Luis Garavito hat fast 200 Morde begangen. Und wahrscheinlich wären es noch viel mehr geworden, wenn sich nicht eines Tages ein junger Provinzermittler an seine Fersen geheftet hätte. Ich bin Bernd Volland und das ist Spurensuche, der Podcast von Stern Crime. Liebe Hörerinnen und Hörer, willkommen zu einer neuen Folge von Spurensuche, in der wir uns heute in die Ferne bewegen, nämlich nach Kolumbien. Wir sprechen über Luis Garavito und wenn ihr seinen Namen googelt, werdet ihr wahrscheinlich auf Platz 1 irgendwelche, Serienkiller-Charts finden, die sich an der Zahl der Opfer orientieren, denn die sollen in seinem Fall bei fast 200 liegen. Ich bin jetzt selber kein großer Freund dieser Superlative und dieser Charts, wenn es um übelste Verbrechen geht. Und deshalb möchte ich mich heute mit meiner Gästin auch nicht nur über die Taten dieses Mannes unterhalten, sondern vor allem auch darüber, wie es gelang, diesen Mörder zu fassen. Denn diese Jagd war alles andere als einfach. Ja, und jetzt begrüße ich unsere Stern-Crime-Autorin Antonia Schäfer, die für uns in Kolumbien eben auf die Suche gegangen ist. Hi Antonia. Hallo lieber Bernd, schön dich zu sehen. Ja, ich freue mich auch, dass du da bist. Antonia, Kolumbien ist jetzt ja kein Neuland für dich gewesen, wie ich weiß. Was verbindet dich mit diesem Land? Also ich war ja selber als freie Journalistin und Reporterin jahrelang selber in Kolumbien tätig. Ich habe dort gewohnt mehrere Jahre. Ich war kurz vor dem Friedensvertrag zum ersten Mal dort im Land und als es eben einen Vertrag gab zwischen der Guerilla und der Regierung, die ja nun den jahrelangen Bürgerkrieg beenden sollte. Dachte ich mir, die Reaktionen in Europa waren zu jubilierend. Es wirkte so, als wären jetzt alle Probleme in diesem Land gelöst. Und das kam nicht ganz mit meinem Verständnis von Kolumbien überein. Und dann bin ich als freie Journalistin dort rübergegangen. Antonia, was ich an dir als Autorin schon immer geschätzt und bewundert habe, ist, dass es dir echt wahnsinnig gut gelingt, Leute ausfindig zu machen und selbst in den entlegensten Winkeln. Ja, das ist ja keine besondere Gabe, die ich hier habe, sondern das ist natürlich irgendwie ganz klares Klinkenputzen von vornherein. Man findet einen Erstkontakt, das ist die Basisarbeit, die man macht. Und bei mir ging das so los, dass ich an einen Journalisten herangetreten bin und so lange mich weiter die Kette entlang der Kontakte geschraubt habe, bis ich an einen Ermittler kam, der mir tatsächlich sehr, sehr viel über diesen konkreten Fall erzählen konnte. Und man fängt an und man versucht sich weiter zu hangeln, bis man an einen Kontakt kommt, der tatsächlich spannend ist für die Geschichte. Du hast den Mann schon angesprochen, mit dem ich gerne einsteigen würde in die Geschichte. Den Mann, der diesen Luis Garavito jahrelang gejagt hat. Er heißt Aldemar Duran. Wer ist dieser Mann? Aldemar Dudan ist ein sehr seriöser Typ. Ganz durch und durch, bodenständig, vorbereitet. Der ist seit kurzem im Ruhestand, hat den Großteil seines Lebens eigentlich als Ermittler bei der Staatsanwaltschaft verbracht. Ist heute 58 Jahre alt. Das ist jemand, der ist aufgewachsen in einer Gegend, die vom Kolumbianischen Bürgerkrieg, wir haben ihn gerade angesprochen, schwerst gebeutelt war. Seine Mutter ist mit ihm und seinen Geschwistern umgezogen, als er noch ein kleiner Junge war, um vor der Gewalt zu fliegen. Er ist dann mit 17 zum Militär gegangen. Das ist etwas, was in Kolumbien relativ häufig der Fall ist, weil es eine Form der sicheren Einnahmequelle ist. Und gerade wenn deine Chancen nicht besonders rosig aussehen und du sonst aus dem Dorf, das wahrscheinlich von Gewalt von verschiedenen Gruppen, von verschiedenen Seiten bedroht ist, wenn du da sonst nicht anders rauskommst, ist das der Weg, den relativ viele einschlagen. Und den hat eben auch er eingeschlagen. Unser Dodant ist dann schnell aufgestiegen, wurde dann zum Ermittler bei der Staatsanwaltschaft in Bogotá mit nur 21 Jahren. Bogotá, der Hauptstadt, wo es richtig rund geht. Wo es auch richtig rund geht, beziehungsweise ging in der Zeit. Insbesondere in jener Zeit. Ja, in jener Zeit. Heute ist das natürlich auch ein ganz anderes Bild. Aber zu dieser Zeit war es eben so, dass er einiges an schweren Fällen auch bearbeiten musste. Genau, also Mitte 20 ist er dann aus Bogotá weg und nach Armenia, Quindío. Das ist ein Gebiet mitten in der Kaffeezone in Kolumbien, wo eben auch bis heute der Großteil der Kaffeebohnen herkommt, die wir auch kennen. Und das galt damals als eine absolute Insel der Ruhe. Also man muss sich vorstellen, da gibt es Kaffeebauern, die mit ihren gestärkten Stoffumhängen durch die Berge stapften und dann mit so Maultieren in die Innenstädte kamen, um Kaffee auf den Märkten zu verkaufen. Also das Ganze sieht da so ein bisschen aus wie so eine Postkarte. Die ganze Umgebung ist eben auch berühmt für seine koloniale Architektur, die so ganz bunt angemalt ist, also ganz hübsch. Und Durán hatte das Gefühl, er ist endlich angekommen und hat so seine Idylle in dieser Postkarte für sich gefunden. Also man muss sich diesen Ort auch wirklich so vorstellen. In Kolumbien ist Bürgerkrieg, Drogenkriege. Und da ist eine Ecke, wo es dieser Ermittler hingeschafft hat, wo es nicht ganz so wild zugeht. Und man ahnt es natürlich auch, wenn man sich diesen Podcast anhört, das bleibt nicht so idyllisch. Was passiert da eines Tages? Und zwar ging für Duran die Geschichte eigentlich los an einem Freitag im Juni 1998. Da ist eben Folgendes passiert in der ländlichen Gemeinde Genova. Das ist so eine Nachbarschaft von Armenia, die aber in seinem Ermittlungsgebiet fiel. Da ist ein Junge verschwunden und das war der 13-jährige Neu Gabriel García Lozano. Seine Mutter hat ihn eigentlich losgeschickt, um Arepas zu besorgen. Arepas, das sind so Maisfladen in Kolumbien, die man zum Frühstück isst. Und sie hat ihn zu seinem Großvater geschickt, der noch welche hatte oder backen wollte. Er hat seinen Pfad geschnappt und ist losgefahren und ist nicht wieder zurückgekommen. In Hamburg würde man sagen, die hat ihn einfach in der Früh mal zum Brötchen holen geschickt. Genau, genau. Und das ist natürlich irgendwie ein sehr, sehr kleiner Ort. Wir sind da auch hingefahren. Genova, das ist so 90 Minuten weit weg von Armenia, muss man sich vorstellen, im Auto. Wenn man da zu seinem Großvater fährt, dann ist man fünf Minuten mit dem Fahrrad unterwegs. Und man hat keine Sorge, seinen 13-jährigen Sohn zum Maisfladen holen, dort zu schicken. Aber er verschwindet, er kommt nicht mehr zurück, kommt nicht beim Großvater an. Er ist spurlos verschwunden und das bleibt er auch einige Tage, bis ein Bauer in einem Waldstück in der Umgebung oder darüber, besser gesagt, Geier kreisen sie. Und das sind vier Tage danach. Er ist dann dort hingegangen und macht einen ganz grausigen Fund. Er findet insgesamt drei Leichen. Also nicht nur eine. Nicht nur eine, drei Leichen auf einmal. Eine davon stellt sich heraus, ist neu, ist der kleine Junge, der verschwunden ist. Und außerdem findet er zwei weitere Jungen im Alter von 10 und 13 Jahren. Dieser Zustand, in dem sich diese Jungen befinden, ist ganz grausam. Das ist ganz fürchterlich. So etwas hat man in dieser Region auch noch nie gesehen. Also ich beschreibe das jetzt, möchte aber auch sagen, für wen das jetzt zu hart ist, sich das anzuhören, der kann vielleicht so ein bisschen weiter skippen. Die Köpfe dieser Leichen sind vollständig abgetrennt, sind gefesselt an Händen und Beinen und haben schwerste sadistische Verletzungen an Genitalien und After. Es ist schon so, dass dem einen Jungen die Hoden komplett fehlen, der Penis wurde entfernt, die Prostata sowie die Eingeweide und die Augen sind auch nicht mehr dort. Also sie finden ja dann nachher auch die Köpfe, die Augen sind rausgetrennt. Ein Schreckensfund und es klingt so, als wären die ja auch noch nicht so lange gelegen. Das heißt wiederum, wer auch immer das gemacht hat, hat in kürzester Zeit diesen drei Jungen angetan und sie getötet. So sah das aus. Dort neben lag auch ein Messer und etwas, was sich auch weiter durchziehen wird durch unseren Fall, eine leere Flasche von einer billigen Whisky-Likör-Marke, die auch bis heute in Kolumbien bekannt und getrunken ist, die nennt sich De La Corte. So ein Aldi-Schnaps. Was unternahm die Polizei jetzt? Also es gab ein absolut riesiges Entsetzen in der gesamten Kaffeezone und da gab es dann eine sofortige Gründung einer Sondereinheit. Also man hat fieberhaft monatelang versucht, mögliche Täterhinweise zu sammeln, ist nicht so richtig weitergekommen tatsächlich. Und das Ganze nahm dann solche Formen an, dass man irgendwelche Obdachlosen, die mal nett zu Kindern waren, eingesperrt hat. Denen konnte man dann aber nichts nachweisen, die musste man dann nach einigen Monaten wieder freilassen. Und man merkte so, man kam an seine Grenzen. Irgendwann, wie das eben so ist, schrumpft auch das öffentliche Interesse. Die Beamten hatten keine neuen Spuren und die Taskforce, die schrumpfte immer weiter. Kann ich mir auch vorstellen, in so einem kriegerischen Land in jener Zeit, dass es natürlich auch noch schneller geht, dass solche Fälle dann aus dem Blickwinkel verschwinden. Ja, also ich meine dieser Zeitzusammenhang in Kolumbien und der ganze politische Hintergrund vor dem Bürgerkrieg. Ich meine, man muss sich vorstellen, Escobar war einige Jahre zuvor getötet worden, gefasst worden, aber die anderen Kartelle. Escobar, der damals weltgrößte Drogenbaron, kann man sagen. Also es gab genug zu tun in Kolumbien. Also dass diese Gruppierung, die Sondereinheit, die sich mit diesem Fall der drei Jungen beschäftigte. Nach einigen Monaten weniger wurde, beziehungsweise die Ermittlungsarbeit nicht mehr ganz so intensiv war, das kann man sich dann schon ganz gut vorstellen. Eigentlich wollten sie das aufgeben und dann kam Dodans Chef zu ihm, das war im Oktober 98, also wirklich so einige Monate später, und sagte, bitte prüft es nochmal, guck dir die Akten doch ganz genau mal an. Dodan, der war damals nämlich für Sexualdelikte zuständig und hat sich dann an diese Akten gesetzt und hat tatsächlich nur einen anderen Mitarbeiter, der ihn da unterstützt hat. Und der sozusagen, er hat das dann so beschrieben, vom Büro ausgearbeitet hat, während er eben unterwegs war und die Leute befragt hat vor Ort nochmal. Und sein Mitarbeiter, der im Büro saß, der hat ja auch beschrieben, es waren noch so ganz alte gelbliche Rechner. In Kolumbien war das Internet nicht richtig angekommen zu dieser Zeit. Die Rechner waren eher tatsächlich Rechner. Die hat man dann zum Rechnen benutzt oder zum Notizen machen. Und Dodan war eben auswärts unterwegs und der Kollege saß im Büro und hat ihm dazugearbeitet und alte Akten rausgesucht. Eine richtige Taskforce gab es eigentlich nicht mehr, sondern nur noch die beiden. Also er ist wie aus dem Nichts eigentlich zu diesem Fall gekommen, der, wie wir heute wissen, riesig war. Wie spricht er denn heute über diesen Fall? Ja, das war für mich schon auch berührend, ihn zu sehen, weil das ist ein Typ, der ist irgendwie militärisch, der ist seriös, den bringt auch nicht so schnell aus der Ruhe. Aber als er dann anfing, er hatte so eine dicke, abgegriffene Mappe dabei, wo ganz viele Notizen drin waren, Berichte, Fotos, alles mögliche. Und das machte er dann auf und zeigte mir eben die verschiedenen Dokumentationen dieses Falles und man merkte, dass ihn das richtig anfasst. Und er sagte mir dann auch, dieser Fall, der hat mich bis heute nicht losgelassen und er hat ihn dann irgendwann mit einem Roman von Gabriel García Márquez verglichen. Das ist ja einer der wichtigsten Autoren Kolumbiens, der so den magischen Realismus begründet hat. Und er sagte eben, der ist so komplex und unverständlich wie ein Roman von diesem Schriftsteller. Magischer Realismus, da muss man sich vorstellen, das ist so ein bisschen die Realität, aber verknüpft mit so Ideen von Übernatürlichen, die aber im Alltag auftauchen der Menschen. Also es gibt in Kolumbien tatsächlich auch bis heute viele Menschen, die an Brucheria, also an Hexereien glauben und bestimmte Dinge dann auch fast sehen oder es so beschreiben, als wären sie in der Realität so passiert. Okay, also er ist jetzt mit seinem Kompagnon am Rechner allein verantwortlich für diesen tragischen Fall, der aber auch so ein Mysterium darstellt. Sie haben keinen Tatverdächtigen, Sie haben irgendwie keine Ansätze, wo Sie suchen können, aber hatten Sie irgendwie eine Idee, warum das passiert ist, womit das zusammenhängen könnte? Ja, Durand hat sich natürlich irgendwie schon seine Thesen zurechtgelegt und die basierten aber eigentlich darauf, in welchem Zustand sich die Opfer befunden haben. Also er hat sich so drei Ermittlungsstränge überlegt. Das eine ist, dass dort satanische Rituale stattgefunden haben könnten. Das zweite ist praktisch Organhandel, weil ich hatte das ja erwähnt, dem einen Jungen fehlten ja auch die Organe. Körperteile abgetrennt wurden. Und das dritte war, dass es sich vielleicht um so eine Form der Opfererbringung für Götter handeln könnte. Und er hat mir dann erzählt, das ist so ein bisschen um die Ecke gedacht, aber er hat mir dann erzählt, dass die Drogenhändler, die Kartelle dieser Zeit, um sozusagen sich von ihren Sünden reinzuwaschen, Gott in irgendeiner Form Opfer erbracht hätten, um dann sich selber auf die gute Seite zu bringen und somit in den Himmel zu kommen. Also das war so diese verquere Denke. Das ist aber auch tatsächlich passiert. Also zu solchen Taten ist es auch gekommen. So hat er es mir erzählt, dass das in dieser Zeit auf jeden Fall auch passiert ist. Klingt jetzt für mich als Europäer ehrlich gesagt nach drei sehr exotischen Ansätzen. Ja, und die sind es auch. Aber man muss sich einfach vorstellen, in diesem Moment, es gab diese Idee des sexuell motivierten Serienmörders in Kolumbien überhaupt nicht. Also man kannte halt, wie gesagt, man kannte Gewaltdelikte, man kannte Vergewaltigungen, aber so diese Idee des brutalsten Hinrichtens der Opfer nach einem sexuellen Übergriff, das hatte man dort einfach nicht gesehen. Wo sah er denn jetzt nun Ansatzpunkte? Er wusste nicht ganz genau, wie er da weiter ansetzen sollte, weil seine Theorien auch am Ende nicht zielführend waren. Und dann kam tatsächlich sein Chef nochmal und hatte Berichte aus anderen Bundesländern, sag ich jetzt mal. Also die Verwaltungsgebiete heißen in Kolumbien Departamentos. Und zwar gab es Morde an Jungen in elf dieser 32 Bundesländer. Und diese Jungen, die waren alle zwischen sechs und 15 Jahre alt. Die hatten so ein ähnliches Profil. Also es gab die Fesselung an Händen und Beinen bei allen diesen Fällen. Es gab Schnittwunden am Hals oder eine Art der Enthauptung, wie wir sie ja auch bei Neu und den anderen beiden Jungen gesehen hatten. Und es gab eine brutale Verstümmelung von Genitalien oder dem After. Es waren keine indigenen Kinder und es waren keine schwarzen Kinder darunter, sondern es waren immer Kinder mit heller Haut. Es waren außergewöhnlich hübsche Kinder, die große Augen hatten. Und sie waren alle, stammten alle aus relativ ärmlichen Verhältnissen. Also das waren entweder Straßenkinder oder Losverkäufer, Gelegenheitshelfer, also Kinder, die sozusagen ihre Eltern im Außerhaushalt geltlich unterstützt haben. Durán hat diese Fälle gesammelt und hat sich dann mit verschiedenen Ermittlern zusammengesetzt, die diese Fälle auch bearbeitet haben. In der Nachbarschaft Pereira, das ist so eine der größeren Städte dort in der Region. Und dann gab es eine Form des landesweiten Aktenabgleiches, was natürlich nicht wie heute. Wo man sich dann austauschen kann über digitale Plattformen, sondern jeder hat seinen Aktenstapel mitgebracht und man hat dann nebeneinander gelegt, guck mal, könnte das auch in dieses Profil passen. Und am Ende standen da 95 offizielle Vermisstenfälle mit exakt diesen Profilen. Und 43 sehr Jungen waren bereits tot aufgefunden worden. Und diese 43 Jungen hatten alle ähnliche Verstümmelungen? Absolut, absolut. Du sagst schon, die Idee, Sexualdelikt liegt ihnen fern, aber hatten die irgendwie so eine Vorstellung, mit wem sie es da zu tun haben könnten? Also es war schon die Idee, dass dahinter eine organisierte Gruppe steckt. Dass das mehrere Täter sein müssen, irgendeine Form der Vereinigung, weil es eben auch so geografisch ausgebreitet war. Und das war dann für die Ermittler nicht vorstellbar, dass es sich dabei um einen Menschen handeln könnte. Also weder geografisch noch psychologisch. Und es war aber auch so, dass man nur eine ganz, ganz dünne Beweislage hatte. Also in allen diesen Fällen, das war eben auch so wie so ein roter Faden, der sich da durchzog, haben die Zeugen den Täter, wenn sie ihn überhaupt gesehen haben, nur ganz spärlich beschreiben können. Es war ein großer Mensch, eine große, schlanke Gestalt, die mit einem Beutel oder Rucksack unterwegs war. Und das war es irgendwie. Also die Menschen konnten sich nicht an sein Gesicht erinnern, in keinem dieser Fälle. Und das ist eben auch etwas, worauf Durán immer wieder eingegangen ist. Er sagte dann, er war eigentlich wie ein Teufel. Diese Menschen, die konnten sich nicht an sein Gesicht erinnern. Und das hob er immer wieder hervor. Und da spielt ja schon diese Idee von der Hexerei so ein bisschen mit rein. Rückwirkend betrachtet. Hat es eine gewisse eigene Note. Das ist ja ein bisschen schwierig, weil man in der Ermittlungsarbeit zu sehr ans Magische denkt. Hatte man da schon so eine Art Modus operandi eigentlich rausarbeiten können, wie diese Opfer abgegriffen wurden? Man hatte Ideen, aber es gab jetzt keine konkreten Hinweise. Also es war ein Mensch, der am helllichten Tag unterwegs war mit einem Rucksack. Man hatte sich dann überlegt, okay, vielleicht ist das ein fahrender Straßenverkäufer. Also wenn es dann der Verband der Gruppe ist, dass das mehrere sind, die sich dann so getarnt haben, um diese Kinder anzusprechen und auf sie aufmerksam zu machen. Und es war aber eben so, dass Dodan, unsere Ermittler, damit irgendwie nicht weiterkamen. So fing er dann an, sich umzuschauen nach Konzepten, die außerhalb von Kolumbien, zu Erfolg führten oder an denen gerade geforscht wurde. Und so kam er eben auf FBI-Profile von Serienmördern in den USA und begann sich damit zu beschäftigen. Also da erfuhr er auch erstmal, dass es dieses Phänomen gibt. Dass es dieses Phänomen gibt, genau. Und für ihn reifte so langsam diese Idee in seinem Kopf. Also schaute er sich diese Profile an, schaute sich diese Arbeit des FBI mit Serienmördern in den USA an und sagte sich... Schaue ich in die Richtung. Das könnte auch das sein, was dort bei uns passiert. Und was lernt ihr aus diesen Profilen? Also für ihn war so die zentrale Erkenntnis, dass sich Täter Serienmörder von Tat zu Tat steigern. Ein Mörder muss nicht immer ein Mörder gewesen sein. Es kann auch vorher ein Vergewaltiger gewesen sein. Und das kann auch vorher jemand gewesen sein, der Menschen nur anfasst. Und dann hat er für sich eben diesen Rückschluss draus gezogen und hat gesagt, Vielleicht hat er Kinder, die in dieses Opferprofil reinpassen, vorher vergewaltigt und die haben überlebt. Und dann hat er so seine Ermittlungsrichtung angepasst. Nämlich, es gibt da noch Menschen, die ihn vielleicht besser beschreiben können. Es gibt da Menschen, die vielleicht überlebt haben und die mir mehr über ihn erzählen können. Das Problem war aber dann wahrscheinlich, Überlebende zu finden. Er war ja in einem Zweierteam unterwegs mit seinem Kompagnon im Büro. Und die beiden haben sich dann durch tausende alte Akten gewühlt. Also wie gesagt, es gab ja keine Digitalakten, man konnte nicht nach Stichworten suchen und das waren wirklich auch Kisten, die irgendwo verstaubt waren. Und das Ganze sah aber erstmal relativ fruchtlos aus. Also er hat da nichts gefunden. Also er wollte auch, so klingt das dann so, selber sein eigener Profiler sein. Ja, also er wollte vor allem Jungen finden, die in diese Profile reinpassten. Und am Ende war es tatsächlich eher ein Zufall. Und zwar hörte er in Armenier immer wieder von einem Jungen, davon haben die Leute einfach erzählt, und zwar war das Branferney, Bernal. Das waren so Gerüchte, da gibt es einen Jungen, dem ist was passiert, der ist entführt worden oder was auch immer. Was ist denn die Geschichte dieses Jungen? Diese Geschichte, die spielte im Jahr 1990. Und zwar hat Branferney in diesem Moment in Kalakar, das ist auch wieder so eine Art Vorort von Armenia, hat er auf die Kampfhähne von seinem Vater aufgepasst. Diese Kampfhahn-Arenen, die gibt es tatsächlich bis heute in Kolumbien. Das ist ziemlich brutal. Da werden die Hähne eben darauf abgerichtet, dass die mit diesen sehr spitzen Krallen aufeinander losgehen. Dieses ganze Ambiente, das sind Bauern, die da zusammenkommen, die eben diese Kampfhähne mitbringen. Die betrinken sich da. Da gibt es Aguardiente, das ist dieser Anis-Schnaps, der da sehr, sehr viel getrunken wird. Und die sind sich auch nicht so schade, die anderen Kampfhähne, gerade die stärkeren, zu sabotieren. Und Ranfenays Aufgabe war eben auf diese Hähne, die eingesperrt in, ich sag mal so Kästen, wie so Holzkästen, das sind nicht richtige Käfige, sondern richtig so Holzkästen, wo dann Löcher, Luftlöcher oben drin sind, auf die musste er aufpassen, damit eben nicht die Gegner kommen und in diese Luftlöcher den Schnaps reingießen, weil das war so ein bisschen. Das war der Trick, die Hähne besoffen zu machen. Ja, oder fast erstickt damit. Also muss man sich vorstellen, er stand außerhalb von dieser Arena, hörte das Rumgebrüll der Bauern drin und stand so ein bisschen im Dunkeln abseits und passte eben auf die Hähne seines Vaters auf. Der Vater kam dann auf ihn zu und sagte, ja, du musst jetzt kurz zum Hauptplatz gehen, weil ein Freund von mir, der hat die Schlüssel mitgenommen von diesen Kampfhähnen. Und dann ist Branfenay zu dem Platz gegangen, hat aber niemanden mehr gefunden, ist dann umgekehrt zurückgekommen und sah dann eine Gestalt an diesen Hahnenkäfigen stehen. Und das war ein unbekannter Mann. Und der hat ihn dann angesprochen und hat ihm gesagt, hör zu, kannst du nicht ein paar Sachen für mich tragen, ich bezahle dich, ich gebe dir Geld dafür. Und bei einem Fanny, der war zögerlich, der sagte, nee, nee, ich muss ja hier auf die Hähne aufpassen. Und dann ganz plötzlich änderte sich die Stimmung komplett. Also der Mann wurde gewalttätig, der griff ihm in den Nacken und hatte ein Küchenmesser auf einmal in der Hand, das er ihm an den Hals gedrückt hat und hat gesagt, du kommst jetzt mit, du hältst den Mund und hat ihn sozusagen vor sich her getrieben, in ein Waldstück hinein. Ja, was dann passierte, war für Bram Feney höchst traumatisch. Er wurde im Wald niedergeschlagen, er wurde an den Händen gefesselt. Dieser Mann hat ihn dann vergewaltigt und hat ihn in den Hintern und in die Oberschenkel mit einem Messer gestochen. Und dann war es vorbei und Bramphane lag dort, war gefesselt, lag eben in diesem Waldstück völlig verängstigt. Und dieser Mann war auf einmal ganz still und begann zu rauchen. Und Bramphane hat irgendwann dann ganz verängstigt gefragt, ob er gehen darf, und bekam aber keine Reaktion von dem Täter. Der war wie abwesend, so hat er das beschrieben später einem Journalisten gegenüber. Der hat sich dann befreit, hat halt an den Fesseln rumgezerrt, bis er die lösen konnte. Und als der Täter ihm dann den Rücken zukehrte, hat er die Gelegenheit beim Schopf gepackt und ist losgerannt in den Wald hinein. Durch diesen Wald gerannt, ist gestolpert, so beschreibt er das, ist in einen Bach hineingestürzt, hat sich wieder aufgerappelt. Und dann hat er sich umgewandt und hat gesehen, dass der Mann ihm eigentlich auf den Fersen war, nur wenige Meter hinter ihm. Und er rennt dann schneller, völlig in Panik, erreicht eine Straße. Das muss man sich vorstellen, das ist so wie so eine Kurve, die bergab geht. Ich bin da auch entlang gelaufen und sieht, ja, also nicht wirklich weit entfernt, aber schon noch ein ziemliches Stück, also doch noch mehrere hundert Meter, eine beleuchtete Tankstelle in der Nacht. Und er ruft und er schreit und er rennt dorthin und das ist am Ende seine Rettung. Der Tankwart, der hört ihn, der sieht ihn, der kommt raus und schießt mit einem Gewehr in die Nacht, weil er eben diesen panischen Jungen sieht und der rettet ihm de facto das Leben. Und so vertreibt er den Täter, der dann auch erstmal nicht mehr auftaucht. Und diese Geschichte erfährt Duran jetzt von diesem Brandfernei. Was ihn wahrscheinlich ja am dringendsten interessiert ist, was kann er denn über den Entführer sagen, der Junge? Ja, es ist eigentlich wieder ganz genau die gleiche Beschreibung, die wir ja schon gehört haben. Es ist ein hochgewachsener Mensch, schwarze Haare, helle Augen. Dann erzählte aber Durran etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Und zwar, dass er diesen Täter wieder getroffen hat. Ein Jahr nach der Tat. Da hat Bram Feney, der war ja zu diesem Zeitpunkt 17, 18, hat dann in einer Autowerkstatt gearbeitet in Armenia. Und sein Chef hat ihm gesagt, geh mal ein Mittagessen holen. Und er geht in ein Restaurant, das heißt El Arepasso. Er kommt halt hinein, will bestellen an der Theke und erkennt, es trifft ihn wie ein Schlag, hinter der Theke steht sein Vergewaltiger. Er kennt auch ihn, Schockmoment, absoluter Schockmoment. Er weiß nicht, was er tun soll. Man muss natürlich auch sagen, in dieser Zeit, das ist alles sehr schambehaftet. Also gerade auch für junge Männer. Deswegen hat er keine Anzeige erstattet. Keine Anzeige erstattet. Sehr homophob die Zeit und das Land. Absolut, absolut. Und der Täter erkennt aber auch ihn. Und er versteckt sich in der Küche sofort. Die Reaktion des Jungen ist. Er sagt zwar seinem Vater etwas davon, aber der Vater sagt auch, wir machen da jetzt nichts. Und am Ende gerät die Geschichte so ein bisschen in Vergessenheit, bis auf die Gerüchte, die ihm herum waren. Ja, das ist immer der tragische Aspekt dieser Fälle, dass als geschändet immer das Opfer bezeichnet wird. Ja, und es ist schon so, dass Durant in dem Moment natürlich aufmerkt. Der ist elektrisiert. Und er zweifelt aber auch einen kurzen Moment, weil Branferney bei dieser Tatnacht, also 1990, 16 Jahre alt war. Aber ihm fällt eben auch auf, der Junge ist relativ schmal und relativ klein. Den hätte man damals auch für 13 halten können. Den hätte man auch für 13, 14 halten können. Also ab in die Bar natürlich. Ab in das Restaurant. Also er plant eigentlich schon diesen Besuch. War zum Jahresende hin 1998 auf 99 und er sagt, nach dem Weihnachtsurlaub ist mein erster Stopp dieses Restaurant. Und dann bebt in Kolumbien die Erde. Eines der größten Erdbeben, die das Land seit langen, langen Jahren gesehen hat. Über tausend Menschen sterben. El Arepasso, das Restaurant, ist komplett zerstört. Dort im Januar 1999 versucht er dann, den Besitzer dieses Restaurants 1. März auswendig zu machen. Er spürt ihn auf und fragt nach diesem Mitarbeiter. Ein hochgewachsener Mann, helle Augen, vielleicht jemand, der auch gerne trinkt. Man erinnere sich an die Whisky-Liqueur-Flasche de la Corte und die Antwort des Lokalbesitzes ist ja, so jemanden hatte ich hier, der hier gearbeitet hat und das war jemand, der immer Ärger machte, der suchte Streit mit Kunden, der hat sich ständig betrunken, und dann kommt eben noch ein entscheidender Hinweis und zwar, dass diesem Mann, dass ihm kleine Jungs gefallen hätten. Die ganz rote Flagge. Und dann sagt der Lokalbesitzer Durán eben diesen vollen Namen, Luis Garavito. Das ist natürlich rückblickend ein Moment für die Geschichtsbücher. Wie erinnert sich Durán heute an diesen Augenblick? Ich erinnere mich vor allem an diesen Moment im Interview mit ihm, weil er eben sagte, es war... Wie ein Donnerhallen halte dieser Name bei ihm nach und prägte sich sofort in sein Hirn ein und sagte, das war ein Moment, wo ich dachte, ich werde diesen Namen niemals vergessen, Luis Garavito, schon in diesem Moment. Du hast vorhin schon erzählt, dass Doran ja auch ganz viel aufgehoben hat und dir ja auch gezeigt hat. Und du hast ein Foto mitgebracht, das etwas zeigt, was für ihn jetzt auch bei den nächsten Schritten ganz entscheidend war. Man sieht da so einen Kalender aus dem Jahr 1998 und da ist ganz viel Gekritzel. Aber erzähl mal du, was ist das? Ja, das ist ein Wandkalender. Den hat mir du dann mitgebracht, im Original. Wir haben den dann natürlich abfotografiert. Das ist so ein klassisches Werbegeschenk. Und darauf sieht man, das ist alles so ein bisschen vergilbt. Du sprachst gerade dieses Gekritzel an. Es sind so Striche zu sehen, die zu verschiedenen Daten hinführen. Und am Ende dieser Striche sind so Blasen zu sehen und darin sind Wörter zu lesen und das sind Orte, das scheinen Ortschaften zu sein. Ja, man muss sich den Kalender auch vorstellen. In jedem Monat dieses Jahres sind ganz viele Striche, die dort wegführen. Ja, bevor wir jetzt genau erklären, was es mit diesem Kalender auf sich hat, erzähl uns erstmal Durans weiterer Weg. Wie führt er ihn dann jetzt zu diesem Beweisstück? Er bekam von dem Lokalbesitzer auch den Hinweis, dass Luis Garavito... Und seine Familie in Trujillo gelebt haben. Das ist etwa zweieinhalb Autostunden von Armenier entfernt. Da hat dann Durán angesetzt und hat geschaut, ob er Familienmitglieder finden kann von Garavito und hat eine Schwester gefunden. Und die beschreibt er zunächst als sehr verschlossene religiöse Frau. Was konnte Durán von dieser Frau dann über seinen Tatverdächtigen erfahren? Und auch gerne generell, was wissen wir über die Herkunft von Luis Garavito und seiner Familie? Ja, Luis Garavito wurde 1957 in einer sehr ländlichen Gemeinde, eben Genova, im Gindeo, geboren. Seine Eltern lebten auf einer sehr bescheidenen Finke aus Lehm, Stroh, Ziegeln. Also das waren einfach Bauern. Und seine Kindheit war eigentlich ganz ähnlich wie die von Durán, auch geprägt von La Violencia. Schon als er noch ganz klein war, sind sie in ein anderes Dorf in der Nähe gezogen, um eben dieser eskalierenden Gewalt zu entkommen. Aber die Gewalt, die gab es nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Familie selber. Also der Vater, der hat getrunken, hat die Mutter geschlagen, hat sie gedemütigt, hat auch die Kinder geschlagen. Und zwar eben ein schwerster Alkoholiker. Fromm und brutal. Fromm und brutal. Fromm, alkoholisiert und brutal. Das Jesusbild hing an der Wand, aber das Bügeleisenkabel wurde rausgeholt. Der Schwester steht Durant jetzt gegenüber und die will nicht so recht reden. Aber erfährt er denn wenigstens ein bisschen was über den Erwachsenen Garavito zumindest? Ja, also sie öffnet sich ihm gegenüber dann schon. Und das dauert nur ein bisschen. Am Anfang erzählt sie, dass ihr Bruder großzügig ist, dass er ihr Geld mitgebracht hat. Er sei so ein Straßenhändler und würde Jesusbildchen im ganzen Land, auch heiligen Kärtchen. Ein Straßenhändler ist natürlich, da wird es bei ihm auch geklingelt haben, als er das hörte. Und sie hat aber am Anfang gar nicht so viel Schlechtes über ihren Bruder erzählt, hat eher gesagt, nee, er führt in uns steht das Leben, ich habe keinen großen Kontakt zu ihm, aber immer wenn er zu uns kommt, bringt er Geld und Geschenke mit. Und dieses Gespräch geht weiter, er redet auf sie ein und irgendwann sagt sie, Dass es zu einem Bruch kam mit ihrem Bruder. Und dass das mit einer ganz, ganz bestimmten Szene zu tun hat. Sie beschreibt dann diese Szene, dass sie aufgestanden ist mitten in der Nacht, weil sie ein Geräusch gehört hat. Kommt in das Wohnzimmer rein, wo ihr Bruder normalerweise auf der Couch übernachtete. Und sieht ihn nackt vor einer brennenden schwarzen Kerze. Und die Schwester. Ist völlig erstarrt, weiß gar nicht, was sie machen soll. Für sie hat er angefangen, den Teufel anzubeten. Also sie glaubte, dass das ein satanistisches Ritual war? Sie hat das eigentlich so beschrieben, er war vom Teufel besessen. Und dann hat sie ihn aus dem Haus geworfen am nächsten Tag. Und seit ihr keinen Kontakt mehr? Hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihm. Schlecht für Durán, oder? Dann konnte sie ihm auch nicht sagen, wo er zu finden war. Doch, und zwar hat die Schwester ihn weiter verwiesen. Sie sagte dann, ihr Bruder käme immer mal wieder nach Trujillo zurück und würde aber bei einer Lehrerin unterkommen. Und das sei die Luz Mari. Das war eine Freundin von ihm, so wurde das beschrieben. Die hatte auch einen kleinen Sohn, den Andrés. Und die hat er auch gefunden, getroffen. Und auch sie war anfangs verschlossen und bezeichnete Garavito als der guten Menschen, der immer, wenn er vorbeikam, großzügig sei, sich gut mit ihrem Sohn verstünde, Essen vorbeibrachte, Geld vorbeibrachte. Viel mehr wollte sie anfangs gar nicht sagen. Wie brachte Durán dann diese Frau doch noch ein bisschen mehr zum Sprechen? Durán hat irgendwann alle Register gezogen. Durán hat gesagt. Wir glauben, dass dieser Mensch ganz schlimme Dinge tut und vor allem mit kleinen Jungs. Jungs wie ihr Sohn, Jungs wie Andrés. Und dann hat er Tatortfotos rausgeholt und hat dieser Frau diese toten Kinder gezeigt. Und das hat bei ihr dazu geführt, dass sie nicht mehr konnte und dass sie dann zusammenbrach, weinte und sagte, ich habe hier etwas, was sie eigentlich sehen sollten. Was zeigte sie ihm dann? Sie ging mit Doran in den Keller des Hauses und dort standen drei große Pappkartons, die Garavito dort deponiert haben soll. Und hier kommen wir eigentlich wieder zurück auf diese Idee der Brucheria, auf den magischen Realismus. Denn Doran hat mir geschildert, wie er diese Pappkartons zum ersten Mal gesehen hat. Und zwar sollen die sich bewegt haben, die sollen fast vibriert haben, so beschreibt er das. Als wollten sie auf etwas hinweisen, als hätten sie etwas zu verbergen. Also so beschreibt er das ganz bildlich. Er beschreibt das so, er ging runter und die haben wirklich, also das ist jetzt keine, nicht metaphorisch gemeint, sondern die haben vibriert. So beschreibt er das. Die standen in einem Keller. Ja, und er sagt eben auch, auch die Lehrerin hätte immer wieder Geräusche aus diesen Kartons gehört. Und diese Geräusche hätten sowas Böses symbolisiert. Also so wird das beschrieben. Das ist natürlich etwas, wo man jetzt sagt, glaubt du dann daran wirklich? Oder ist das auch eine Form der blumigen Beschreibung, um etwas zu verdeutlichen? Aber das meine ich eben. Mit der Magie im Alltäglichen. Also das ist halt irgendwie auch eine Form, wo man einen kulturellen Unterschied auch einfach treffen muss. Jetzt säße der Teufel drin. Aber was war tatsächlich drin? Was fand er dort? Zuallererst findet er Familienfotos von Garavito. Und darauf sieht er einen schlanken, hochgewachsenen Mann mit markanten, hellen Augen. Als er weitergräbt, findet er zahllose Zeitungsausschnitte mit Berichten über ermordete Kinder aus dem gesamten Land und Kopien von alten Prozessakten von früheren Festnahmen. Es stellte sich nämlich heraus, dass Garavito in verschiedenen Landesteilen mehrfach festgenommen und wieder freigelassen worden war. Er findet darin auch den Kalender, über den wir bereits gesprochen haben. Und dann findet er einen ganz entscheidenden Hinweis. Und zwar ist das ein altes Brotpapier. Darauf sieht er erstmal Zahlen und Striche, mit denen er gar nicht so richtig viel anfangen kann. Das sind Zahlen von zwei bis sieben. Daneben Striche, also so Strichlisten mit kleinen Pluszeichen dazwischen. Da muss man sich vorstellen, da sind so zwei Striche, plus drei Striche, plus vier Striche. Was schloss du ran daraus, aus dem, was er da sah? Also er dachte sich in dem Moment, dass die 2, die 3, die 4 am Ende für 1992, 93, 94 stehen könnten. Und die Strichlisten, die daneben aufgezeichnet waren, also dieses 2 plus 3, dass das am Ende eine Rechnung sein könnte über die Todesopfer. Also dass jeder Strich für ein ermordetes Kind steht. Und die waren dann ja auch immer mit so einem Plus dann verbunden. Für die Monate oder für die Orte. Ganz genau, das war die Idee. Und dann kommen wir auch auf den Kalender mit diesen Ortszahlen. Passte das dann auch zu den Strichlisten? Das passte zusammen und so fügte sich eben dieses monströse Bild, das ihn auch überwältigte. Wo er dann sah, diese verschiedenen Striche, wenn dann wirklich jeder Strich für ein ermordetes Kind sehen würde. Das waren dann, diese große Anzahl an Strichen überwältigte ihn dann. Und er schaute auf diese Kalender und kam dann dort zusammen, dass er sagte, okay, es scheint so gewesen zu sein, dass das wohl Tatorte waren, die auf diesem Kalender eingezeichnet worden sind. Ich schaue jetzt hier auch nochmal auf das Bild des Kalenders. Der ist einfach voll. Du hast da in jedem Monat hast du. Drei, vier, vier Orte. Ich muss wieder an diese Gruppentheorie zurückdenken, dass dieser Mensch ja wirklich was gemacht hat, wo die damals dachten, da braucht es ja mehrere dazu. Konnte die Lehrerin denn wenigstens was sagen, wo er jetzt ist? Nee, keiner wusste, wo sich dieser Mann aufhielt. Die Lehrerin dachte, er hätte sich der Gerier angeschlossen, weil er ihr das wohl mitgeteilt hatte, dass er jetzt sozusagen in den bewaffneten Kampf eintreten würde. Aber er konnte überhaupt nichts herausfinden über seinen jetzigen Aufenthaltsort. Klingt alles auch ein bisschen hoffnungslos, aber wir hören jetzt jemanden, den du auch aufgestöbert hast. Der Mann heißt John Ivan, er ist ein Opfer, ein Überlebender und er hat eine ganz entscheidende Rolle dabei gespielt, dass Durans Suche dann eben doch nicht vergeblich war. Er meinte, es wäre hinter dem Wald auf so einem kleinen Hof, den er da hatte. Und ich, gutgläubig wie ich war, bin halt mitgegangen. Da standen so Aloe Vera Pflanzen, solche Pflanzen mit so Stacheln. Und da habe ich ihn gefragt, aber wo gehen wir denn hin? Er meinte nur, mach schon, mach schon, mach schon, mach schon. Als ich dann da ankam und ich hatte da schon echt Schiss, da hat er mich einfach abgesetzt. Wir kommen gleich zur Geschichte von John-Ivan, aber vorher erzähl mal, wie wirkte er heute auf dich? Wie lebt er heute? Zum Zeitpunkt des Interviews war er 38 Jahre alt. Er arbeitet auf einer Baustelle und zwar als Wächter. Er ist ein Mann, der auf den ersten Blick sehr kindlich wirkt. Er hat ein sehr rundes Gesicht, sehr große braune Augen und er wirkt ein bisschen nervös, aufgeregt. Er hat immer mit seinen Fingern nervös an dieser Kappe rumgefummelt, die er dann zwischen den Händen hatte. und ja, am Anfang denkt man wirklich, man hat jetzt hier ein schüchternes Kind vor sich sitzen und dann, Wie wandelt sich diese Ausstrahlung mit der Zeit aber? Also wenn er davon berichtet, was er durchlebt hat, wie diese Taten und wie auch sein Leben danach verlaufen ist, dann wirkt er auf einmal wie ein Greis, der alle Schwere der Welt auf seinen Schultern trägt. Also das ist wirklich ein Wandel, den ich auch ganz stark wahrgenommen habe und ich muss auch sagen, dass das so eines der Gespräche waren, die mich am meisten berührt und auch mitgenommen haben am Ende. Also ich bin da, ich bin eigentlich, mich erschüttert nicht so viel, würde ich sagen, aber nach diesem Gespräch war ich bedrückt, als ich. Mich dann von ihm verabschiedete und wir dann alleine in dem Hotel zurückblieben. Was hat dich so bedrückt? Ich glaube, es war so eine Mischung aus dieser Hoffnungslosigkeit, die ich bei ihm wahrgenommen habe und auch so dieses... Dieses Gefühl, dass er einfach diese Lebensgeschichte, diese Erfahrungen, die er gesammelt hat, die hat er niemals verwunden und er selber war sich dessen aber so bewusst. Also er sagte dann eben auch die ganze Zeit. Er fragte oder stellte sozusagen diese Frage, warum er überhaupt noch hier sei, warum er am Leben sei, dass das alles keinen Sinn mehr machte. Also diese Sätze, die sagte er mir im Interview und auch in einem Ton, wo ich das Gefühl hatte, dieser Mensch sieht kein Licht mehr am Horizont. Also es klingt so nach einem dieser Momente, wo man diesen Begriff Trauma an so einem Menschen auch mal wirklich spürt, wie so ein Ereignis dann nachhalt. Er scheint ja auch dann jetzt auch nicht unbedingt unter den besten Bedingungen zu leben. Nein, also dieses Trauma, was du eben auch ansprichst, da kommen wir gleich, noch detaillierter drauf zu sprechen, das hat eigentlich sein ganzes Leben zerstört. Er wurde stigmatisiert, ist aus seiner Heimatstadt fast geflohen, kann man sagen. Seine Tante hat ihm dann einen Job weiter südlich im Land als Koka-Pflücker, also wirklich die Koka-Blätter, die dort geerntet werden bei der Guerilla, hat er sich dann verdingt als 13-jähriger Junge, hat dann zwischendurch auf einem Bau gearbeitet, also immer so Gelegenheitsjobs gemacht, hat in einer Schlachterei gearbeitet und jetzt sitzt er eigentlich zwölf Stunden am Tag alleine auf dieser Baustelle hinter diesem Zaun, und hat nichts zu tun. Geht danach nach Hause, teilt sich eine Wohnung mit seinem Bruder und betrinkt sich und das ist sein Leben. Also seine Frau hat ihn auch verlassen, weil er so viel trinkt, das sagt er auch so. Er sieht sein Kind alle zwei Jahre mal. Er vegetiert vor sich hin. Ja, schlimm. Was so eine Ohnmachtserfahrung, dass sie dann so ein bleibendes Lebensgefühl hinterlässt. Das hört man ja häufiger von überlebenden Opfern. Man kann eigentlich im Leben nichts gestalten. Man kann sich nicht wehren, dass ihnen das bleibt. Ja, jetzt erzähl mal, was ist seine Geschichte? Ja, die ganze Geschichte von Johnny Wan, die beginnt eigentlich im April 1999. Heißer Tag. Und er war unterwegs lose verkaufen, wie er es eigentlich immer gemacht hat. Der Vater hat ihn und seine Brüder rausgeschickt jeden Morgen und er musste dann lose auf der Straße verkaufen, um den Unterhalt für die Familie mit zu unterstützen und genug Einkommen zu erzielen, damit die Familie auch überleben konnte. Und er sagt eben auch, der Vater hat ihm wie gewöhnlich und den Brüdern auch Schläge angedroht am Morgen, wenn ihr nicht 4.000 Pesos mit nach Hause bringt, das sind heute umgerechnet 1,80 Euro. Aber es klingt auch schon genau, ja, das ist die Zielgruppe unseres Täters. Ganz genau. An diesem Tag, an diesem 22. April, hatte John-Ivan keinen Erfolg. Niemand wollte ihm Glose abkaufen, es wurde immer später. Und dann ging er auf einen Platz in der Innenstadt, es war immer so ein bisschen für ihn so, wenn nichts klappt und alle Strick reißen, dann gehe ich dorthin und das ist die Plasoletta los Centaudus. Das ist auch heute noch ein sehr, sehr gut besuchter Platz mit Straßenverkäufern. Das wimmelt, das ist bunt und da steht so eine riesige, ja, also ich habe das tatsächlich nachgucken müssen, das ist eine Birkenfeige, ein sehr groß gewachsener Baum. Da hängen halt diese Blätter herunter und darunter suchen Menschen eben Zuflucht vor der Sonne, sitzen dort im Schatten. Und da befand sich damals der Eingang eines Billardsalons. Da waren viele Trinker und Spielsüchtige unterwegs. Und er wusste eigentlich immer, wenn ich gar kein Glück habe, gehe ich da hin. Weil da finde ich jemanden, der mich will. Die Besoffenen kaufen dann schon ein Los. Die kaufen mir ein Los ab. Er ging eben hinein, wurde aber brüsk abgewiesen, er hat kein Los verkauft gekriegt und ist dann, glücklos, steht vor diesem Billardsalon und dort trifft er einen Mann, einen unbekannten Mann, hochgewachsen. Helle Augen, schwarze Haare. Der hatte an diesem Tag ein schwarz-grün kariertes Kurzarmhemd an und hat einen auffälligen, buschigen, schwarzen Schnurrbart. Der fragt ihn auch nach den Losen und Johnny Van erzählt ihm, dass er keinen Erfolg hatte und dass er Lose verkaufen muss und dass er auch Angst hat, dass sein Vater ihn sonst schlägt. Und der Täter sagt dann, hör zu, ich kann dir keine Lose abkaufen, aber wenn du mir hilfst, so ein paar Sachen umzuräumen, dann gebe ich dir Geld. Komm mit mit mir, ich habe eine Finca im Wald und da brauche ich Hilfe. Hat er dir erzählt, wie dieser Mann auf ihn gewirkt hat? Weil das ist ja diese Geschichten, dass er unauffällig ist, Kinder ganz offen auf offenen Plätzen auch anspricht und dass er irgendwie ja so eine Vertrauenswürdigkeit anscheinend ausstrahlen muss. Ganz genau. Also er fand ihn überhaupt nicht auffällig. Er hatte nicht das Gefühl, dass dieser Mann jetzt irgendwas Böses im Schilde führte. Also er dachte eher, wunderbar, ich kann ein bisschen Geld mit nach Hause bringen. Er hat da keine Lunte gerochen. Also er ist damit eingestiegen in das Taxi, das der Mann dann anhielt und sagte eben, wir müssen ein Stück fahren, ich nehme dich mit. Du hast ja unter den Sachen, die du mitgebracht hast, hast du auch ein Buch, das Bilder von diesem Mann gibt. Und zwar mehrere Bilder, die ganz beeindruckend sind, finde ich, insofern, als dass man da sieht, einmal wie harmlos der ausschaut. Ja, absolut. Das eine ist die Harmlosigkeit. Also da sind ja Bilder zu sehen aus verschiedenen Lebensabschnitten Garavitus. Also da ist er mal jünger, mal älter. Aber vor allem sieht man dort auch, wie wandelbar dieser Mann ist. Der hat verschiedenste Brillen auf, dann hat er eine Käppi auf, dann trägt er die Haare mal länger, mal kürzer, dann hat er mal wie so ein Vollbart und dann eben einen Schnauzer oder ist eben auch mal komplett rasiert. Und das verändert so komplett die ganze Ausstrahlung dieses Menschen. Aber er wirkt halt komplett unauffällig. Ja, nach fünf Sekunden hast du den wieder vergessen, dass der überhaupt da war. Absolut. Das kann man total nachvollziehen. Das stimmt schon. Diese großen Brille und da ist auch eins mit so einem blauen Arbeiter-Cappy. Ja, und dann wieder ganz verwandelt. Wenn man sich das hier links unten in der Ecke anschaut, da sieht er dann fast aus wie so ein Versicherungsvertreter. Und mit diesem Mann geht John-Ivan jetzt mit, mit dem steigt er jetzt ins Taxi. Genau, und sie fahren auch gar nicht ganz so weit. Die zehnminütige Taxifahrt, die führt sie an ein Waldstück am Stadtrand im Süden der Stadt. Wir sind da auch mal hingefahren. Da steht heute so ein Möbelkaufhaus mit einem großen Parkplatz am Waldrand tatsächlich. Also man sieht diesen Wald noch, man kommt da aber nicht mehr so richtig ran. Und früher konnte man aber eigentlich von der Straße da einfach reinlaufen. Und das haben sie dann auch gemacht. Johnny Van ist vor ihm hergelaufen. Und dieser Mann, heute wissen wir natürlich, dass das Luis Garavito ist, der läuft hinter ihm her. Und der wird auch immer brüsker ihm gegenüber. Also er schubst ihn so ein bisschen und Johnny Van wird langsam misstrauisch. trauisch. Er glaubt dann nicht mehr so richtig an diese Idee dieser Finca und er hat mir dann eben auch erzählt, Er sollte dann immer schneller laufen und da gab es dann Dornen, also Aloe-Büschen, also Aloe-Vera, die ihm dann die Arme zerkratzt haben und langsam stieg so eine Panik in ihm auf. Also da hat sich auch das Gesicht gewechselt dieses scheinbar harmlosen Mannes. Also irgendwie kam da jetzt was zum Vorschein, so eine Dringlichkeit und ihm wurde dann ganz mulmig zumute, lief aber vor, hat sich dann auch nicht so richtig getraut, da was gegen zu machen oder zu sagen. Und dann an einer Weggabelung im Dickicht wurde er von hinten umgestoßen, landete auf dem Bauch, auf dem Gesicht und spürte dann, wie ihm die Hose runtergerissen wurde, das Hemd ihm zerrissen wurde und die Schuhe und Socken ihm ausgezogen wurden. Er beschreibt das heute, dass es so schnell ging, dass er gar nicht wusste, was er da machen sollte. Und schon wurde er an Armen und Beinen gefesselt, herumgedreht. Und die Seile, das hat er mir sehr bildlich beschrieben, die waren so eng, dass sich das anfühlte wie so metallene Handschellen, die ihm in die Hände geschnitten haben. Aber der hat das dann auch schon mit einer richtigen Routine gemacht. So wirkte das. Wie wir wissen, dass er es dutzende Male schon gemacht hat. Oder mehr. Über hundertmal. Aber wie wir wissen, sonst hätte er nicht mit dir reden können, er hatte Glück im Unglück, wenn man das so sagen kann. Was passierte? Johnny Van hatte pures Glück. Also dass der heute noch hier ist, hat er eigentlich einem Menschen zu verdanken. Das war ein Obdachloser, der zufällig dort vorbeikam. Und eigentlich anfing auf Luis Garavito einzubrüllen. Und er sagte, was machst du da mit dem Jungen, lass ihn sofort los. Und hat dann angefangen, ihn mit Steinen zu bewerfen, weil er nicht von dem Jungen ablassen wollte. Er hat sich ja so von dem Schrei, hat er sich nicht abhalten lassen, er hat ja einfach weitergemacht. Er hat weitergemacht. Eigentlich, wenn er nicht auch noch Steine geworfen hätte. Und Johnny Wan hat diesen Moment dann für sich genutzt und hat sich losgerissen, und ist panisch losgerannt. Er war ja aber auch an den Füßen gefesselt und ist dann so halb darüber gestolpert und ist dann auf den Obdachlosen zugelaufen, der ihn dann gestützt hat und ihn begleitet hat. Und sie sind dann eigentlich durchs Gebüsch gerannt und sie kamen dann an einen kleinen Bach und sind an so eine Holzbrücke gekommen und haben die dann überquert. Und Johnny Wann hat mir dann erzählt, dass er dabei fast ins Wasser gefallen ist, aber der Obdachlose ihn immer weiter mitgezerrt, beinahe hinter sich her geschleift hat. Und sie sind dann in dieses Häuschen geflohen und haben sofort die Polizei anguckt. Anders als in dem anderen Fall, den wir vorher schon gehört haben. Der Täter war zu diesem Zeitpunkt aber verschwunden. Die Polizei kam dort an und fand dort einen schwarzen Beutel, Münzen und ein Messer. Und ein ganz entscheidendes Indiz, von dem wir ja vorher schon mal gehört hatten, eine leere Flasche billigsten Whiskey-Likörs der Marke De La Corte. Das ist die exakt selbe Flasche gewesen, die man auch schon aus anderen Mordfällen kannte. Aber der Mann war abgehauen. Der Mann war abgehauen und da fiel den Lokalpolizisten vor Ort aber eigentlich eine ganz kluge Finte ein. Die haben sich nämlich in Taxis hineingesetzt und haben an verschiedenen Orten, die so strategische Ausgangsorte des Waldstücks waren, gewartet, ob da jemand rauskommt. Und dann kam er tatsächlich raus, wurde festgenommen und hat dann alles abgestritten, und sich ausgegeben unter dem Namen Bonifacio Moreira Liscano. Wir wissen, dass dieser Mann in Wahrheit Luis Garavito ist und wir wissen eben auch, dass es einen Ermittler namens Doran gibt, der ihn sucht. Aber dieser Doran ist, und das muss man sich ja auch immer wieder, finde ich, vor Augen führen, ein Provinzermittler, der in seinem kleinen Fall erstmal gesucht hat und mehrere hundert Kilometer entfernt von diesem Tatort und diesem Zeugen ist. Wie kam er auf ihn? Das ist passiert am 14. Juli 1999. Da kam es nämlich zu einem Treffen mal wieder in Pereira. Das war eine größere Konferenz tatsächlich dieses Mal, wo aus dem ganzen Land Ermittler zusammenkamen. Und an diesem Tag saßen sie zusammen in einer Aula der Generalstaatsanwaltschaft in Pereira in der Kaffeezone. Dann war der Staatsanwalt aus Via Vicencio dran und der erzählte von dem Fall Sabogal und einem inhaftierten Mann namens Moreira, und sagt, dieser Mann, der sitzt jetzt 82 Tage im Gefängnis und steht eigentlich kurz vor der Freilassung, weil es stand Aussage gegen Aussage, der kleine Junge gegen die Aussage von Moreira, den Obdachlosen konnte man nicht ausfindig machen. Und in diesem Moment wirft der Staatsanwalt ein Dia an die Wand. Und darauf zu sehen ist der sogenannte Bonifacio Moreira. Und Durán guckt dieses Bild an und kann es nicht fassen. Der schaut rüber zu seinem Chef und sagt, das ist nicht Moreira, das ist doch unser Mann. Das ist doch der Mann, den ich die ganze Zeit suche. Das ist Garavito. Das ist Garavito. Ja, und es ist auch so, dass Durán nach Viva Vicencio fliegt und diesen Mann trifft. Der hat auch tatsächlich ein Ausweisdokument, wo Moreira draufsteht. Und der bestreitet halt weiter hartnäckig, dass der Garavito ist. Auch als Durán ihn darauf anspricht. Und dann entwickelt er eine Strategie. Er überlegt sich, dass er doch die Lehrerin aus Trujillo, die er getroffen hatte, die ja eine Freundin von Garavito ist, dass er sie mitnimmt. Wir erinnern uns an die vibrierenden Kisten. Die erinnern uns an Luz Mari und die vibrierenden Kisten, und die erklärt sich auch bereit, mit dorthin zu fahren, er bringt auch die Kisten mit und Luz Mari, die Lehrerin, tritt dem sogenannten Moreira dann von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Und der beginnt sofort zu weinen, der beginnt in Tränen auszubrechen und gesteht dann relativ schnell das Offensichtliche, er ist Luis Alfredo Garavito. Und er fängt dann an, schon weitere Dinge auch preiszugeben. Er sagt, es gibt noch einen weiteren Karton, den er bei einem anderen Freund untergebracht hat, der jetzt hier in Via Vicencio ist. Und darin findest du dann weitere Dokumente, weitere Kalender, die so ein bisschen diese letzte Lücke, die er noch hatte, zwischen 98 und bis Mitte 99 schließt. Das gleiche System, die gleichen Striche, die gleichen Zahlen, die gleichen Kalender. Ja, das muss auch ein Wahnsinn für Durant gewesen sein, Wie sich ja diese Dimension für ihn dann so langsam aufgetan hat, schon von diesen drei getöteten Jungs und dann Strichliste und nochmal eine Strichliste und umfangreichere Strichlisten. Ja, das muss auch für ihn so gewesen sein, als wäre der im falschen Film. Er ist da auf einmal in etwas reingeraten, er sagte ja auch, das kannten wir aus den USA, das war irgendwie so Jeffrey Dahmer, diese ganzen Geschichten, davon hatten wir mal gehört oder mal einen Film gesehen, aber irgendwie steckte ich dann auf einmal mittendrin. Und jetzt stehen dann natürlich die Vernehmungen an. Wie laufen die ab? Ja, das war dann alles viel schwieriger als gedacht. Also Durán hatte sich ja eigentlich schon gedacht, gut, er hat jetzt zugegeben, dass er Garavito sei. Er hat ihn eigentlich in der Hand und dann kam eben die Staatsanwältin aus Pereira, die das Verhör führen musste nach Dienstgrad, angereist, setzte sich dorthin und Garavito sagte, er habe überhaupt nichts getan. Also er hat alles geleugnet, alle Fälle, die ihm vorgelegt worden sind, die Fotos, die gezeigt worden sind. Er hat geleugnet, an bestimmten Orten gewesen zu sein, die in seinen Kalendern aufgemalt worden waren. Und unter anderem kommen sie eben auch auf Genova zu sprechen, wo ja diese drei Jungen, man erinnere sich an den anfänglichen Fall von Noé, gefunden worden sind. Durans eigentlicher Fall. Durans erster Berührungspunkt. Und darauf antwortete Garavito, er sei in diesem Zeitraum nicht in Genova gewesen gewesen. Später hat er das dann wieder zurückgezogen und hat gesagt, doch, doch, er hätte doch dort Freunde besucht und er. Wandte dann auch Strategien an, kann man vielleicht sagen, bat darum, dass die Fragen immer wieder wiederholt würden und Durand hat das dann so beschrieben, das wirkte so, als würde er sich Antworten zurechtlegen. Und die Staatsanwältin, die konfrontierte ihn dann natürlich auch und sagte, wie kann es sein, dass sie bestimmte Dinge ganz, ganz genau erinnern. Also an diesem Tag hätten sie Fleisch in jener Schlachterei gekauft, aber sie erinnern sich dann nicht, dass sie in Genova waren. Später erinnern sie sich wieder daran, wie kommt das dazu? Und dann sagt er einen Satz, der Durant später auch auf eine Idee bringt. Und zwar sagt er der Staatsanwältin, Doktora, manchmal verändert der Alkohol meine Persönlichkeit, wenn ich es freundlich ausdrücken darf. Sechs Stunden dauert dieses Verhör. Die Staatsanwältin ist frustriert. Sie sagt dann, ich kann nicht mehr, ich habe hier sechs Stunden versucht, diesen Mann dazu zu bewegen, mir zu erzählen, was geschehen ist. Wir können jetzt hier nicht weitermachen. Und Dodan will in diesem Moment aber noch nicht aufgeben. Er bittet einfach noch um zehn Minuten alleine mit dem Verdächtigen und dass er von Angesicht zu Angesicht mit ihm reden darf. Das war schon auch ein ziemlicher Move von ihm, weil er ist natürlich der Provinzermittler und hat dann der Staatsanwältin aus Pereira, also der Chefin sozusagen, aber der oberen. Chefin, nicht mal nur seiner Chefin, sondern noch mal eine Etage drüber, der hat ja gesagt, ich probiere es jetzt hier nochmal. Er war ja auch ein ziemlich junger Ermittler noch, 32 damals. Geben Sie mir zehn Minuten, bitte. Geben Sie mir zehn Minuten. Und er war auch ziemlich aufgeregt, hat er mir gesagt, aber er hat versucht, das zu verbergen. Und er hatte sich aber überlegt, er möchte diesem Mann als Mensch begegnen, auf Augenhöhe und wollte ihm auch irgendwo schmeicheln. Er nennt ihn hermano, also Bruder, das wird im Spanischen auch so als Kumpel benutzt. Also er bringt sie auf so eine persönliche Ebene mit ihm und spricht dann über die Lehrerin und spricht über Luz Mari und sagt ihm, sie sind doch eigentlich ein guter Mensch. Und Luz Mari sagt doch auch immer, sie waren immer so gut zu ihr, sie waren doch großzügig und sie waren auch gut zu ihrem Jungen, zu ihrem Kind, dem Andrés und liefert ihm dann einen Ausweg aus der Situation und sagt. Sie sind doch gar nicht das Problem, der Alkohol ist das Problem, oder? Und in dem Moment verändert sich was bei Garavito. Also seine Gesichtszüge sind nicht mehr die gleichen. Er ist wie verwandelt. Er wird ganz leise und sagt ihm gegenüber dann irgendwann, ja, sie haben recht, das stimmt. Und in dem Moment sieht du dann seine Chance und er legt nach. Und er sagt, sie haben so viele Morde begangen, es ist jetzt an der Zeit aufzuhören. Und wie reagiert Garavito? Er ist erschöpft und er kapituliert. Und er sagt ihm gegenüber, sie wissen gar nichts, aber ich bin der, den ihr die ganze Zeit gesucht habt. Der Durchbruch. Ja, es ist der Durchbruch, auf den ein Marathon-Geständnis folgt. Sie sitzen zusammen bis 5 Uhr morgens und Garavito gesteht detailliert Mord für Mord. Er offenbart seine Methoden. Er sagt, wie er sich tarnte als Straßenhändler, mal als Mönch verkleidete, Schulhefte verkaufte oder die Jungen mit Kleingeld anlockte. Er geht bis in die makabersten Details hinein. Er sagt, wie er teils Leichenteile in Kühlschränken versteckte, als er mal eine Bar hatte in einem kleinen Ort. Er führt dann als Begründung heran, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe. Und das ist wieder so ein Moment, wo wir eigentlich an diesen magischen Realismus herantreten. Also dass selbst der Täter fast daran glaubt, er sei von dem Teufel besessen gewesen. War es der Teufel, war es der Alkohol, was es dann am Ende war. Er wird bleich, er fängt an zu weinen, immer wieder. Es gibt auch so ein Foto, ich würde das hier nochmal aufschlagen, in dem Buch, wo du hier siehst, wie er, wie in so einem, ja, das sieht aus wie so eine Aula, so eine Schulhalle, wo eben diese Verhöre stattgefunden haben. Und er beugt sich so runter und sitzt auf den Knien und liegt mit dem Kopf auf den Armen auf einem dieser kleinen Tischchen und vergräbt eigentlich das Gesicht in den Armen. Wie so ein Büßer in der Kirche. Ja, also da muss es wirklich stärkste körperliche Reaktionen gegeben haben. Er fing dann an zu zittern, hat sich in einen Eimer, in eine Ecke übergeben zwischendurch und sagt zum Abschluss dieser ganzen Vernehmung, dieser stundenlangen Vernehmung, ich bin ein Monster. Okay. Ich meine, magischer Realismus, ja, es ist natürlich auch dieser Reflex, das ein bisschen zu externalisieren. Und der Teufel hat mich besessen und das bin nicht ich. Das kennt man ja schon bei Tätern aus verschiedenen Kulturkreisen. Ich finde es immer so schwierig, das dann so einherzukriegen mit dieser absolute Kaltblütigkeit und Steuerungsfähigkeit, die dann bei den Taten da ist und dann in diesem Moment dann so dramatisch zusammenzubrechen. Hat Doran ihm das abgenommen oder hat er auch ein bisschen das Gefühl gehabt, okay, das ist jetzt Show? Diese Selbstbeziehung, oh der Teufel, ich bin ein Monster. Ich weiß, was du sagen möchtest. Also ich glaube auch, dass es bestimmt einen Anteil an Strategie gab. Er hat diese Szene als sehr authentisch beschrieben. Er hat auch diese körperlichen Reaktionen eben so stark geschildert, dass dieser Mann eben bleich wurde, dass er anfing zu zittern, dass er sich übergeben musste. Also das sind schon, glaube ich, Momente, die ihn auch irgendwo beeindruckt haben. Und vielleicht ist es dann auch, dass die menschliche Seite, die da rauskam, war das eine Form des, ich lasse das jetzt alles raus und lasse das an mich ran. Also er beschrieb das eher, dass es so eine Abkapselung zwischen zwei Persönlichkeiten gab. Also das ist ja auch etwas, was andere vorher, wie die Lehrerin, wie die Schwester beschrieben haben, dass das ein Mensch war, der auch eine sehr gute, positive Seite hatte und der sich dann sehr schnell wandeln konnte. Wie viele Taten hat er dann gestanden in diesem Marathon und wahrscheinlich waren dann danach noch etliche Vernehmungen? Also es ist so, dass er angeklagt wurde wegen des Mordes von 172 Kindern. Nachgewiesen werden konnten ihm davon 138 Morde. Er hat dann aber im Laufe der Jahre, die darauf folgten, mehr als 190 Morde gestanden. Zusätzlich rund 200 Vergewaltigungen. Das Ganze lief dann auf eine Haftstrafe von 1853 Jahren und neun Tagen hinaus, das ist die längste jemals verhängte Haftstrafe in Kolumbien, aber es gibt eine gesetzliche Kappungsgrenze von 40 Jahren und in dieser Zeit gab es auch keine Sicherheitsverwahrung in dem Land. Also er bekam de facto 40 Jahre Haft. Das heißt, bei 40 Jahren wäre er Mitte 80 gewesen, wenn er aus dem Gefängnis rausgekommen wäre. Und er war ja auch in einem Gefängnis untergebracht, das so als eines der härtesten in Kolumbien gilt. Und da sind auch die mit die größten Verbrecher Kolumbiens eingeknastet. Ich bin auch in einem der anderen Fälle, die ich für euch recherchiert habe, über dieses Gefängnis tatsächlich gestolpert. Also es ist ein ziemlich berüchtigter Knast. Als Sexualstraftäter, Morde an Jungen, dürfte ja eigentlich keine leichte Zeit dort haben. Ja, also es ist schon so, dass es so eine Art der Umkehr in seiner Wahrnehmung gab. Er fing dann sehr, sehr stark an, sich selber als Opfer zu inszenieren, also als Opfer von Gewalt. Diese Idee, dass er eben als kleiner Junge geschlagen, misshandelt wurde innerhalb der Familie und dass er eben auch selbst eine Vergewaltigung oder mehrere Vergewaltigungen sogar als Kind erlebt hatte. Und er begann dann so einen Prozess der Läuterung, kann man es vielleicht nennen, Er ließ sich taufen, schloss sich dort der evangelikalen Kirche an. Sein Narrativ war eben, er sei vom Teufel verführt worden, aber er sei nun bekehrt und geläutert. Und hinzu kam, dass er eben ganz aktiv mit den Behörden auch kooperierte. Er gestand ja bis zu 190 Fälle, beschrieb ganz detailliert, wo er Leichen verscharrt hatte. Und das Ganze war natürlich jetzt nicht nur auf sein geläutertes Wesen wahrscheinlich zurückzuführen, sondern da steckte ja ein Kalkül dahinter. Er wollte natürlich auch damit erreichen, dass seine Haftstrafe deutlich verkürzt wurde. Es gab dann tatsächlich eine Reduzierung der Haft auf 22 Jahre. Und es gab dann Gerüchte, die sich in Kolumbien verbreiteten, dass das Ganze doch noch viel schneller gehen könnte. Und dass Garavito, der einfach von den Medien La Bestia, die Bestie getauft worden war, bald wieder auf freiem Fuß sein könnte. Und diese Taten, die er da gestanden hat, also hat er dann da auch konkret die Ablageorte verfolgt? Benennen können und da wurde was gefunden. Das ist ganz interessant, dass du das auch so nochmal ansprichst. Also er hat wirklich detaillierte Karten gezeichnet von Flussverläufen, Bäumen, wirklich ganz im Detail konnte er konkret benennen, wo er verschiedene Leichen versteckt, vergraben hatte. Und die haben die Ermittler dann tatsächlich auch zu diesen Orten geführt und dort haben sie Knochen gefunden und Überreste von kleinen Jungen, die als vermisst galten. Und diese Karten, die hat er mir Durant tatsächlich auch gezeigt im Original. Also es sind so ein bisschen kinderhafte Zeichnungen, wo so Wasserverläufe mit Buntstift eingezeichnet sind, Büsche. Aber das ist wirklich sehr präzise. Das wundert einen dann schon, wie stark doch das Erinnerungsvermögen dieses Mannes sein musste. Ja, weil es gibt ja auch das Phänomen, dass vor allem gerade Serientäter dann auch exzessiv Taten teilweise gestehen, die sie dann doch gar nicht begangen haben. Manchmal aus Eitelkeit heraus, weil sie noch schlimmer sein wollen, als sie ohnehin schon waren oder eben auch vor dem Hintergrund, dass sie sich dadurch Erleichterungen hoffen und wird ja von Behörden manchmal auch gerne angenommen, weil man dann den ein oder anderen ungeklärten Altfall dann bei dem unterbringen kann. Aber er hat sie dann wirklich auch zu den Orten geführt, sagst du, ja. Nicht bei allen Fällen, aber es gab schon unzählige Fälle, wo dann tatsächlich auch Überreste von Leichen zu finden waren. Wir haben ja jetzt schon Aufnahmen eingespielt und jetzt ist es mal an der Zeit auch... Und wir fingen an zu beten, wir fingen an zu fasten und auf die Knie zu gehen und das mit der Depression war vorbei. Genauso wie die Stimmen aufhörten, war auch die Depression weg. Klar, es gibt Momente als Mensch, der ich nun mal bin, die mich einholen werden. Aber genau dann, Luis Alfredo, ab auf die Knie. Diese Aufnahme ist ein Ausschnitt aus einem TV-Interview, das der Journalist Pirri aufgenommen hat. Pirri, das ist Guillermo Prieto Larota, der ist heute 53 Jahre alt und war damals, also 2006, einer der bekanntesten TV-Journalisten Kolumbiens. Der hatte so ein ganz erfolgreiches Doku-Format namens Especiales Pirri, also Pirri Spezial bei einem großen Privatsender und der hörte dann davon, dass Garavito ganz bald entlassen werden sollte und das erschütterte ihn. Und er dachte sich dann, ich glaube, ich kann ihn dazu bringen, dass er sich selber entlarvt. Er fing dann an, Garavito zu schreiben, ihm zu schmeicheln, zu sagen, ja, ich glaube, es wäre ja auch ganz gut, wenn sie sich selber zeigen könnten im Fernsehen und damit die Leute ihre Stimme hören. So fing er an, ihm zu schreiben. Und schließlich hat Garavito ihm ein Interview zugesagt. Dann kam der Tag, an dem Pirri in das Gefängnis kam, um so eine Art Vorgespräch mit ihm zu führen. Und schon bei der Ankunft geschah etwas, was ihn irgendwo aufmerken ließ. Und zwar war da ein Wärter, der ihm sagte, er solle doch Mitgefühl mit Garavito haben, um seine Situation, wie er jetzt im Gefängnis leben müsste. Und Piri dachte sich, Mitgefühl mit einem hundertfachen Kindermörder? Also das verschreckte und verstörte ihn. Auffällig. Auch wenn du beschrieben hast, dass es einer der, oder der herrte, dass der Knast in ganz Kolumbien ist und der Wärter stellt sich da als... Ja, also wäre dieser Serienkiller auch ein Schützling für ihn, den man ganz sanft anfassen muss. Ja, und das zeigt eben auch ganz gut, wie stark Garavito am Ende Menschen für sich einnehmen konnte. Und das bekam Pirri dann tatsächlich auch zu spüren. Also er ist dann zu ihm reingegangen in die Zelle und Garavito, wenn man ihn sprechen hört, auch in Interviews, wenn man da heute noch zurück hat, der wirkt sehr freundlich, eloquent und hat eine sehr einnehmende Art und schafft es relativ schnell, sich selber als Opfer hinzustellen. Also nach 30 Minuten, so hat mir Peri das im Interview geschildert, hatte er so das Gefühl, ja dieser arme Garavito, dieser arme Mensch, eigentlich müssen wir den rauslassen. Der saß hier genug, der war doch auch nur der Alkohol, wie er ihm zugesetzt hat. In seiner Jugend wurde ihm auch ganz Schlimmes angetan. Er merkte so, wie in ihm sich auch dieses Mitgefühl gegenüber diesem hundertfachen Mörder regte. Und er sagte, sowas hat er weder vorher noch nachher erlebt, auf diese Art und Weise. Und er merkte dann aber, ich muss hier einmal raus. Ich denke jetzt auch gerade wieder an diese Jungs auf den öffentlichen Plätzen, die da mit ihm mitgehen. Da merkt man, dass das irgendwie, ja, jetzt vielleicht nicht magisch ist wie im magischen Realismus, aber dass er da anscheinend wirklich eine Fähigkeit gehabt haben muss, die Leute... Ja, wie eine Gabe. Und zu fangen. Wie eine Gabe. Aber Piri merkte das auf jeden Fall. Der sagte sich, das kann jetzt hier nicht sein, ich lasse mich hier einlullen und bat dann um eine Pause und floh beinahe auf die Toilette und beschrieb das dann, dass er sich wirklich kaltes Wasser ins Gesicht spritzte, um wieder aufzuwachen, um da irgendwie rauszukommen, dass er eben diese Situation und diesen Bann des Garavito unterbrechen konnte. Aufgewacht ist. Aufgewacht ist, ganz klar. Und er kam dann tatsächlich auch zurück mit dem Kamerateam und fühlte sich gewappnet. Also Perri hatte sich vorgenommen, dass er dieses Interview erstmal laufen lassen würde. Und sie saßen auch wirklich schon einige Stunden, vier Stunden, so hat er es mir beschrieben, hat er mit Garavito über alle möglichen Fälle gesprochen. Hat aber auch mit ihm darüber gesprochen, wie er sich im Gefängnis verändert hat, warum er glaubt, dass er jetzt geläutert sei. Und da tauchte eine Chance auf. Und zwar fing Garavito an, sich zu beschweren. Er sagte, ich sitze hier jetzt schon mehrere Jahre, reicht das jetzt nicht? Ich habe doch meine Buße getan, ich bin doch geläutert, ich habe mich taufen lassen. Und fing wirklich an zu meckern, muss man einfach sagen. Und da dachte Piri sich, jetzt kann ich provozieren. Und er sagte, sieben Jahre meinen Sie wirklich, dass es genug ist? Bei so vielen Kindern, die Sie getötet haben? Und in dem Moment kommt es zu der Demaskierung, auf die er eigentlich gewartet hat. Und Garavito antwortet, was passiert ist, ist passiert. Und zwar hat er ganz wörtlich gesagt, es que no voy a llorar sobre leche desmarada. Das bedeutet auf Deutsch, ich werde über verschüttete Milch nicht weinen. Und das, finde ich, klingt nochmal abfälliger. Und so beschreibt es eben auch Pirri, dass da plötzlich so eine Arroganz und Kälte in seinem Tonfall war, als hätte er eine Maske fallen lassen und es auf einmal aufgetaucht, als dieser eiskalte Mörder, der er am Ende war. Eine ganz unchristliche Gleichgültigkeit. Von der Läuterung und der Wendung, Abwendung vom Teufel hin zu Gott war auf einmal nichts mehr zu spüren. Und jetzt kann man sich natürlich darüber streiten, welchen Anteil dieses Interview daran hatte, dass er nicht vorzeitig entlassen wurde. Fakt ist, dass er nicht vorzeitig entlassen wurde. Er ist bis zu seinem Tod im Gefängnis verblieben. Er starb mit 66 Jahren an einer Leukämie in Kombination mit einem ziemlich starken Augenkrebs. Dieser Augenkrebs hatte auch die Hälfte seines Gesichts am Ende komplett entstellt. Das sieht man jetzt auch so bei späteren Interviews, die er noch gegeben hat. Also wenn man ihn heute googelt, sieht man natürlich irgendwie diese Überschriften mit die Bestie und daneben dieses entstellte Gesicht mit dem Augenkrebs, das eben sehr verformt aussieht. Antonia, ich sage dir ganz herzlichen Dank dafür, dass du uns von diesem schlimmen Fall erzählt hast, aber auch von dieser außergewöhnlichen Ermittlung. Ich fand das sehr spannend und man hat eben auch ein bisschen was über das Land gelernt. Danke, Antonia. Danke, lieber Bernd. Und für euch, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wieder der Hinweis, die Geschichte von Antonia findet ihr im Crime-Bereich bei Stern.de. Dort seht ihr unter anderem auch den Kalender, über den wir schon gesprochen haben. Den Link gibt es in den Shownotes. Und ihr findet dort auch einen Link zu unserem exklusiven Podcast Wahre Verbrechen, in dem der Schauspieler Christian Redel mit seiner echt sehr eindringlichen Stimme Stern-Crime-Geschichten vorträgt. Und wenn ich schon unseren Podcast bewerbe, möchte ich das natürlich auch mit Antonias Podcast machen, den sie gemeinsam mit einer Kollegin hostet. Sangria und sonst der Spanien-Podcast. Ja, und jetzt sage ich Tschüss und freue mich, wenn ihr wieder bei uns reinhört.