In einer Schlucht wird ein Toter gefunden. Die Polizei glaubt an einen Unfall. Doch bald darauf liegt dort unten im Bachbett der nächste Mann. Ich bin Bernd Volland und das ist Spurensuche, der Podcast von Stern Crime. Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Spurensuche, die uns diesmal in die Berge führt. Wir blicken in Abgründe im doppelten Wortsinne. Und die Frau, die für Sterncrime in die Berge gereist ist, um den Fall, über den wir heute sprechen, zu recherchieren, sitzt mir gegenüber. Ich darf unsere Autorin Alana Tongers begrüßen. Hallo Alana. Hallo. Wir gehen in die Berge. Du bist Hamburgerin? Ja. Bist du überhaupt ein Bergmensch oder sind die Berge dir fremd und unheimlich? Die sind mir sehr fremd und unheimlich. Ich glaube, es hat auch relativ lange gedauert, bis ich zum ersten Mal so richtig in den Bergen war. Und die Meinungen gehen ja so auseinander, aber ich bin nicht richtig am Meer groß geworden, aber ich habe immer viel Zeit am Meer verbracht und die Berge kamen mir immer so kalt vor und irgendwie auch so tot, obwohl ich natürlich weiß, dass sie ganz lebendig sind. Dass da durchaus auch was lebt. Und ich habe Höhenangst, das kommt auch noch dazu. Ja, wenn man sie nicht kennt, dann kann das eine gewisse Enge auslösen. Lass uns gleich mal in den Abgrund blicken. Wir gehen zurück an den 25. Mai 2019. Kommt es in der Schweiz zu einem Fund? Also ein Spaziergänger ist unterwegs in den Bergen. Der wandert an der Schlucht entlang. Am Vormittag ist es ein relativ schöner Frühlingstag und, Er läuft immer in dieser Stucht entlang und da ist ein Wasserfall. Und in der Nähe von diesem Wasserfall, am Bachbett, sieht er dann etwas. Einen Menschen, der da liegt. Der ist fast magd, das ist ein junger Mann. Der sieht auf den ersten Blick eigentlich recht unverletzt aus. Aber der Spaziergänger muss dann recht schnell gemerkt haben. Irgendwas stimmt da nicht. Der lebt nicht mehr und ruft dann die Polizei. Er treibt also im strudelnden Wasser. Nee, der liegt schon näher im Bachbett drin. Also quasi wie angespült sozusagen. Genau, und der trägt nur noch seine Hose, wobei die Hose auch nur noch so an den Schuhen hängt. Also er ist wirklich fast unbekleidet. Die Schuhe und die Hose sind noch da und alles andere fehlt und so liegt er da. Er ruft die Polizei. Genau, die Polizei kommt, die bergen die Leiche. Wer ist denn dieser Tote unten in der Schlucht? Das ist ein ganz junger Mann, der ist erst 18 Jahre alt, als sie ihn finden. Nassir Rahimi heißt er und ist ein Geflüchteter aus Afghanistan, der auch noch nicht sehr lange in der Schweiz lebt. Er ist ohne Familie da, wohnt in einem kleinen Dorf in einer WG mit anderen Geflüchteten zusammen und besucht die Schule. Also er geht in die 10. Klasse zu dem Zeitpunkt, als man ihn findet. Freunde erzählen Regionalzeitungen später, dass er Automechaniker werden wollte, um seine Familie zu Hause in Afghanistan zu unterstützen. Wie muss man sich denn diese Schlucht, diesen Ort vorstellen? Also sie ist auf jeden Fall gewaltig. Die liegt relativ weit oben. Also wir befinden uns im Berner Oberland und es schlängelt sich so ein Bach durch diese Schlucht durch. Und wenn man sich Fotos anguckt, dann merkt man aber schnell, das ist kein ruhiger Bach. Das ist ein richtig wilder, kraftvoller Bach, der aus Alpenschmelzwasser da quasi so drunter donnert und diese Schlucht auch über eine ganz lange Zeit geformt hat. Und die Schlucht ist wahnsinnig felsig und einige von diesen Felsen sind ganz spitz und andere dann wieder ganz rund geschliffen. Also die ist wirklich wie so eine riesige Skulptur quasi. So Natur geformt. Ja, und es gibt mehrere Wasserfälle, die sich quasi, also der Bach fällt an mehreren Stellen relativ weit runter, an der höchsten, glaube ich, zwölf Meter. Also so kaskadenmäßig geht das runter. Ja, genau. Und relativ tief eben. Und es gibt eine Stelle, die diese Schlucht bekannt macht. Es gibt so ein Wasserloch, in dem sich das Wasser so dreht, also wie so ein Strudel. Das ist der Hexenkessel, so heißt der. Also da ist richtig eine Naturgewalt. Und dort hat man diesen Mann da geboren. Genau, ganz in der Nähe von diesem Hexenkessel auch tatsächlich. Was hat die Polizei dann ermittelt? Die Polizei hat erstmal geprüft, ob es sich um Suizid handeln könnte. Hat aber keinen Abschiedsbrief gefunden und hat dann auch mit Hinterbliebenen gesprochen, die gesagt haben, nee, also das können sie sich eigentlich überhaupt nicht vorstellen. Der hat sogar mal jemanden anderen vom Suizid bewahrt oder versucht, den vom Suizid abzuhalten. Und sie haben auch keine Abrutspuren gefunden, mithilfe derer man einen Unfall rekonstruieren könnte. Aber sie haben eben auch keine Hinweise darauf gefunden, dass irgendwer anders. Beteiligt gewesen sein könnte. Also Hinweise auf ein Verbrechen haben sie auch nicht gefunden. Was eben merkwürdig vorgekommen sein muss, ist, dass eben die Klamotten gefehlt haben, die übrigen. Auch kein Handy. Achso, die waren dann auch gar nicht irgendwo jetzt weiter unten am Bach. Nee, konnten sie meines Wissens nach nicht finden. Irgendwie auch das Handy haben sie nicht gefunden, Ausweispapiere auch nicht. Und weil sich eben gar keine andere Erklärung geboten hat, sind sie dann davon ausgegangen, dass es sich um einen Unfall gehandelt haben muss. Also dass irgendwie unglücklich abgestürzt ist, gefallen. Dazu haben dann auch die Verletzungen gepasst. Was ja auch tatsächlich vorkommt in den Bergen. Die sind ja voll von diesen, ich komme aus Bayern, von diesen Martern, diesen kleinen Kreuzen, wo irgendeiner beim Holzfällen oder eben auch beim Wandern abgestürzt ist. Rückblickend hast du das Gefühl, die haben sehr intensiv in Richtung Fremdverschulden ermittelt oder hat man da eher so? Also schwer zu sagen. Es müssen ja den Ermittlern auch Dinge merkwürdig vorgekommen sein in diesem Fund, eben dass kein Handy da ist. Also es wusste auch niemand, dass er wandern gehen wollte, zu dieser Schlucht gegangen ist. Er ist relativ spät am Abend davor zu Hause aufgebrochen, also erst abends. Was jetzt ja auch keine typische Zeit zum Wandern ist. Auf der anderen Seite gab es ja eben auch keine klaren Hinweise auf ein Fremdverschulden. Wie du sagst, es ist auch unklar, inwieweit die Polizei sich jetzt da auch mit den Lebensumständen von Nassir Rahimi befasst hat. Wir müssen auch noch dazu sagen, die Namen sind alle geändert hier. Ja, genau. Und auch mit seinen Sozialkontakten. Aber wenn man es hätte, dann wäre aufgefallen, dass in den Vormonaten immer wieder SMS von Rahimi an eine Schweizer Nummer ging. Und die hast du auch in deinem Text zitiert. 6. Dezember 2018, 22.21 Uhr. Und morgen arbeitest du oder bist du frei? 23. Dezember, 23.43 Uhr. Ja, dann, wenn du kommst, schließen wir die Tür ab. 6. April 2019, 22.46 Uhr. Wann kommst du zu mir? Schon lange nicht gesehen. Klingt ein wenig nach einer Liebesbeziehung, die dieser junge Mann da mit irgendjemand hatte. Alana, wann ging dann Rachinis letzte SMS an diese Nummer raus? Die ging am Abend, bevor er in dieser Schlucht gefunden wurde, raus. Spät, um 22.38 Uhr. In der Nacht noch um 0.29 Uhr hat sein Handy dann die Verbindung verloren. Wir reden hier über einen Mann, der ja einen sehr, sehr weiten Weg gegangen ist, um Sicherheit zu finden, Freiheit zu finden und vielleicht auch ökonomische Chancen zu haben. Also einen geflüchteten Afghanen in der Schweiz. Lass uns erstmal zu der Region gehen, in der Nasser Rahimi gelandet ist. Wie muss man sich das vorstellen? Du sagtest schon, im Berner Oberland ist das. Genau, also Kanton Bern, Berner Oberland, kleine Dörfer und ich war ja selbst auch da im Berner Oberland und dass das wirklich malerisch schön ist. Ich war auch zum ersten Mal in der Schweiz und es sah wirklich aus wie von so einer Postkarte, also vom Panorama her. Also man sieht fast von überall diese Berge, die großen Seen, grüne Wiesen, ganz viele von diesen idyllischen Chalets. Aber es ist eben auch, ich war da ohne Auto unterwegs, recht schlecht angebunden. Und teilweise sind diese kleinen Dörfer, wirken zumindest von außen, auch recht isoliert. Und ich hatte den Eindruck, je weiter man im Berner Oberland so in die Berge rein bzw. Raufgefahren ist, umso idyllischer wurde es, aber auch umso leiser und umso stiller wurden irgendwie diese Ortschaften und Dörfer. Und Gleiches sagt man irgendwie auch den Menschen im Berner Oberland nach. Also dass die schon noch so ein bisschen für sich sind, verschwiegen ist vielleicht zu viel gesagt, aber irgendwie gemütlich, langsam. Ja, und wahrscheinlich nicht ganz so offen auf den ersten Blick oder so zugänglich, ne? Das ist ja oft in diesen verwinkelten Bergregionen, wo man da so über Generationen in seinen Tälern haust. Und wie sah die Situation dort für die Geflüchteten aus? Also ich meine, die Landschaft ist natürlich wunderschön, wenn man sich anschaut, wo teilweise dann auch diese Geflüchtetenunterkünfte stehen, irgendwie nah an der Natur, in den Bergen. Auf der anderen Seite sind die da natürlich auch total isoliert. Also gerade wenn man dann auf öffentliche Verkehrsmittel zum Beispiel angewiesen ist, um irgendwo hinzukommen, ist es natürlich schwierig, weil sich einem diese Landschaft, in die man da so reingeworfen wird, gar nicht so eröffnet. Also die ist eigentlich, die ist ganz nah, aber irgendwie ist die auch fern. Und natürlich, wenn man sich vorstellt, dass man in der Nähe oder mitten in, so kleinen Dorfgemeinschaften wohnt, also da ist man schon anders, jetzt in einer Stadt oder einem größeren Ort halt sehr darauf angewiesen, dass sich die Menschen im Ort einem auch irgendwie öffnen und einem so einen Weg reinbieten. Ich kann mir vorstellen, dass das dann doch in größeren Städten dann doch nochmal selbstständiger geht. Also dass man da mehr Einfluss drauf hat als in diesen kleinen Dörfern. Ja, vor allem glaube ich, auch wenn du so jung bist. Also ja, die Berge sind schön dort, aber ich weiß nicht, ob du mit 16, 17, 18, 19, 20 da jetzt die Berge genießen willst oder eigentlich ganz froh wärst, wenn du dein Leben hast. Und er war in einer WG untergebracht, hast du gesagt. Genau, also ganz viel weiß ich über die WG auch nicht, aber er hat auf jeden Fall mit anderen Geflüchteten gelebt und es war so in einem, auch nicht richtig in einem Wohngebiet, eher in so einer Art Industriegebiet in diesem kleinen Dorf, in dem er da gelebt hat. Es gibt noch einen zweiten jungen Afghan, der in dieser Geschichte eine ganz zentrale Rolle spielt. Du hast ihn Amir Hashim genannt. Erzähl mal ein bisschen über ihn. Auch er ist ein Geflüchteter. Genau, er kommt aus Afghanistan, wie du gerade schon gesagt hast, aus Masar-e-Scharif, aus einer relativ großen Stadt in Afghanistan, nahe der usbekischen Grenze. Die ist auch von Bergen umgeben. Da wächst er auf, verbringt da seine Kindheit, seine Jugend. Und sein Vater arbeitet wohl als Staatsbeamter, also arbeitet wohl für die Regierung. Und es ist davon auszugehen, dass die Familie auch deshalb Schwierigkeiten mit den Taliban bekommt. Also er wird Anfang der 90er Jahre geboren, also er bekommt wirklich diese Kriegszeit, die Herrschaft der Taliban wirklich auch massiv mit. Den ganzen Schrecken in all seinem Hin und Her. Genau, also eigentlich, wenn man sich so diese Zeit anschaut, in der er groß wird, dann muss die geprägt gewesen sein von Krieg und von Gewalt. Also er wächst eben genau in diesem Zeitabschnitt auf und entscheidet sich wohl auch deshalb, dann irgendwann das Land zu verlassen. Er flieht. Erst in die Türkei, dann nach Griechenland und von Griechenland aus nach Ungarn. Er ist auch alleine, also er flieht ohne seine Familie. Ganz gesichert kann man es nicht sagen, aber er ist wohl relativ lange unterwegs. Und was wir wissen, ist, dass er mit 25 dann in der Schweiz ankommt. Also er ist ja 25 Jahre alt. Er beantragt dann in der Schweiz Asyl 2016. Nach einem ganz langen Marsch. Ja, nach einem sehr langen Marsch. Also er war auch wohl zu Fuß unterwegs, auch im Auto, auch im Zug. Also eben sehr gestückelt über diese lange Zeit auch. Wir sind ja jetzt im Jahr 2019, also drei Jahre hier. Wie sieht sein Leben jetzt in der Schweiz aus? In diese beschaulichen, aber vielleicht auch ein bisschen menschlich schwer zugänglichen und vielleicht für junge Leute manchmal auch etwas langweiligen Regionen? Ja, also ganz viel wissen wir gar nicht so oder weiß ich gar nicht oder konnte ich nicht rausfinden über seinen Alltag und sein genaues Leben. Er hat in einem Restaurant gearbeitet und er hat viel Cannabis konsumiert, also regelmäßig Gras geraucht, weil er gesagt hat, das macht ihn irgendwie wacher, das hilft ihm aktiver zu sein und macht seinen Kopf irgendwie klarer. Wie wird das so als Mensch, als Person beschrieben? Also eher ruhig und zurückhaltend. Das ist wohl eher ein stiller Mensch, der auch irgendwie für sich ist einfach. Das Leben bietet nicht viel Abwechslung. Aber am 4. November 2019, wie ich deinem Text entnehmen konnte, macht er dann immerhin einen Ausflug. Erzähl mal, wie läuft dieser Tag ab, der auch ganz entscheidend ist für diese Geschichte? Ja, er ist zu Hause und er raucht tatsächlich einen Joint und er kriegt einen Anruf von einem Freund von ihm. Er hat nämlich einen Freund in der Schweiz, mit dem er regelmäßig Zeit verbringt. Und der ruft ihn an und fragt ihn, ob sie sich treffen wollen heute. Und er wundert sich ganz kurz darüber, weil die haben sich erst letzte Woche gesehen, aber denkt dann, warum eigentlich nicht? Und er wird dann nachmittags von diesem Freund abgeholt. Die treffen sich auf einem Supermarktparkplatz. Der Freund hat ein Auto, fährt davor, er steckt ein und dann fahren die beiden in die Berge. Also die fahren so raus in die Natur mit dem Auto. Es ist dann, genau, es ist November, es ist Nachmittag, es dämmert dann schon so ein bisschen. Und sie fahren erstmal zu einem See, verbringen da ein bisschen Zeit an diesem See. Und dann ist es ja wirklich schon durchaus ein bisschen später, muss auch schon dunkler sein. Sind um diese Jahreszeit ja auch nicht viele andere Leute irgendwie um diese Uhrzeit auch unterwegs, so weit draußen. Und die fahren aber trotzdem noch nicht wieder nach Hause, weil sein Schweizer Freund erzählt, dass er noch so einen Auftrag hat, also einen Job quasi, der soll noch so ein Stück Land ausmessen und möchte eben, dass sie das jetzt noch zusammen machen. Und er fährt dann mit. Ja, na klar, also sie sind ja auch zusammen unterwegs in dem Auto und sie fahren dann zusammen quasi noch weiter in die Berge rein, Also so richtig diese geschlängelten Bergstraßen, wie man sie so kennt, fahren sie hoch und halten dann irgendwann an einem Randparkplatz. Also bei diesen Bergstraßen gibt es relativ häufig einfach so Parkplätze am Rand der Straße und da halten sie und sind auch ganz alleine. Also da steht kein anderes Auto. Das ist dann aber auch schon richtig in den Bergen drin. Also schon recht weit oben, ja. Und dann? Und dann gehen sie zu einer Schlucht, nämlich zu der Griechschlucht, über die wir vorhin auch schon gesprochen haben. weil da soll dieses kleine Stück Land sein, was dieser Schweizer Freund ausmessen muss. Er steht jetzt also an dieser Schlucht, wo fast ein halbes Jahr vorher Nassir Rahimi gefunden wurde, unten im Wasser. Genau. Lass uns mal zu diesem Freund gehen, den er da hat. Wer ist dieser Schweizer Freund, der ihn an die Schlucht geführt hat? Der Freund ist Wolfgang Lüthi. Das ist so ein richtiger Berner Oberländer, der da sein ganzes Leben verbracht hat. Und der ist auch deutlich älter. Also der ist damals schon in seinen 60ern. Also schon ein gewaltiger Altersunterschied zwischen den beiden. Ja, der lebt sein ganzes Leben lang in der Schweiz, auch schon sein ganzes Leben lang in dieser Region, hat eigentlich fast sein ganzes Leben in einem Dorf verbracht. Und in diesem Dorf kursieren dann auch, wie das in so einem kleinen Dorf so ist, so allerhand Geschichten über den. Also man erzählt sich, dass er eine ganz schwierige Kindheit hatte, dass er ein uneheliches Kind war, dass er seinen Vater nie gekannt hat und dass er bei einer Pflegefamilie aufgewachsen ist. Die Pflegefamilie hat wohl nicht exakt in diesem Dorf gewohnt, wo er dann eben danach so viel Zeit verbracht hat, sondern ein bisschen außerhalb. Und eine Geschichte, die sich aber noch viel mehr ins Gedächtnis von diesem Dorf eingebrannt hat, ist, dass er wohl das Haus, das erzählt man sich zumindest, das kann man nicht mehr nachweisen, aber dass er das Haus dieser Pflegefamilie angezündet haben soll, weil er wohl wieder zurück wollte zu seiner eigentlichen Familie. Und das hat sich so eingebrannt, dass man ihn in diesem Dorf heute noch den Brändli nennt. Okay, hast du deinen Stempel über Jahrzehnte weg? Ja, das war wirklich total erstaunlich. Also ich war auch in dem Ort, in dem er eben später so lange gelebt hat und habe da mit Leuten gesprochen und habe sie auf Wolfgang Lüthi angesprochen und die haben direkt gesagt, ach du nennst den Brändli. Der Brändli, ja. Die nennen ihn wirklich, die haben ihn wirklich nur so genannt. Ja, also jemand, der selber in so einen kleinen Ort aufgewachsen ist. Kann ich sagen. Es hat einerseits ja was irgendwie auch was Sicherndes, Stabiles, finde ich, weil du fällst dich raus aus dem Raster, wenn du in diesem Dorf bleibst. Aber den Ruf, den du hast und die Geschichten, die über dich als Mensch erzählt werden, die wirst du halt nicht los. Ja, ganz offensichtlich ist er das nicht losgeworden. Aber er wächst danach auf jeden Fall nicht mehr bei dieser Pflegefamilie auf, sondern bei seiner Großmutter, einem Patenonkel und einer Tante und lebt auf einem Hof. Und der Hof ist eben schon in diesem Dorf, aber relativ am Rand. Und er sagt dann später, dass er damals auch schon arbeiten musste. Es waren irgendwie andere Zeiten. Also man kann sich vorstellen, dass er vielleicht auch ein bisschen hart rangenommen wurde. Und genau diesen Hof übernimmt er dann später. Also da verbringt er den Rest seines Lebens auf diesem Hof. Er macht auch eine Ausbildung zum Landwirt, hat Tiere. Er heiratet auch, die wird aber wieder geschieden. Er lernt dann aber recht schnell eine neue Frau kennen und mit der ist er zusammen. Die heiraten aber nicht. Die zieht dann zum Hof auf ihn, die kümmern sich zusammen um die Tiere. Also er arbeitet irgendwann nicht mehr als Landwirt, sondern fängt an Auto zu fahren. Also er wird Busfahrer, Chauffeur. Chauffeur sagt man. Genau, Chauffeur sagt man. Auch der Busfahrer ist ein Chauffeur. Genau, also er fährt so allerlei Dinge, aber hauptsächlich ist er Busfahrer. Du warst ja auch in diesem Dorf dann. Wie muss man sich dieses Dorf vorstellen? Du hast ja schon ein bisschen angedeutet, die Geschichten sind sehr haltbar und jeder kennt jeden und jeder weiß aber auch sehr viel über jeden. Wie war dein Eindruck von diesem Dorf, als du dort warst? Also erstmal ist es wahnsinnig schön. Ich war auch tatsächlich an einem ganz wundervollen Sommertag da, mit einem Bus hochgefahren, diese Bergstraße hoch und war dann in dem Ort, der winzig ist. Es besteht eigentlich hauptsächlich aus einer Straße, es gibt so einen kleinen Dorfplatz und dann eben die Häuser, die so an dieser Straße stehen. Es war ganz leise, das ist das Erste, was mir aufgefallen ist. Also man hat wirklich gehört, wenn jemand Häuser weiter die Fenster zugemacht hat. Und eine andere Sache, die mir schnell aufgefallen ist. Ich bin eben durch dieses Dorf gelaufen, es war auch nicht so viel los. Ich habe mich mal hingesetzt, um so einen Eindruck zu bekommen. Und ich habe ganz schnell gemerkt, dass ich angestarrt wurde. Also es ist sehr schnell aufgefallen, dass ich da nicht lebe. Und ich wurde nicht nur so von Leuten, die vorbeigekommen sind. Dann kommst du noch No Name City. Ja, genau. Also nicht nur so von Leuten, die vorbeigekommen sind, sondern ich hatte richtig das Gefühl, ich werde auch aus den Fenstern angeguckt. Irgendwie hat sich das schnell seltsam angefühlt. Aber genau, es ist so ein richtig verschlafenes Bilderbuchdorf, irgendwie grüne Wiesen, man hört diese Kuhglocken, keine großen Läden. Es gibt so ein paar Hotels, lebt natürlich auch vom Tourismus und man sieht aus diesem Dorf diesen großen See, über dem das alles liegt. Der hat so türkis geglitzert. Ja, wunderschön, aber man hat schon auch gemerkt, das ist eben ein kleiner Ort und da kennen sich alle. Man ist unter Beobachtung, nicht nur, wenn man als Fremde reinkommt. Du sagst ja schon, seine Rolle im Dorf, das klingt so ein bisschen, dass er so eine leichte Außenseiterrolle dort hat, diese Lüthi. Ja, ich glaube, das kann man schon sagen. Ich habe dort auch mit Bewohnern gesprochen, einfach mit Menschen, die ich so draußen getroffen habe, die habe ich auf ihn angesprochen. Und die haben tatsächlich nicht nur das gesagt, also dass er diese Außenseiterrolle hatte, sondern die haben gesagt, die hatten Angst vor ihm. Angst vor ihm? Genau. Warum das? Also weil er das Haus abgebrannt hat oder warum Angst vor ihm? Ja, womöglich hat das Haus auch eine Rolle gespielt, aber sie haben auch noch was anderes erzählt. Und nämlich, dass man so gemunkelt hat im Dorf, beziehungsweise so wie das die Menschen, mit denen ich da gesprochen habe, erzählt haben, dass alle wussten, dass er irgendwie was für Jungen übrig hat. Also für junge Männer und für Jungen und dass er zwei Gesichter hat. Das ist auch ein Satz, der tatsächlich mehrmals... Dass er zwei Gesichter hat? Genau, das ist ein Satz, der mehrmals gefallen ist, der hat zwei Gesichter. Aber er hat ein Interesse auch an Jungs und jungen Männern. Genau. Wird über ihn geraunt. Das haben die Menschen da erzählt. Man muss sagen, also wenn man sich das so anhört, scheint er schon doch eher ein Außenseiter gewesen zu sein. Er war jetzt kein Verstoßener. Also der war im Schützenverein aktiv, der hatte da schon auch Freunde. Also mir schien es so, als wäre das jemand gewesen, über den man geredet hat. Aber man hat eben auch mit ihm geredet. Und was ist dran an diesen Gerüchten? An den Gerüchten ist tatsächlich was dran. Also man muss ja auch sagen, dass diese Erzählung, dass er sich so zu Jungen hingezogen fühlt, der haftet ja schon auch zumindest so ein homophobes Vorurteil an, also dass Homosexualität und Pädophilie auch häufig irgendwie zusammengesehen werden, aber in seinem Fall trifft es tatsächlich zu, er führt sexuelle Beziehungen zu Minderjährigen auch. Das ist gesichert. Wie lebt er das aus? Es lässt sich jetzt nur zu den Fällen sagen, die später auch aktenkundig werden. Also die Fälle, in denen er Beziehungen zu zum Beispiel Minderjährigen hat, also der Jüngste ist 14, meine ich, ist auch ein 16-Jähriger dabei. Das sind Geflüchtete aus Afghanistan, die er anspricht in den Umgebungen von den Unterkünften. Häufig spricht er die auch am Bahnhof an. So baut er sich mehrere Beziehungen zu afghanischen Geflüchteten auf. Die Unterkünfte sind so in der Region verteilt und er hat da so sein Muster. Er spricht sie dann dort an, wie läuft das ab? Also er ist ihm viel an diesen Bahnhöfen, an Busstationen unterwegs. Er fragt sie, ob sie einen Kaffee trinken wollen. Er fragt sie auch, ob sie sich ein Taschengeld verdienen wollen. Er gibt in einigen Fällen auch Fahrstunden. Also er arbeitet ja als Busfahrer, Chauffeur. Was natürlich besonders für diese Jugendlichen auch interessant ist, die keinen Führerschein haben. Ja klar, Autofahren, Autofahren lernen. Ja genau, also es handelt sich zum Großteil wirklich um Geflüchtete aus Afghanistan. Er sagt später, er fand die halt sympathisch, die haben ihm irgendwie gut gefallen. Es wird aber später in Akten, die es dann zu diesen Geschichten gibt, wird auch von einem Beuteschema gesprochen. Teils minderjährig, teils eben auch nicht, aber alle geflüchtet aus Afghanistan. Und wie kommt er dann zu sechs mit ihnen? Er fährt weit raus mit denen. Also sie sind ganz häufig irgendwie im Auto unterwegs, fahren dann raus in die Natur, in den Wald, auch mal auf den Parkplatz von einer verdassenen Fabrik und er bezahlt sie. Also das ist so eine geschäftliche Beziehung. Also sie haben Sex und er bezahlt alle diese Menschen dafür und diese Jugendlichen. Und einer dieser Männer, das weiß ich aus deiner Geschichte, war Nassir Rahimi. Und auch das können wir hier auflösen. Die SMS, die er schrieb, ging an Wolfgang Lüthi. Auch eine, bevor er in die Schlucht stürzte, an der jetzt eben sein Landsmann Amir Hashim mit eben diesem Lüthi steht. Bevor wir uns dorthin begeben, erzähl mal noch ein bisschen, wie haben Lüthi und Amir Hashim sich kennengelernt? Wolfgang Lüthi spricht den an einem Bahnhof an. Und zwar relativ kurz, also das muss auch im Jahr 2016 sein. Also da ist er noch gar nicht so lange in der Schweiz und da spricht dieser Mann am Bahnhof an. Wie quatscht er da die an? Also ist er da gleich ganz offensiv und sagt, willst du Geld verdienen? Oder macht er erst einen auf, ich bin ein freundlicher Einheimischer und wenn du Fragen hast, kann ich dir helfen? In dem Fall von Amir Hashim weiß ich das leider nicht genau, also wie dieses erste Treffen ablief. Aber in den anderen Treffen hat er eben mal nach einem Kaffee gefragt, aber eben auch teilweise schon offensiv gefragt. Wollt ihr euch nicht was dazu verdienen? Also ein Taschengeld. Und irgendwie muss sich das dann im Laufe der Gespräche, muss dann ja klarer, geworden sein, was er eigentlich will. Also dass er eben an Sex interessiert ist und dafür bezahlt. Ja, wahrscheinlich wird es sich dann irgendwann auch ein bisschen rumgesprochen haben. Ja, das erzählt Wolfgang Lüthi später auch. Also dass er irgendwann auch das Gefühl hat, seine Nummer wird so rumgegeben. Also er erzählt selber, er bekommt dann irgendwann auch SMS von Leuten, die er gar nicht kennt. Also es scheint sich was rumzusprechen. Wie sieht die Beziehung zwischen Hashim und Lüthi aus? Die treffen sich so ein bis zweimal im Monat und fahren dann meistens eben raus an so einsame Orte, wo sonst nicht so viele Menschen sind und haben da dann Sex und dafür bezahlt er dann. Also für einmal Sex bezahlt er 50 Franken und für zweimal 90 bis 100 Franken. So treffen sie sich eben regelmäßig und zu dem Zeitpunkt, dass sie zusammen in dieser Schlucht stehen, da kennen sie sich schon eine ganze Weile, also da kennen sie sich schon. Drei Jahre. Da ist über die Jahre womöglich auch so ein gewisses Vertrauensverhältnis dann auch gewachsen. Ja, genau. Von außen betrachtet scheint die Beziehung zwischen den beiden ja auch relativ klar. Ja, also man kann davon halten, was man will. Ob das jetzt auch Ausnutzen eines Machtgefälles ist, aber es scheint eine klare, auf eine Art unkomplizierte Sache eigentlich zu sein. Und auch die Fahrt jetzt zur Schlucht, es klingt dann jetzt auch gar nicht so außergewöhnlich. Relativ gewöhnlich für ein Treffen von den beiden. Also dass sie rausfahren, dass sie eben auch an diese Orte in der Natur fahren. Bei diesem Treffen jetzt, sie sind ja zu einem See gefahren, da haben sie tatsächlich dann auch Sex. Die hatten auch vorher schon Sex, bevor sie jetzt hochgewandert sind. Genau, das war relativ gewöhnlich. Und jetzt kommen wir mal zu dieser Schlucht. Da steht Hashim jetzt... Mit Lüthi dort oben, Winter, November, nachdem Lüthi ihm gesagt hat, er müsse dort oben noch etwas vermessen. Und was passiert jetzt? Was ganz interessant ist, noch als die beiden aus dem Auto aussteigen, du hast ja gerade schon gesagt, es ist November, es ist kalt, ich glaube es hat 6 Grad, da möchte Hashim seine Jacke anziehen. Und Wolfgang Lüthi sagt zu ihm, die brauchst du gar nicht, also lass die hier. Es ist ja offensichtlich kalt draußen und er zieht die deswegen dann trotzdem an. Und dann laufen die eben zu dieser Schlucht nach oben, bei diesem Stück, was Wolfgang Lüthi ausmessen will. Er hat so blaue Holzstäbe dabei, die er in den Boden steckt. Er hat auch ein Maßband dabei. Und Hashim steht also an dieser Schlucht und findet es total schön da. Sieht ja wirklich sehr beeindruckend aus, wenn man sich auch die Fotos anguckt und holt sein Handy raus und macht Fotos. Und er möchte aber auch ein Foto haben, auf dem er selbst drauf ist. Und deswegen bittet er Wolfgang Lüthi, ein Foto von ihm zu machen. Es ist gar nicht so klar, ob er dieses Foto jemals gemacht hat. Naja, auf jeden Fall will er dann weiter ausmessen, nimmt dieses Maßband und gibt es eine Ende, Hashim. Und sagt ihm dann so ein bisschen, wo er sich hinstellen soll zum Vermessen. Also er sagt dann, geh mal so ein bisschen nach da, vielleicht eher noch ein Stück nach da. Solange bis Hashim dann echt schon am Rand von dieser Schlucht steht. Klingt so ein bisschen wie in diesem schlechten Witz so. Wir machen ein Foto, gehen noch einen Schritt nach hinten. Aber so ist ja diese Situation wirklich. Und was passiert dann? Es gibt unterschiedliche Versionen davon, aber erzähl es mal in der Variante, die das Gericht später auch geglaubt hat. Wolfgang Lüthi geht zu ihm rüber und ganz aus dem Nichts stößt er ihn. Also holt richtig aus und stößt ihn. Wolfgang Lüthi ist auch ein kräftiger Mann, der wiegt 100 Kilo. Das muss ein gewaltiger Stoß sein. Und Hashim fällt also nach hinten, aber er kann sich gerade noch festhalten, weil da so ein kleiner, ganz dünner Baum warum eher so ein Strauch wächst am Rand von dieser Schlucht. Und er schaut ihm dann in die Augen. Also es gibt Blickkontakt zwischen den beiden, er hat natürlich Panik und sagt dann, nein, also bitte nein. Wolfgang Lüthi steht ihm gegenüber, blickt ihm also in die Augen und löst dann aber seine Hand. Und er stützt dann in diese Schlucht hinunter. Was macht Lüthi nun? Er fährt tatsächlich einfach nach Hause. Er geht zum Auto zurück, er fährt nach Hause, macht sich Abendbrot und erledigt dann noch Büroarbeiten. So erzählt es das selber. Man merkt ihm auch nichts an, auch in den Tagen dann oder am Tag nach der Tat. Er erzählt wohl auch niemandem irgendwas, verbringt da so einen recht gewöhnlichen Abend. Und am nächsten Tag ist dann tatsächlich ein recht außergewöhnlicher Tag im Dorf. Es ist der erste Dienstag im November. Und immer am ersten Dienstag im November gibt es den Merit. Ich hoffe, ich spreche es richtig aus. Aber es ist so ein ganz alter Dorfmarkt, der da stattfindet. Also da haben sogar die Kinder irgendwie schulfrei, weil das so besonders ist. Und da geht er eben... Das ist so das größte Dorffest des Jahres. Ja, auf jeden Fall. Ja, und da geht er hin und es gibt so ein Lokal, das ist direkt am Dorfplatz. Da hat man wahnsinnig gute Sicht über die Berge und er setzt sich da direkt vorne ans Fenster und muss sich da wohl irgendwas bestellt haben. Und dann kommt aber eine Spezialeinheit, also bricht wohl in dieses Restaurant rein und nimmt ihn dann fest. Das ist ein Fest, das sie dort nicht vergessen werden. Also die sind da richtig dann, also was hier in Deutschland das SEK wäre, marschiert rein in voller Montur und zerrt ihm aus dem Restaurant raus. Ja, genau. Zur Feier des Dorffestes. Wie kam es zu dieser Festnahme? Er wurde angezeigt. Und wer hat ihn angezeigt? Tatsächlich hat ihn Amir Hashim angezeigt, der diesen Sturz und die Schlucht auf irgendeine Art und Weise wundersamerweise, muss man wirklich sagen, auch später alle so überlebt hat. Erzähl mal, wie lief das ab dann nach diesem Sturz? Der letzte Moment, den wir von ihm haben, ist, er hält sich mit den Fingern an diesem Felsrand fest. Lüthi löst ihm diese Finger und er stürzt da hinab, wo es richtig tief runter geht, wo Felsen sind, wo eiskaltes Wasser ist. Es ist wirklich eiskalt. Knapp über drei Grad hat das Wasser noch. Also er stürzt erst mal sechs Meter runter, stürzt eben in diesen Bach. Und der Bach ist ja auch niedrig, aber verletzt sich da auch schon. Und man hat auch diese schwere Winterjacke an. Er schafft es dann, die irgendwie rauszuziehen und rutscht dann nochmal so einen kleinen Wasserfall runter. Ich hatte das ja vorhin schon gesagt, der Bach geht da so durch und es sind immer wieder diese kleinen Wasserfälle, die sich da so durch diese Schlucht durchschwingeln. Er schafft es dann irgendwie, sich an einem Felsvorsprung, an so einem Stein festzuhalten. Und das ist auch gut so, weil unter ihm donnert es ganz schön gewaltig. Da gibt es noch diesen ganz großen Wasserfall, da geht es zwölf Meter runter. Also wenn er den dann runtergerutscht wäre, den großen, das hätte er dann nicht mehr überlebt. Ja, da wäre es. Also es ist so schon wundersam, wenn man sich diesen, also der Bach, wie schon gesagt, ist das Wasser nicht tief, er fällt wirklich tief runter, da sind überall diese Felsen. Aber er schafft es eben, sich auf diesen Felsvorsprung zu ziehen und da ist er dann erstmal und fängt halt an, um Hilfe zu rufen. Tatsächlich hört er dann aber auch relativ schnell auf, um Hilfe zu rufen, weil er denkt, was ist, wenn Wolfgang Lüthi noch da oben ist? Er hat ja verstanden, der hat gerade versucht, mich umzubringen und denkt dann, wenn er jetzt noch da oben ist und hört, dass er noch lebt, dass er dann vielleicht Steine runterwirft. Deswegen hört er dann auf, um Hilfe zu rufen und kauert sich da einfach auf diesen Felsvorsprung. Es hat in der Nacht dann nur noch zwei Grad. Er ist ja auch klitschnass. Er hat aber auch Angst, einzuschlafen, weil er denkt, was, wenn ich jetzt nochmal in diesen Bach reinfalle und ich dann wieder runtergerissen werde. Also noch weiter diese Schlucht runter. Er sieht in der Nacht nur noch von der Straße. Also oben ist in der Nähe noch diese Straße und er sieht immer mal wieder, wie Autos vorbeifahren. Aber das hilft ihm natürlich auch nichts. Die kann er ja nicht erreichen. Aber er hat es überlebt dann. Am Morgen, als er dann noch lebt und die Sonne wieder einigermaßen scheint, er wieder was sehen kann, denkt er dann, er muss jetzt versuchen hochzuklettern. Und irgendwie schafft er das dann. Er kann selber auch gar nicht genau sagen, wie es funktioniert hat. Er muss ja auch schwerste Verletzungen haben, schätze ich jetzt mal. Was hat er sich da alles gebrochen gehabt bei dem Sturz? Gebrochen hat er sich tatsächlich nichts. Das linke Bein ist relativ stark verletzt, gestaucht, ein Bänderis, er blutet auf jeden Fall auch, also lauter Schürfwunden. Er hat auch im Sturz wahrscheinlich auch ein bisschen Glück gehabt. Genau, ja, ja, total. Also er schafft es irgendwie, diese Felswand hochzuklettern und läuft dann zur Straße hin und versucht da Hilfe zu finden. Und es fährt erst ein Auto vorbei tatsächlich. Also er steht da wirklich klatschnast, in keinem guten Zustand, er blutet. Und das zweite Auto hält dann aber an und da kann er dann zusteigen und setzt sich dann da hinten auf die Rückbank. Und sagt, was passiert ist. Ja, er fängt eigentlich direkt an zu erzählen, was passiert ist. Er spricht ein bisschen deutsch, sprüchig, aber kann sich da irgendwie schon verständlich machen. Er erzählt dann, dass er in diese Schlucht gefallen ist. Er erzählt auch, dass er gestoßen wurde. Er erzählt wohl immer wieder, wie schnell sich das Wasser gedreht hat und zeigt es auch so mit den Händen. Also es hat sich gedreht, es hat sich gedreht. Und er muss da wohl auch schon Namen gesagt haben. Auf jeden Fall wird er dann ins Krankenhaus gefahren, weil ja offensichtlich ist, dass der stark unterkühlt ist. Ich glaube auf 34 Grad ist seine Körpertemperatur gesunken. Ins Krankenhaus kommt dann auch schon die Polizei. Den schildert Hashim nun den Ablauf, so wie du ihn uns eben auch erzählt hast. Und dann kommt es zur Festnahme von Lüthi. Was ist jetzt dessen Version dieses Abends an der Schlucht? Lüthi wird ja mehrmals verhört und der macht immer wieder unterschiedliche Aussagen. Also zuerst stellt sich dann relativ schnell raus, diese Geschichte mit dem Vermessen von dem Land, die ist ausgedacht. Also es gab gar kein Land, was zu vermessen war. Und er sagt, naja, er wollte eben mehr Zeit mit dem verbringen. Also er wollte mehr Zeit mit Amir Hashim verbringen und hat sich deshalb diese Geschichte ausgedacht. Das ist dann seine Erklärung dafür. Naja, und dann gibt es ehrlich gesagt immer wieder unterschiedliche Varianten. Also er sagt, Amir Hashim ist halt gestürzt, der ist von selber gestürzt. Und er sagt auch, der war halt total bekifft. Es stimmt ja auch, dass der an dem Tag, an dem Morgen, wenn wir uns erinnern, als er diesen Anruf bekommt, raucht er tatsächlich einen Joint. Also Wolfgang Lüthi sagt... Wie er offenbar täglich bekifft hat. Ja, also er konsumiert ja viel. Und er sagt, der war total bekifft und er ist eben runtergefallen. Und was ganz interessant ist, es gibt vor allem zwei widersprüchliche Geschichten, die er erzählt. Weil die große Frage ist dann ja, wenn er runtergefahren ist, warum hat er keine Hilfe geholt? Warum hat er nicht versucht, den zu retten? Er sagt ja selber, er ist direkt nach Hause gefahren. Und dafür gibt es zwei Erklärungen. Einmal sagt er, naja, die Stelle ist voll ungefährlich. Da passiert schon nichts. Ein anderes Mal sagt er dann tatsächlich, ja, da wäre eh alles zu spät gewesen. Da wäre jede Hilfe zu spät gewesen. Den hätte man gar nicht mehr retten können. Das sagt er beides. Beide sind sich aber auch nicht logisch, oder? Also beim ersten Mal sagt er, wenn ich dich richtig verstehe, Hashim sei an einer anderen, gar nicht so tiefen, ungefährlichen Stelle abgestürzt. Und das zweite sowieso auch nicht. Oder wie erklärt er, dass er da dann niemanden gerufen hat? Zum einen sagt er, das ist ja mit Handyempfang da schwierig. Das stimmt natürlich auch. Man kann dann natürlich auch ein Stück woanders hinfahren und da dann jemanden anrufen. Und er sagt dann später, ja, er hatte auch Angst davor, im Dorf geoutet zu werden. Also er hatte Angst vor einem Outing. Und an der anderen Stelle sagt er noch. Er wollte zu Hause, das ist ein Zitat, er sagt, zu Hause wollte ich nicht einen Tamtam. Er wollte irgendwie keine Aufregung. Also theoretisch haben wir Aussage gegen Aussage, wobei die eine Aussagen oder die Aussagen ein bisschen schräg sind. Was bringt denn die Polizei jetzt raus? Die finden doch einige Spuren, die genau zu der Geschichte passen, die Hashim erzählt hat. Die finden unter anderem seine DNA-Spuren an diesem Strauch, an dem Ast, an dem er sich festgehalten hat. Und sie finden einen Abdruck von seinen Schuhen unten in der Schlucht. Also das passt irgendwie auch genau zu der Stelle, wo er irgendwie angibt, dass er da die Nacht verbracht hat. Also das widerlegt die eine Geschichte, die Lüthi in die Welt gebracht hat. Nein, definitiv aufgrund der Spuren, er ist an dieser Stelle, die eigentlich tödlich ist. Genau, wobei man auch sagen muss, in dieser Schlucht ist jede Stelle, an der man da... Also es gibt eigentlich gar keine ungefällige. Und jetzt kommen wir natürlich zur nächsten Auffälligkeit, dass sie... Ein knappes halbes Jahr zuvor schon mal einen jungen Mann, jungen afghanischen Mann, genau aus dieser Schlucht gezogen haben. Was finden Sie da heraus? Sie finden heraus, dass es eben Kontakt zwischen den beiden gab. Also dass sie sich gekannt haben, sie finden im Zuge der Ermittlungen überhaupt erstmal heraus zu wie vielen und auch zu, dass er auch zu minderjährigen Geflüchteten Kontakt hatte. Also ich habe mit dem Anwalt von Hashim gesprochen und der hatte nur gesagt, sagt, naja, die haben dann schon auch Fotos gefunden und wenn sie die auf einem Handy sehen, dann machen sie sich Gedanken. Okay, das ist nicht der erste, mit dem er da zu tun hat. Genau. Und sie finden dann auch heraus, dass er eben mit Rahimi Kontakt hatte. Sie können auch sehen, der versucht relativ viele Nachrichten und auch diesen Telefonkontakt zu löschen. Die können einiges davon wiederherstellen und finden dann eben auch heraus, dass die an dem Abend, an dem der mutmaßlich ums Leben gekommen ist, weil nicht ganz sicher ist, ob er eben in der Nacht oder am frühen Morgen, wann er dann letztendlich gestorben ist, Aber dass sie da Kontakt hatten und dass Wolfgang Lüthi wohl auch der letzte Mensch war, mit dem Rahimi Kontakt hatte. Sie haben eben telefoniert und sie können dann auch über eine Funkzellenabfrage herausfinden, dass die beide am gleichen Ort, nämlich ganz in der Nähe von der Schlucht waren. Also an der Schlucht selber gibt es kein Handyempfang, aber die waren an diesem Abend da zusammen. An der Schlucht, wo ein halbes Jahr später... Einen anderen, mit dem er in derselben, in einer ähnlichen Beziehung steht, hinuntergestürzt hat. Ja, in dem einen Fall weiß man es, bei dem anderen geht man dann stark davon aus, weil es ja schon auch Unstimmigkeiten gab, als man diesen Toten gefunden hat. Also die Tatsache, dass er da nur noch mit seiner Hose irgendwie so leicht bekleidet ist. Sein Handy weg, ne? Von Hashim hat er ja auch das Handy, glaube ich, bei sich gehabt, nachdem er dieses Foto gemacht hat. Genau, das Handy ist weg und später steht in einem Dokument, da wird von dem, es fand ich ganz interessant, von dem Verhaltensmuster in den Bachstoßen ohne bekanntes Motiv gesprochen. Das ist quasi das Verhaltensmuster, was sie dann identifizieren und sagen, ja, das ist schon sehr wahrscheinlich, dass dieser andere junge Mensch auch gestoßen wurde von Wolfgang Lüthi. Was sagt Lüthi denn dazu aus? Der sagt, die haben sich gar nicht gekannt und, Das kann natürlich nicht stimmen. Da bleibt er auch dabei. Ja, er sagt dann eigentlich gar nichts mehr dazu. Er sagt zuerst, die haben sich nicht gekannt. Das stimmt ja auf jeden Fall nicht. Die beiden haben sich gekannt. Es kann nicht ganz klar sagen werden, ob sie sich auch getroffen haben. Es ist aber sehr wahrscheinlich, wenn man die SMS liest. Also aus dem Umfeld von Rahimi weiß niemand so richtig was. Er hat natürlich vermutlich auch diese Beziehung geheim gehalten. Er hat wohl mal einem Freund erzählt, dass er jemanden kennt, der für Sex bezahlt. Schon vor längerer Zeit. Wie sah es dann später vor Gericht aus? Es kamen ja diese beiden Fälle dann zur Anklage und Sex mit Minderjährigen. Ja, genau. Es waren auch mehrere Fälle. Es gab dann auch ein paar, die quasi zurückgezogen haben dann irgendwann, weil sie Opfer nicht vor Gericht nochmal wollten. Aber ja, es ging vor allem um die Tötung, die versuchte Tötung und eben den Sex mit Minderjährigen bzw. den Sex mit Minderjährigen gegen Entgelt, also gegen Bezahlung. Er wurde zuerst vom Regionalgericht schuldig erklärt und dann, das hat er dagegen vorgegangen gegen dieses Urteil, dann gab es noch eine Verhandlung in Bern, quasi eine Stufe höher gezogen und das war dann auch die Verhandlung, bei der ich selber dabei war. Da warst du dort vor Ort. Genau, dafür bin ich hingefahren. Ja, er wurde verurteilt, also er wurde für schuldig erklärt und zu 17 Jahren und 6 Monaten Haft verurteilt. Und wie begründete das Gericht sein Urteil? Naja, es wird vor allem auf die widersprüchlichen Aussagen von Wolfgang Lüthi eingegangen. Also was das Merkwürdige ist, dass ich eher nicht richtig erklären kann, warum er nicht versucht hat, diese Person, die er schon sehr lange kennt und mit der er auf irgendeine Art und Weise auch eine Beziehung hat, zu retten. Man muss sich das ja vorstellen, wenn es so passiert ist, wie Wolfgang Lüthi das jetzt sagt, also dass er da steht und sein Freund da runterfällt, dann muss man sich ja vorstellen, da steht er unter Schock. Selbst wenn er sich dann entscheidet. Nach Hause zu fahren, weil er so viel Angst hat, in diesem Dorf geoutet zu werden. Aber wenn Wolfgang Lüschi diese Geschichte erzählt, wird er wohl relativ wortkarg und das Gericht urteilt, dass er so emotionslos wird. Und das ist da aneinanderständig. Also wenn er von seiner Biografie erzählt, wenn er auch von seinem Alltag im Gefängnis zum Beispiel erzählt, dann kommt er richtig ins Reden. Du hast ihn ja vor Gericht erlebt. Wie wirkt er da? Ja, also genau so. Er hat tatsächlich relativ lange ausgeholt und von seinem Gefängnisalltag erzählt. Ich habe, muss ich gestehen, nicht ganz so viel verstanden, weil er in einem Gansch... Krass, ein Berner-Dütsch oder wie es heißt, spricht. Ich hatte ab und zu so Schweizer Kollegen neben mir sitzen, die immer mal wieder übersetzt haben. Genau, weil er auf jeden Fall ganz lange, als er gefragt wurde, wie es ihm so geht gerade, wie sein Leben aussieht, hat er lange erzählt. Und zur Tat selber wollte er dann vor Gericht gar nichts mehr sagen. Aber auch in Aussagen vorher ist er wohl nie so richtig, wie man das erwarten könnte, wenn man sowas Schockierendes erlebt hat, nie so richtig betroffen gewesen. Ja, wenn ich mir das auch so vorstelle, er beklagt sich über den Gefängnisalltag. Mir wird hier Unrecht angetan und schaut, was ich jetzt hier aushalten muss. Und dann bist du bei den Entlastungsargumenten, ratterst du die so runter. Ja, ich meine, er hat sich, wenn mir das richtig übersetzt wurde, zumindest hat er sich nicht mehr so beklagt. Er hat so erzählt von seiner Arbeit, dass er das alles gut macht irgendwie. Aber ja, immer wieder auch in den Verhören hat er sich schon beklagt. Zum Beispiel, wie unmöglich das war, wie er da abgeführt wurde bei dem Dorffest. Also er hätte ja mal gesagt, er wollte nicht, dass es so ein Tamtam gibt und hat dann gesagt, naja, und das gab es dann ja, kann man ja sehen, wie jetzt hier alles aufgezogen wird, so unnötigerweise. Also ja, er hat sich schon auch mal wieder beschwert. Also so im Sinne, also ich hatte ja Recht, mich nicht an die Polizei zu wenden. Genau, ja. Gut, so kann man es auch betrachten. Du sagst, er hat über sein Leben auch gesprochen. Wie sprach er darüber? Also jetzt dieses Thema Homosexualität, das er ja verbergen wollte. Darüber hat er tatsächlich nicht gesprochen. Also er hat vor Gericht tatsächlich von diesem Gefängnisalltag irgendwie erzählt und auch von seiner Partnerin, mit der er immer noch, zumindest zu dem Zeitpunkt der Verhandlung, immer noch zusammen war. Die haben sich auch nicht getrennt dann, also zu dem Zeitpunkt zumindest. Zu dem Zeitpunkt waren die beiden noch zusammen und hat die wohl noch zu ihm gehalten, zumindest so, dass sie ihn regelmäßig besucht hat. Vor Gericht war sie aber nicht. Klingt fast, als wäre Lüthi dann relativ gelassen damit umgegangen, wenn du das schilderst, dass er seinen Gefängnisalltag auch so ohne Klage darbietet. Ja, also so wirkte das zumindest von außen. Man kann natürlich nicht in ihn reinschauen, aber er wirkte nicht so, als würde er jetzt bei so einem lebensentscheidenden Gerichtstermin sitzen, sondern irgendwie bei einem, ja, es würde er vielleicht einen Personalausweis abholen oder so. Also er saß da relativ gelassen und ich kann mich auch erinnern, es gab, es muss eine Pause gegeben haben, eine längere. Ich saß auf jeden Fall draußen und habe gewartet, dass es wieder losgeht und er wurde reingeführt und hat sich dann auch so umgeschaut und hat mich auch gesehen und hat mir so zugenickt und mich so gegrüßt. Also der hat sich irgendwie nicht versteckt. Aber ihr kanntet euch nicht. Nee, wir kannten uns nicht. So wie man jeden im Dorf grüßt. Genau, also von außen zumindest, als wäre ihm das fast ein bisschen gleichgültig. Der war da eben und so war es. Weißt du, wie seine Frau zu diesem Thema der heimlich ausgelebten Sexualität, jetzt nachdem es publik wurde, auch damit umgegangen ist? Also ich habe nicht mit ihr selbst gesprochen. Sie war ja auch nicht beim Gerichtstermin. Aber als ich da saß bei der Verhandlung, ist mir ein anderer Mann aufgefallen, der so neben mir saß, relativ weit hinten und die ganze Zeit mitgeschrieben hat. Und mit dem habe ich dann später noch gesprochen. Und das war ein Nachbar von Wolfgang Lüthi, den er auch schon wahnsinnig lange kennt. Der hat erzählt, die sind schon, ich glaube, zur Schule zusammengegangen. Also die kannten sich wirklich Ewigkeiten schon. Der wiederum stand so in recht engem Austausch mit der Partnerin von Wolfgang Lüthi. Hat er so ein bisschen geholfen, seitdem die auch alleine wohnt. Und ist eben für sie auch zu diesem Prozess gefahren, um sie so auf dem Laufenden zu halten. Naja, und ich habe dann noch mal länger mit dem telefoniert danach. Und der hat erzählt, dass die Frau das wohl schon wusste, aber sich irgendwie nicht so ganz lösen konnte oder wollte. Sie hat gesagt, natürlich hat sie das gestört, aber sie hat dann gedacht, sie haben halt den Hof und die Tiere und nach so langer Zeit möchte man dann irgendwie zusammenbleiben. Es war so eine, muss man ja auch gar nicht abwertend betrachten, eine Zweckgemeinschaft, wo die Sexualität halt... In eine andere Richtung ging. Und das hat der Nachbar schon auch gesagt, dass man um seine Homosexualität im Dorf ja schon wusste und dass er das auch wusste, was der Nachbar aber gesagt hat, ist, dass er Beziehungen zu Geflüchteten hatte, das wusste er nicht. Und er hat schon auch recht klar gesagt, ja, das findet er schon, weil er einfach so ein Gefälle ist. Also wenn man sich hat gesagt, da ist ja gar keine Augenhöhe mehr. Und das fand er dann schon auch nicht mehr so doll. So kam es mir auch zumindest vor. Noch dazu, wenn sie minderjährig sind. Ach genau, das kommt dann ja sowieso noch dazu. Klingt aber erstaunlicherweise toleranter, als man es jetzt auch so ein bisschen klischee-mäßig vermutet. Mhm. Und vielleicht auch toleranter, als Lüte geglaubt hat, dass die Menschen in seinem Dorf sind. Ja, naja, ich würde jetzt auch nicht genau wissen, wie dann Coming-out gefeiert worden wäre. Es wirkt schon auch eher so distanziert. Damit will man irgendwie, das ist so eine Privatsache, damit will man nichts zu tun haben. Und deswegen ist es vielleicht aber auch, solange man nicht zu viel davon mitbekommt, auch irgendwie in Ordnung. Ja, ich glaube eher so. Es hängen nicht viele Regenbogenflacken in dem Dorf. Ich habe keine gesehen. Wie hat Hashim auf dich gewirkt? Also es war ein wahnsinniger Kontrast zwischen den beiden. Also der wirkte irgendwie klein, eingeschüchtert, auch leise. Also der ist reingekommen und man hat das richtig an der Körperhaltung gesehen, dass er sich unwohl fühlt. Hat relativ lange Haare, irgendwie eher so eine zierliche Person. Und der wirkte wirklich mitgenommen. Also auch als er angefangen hat, nochmal von dieser Geschichte zu erzählen, die dann ja auch schon echt einige Jahre her war. Also die Verhandlung war 2024, bei der ich war. Er musste zwischendurch abbrechen, hat nochmal Wasser bekommen. Es gab so eine Stelle, als er von diesem Sturz auch erzählt hat, da irgendwie das Gesicht in die Hände gelegt. Also man hat gesehen, dass er sich unwohl fühlt. Und er wollte dann auch, sobald es durch war, sofort wieder weg. Also der ist reingekommen und dann wieder raus. Ja, das ist aber nachvollziehbar, so ein Moment, der sich einbrennt. Zuvorhin erzählt hast du das in dem Auto immer wieder von diesem Strudeln. Also als würde jemand so einen Albtraum dann vor Augen haben, so ein physisches Erleben. Ja, naja, also ihm wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert, wobei, also dass er ein Mensch ist, der in seinem Leben auch womöglich schon andere traumatische Erlebnisse erlebt hat. Genau, und er ist also zum Zeitpunkt der Verhandlungen, das hat er berichtet, hatte eine Freundin auch schon mehrere Jahre, also mit einer Frau zusammen und hat auch erzählt, dass die aber gar nichts weiß. Nicht von diesem Sturz in die Stucht, auch nicht von seiner Homosexualität und auch nicht, dass er jetzt heute vor Gericht steht. Wie hat denn Hashim über die Beziehung gesprochen? Der meinte, dass sie eigentlich immer eine gute Zeit zusammen hatten. Hashim hat schon gesagt, er ist diese Beziehung eingegangen wegen der Bezahlung. Er hat deshalb mit Wolfgang Lüthi Zeit verbracht. Und dass das aber so gut für sie funktioniert hat, genau, dass er gerne Zeit mit ihm verbracht hat. Er hat wohl auch ab und zu von ihm als Freund gesprochen, was schon auch darauf hindeutet, dass sie eben diese Vertrauensbasis auch hatten, also dass das jemand war, den er schon auch mochte. Also er mochte ihn auch. Er sagt dann ja aber auf der anderen Seite eben auch, wir haben uns, also er hätte sich nicht mit ihm getroffen, wenn es nicht diesen Sex gegen Bezahlung gegeben hätte. Und da unterscheiden sich die Versionen von Hashim und Wolfgang Lüthi schon wenig, weil Wolfgang Lüthi noch viel mehr mitschwingt. Also der hat schon gesagt, der mochte ihn schon gerne. Der hat erzählt, die haben sich auch nicht nur für Sex getroffen. Die haben auch Ausflüge gemacht, sind mal in ganz andere Gegenden in der Schweiz gefahren, haben sich Sachen angeschaut. Er meinte, er hätte auch mal gern Kaffee mit ihm getrunken, aber dass Hashim das nicht gewollt hat. Wolfgang Lüthi erzählt sogar, die haben mal Federball gespielt. Also ein bisschen anders klingt die Beziehung schon so, wie Wolfgang Lüthi die schildert. Da klingt die nochmal so freundschaftlicher und inniger. Aber Hashim sagt eben auch, die hatten eine gute Zeit zusammen. Also das sagen sie beide, dass sie gerne Zeit miteinander verbracht haben und dass das für sie so gut funktioniert hat. Also Hashim fand es für sich nicht schlimm. Das ist ja auch, weil wir ja vorhin über Machtgefälle auch gesprochen haben, dass ja natürlich auch klar unter Druck entstehen kann, aber auch... Und Armut ist ja auch eine Form von Druck, wo du dich einfach irgendwas unterwirfst, was du ganz übel findest. Ja, also Hashims Anwalt sagt auch später, er glaubt nicht, dass sein Mandant sich ausgenutzt gefühlt hat. Das scheint ja schon für beide auf irgendeine Art und Weise funktioniert zu haben. Es gibt noch ein ganz spannendes Detail, was dann auch vor Gericht nochmal zu sprechen kommt. Nämlich dann zu der Frage, die man sich dann ja stellen muss, wenn diese Beziehung zwischen den beiden so gut war. Wenn beide sagen, die haben sich gerne miteinander getroffen, die kannten sich jetzt schon wirklich lange. Da war Vertrauen und auf irgendeine Art und Weise vielleicht auch eine Art Freundschaft. Warum sollte er ihn denn dann runtergestoßen haben? Und da sagt Hashim vor Gericht, er hätte einen Heiratsantrag bekommen von Wolfgang Lüthi. Also er hätte ihn gefragt, ob er ihn heiraten will. Und den Heiratsantrag hat er wohl abgelehnt. Und er meinte dann aber auch, Wolfgang Lüthi war nicht sauer danach. Der war irgendwie so wie immer und es war alles in Ordnung. Und er sagt auch sowieso, Wolfgang Lüthi war generell kein aggressiver Mensch. Der meinte, sie hatten nie Streit. Der war nicht aufbrausend? Nee, der war nicht aufbrausend. Das sagen auch so Menschen in seinem Umfeld. Wann war dieser Heiratsantrag dann? Relativ kurz vor der Tat auch. Es gab wohl nicht nur diesen Einheiratsantrag, sondern dass er das wohl ab und zu mal gesagt hat, wollen wir nicht heiraten, wollen wir nicht zusammenziehen und so. Also dass das immer mal so mitschwangen. Aber eben auch noch mal kurz bevor sie eben zu dieser Schlucht gefahren sind. Aber letztlich erfahren wir es nicht. Lüthi leugnet eh, es getan zu haben. Also trotz Urteil, das heißt, das Motiv erfahren wir gar nicht. Hashim hat das aber, glaube ich, ziemlich gequält, dass er nicht fuhr. Warum? Genau, also er wurde vor Gericht gefragt, ob er Wolfgang Lüthi denn selbst gerne nochmal was fragen würde. Man muss dazu wissen, dass Wolfgang Lüthi zu dem Zeitpunkt, als er nochmal befragt wurde, gar nicht im Raum war. Der war draußen. Also die wurden auch getrennt voneinander gehalten, auch damit ihn das nicht nochmal in Panik versetzt hat. Und er hat dann gesagt, er würde ihn gerne noch mal fragen, warum er es gemacht hat, weil ja eigentlich alles in Ordnung war, dass er das gar nicht verstehen kann. Man muss auch sagen, das Gericht hat auch nochmal zur Glaubwürdigkeit von Hashim hervorgehoben, dass der Wolfgang Nüthi nicht übermäßig belastet hat. Der hat dem eigentlich gar nichts vorgeworfen, außer eben diesen Stoß. Der meinte sonst, da war nichts. Also der hat eher positiv von ihm gesprochen und von der Beziehung. Wie hat man denn nach Bekanntwerden der Tat im Dorf auf ihn geblickt? Du warst ja dort und hast auch Leute dort gesprochen. Ich weiß gar nicht, wen konntest du dort zu alles sprechen? Naja, ich bin ehrlich gesagt einfach rumgelaufen und habe geschaut, wer so unterwegs war. Und ich bin zu so einem Kiosk gelaufen, da saß so eine Gruppe von Menschen davor. Und die haben gesagt, die sind wahnsinnig froh, dass er weg ist. Und sie wollen auch nicht, dass er wiederkommt. Und die meinten dann, naja, sie sind ganz froh, dass der eine überlebt hat, weil sonst wäre es ja nicht rausgekommen. Eine Person von denen hat dann aber gesagt, ja, mit den Afghanen, Also das ist jetzt quasi ein Zitat, wäre es für den Wolfgang Müthi halt leichter gewesen, weil man die nicht so schnell vermisst. Weil wenn man sich das vorstellt, die haben ja, also viele von diesen Geflüchteten haben ja nicht so Bezüge ins Dorf und zu Menschen, ja, also auch keine Familie mehr vor Ort. Diese Menschen, die da vor diesem Dorfkiosk saßen, haben gesagt. Wenn das mit jemandem aus unserem Dorf passiert wäre, dann hätten wir den rausgejagt. Also dann wäre das quasi schon viel schneller alles rausgekommen. Gut, es geht nicht nur ums Vermissen, sondern auch... Um die sexuellen Handlungen mit Minderjährigen. Ja, weil wir vorhin auch kurz über dieses Machtgefälle gesprochen hatten. Natürlich existiert das. Also das sind schutzsuchende Personen, die sind, wie schon gesagt, auch in vielen Fällen auf dieses Geld angewiesen. Und naja, und er hat ja auch noch mehr geboten. Also wir haben über diese Fahrstunden vorher gesprochen. Er hat irgendwie auch schon ja so ein bisschen das Land gezeigt, ist rausgefahren mit den Leuten. Und ja, auf eine ganz perfide Art und Weise hat er es irgendwie geschickt. Er hat ja auch so eine tragische Ironie, dass er die Außenseiter nutzt, um etwas zu tun, was er verbergen muss, um selbst kein Außenseiter zu werden und das dann. Zu dieser Tat kommt. Warum auch immer. Was kannst du dir vorstellen? An der Stelle dürfen wir, glaube ich, ein bisschen spekulieren. Ja, ich konnte auch mit dem Anwalt von Hashim länger sprechen und der meinte eher zwei Varianten. Zum einen, dass Wolfgang Nüthi sich doch abgewiesen gefühlt hat, wenn man über diese Heiratsanträge spricht. Oder ja, dass auf eine andere Art und Weise Hashim ihm zu nahe gekommen ist, er sich irgendwie davon bedroht gefühlt hat, springt vielleicht auch die Angst vor einem möglichen Outing mit. Und im anderen Fall, also in dem von Rahimi, ist es natürlich komplett unklar, weil da ja gar niemand mehr was dazu sagen kann. Irgendwas muss in dieser Beziehung vorgefallen sein, wenn auch nur im Kopf von Wolfgang Lüthi. Irgendwas muss sich für ihn verändert haben. Ja, wobei es spricht gegen so ein außergewöhnliches Ereignis, das in der Beziehung lag, dass es ja zweimal innerhalb von relativ kurzer Zeit hintereinander kam. Das stimmt natürlich auch. Ja, das stimmt natürlich auch. So vor mich hin, dass da vielleicht irgendein Mechanismus immer zu greifen schien. Klar, jetzt spekulieren wir schon sehr munter, aber es ist durchaus vorstellbar, dass das nicht der letzte Fall gewesen wäre, wenn er mit Hashim davon gekommen wäre. Und da scheint es ja durchaus auch geplant zu haben. Also so wirkt es ja, dass sie da gezielt hingefahren sind, dass er das vorbereitet hat. Ja, und um das Motiv zu verstehen, muss man halt auch diese Beziehung verstehen. Ja, was ich so faszinierend daran finde, ist mir vorzustellen, wie diese beiden Menschen, die ja so unterschiedlich waren, also nicht nur über die Herkunft, sondern auch dieser Altersunterschied, die Stellung irgendwie. Aber auch das Körperliche, dass die so lange Zeit miteinander verbracht haben. Und mir ist ein Satz aus der Urteilsbegründung noch besonders im Kopf geblieben. Und zwar wird da Wolfgang Hüthi gefragt, ob Hashim denn einverstanden mit dem Sex war. Und eigentlich antwortet er gar nicht richtig auf die, aber irgendwie dann schon. Er antwortet darauf dann, ich war allein, er war allein. Also geht nochmal so darauf... Ein, dass die beiden ja auch irgendwie einsam waren und vielleicht dann doch so eine emotionalere Komponente da mitgespielt haben, dass, die sich natürlich auch in ihrer Sexualität anvertrauen konnten und was miteinander ausleben konnten, was die mit anderen nicht tun konnten. Das finde ich ehrlich gesagt auch wahnsinnig traurig, mir das vorzustellen. Eben also die Tatsache, dass es sich bei beiden Menschen, mutmaßlich, aber wenn man sich die Situation von den beiden vorstellt, also Lüthi in diesem Dorf, Hashim geflüchtet, beide wollen ja offensichtlich auch so eine homosexuelle Seite ausleben, und das in ihrer Einsamkeit halt nur mit einer anderen Person, die auch in einer ähnlichen Lage ist, das halt können. Was dann kulminiert in dieser wie auch immer motivierten Tat, die dann aus diesem Gefühlscocktail hervorgeht. Ja. Alana, ich sage dir ganz herzlichen Dank, dass du uns von diesem Fall erzählt hast, uns auch da an diesen Ort geführt hast und ja auch über diese, sehr ungewöhnliche und dann doch tragische Beziehungen oder tragischen Beziehungen, dass du uns darüber erzählt hast. Vielen Dank, Alana. Gerne. Wie immer verweise ich auch diesmal darauf, dass ein Link zu Alanas Geschichte in den Shownotes zu finden ist, ebenso wie ein Link zu unseren vielen, vielen, vielen starken Stern-Crime-Texten, Interviews und auch Podcasts. Dann sage ich vielen Dank, dass ihr uns zugehört habt und freue mich, wenn ihr beim nächsten Mal wieder dabei seid. Tschüss.