja freiwillig. Man darf niemanden aus guten Gründen dazu zwingen, seine DNA preis zu geben. Ja, wir haben es tatsächlich geschafft, bis auf drei Personen. Wobei diese drei Personen ihre Speichelprobe aus anderen Gründen nicht abgegeben haben, aber die standen für uns auch nicht konkret im Verdacht. Wir haben es tatsächlich geschafft, dass wir von allen Personen auf freiwilliger Basis die Speichelprobe bekommen haben. Dazu haben wir aber viele und lange Gespräche mit den Personen geführt, was für uns ein Hindernis war. Und das ist eine ganz interessante Geschichte, weil es einfach in die damalige Zeit 2022, 2023 gepasst hat. Wir hatten viele Personen, die skeptisch waren. Ich sage es einmal so gegenüber der Speicherwut des Staates. Covid. Genau. Die gesagt haben, seit Covid sind wir skeptisch. Wir wollen nicht unsere Daten alle bekannt geben. Wir wollen nicht, dass die Daten gespeichert werden. Wobei diese Daten nirgends gespeichert werden. Die dürfen nicht gespeichert werden. Das mussten wir den Leuten auch lange erklären. Das ist so. Die dürfen nicht gespeichert werden. Die dürfen nicht gespeichert werden. Diese Daten werden anonymisiert und kommen in anonymisierter Form zur Rechtsmedizin. Und wir bekommen nur von der Rechtsmedizin die Mitteilung, diese Nummer trifft oder trifft nicht zu. Und trotzdem, wir hatten Personen da aus der Querdenker-Szene. Ja, ganz schwierig mit DNA. Es waren sehr lange Gespräche. Und letztendlich war es so, dass wir wirklich bis auf drei Leute alle überzeugen konnten, dass es hier um den Mord an einem Kind geht. Es geht hier nicht um eine politische Geschichte. Es geht hier nicht um das Sammeln von Daten, sodass wir von diesen insgesamt 253 Personen, 250 über Speichelprobe abklären konnten. Und bei den anderen dreien können wir sagen, die haben nichts damit zu tun. Eine Frage habe ich noch zu diesem Verfahren. Darf die DNA, die da abgegeben wird, nur in Bezug auf diesen Fall abgeglichen werden? Weil das ist, kann ich mir ja vorstellen, ist ja auch nochmal eine Hemmschwelle, wenn jemand sagt, ja, ich war das in dem Fall nicht, aber ich habe vielleicht an anderer Stelle, ist irgendwo bei meinem Wohnungseinbruch, den ich regelmäßig mache, was gesichert worden. Ja, es ist also tatsächlich so, diese Speichelprobe darf nicht mit der sogenannten DNA-Datei abgeglichen werden, also der Datei, wo ein Großteil der Straftäter bei uns registriert ist, sondern sie wird ausschließlich und nur mit der DNA der am Tatort bei der Sonja Hurler aufgefundenen Asservate abgeglichen. Ich habe da so einen Standardsatz entwickelt gehabt. Ich habe immer gesagt, Sie müssen keine Angst haben, es kommen keine unehelichen Kinder heraus und es kommen auch keine alten Straftaten heraus, sondern wir gleichen das wirklich nur mit dem Fall Sonja Hurler, dem Mord an einem jungen Mädchen ab. Aber was war das Ergebnis dann der Untersuchung? Wieder kein Treffer. Und das ist so typisch für diesen Fall auch, dieses Auf und Nieder. Wir bekommen plötzlich die Mitteilung, wow, wir haben die mutmaßliche DNA des Täters und jetzt kriegen wir ihn. Und dann machst du umfangreiche Ermittlungen und jeden Part, jeden Abschnitt, den du abklärst, fällt dann wieder raus, weil er in diesem Abschnitt doch nicht der Täter ist. Und so war es dann auch wieder. Wir haben ja nicht nur die Jugendlichen im Stadtteil Tingas im Rahmen der Reihenuntersuchung gespeichelt, so wie wir das nennen. Sondern wir haben mit all diesen Personen ja auch lange umfangreiche Gespräche geführt. Und dadurch sind wir immer wieder auf neue Ermittlungsansätze gekommen. Wir sind auf neue Gruppen gekommen, die wir vorher gar nicht gekannt haben. Wir sind dann auf einen Personenkreis gekommen, wo wir zunächst gesagt haben, Mensch, kann das sein? Und zwar sind wir plötzlich auf einen Personenkreis gekommen, wo der Hauptverdächtige zum damaligen Zeitpunkt erst 14 Jahre alt gewesen wäre. Wo wir gesagt haben, kann das sein? Und so hat sich ganz, ganz viel ergeben durch diese DNA und durch die Gespräche mit den Leuten. Es klingt ja auch so, also einerseits ist es schwieriger für die Leute, sich zu erinnern, aber es klingt so ein bisschen, als wäre es nach 20, 30 Jahren leichter für manchen darüber zu reden, über diese Zeit. Ja, es ist tatsächlich so. Insbesondere bei den damals Jugendlichen, die fühlten sich, so haben uns einige gesagt, unfair behandelt. Ja, die Polizei sei arrogant auf sie zugegangen, man hat sie von der Arbeitsstätte abgeholt, was wir heute auch machen würden in so einem Fall, um die Leute zu vernehmen. Aber die haben dann einfach damals zum Teil blockiert und nicht großartig von sich gesprochen. 20 Jahre, 40 Jahre später sind das gestandene Erwachsene mit einer gewissen Lebensgeschichte hinter sich. Die reden heute ganz anders daher. Und man sollte nicht glauben, an was sich Leute noch, wenn sie einen bestimmten Ansatzpunkt haben, ein bestimmtes Ereignis oder ein bestimmtes Merkmal, an was sich Leute nach 40 Jahren noch erinnern. Sie haben auch im Vorgespräch ja schon gesagt, dass die Gespräche teilweise sehr emotional dann auch wurden, überraschend emotional geworden. Ja, wir hatten etliche Personen, die wir ganz offensichtlich, ich sage es mal so, retraumatisiert hatten. Es war dann auch so, dass der eine oder andere gesagt hat, ich werde jetzt über diese Zeit nur noch einmal sprechen und dann nie wieder. Man muss den Hintergrund so sehen, das sind zum Teil Personen, die eine nicht gerade sehr schöne Kindheit oder Jugendzeit hatten. Der Vater war zum Beispiel Alkoholiker, hat die Mutter geschlagen, hat die Kinder geschlagen. Es gab sonstige irgendwelche traumatisierende Ereignisse, die man eigentlich in den darauffolgenden 20, 30, 40 Jahren verdrängt hat. Und jetzt kommen wir daher und wir bohren und forschen sehr intensiv genau in diesem Zeitraum nach. Und dann kommt das bei diesen Personen wieder hoch. Das ist für Sie wie eine Zeitreise. Es hat mit der Tat, wegen der Sie forschen, eigentlich nichts zu tun, aber die ganze Zeit kommt dann nochmal hoch. So sieht es aus. Das ist für Sie auch fordernd, oder, damit umzugehen? Ja, das ist ja oft so in diesen Fällen, auch bei aktuellen Delikten, wenn man nicht mehr meint, was ist das Schrecklichste? Du hast jetzt hier ein Tötungsdelikt oder ein Unglücksfall oder was, und hier ist die Leiche. Das ist nicht oft das Schrecklichste. oder das Anstrengendste, das Belastendste. Das Belastendste ist ja oftmals so der Umgang mit den Angehörigen, die emotionalen Seiten, die dann kommen, die dahinter stecken. Und das war hier schon auch so. Hier sind schon sehr viele emotionale Momente da gewesen. Ja, und Sie sprechen in dem Fall ja mit einer verdächtigen Gruppe, so haben Sie die ja ausgewählt. Und so klingt es auch mit Menschen, die in Ihrer Jugend in der Zeit auch eher so... Das bürgerlich-städtische Milieu auf sie geblickt hat, das sind die Bösen oder das sind die schlimmen Jungs. Genau. Und die sitzen dort und erzählen ihnen dann mal, wie sie es angefühlt hat, diese Kindheit damals oder diese Jugend damals. Genau. Kann auch lehrreich sein. Das stimmt, ja. Sie sagten schon, es ist so ein Auf und Ab. Wie geht man mit diesem Auf und Ab um? Das ist ja wirklich so ein Jojo-Gefühl. Denkt, DNA und dann kommt da nichts raus. Dann erzählen einem dafür aber viel mehr Leute etwas, gibt neue Ansätze, aber da wird es wieder nichts. Zum einen ist man natürlich im einen Moment unheimlich euphorisch. Und du denkst, naja, jetzt kriegen wir ihn. Und dann kommt das nüchterne Ergebnis von der Rechtsmedizin. Die DNA passt einfach nicht. Dann kommst du schon wieder herunter. Nur ist es uns eigentlich schon so gelungen, weil wir ja immer wieder noch weitere Ansatzpunkte hatten, dass man deswegen nicht resigniert, sondern du machst schon weiter, weil, ja gut, dann ist es halt der Part nicht. Dann versuchen wir es mit dieser Spur, dann versuchen wir es mit dieser Gruppe oder mit diesem Hinweis und dann geht es schon wieder weiter. Also das Schlimmste wäre jetzt das, wenn wir jetzt gar keinen Ansatzpunkt mehr hätten, wo wir sagen, Mensch, das könnten wir noch machen. Und da sind wir noch weit entfernt. Sie mussten dann nochmal weitere drei Jahre warten, bis die überraschende Wendung kam. Was ist da passiert? Jetzt kam wieder einer der, wie bereits vorher genannten, Hochpunkte für uns. Ein Hurra. Wir haben vom Bayerischen Landeskriminalamt im Oktober 2025 die Mitteilung bekommen, dass man im Rahmen einer Altfallermittlung zu einem Mord 1973 in Zirndorf bei Fürth zum Nachteil eines zwölfjährigen Mädels ebenfalls eine Täter-DNA sichern konnte. Diese Täter-DNA stimmt exakt mit der Täter-DNA überein, die wir im Mordfall Sonja Hohler sichern konnten, sodass wir zu 100 Prozent sagen können. Der Täter hat bereits acht Jahre zuvor in Mittelfranken ebenfalls ein Mädchen sexuell missbraucht und ermordet. Erzählen Sie mal ein bisschen was über diesen Fall in Franken. Wer ist dieses Mädchen? Ja, das war natürlich eine große Überraschung für uns. Es sieht so aus, dass es 1973 in Zürndorf das sogenannte Fischerfest gab. Das Fischerfest ist ein Stadtfest, eigentlich analog, so wie bei uns das Stadtfest in Kempten wird. Das zum Zeitpunkt von Sonjas Verschwinden und zum Zeitpunkt des Mordes stattgefunden hat. Genau, ebenso hat eben bei diesem Mord ein Stadtfest stattgefunden, organisiert von den Fischervereinen dort oben, deswegen heißt es Fischerfest. Die zwölfjährige Marion Bayer, ein Mädchen, das vom Ausschauen her ebenfalls älter wirkt, man kann sie ohne weiteres von der Entwicklung auf 16 Jahre alt schätzen, war auf diesem Fischerfest, wird dort gegen 20 Uhr zuletzt gesehen und wird dann am nächsten Morgen halb entkleidet und. Erschlagen im Bereich eines Neubaugebietes in Oberaspach, das gehört zum Bereich Zirndorf-Fürth, ermordet, aufgefunden. Die damaligen Ermittlungen, also 1973, führten ebenfalls nicht zur Klärung der Tat, sodass aus diesem Fall ebenfalls ein sogenannter Cold Case wurde, der von den Kollegen in Fürth 2024 wieder aufbereitet wurde, die das Gleiche gemacht haben wie wir, nämlich die Asservate eingeschickt haben und wir dann eben 2025 diesen Treffer bekommen haben. Okay. Können Sie noch ein bisschen mehr sagen zu dem, was Marion Bayer dort widerfahren ist, was da abgelaufen ist? Sie haben schon angedeutet, dass da Ähnlichkeiten sind. Also wir haben dieses Fest, das in diesem Ort stattfindet. In der Tatnacht, war die alleine auf dem Nachhauseweg oder wie muss man sich das vorstellen? Ja, das sind natürlich die Fragen, die sich die Kollegen damals schon gestellt haben, die auch die Kollegen jetzt und wir uns stellen. Es ist nicht bekannt, was die Marion nach dem Verlassen des Fischerfestes so gegen 20 Uhr gemacht hat. Es gibt danach keinen Zeugen mehr. Also man weiß nicht, hat sie mit jemandem das Fischerfest verlassen? Hat sie jemand besucht, ist sie in ein Auto eingestiegen oder was ist eigentlich geschehen? Es ist vollkommen bis heute im Dunkeln. Was halt identisch ist zu unserem Fall, die Leiche war teilentkleidet, sodass man eben von einem, wie bei uns auch, von einem Sexualdelikt ausgehen musste und das Mädel wurde dann wirklich brutalst erschlagen. Also sie wurde dann zuletzt gesehen von Zeugen auf dem Fest? Ging dann irgendwie weg, wollte nach Hause? Eigentlich wollte sie nach Hause, analog wie bei unserer Sonja auch, eigentlich wollte sie nach Hause zur Oma. Das sind natürlich schon komische Geschichten. Ja gut, das ist jetzt Zufall. Das ist Zufall, aber es ist eine analoge Geschichte wie bei uns. Sie wollte zur Oma und kam nicht hin. Also ein Mädchen, das sich nachts im Umfeld eines Festes oder in der Region, wo ein Fest stattfindet, alleine auf dem Nachhauseweg macht, und wird dort gefunden. Welche anderen Ähnlichkeiten sehen Sie in dem Fall? Haben Sie da noch gefunden und Ihre Kollegen? Das Alter zum Beispiel. Beide Mädchen, also die Sonja war 13, die Marion 12, sind ungefähr gleich alt. Beide sind aber körperlich so entwickelt, dass man sie auf 16-jährige Mädels schätzen konnte. Ansonsten sind einfach die anderen Gegebenheiten Zufälligkeiten. Also wir können nicht sagen, es gibt jetzt bestimmte Punkte. Aus diesen Gründen wurden sie Opfer von diesen Straftaten. Das kann man nicht sagen. Und beide Fälle finden im Sommer statt. Ja, das war natürlich auch ein Punkt, über den wir uns, wenn ich sage wir, damit meine ich auch die Kollegen in Fürth, Gedanken gemacht haben. Beide Fälle fanden jeweils am 1. Juli-Wochenende statt. Es war jeweils ein sehr warmes Wochenende. Wochenende, so wie ich mal nachgelesen habe, 1973 sogar sehr, sehr warm, dass es auch zu Wasserknappheiten geführt hat. Also das ist eine weitere Parallele, wo wir nicht wissen, hat die gleiche Zeit Anfang Juli eine Bedeutung oder ist es einfach Zufall? Als Sie davon erfuhren, Sie sagten schon, es ist so ein Auf und Ab. Also einerseits haben Sie sich wahrscheinlich gefreut, kann ich mir vorstellen, über einen anderen Ansatzpunkt logischerweise. Aber haben Sie vielleicht auch ein bisschen geflucht, weil es ja einige Ihrer Ansätze ja durcheinander brachte. Wenn ich jetzt in Erinnerung habe. Jugendliche passten natürlich jetzt vom Alter her gar nicht mehr. 81, 73 sind acht Jahre Unterschied. Wie ging es Ihnen da? Und was haben Sie aus dieser neuen Nachricht gemacht? Ja, verdammt, dann können es nicht die Jugendlichen gewesen sein, die wir jahrelang im Verdacht hatten. Das kann nicht sein, oder? Und trotzdem gibt es eine Gruppe junger Männer, die in der Tat nach die Kemptner Mädchen durch den Stadtteil Tingers gezogen haben. Das steht außer Zweifel, weil es zu viele Aussagen waren. Es gibt zwölf, 15 Aussagen dahingehend. Wie glaubwürdig sind die Aussagen von den Zeugen bezüglich dem Alter? Wir haben Zeugen in Kempten, die sagen, wir sind sicher, die sind nicht älter als 18 Jahre. Aber vielleicht waren sie doch 21 Jahre, 22 Jahre. Okay, denn Jugendliche können es nicht mehr sein, wären sie für die Tat in Fürth zu jung. Kann ein 14-Jähriger in Fürth-Zirndorf schon ein Mädchen umbringen und später dann, acht Jahre später in Kempten? Das sind schon Überlegungen, die wir machen. Das ist ungewöhnlich, aber kommt immer wieder vor, leider. Man kann es nicht ausschließen. Also unser Täterprofil, soweit wir das überhaupt sagen können, geht schon ab dem 14. Lebensjahr 1983 los. Wie sonst ließen sich die Zeugenaussagen mit der Gruppe erklären? Also dass einfach ein Mädchen wurde bedrängt und ein weiteres anderes Mädchen, nämlich Sonja, wurde an anderer Stelle ermordet, kann auch sein? Oder wie viele Geschichten gibt es, die man für plausibel halten kann? Ich finde keine. Das ist eine Geschichte, die uns wirklich unglaublich oft durch den Kopf geht, weil wir einfach keinen Hinweis haben auf eine Gruppe, die in der Nacht vom 4. Auf 5. Juli 1981 ein Mädchen durch den Stadtteil Tingas gezogen haben. Also wer das konkret war? Also wir haben zwölf Zeugen, die was mitbekommen haben. Schreie von diesen zwölf einigen, die auch eine Gruppe gehört und gesehen haben. Aber warum kommt 20 Jahre später danach nichts oder 40 Jahre später nichts auf eine Gruppe? Also wer, das ist natürlich ein Gedanke von uns. Gab es eine auswärtige Gruppe, die aus irgendwelchen Gründen sich in diesem Wochenende in Kempten aufgehalten hat? Könnte diese Gruppe, wir haben dahingehend auch Ermittlungen schon gemacht, könnte diese Gruppe eben aus dem Bereich Nürnberg, Fürth, Zürndorf stammen? Ohne jetzt jemanden zu beschuldigen. Eine Schülergruppe, ein Sportverein, ein Motorradklicke. Wir wissen ja, Motorradklicken, diese Rocker, wenn man sie so nennt. Man soll es nicht Marokka nennen, aber diese Motorradvereine, die treffen sich ja auch, bayernweit, deutschlandweit. Treffen sich auch mit anderen Vereinen. Treffen sich mit anderen Vereinen. Gibt es einen Zusammenhang mit dem Fischerfest in Zirndorf? Das sind natürlich die Überlegungen, die wir uns jetzt gerade machen. Ganz enger Zusammenarbeit mit den Kollegen in Fürth und auch der operativen Fallanalyse in München. Was hat die operative Fallanalyse, also das sogenannte Profiling, ergeben? Sofern Sie darüber reden können, gibt es da ein Bild? Ja, die OFA hat uns natürlich eine Analyse mitgeteilt, die ich noch jetzt nicht öffentlich machen möchte. Die Zusammenarbeit mit der OFA erstreckt sich aber auch über das, so wie wir es im Fernsehen gehen, das Profiling hinaus. Wir versuchen auch über die OFA eventuell Tatzusammenhänge zu weiteren Taten zu erkennen. Also wir können ja nicht ausschließen, dass außer der Sonja und der Marion vielleicht in den 70er, 80er Jahren noch weitere Frauen, Mädchen, Opfer vom gleichen Täter geworden sind. Es gibt ja auch viele vermisste Mädchen, die nicht mehr aufgetaucht sind, wo man davon ausgegeht, die sind Opfer von einer Straftat geworden. Es gibt viele Morde in den 70er, 80er Jahren, sogenannten Anhaltermorde. Wo Mädchen, die von Diskotheken nach Hause getrampt sind, Opfer von zum Teil Serienmördern geworden sind. Ob es hier in diesen Bereichen irgendwelche Übereinstimmungen gibt, das ist mit ein wesentlicher Part, den die operative Fallanalyse für uns übernimmt. Also um zu schauen, wo sind da Tatmuster, wo man sagen kann, okay, dieser oder jene, auch ungeklärter Fall, könnte da Ähnlichkeiten haben. Weil die Wahrscheinlichkeit, also acht Jahre…. Ist eine lange Zeit, zwei Morde dazwischen könnte und danach könnte auch noch viel passiert sein. Und es klingt ja so ein bisschen, als seien beide wohl eher Zufallsopfer gewesen, also von jemandem, der willkürlich sich jemanden greift. Also wir haben keinen Zusammenhang zwischen beiden Opfern gefunden, der darauf schließen lässt, dass es hier eine Art Beziehungstat gibt. Nein, sondern wir gehen davon aus, dass beide Mädels Zufallsopfer geworden sind. Und da kann man natürlich nicht ausschließen, gibt es in diesen Jahrzehnten vielleicht noch weitere Zufallsopfer. Sie haben zwei Taten, acht Jahre auseinander. Wenn man sagt, der Mord an Sonja wurde von einer Gruppe begangen oder zumindest das Aufgreifen von Sonja wurde von einer Gruppe begangen, wie passt das dann mit 1973 zusammen? Könnte es eine selbe Gruppe gegeben haben, die das 1973 schon gemacht hat? Unwahrscheinlich, sage ich jetzt einfach mal. Die als Gruppe 73 Mädchen vergewaltigt und ermordet. 1981 dieselbe Gruppe an einem anderen Ort. Wenn es 1973 wiederum ein Einzeltäter war, geht er dann 1981 in einer Gruppe vor? Und dann spricht danach keiner und lässt es auffliegen? Also jetzt, sorry, Journalisten sind immer gefährdet, sich selbst zu Experten zu machen und ich profilere jetzt hier selber rum, aber die Frage liegt mir auf der Zunge. Das sind genau auch wirklich die Gedanken, die wir uns alle zusammen und damit meine ich OFA, Kollegen Fürth und wir uns immer und immer wieder stellen. Kann das so sein? Es könnte natürlich auch so sein, dass die Sonja vielleicht 1981 von einer Gruppe mitgezogen wurde und aber dann nach dem Gebäude dann weggelaufen ist und kommt zufällig an eine weitere Person ran auf dem Nachhauseweg. Das haben wir von Anfang an gesagt. Wir wollen nicht sagen, diese Gruppe junger Männer, Jugendlicher hat das Mädchen umgebracht. Nein, sondern es gibt einfach nur den Hinweis, diese Gruppe hat ein Mädchen durch den Stadtteil Tingas gezogen. Vielleicht ist die weggelaufen dann durch dieses dunkle Wald, Wiesen, Seengebiet da drüben. Und hatte nicht nur einmal Pech, sondern einmal ziemlich Pech, indem sie in diese Gruppe reingerät und dann einmal ganz furchtbares Pech, indem sie nochmal an jemand anderen gerät. Oder hat sie, wir haben es am Anfang einmal ganz kurz angesprochen, glaube ich, oder hat sie kurz vor dem Anwesen der Oma jemanden getroffen? Also wie gesagt, der aufende Ort ist ja in unmittelbarer Nähe. Ist ja in Sichtweite zum Haus der Oma. Hat sie kurz vor Heiligkreuz ist sie jemandem begegnet. Wenn das die Sonja war im Stadtteil Tingas, hatte dieses Mädchen wirklich so viel Pech, dass die Mutter ein Taxi wegschickt, mit dem sie heimfahren wollte, kommt dann in eine Gruppe Jugendlicher rein, die sie mitsehen, kann vielleicht wegspringen und trifft dann ihren Mörder. Wie wurde denn Marion Bayer aufgefunden? Die Leiche lag ja im Bereich eines Neubaugebietes in Oberasbach. Das gehört zu Zirndorf, Stadt oben, kleiner Bereich. Und sie wurde in der Früh, das war Montag in der Früh, von einem Bauarbeiter mit aufgefunden, der dort zum Arbeiten hinkam. Aber sie war ähnlich nahe abgelegt wie auch Sonja. Ja, da gibt es wesentliche Unterschiede. Die Sonja wurde bewusst versteckt, wobei hier auch wieder die Theorie, auch von den Kollegen 1981 schon kam, der Täter musste eigentlich diesen Stadel, dieses Versteck kennen. Das ist nicht so, dass man den sieht und sagt, okay, das ist jetzt die erstbeste Gelegenheit, wo ich irgendwas verstecken kann? Ja, da geht es auch um die Art, wie sie versteckt wurde. Bei der Marion ist das ganz anders. Die Marion lag offen da, ohne dass man versucht hat, sie zu verstecken, abzudecken oder sonst irgendwas. Warum wurde der Täter gestört? War es dem Täter egal? Gibt es einen Grund, warum er die Sonja versucht, so gut wie möglich zu verstecken, dass sie nicht schnell gefunden wird? War es ihm bei der Marion egal, wenn sie schnell gefunden wird? Ja, das sind alles Überlegungen, die wir machen. War noch jünger, unerfahrener? Zum Beispiel. War er damals 14, später vielleicht 22. War es das erste Mal. War er mit Kempten auch mehr vertraut als mit dem dortigen Ort? Zum Beispiel. Kommt er aus Kempten, will er sie deswegen verstecken, die Sonja? War das ihm in Oberasbach egal, weil... Da hat er sich vielleicht einmal zufällig aufgehalten. Nur kurz dort und schnell wieder weg. Ja, das werden wir wüssten. Das sind wirklich Sachen, die uns Kopfzerbrechen machen immer wieder. Ihre Kollegen dort in Fürth, was haben die an Ansatzpunkten gefunden, die für sie jetzt beide gemeinsam jetzt relevant sind? Wir haben Personen ausfindig gemacht, die einen Bezug haben. 1973 nach Fürth und 1981 nach Kempten. Aus verschiedenen Gründen. weil sie zum Beispiel damals im Bereich Zirndorf-Fürth gewohnt haben und dann 81 in Kempke gewohnt haben. Wir haben Personen ausfindig gemacht, die beruflich unterwegs waren. Diese Personen, die uns namentlich bekannt waren, haben wir in der Zwischenzeit alle gespeichelt beziehungsweise sind gerade dabei, diese Personen zu speicheln, um die DNA abzuklären. Da gab es auch dort in Franken konkrete Tatverdächtige. Es gab Tatverdächtige, aber auch dort war es so, dass die Personen, die zunächst wirklich vordergründig im Fokus gestanden sind, wurden natürlich schon überprüft. Aber es gab dort verschiedene Hinweise, auch ein Zeuge will in der Tatnacht einen Porsche gesehen haben, ein anderer will einen VW mit amerikanischem Kennzeichen gesehen haben. Man muss das so sehen, natürlich, das ist ein bisschen großer Unterschied zu uns, der Bereich Zirndorf, Fürth, Nürnberg ist natürlich ein Ballungsraum. Unter anderem auch mit relativ viel Militär. Immer noch, glaube ich, sind dort oben viele amerikanische Soldaten stationiert. Wir haben überall Bundeswehrkaserne. Das sind zum Beispiel auch Punkte, die wir abklären, versuchen abzuklären. Bundeswehrangehörige oder sonstige Firmen, Betriebe, auch Polizei, alles Mögliche. Wo gibt es Gemeinsamkeiten? Wir klären... Auch da ist die operative Fallanalyse wieder mit dem Bootweg leeren. Bekannt gewordene Serienmörder ab. Nicht nur Serienmörder, auch Sexualstraftäter aus der damaligen Zeit kommen die in Frage. Aus beiden Regionen. Aus beiden Regionen, ja. Man muss es ja so sehen, dieser Hinweis mit Fürth ist ja jetzt gerade mal ein knappes halbes Jahr alt. Insbesondere die Veröffentlichung in Aktenzahlen XY hat eine große Menge an Informationen gebracht. Genau, Sie waren vor einiger Zeit oder ein paar Wochen bei Aktenzeichen XY drin. Nachdem sich eben herausgestellt hat, dass wir jetzt doch eine überregionale Tat haben und uns nicht nur auf den Kemptner Bereich konzentrieren. Und es war dann tatsächlich so, wir haben bis jetzt ungefähr 300 Hinweise bekommen. Zum Teil in verschiedensten Richtungen auf konkrete Personen, auf Institutionen. Hinweise, die wir natürlich selber auch schon im Fokus hatten. Viele Hinweise kommen auf Schausteller, Gewerbe, Bundeswehrangehörige und solche Dinge. Aber wir haben auch Hinweise, wie gesagt, auf Personen, auf hohe Straftäter, auf andere Ereignisse bekommen. Wir haben Hinweise auf andere Sexualmaule, Sexualstraftaten im Bundesgebiet bekommen. Und das sind alles Dinge, die müssen jetzt einfach im Laufe der Zeit abgeklärt werden. Haben Ihre Kollegen 73 irgendwas gefunden, was bis heute noch als wichtige Spur gelten kann? Es gab insbesondere zwei Dinge, die am Tatort der Marion gesichert werden konnten. Und zwar wurde zum einen das Medaillon oder ein Medaillon vom heiligen Christophorus gefunden. Der heilige Christophorus ist ja unter anderem der Schutzpatron der Reisenden, der Autofahrer. Manche haben auch uns geschrieben von Schaustellern und anderen Personengruppen. Diese heiligen Verehrung gibt es eigentlich nur im katholischen Glauben, also im evangelischen Glauben gibt es diese heiligen Verehrung nicht. Die Kollegen gingen bereits 1973 davon aus, dass dieses Medaillon vom Täter stammen müsste oder könnte und im Kampf abgerissen wurde. Das war dann so ein Kettenanhänger oder wie muss man sich das vorstellen? Eher so auch, wie man es an einem Schlüsselbund, so würde ich das sehen, am Autoschlüsselbund zum Beispiel hat. Ich kenne das eigentlich auch von mir aus, von früher. Ich habe auch von meiner Großmutter mit dem Führerschein mal so einen heiligen Christophorus bekommen. Und eine zweite Spur, man hat unmittelbar am Tatort eine Schuhspur gesichert, die nach den damaligen Recherchen mit größter Sicherheit von einem Adidas-Schuh stammen. Die Aussagen von Zeitzeugen waren, wobei ich für mich nicht weiß, ob das so stimmt, dass zur damaligen Zeit diese Adidas-Turnschuhe relativ teuer gewesen sein sollen und nicht jeder solche Schuhe hatte. Sie haben auch vorher schon gesagt, Sie sprechen mit mir jetzt auch für diesen Podcast, weil Sie natürlich auch die Hoffnung haben, dass Menschen das anhören, die auch Hinweise geben können. Was brauchen Sie? Was sind Ihre Ansatzpunkte? Was suchen Sie? Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir unheimlich viel an Hinweisen bekommen. Hinweise, vor denen wir bislang noch gar keine Ahnung hatten. Sei es auf Personen oder auf Ereignisse, auf Feste, auf Veranstaltungen, die uns bislang nicht bekannt waren. Unsere Hoffnung ist natürlich jetzt auch, dass ein Personenkreis, der den Podcast jetzt hört, vielleicht doch zu irgendeinem Ereignis was sagen kann. Damit meine ich jetzt nicht allgemeine Hinweise. Also wir uns bringen keine allgemeinen Hinweise weiter, wo uns jemand sagt, habt ihr die Schausteller abgeklärt, habt ihr die Bundeswehr abgeklärt. Auf ein paar Ideen kommen sie schon auf selber. Das sind natürlich Dinge, die machen wir. Aber wir haben die letzten Wochen auch gemerkt, dass es Personen gibt. Die Beobachtungen gemacht haben zur damaligen Zeit, die für die damalige Zeit ohne Bedeutung waren. Aber jetzt nach Anhören dieser Geschichte, nachdem, wenn man weiß, um was es geht, was ist geschehen, dieses Ereignis plötzlich, diese Wahrnehmung plötzlich eine ganz andere Bedeutung hat. Da ist unsere Hoffnung, mit einer solchen Veröffentlichung jetzt einen Hinweis einer Person zu bekommen, die vielleicht auf dem Fischerfest in Zirndorf war. Oder in unserem Bereich Tingas Heiligkreuz ein Mädel gesehen hat, das nach Hause gelaufen ist und vielleicht von einem Autofahrer angehalten wurde. Irgendetwas, was bislang unbedeutend war und wo jetzt der Zuhörer sagt, Mensch, jetzt, wo ich diese Geschichte gehört habe, da fällt mir was ein. Oder da sehe ich einen Zusammenhang zwischen den Orten oder derartiges. Oder, was für uns natürlich ganz wichtig ist, genau, habt ihr an den Zusammenhang gedacht von diesem Ort. Weil es vielleicht dieses Motorradtreffen hier und dort gab oder weil vielleicht der Schützenverein von hier dort war oder irgendeine andere Verbindung zwischen irgendwelchen Organisationen war. Welche anderen Ansatzpunkte haben Sie? Ich habe auch gelesen, dass Sie ja technische Ansatzpunkte haben. Was gibt es da alles? Ja, wir haben natürlich große Hoffnung auch darauf gesetzt, dass Personen von den Festivitäten, insbesondere auch vom Fischerfest in Zirndorf, vielleicht Fotoaufnahmen gemacht haben. Und da wäre unsere Hoffnung und Bitte, dass uns Personen Aufnahmen von diesem Wochenende, von den Festen zukommen lassen. Was könnten Ihnen diese Aufnahmen helfen? Wenn ich jetzt ganz speziell an Aufnahmen vom Fischerfest denke, können wir feststellen, das ist technisch ohne weiteres möglich, ob auf diesen Bildern zum Beispiel die Marion Bayer vorhanden ist. Dieser Abgleich ist technisch möglich und vielleicht ergeben sich daraus Ansätze, dass man sagt, Mensch, bei dieser Marion, bei dem Mädel, da steht ja eine männliche Person, die kennen wir noch nicht und vielleicht können wir die über ein solches Foto ausfindig machen. Sie haben schon ein bisschen über die operative Fallanalyse gesprochen. Haben Sie denn so ein ungefähres Bild des Täters? Haben Sie das für sich, so eine Vorstellung, die sicher variierend ist? Ganz ehrlich gesagt kann ich eine ganz klare Antwort geben. Nein, wir haben keine Vorstellung. Die Theorien gehen von einer Gruppe junger Männer bis hin zum mordenden Sergenmörder. Und Sie müssen da offen bleiben? Wie leicht gelingt einem das als Ermittler? Haben Sie nie, also ja, ich weiß schon, jeder, verstehe ich auch, ist ja auch die professionelle Aufgabe, offen zu sein in alle Richtungen. Aber ich stelle es mir ehrlich gesagt wahnsinnig schwer vor. Haben Sie nie selber da mal so ein Bild vor Augen, irgendwie eine Geschichte vor Augen, an die man sich, wenn ich sage, festbeißt, aber die sich einem so stärker nach vorne drängt als andere? Also ich habe natürlich immer diese Gruppe vor Augen gehabt. Auch dann mit dem Verstecken der Leiche. Aber es hat sich halt bislang dieser Gruppe nichts ergeben. Und je mehr man, ja wie soll ich sagen, wir setzen uns ja regelmäßig zusammen, auch mit den Kollegen in Fürth und auch der operativen Fallanalyse. Jeder hat da so seine Theorien. Und immer wieder, wenn nachher neue Erkenntnisse kommen, muss man sagen, jawohl, das könnte eigentlich auch passen. Also wir haben wirklich gar keinen Fokus auf den oder die Täter. Und ich könnte jetzt auch nicht sagen, ist meine Theorie mit einer Gruppe die richtige? Ist es wirklich eine Person, die vielleicht nicht nur zwei Mädchen umgebracht hat, sondern vielleicht, wie wir ja von anderen Fällen auch wissen, wirklich zum Teil auf der Suche waren nach Opfer? Sind die beiden Mädels einem solchen Täter zum Opfer gefallen? Oder vielleicht sind es wirklich ganz banale Zufallsopfer geworden, aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht aus irgendwelchen betrunkenen Personen, die dann überreagiert haben oder was auch immer. Also wir sind wirklich offen und legen uns auf gar nichts fest. Überhaupt nicht. Und Sie haben gerade wieder ein Hoch in diesen Auf-und-Ab-Phasen. Wie schützen Sie sich davor, zu euphorisch zu werden? Das hat die Erfahrung mitgebracht, dass man diese euphorischen Momente versucht, sehr nüchtern zu betrachten, weil es einfach in der Vergangenheit schon etliche waren. Und man betrachtet es jetzt wirklich etwas nüchterner, sachlicher, dann fällt man auch nicht so tief am Schluss. Aber diesmal sind Sie doch durchaus optimistisch. Also wenn wir, und damit meine ich uns alle jetzt, wenn wir diese Taten jetzt nicht klären, dann befürchte ich, wird man sie gar nicht mehr klären. Herr Bernhard, ich sage Ihnen ganz herzlichen Dank für das Gespräch und Respekt auch dafür, wie intensiv und wie lange Sie und Ihre Kollegen da an dem Fall dranbleiben. Wenn jemand Hinweise hat, die Nummer und die Kontaktdaten, findet ihr, liebe Hörerinnen und Hörer, in den Shownotes. Und jetzt nochmal vielen Dank, Herr Bernhard. Ihnen auch, vielen Dank. Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft!