Die Todesengel von Lainz gingen äußerst kalkuliert vor. Sie töteten Dutzende, vielleicht sogar Hunderte von Menschen. Und niemand stoppte sie. Bis eines Tages eine junge Frau ihre eigene Existenz aufs Spiel setzte, um dem Schrecken doch noch ein Ende zu bereiten. Ich bin Bernd Volland und das ist Spurensuche, der Podcast von Stern Crime. Herzlich willkommen zur zweiten Folge unseres neuen Formats von Spurensuche. Ich darf heute wieder mit einer Autorin von Stern Crime über einen sehr bewegenden Fall reden. Es geht um eine Mordserie in einem berühmten Krankenhaus. Und begangen wurde diese Mordserie nicht von einer einzelnen Person, sondern von gleich vier Täterinnen, die dabei eng zusammenarbeiteten. Man nannte sie später die Todesengel. Es geht aber auch um eine Heldin, um eine Frau, die richtig viel riskiert hat, um diese Serie zu beenden. Darüber unterhalte ich mich jetzt mit meiner Kollegin Isabel Zeyer, der es für Sterncrime gelungen ist, eben diese Heldin ausfindig zu machen und mit ihr zu reden. Hi Isabel, schön, dass du da bist. Hallo, freut mich. Isabel, führ uns mal dorthin. Wo spielt das Ganze? Führen Sie mal an diesen Ort zurück und in die Zeit, in der diese Geschichte, dieser Fall sich zugetragen hat. Wir sind in den Ende 80er Jahren in einem Krankenhaus in Wien, der Klinik Leins. Das ist, wenn man sich das vorstellt, ein sehr imposantes Gebäude mit Bildhauereien und auch so einem goldenen Schriftzug mit der Klinik Leins. Und inmitten von einer Parkanlage, also tatsächlich sehr schön mit Springbrunnen und Bänke unter so alten Bäumen und Blumenbeete. Das war auch eins der größten und renommiertesten Krankenhäuser Wiens. Dort wurde auch die ganze Wiener Prominenz behandelt. Und wenn man damals gefragt würde, in welches Krankenhaus man gebracht werden möchte, dann haben die meisten geantwortet, Klinikum Leins. Also so richtig Nobel, so wie vieles in Wien. Man hat wohl das Gefühl, der Kaiser war schon hier. Aber es war nicht alles ganz easy dort zu dieser Zeit, in der die Geschichte spielt. Erzähl mal, wie waren da die Zustände? Also hinter den Kulissen war es teilweise überhaupt nicht glamourös, überhaupt nicht schön, vor allem in der Station D, Pavillon 5. Hier wurde auch so ein bisschen die... Endstation genannt. Dort lagen vor allem sehr alte Menschen. Ich glaube, das Durchschnittsalter war damals so um die, also fast 85 Jahre alt. Waren wirklich sehr gebrechlich die Menschen, die dort waren. Herzinfarkte, Magenblutungen, Krebs im Endstadium. Leute, die auf ihren Pflegeplatz gewartet haben und teilweise wirklich verwirrt oder kaum ansprechbar. Das bedeutet, in dieser Station zu arbeiten, da stand man unter enormem Druck. Einfach weil weil die Patienten extrem pflegebedürftig waren, Hilfe beim Essen gebraucht, Hilfe beim Waschen, Hilfe beim Toilettengang und wie überall gab es zu wenig ausgebildetes Personal. Wie hat sich das geäußert? Man hat versucht sich auszuhelfen, es muss ja jemand da sein, der sich um die Patienten kümmert und hat da vor allem mit Stationshilfen gearbeitet. Personen, Mitarbeiter, die eigentlich keine medizinischen Aufgaben übernehmen dürfen. Also die dürfen keine Medikamente verabreichen, die dürfen die Patienten nicht umlagern. Die haben kein Diplom, die sind nicht ausgebildet dafür. Normalerweise hätten sie keine Medikamente verabreichen dürfen, Spritzen geben und so. Das waren Aufgaben, die sie übernommen haben. Es war tatsächlich auch damals so, dass der Medikamentenschrank mit den hochdosierten Mitteln auch nicht so streng kontrolliert wurde. Der stand teilweise offen, jeder konnte sich daran bedienen. Wenn man der Kopf mal weh getan hat, konnte man hingehen und sich eine Tablette rausnehmen. Und eben die ganzen anderen starken Schlaf- und Betäubungsmittel und so waren da auch frei zugänglich für alle. Echt schwierige Verhältnisse. Die kennt man ja auch von heute noch. Und es ist nicht nur ein rein österreichisches Phänomen, dass man diese Geschichten immer wieder hört. Diesen Mangel und dass Leute, die eigentlich gar nicht dazu ausgebildet sind, dann diese Jobs übernehmen müssen. Was ja oft auch so eine Überforderung darstellt. Absolut, vor allem wenn da so viele ältere Menschen da sind, die wirklich massive Krankheiten haben, das ist ja dann nochmal erhöhter Druck. In der Einstiegsszene zu deiner Geschichte, da beschreibst du einen Moment, der schon zeigt, dass die Missstände noch viel weiter reichen, als jetzt nur Hilfspersonal verabreicht Spritzen oder verabreicht Medikamente. Das ist echt ein Moment, der zum Kuseln ist. Erzähl mal von diesem Moment. Was ist das für eine Szene? Was ist da passiert? Der Moment, den du ansprichst, da ging es um einen 86 Jahre alten Mann. Der eher ein anstrengender Patient war, nachts manchmal aufgestanden ist und baden wollte, oft nach den Krankenpflegerinnen geklingelt hat. Und an diesem Abend, in diesem Moment, da hat er geschlafen. Und dann kam eine Stationshilfe rein, hat dann gesagt, ihre Schlaftropfen und hat den Patienten aufgeweckt. Hat ihm was gegeben, mit Wasser nachgespült, hat das Zimmer verlassen. Also total absurd eigentlich, einen schlafenden Aufzuwecken, um ihm Schlaftropfen zu geben. Absolut. Und kurze Zeit später kam dann diese Stationshilfe nochmal und es war das gleiche Prozedere. Also wieder mit Wasser nachgespültes Zimmer dann verlassen und hat eine Karte an den Fuß gehängt von dem 86-Jährigen. Das Gruselige daran war, dass diese Karten, das haben nur tote Menschen bekommen. Und er, also dieser Mann, der soll noch geatmet haben. Aber dann nicht mehr lange nach dem Besuch? Nee, nee, der ist dann gestorben. Diese Szene, die hat einen Zimmernachbar beobachtet. In dem Moment hat er diesem Moment nicht so viel Bedeutung beigemessen, aber bei all dem, was danach rauskommen sollte, kam ihm dann diese Erinnerung wieder und ich finde, die zeigt ganz gut, wo die Geschichte hingeht. Heute wissen wir ja viel mehr. Wissen wir heute auch, wer diese Frau war, diese Pflegehilfe? Diese Frau, die soll Waltraud Wagner gewesen sein, weil sie wirklich ein wichtiger Charakter ist. Würde ich ein bisschen erzählen, wer sie denn überhaupt war. Die ist 1959 in einem Dörfchen, so 70 Kilometer entfernt von Wien, geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern waren Landwirte. Insgesamt waren es sechs Kinder. Waltraud Wagner hat sich teils mit ihren Geschwistern auch ein Zimmer geteilt. Und in der Familie war es finanziell öfter mal knapp. In der Grundschule wurde Waltraud Wagner in der Schule immer schlechter. Die Lehrerin hat sich dann so ein bisschen gewundert, woran das liegt, ist dann mit ihr zum Arzt gegangen. Und dann hat der Arzt diagnostiziert, dass Waltraud Wagner eben eine starke Sehschwäche hat. Und dann hat sie eine Brille mit ganz dicken Brillengläsern bekommen. Ich habe ja dann viel gelesen, viel recherchiert zu dem Thema, wie ihr Umfeld sie so als Kind beschrieben hat. Dann war sie eher ein molliges Kind, wenig Freunde und auch recht unbeholfen. Was aber auch zur Sprache kam, war, dass sie sich um ihre Oma gekümmert hat, auch die offenen Wunden an ihren Beinen behandelt hat und sie tatsächlich bis zum Tod gepflegt hat. Also sie hat eigentlich auch so eine kleine Pflegebriografie, muss man sagen. So klingt das. Ja, genau. Und sie wollte dann auch nach ihrem Hauptschulabschluss Krankenpflegerin werden. Aber je komplexer die Fächer geworden sind, desto schwieriger wurde es. Und dann hat Waltraud Wagner die Schule auch abgebrochen, ohne Pflegediplom. Also eigentlich eine Person, die es auch nicht leicht hatte im Leben und auch bis dato auch nicht sehr erfolgreich war im Leben. Wie kam sie dann nach Leins ins Krankenhaus? Ja, durch diesen Pflegekraftmangel, den wir vorhin schon angesprochen hatten, wurde sie dann als Stationshilfe im Krankenhaus Lyons eingestellt und wechselte dann 1982 auf diese Station D, Pavillon 5. Und was für eine Rolle hatte sie dort? Ich hatte ja gerade erzählt, dieses etwas unbeholfene Kind mit dieser dicken Brille und den Gewichtsproblemen, die dicke Brille und die Gewichtsprobleme, die sind ihr auch im Erwachsenenalter geblieben. Aber sie war überhaupt nicht mehr unbeholfen im Klinikum Leinz, sondern sie hatte, zumindest haben es so ihre Kollegen später beschrieben, war eine sehr dominante Person. So antreibend, anpackend, immer als eine der Ersten da. Sehr respektiert von den Ärzten und von ihren Kolleginnen auch. Eine Kollegin hat mir gesagt, dass Walli quasi die Number One war und wirklich talentiert in der Pflege und dass sie auch Ärztin hätte werden können. Also sie war schon eine Erscheinung. Da ist sie richtig aufgeblüht. Ja, sie ist aufgeblüht. Sie war beliebt. Sie hatte auf einmal Freunde. Also ich glaube, dass für sie diese Stationen. Anders als vielleicht für andere nicht wirklich der große Stressfaktor war, sondern schon auch ein Ort, wo sie sich verwirklichen konnte, wie sie gesehen wurde. Wie war denn das Verhältnis eigentlich zu den Ärzten, weil du das ansprachst, zwischen den Pflegehelferinnen und den Ärzten? Also es war natürlich schon diese Hierarchie eigentlich da, aber im Pavillon 5 war das dann schon auch so, dass die Pflegehelferinnen, die Ärzte teilweise eingewiesen haben, ihnen Dinge gezeigt haben. Also sie waren tatsächlich einfach mehr als nur Pflegehelferinnen, hatten da schon auch eine tragende Rolle und vor allem, weil Traut Wagner war da sehr geschätzt. Erzähl mal, woher weißt du das alles? Also ich habe natürlich sehr viel recherchiert, wurde ja auch viel berichtet aus der Zeit, aber ich habe auch mit einigen Leuten gesprochen, die damals eine Rolle gespielt haben, mit einem Ermittler beispielsweise und auch mit einem damaligen Arzt, der dort in der Klinik gearbeitet hat. Und mit Christina Perez, ich nenne sie Christina Perez, das ist ein anonymisierter Name. Es war eine ehemalige Stationshilfe im Pavillon 5 und eine Kollegin von Waltraud Wagner. Eine Frau aus Chile, die sechs Jahre nach dem Militärputsch geflüchtet ist, mit ihrem Kind nach Wien, weil da ihre Schwester gewohnt hat. Sie hat anfangs überhaupt gar kein Deutsch gesprochen und hat dann immer ein Wörterbuch bei sich gehabt mit einem Vokabelheft. Und wenn sie dann Zeitung gelesen hat, dann hat sie sich immer die Wörter, die sie nicht kannte, angestrichen und sie in ihr Vokabelheft eingetragen, bis sie dann irgendwann alle Wörter gekannt hat. Sie wurde als Haspel beschrieben, also jemand, der ständig gute Laune hat, Witze machte, Streiche gespielt hat und auch als eine sehr hübsche Frau. Für sie waren die Kollegen nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde. Die haben irgendwie Geburtstage zusammen gefeiert, sind zusammen in die Disco gegangen, haben den Weihnachtsbaum geschmückt. Also es war schon auch eine sehr, sehr starke Einheit, in der sie sich dann auch wieder gefunden hat. Wie waren denn die Gespräche mit ihr, als du da mit ihr gesprochen hast? Wie hat sie auf das zurückgeblickt, auf diese Zeit? Sehr zwiegespalten. Auf der einen Seite war sie sehr fröhlich glücklich, wenn sie von dem Kollegentum gesprochen hat, von der Zeit. Aber sie war auch wirklich teilweise besorgt und man hat ihr noch angemerkt, dass die Zeit nicht nur schön war dort im Klinikum Leins. Wie sehr der Schreck noch in den Knochen steckt. Genau. Deswegen wollte sie auch anonym bleiben. Deswegen spielen wir auch keine O-Töne oder sowas ein, auch wenn ich mehrere Stunden mit ihr gesprochen habe. Einfach weil sie nicht mehr jetzt in die Öffentlichkeit möchte. Und wie war ihr Verhältnis zu Waltraud Wagner? Wie hat sie die wahrgenommen? Auch so ein bisschen zu viel gespalten. Einerseits hat sie sie bewundert. Sie war die Person, von der ich gerade eben gesagt habe, weil sie war die Number One und sie hätte auch eine Ärztin werden können. Also einerseits war da Bewunderung für die Waltraud Wagner da. Aber ich fand sie auch ein bisschen unheimlich. Warum fand sie sie unheimlich? Sie hat mir eine Szene geschildert, die das, glaube ich, sehr gut zeigt. Das war, sie hatten eine gemeinsame Schicht und sind durch das Krankenhaus so ein bisschen gelaufen, durch die Räume und haben geguckt, was auf sie zukommt an diesem Abend. Und die Waltraud Wagner soll gesagt haben. Er stirbt bald, er stirbt bald, er stirbt bald und hatte dann auch tatsächlich recht damit. Und die Menschen sind kurz darauf gestorben. Okay, also so magische Fähigkeiten für diese Frau. Magische Fähigkeiten. Und als mir Christina Perez von dieser Szene erzählt hat, die war da auch wirklich, also habe ich eine leichte Gänsehaut bekommen, als sie das so beschrieben hat. Sie hat dann nämlich auch diese Geste nachgemacht mit dem Fingerzeigen auf die Einzelnen und natürlich, dass sie dann halt recht hatte mit dem. Hatte sie sich da schon irgendwie gedacht, oh Gott, macht die da irgendwas mit diesen Menschen oder war das einfach nur strange? Gar nicht. Sie fand es so ein bisschen, genau, sie fand es so ein bisschen strange, unheimlich. Und das war auch tatsächlich in der Station. So ein bisschen mystifiziert, ihre Gabe, irgendwas zu sehen. Wurde auch die Hexe genannt später in den Texten. Ich erspare euch die Mundart, aber wo die Traudel ist, da wird kräftig gestorben, waren so Sätze, die gefallen sind. Dieser Mythos dieser Frau, die irgendwie erkennt, wenn jemand bald stirbt, der war in der Station präsent. Aber man hat kollektiv anscheinend dieses Unbehagen so ein bisschen weggelacht. Ja, das war eher so. Man hat es nicht ernst genommen, nicht gedacht, dass es einen Hintergrund haben könnte dafür. Hinterher ist man natürlich immer schlauer, aber wenn man sich jetzt so diese Geschichte anhört und diese Witzchen und die Beobachtung des Patienten und die generellen Missstände, die ja da ohnehin schon da waren, da ist ja schon so eine Stimmung da, wo man sagt, hier könnte auch viel mehr nicht in Ordnung sein. Gab es da irgendwelche Indizien damals schon, die man rückblickend eigentlich hätte bemerken können, vielleicht sogar sollen? Also was auf jeden Fall auffällig war, wenn man genauer hingeguckt hätte, dann wäre einem aufgefallen, dass wenn man die Sterbenbücher durchgeblättert hätte, in den Schichten, in denen Waltraud Wagner gearbeitet hat, eine bis zu sechsfach höhere Sterberate war als im Vergleich zu anderen Schichten. Das ist schon signifikant. So wie du diese Klinik oder diese Abteilung beschreibst, sterben wahrscheinlich eh überdurchschnittlich viele Menschen dort, weil alt und teilweise schwerst krank. Und dann sechsmal so hoch, da reden wir schon von vielen Leuten. Warum hat niemand ernsthaft Verdacht geschöpft? Kannst du dir das irgendwie erklären? Also es war auf jeden Fall diese Überlastungssituation, die auf dieser Station war. Es wurde dann auch berichtet, dass Patienten teilweise im Kot liegen geblieben sind, weil man keine Zeit hatte, Bettlaken zu wechseln, die Patienten zu waschen. Teilweise wurde das Essen angeblich weggenommen, weil es zu langsam ging und man musste jetzt eben abdecken. Also dann hat man den Teller vor der Nase weggezogen. Genau, den Teller vor der Nase weg, wenn er zu langsam ist. Es wurde auch berichtet, dass Klingeln nach oben gehängt wurden, damit die Patienten halt nicht ständig klingeln und ihr schon gestresstem Personal dann eben noch mehr stressen in Anführungszeichen. Ich glaube, in so einer Atmosphäre, in so einer Arbeitsatmosphäre, auf einer Station, auf der es generell viele Tote gibt, dann fällt es vielleicht nicht ganz so sehr auf, wenn da auf einmal ein paar mehr Menschen sterben. Das klingt ja auch ein bisschen, als ob man den Mensch nicht mehr so ganz als Menschen wahrnimmt, der da so liegt. Also ich meine, weißt du, was du da beschreibst? Das ist ja, das mit der Klingel, das finde ich so besonders fies und perfide, wenn ich mir vorstelle, ich liege da als alter Mensch dort und habe irgendwie Not oder mir geht es auch nur schlecht oder ich brauche was und ich hätte eine Klingel, aber die hängt so hoch, dass ich da nicht rankomme, nicht greifen kann. Das ist schon echt ganz schön fies. Also man muss schon recht ignorant sein, um auf solche Tricks auszuweichen. Also auch unter Druck bestimmt, aber schon fies. Und so eine fiese Grundhaltung klingt dadurch. Ich glaube, die Arbeitsumgebung hat für so eine insgesamte Verrohung gesorgt, dass solche Sachen schon gar nicht mehr so richtig aufgefallen sind, weil sie so Alltag waren von allem. Auch wenn man jetzt daran denkt, deine eigene Oma liegt auf so einer Station. Also da wird es ja ganz, ganz anders, wenn du von diesen Zuständen, die es damals eben gab, hörst. Na dann klingt es aber auch noch so, dass die so einen engen Zusammenhalt hatten dort in diesem Team. Das macht es ja manchmal auch gefährlicher, denke ich mir. Es schweißt ja tatsächlich auch zusammen dieser enorme Stress und diese Arbeitsbelastung. Ich glaube, man redet anders über Patienten, man denkt anders über Patienten, wenn es so ein Teil des Arbeitsalltags irgendwie so ein bisschen normalisiert ist, dass man da keinen Menschen mehr sieht unbedingt. Also ganz viele Pflegerinnen machen das natürlich so. Ich rede nur davon, denn eben diesen Pflegerinnen damals in der Station, die zu solchen Mitteln gegriffen haben. Ja, man muss auch absolut den Hut ziehen vor allen Pflegerinnen und Pflegern. Absolut, das ist kein einfacher Job. Ich wüsste nicht, ob ich den Job so bewältigen könnte. Keine Ahnung, wie es dir geht, aber es gibt natürlich riesen Respekt und ich kann auch verstehen, dass man da so eine professionelle Distanz irgendwie gewinnen muss und sich nicht jedes einzelne Leid des Älterwerdens und Krankseins so komplett reinziehen darf, weil man sonst den Job nicht aushält. Aber irgendwo gibt es ja dann da so Zwischengrade zwischen professionelle Distanz und die Klingel nach oben hängen und den Teller vor der Nase wegziehen. Aber wir reden ja eben auch hier über Taten, die noch einen ganz riesigen Schritt weitergehen. Wie viele Menschen insgesamt sind denn getötet worden dort jetzt? Kann man das sagen? Es ist wirklich sehr schwierig zu sagen, wie viele zu dieser Zeit gestorben sind, wie viele umgebracht wurden. Der Staatsanwalt hat damals vermutet, dass es um die 400 waren. Vor Gericht später, weil der Fall sollte vor Gericht kommen, waren es dann viel weniger Fälle, die verhandelt wurden und die Frauen haben tatsächlich auch nur 13 Taten gestanden. Aber es waren in jedem Fall Dutzende, wenn nicht eben sogar tatsächlich hunderte Fälle, von denen wir da reden. So die Vermutung, ja. Und was wir eben auch wissen, haben wir ja schon angerissen, dass es eben nicht nur eine Person allein war, sondern gleich vier. Waltraud Wagner haben wir schon angesprochen. Wer sind Ihre drei Mittäterinnen? Kannst du die auch ein bisschen beschreiben? Eine der Mittäterinnen war Maria Grober. Das war die jüngste, die war 18 Jahre alt, als sie in der Altersstationshilfe in Leins angefangen hat. Sie wurde auch das Küken genannt. Es war eine kleine, junge und humorvolle Frau, die auch einen Sohn hatte. Dann war eine der Mittäterinnen Irene Leidolf. Das war eine sehr enge Freundin von Waltraud Wagner. Also die haben sich dort kennengelernt, sehr eng angefreundet. Sie wurde als attraktiv beschrieben, als immer freundlich, aber halt auch ein bisschen naiv. Und dann gab es noch Stefania Meyer, das war die älteste der vier Frauen. Die ist 1939 in Slowenien geboren, hat erst in der Fabrik für Fischdosen gearbeitet, später dann als Kindermädchen, dann als Putzhilfe und dann kam sie nach Leins. Das waren also die vier Frauen, Waltraud Wagner, Maria Gruber des Küken, Irene Leidolf, die etwas naivere und Stefania Meyer, die älteste. Wagner war aber letztlich dann schon die Anführerin, wenn man das so sagen kann. Vor Gericht wurde sie auf jeden Fall als die Haupttäterin gesehen. Von Pflegemorden hört man ja leider immer wieder. Aber was so ungewöhnlich ist an dem Fall, dass das nicht einer für sich alleine im Stillen macht, sondern dass man das wirklich fast organisiert zu viert macht. Wie kommt es zu so einem Team? Das war wirklich auch eine der Fragen, die ich mir gestellt habe. Weil man kann ja nicht einfach zu Kollegen gehen und sagen, hey, lass mal Patienten töten. Der Modus operandi war ein ganz anderer, subtiler, viel schleichender. Ich glaube, es lässt sich ganz gut erklären, wenn man sich die einzelnen Personen anguckt. Bei Maria Gruber, also dem Küken der Jüngsten, da hat Waltraud Wagner eine akute Stresssituation ausgenutzt. Maria Gruber war überfordert mit einem Patienten, der Wasser in der Lunge hatte, der vor Schmerzen geschrien hat und hat die Situation dann nicht mehr ausgehalten und hat sich dann Rat bei Waltraud Wagner gesucht. Und ja, ihre Antwort war genauso pragmatisch wie verhängnisvoll. Dann gibt es ihm halt was. Hat dann, so heißt es, die Spritze aufgezogen, hat die Gruber in die Hand gedrückt und die hat sie dann verabreicht und der Patient ist dann eingeschlafen und drei Tage später war er dann tot. Das bedeutet, dass Maria Gruber in dem Moment ja möglicherweise zur Mörderin wurde. Oder zumindest sie ja dann etwas verabreicht hat, was sie gar nicht verabreichen hätte dürfen. Vielen Dank. Und hängt jetzt drin. Genau. Und das lässt sich dann auch wirklich auf die anderen Personen auch noch ausweiten. Bei Irene Leidorf, das war ja die enge Freundin, die als die rechte Hand von Waltraud Wagner gesehen wurde. Die hat auch erzählt, dass sie sich eben mit Waltraud Wagner angefreundet hat. Und die habe ihr dann gezeigt, wie man Patienten beruhigt und wie man mit ihnen umgehen könne. Sie wurde dann später auch als ziemlich hörig beschrieben, als jemand, der Befehle ausführte. Hat dann aber gegen Ende auch Eigeninitiative ergriffen. So verführt wurden die so langsam eingeführt. Ja, so herangeführt an diese Sache und dann ist wahrscheinlich irgendwann die Hemmschwelle auch geringer geworden, nehme ich jetzt mal an. Das hat sich dann auch relativ gut bei der Stefania Meyer gezeigt. Bei ihr war das so, dass Wagner sie gerufen habe, ob sie ihr helfen könne. Sie ist dann in das Zimmer reingelaufen. Und da war es dann tatsächlich die grausamste Mordmethode, die die Frauen ausgeübt haben. Da wurde die Zunge der Patienten nach unten gedrückt und ganz langsam wurde ein Becher voll Wasser in deren Mund gekippt und der Patient tatsächlich erstickt. Okay, und das hat sie ihr dann quasi beigebracht. Genau, und dazu hat man zwei Leute gebraucht, deswegen dazugerufen, weil einer musste ja die Zunge runterdrücken und der andere musste das Wasser einführen und alleine wegwerfen. Nicht machbar. Auf welche Art und Weisen haben die die Patienten und Patientinnen insgesamt umgebracht? Also da hatten sie verschiedene Mittel, verschiedene Wege. Einmal mit Beruhigungs- und Schlafmitteln, die sie überdosiert haben. Damit sind die Patienten dann quasi eingeschlafen, ins Koma gefallen. Herzstillstand, Sauerstoffmangel und gestorben daran. Dann gab es Insulin, mit dem man quasi eine lebensbedrohliche Unterzuckerung herbeigeführt hat. Durch das Spritzen von Insulin sind ja der Blutzuckerspiegel rapide bergab. Das kann zu Schweißausbrüchen zittern, Bewusstlosigkeit und dann im schlimmsten Fall auch zum Tod führen. Und das hat man eben bei nicht zuckerkranken Patienten gemacht. Das heißt, beim Diabetiker oder bei der Diabetikerin senkt es den Spiegel und hilft ihm oder ihr und rettet sogar, aber beim Gesunden... Fällt der Spiegel so tief, dass es dann lebensgefällig oder tödlich wird. Genau. Und dann gab es noch die Mundpflege, die ich ja eben schon angesprochen hatte. Mundpflege ist natürlich wahnsinnig zynisch, weil normalerweise versteht man unter einer Mundpflege ja, dass man den Mund sauber macht. Und hier nannten sie diese Mordmethode Mundpflege, bei der sie eben das Wasser eingeflößt haben. Die Lunge füllt sich dann mit Wasser. Die Opfer, so wurde es mir beschrieben, haben dann angefangen zu röcheln. Die Lippen haben sich so blau verfärbt, das Herz ganz laut gepocht und der Sauerstoff ging denen dann quasi aus und einfach erstickt. Also eigentlich nur Ertrinken, das ist eigentlich wie Waterboarding, nur dass es nicht nur eine Foltermethode, sondern eine Tötungsmethode ist. Man muss sich das auch vorstellen, wie das ausgesehen haben muss, wenn da quasi Menschen im Wachzustand teilweise dann mit Schaum vor dem Mund langsam ersticken. Also es ist wirklich furchtbare Qualen, die die den Menschen zugefügt haben. Also auch wenn die sich vielleicht nicht mehr artikulieren können, aber Todesangst spüren die trotzdem. Wie erklärst du dir, dass die da mitgemacht haben, alle vier oder auch die anderen drei, dass alle drei da mitgemacht haben? Also irgendwie muss die Waltraud Wagner auch ein Gespür dafür gehabt haben, wen sie fragen kann, wen sie anleiten kann und wen nicht. Was auffällig ist, dass alle vier Angehörige hatten, also Angehörige mit schweren Krankheiten hatten, die sie gepflegt haben, teilweise bis zum Tod. Bei Maria Gruber war das ihr krebskranker Vater, den sie bis zum Tod gepflegt hat. Bei der Ältesten in der Gruppe, bei der Stefania Meyer, die hat sich um die asthmerkranke Mutter gekümmert, neun Monate. Bei Irene Leidorf war es der Onkel und die Großmutter, die Parkinson hatten und später war es dann der Vater, der Bauchspeicheldrüsenkrebs hatte. Und Irene Leidorf sagte später, dass Außenstehende ja gar nicht wüssten, wie das sei, wenn ein Mensch im Sterben läge und es nicht könne. Ich finde, es ist absolut kein Rechtfertigungsgrund, aber es schwingt so eine falsch verstandene Sterbehilfe. So der Gedanke, jemanden erlösen zu müssen. Genau. Aber es ist natürlich, wie erklärt sich dann diese sehr brutale und schmerzbereitende Tötungsmethode, die du da geschildert hast, mit der Mundpflege jemanden ertrinken zu lassen. Da finde ich ist das Argument, ich wollte ihn erlösen, ist ein bisschen schwierig. Also da kann man überhaupt nicht mehr davon reden. Diese sehr grausame Mordmethode hat zwar jetzt nicht die Irene Leidorf gemacht, sondern es war nur Stefania Meyer und Waltraud Wagner. Aber trotzdem, man kann davon nicht von einer Sterbehilfe sprechen. Aber vielleicht hatten die das auch so ein bisschen im Kopf für sich als Erklärung, wieso sie so handeln. Um es zu Recht, um es schön zu reden. Um es schön zu reden, ja. Eine weitere Gemeinsamkeit von all diesen Frauen war, dass sie alle die Pflegeschule abgebrochen haben oder erst gar keine Ausbildung hatten. Und ich glaube auch, dass da extrem, also eine vermutlich sehr große Überforderung eine Rolle gespielt hat in dem Ganzen, die dann auch ausgenutzt wurde. Und was ich mir auch noch erklären kann, weil du ja gefragt hast, warum machen die da alle mit? Ich glaube, dass es wie so ein gemeinsames Geheimnis dann auch war, dass sie irgendwie aneinander gebunden hat, zwangsläufig, wenn man in diese Spirale mit reingezogen wurde. Okay. Es schwingt aber auch so eine gewisse Abstumpfung, finde ich, damit. Der Sprachgebrauch ist ja auch irgendwie, finde ich, bezeichnend. So Mundpflege, also eine Tötungsweise mit einem Pflegebegriff zu bezeichnen, ist schon auch perfide. Später sagte Waltraud Wagner auch, das war doch nur ein Schluck. Also es war ja nur ein Schluck. Ein Schluck, was ich dem gegeben habe. Auch die Wörter wie ruhig stellen, das für Töten natürlich, also ein sehr verharmlosender Begriff. Und sie ging auch sehr systematisch vor. Also gerade diese Mundpflege, die wurde vor allem bei Patienten verwendet, die ein Lungenödem hatten, also schon Wasser in der Lunge hatten. Wenn man damit Wasser nachhilft, dann fällt man damit nicht auf. Der Patient hatte ja schon Wasser in der Lunge, dann wirkt das ein natürlicherer Tod, wenn man nicht den Sterbeprozess mit ansieht. Okay, also schon auch durchdacht. Ja, absolut. Irgendwann war es, glaube ich, auch schon so, dass diese Frauen über ihre Patienten gerichtet haben. Also wer jetzt leben dürfe und wer nicht. Und Waltraud Wagner soll gesagt haben, wer mich ärgerte, bekam ein Gratisbett beim lieben Gott. Und ja, deswegen wusste Wolfgang Wagner auch einfach ganz genau, wer als nächstes stirbt. Und das waren die Unartigen, die nervig waren, die viel gewollt haben und die besonders pflegebedürftig waren. Die standen auf der Abschlussliste. Auch eine große Macht. Ich glaube, du hast in deinem Text auch geschrieben, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, dass die sich irgendwann wie Richterinnen fühlten. Ich weiß nicht, inwieweit so jemand wie die Maria Gruber oder so, die eher nur so am Rand war, diesen Machtgedanken in sich hatte. Aber ja, auf jeden Fall, weil ich meine, sie standen da und haben ausgesucht, wer als nächstes sterben soll. Da kann man schon von einer Richterin überleben und Tod letztendlich sprechen. Also insgesamt waren es mindestens sechs Jahre, vielleicht sogar länger. Die erste Patientin, die Waltraud Wagner nach eigenen Angaben getötet hat, die starb an einer Überdosis Morphium im Jahr 1983. Das sind ihre Angaben. Ob es der tatsächliche erste Mord war, das ist unklar. Und Waltraud Wagner sagte dann eben zu dieser einen ersten Frau, dass die sich gewünscht habe zu sterben, weil sie solche Schmerzen hatte und dass sie dann eben aus Mitleid angefangen hat und daraus ist dann halt irgendwann eine Gewohnheit und irgendwann ein Machtinstrument geworden. Ja, lass uns mal zum Ende dieses Horrors gehen. Wir haben ja schon angedeutet, dass es auch eine Heldin in dieser Geschichte gibt. Christina Peres hast du sie genannt. Wann wurde ihr klar, was da wirklich auf der Station geschieht? Du hast ja vorhin schon erzählt, dass sie so ein bisschen so ein flaues Gefühl, bei aller Bewunderung auch so ein flaues Gefühl mit Waltraud Wagner hat. Aber wann wurde ihr klar, die macht irgendwelche schlimmen Sachen? Ja, das muss im Jahr 1988 gewesen sein, bei einer gemeinsamen Schicht, die Waltraud Wagner und Christina Perez hatten. Da wurde ein 80-jähriger Mann eingeliefert mit einem Schlaganfall. Der hat versucht zu sprechen, hat aber nur geschrien, war aggressiv. Christina Perez hat mir gegenüber auch geschildert, dass sie wirklich Angst in seinen Augen gesehen hat. Und während der Arzt mit den Notfallsanitätern gesprochen hat, haben Waltraud Wagner und Christina Perez den Patienten versorgt. Und dann hat Wagner Perez plötzlich so eine Spritze in die Hand gedrückt mit einer gelben Flüssigkeit. Peres wollte diese Spritze nicht entgegennehmen, wollte die Spritze auch nicht setzen. Und daraufhin habe Wagner sie ganz drohend angeschaut, hat Peres mir dann erzählt. Weil sie sich geweigert hat, hat Wagner die Spritze dann anscheinend selber gespritzt. Und Peres hat den Raum verlassen, ist an den Ärzten vorbeigegangen. Und als Peres mir diese Szene geschildert hat, da war ihr Blick wirklich ganz starr. Also ... Und bis heute muss das wahnsinnig einschneiden, dieser eine Moment gewesen sein für sie, weil man so viel, also die Emotionen in ihrem Blick, das war einmal dieses Erschrecken, einmal wollte sie mir zeigen, wie, also durch ihre Gestik, ihre Mimik, wie böse Waltraud Wagner sie in dem Moment angeblich angeguckt hat, dass all die Jahre danach immer noch so tief dieser Moment in ihr drin ist. Also sie war da erstmal schockgefroren. Ja, schockgefroren. Ging aber nicht davon aus, dass sie jetzt gleich jemand umgebracht hat, sondern eher einfach Beruhigungsmittel oder sowas abreicht hat. Der Patient hat ja überlebt. So in dem Moment ging sie quasi vom nur ruhig stellen aus. Was schlimm genug ist. Was schlimm genug ist, ja klar. Was hat sie dann daraufhin unternommen, nachdem ihr erster Schrecken mal verflogen ist? Um die Osterzeit 1988 hat Peres sich dann an einen Freund gewandt, einen Arzt, auch relativ jung, damals noch, der in der Klinik Leins gearbeitet hat und hat ihm dann von diesem Moment erzählt, hat ihm erzählt, dass sie misstrauisch ist, dass da Patienten ruhig gestellt werden, dass sie auch Angst hat vor Waltraud Wagner und dass sie vermutet, dass sowas schon häufiger passiert ist. Also nicht mal einmalige Spritzen bei diesem einen Patienten, sondern dass es durchaus System hat. Der Arzt, mit dem ich dann auch gesprochen habe in der Recherche, der hatte den Wortlaut noch ganz genau im Kopf, weil der sich so eingeprägt hat bei ihm. Ich würde einfach nochmal kurz den rezitieren. Bei uns auf der Station werden Patienten ruhig gestellt, ohne dass es ein Arzt erlaubt. Ruhig stellen? Was redest du denn da für ein Blödsinn? Das kann nicht sein. Nein, ich rede kein Blödsinn. Ja, warum meldest du es dann nicht? Ich weiß nicht, was ich tun soll. Okay. Ich habe ja vorher schon erwähnt, dass Christina Perez ein Kind hatte und dass sie sich alleine kümmern musste. Sie hatte Angst, ihren Job zu verlieren und hatte auch Zweifel daran, was jetzt passieren würde, wenn sie jetzt zu der Stationsleiterin gehen würde und sagen würde, hier eure Nummer 1, Walli, die so geschätzt und respektiert von den Kollegen ist, die gibt irgendwelche Beruhigungsmittel. Da meinte Peres dann auch zu mir, wer sollte mir denn glauben? Ich kam aus Chile, ich habe die Sprache nicht perfekt gesprochen. Ich war nicht ganz so beliebt bzw. So respektiert vor den Vorgesetzten, wie jetzt die Waltraud Wagner war. Als sie das dem Freund erzählt hat, hat sie darum gebeten, dass er für sich behält, wer die Quelle ist. Ihr Freund, also der Arzt, der hat ihr nicht wirklich glauben können, weil er das alles so verrückt fand. Der kannte ja die Menschen. Niemals hätte er denen zugetraut, also Wagner und ihren Kolleginnen, dass die sowas machen könnten. Dann aber gesehen, wie ernst es Christina Peres war und wie mitgenommen sie auch war. Und hat dann tatsächlich mit der Oberärztin gesprochen, hat von der Geschichte erzählt. Und damit kam dann der Stein ins Rollen. Was machte die dann? Die konnte es erst auch überhaupt nicht glauben und hat dann aber mit dem Chefarzt gesprochen. Die Folge war dann, dass die Medikamente besser überwacht wurden und bei auffälligen Todesfällen auch der Medikamentenspiegel gemessen. Aber ein sehr stilles Vorgehen. Also man muss sagen, gut, dass jetzt wenigstens überhaupt irgendwas passiert, aber so konspirativ und irgendwie aus dem, was du da erzählst, da schwebt da auch so eine Angst im Raum mit, ja, vielleicht sage ich was Falsches und eigentlich müssten ja alle Alarmglocken schrillen. Aber es war eher so, klingt das so, ja, schauen wir uns mal an, wer weiß. Ja, alles sehr... Und verschämt so ein bisschen. Also es war keine offene Unternehmenskultur, wo man Dinge anspricht, bei denen irgendwas falsch läuft, sondern ich glaube, da war auch einfach die Angst viel zu groß, dass irgendwas rauskommen könnte. Man will es gar nicht wissen vielleicht, weil das dem Ruf der edlen KOK-Klinik schadet. Genau, niemand will derjenige sein, der irgendwas Falsches behauptet, der irgendjemand in Verlegenheit bringt. Nur wenige Tage darauf, am 18. April 1988, ist eine Frau ums Leben gekommen. Man hat Blut abgenommen und man hat gesehen, dass sie Rohypnol im Blut hatte. Ohne eine medizinische Notwendigkeit. Rohypnol ist ein Schlafmittel. Und da hat der Chefarzt dann auch die Polizei informiert wegen einem möglichen Fremdverschulden. Und dann sind die Ermittlungen so ein bisschen ins Laufen gekommen. Die Oberärztin wurde befragt, hat sich dann aber geweigert, den Namen des Arztes zu nennen, der ihr den Tipp gegeben hat. Die Polizei hat ermittelt, Waltraud Wagner hatte dann an dem Tag Dienst. Irgendwann hat man den Namen trotzdem herausgefunden und hat ihn dann befragt, den Arzt, der eben den Tipp von der Christina Perez bekommen hat und wollte dann von ihm wissen, woher er die Info hat. Und er hat dann die Aussage verweigert und hat gesagt, er sagt erst was, wenn die Obduktion da ist und wenn sich die Sachen tatsächlich bestätigen. Du musst ja sagen, auch eine Höllen-Ermittlungssituation für die Polizei. Du kriegst da so einen Hinweis. Der Chefarzt sagt, die Oberärztin hat es gesagt. Die Oberärztin sagt, ich sage Ihnen aber nicht, von welchem Arzt ich es weiß. Und wenn Sie den haben, sagt er, aber ich sage Ihnen nicht, von welcher Schwester ich das weiß. Also dieser Mafia-Begriff schießt mir bei dieser Geschichte immer wieder durch den Kopf. Also wäre da so eine Omerta an diesem Krankenhaus gewesen fast. Das hat die Ermittlungen natürlich massiv schwieriger gemacht. Und dann war auch irgendwann das Obduktionsergebnis da und es hat sich herausgestellt, es war eine Beinvenenthrombose und Lungenembolie und das Rohypnol war nicht todesursächlich. Ja, dann hat man einfach nicht weiter ermittelt. Rohypnol war nicht die Todesursache, es war kein Mord durch Rohypnol, aber die offenbar illegale Verabreichung hat man nicht weiterverfolgt. Genau. Und die vier kamen damit dann ungeschoren davon. Wie ging es dann weiter? Also wie es scheint, haben die mitbekommen, diese... Todesschwestern, diese vier Schwestern, diese Pflegehelferinnen, dass das jetzt alles ein bisschen mehr kontrolliert wird und sind dann von den starken Schmerz- und Betäubungsmitteln auf Insulin gewechselt, haben also ihre Mordmethode gewechselt. Aber es lässt sich nicht genau sagen in dieser Zeit danach, wie viele Menschenleben noch beendet wurden. Das kann man mathematisch nicht berechnen, aber viele wahrscheinlich. eigentlich. Ich nehme mal an, dass sie so weitergemacht haben, wie sie davor gehandelt haben. Tja, dann ist jeder Tag ein Tag zu viel. Wie war dieses Jahr wohl für Peres? Sie hatte ja eh schon so wahnsinnige Angst, irgendwas zu sagen. Man muss sich die Situation glaube ich ziemlich belastend vorstellen, wenn man da den Mut fasst und sagt, man geht jetzt vor und dann wird alles eingestellt und alles eingestampft. Der Arzt, mit dem ich ja gesprochen hatte, der hatte damals auch wirklich Angst um seine Karriere, was jetzt passiert, wenn die Vorwürfe unberechtigt waren. Also es muss eine wahnsinnig harte Zeit gewesen sein. Und wie flog es dann letztlich doch noch auf? Im April 1989 wurde ein Mann eingeliefert. Der hatte eine Durchblutungsstörung im Gehirn. Und es war eigentlich ein sehr unruhiger Patient. Bei der Visite war der noch hellwach. Kurze Zeit später hat die Oberärztin ihn in einem Zimmer gesehen, tief schlafend. War sofort alarmiert, hat vermutet, dass da irgendwie ein Schlafmittelmissbrauch stattgefunden hat, hat ihm ein Gegenmittel gespritzt. Bei der Untersuchung stellte sich dann heraus, dass ihm Insulin gespritzt wurde, obwohl er nicht zuckerkrank war. Der hatte einen Insulinwert von 738 und ein paar Stunden zuvor war es ein Wert von 8. Also richtig Paarumdrehungen höher. Absolut. Der Mann hat aber überlebt durch dieses Eingreifen der Oberärztin. Man hat ihn dann auch gefragt, wer hat ihm dann die Spritze gegeben? Und er meinte dann, er hat keinerlei Erinnerung mehr, ihm sei sofort schwindelig geworden. Aber auch hier hat dann die Polizei ermittelt und Meier und Wagner hatten Schicht an diesem Tag und wurden dann festgenommen. Was haben Meier und Wagner dann ausgesagt? Noch bevor sie im Revier waren, haben die beiden gestanden. Es wirkte auf die Ermittler fast so, als wären sie erleichtert, jetzt endlich mal alles anzusprechen. Und die haben sich dann im Revier auch sehr schnell gegenseitig beschuldigt. Wagner hat da auch dann die zwei anderen mit ins Spiel gebracht, nämlich Leidolf und Gruber. Leidolf sagte dann aus, dass Wagner über 100 Menschen in den vergangenen zwei Jahren umgebracht haben soll. Er hat es dann später aber wieder wieder rufen. Jetzt kam eben das raus, was ich vorhin schon gesagt habe. In Wagners Schicht kamen bis zu sechs Mal mehr Patienten um. Da hat man sich jetzt mal die Bücher angeschaut. Genau, alle vier Frauen haben die Morde gestanden, die Beihilfe zum Morden gestanden. Und man hat dann Waltraud Wagner die Sterbebücher vorgelegt. Sie hat handschriftlich die Namen niedergeschrieben, 39 Namen plus Mordwaffe und zwei Seiten. Das stand dann da so hinter, weiß ich nicht, Müller Doppelpunkt Rohypnol und Huber. Ja, Wessler 3 Valium, Bauer Mundpflege, Weber 3 Rohypnol, Geiger 2 Dominal Pforte. Also die Namen sind jetzt geändert, aber so in der Reihenfolge und ganz unten gezeichnet, 9.4.89, Waltraud Wagner. Wird jetzt auf einmal die Dimension allen so ganz offenbar. Was haben die vier denn als Motiv angegeben dann? Was haben die der Polizei erzählt? Es war auf jeden Fall diese Sterbehilfe, diese falsch verstandene Form davon. Und das haben die Ermittler auch tatsächlich geglaubt, dass das zumindest so angefangen hat und dann irgendwann halt zum Machtinstrument wurde. Waltraud Wagner hat im Laufe der Ermittlungen dann auch später vor Gericht diese Form der Macht erklärt. Und da kam dann eben dieser berüchtigte Satz mit ein Gratisbett beim lieben Gott, den wir vorher schon mal angesprochen hatten. Wer mich geärgert hat, der kriegt ein Gratisbett beim lieben Gott. Genau. Ohne Peres wäre das Ganze nie aufgeflogen. Eigentlich müsste man ja der Frau ein Denkmal setzen, aber was ist wirklich dann passiert, nachdem die vier festgenommen wurden? Also man war ja überhaupt nicht dankbar, dass sie das jetzt den Stein ins Rollen gebracht hat. Sie wurde als Verräterin und als Spionin beschimpft. Viel hing auch einfach damit zusammen, wie die Reaktion der Bürger, der Bevölkerung, der Patienten war. Hat natürlich einen riesengroßen Wirbel ausgelöst, dieses alteierwürdige Klinikum Leins. Und dann ist da sowas passiert. Das Pflegepersonal wurde beschimpft, Autoreifen würden zerstochen. Die Patienten haben sich geweigert, von den Leinsern Pflegern behandelt zu werden. Patienten sind geflüchtet aus dem Krankenhaus. Also es war wirklich, wenn man dort gearbeitet hat, dann hatte man kein leichtes Leben und das hat man dann die Christina Peres auch spüren lassen. Also ob sie die Schuldige wäre und nicht die Mörderinnen. Genau. Sie war dann auch kurze Zeit darauf in Griechenland im Urlaub und dachte, sie hätte sich der ganzen Sache entzogen. Aber sie hat dann durch eine Zeitung geblättert und hat einen Artikel gelesen und in dem Artikel stand, dass nach ihr gefahndet wird. Sie sei der fünfte Todesengel und deswegen auf der Flucht. Das war für sie natürlich, also sie ist ganz panisch wieder zurück nach Wien gereist, hatte auch Angst nicht mehr ins Land zu kommen, sich dann bei der Polizei gestellt und war dann tatsächlich auch zwei Tage in Urhaft. Also er wurde wirklich ernsthaft, das war keine Boulevardmeldung ausgedachte, sondern wurde wirklich nach ihr gefahndet. Genau, es wurde tatsächlich nach ihr gesucht und ja, wegen Waltraud Wagner. Waltraud Wagner hat den Polizisten nämlich geschildert, dass sie gesehen habe, wie Christina Perez acht Patienten mit einem Kissen erstickt hat. So hat mir das Christina Perez zumindest erzählt. Waltraud Wagner soll den Polizisten ganz genau beschrieben haben, wie die Patienten aussahen, als Christina Perez sie mit dem Kissen erstickt hat. Die sollen mit den Armen und Beinen gestrampelt haben, versucht nach Luft zu schnappen und Peres soll ihnen lachend das Polster ins Gesicht gedrückt haben. Klingt auch ein bisschen danach, als hätte jemand sowas auf alle Fälle schon mal gesehen. Ja, wahrscheinlich. Jetzt wüsste er, wovon er spricht. Okay, und die Polizei hat das erstmal geglaubt? Genau, sie hat es geglaubt. Wie gesagt, Perez hat sich ja dann gestellt, kam in Untersuchungshaft, wurde vernommen. Und diese Zeit schildert Perez wirklich als ziemlich traumatisierend. Einmal, weil sie selber damit leben musste, dass sie jetzt als Mörderin gesehen wurde. Aber auch, weil ihr Sohn quasi in den Medien gesehen hat, dass seine Mutter eine Mörderin sein soll. Das ist bis heute für sie ein sehr, sehr emotionales Thema, über das sie wirklich auch ungerne nur spricht. Und bis zum heutigen Tag möchte sie ihre Familie auch so beschützen vor diesem Öffentlichkeitsdrang. Also erst mal war sie bei der Polizei, da hatte sie Druck bekommen. Und dann war natürlich noch der ganze Druck der Medien, der sie als etwas hingestellt hat, was sie nicht war und nicht sein wollte. Furchtbar, wenn man sich auch vorstellt, wie sie wohl gefühlt haben muss, wie viel Angst sie gehabt haben muss, auch vor dem Hintergrund, dass sie aus Chile kam, in der Pinochet-Diktatur gelebt hat, davor geflohen ist, da hat man ja eh kein Vertrauen in den Staat, in staatliche Institutionen und da wird ja eh schon. Eine große Angst überhaupt vor diesem Behördenapparat gehabt haben, dann spricht sie noch kein perfektes Deutsch, muss eine Höllenzeit gewesen sein für diese Frau. Ja, und also ich glaube, Es ging auch einfach nicht mit ihrem, also es war so ihr ganzer privater Rahmen, den sie so aufgebaut hat und dann stand sie plötzlich in einem Licht. Also es ist für sie, sie hat es ja auch ganz klar benannt, war eine schreckliche Zeit für sie. Was hat sie dann letztlich doch davor bewahrt, vor Gericht zu kommen? Es war dann so, dass Waltraud Wagner ganz konkrete Tage angegeben hatte, an denen die Kissenattacken, die Kissenangriffe gewesen sein sollten. Und an diesen Tagen hatte aber Christina Perez gar keinen Dienst. Es konnte nicht so gelaufen sein und Christina Perez wurde... Nach zwei Tagen Urhaft, nach sehr vielen Vorwürfen, nach einer medialen, ja, ich würde schon sagen teilweise Hetzjagd, kam dann raus, oh, alles gelogen, sie hatte gar keinen Dienst. Warum hat Wagner das wohl gemacht, sie falsch zu belasten? Ganz sicher weiß es nur Waltraud Wagner. Aber was ich vermute, ist, dass sie vielleicht doch mitbekommen hat, dass Christina Perez diejenige war, die den entscheidenden Tipp gegeben hat, die die Sachen ins Rollen gebracht hat. Und ich vermute auch, dass es ein Rache-Zug war. So a la du ziehst uns hier, dann abziehe ich dich gleich mit. Dann reiße ich dich mit. Wie verlief dann der Prozess, der dann letztlich doch kam und Gott sei Dank dann ohne Perez? Auf der Angeklagtenbank. Vor Gericht traten die Frauen auch wieder sehr ruhig und sie wurden auch von den ganzen Zeugen als ganz normale Frauen beschrieben, wie allen Menschen, die man gegenüber in der S-Bahn, in der Straßenbahn sitzt. Die wurden gelobt, sie seien so zuverlässig gewesen und so fleißig und so gründlich. Also ihre Arbeitsleistung wurde da extrem hoch gehalten. Und Christina Perez hat mir erzählt, dass damals, als sie die Aussage gemacht hat, da hat sie den Augenkontakt gesucht zu den Täterinnen. Einfach weil bei ihr so dieses ganz große Warum, warum haben die das gemacht, war. Sie hat mir dann auch beschrieben, dass sie die Frauen alle liebenswert fand. Also sie mochte diese Frauen, selbst die Walli, hat sie mir gesagt. Für sie war das, glaube ich, einfach so unbegreiflich, wie jemand so etwas tun kann. Haben die Täterinnen dann diesen Augenkontakt angenommen? Haben weggeschaut, also haben ihre Blicke gemieden und Christina Perez hat sie danach auch nie wieder gesehen. Das ist wahrscheinlich kein Schaden, dass sie die niemals wieder sah, diese vier Kolleginnen, behaupte ich jetzt mal. Wie traten die vier denn vor Gerichte auf? Was haben sie ausgesagt und wie wirkten die dort? Die Frauen wirkten tatsächlich ziemlich teilnahmslos, saßen meist mit den Händen auf dem Schoß gefaltet, der Blick starr Richtung Boden. Also sie haben nicht wirklich eine Gefühlsregung gezeigt, ab und an den Kopf schütteln. Es waren 42 Mordfälle angeklagt. Im Prozess widerriefen sie aber einen Großteil der Taten. Die sind sehr zurückgerudert, die Fälle haben sich wirklich minimiert. Der Staatsanwalt hat ja wirklich vermutet, dass es noch viel, viel mehr Fälle sind. Von welcher Summe sprach der da? Der Staatsanwalt sprach so von vermuteten 400 Fällen. Was haben Sie selber ausgesagt zu Ihren Taten vor Gericht? Alle vier haben eher mit Sterbehilfe argumentiert, also dass die Patienten ja alle so gelitten hätten und sie deswegen was dagegen unternehmen wollten, haben auch gesagt. Ihre Tat so ein bisschen kleiner gemacht hat. Traut Wagner, wir hatten vorher schon das Zitat mit, es war ja nur Schlucke, also es war nur ein Schluck für diese Mundpflege, diese wirklich brutale. Vor Gericht sagte sie dann, dass diese Todesart, dieser Todeskampf, dass der über Stunden dauerte. Und deswegen hat sie diese Mordmethode meist über Nacht gemacht, meinte sie damals, um möglichst unentdeckt zu bleiben. Waldraud Wagner wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Sie galt in den Augen der Richter als die Haupttäterin. Ihr wurden auch die meisten Mordfälle zugerechnet. Irene Leidolf, ihre Freundin, die bekam auch eine lebenslange Freiheitsstrafe. Stefania Meyer, die ältere, wurde wegen sieben versuchten Morden und einer fahrlässigen Tötung verurteilt. Sie bekam 20 Jahre Haft. Und Maria Gruber, die bekam tatsächlich nur 15 Jahre Haft wegen zwei versuchten Morden und bei der Berufungsverhandlung ein Jahr später wurde das sogar noch auf zwölf Jahre herabgesetzt. Jetzt spricht der Staatsanwalt von 400 Taten und letztlich geht es aber nur um einen Bruchteil davon. Was hat es so schwer gemacht, diese Taten zu beweisen? Gerade die Mordmethode der Mundpflege bei Patienten, die Wasser in der Lunge hatten, lässt sich schon mal schwierig sagen. War das jetzt die Mundpflege, die für das Wasser und das Ersticken gesorgt hat oder war es die Krankheit selbst? Und bei den eingesetzten Schlafmitteln, man kann die nicht so lange nachweisen. Viele Patienten, die verstorben sind, wurden auch eingeäschert. Das heißt, da lassen sich auch keine Spuren mehr finden. Die Täterinnen sind die Täterinnen. Das steht ja außer Frage und die Schuldigen. Aber all das, was du hier so geschildert hast, merkt man ja auch, dass brutal viel im Umfeld an der Klinik ja vielleicht sogar gesellschaftlich echt schiefgelaufen ist, um das überhaupt erst möglich zu machen. Wie wurde denn da damals debattiert und wurden da irgendwelche Konsequenzen gezogen aus diesem Fall? Eine der Konsequenzen war, dass das Klinikum umbenannt wurde. Es wurde vom Klinikum Leins in das Klinikum Hitzing umbenannt. Das war aber eher nachgelagert. Auffällig war, dass einfach niemand Schuld haben wollte. Also der Bürgermeister, der hat die Polizei beschuldigt, sie hätten nicht hartnäckig genug ermittelt, als dann eben der erste Vorwurf damals 1988 kam. Die Polizei prangerte die Mauer des Schweigens der Klinik an, dass niemand irgendwas verraten wollte, solange nicht irgendwas erwiesen ist. Die Opposition forderte dann den Rücktritt von dem Gesundheitsrat, dem damaligen, der zuständig war, wegen der katastrophalen Rahmenbedingungen wie dem Personalmangel. Warfen ihm vor, dass er die viel zu lange ignoriert hat, diese Zustände. Dieses Hin- und Herschieben ist natürlich sehr bezeichnend. Auch das muss man schon sagen, ist jetzt nicht nur eine Wiener Sache. Aber auch, finde ich, es zeigt so, dass der Versuch oder die Art, wie man ein Problem aufarbeitet, oft sehr viel aufzeigt darüber, wie das Problem überhaupt entstanden ist. Ja, nicht irgendwie jetzt irgendwie im Wind stehen, dann lieber die Klappe halten und lass uns lieber nicht drüber reden, wenn wir es nicht genau wissen, was macht das mit unserem Beruf. Das ist schon sehr erschütternd. Wie ging es denn mit den Täterinnen weiter? Ja, die müssten ja mittlerweile ihre Strafen schon länger abgesessen haben. 2008 wurden die beiden letzten entlassen und die Frauen leben mit geänderten Namen. Also die haben eine neue Identität bekommen und leben an neuen Orten. Was genau sie heute machen, kann ich nicht sagen. Zu unserer Heldin und auch hier ihrem Freund, dem Arzt. Was haben die denn gemacht, als du mit ihnen gesprochen hast? Wo sind die heute und wie geht es ihnen heute? Die Angst ist immer noch da und die Selbstvorwürfe sind immer noch da. Peres hat mir damals gesagt, dass sie heute anders handeln würde. Also wenn sie nochmal in dieser Situation wäre, dass sie mit Waltraud Wagner im Zimmer gestanden hätte und diese Spritze ihr versucht wurde zu übergeben, da hätte sie nicht einfach nur den Raum verlassen, sondern heute würde sie direkt was sagen, um damit vielleicht Leben zu schützen. Der Arzt, mit dem ich gesprochen habe, der hat ein Zitat gesagt und ich finde, das ist wirklich selbstzeichnend. An jedem, der damals im Krankenhaus gearbeitet hat, klebt Schuld. Die Schuld, nichts bemerkt zu haben, die Schuld, es nicht ernst genommen zu haben, die Schuld, nicht früher etwas unternommen zu haben. Und diese Schuld wird uns für immer begleiten. Und die Mutigste war eigentlich die Schwächste von allen, schon auch bezeichnend an der Geschichte. Bisschen tragisch auch, dass sie sich selbst Vorwürfe macht. Klar, finde ich jetzt in ihrer Argumentation hat sie recht, sie hätte da gleich sagen können oder was sagen müssen, aber auch so wie das gelaufen ist, kann man ihr keinen Vorwurf machen, dass sie sehr vorsichtig war mit ihrem Vorgehen und sie war echt die Einzige, die da nach vorne ging. Auch wenn auch versteckt, aber sie hat da wenigstens was angeschoben. Immerhin, die beiden haben was unternommen in ihrem Rahmen ihrer Möglichkeiten im Arbeitsumfeld, so wie es eben möglich war zu der Zeit. Wir sind am Ende angekommen, liebe Hörerinnen und Hörer. Wenn ihr den Fall auch so spannend und erhellend, wie ich fandet und wissen wollt, wie Isabel die Geschichte für Stern Crime aufgeschrieben hat. Ihr findet den Text über einen Link in den Shownotes und unter stern.de slash crime findet ihr hunderte weitere exklusive Texte, Geschichten, die einem unter die Haut gehen. Tolle Interviews mit den besten Experten aus Forensik und Kriminalistik und exklusive Podcasts. Das ist eine unglaubliche Fundgrube, finde ich, für Leute, die sich für Crime-Themen interessieren. Also schaut da gerne mal rein. Jetzt sage ich dir, liebe Isabel, ganz herzlichen Dank dafür, dass du uns diesen bewegenden Fall erzählt hast. Danke, Isabel. Sehr gerne.