In einem süditalienischen Dorf leben zwei Cousinen. Sie sind beste Freundinnen. Doch als eine der beiden verschwindet, treten die dunklen Geheimnisse ihrer Familien zutage. Ich bin Bernd Volland und das ist Spurensuche, der Podcast von Sterncrime. Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, willkommen zu einer neuen Folge von Spurensuche. Wir sprechen über einen Fall, der in Italien spielt. Er ist bis heute einer der umstrittensten im Lande. Es geht um eine fast märchenhaft klingende Geschichte. Um zwei Cousinen, deren Mütter verfeindet sind. Eine der beiden Cousinen wird ermordet. Und was diesen Fall so ungewöhnlich macht, für diesen Mord werden zwei Menschen verurteilt, obwohl es eine andere Person gibt, die bis heute sagt, die waren es nicht. Ich habe sie umgebracht. Über all das spreche ich mit einem unserer erfahrensten Reporter, der für Sterncrime die Geschichte in Italien recherchiert hat. Ich spreche mit Nikolaus Büchse. Hi, Nico. Hallo, schön, hier zu sein. Nico, dass der Fall außergewöhnlich ist, springt einen ja an, auch schon bei dieser kurzen Zusammenfassung. Aber erzähl mal, was hat dich vor allem an diesem Fall interessiert und gereizt? Der Ort, würde ich sagen. Dieser Fall spielt in Avetra, das ist ein kleines Nest in Apulien. Das ist im Süden von Italien, weit weg von den Touristenströmen. Im Reiseführer würde man wahrscheinlich dann immer lesen, dass die Landschaft schön ist, aber man findet nicht viele Sehenswürdigkeiten in diesem Ort. So ein Geheimtipp, wo aber dann nur ein Satz dazu steht. Genau, authentisch steht dann da. Ich habe mich interessiert, weil ich gelesen habe, dass der ganze Ort über diesen Fall nicht sprechen wollte, damals als die Polizei kam und bis heute der Ort zerstritten ist über diesen Fall, dass das Urteil auch hinterfragt wird, der ganze Ort verworfen ist darüber und deshalb bin ich da hingefahren, weil ich wollte sehen, was macht solch ein Verbrechen, über das wir gleich reden, mit einer Dorfgemeinschaft. Wie muss man sich das da vorstellen, als du dann unten warst? Und wie war die Stimmung, als du da ankamst? Das ist einer dieser Orte. Da ist es heiß tagsüber. Da siehst du niemanden auf den Straßen. Da sind Katzen vielleicht, die auf der Straße rumlaufen. Aber wirklich, sonst ist es Menschen leer tagsüber, weil die Hitze einfach unerträglich ist. Und abends sitzen da wirklich noch die Alten auf ihren Plastikstühlen, die sie hervorkarren und begutachten, jeden, der da lang geht. Das findet man ganz rührend, glaube ich, wenn man so als Touri, wahrscheinlich Touris kommen da nicht so viel hin, aber wenn man jetzt als Deutscher dort runterreist und das sieht, dann ist das ja ganz urig, aber dort aufzuwachsen und zu leben, gerade für junge Leute, ist vielleicht etwas weniger cool. Nein, also die jungen Leute, wenn man mit denen geredet hat, die haben immer von einem Pub erzählt, in den sie gehen und sonst haben sie gesagt, da haben wir den Strand, der ist ungefähr zehn Autominuten entfernt, aber sonst haben wir nichts in diesem Ort. Also Avetraner, das ist jetzt kein besonders hübscher, aber auch kein besonders hässlicher Ort. Da gibt es so ein Kastell aus normannischer Zeit, da rühmt man sich mit. Dann gibt es zwei katholische Kirchen und das war es dann auch schon, ne? Ja, es ist eine Familiengeschichte, dreht sich um Familien, die eben in diesem Ort auch aufgewachsen sind. Kannst du mal ein bisschen mehr erzählen über diese Familien, um die es da geht, die Familien der beiden Cousinen? Also die Cousinen kann ich erst nochmal vielleicht kurz beschreiben, dass man die mal vor Augen hat. Da haben wir Sarah, die ist blond, 15 Jahre alt, schlank, grüne Augen. Und im Ort, wir haben uns rumgehört, als wir da durch den Ort gegangen sind, da haben alle noch gesagt, das war so eine stille Schönheit. Eine stille Schönheit. So wurde sie beschrieben. Und wenn wir dann aber gefragt haben, wie ist es denn mit ihrer Cousine, der Sabrina, die 22 Jahre alt war zum Tatzeitpunkt, dann haben die so ein bisschen geschwiegen und ein bisschen rumgedruckst und einige haben dann gesagt, ja, das war so eine stämmige Zicke. Das waren so diese Bilder, die im Ort transportiert wurden. Die hatten schon gleich so ihre Rollen. Genau, und das ist ja das, was du auch gesagt hast, so märchenhaft, die Schöne und dann die Hässliche. Das war die Zuschreibung, die ich gehört habe nach der Tat, als ich da war. Ich war sechs Jahre nach der Tat da. Das war das, was ich so gehalten hatte, wie Märchen sich so weitererzählen. Die haben zwei Mütter natürlich und diese Mütter waren zu dem Zeitpunkt verfeindete Schwestern. Die sind aufgewachsen in einer armen Familie, so eine Landarbeiterfamilie in Süditalien. Fünf Geschwister und die Familie, die hatte nicht genug Geld, um alle durchzubringen. Das heißt, die eine Schwester wurde zur Adoption an einen Onkel gegeben. Man muss sich die Gegend um Avetrana, das ist landwirtschaftlich heute auch noch. Da sind Olivenhaine um diese Gegend, rote Erde und diese alten Haine, das ist schon sehr urtümlich da, mit diesen verknöcherten Olivenbäumen, teilweise über 100 Jahre alt. Das kann man alles noch sehen. Und so war das Leben auch noch in den 50er, 60er Jahren. Aber das Leben ist auch irgendwie so 100 Jahre alt schon. Genau, so war das Leben auch in den 50er Jahren, als die aufgewachsen sind, die Eltern der beiden Cousinen, die beiden Schwestern. Mütter sind dann unterschiedliche Wege gegangen. Die haben versucht, aus der Armut zu entfliehen. Die Mutter von Sabrina, der Älteren, die ist sehr arbeitsam um ihr beschrieben worden, so pflichtbewusst und die hat dieses entbehrungsreiche Leben, was sie in ihrer Kindheit erfahren hat, für ihr weiteres Leben auch, mit aufgenommen. Das war ihre Maxime. Sie hat auch ihren Mann kennengelernt bei der Feldarbeit. Das war ein Landarbeiter. Die haben dann zwei Kinder bekommen, eben diese Sabrina und dann noch eine Schwester. Die mussten aber dann zur Großmutter gehen, denn die Mutter von Sabrina wollte mehr in ihrem Leben erreichen. Und die sind, wie viele aus diesem Ort in den 60er, 70er Jahren das getan haben, nach Deutschland gegangen. Die Kinder sind weitestgehend bei den Großeltern in Avetrana in Süditalien aufgewachsen und die sind dann später zurückgekehrt nach diesen 20 Jahren, nach Avetrana und waren gemachte Leute. Ich habe auch gelesen, oder ich glaube, es stand in deiner Geschichte ja auch drin, dass die da so. Das schickste Haus quasi in Town hatten. Ja, so richtig. Also in dem Ort gibt es so eine kleine Gegend, die würde ich jetzt als etwas Vornehmer beschreiben. Da haben die sich eine kleine Villa hingesetzt. Nichts Riesiges, aber doch schon sehr eindrucksvoll für die Verhältnisse der Avetraner. Und dann haben sie sich auch noch Land gekauft. Sie, die nie so richtig Land besessen haben, so als Landarbeiter von Feld zu Feld gezogen sind, hatten dann auf einmal ein bisschen Land und einen kleinen Olivenhain. Also so eine ländliche süditalienische Aufsteigergeschichte in dem Zweig der Familie. Und ich muss einmal übrigens dazu sagen, wir nehmen uns hier jetzt etwas mehr Zeit für diese Familiengeschichten und das Leben im Dorf, weil das, was später geschieht, sich eben auch daraus erklären lässt. Und jetzt mal zum anderen Zweig dieser Familie. Du sagtest, die Schwestern, also die Mütter von Sabrina und Sarah, seien verfeindet gewesen. Ja, die waren verfeindet. Ich glaube, die waren auch sehr, sehr verschieden oder sind sehr verschieden. Die andere Schwester, also Saras Mutter, die war nicht so stetig in ihrem Lebenslauf. Die ist durchgebrannt mit so einem jungen Arbeiter, den sie kennengelernt hat. Und das war ein Skandal. In Süditalien nennt man das eine Fuitina, eine Liebesflucht. Sie haben einen richtigen Fachbegriff dafür. Ja, das zeigt auch noch, wie diese Gesellschaftsstrukturen sind. Wie notwendig es ist, solche Maßnahmen zu ergreifen als junger Mensch, wenn du dann wenigstens ein bisschen dein eigenes Leben leben willst. Sie hat diesen Schritt gewagt. Und die Mutter ist, wie ich erzählt hatte, adoptiert worden. Das heißt, sie wuchs bei ihrem Onkel und Tante auf und hat später Geld geerbt von dem Onkel. Also wir reden jetzt von Saras Mutter, von der Mutter der Jüngeren. Also Saras Mutter, die Mutter der Jüngeren, die hat Geld vom Onkel geerbt, hat dieses Erbe angetreten und gleichzeitig das Erbe später als ihre leiblichen Eltern gestorben sind. Und das hat wiederum ihre Schwester, die Mutter von Sabrina, nie richtig verstehen können. Die hat gesagt, du hast zweimal geerbt und ich habe mich doch um unsere Eltern gekümmert. Du hattest doch gar kein Verhältnis zu denen. Und sie musste noch so schuften eigentlich in Deutschland, um sich da endlich ein Haus zu kaufen. Und der Jüngeren fällt das alles in den Schoß. Das stand immer zwischen den Schwestern. Und wenn die sich im Dorf begegnet sind, dann haben die sich nicht angeguckt. In dieser, ja, märchenhaft zerstrittenen Familie wachsen diese beiden Cousinen auf. Sarah und Sabrina, erzähl mal noch ein bisschen mehr über die beiden. Ich fange mal an mit Sabrina, die Ältere, sie ist Kosmetikerin. Und damit wir so ein Bild mal von ihr haben, die hat so ein Kosmetikstudio eingerichtet und das Kosmetikstudio ist im Haus ihrer Eltern. Die lebt im Haus ihrer Eltern mit 22 Jahren, ist ja auch nicht so ungewöhnlich in Italien. Was vielleicht ungewöhnlicher ist, ist, dass sie so ein sehr aufschlussreiches und sehr spannungsreiches Verhältnis zu ihrer Mutter hat. Die beiden behaken sich, bekämpfen sich, streiten sich, auch öffentlich, aber sie kommen nicht voneinander los. Sie hängen aneinander und finden keinen Weg aus der Umklammerung des jeweils anderen, sich zu befreien. Die Mutter wurde ja auch immer wieder als recht dominante Person beschrieben. Ja genau, sie wurde mir beschrieben, damals als ich da war, aber das sind natürlich dann auch viele Zuschreibungen, die später dazu kamen, als so eine Matrone, eine, die. Nicht nur das Leben ihrer Tochter, sondern auch ihres Mannes im Griff hat und bestimmen will und reinregiert. Es gab ein... Wirklich konstanten Streitpunkt zwischen Mutter und Tochter. Und da ging es um erfundene oder wahre Männerbekanntschaften. Da ging es um Sex vor der Ehe. Da ging es um, was sollen denn die Leute denken? Mit wem treibst du dich wieder rum? Das stand immer wieder zwischen den beiden. Und ich habe später in den Ermittlungsakten sogar gesehen, dass Sabrina sehr litt unter der Fuchtel ihrer Mutter. Die hat in einer SMS an einen Freund geschrieben, meine Mutter provoziert mich. Hast du jemals eine Mutter, ihre Tochter Nutte oder Schlampe nennen hören? Das heißt, das waren wirklich harte Vorwürfe, das waren harte Bandagen. Da fielen Worte, die normalerweise nicht hätten fallen dürfen in so einer gesunden Mutter-Tochter-Beziehung, aber die scheint es nicht gewesen zu sein. Und welche Rolle spielt der Vater in Sabrinas Familie? Der Vater, so wurde das beschrieben, spielt keine große Rolle in der Familie. Auch die Leute im Dorf, ich habe mich mit der Gemüsehändlerin unterhalten, die erzählte ihn immer als so kleinen, schmächtigen Mann. Und der immer kleiner wurde, hat sie gesagt, mit den Ehejahren. Und während seine Frau immer mächtiger, immer matronenhafter geworden wäre und auch immer bestimmter und herrschender, sei er immer mehr zu einem Schatten geworden. Das habe ich von anderen auch gehört. Da gab es dann Leute, die haben gesagt, wenn die in einem Raum waren, das Ehepaar, dann hat man einfach nur sie gesehen. Und es sei so gewesen, als sei der Mann gar nicht da gewesen. Das sei ein sehr netter, ein liebenswerter Mann gewesen, der das Herz am rechten Fleck hätte nicht gebildet. Der war auch Sohn eines Landarbeiters und hatte wirklich ein hartes Leben hinter sich. Man muss sich das mal vorstellen. Als Sechsjähriger wurde der von seinem Vater an einen Großgrundbesitzer verkauft als Landarbeiter. Verkauft? Ja, also angedient, sagen wir mal so. Abgestellt. Das war jetzt kein Sklavenhandel, aber... Das heißt, dieser Vater hat keine Schule von innen gesehen. Der ist immer an der Schule vorbei zum Feld gegangen, so hat er später erzählt. Ein ungebildeter, aber etwas treuherziger, naiver, habe ich auch gehört, naiver Mann. So wird er beschrieben. Und Sarah, die Jüngere, wuchs die ein bisschen liberaler auf, weil die Mutter ja dann auch schon mit ihrer Liebesflucht ein bisschen freigeistiger zu sein schien. Ja, Sarah, die wird immer so als ein bisschen umtriebiger beschrieben. Also man kann bei ihrer Cousine Sabrina auch sagen, man sieht so ein bisschen die Selbstzweifel in diesen Mädchen. Was immer dann auch mit diesen ganzen Vorstellungen, eine Frau hat dünner zu sein, aufgewachsen ist. Und Sabrina ist ja dann immer etwas pummeliger gewesen und darunter hat sie immer gelitten. Und Sarah, die wurde schon angehimmelt von vielen Jungs im Dorf. Das ist so ein ganz taffes Mädchen eigentlich gewesen. Die hatte Poster von Marilyn Manson bei sich im Zimmer hängen. Und Slipknot, da geht es dann richtig hart zur Sache in diesen Bands. Und gleichzeitig aber auch so ein Plakat von Dirty Dancing. Das ist halt so ein Mädchen, was ich ausprobieren will in dem Alter. Die ist 15, die ist offen für viele Einflüsse und nimmt das alles auf. Aber wer auch wichtig ist für Sie in Ihrer Teenager-Zeit, ist Ihre Cousine Sabrina. Habe ich in deiner Geschichte gelesen. Und die haben auch ein ganz gutes Verhältnis zueinander, oder? Ja, da muss man erst mal sagen, das ist ein großer Altersunterschied, würde man ja denken. Und es war so, dass Sarah mit ihrer Mutter einige Zeit, einige Jahre in Norditalien verbracht hat. Und die kam erst später nach Avetrana zurück. Und als Sarah zurückkam, kannte die natürlich niemanden. Und da war aber ihre Cousine. Und ihre Cousine, die war erst mal wie so ein Kindermädchen für sie. Die hat auf die kleine Sarah aufgepasst, hat ihr die Umgebung gezeigt, hat sie abgeholt von der Schule, sowas alles. Und aus dieser Ersatzmutterrolle von Sabrina wurde dann eine echte Freundschaft. Die haben zwar verfeinerte Mütter, aber lassen sich von ihren biestigen Müttern da nicht reinreden. Ich glaube auch in so einem Dorf, es gibt ja wahrscheinlich auch nicht so viele junge Leute, da spielen die Altersunterschiede weniger eine Rolle als jetzt in einer Großstadt wie Rom. Nein, natürlich, natürlich nicht. Also da gibt es dann natürlich eine Clique. Eine Clique von Jugendlichen, die mal rausfahren wollen, die mal an den Strand fahren wollen, die mal bloß weg wollen von diesen ewig begutachtenden Blicken der Alten im Dorf, die auf ihren Plastikstühlen sitzen. Und da fahren die raus an den Strand. So zwei Strände in der Nähe, da fahren die immer hin. Und einmal fängt es dann an, dass Sabrina sagt, komm, Sarah, willst du nicht auch mal mit? Wir fahren an den Strand. Mit der Clique. Und sie ist aufgenommen jetzt bei den Großen. Ja, und die Großen, die kümmern sich natürlich um die Sarah. Für die ist das die Kleine und jeder bemuttert die so ein bisschen und so Jungs spielerisch flirten die da mit ihr. Und da gibt es dann auch so einen Jungen, der schenkt ihr dann so eine kleine Bonch-Bob-Plüschfigur. Da sind Leute, die sich endlich für sie interessieren. Und mit einigen Leuten, klickt es und da fühlt sie sich verstanden. Und da ist dann wirklich auch noch so ein Junge, der schickt dir eine Spongebob-Figur. Das Leben hat doch noch was zu bieten in Avetrana. In dem Alter wirst du auch immer älter sein, als du bist. Ja, ja. Sabrina und Sarah sind also ganz eng. Wie stellt sich Sabrinas Mutter zu Sarah, wenn sie eigentlich deren Mutter, also ihre Schwester, hasst? Sabrinas Mutter tobt oft. Wenn die nach Hause kommt und sieht, dass die Sarah wieder bei Sabrina zu Hause, bei denen im Haus ist, in der Villa, die dann sagt, die hast du kein Zuhause, Sarah? Was machst du denn schon wieder hier? Der ist das überhaupt nicht genehm, dass ihre Tochter sich da mit der Tochter ihrer Schwester abgibt. Der junge Mann, der ihr die Spongebob-Figur geschenkt hat, ja, diesen Namen des jungen Mannes, den müssen wir uns merken, das ist Ivano. Ivano ist ein Junge, den viele Mädchen im Ort interessant finden. Einige nennen ihn sogar Ilbello di Avedrana, also der Schöne, der Schönling von Avedrana. Und später hat man bei Sarah auch einen Tagebucheintrag gefunden. Hallo, ich heiße Sarah und ich fühle eine starke Bindung zu einem Jungen. Er ist 27 und ich erst 15, aber er ist wirklich süß mit mir und knuddelt mich immer. Er heißt Ivano und meine Cousine Sabrina ist auch in ihn verliebt, aber ich weiß nicht, ob er mir gut gefällt oder ob ich ihn nur so als Freund lieb habe. Ich bin verwirrt. Das hat sie in Großbuchschreiben geschrieben. Ich bin verwirrt. Normal für das Alter. Der Altersunterschied aus unserer Perspektive nicht so ganz normal. Zwölf Jahre zwischen den beiden. Und was auch nicht normal ist oder zumindest problematisch ist, Sabrina ist auch in ihn verliebt, schreibt sie. Wie schaut denn diese Beziehung aus oder diese Schwärmerei aus? Wir reden immer vom Jahr 2010, als sich das alles dann entfaltet, worüber wir hier reden. Die haben sich neun Monate zuvor, im November 2009, haben die sich ein bisschen näher kennengelernt, die Sabrina und der Ivano. Wir wissen davon allerdings auch relativ viel, weil die sich 4.500 SMS geschrieben haben in dieser Zeit. Ordentlich. Weiß man ja eigentlich was über die Verteilung der SMS, wem wie oft geschrieben hat, was ja oft auch was über die Verteilung der Zuneigung sagen könnte? Also die meisten SMS gingen von Sabrina aus und man muss nur einige lesen sogar, um zu sehen, was für ein ungutes Gefälle diese Beziehung sofort hat. Ich kann mich an eine erinnern, an eine SMS, die sie an Ivano schreibt. Sie schreibt, scherz nicht so rum, ich meine es ernst. Ich würde gern so hübsch sein wie du und so einen einzigartigen Charakter wie deinen haben. Für mich bist du wie ein Gott. Das ist, ja, oder? Man hat dieses Muster oft. Der engstling. Ja, und das ist das Muster der Kommunikation. Sie macht sich klein und lässt ihn als übergroß erscheinen. Sie heischt ja förmlich nach Zuneigung. Da muss man ja kein Psychologe sein, um zu erkennen, was sie versucht zu erreichen. Aber hat sich auch schon mit dieser Rolle des angeblich hässlichen Endlines identifiziert? Ich meine, ich habe jetzt auch zu deiner Geschichte Fotos gesehen von den beiden und hatte durchaus auch ein attraktives Gesicht. Aber in dieser Rolle, da ist sie drin. Ja, und da sieht man ja auch, und du hast ja vollkommen recht, das ist eine hübsche junge Frau. So. Aber da siehst du auch, welche Zuschreibungen dann auf diesen Mädchen in diesem Dorf lasteten. Ja, nicht nur in diesem Dorf, aber natürlich da noch umso mehr, weil die Peergroup so klein ist, weil es so wenig Leute gibt, die dann das austarieren können. So wenig Figuren, die den Weg rausweisen könnten aus dieser Zwangswelt mit Selbstvorwürfen. Und gleichzeitig, vielleicht kann ich eine SMS mal kurz zitieren, das fand ich sehr aufstoßreich, Die andere SMS, die dieses Gefälle in der Beziehung zeigt, ist von Ivano. Und was schreibt der? Der schreibt einmal, wenn du nur Sex willst, ist gut, aber ich verliebe mich nicht. Das ist aber nicht so verpönt im Dorf, dass Ivano gerne Frauen aufreißt. Nein, als ich da war, war das nicht das Thema. Ivano ist klar in diesem Fall in der Sicht der Leute in der Opferrolle. Das sind die durchtriebenen Frauen, die ihn in diese mistliche Lage gebracht haben. ihn später dazu brachte, dass er vor der Polizei aussagen musste, so. Lass uns mal zu dem kommen, was später kommt und was dem ganzen Reigen eine ziemlich dramatische und tragische Dimension gibt. Lass uns mal zum 26. August 2010 gehen. Erzähl mal, was passiert an diesem Tag? Das ist einer der heißesten Tage des Sommers. Und das will wirklich was heißen in Apulien, wie ich eben beschrieben habe. Und deshalb gibt es nur eine Option für die Clique und für Sarah auch, der Strand. Die zieht sich in ihrem Zimmer für den Strand um, das wissen wir, das hat die Mutter nochmal ausgesagt. Es ist kurz nach 13 Uhr. Vorher war sie noch mit ihrem Vater beim Fleischer, da gibt es noch einen Bon vom Fleischer. Das sind alles so Dinge, die jetzt wichtig sind, deshalb erzähle ich die. Auch Dinge, die man weiß. Genau, das ist das Interessante. Es gibt viele Dinge, die man vermutet, aber wenige, die man weiß. Dann, 13 Uhr, Sabrina schreibt ihr eine SMS. Das wissen wir, da haben wir die Unterlagen. Und Sabrina schreibt eine SMS, ob man sich zum Strand verabreden wolle. Dann ruft Sarah ihrer Mutter zu, sie hätte jetzt eine Nachricht von Sabrina bekommen, sie würde jetzt gerne mit ihr zum Strand gehen, sie würde jetzt gleich aufmachen. Das ist die Zeugenaussage der Mutter. Sabrinas Haus ist nur so 400 Meter entfernt. Da ist so ein kleiner Weg, den sie geht und dann geht sie vorbei an einem Drogeriemarkt, an einem Schulkomplex und an weiteren Häusern, steht dann und könnte dann ankommen vor dem Haus. Das wäre ihr Weg zu Sabina. Sie wird auf dem Weg auch gesehen. Sie wird gesehen. Es gibt verschiedene Zeugen, die das später aussagen. Und es gibt dann noch als nächste Sicherheit zwei Freundinnen. Die wollten mitfahren im Auto von Sabrina ans Meer. Und die kommen an vor dem Haus von Sabrina. Da ist es schon 14.30 Uhr, also nochmal anderthalb Stunden vergangen. Und da sehen sie Sabrina stehen. Und die steht völlig aufgelöst, so wie sie sie noch nie gesehen haben, vorm Haus ihrer Eltern und sagt, die Sarah ist noch nicht da. Ich habe doch alles versucht. Ich habe versucht, sie anzurufen. Die geht nicht ran. Und ich habe es nochmal versucht. Und ihr Handy ist jetzt auf einmal ausgeschaltet. Und die Freundinnen, die sagen, sie hätten Sabrina noch nie so nervös erlebt. Sarah ist nicht da, aber sie ist halt nicht da bei einer Verabredung zum Strand. Ja. Also eigentlich noch kein Riesendrama theoretisch. Nein, also das ist ja das, was den Freundinnen so komisch vorkommt. Es ist einfach eine Verabredung zum Strand. Es ist jetzt nicht ein Notartermin, wo man da sein müsste. Sie sagt dann auch, und das wird später dann auch interessant, sie sagt doch, sie ist entführt worden, sie ist entführt worden. Wieso hat Sabrina schon den Verdacht, dass Sarah entführt worden sei? Die ist doch erst eine halbe Stunde zu spät zum Treffpunkt gekommen. Tatsächlich wissen wir, dass Sarah ja überhaupt nirgendwo mehr hingeht. Wann fing man auch bei der Polizei und fingen die anderen auch an, das Verschwinden ernst zu nehmen? Man hat relativ schnell mit der Suche angefangen. Ich habe den damaligen Bürgermeister getroffen. Der hat mir berichtet, dass er von der Polizei den Anruf bekam, ein Mädchen ist verschwunden. Und der Bürgermeister hat natürlich den Anruf bekommen und sofort das zur Chefsache gemacht. Das ganze Dorf hat eigentlich gesucht. Also da waren Karabinieri im Einsatz, da waren Freiwillige von der Feuerwehr im Einsatz und die haben gesucht. In der Gegend von Avetrana, ich hatte es schon beschrieben, da sind ja viele Olivenhaine. Und da sind auch noch, wie in so einem Irrgarten versteckt, alte Brunnen, aus 200, 300 Jahre alt teilweise, zur Bewässerung. Und man hat vermutet, dass sie vielleicht in einen dieser Brunnen gestürzt sein konnte. Aber das sind viele Brunnen wahrscheinlich. Da sind viele Brunnen. Das war die eine Spur, die man verfolgt hat. Und die andere Spur, das hat der Bürgermeister gesagt, der hat dann von der Polizei gehört, ach, vielleicht sollten wir uns gar keine Sorge machen, das war vielleicht auch so eine Fuitina. Das war so eine Liebesflucht. Die sich über die Generation gehalten hat und jetzt auch im Jahr 2010 noch eine Rolle spielt. Genau, die kommt schon irgendwann wieder und dann stehen wir vor verendeten Tatsachen. Aber so nach ein paar Tagen wird sich ja wahrscheinlich dieses Thema Liebesflucht dann erledigt haben, wenn da keine Rückmeldung kommt. Das Handy wurde auch nicht mehr geortet? Nee, das Handy war nicht mehr zu orten. Da wüsste man auch nicht. Da wird es dann schon unangenehmer. Das sagte der Bürgermeister auch. Der Ort war wirklich in Aufruhr. Und die Sorge nahm zu. Denn man weiß ja, je länger Menschen verschwunden sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie einer Straftat zum Opfer gefallen sind. Und so war es auch in diesem Fall. Und gleichzeitig sagte der Bürgermeister, war da noch was, was uns ein bisschen stutzig gemacht hat. Nämlich? Sabrina. Die war auf einmal überall. Wir wollten da Plakate aufhängen, sagt er. Da haben wir dann die Vermisstenbeschreibung draufgeschrieben. Wer hat Hinweise. Und dann kam die auf einmal und sagte, sie möchte nochmal selber drüber gucken, was da steht auf dem Plakat. Und er hat gedacht, ja, oh Mensch, die sind halt so eng befreundet. Die ist ja völlig überdreht wegen ihrer Sorge um Sarah. Ja, das ist ja auch glaubhaft. Ja, aber man hat sich schon so ein bisschen gewundert, weshalb sie so überall sein will. Wirklich klein, klein auch Einzelheiten diktieren will. Er hat sich aber gekümmert um Sabrina, weil sie tat ihm leid. Er hat dann gesagt, ja Mensch, dann bin ich mit ihr zur Kaserne der Karabinieri gegangen, die haben da eine große Einheit und habe sie begleitet. Ich wollte ihr die Hand halten, wenn sie die Zeugenaussage macht. Einfach ein bisschen Mut zu sprechen, weil die so aufgelöst mir ist. Und was hat sie denn ausgesagt? Also jetzt aus Polizeisicht wäre sie natürlich auch eine der ersten Ansprechpartnerinnen. Genau und sie war auch eine der wenigen, die geredet haben mit den Ermittlern. Das war ja auch das große Problem der Polizei, dass niemand im Ort wirklich mit der Polizei reden wollte. Ich hatte später dann mal den Staatsanwalt gefragt, wie war denn das? Und da sagte er, die Polizei ist durch den Ort gegangen, hat alle Leute befragt, und keiner hätte was gesehen. Also auch zu dem Zeitpunkt, als sie noch gesucht wurde, wo es darum geht. Ein Mädchen ist verschwunden, man kann es vielleicht noch retten, je nachdem, was da passiert ist. Ach, da hieß es dann nie, da habe ich gerade Fernsehen gesehen, nie, da habe ich geschlafen oder nie, da waren wir eh auf einer Hochzeit im Nachbardorf. Wir wissen nichts. Das war dann immer, wie er mir das dann gesagt hat, war es dann immer so, er meinte 99 Prozent der Befragung lief so ab. Die Polizei fragte, haben Sie Sarah gesehen am 26. August? Nein. Ist Ihnen was aufgefallen? Nein. Das war die Stimmung im Ort wie so eine Schweigegelübde, so kam es einem vor. Wie erklärt sich das? Ist das also so ein Misstrauen dann gegen Polizeiensteuer? Also wir sind Apulien, das ist jetzt nicht Kalabrien, Sizilien, Neapel, was man so als klassische Mafia-Region hat, aber auch dort gibt es eine Mafia. Spielt das eine Rolle, dass da so ein Misstrauen dem Staat gegenüber ist oder dass man weiß, oh, mit der Polizei überhaupt zu reden ist eh gefährlich? Ja, genau. Das ist jetzt nicht unbedingt nur Mafia, sondern es ist einfach so eine tradierte Volksweisheit, würde ich mal sagen. Also der Staatsanwalt, der war ganz verzweifelt, als er mit mir geredet hat, sagte er, ja, das ist hier in der Gegend so, vor allem in kleinen Orten, dass man immer hört, ja, wenn ich jetzt was sage der Polizei, dann heißt es gleich im Ort, der hat wen angeschwärzt. Deshalb halten sich die Leute zurück. Man will keine Scherereien haben. Und er sagte dann, diese Mauer des Schweigens, die wir in Avetrana hatten, die war schon außergewöhnlich. Das habe ich in meiner ganzen Karriere nie erlebt. Aber wenigstens Sabrina redet mit Ihnen. Die redet mit den Ermittlern und zwar erzählt die viel. Die erzählt viel über Sarah und ihr Verhältnis, wie die sich angefreundet haben und so weiter. Und sie sagt am Abend davor, da sei sie noch mit Sarah unterwegs gewesen, bevor Sarah verschwand. Und da sahen sie zusammen in so einer Kneipe gewesen und hätten einen ganz normalen, ruhigen Abend verbracht, so mit ein paar Freunden. Und Sarah, wie war die denn? fragten dann die Polizeiermittler. Und die sagt, ach nee, die war so wie immer. Die Sabrina sagt, nichts habe ich gemerkt. Wie erklärt sie ihren Ausruf den Freundinnen gegenüber, die haben sie geholt, also diesen Hinweis oder diesen Verdacht einer Entführung, wie erklärt sie den? Da hat sie jetzt keine Erklärung für, aber sie hat Theorien. Die sagt, ah, Saras Vater könnte dahinter stecken. Der treibt sich immer mit so zwielichtigen Leuten rum. Vielleicht hat einer von den Leuten sie entführt, weil der Vater mit diesen dubiosen Geschäftspartnern ein Beef hätte. Und dann erzählt sie den Ermittlern ganz glaubhaft, am Tag ihres Verschwindens, da hätte die Sarah ja so ein pinkfarbenes T-Shirt und Shorts getragen. Das könnte doch helfen bei der Suche. Und da werden die Ermittler so ein bisschen stürzlich und fragen sich, woher weißt du denn das? Du hast sie doch gar nicht an dem Tag gesehen. Kam doch gar nicht zu dir. Da sagt sie, ach nee, das Hausmädchen ihrer Tante hätte das erzählt. Dieses rumänische Hausmädchen, das könnte vielleicht dahinter stecken. Das heißt, sie präsentiert neue Verdächtige, immer neue Spuren, die sich schnell im Nichts auflösen, aber die Polizei beschäftigen. Was hat sich zwischen den Familien dann verändert? Die sind dann wohl, hatte ich den Eindruck aus dem, was du geschrieben hast, die sind dann wieder ein bisschen besser zusammengerückt in dieser Notlage. Ja, da hat dann auch Sabrinas Mutter mal, Sarahs Mutter die Hand gereicht und gesagt, komm doch mal zu uns. Und hat die eingeladen, dass sie nicht alleine zu Hause sitzt, Frau Sorgom, ihre Tochter, sondern dass man gemeinsam auf Nachrichten wartet. Sabrina ist den Carabinieri und der Staatsanwaltschaft also schon so ein bisschen verdächtig. Und was macht sie dann noch verdächtiger? Es gibt so eine Aussage, die dazu führt, dass sie auf einmal richtig in das Zentrum der Ermittlungen mit reingerückt ist. Und das erzählte mir der Staatsanwalt, der sagte, da kamen dann zwei Freundinnen zu mir und machten eine Aussage. Und die erzählten was ganz anderes über den Abend vor ihrem Verschwinden, vor Saras Verschwinden. Sabrina hat ja gesagt, das war ein ruhiger Abend und Sarah war wie immer. Und die Freundinnen erzählten, dass schon auf dem Weg dahin im Auto Sabrina Sarah angeschrien hätte, die sei haltlos vor Eifersucht gewesen und das sei immer um Ivano gegangen, Ivano, Ivano. Und im Pub, als sie da saßen, hätte Sabrina ganz laut geschrien, sodass die Gäste drumherum das auch gehört hätten und zusammengezuckt sind und hätte dann irgendwie geschrien sowas wie, du verkaufst dich doch für so ein paar Liebkosungen von dem Ivano, du lässt dich von dem antatschen. Sogar deine Mutter sagt doch, dass du dich verkaufst. So, das war der Ton zwischen den beiden. Was da über dieses 15-jährige Mädchen reinbricht. Ich meine, wenn man bedenkt, dass dann Sabrina ihre engste Bezugsperson ist und dann verguckt sie sich ein bisschen in diesen Ivan und weiß selber nicht, was das ist und auf einmal... Bricht es über sie hinein. Das haben auch die Freundinnen ausgesagt. Die haben gesagt, dass die Sarah sich nicht gewehrt hätte, sondern stumm weinend da in der Ecke in dieser Kneipe gesessen hätte. Das war die Aussage, die für den Staatsanwalt eine gewichtige Kraft hatte. Warum hat Sabrina diesen Streit verschwiegen? Sie hätte doch den Karabinieri einfach sagen können, ja, wir hatten Streit am letzten Abend. Vielleicht ist sie dann deshalb weg. Das hätte er ja sagen können. Das hätte ja keinen Verdacht irgendwie auf sie gelenkt. Aber der Staatsanwalt sagte, in diesem Moment war mir klar, dass sie und ihre Familie wirklich was zu verbergen haben. Was zu verbergen haben, aber war es. Und dann gibt es aber auch einen Fund. So einen Monat nach dem Verschwinden von Sarah, da ist auf einmal der Onkel bei den Carabinieri. Also der Vater von Sabrina. Und hat ein Handy in der Hand. Und er sagt, er habe Sarahs Handy in seinem Olivenhain gefunden. Das Handy, das ist ohne Akku, das hat er in der Hand. Und das hätte er in seinem Olivenhain unter dem Blatt liegen sehen. Und wie kam er dazu? Dann hat er zufällig geschaut unter das Blatt. Ja, das ist die Erklärung, die die Ermittler auch stützen lässt. Er sagt, er hätte nach einem Schraubenzieher gesucht. Im Olivenheim. Im Olivenheim. Man muss sich das mal vorstellen, was die Ermittler da gedacht haben. Da sucht einer doch keinen Schaumzieher im Olivenheim. Und ich meine, die hatten ja alles durchsucht. Das ist ja wie eine Nadel im Heuhaufen suchen, in diesen Olivenhallen nach Hinweisen zu suchen, nach Handy oder nach einer mutmaßlichen Leiche. Und er wusste gleich, dass es Saras Handy ist. Er wusste, dass es Saras Handy ist. Und, wieso findet ausgerechnet er was, der Vater von Sabrina, die die ganze Zeit ja den Ermittlern so viel verschwiegen hat. So verdächtig war, dass das Handy nicht oxidiert war. Also das hätte jetzt ja einen Monat lang in der prallen Sonne gelegen. Das sah aber so aus, so laienhaft, wie ich das jetzt mal beschreiben würde, als hätte man das da mal kurz hingelegt höchstens oder als hätte es nie in einem Olivenhain gelegen. Ja, und einige Tage darauf kommt es ja zu einer Wendung, wie ich deiner Geschichte entnehmen durfte. Und diese Wendung wird ein Millionenpublikum live mitverfolgen können. Das ist ein Ereignis, das in die italienische Mediengeschichte einging. Und ich weiß, man muss ein bisschen vorsichtig sein mit diesem Wort historischer Moment und so weiter. Aber der Moment war wirklich krass und äußerst fragwürdig. Da steht eine Moderatorin im Studio und interviewt eine sichtlich gezeichnete Frau, die irgendwo in einem Wohnzimmer sitzt und live ins Studio zugeschaltet ist. Diese Frau im Wohnzimmer, das ist Saras Mutter und man sieht sie auf einem großen Bildschirm im Studio. Und dann wird der Mutter ein Handy gereicht und danach ist sie wie vom Blitz getroffen. Wir spielen einmal einen Ausschnitt aus den Momenten nach dem Handy-Telefonat ein. Ist das absurde? Nein. Du verstehst. Hört ein Moment, entschuldige. Pronto. Sprecher, du bist mit den Brickhäern, mit den Carabinieren Lidia-Vetrana? Ja, aber nicht, nicht im Cellulose. Ja, nicht. Die Notizie ist eine Terrischein, mit großem Überraschung, weil sie spricht von der Verküpfung. Ja, auch wenn man kein Italienisch versteht, hat man vielleicht das Wort Kadaver heraushören können. Die Mutter sagt nämlich im Wohnzimmer, sie haben eine Leiche gefunden. Und dann sagt sie, das ist absurd, das kann nicht wahr sein. Nico, was haben unsere Zuhörerinnen und Zuhörer gerade hören können? Und was haben wir uns beide jetzt gerade hier auf dem Rechner angeschaut? Ja, wir haben gerade einen Ausschnitt gesehen aus einer Sendung, die heißt Chila Visto. Das ist so eine Crime-Sendung im italienischen Fernsehen. Und da wurde Saras Mutter zugeschaltet. Saras Mutter, die saß zu dem Zeitpunkt, als sie zugeschaltet wurde in Avetrana mit einem Fernsehteam und zwar im Haus von Sabrinas, Mutter und wurde einfach zugeschaltet und es ging darum, ja, die Tochter ist verschwunden und so weiter. Man sieht das Studio, die sitzt da und es ist einfach so eine vermissten Suchsendung, wie man die kennt. Über drei Millionen Italiener schauen zu, Eine ganz populäre Sendung. Und es geht ganz normal darum, Familien, Mütter, Väter, Brüder, Schwestern erzählen von den Vermissten. Das trug sie zum letzten Zeitpunkt. Da wurde sie zuletzt gesehen. So was alles. Das ist alles, wie man das kennt, wird gesehen. Und dann kommt eine Breaking News. Mitten in dieser Sendung, während die Mutter zugeschaltet ist. Man habe die Leiche gefunden. Okay. Und man sieht eine versteinerte Frau. Also man kann sich das ja vorstellen. Da sitzt diese Mutter, kriegt mitten im Fernsehen diese Nachricht. Da ist jetzt kein Psychologe, der das irgendwie nahe bringt. Ja, die sitzt da wie paralysiert. Man sieht eh schon, wie die vom Versorge und Kummer ausgemärkt eingefallen ausschaut. Ja, eine Frau zu sein, die einfach wie so eingekerkert ist drin. Also da ist jetzt überhaupt keine Redung groß mehr, nichts mehr fähigt. Völlig über und über mit Gefühlen durchflutet. Man reicht dir dann doch irgendwie ein Handy, ne? Genau, das ist dann der Höhepunkt dieser Sendung, in diesem absurden Theater, was sich in dieser Fernsehsendung abspielt. Und zwar wird ihr ein Mobiltelefon in die Hand gedrückt und man hört sie dann fragen, das ist doch absurd, oder? Ich kann das gar nicht glauben, mein Schwager ist doch unschuldig. Mein Schwager ist unschuldig, das sagt die mehrmals. Und wieder und wieder sagt die, mein Schwager ist unschuldig. Und die Kamera, die hält die ganze Zeit drauf. Die zeigt, sie wird dann immer wieder nur ungläubig stammeln, mein Schwager ist doch unschuldig. Aus nächster Nähe haben wir diesen Grausagen-Moment im Fernsehen eingeführt. Ja, ein unfassbarer, furchtbarer Fernsehmoment, über den ja bis heute noch in Italien diskutiert wird. Jetzt müssen wir zu dieser Szene, glaube ich, auch noch zum Verständnis sagen, dass die Mutter ja, Nico, nicht nur am Telefon erfährt, dass die Leiche ihrer vermissten Tochter gefunden wurde, sondern sie hat auch erfahren, dass es ein Geständnis gibt. Deswegen sagt sie eben auch immer, mein Schwager ist unschuldig, weil nämlich Sabrinas Vater, der Onkel von Sarah, ein Geständnis bei der Polizei gemacht hat. Nico, erklär uns mal, wie kam es zu diesem Geständnis und damit zum Fund der Leiche? Ja, das war das Interessante. Und darauf ist der Staatsanwalt auch unglaublich stolz. Wir hatten ja diese Geschichte mit dem Handy, was er gefunden hat von Sarah. Und der Staatsanwalt war so skeptisch, dass er das Auto des Vaters von Sabrina verwanzen lassen hat und ihn einbestellt hat. Und während der Vater zur Vernehmung gefahren ist, hat er ein Selbstgespräch geführt. Das wurde natürlich dann abgehört durch diese Wanzen im Auto. Und er hat dann gesagt, das tut mir leid für die Familie, ich werde es jetzt sagen. Sollen Sie doch denken, was Sie wollen. So ist es gelaufen. Für den Staatsanwalt wirklich ein Indiz dafür, dass er jetzt nachbohren musste bei dieser Vernehmung. Und die Vernehmung, die dauerte schon sieben Stunden. Der Staatsanwalt sagte, da habe ich nichts rausgekriegt. Ich habe es immer wieder versucht. Ich habe immer wieder gesagt, hier, sagen Sie mir doch, was ist passiert an jenem 26. August 2010? Was haben Sie mit Sarah gemacht? Was war denn da in Ihrem Haus? War was in der Garage? Was ist wirklich passiert? Und dann hat er gesagt, der Vater hat nur geschwiegert nichts gesagt. Der Staatsanwalt hat immer neue Versuche gestartet und hat gesagt, war es vielleicht ein Unfall, ist ja alles nicht so schlimm, dann können sie ja vielleicht was erklären. Diese ganzen Tricks, die Vernehmer erfahren und Vernehmer haben. Die aber auch heikel sind. Also dieses auch Angebote machen, was könnte denn passiert sein. Sieben Stunden ist auch eine ganz schöne Zeit. Und so wie du ihn beschreibst, ist der Mann auch nicht der aller Gebildetste und vielleicht auch nicht der aller Intelligenteste. Das ist auch eine heikle Situation. Genau, wir hören das ja nur allzu oft von Vernehmungssituationen, in denen Menschen gestehen, weil sie einfach erschöpft sind, weil sie einfach am Rande ihrer Kräfte sind. Der Staatsanwaltschaft sieht das natürlich naturgemäß nicht so. Und der sagte, ich habe dann nach sieben Stunden endlich die Idee gehabt. Ein Trick ist mir eingefallen, ein Vernehmungstrick. Und ich habe gesagt... Sie wissen doch, dass die Sarah nicht getauft war. Und der hat ans katholische Gewissen gerührt. Genau, der sagte, lassen Sie uns wenigstens mal dafür sorgen, dass ihr noch ein Segen gespendet wird. Man kann das doch alles nicht ein ganzes Leben lang mit sich rumschleppen. Das ist ein Mädchen von 15 Jahren und das hat keinen Segen. Okay. Und dann hat er gesagt, vielleicht war es doch auch missgeschickt. Jetzt sagen sie uns doch wenigstens, wo der Körper liegt. Und dann? Dann hat der Onkel, also Sabrinas Vater, hat einfach nur noch auf den Boden geguckt, sagt der Staatsanwalt, und lange geschwiegen, hat dann auf seine Hände geguckt, die lagen so auf seinen Schenkeln, und hat nur ganz leise gesagt, Der Körper liegt nah am Grundstück meines Vaters, in einem Brunnen. Wenn ihr wollt, kann ich euch das zeigen. Ich will aber nicht, dass meine Ehefrau das erfährt, dass ich euch das jetzt gesagt habe. Es ist so oder so schwierig, dass sie es nicht erfährt. Dieses Gestittnis wurde dann auch gleich durchgestochen und landete quasi zeitgleich nahezu beim Fernsehen und führte zu diesem bitteren Moment. Und jetzt kommt aber auch der Moment der Wahrheit. Er sagt, er führt sie zu dem Brunnen. Wie läuft das dann ab? Du hast das ja eindringlich auch im Text beschrieben und glaube ich auch mit jemandem gesprochen, der da dabei war. Giovanni hieß dieser Mann, der wollte seinen Nachnamen nicht genannt wissen. Das ist diese Vorsichtsname in diesem kleinen Ort. Giovanni, der ist beim Zivilschutz und ein stämmiger Mann und der sagte, erinnert er sich noch gut, der ist dann zu dem Olivenhain mit mir gefahren. Das ist schwer zu erreichen, dieses Gelände. Da brauchen wir schon so einen Allradwagen, um da hinzukommen. Und der sagt, führte mich dann zu einer Stelle, da war so ein Krater zu sehen, mittendrin in dieser roten Erde. Und er sagte, da haben wir gegraben. Hier haben wir dann den Körper gefunden. Die haben in drei Meter Tiefe in so einem alten Brunnen den Körper gefunden. Und der Giovanni ist runtergestiegen. Den hätte man nie gefunden. Den hätte man nie. Das war halt verschüttet mit dieser Erde. Und der Giovanni ist runtergestiegen in diesem Brunnen und ihm ist eine Sache aufgefallen, da nennt er sich heute auch noch, der sagte, da an ihrem Hals. Da war so ein Striemen, so ein Würgemal. Das war dir richtig auch deutlich zu sehen. Das hat er gesagt, ja. Also nach sieben Stunden Vernehmung, das Geständnis von Michele hat gestimmt, er weiß, wo die Leiche liegt. Man hat es jetzt geborgen, aber was hat er gesagt, was ist mit Sarah passiert? Ja. Der Staatsanwalt hat mir erzählt, der hatte natürlich dann viele Fragen. Nachdem klar war, da lag ja wirklich eine Leiche. Also der hat Täterwissen. Und in den nächsten Tagen hat er dann den Vater von Sabrina befragt. Immer wieder. Der Staatsanwalt sagte mir, das war so, als ob der Vater jetzt wirklich sein Gewissen erleichtern wollen würde. Der hat nicht mehr geschwiegen, sondern der redete und redete und redete. Und er sagte, an dem Tag sei er von der Arbeit auf dem Feld nach Hause gekommen und dann sei er so gegen 14 Uhr in seine Garage gegangen und er wollte dann den Traktor holen. Und um 14.25 Uhr ungefähr sei Sarah dann zu ihm in die Garage gekommen, vielleicht um ihm Hallo zu sagen oder so. Und die waren ja auch verabredet. Ja, genau. Und waren ja im Haus, war ja mit seiner Tochter war sie ja verabredet. Als Sarah dann wieder hochgehen wollte, dann habe er ein Seil genommen und sie von hinten gewürgt. Und habe ihren Körper dann mit Pappe zugedeckt und in dem Moment... Also habe sie erwürgt. Habe sie richtig erwürgt und dann den Körper bedeckt. Und Sabrina hätte dann aber von oben gerufen, dass er mal Bescheid sagen soll, wenn Sarah da ist, weil die wollen ja noch am Strand fahren. Und dann hätte er nur gesagt, okay, und hätte die Leiche dann weggebracht, in den Brunnen geworfen und die Kleider an einer anderen Stelle verbrannt, damit man sie nicht identifizieren kann sofort. Und auf dem Rückweg hat er die Batterie von Sarahs Handy auch weggeworfen. Aber warum hat er sie umgebracht? Ja, das war natürlich die Frage, die der Staatsanwalt da hatte. Das hat ihn beschäftigt. Das war jetzt so die erste Version, die er gehört hatte. Und er hat weiter nachgebohrt. Dann sagte der Staatsanwalt, das war schwierig, dieses Verhör dann in den nächsten Tagen, weil der Vater immer konfuser war und hin und wieder zusammengebrochen ist. Und dann habe er eine neue Geschichte erzählt. Seine Tochter habe Sarah mit Gewalt in die Garage gebracht. Sie hätten beim Mittagessen ausgemacht, Sarah Angst einzujagen, damit sie nichts von den sexuellen Belästigungen erzählte. Also er habe sie sexuell belästigt, über längere Zeit. Es sei eskaliert. Sabrina habe Sarah festgehalten, er habe Sarah mit einem Strick um den Hals gewickelt, sie dann aber nicht töten wollen, es sei ein Versehen gewesen. Um ihr Angst einzujangen. Also er hat sie über längere Zeit vorher schon sexuell belästigt und jetzt hat er Sorge, dass sie das zählt. Und Sabrina habe ihm geholfen. Und dann wollten die ihr eine Lektion erteilen mit einem Seil um den Hals. Genau. Unter Mithilfe von Sabrina. Genau. Und da wurde Sabrina dann auch festgenommen. Aber diese Geschichte hat der Staatsanwalt nicht so ganz geglaubt? Nee. Also ich glaube, mir kommt es ja auch ein bisschen schräg vor. Ja, natürlich. Das ist wirklich schwer nachzuvollziehen. Und es sind auch so bruchstückhaft, kommen da immer wieder Häppchen neu hinzu zu seiner Version. Der Staatsanwalt, dem ging es genauso, wie dir es jetzt gerade geht. Der sagte, dass er sich so winden würde und dass er nicht klar eine Geschichte erzählen würde, würde darauf hindeuten, dass er ihn anlügen würde. Und deshalb hat er ihn nochmal befragt und da hat der Vater schon wieder neue Häppchen gebracht. Er hat gesagt, er habe nämlich Sarah noch an die Scham gefasst, bevor er sie erdrosselt habe. Und er habe sie allerdings, das müsste er jetzt zugeben, schon einige Wochen vor dem Mord immer wieder sexuell belästigt. Und der Staatsanwalt da sagte dann, ja, das kann ja schon ein Motiv sein, aber diesen Tathergang, den habe ich jetzt immer noch nicht verstanden. Wie soll das passiert sein? War Sabina dabei oder nicht? Ach, in der zweiten Version war Sabina dann doch wieder nicht dabei. Das variierte dann immer wieder. Und die Frage vom Staatsanwalt war, das fand ich ganz interessant, der konnte mir ja genau erklären, der Vater, wie er den Körper seiner Nichte versteckt hat, aber er konnte mir nicht genau erklären, wie er sie umgebracht hat. Das blieb ja immer vage in seinen Erklärungen. Da hat der Staatsanwalt gesagt, ich hätte jetzt nur eine Möglichkeit, ich brauchte eine Ortsbegehung. Naja, und Sabrinas Aussage, was hat Sabrina dazu gesagt? Sabrina äußert sich nicht dazu. Die sagt, sie hat damit nichts zu tun. Sie wisse nicht, was ihr Vater da aussagt, was er für einen Unsinn erzählt. Okay, eine Frage, die sich der Staatsanwalt offenbar auch stellt. Genau, das ist schon einige Monate später, Mitte Oktober 2010, geht er dann mit dem Vater in die Garage seines Hauses. Und da soll der Vater mal zeigen, wie er seine Nichte erdrosselt haben will. Aber der Vater, der wirkte total fahrig. Der zögerte mehrmals, sagte der Staatsanwalt. Und irgendwie ging das Ganze durcheinander, die Erzählung des Vaters. Dann, am Ende, sagt der Vater noch, Sabrina sei nach der Tat in die Garage gekommen und habe die Leiche ihrer Cousine gesehen. Also irgendwas müsste dann ja Sabrina schon... Zuerst hat sie festgehalten und ihn beim Erwürgen gefühlt. Jetzt hat sie gesehen. Dann war sie gar nicht dabei. Jetzt hat sie die Leiche gesehen. Ja, also irgendwas ist mit Sabrina, meinte der Staatsanwalt. Das war ihm dann klar. Also irgendwie ist alles fahrig und durcheinander. Der Mann weiß ja, wie er die Leiche vergraben hat, aber er weiß nicht, wie es passiert ist. Und irgendwie taucht Sabrinas Name immer wieder auf. Das heißt, es musste noch mal weiter ermittelt werden. Was war denn da mit Sabrina? Okay, und was ergaben die Ermittlungen in Richtung Sabrina dann? Ja, man guckt sich das genauer an. Man befragt noch mal alle möglichen Leute. Zum Beispiel wird Sarahs Mutter nochmal befragt und Sarahs Mutter erzählt, ihr seid ja schon komisch vorgekommen, dass, gleich am Abend nach dem Verschwinden von Sarah, sei Sabrina in Sarahs Zimmer gegangen und hat dann die Tagebücher sich angeguckt von Sarah und hat gesagt, die müsse da nach Hinweisen suchen, wo die stecken könnte. Dann hat aber Sabrina auch noch gesagt, so ein Tagebuch, das darfst du nicht der Polizei geben, denn da steht was über Ivano drin und das bringt den nur in Schwierigkeiten. Und dieses Tagebuch haben sie aber dann doch bekommen? Ja, in diesem Tagebuch, da stehen interessante Tagebucheinträge drin. Zum Beispiel findet sich da ein Eintrag. Gestern bin ich mit Sabrina und Ivano ans Meer gefahren und ich hatte richtig Spaß. Sabrina hat aber gesagt, dass sie das nächste Mal alleine mit Ivano sein will und dass ich zu Hause bleiben muss. So ein Quatsch. Wenn sie so ist, geht sie mir richtig auf den Sack. Das heißt, man sieht, das Verhältnis der beiden Cousinen sich schon verschlechtert hatte. Ivano, über den wir vorhin schon ein bisschen länger gesprochen haben, rückt jetzt wahrscheinlich auch ins Blickfeld der Ermittler. Jetzt nicht als Tatbeteiligter, aber als jemand, um den sich da vielleicht was entsponnen haben könnte. Genau, denn man findet auch noch einen Tagebucheintrag und der wurde am Morgen ihres Verschwindens, also kurz bevor Sarah wirklich nicht mehr gesehen wurde, hat sie geschrieben, heute bin ich von einem Bohrer wach geworden, gestern bin ich mit Sabrina und ihrer Freundin ausgegangen. Wir waren in einer Kneipe und haben schnell noch Red Bull getrunken. Dann sind wir nach Hause gegangen. Und Sabrina war wie immer sauer, weil sie meinte, wenn Ivano da sei, wäre ich nur mit ihm zusammen. Na klar ist das so. Wenigstens hat er mich ein bisschen lieb im Gegensatz zu ihr. Wenn ich nur so einen Freund haben könnte, naja, ich bin daran gewöhnt, dass ich keinen kriege. Das heißt noch so ein Hinweis, dass es da wirklich einen Streit um Ivano gab. Sabrina, Sarah, Ivano. Wirklich so ein Dreieck. Und man kann dann das rekonstruieren anhand dieser 4.500 SMS, dass ein Riss zwischen den beiden Cousinen sich aufgetan hat nach dem 3. August 2010. Denn am 3. August 2010 kam es dazu, dass Sabrina und Ivano im Auto Sex hatten. Aber mittendrin hat Ivano Sabrina zurückgestoßen und gesagt, nee, nee, nee, er wolle die Freundschaft nicht gefährden und sie solle von dieser peinlichen Episode wirklich nichts erzählen. Obwohl er anfangs ja nur Sex wollte. Genau. Aber auf einmal war es ihm peinlich und man darf nichts davon erzählen. So oder so, eine Scheißsituation für Sabrina auf Deutsch gesagt. Demütigend, kränkend. Für ihn ist das nur eine peinliche Episode, diese große Liebe, die sich vorgestellt hat. Sie wühlt das so auf, dass sie einer Freundin davon erzählt. Und da ist Sarah auch dabei, als sie das der Freundin erzählt. Und Sarah erzählt es dann auch weiter. Jedenfalls landet diese Geschichte dann wieder bei Ivano. Der erfährt, dass diese peinliche Episode, die er so vertuschen wollte, geschwätzt im Freundeskreis ist. Die vor allem peinlich auch für Sabrina ist. Ja, genau. Also weil Ivano, der konfrontiert dann Sabrina und Sarah. Also er ist wirklich voller Wut und will eine Erklärung. Und Sabrina, die sagt, ich habe doch nichts erzählt, ich habe doch nichts erzählt. Aber in dem Moment ahnt sie vermutlich, dass Sarah das ausgeplaudert hat. Und in diesem Moment, so ist das die Theorie der Ermittler, fängt Sabrina an, auf Rache zu sinnen. Hat im Tagebuch, wenn Sie die Tagebucheinträge gehabt haben... Und Sabrinas Vater von wiederholten sexuellen Belästigungen ihm erzählt hat. Fand sich da was in den Tagebüchern wieder? Also wenn die sich ja für sich und offen und hat ihr ganzes Herz dort entleert, dann ist es ja nicht unwahrscheinlich, dass eine sexuelle Belästigung des Onkels auch irgendwie in den Tagebüchern niedergeschrieben wird. Fand sich da was? Nein, da fand sich in den Tagebüchern nichts. Da gab es jetzt keine weiteren, Indizien, die darauf hindeuteten. Also das haben sich die Ermittler auch angeguckt, auch weitere Frauen im Ort befragt, aber da gab es keine weiteren Hinweise, die da jetzt darauf hindeuteten, dass es wirklich so war. Also im Motiv haben Sie, das nachvollziehbar ist in Bezug auf Sabrina, aber das Geständnis steht. Ja, denkt man. Da denkt man, das Geständnis steht, aber das Geständnis wackelt und zerbürstet. und wird wieder neu aufgebaut in den nächsten Wochen, dass es wirklich unglaublich ist, dass man immer denkt, krass, was ist denn jetzt wieder los? Und so sagt das der Staatsanwalt. Der hat ihn dann eine Woche später nach dem letzten Geständnis im November 2010 dann wieder befragt. Der wollte Einzelheiten. Der wusste jetzt immer noch nicht, wie der Tathergang gewesen ist. In dieser Vernehmung erzählt jetzt der Vater wieder eine ganz andere Geschichte. Er habe gerade oben gelegen im Haus und so ein Nickerchen gemacht. Und dann habe er seine Ehefrau und Tochter streiten gehört. An diesem 26. Sehnten. Seine Ehefrau und die Tochter. Genau. Die hätten gestritten und er hätte dann seine Frau schreien hören. Du treibst dich mit einem Mann rum, mit anderen Männern auch immer. Das alte Thema. Genau, was sollen die Leute denken und so weiter. Und dann auch wieder, wieso ist Sarah eigentlich immer hier sowas? Dieses Geschrei habe er gehört. Und dann habe Sabrina wiederum seine Frau angebrüllt. Du weißt doch immer alles und ich weiß wieder nicht. Dann habe er, also da sagt der Vater, nur noch so Namen gehört in diesem Geschrei, in diesem wilden Geschrei. Sarah, Ivano und noch anderen Männernamen. Das habe er nur noch gehört und sei dann hochgeschreckt aus seinem Nickerchen. Sabrina habe nämlich gerufen, Papa, komm in die Garage, komm runter, da ist was passiert. Und dann, was fand er dort vor? Laut dieses Geständnis? Ja, in dem Geständnis, sagt er, da lag dann Sarah in der Garage. Und Sabrina hat gesagt, jetzt ist es geschehen. Im Grunde hat die mich gestört. Und er habe dann gefragt, wer übernimmt jetzt die Verantwortung dafür? Und dann hätte Sabrina gesagt, ja, ich war es. Ich übernehme die Verantwortung. Und er habe dann gesagt, nee, nee, du bist erst 22 Jahre alt. Ich bin viel älter. Ich habe ja nicht mehr so viel Leben vor mir. Ich nehme die Verantwortung auf mich, aber erzähle das niemandem. Also wieder ein Geständnis und diesmal eins, dass Sabrina belastet. Aber sie leugnet weiterhin, streitet weiterhin alles ab. Steht Aussage gegen Aussage. Was machst du da als Staatsanwalt? Ja, warten, das macht dann ein Staatsanwalt. Aber in diesem Fall musste er nicht lange warten, denn im April 2011, also vier, fünf Monate nachdem das letzte Geständnis, des Vaters gemacht wurde, da gibt es dann eine Aussage eines Mannes, der bisher noch nichts gesagt hatte, der Polizei. Und zwar war das der Blumenhändler im Ort in Avetrane. Den habe ich dann auch später getroffen, als ich da war und der war sehr zerknirscht. Der wollte eigentlich auch gar nicht mit mir reden, aber ich war nun mal da in seinem Blumenladen und hat mich so ein bisschen rausgeschoben aus seinem Laden und der hat dann mir nur gesagt, die Polizei hat alles zusammengedichtet, die wollte doch nur Täter schnell präsentieren. Und was die Polizei zusammengedichtet haben soll, das ist wirklich jetzt eine, unglaubliche Geschichte. Und zwar der Blumenhändler, der hat im April 2011 eine Aussage gemacht. Der Blumenhänder ist wirklich so ein, ich habe dir noch vor Augen, so ein schmächtiger, kleiner Mann. Der hat sich dann zur Polizei begeben und hat ausgesagt, so findet es sich in den Akten jedenfalls, dass er nach dem Mittagessen am 26.10. Rausgegangen sei. Das muss so 13.20 Uhr, sagte er, gewesen sein. Und auf der Straße, ungefähr so drei, vier Meter von der Kreuzung, da habe er so einen grau-hellblauen Opel Astra gesehen von der Mutter von Sabrina, das Auto. Das kennt man ja im Ort, kennt man nie. Nicht nur die Person, sondern auch die Autos. Genau. Und die hätte dann ihre Nichte, also die Sarah, angeschrien und dann gedroht gesagt, du steigst jetzt in den Wagen. Und hätte dann so eine eindeutige Geste mit dem Zeigefinger gemacht, so nach dem Motto, hier, Kopf ab sonst, wenn du einsteigst. Das gibt er dann auch zum Protokoll. Jedenfalls wird es so aufgenommen in diesen Unterlagen, dass er den Eindruck hatte, dass Sarah sichtlich verstört gewesen ist nach dieser Ansage. Und dann hätte er auch noch, das sagt der Florist, dann hätte er auf dem Rücksitz vom Opel noch eine stämmige Frau gesehen. Und da sei es jetzt nicht ganz sicher, wer das gewesen ist, aber vielleicht sei es ja die Sabrina gewesen. Das würde schon passen. Dann erzählt er dann, dass hätte er später dann auch, dass er es gesehen hätte, hätte er seiner Mitarbeiterin erzählt und seiner Frau erzählt. Und seiner Frau, das kommt dann später dann alles nochmal zu Tage, hätte er dann erzählt, er hätte das nur geträumt. Wobei er kam ja dann auch später nochmal zur Polizei und sagte selber auch, das war ein Traum. Genau, das ist das Interessante. Erst sagt er das aus, das findet sich so in den Akten. Dann sagt er, es ist ein Traum und die Ermittler sind dann auch skeptisch und fragen nochmal nach und ermitteln. Und es kommt raus, dass er mit seiner Mitarbeiterin eine Affäre hatte. Das war die, die er auch davon erzählt hat. Genau, aber an dieser Stelle, wo er es gesehen haben will, hätte er gar nicht sein dürfen. Das war auf dem Weg zu ihr, der Wohnung der Mitarbeiterin. Und das sollte natürlich die Frau nicht herausbekommen, so jedenfalls die Erwägung der Ermittler, dass sie denken, er hätte jetzt diese Traumgeschichte oder Traumerklärung vorgeschoben, um die Affäre zu verdecken. Aber er bleibt ja bis heute, wo die Affäre schon längst draußen ist, bei dieser Aussage, dass es ein Traum gewesen sei. Wieso hat das so lange gedauert, bis er zur Polizei ging? Naja, er war gezwungen, zur Polizei zu gehen. Also er wollte ja, wie gesagt, die Affäre verdecken. Aber die Mutter der Mitarbeiterin, so eine Klatschtante im Dorf, so wird sie beschrieben, die hatte das schon längst der Polizei erzählt. Also er hat es seiner Mitarbeiterin, die zugleich seine Affäre ist, das wiederum erzählt. Als Traum oder vielleicht als wahr, weiß man nicht. Die erzählt es der Mutter, die Mutter erzählt es im Dorf und daraufhin sagt die Polizei, komm mal her. Genau. Und dann macht er diese Aussage. In der es kein Traum ist. Wie Sarah im Grunde genommen von Sabrinas Mutter auf der Straße abgegriffen wurde. Ja, so ein Kidnapping. Aggressiv, wie so eine Art Kidnapping. Macht das Aussage und ein paar Tage später kommt da zur Polizei und sagt, nee, aber es war nur ein Traum. Genau. Okay. Und das ist dann auch interessant, weil natürlich das ein zentraler Belastungshinweis ist, diese Aussage. Und die Ermittler fragen dann natürlich auch immer wieder nach und die Ehefrau sagt, er habe immer von einem Traum gesprochen. Die Mitarbeiterin sagt dann später auch, er habe von einem Traum gesprochen. Aber die Mutter der Mitarbeiterin sagt, nee, vom Traum hat er nie gesprochen. Die haben die ja dann sogar auch noch abgehört. Ja, genau. Jetzt ist es noch viel für viele. Die haben der Mutter der Mitarbeiterin, die haben sie so ein bisschen angeheuert als verdeckte Ermittlerin. Die haben gesagt, hier ist ein Aufnahmegerät und dann befragt man ein paar Leute. Aha, okay. Also das hat dann später die Verteidigung natürlich auch, wie ich finde, zu Recht kritisiert. Was sind das denn für Methoden? Traum, Nicht-Traum, Entführung, Nicht-Entführung. Auf alle Fälle ist jetzt auch Sabrinas Mutter dann im Visier der Polizei. Genau. Jetzt kommt die Realität rein in diesen Fallen. Und die Realität schlägt zu sogar in Form einer Festnahme. Die Mutter von Sabrina wird festgenommen. Der Staatsanwalt, das ist wirklich so ein Mann, so selbstsicher und selbstgewiss, wie man den vielleicht nur aus diesen Verfilmungen von Kommissario Brunetti kennt. Also so ein Typ ist das. Der war ganz stolz, als er mir sein Indiziengerüst vorgezeigt hat. Da glaubt er bis heute dran. Der sagte, dass Sarah um 14 Uhr angekommen sei bei Sabrina in dem Haus und die hätten dann gestritten. Daraufhin sei Sarah dann aus dem Haus rausgelaufen, hätte geweint und Sabrina und ihre Mutter, die um die Ehre ihrer Tochter gefürchtet hat, die seien hinterhergefahren. Weil Sarah diese Ivano-Geschichte rum erzählt. Und natürlich alles weiß sie über ihre Tochter. Und was kommt denn da noch? Die hat ja immer diese Verdächtigung über ihre Tochter. Die hätte ihrer Tochter nicht vertraut. Was hat sie da noch mit anderen Männern angefangen? Was plaudert Sarah denn da noch aus? Also das war diese Befürchtung. Die Theorie. Dann seien sie halt hinterhergefahren. Mutter und Tochter hätten dann die Nichte abgefangen auf der Straße, wie das der Blumenhändler ja auch beschrieben hat. Und seien dann wieder in die Villa gefahren, in die elterliche. In der Zeit sei dann aber auch der Vater in der Garage. Und die hätten weiter gestritten, die Frauen alle untereinander. Dann sei die Situation richtig entgleist. Dann hätte die Mutter ihre Nichte festgehalten. Die Mutter greift Sarah. So kann man sich das vorstellen. und. Sabrina hätte sie erdrosselt. Das heißt, die waren zu zweit da. Denn das war auch immer die These, denn es waren keine Spuren zu finden an der Leiche von Sarah. Keine Spuren von Hautfetzen oder irgendwas. Das heißt, die hat sich nicht gewehrt. Normalerweise würde man, wenn es eine Person getan hätte, schon Hautpartikel finden des Täters oder der Täterin. In diesem Fall keine Hautpartikel zu finden. Das heißt, die These war ganz klar. Da sind sich die Ermittler völlig einig. Sarah muss von zwei Personen ermordet worden sein. Aber die Leiche lag ja auch ziemlich lang im Brunnen. Kann man da noch sehen? Kann man da noch sicher Material finden? Genau, man hätte noch hinter den Fingernägeln hätte man noch was finden können. Das war, waren sich auch die Exitute einig, dass da noch was zu holen gewesen wäre. Genau, also so weiter die Theorie. Die waren zu zweit. Sabrina erdrosselt ihre Cousine. Und die Mutter hält sie fest. Und der Staatsanwalt stützt vor allem diese Theorie auf SMS, die er ausgewertet hat. Zum Beispiel ist da eine SMS einer Freundin, diese eine Freundin, die mit an den Strand wollte und die schreibt um 14.23 Uhr an Sabrina, ich ziehe mir mein Bikini an und ich komme. Und 30 Sekunden später hat Sabrina geschrieben, soll ich Sarah Bescheid geben? Eine Minute später schickt Sabrina eine SMS an Sarah, mach dich fertig, wir fahren ans Meer. Und wieder drei Minuten später fragt Sabrina, Sarah, hast du die Nachricht gelesen? 13 Sekunden später geht ein unbeantworteter Anruf von Sarahs Handy bei Sabrina ein. Ja, wobei, wenn sie ja eben unschuldig wäre, wäre daran ja nichts verdächtig, sondern das wäre normal, oder? Vielleicht ein bisschen schnelle Abfolge, dass sie dann gleich anruft. Ja, aber jetzt kommt der Clou, dass die beiden Handys, also von Sabrina und Sarah, waren im gleichen Bereich einer Mobilfunkzelle eingeloggt. Und man konnte ganz genau rekonstruieren, dass dieser Bereich in einer Nische der Garage in diesem Haus von Sabrina sein musste. Kann man das so genau rekonstruieren? Das konnte man ganz genau machen. Also gerade in so einem kleinen Kaff, die wären ja nicht 300 Sendemasten oder da steht nicht an jedem Haus ein Mast. Genau, aber da in der Nähe schon. Und da ist wirklich dieser Wechsel und da ist wirklich so eine Situation, die es da, glücklicherweise, sagt der Staatsanwalt, für sie leicht machte nachzuweisen, dass wirklich in der Garage beide Handys zu diesem Zeitpunkt waren. Während ein Austausch war über SMS und über Telefon. Was keinen Sinn macht. Was keinen Sinn macht. Der Staatsanwalt sagt, Sabrina hat diesen SMS-Wechsel nur inszeniert, um später ein Alibi zu haben. Das glaubt dann letztlich auch das Gericht. Welche Urteile fällt das Gericht dann? Das Gericht verurteilt Sabrina zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes, und ihre Mutter auch zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und zwar wegen Beteiligung an diesem Mord. Dann den Vater zu acht Jahren Haft, weil er den Leichnam von Sarah beseitigt hat und natürlich Beweise manipuliert habe. Und den Bruder des Vaters auch nochmal zu sechs Jahren Haft, weil der hat, so meinte die Staatsanwaltschaft nachweisen zu können und die Richter urteilten das ja auch, der habe dann auch bei der Beseitigung der Leiche geholfen, denn es fand sich ein Telefonanruf, des Vaters an seinen Bruder in diesem Zeitraum. Und dieses Urteil stützte sich, wie gesagt, auf diese Indizien und es blieb dabei, dass die Frauen, also die Sabrina und ihre Mutter sagten, nein, wir waren das nicht, wir haben damit nichts zu tun. Und der Vater, der ja mit acht Jahren verhältnismäßig wenig Strafe im Vergleich zu seinen Frauen da gehabt hat, der blieb dabei, ich war es alleine, ich war der Mörder. Aber er ging dann von seinem letzten Geständnis oder dann war es ja vielmehr eine Zeugenaussage, ging er dann wieder weg und hat wieder gestanden, ich war es doch alleine. Genau, er war es alleine, das war das Letzte, das vor Gericht hat er es gesagt und ich habe dann mit seinem Anwalt auch noch getroffen und der Anwalt sagte auch, dass sich Zeugenaussagen fanden von Mithäftlingen, die immer auch nur erzählt haben, er blieb bei dieser einen Version. Ich war es alleine, ich habe es getan, um eine sexuelle Belästigung meiner Nichte zu vertuschen. Das war sozusagen sein letztes Geständnis, den aber keiner mehr glaubte. Genau, und der Anwalt sagt, mein Mandant, dieser Mann vom Land, dieser naive Arbeiter, wurde so unter Druck gesetzt, dass er, so ein Spielball wurde von verschiedenen Einflüssen, also von der Staatsanwaltschaft, von seiner Frau, von seiner Tochter, dass er ein falsches Geständnis abgelegt habe. Puh, wasserdicht, ein wasserdichtes Urteil sieht anders aus. Basiert auf dem Traum, also man versteht schon, warum dieser Fall eine ganz schön große Debatte ausgelöst hat. Was sind denn die Punkte, die so angezweifelt werden? Naja, du hast es schon gesagt, da ist dieser Traum. Da ist eine wirklich zentrale Aussage. Da ist ein Mensch, der hat zu dem Zeitpunkt gesehen, dass Sarah ins Auto gezogen wurde. Das ist wirklich ein zentraler Zeuge und der widerruft das. Der sagt, das ist nur ein Traum. Das ist wirklich sehr strittig. Da gibt es dann wirklich ganze Podcasts und Filme und so weiter von Italien, die eigentlich nur diesen Traum verhandeln. Und ich habe den Mann ja getroffen, den Blumenhändler. Also er wirkte auf mich ernsthaft verzweifelt, als ich ihn darauf angesprochen habe. Naja, der ist ja auch das, wenn ich mir vorstelle, in dem Dorf keiner will reden. Ja. Und er wird quasi, er erzählt seiner Geliebten von diesem Traum oder was er gesehen hat. Wissen wir nicht, was wir glauben sollen. Und er ist dann der entscheidende Zeuge eigentlich. Ja. Ja, er ist der Anschwärzer. Viel Spaß im Dorf. Genau, niemand, das hat ja der Staatsanwalt gesagt, will in diesem Dorf reden, weil er nicht der Anschwärzer sein will und der Blumenhändler. Weil er nichts Falsches machen will. Genau, und der Blumenhändler hat alles falsch gemacht. Okay, aber das Urteil ist natürlich damit auch sehr wackelig. Naja, man muss natürlich dann wiederum sagen, es gab ein Berufungsverfahren. Sowohl die Anwälte von Sabrina und ihrer Mutter als auch den Anwalt vom Vater. Und die haben natürlich Berufung eingelegt mit dem ersten Urteil. Dann gab es aber noch ein Urteil und das wurde bestätigt und dann ist er sogar nach Rom gegangen vor das Oberstgericht in Italien und auch dort wurde es bestätigt. Was macht denn der Anwalt vom Vater, was wollte denn der in der Berufung? Wollte der dann, dass sein Mandant, wie er selber will, wegen Mordes ins Gefängnis kommt oder was machst du denn da als Anwalt? Du hast Mandanten eine Tat gesteht, für die er nicht beschuldigt wurde letztlich. Ja, also der sagte mir auch, der bot mir wirklich tollen Kaffee an und guckte mich nur so zwinkernd oder auch ein bisschen verzweifelt an und sagte, ich habe einen Fall, den hatte ich noch nie in meinem Leben. Ich soll eigentlich normalerweise immer meine Leute rauspauken und jetzt habe ich einen, den soll ich ins Gefängnis bringen. Also was ist das für eine Rolle, die ich ja habe. Der versuchte dann trotzdem, das Verfahren neu aufzunehmen, weil er dachte, er will wenigstens ein ordnungsgemäßes Verfahren in Gang setzen. Und vielleicht kommt dann ja noch raus, dass mein Mandant das gar nicht war, auch wenn man das gar nicht will. Das war immer dieser Versuch des Anwalts. Ein großes Thema, das ja in der Debatte auch eine Rolle spielt, sind Geschlechterbilder. Das wird, glaube ich, wenn ich es so richtig verstanden habe, aber auch in den italienischen Podcasts ist vor allem, wo es debattiert wurde oder im Fernsehen, dass die Polizei sich vernarrt hat, diese böse Frau. Das ist ja auch irgendwie die Geschichte, die im Dorf schon zu kursieren scheinte. Diese Matrone bringt mit ihrer Tochter das junge Mädchen um und war ja auch eine krasse Berichterstattung im Lauf der Ermittlungen. Diese Theorie, der sei die Polizei irgendwie nachgehechelt und die Staatsanwaltschaft, bis sie die beiden irgendwie in den Knast gebracht hätten. Ja. Wie stehst denn du dazu? Also ich weiß, es ist schwierig, weil man muss dann selber den Sherlock-Holmes-Wut aufsetzen und nochmal eine eigene DNA-Untersuchung machen, aber du schätzt das ein, so gut du kannst. Also ich will jetzt nicht die Urteile anzweifeln. Also wie gesagt, das ging vor das Oberstgericht in Rom sogar. Da will ich jetzt gar nicht sagen, dass es da Verfahrensfehler oder so weiter gab im Urteil. Aber man muss sagen, was wirklich erstaunlich ist und was sich niemand wünschen darf in solchen Ermittlungen ist, die Rolle der Medien. Also da war während der Prozess lief, haben Beschuldigte Interviews gegeben, haben Zeugeninterviews gegeben und man weiß ja, wie schnell das sein kann oder geschehen kann, dass. Medieninterviews, Interviews in Zeitungen, im Fernsehen andere Zeugen beeinflussen. Da gab es zum Beispiel den Fall, dass ein Ehepaar Sarah gesehen haben will am Tag ihres Verschwindens und es hatte zuerst zu Protokoll gegeben, es habe Sarah um 14.30 Uhr gesehen. Das ist ja die Zeit, wo die Staatsanwaltschaft sie schon längst in der Garage vermutet, aber das Ehepaar hatte angegeben, sie noch auf der Straße gesehen zu haben. Später hat das Ehepaar diese Aussage revidiert und man fragt sich, warum haben die die Aussage revidiert? Weil sie vielleicht gelesen haben in der Zeitung, dass 13.45 Uhr die Zeit ist, wo ein anderer die gesehen hat. Also man hat da viel Einflüsse von außen, die, auch auf Zeugen dann eingeprasselt sind und die dazu geführt haben, dass wir einen ganzen Wust von Vorstellungen in diesem Fall haben und gar nicht mehr genau wissen, was Fakt und Fiktion ist. Und da ist es natürlich wie ein Symbol dieser Traum des Blumenlers. Ja, ja, ja. Auch dieses Märchenhafte und dass so die Geschichten dann so ein Knoll bilden, bis man nicht mehr weiß, was wahr ist. Aber natürlich sehr bitter, weil der Mord an ihr, so oder so, egal wie ihr geschehen ist, natürlich sehr tragisch ist. Nico, ganz, ganz herzlichen Dank, dass du dir die Zeit gemacht hast, uns diesen spannenden und komplexen Fall zu erzählen. Danke dir, Nico. Vielen Dank. Und euch, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, lege ich wie immer unseren Stern-Crime-Bereich bei Stern.de nahe. Den Link gibt es in der Folgenbeschreibung. Und weil nach der letzten Folge mit Matthias Beusinger ein paar Nachfragen kamen, seinen ganz tollen Podcast Luchterhand findet ihr auch bei Stern.de und auch dazu gibt es den Link in der Folgenbeschreibung. Und jetzt sage ich Tschüss und hoffe, ihr seid auch in zwei Wochen wieder bei der nächsten Folge dabei.