Hadi Rodenstock konnte tolle Stories erzählen. Und er konnte Wein für extrem viel Geld verkaufen. Einfach, weil alle ihm so gerne seine Geschichten glauben wollten. Ich bin Bernd Volland und das ist Spurensuche, der Podcast von SternCrime. Willkommen zu einer neuen Folge von Spurensuche. Heute begeben wir uns in die Welt der Reichen und zwar der richtig Reichen. Und natürlich geht es darum, wie jemand einen Weg gefunden hat, diesen Reichen auf recht trickreiche Art Geld abzunehmen. Dieser Jemand heißt Hadi Rodenstock und sein Fachgebiet ist Wein. Darüber rede ich mit meinem Kollegen Stefan Draf. Er hat über den heutigen Fall gemeinsam mit dem damaligen Kulinariexperten des Sterns, Bert Gammerschlag, mehrere Artikel über den Fall geschrieben. Und dabei hat er eine, sage ich mal, durchaus spannende Reise in diese exotische Welt unternommen. Hallo Stefan. Hallo Bernd. Stefan, wir kennen uns ja schon eine Weile und ich erkenne dich als einen sehr vielseitigen Kollegen. Also als Journalist, du warst Technikjournalist, du warst beim Sport, Kulturreporter beim Stern. Und jetzt bist du bei Geo, so bei den Nerds, sage ich mal. Da waren Texte über Astrophysik und noch Irreres. Aber heute reden wir über Kulinarik. Wie bist du denn da dazu gekommen? Ich habe erst mal immer selber gerne gekocht. Meine Mutter war berufstätig. Ich komme also aus der kulinarischen Diaspora. Ich bin jetzt nicht mit tollem Essen aufgewachsen. Aber als ich auszog, habe ich eigentlich sofort angefangen zu kochen. Und beim Stern, ja, da war der Sport gerade vorbei. Ich war Literaturredakteur, ich habe Literatur studiert, das kann ich eigentlich. Und es gab halt diesen Küchenkerl auf dem Flur, Bert, mit dem ich mich immer schon mal über Rezepte unterhalten hatte und der mich damals ansprach, ob ich nicht Lust hätte, zu ihm ins Ressort zu wechseln. 2007, darüber reden wir ja, über die Zeit. Ob ich nicht Lust hätte, von der Literatur weg zu ihm zu gehen, was ich natürlich erst mal entschieden abgelehnt habe und gesagt habe, ich springe doch jetzt nicht vom Elfenbeinturm in die Kombüse. Das Urteil habe ich dann acht Wochen später revidiert und habe dann bei Bert angefangen. Und in der Tat, ich war noch nicht ganz lange in dem Ressort und dann bog diese Geschichte um die Ecke. Diese Geschichte. Es geht um die Jefferson-Flaschen. Erzähl uns mal, was ist eine Jefferson-Flasche? Die Jefferson-Flaschen standen erst mal im Guinness Book der Rekorde, weil sie sehr, sehr teuer verkauft wurden. Das sind Flaschen aus dem 18. Jahrhundert. Handgraviert, das ist wichtig, dass man das weiß. Damals wurde Wein eigentlich noch gar nicht so oft in Flaschen verkauft. Man kaufte das eher in kleinen Fässchen. Etiketten gab es noch gar nicht. Wenn man also Flaschen verkaufte, die damals teuer waren, dann wurde da normalerweise gar nichts mitgemacht. Diese waren nun graviert und diese Gravuren machen diese Flaschen so besonders. Warum heißen sie Jefferson Flaschen? Die Gravuren zeigten erst mal Weingüter, vier verschiedene. Sie zeigten vier verschiedene Jahreszahlen, 1784, 1787 und so weiter. Und, und das macht es so besonders, darunter waren th.j.eingraviert. Diese Buchstaben standen dann am Ende in einer berühmten Versteigerung für den Namen Thomas Jefferson. Das heißt, das sind Flaschen, die Thomas Jefferson gehört haben. Genau, so wurde die Geschichte erzählt. Diese Flaschen haben Thomas Jefferson gehört. Thomas Jefferson ist der dritte amerikanische Präsident. Er ist der maßgebliche Verfasser der Unabhängigkeitserklärung. Das ist der Herrgott persönlich in Amerika. Einer der wichtigsten Personen der amerikanischen Geschichte. Und der lange Zeit ja auch in Frankreich. Er war, glaube ich, erster Botschafter der USA in Frankreich. Exakt. Er war noch vor der Französischen Revolution von 1785 bis 1789 Botschafter in Paris und hat durchaus auch bei der Französischen Revolution mitgemischt. Und er war halt, er hatte Ahnung von Wein. Er hat sehr penibel Tagebuch geführt und er hat absolut sicher Wein gekauft. Und das sind eben dann Flaschen, die in den 80er Jahren dann aufgetaucht sind, wo man sagte, das sind Flaschen, die Thomas Jefferson gekauft hat, für sich gravieren hat lassen. Und du sagst, die landeten im Guinness-Buch der Rekorde. Warum? Nun, unser Finder, Hadi Rodenstock, diese Flaschen, so erzählte er es immer, er kriegt einen Anruf aus Frankreich, aus Paris. Fuhr dann in das Künstlerviertel Marais, dort betrat er einen Keller, dort lagen Flaschen im Staub, er guckte die sich an, bezahlte, packte sie ein und ein Jahr später hat er eine Flasche zu einer Auktion bei dem wirklich sehr renommierten Auktionshaus Christie's in London gegeben. Christie's kam erst auf den Gedanken, dass das Thomas Jefferson ja sein könnte, dieses TH.J, und verkaufte dann eine dieser Flaschen für damals 100.000 britische Pfund, heute übersetzt 400.000 Mark, also 200.000 Euro, an Malcolm Forbes, der nun wirklich aus einer der reichsten Familien Amerikas kommt. Und der hat sich eine dieser Pullen gekauft. Also für Forbes vielleicht nicht, aber für uns ein echten irrsinniger Preis. Lange Zeit waren das die teuersten Flaschen Wein, die jemals verkauft wurden. Wie seid ihr jetzt zu dem Fall gekommen? Also diese Auktion, die fand 1985 statt. Da habe ich gerade Abi gemacht. Und wir sind in diese Recherche 2007, also 22 Jahre später gegangen. Das fing damit an, dass wir durch Zufall eine Meldung auf der Seite 1 des Wall Street Journal gesehen haben, wo einfach nur drin stand, ein amerikanischer Milliardär verklagt einen deutschen Weinhändler wegen Fälschung. Punkt. Und es ging um die Jefferson Flaschen. Der Name des Weinhändlers stand drin. Und der Name des Weinhändlers, Hardy Rodenstock, stand auch drin. Der Name ist irgendwie so klangvoll. Ich finde, auch wenn man den zum ersten Mal hört, hat man so das Gefühl, den muss ich schon kennen. Kanntest du ihn damals? War der euch damals ein Begriff? Bert Gammerschlag, der ja auch mein Chef war, der hatte den Namen schon mal gehört, aber so richtig wussten wir es nicht. Uns hat eher die Konstellation amerikanischer Milliardär verklagt deutschen Händler wegen der teuersten Flasche Wein. Also das war schon mal ein Ansatzpunkt für eine Geschichte. Der Vorwurf war, dass sie gefälscht war. Ja, genau. Was habt ihr dann rausgebracht über diesen Hadi Rodenstock? Wir haben mal rumtelefoniert. Hadi Rodenstock heißt eigentlich anders. Das war mal das Erste, was wir rausgekriegt haben. Hadi Rodenstock ist ein Künstlername, der auch in seinem Pass stand. Der war ordentlich eingetragen. Eigentlich heißt Hadi Rodenstock Manghard Görke. Auch klangvoll. Er kommt aus dem weniger illustren Stadtteil Essen, Altenessen, in Essen. Das ist wirklich ein alter Arbeiterstadtteil. Er ist auch nicht, würde ich mal sagen, auf großem Fuße aufgewachsen. Hardy Rodenstock war auch eigentlich kein geborener Weinhändler, sondern er war ganz lange Schlagerproduzent. Gottfried Wendehals, die Älteren werden ihn kennen unter uns. Tony Marschall war er Manager. Also er war in diesen... Schingeling-Business unterwegs. Er hat mit Walter Scheel an Hoch auf dem Gelben Wagen gearbeitet. Das ist für Leute, die jetzt 60 sind, dem ehemaligen Bundespräsidenten. Genau, also das war die Szene, in der Rahadi Rodenstock sich rumtrieb und dann, und auch das konnten wir recherchieren. Wurde aus ihm irgendwann jemand, der alte Weine fand, verkaufte, die dann auch immer toll schmeckten und er lud dann Leute zu Verkostungen ein und dieses Ding wurde dann immer größer. Es gab, das muss man auch wissen, damals eigentlich gar keinen Markt für alte Weine. Also Rodenstock hat schon gesagt, trinkt mal 50 Jahre alte Weine, ihr werdet sehen, das ist das Gold in der Flasche. Aber diese Schlagerwelt, wie muss man sich das vorstellen damals? Also Gottlieb, wenn der heißt, ist vielleicht den jüngeren ZuhörerInnen nicht alles ein Begriff, der war die Polonaise von Blankenese. Ja, und hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse. Da war er dann eigentlich als Produzent oder Manager, war da schon auch eine Nummer. Er war eine Nummer und er kannte auch einfach sehr, sehr viele Leute. Also Roberto Blanco, Dieter Thomas Heck, der kannte diese ganzen Menschen. Und wie kam er zum Wein? Warum, darüber können wir bis heute nur spekulieren. Er war damals privat verbandelt mit einer Sängerin, die hieß Tina York. Vor allem ist sie bis heute dadurch gekommen, dass ihre ältere Schwester Mary Rose war, die nun wirklich damals eine große Nummer war im Schlagerbusiness. Was Tina York hat auch sehr gut verdient zu der damaligen Zeit und dann gingen diese Beziehungen auseinander. Und wir haben immer spekuliert, naja, jetzt hat er nicht mehr so viel Geld irgendwie. Der war dann im Schlager-Business schon ein bisschen verbrannt, weil er mit der Tina nicht mehr zusammen war. Und irgendwie, irgendwo musste ja Geld herkommen. Jedenfalls hat Rodenstock erst fünf Jahre, bevor diese Jefferson-Flasche versteigert wurde, seine allererste Weinverkostung abgehalten. Also er hat eigentlich in fünf Jahren von der ersten Verkostung ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Exakt, das war schon erstaunlich, sagen wir es mal so. Und wie war sein Leumund in der Weinszene? Für einige Leute war er wirklich der absolute Weinpapst, der Weine fand und auch ausschenkte, die ganz, ganz großartig waren. Seltene Weine, Weine von berühmten, berühmten französischen Bordeaux-Weingütern. Also wirklich Zeug, das man gar nicht auf den Tisch bekam. Es gab viele Leute, die ihn verehrt haben, wirklich verehrt haben. Und es gab auch Leute, denen er Flaschen verkauft hatte, die gesagt haben, die sind nicht echt, die schmecken nicht richtig. Hadi Rögenstock hatte auch menschlich keinen besonders guten Ruf. Also wenn man sich mit ihm stritt, konnte man sicher sein, dass er zurückschlug, auch versuchte, einen Läumund zu beschädigen und solche Sachen. Es war ein sehr gemischter Ruf, der uns da entgegenschlug. Er kommt doch aus einer rauen Welt. Die Schlagerszene, das ist immer Eitel-Sonnenschein. Aber was man so liest und hört, geht es da ganz schön rau zu. heftiger als. Beim Heavy Metal. Also ja, das ist bestimmt eine raue Szene. Aber wie gesagt, man kennt sich halt. Also wenn man jetzt zum Beispiel ein Business etablieren möchte und Prominente sucht, die quasi ein Ausweis sind für ordentliche Geschäftspraktiken, dann ist man, wenn man in der Schlagerbranche gut vernetzt ist, halt gut zu Fuß. Als diese Beziehung mit Tina York zerbrach und die zerbrach quasi im Unguten. Die Schwester Mary Rose, die hat dann Hardy Rodenstock mal einen Privatdetektiv hinterher geschickt. Offensichtlich haben die Ermittlungen dieses Privatdetektivs auch das zutage gefördert, was die beiden Frauen erwartet haben. Dann brach die Schwester die Beziehung ab. Und dann war Herr Rodenstock auch ein bisschen verbrannt. Und parallel, wie gesagt, hatte er schon angefangen, erst im kleineren Rahmen Verkostungen abzuhalten. Das hat uns auch Frau Jörg damals erzählt, dass der richtig Weinliteratur gebüffelt hätte. Ja, also der hat sich richtig reingearbeitet. Der hat sich richtig reingearbeitet. Also sie hat uns sogar noch Bücher gezeigt, die alten deutschen Weine, die alten französischen Weine. Die ersten Verkostungen waren zum Beispiel mit deutschen Weinen, nicht mit französischen. Das kam erst später. Aber bei diesen ersten Verkostungen hat er natürlich, er wollte Prominente haben, natürlich war Walter Scheel schon mit dabei. Und der Walter Scheel kannte den Fritz Walter, einen ganz berühmten Fußballer. Der Fritz Walter wiederum kannte Franz Beckenbauer. Der war dann auch gleich dabei. Und dann kamen noch Roberto Blanco und Alfred Biolek. Die saßen dann da auch alle mit am Tisch. Und das zieht dann wieder Leute an, die vielleicht auch mehr Geld auszusehen. Das zieht dann Leute an, die zwar nicht prominent sind, aber dafür viel Geld haben. Rodenstock hat sich zwar am Anfang in irgendwelchen Restaurants getroffen, also guten Restaurants, und dann saß man da um die Tische rum und dann trank man alten Wein. Aber Rodenstock hat das nicht, hat das wirklich ins fast Unendliche übertrieben. Also eine ganz berühmte Verkostung, die er gemacht hat, die fand im Spiegelsaal des Schloss Herren Chiemsee statt. Wer da noch nicht war auf Herren Chiemsee, das ist wirklich ein bayerisches Wahrzeichen. Das hat der König Ludwig gebaut, der Verrückte, der Märchenschlösser gebaut hat, in den Spiegelsaal des Schloss Herren. Der nicht zu bescheiden gebaut. Der nicht zu bescheiden gebaut. Also Schloss Herren Chiemsee ist Versailles nachempfunden. So hat der Ludwig das damals gebaut. Der Spiegelsaal des Schlosses Herren-Chiemsee, ich war da als Kind sehr oft. Den darf man nur mit Samtschuhen betreten und let alone, dass man da irgendwelche Veranstaltungen machen kann, das ist ausgeschlossen. Rodenstock hat das irgendwie hingekriegt. Der machte da eine Verkostung, wo es dann Fotos gibt, wo Mario Adorf, der berühmte Mario Adorf, neben ihm sitzt, angezogen in irgendwelchen Kostümen aus dem 18. Jahrhundert. Ja, die Frauen alle in Rokoko-Klamotten. Und Mario Adorf sitzt halt neben Rodenstock und trinkt Rotwein. Also wir hatten von diesen ganzen Verkostungen eben auch Einladungslisten. Das heißt, wir wussten, wer da war. Eine andere fand im Bayerischen Hofstadt in München auch ein sehr, sehr edler Veranstaltungsort. Da hat Rodenstock eine Verkostung gemacht, wo er 125 Jahrgänge des Chateau d'Iquem präsentiert hat. Ein Süßwein, ein Sautern, sehr, sehr berühmt, also bis heute sehr, sehr berühmt. Eine normale Pulle würde davon wirklich 1000 Euro kosten, eine aktuelle Rodenstock-Sauternation. Und präsentierte da Jahrgänge bis ins 18. Jahrhundert hinein. Es war unglaublich. Die Weinwelt wusste gar nicht mehr, was sie sagen sollte zu diesen Verkostungen. Die waren berühmt. Der Spiegel hat darüber geschrieben. Die FAZ hat darüber geschrieben. Alle haben geschrieben. Sowas hat die Welt noch nicht gesehen. Und natürlich eine wahnsinnig gute Imagepflege. Und irgendwie steigt dann auch deine Glaubwürdigkeit. Auch mit der Berichterstattung. Exakt. Das Prinzip dieser Verkostungen war, Rodenstock hat die Prominenten eingeladen. Die auch sehr gerne kamen und da tollen Wein tranken. Und drei Tische weiter saßen dann die Männer, die, ich sag mal, drei Autohäuser besaßen und Geld hatten. Da saßen auch chinesische Weinfreunde, die auch sehr viel Geld hatten. Also wir wissen, dass Rodenstock auch sehr viele Flaschen nach Hongkong verkauft hat. So war das Prinzip. Und die Leute kaufen dann dieses Lebensgefühl dann auch mit rein? Ja, natürlich kaufen sie dieses Lebensgefühl. Also das Normale war, dass nach den Verkostungen die Reichen Männer meist, ein paar Frauen auch, aber meist Männer Rodenstock ansprachen und fragten, ja können wir denn solche Flaschen auch bei ihnen kaufen? Und natürlich konnten sie. Natürlich hatte Rodenstock. Na klar hatte er sie. Er hatte auch noch weitere. Und irgendwann war er so bekannt, dass er, er musste keine Werbung mehr machen, sondern man rief ihn an und fragte, kannst du die und die Flasche besorgen? Und drei Wochen später war die Pulle da. Bei der Verkostung natürlich ein guter Auftritt für den Businessmann mit seiner Frau an der Seite und die Promis, die trinken den Wein und er geht hin, ach, so eine kaufe ich uns. Ja, genau so war es. Genauso war es. Man verhandelt dann auch nicht lange. Rodenstock war ja auch, ich hatte es ja vorhin erzählt, der war Schlagerpromoter. Rodenstock wusste, wie man Geschichten erzählt. Der war sehr wortgewandt auch. Er konnte sehr böse werden, aber er konnte auch sehr, sehr charmant sein. Auch das haben wir immer wieder gehört. Also der konnte einfach toll erzählen, der konnte verkaufen. Macht denn ein Wein zur Kostbarkeit? Ja, ich war ja damals wirklich noch sehr im Laienstatus und ich habe das natürlich auch erstmal für Klimbim gehalten. Also warum sollte man überhaupt einen 60 Jahre alten Wein trinken? Das kann doch gar nicht mehr schmecken. Der muss doch verdorben sein. Würde ich mir jetzt auch denken. Natürlich ist da viel Weinfeuilleton und viel Gerede drin, aber ich habe dann das Glück gehabt, mal bei einer Verkostung eines ganz, also vom Chateau Petrus, das ist wirklich eine der teuersten Rotweine, die man überhaupt kaufen kann, da mal an der Verkostung teilgenommen, einer sogenannten Vertikal-Verkostung, das heißt, da geht es vertikal durch die Geschichte, das heißt, man probiert erst den jüngeren Wein, dieses Weinguts, und dann geht man immer weiter runter in der Zeit, das heißt, ich habe eine Verkostung mitgemacht, da waren die jüngsten Weine aus den Jahren 2002, 2001, 2000, und das ging aber dann wirklich runter bis 1957. 57. Ich habe damals bei dieser Verkostung die jungen Jahrgänge, der Wein war vielleicht 6, 7 Jahre im Fass gewesen, die habe ich getrunken und dachte, das schmeckt wie so ein Tetra Pak Chianti aus dem Discounter. Also es schmeckte ganz schrecklich. Aber als ich im Laufe der Verkostung dann zu den 20 Jahre alten Weinen kam, da passierte was, was die Weinkenner dann als Aufgehen bezeichnen. Also man hat wirklich das Gefühl, in diesem Glas geht jetzt plötzlich die Sonne auf. Der Wein schmeckt nach allem Möglichen. Nach Kräutern, das ist ganz, ganz schön. Für die Köche unter den Zuhörerinnen und Zuhörern, das ist ungefähr so, als wenn man beim Kochen Gewürze erstmal ein bisschen anröstet, damit die ihre Aromenwelt entfallen. So etwas passiert auch bei Wein. Weiß Gott nicht bei allen Weinen. Das geht bei Weißwein zum Beispiel viel schlechter. Aber es gibt gerade im Bordeaux Weingüter, die bauen Wein so, dass sie, eigentlich erst nach 20 Jahren richtig gut sind. Was macht ein Wein dann besonders lukrativ auf dem Markt? Also es hilft schon sehr, wenn er von einem der Grand Cru Classé Chateaus ist. Ich übersetze das mal kurz. Also Chateau heißt Weingut schlichtweg auf Französisch. Es hilft, wenn er von einem sehr bekannten Weingut ist. Petrus, Mouton Rothschild, Chateau Margot, Ikem. Das ist ein Süßwein. Das sind so Namen, die sehr, sehr berühmt sind. Und dann gibt es bestimmte Jahrgänge, die in der Weinbranche als absolute Jahrtausendjahrgänge, gehandelt werden. Vom Petrus ist es der 1961er, vom Chateau Mouton ist es der 1945er. Da hat die Sonne schön geschienen, die Nächte waren kalt. All das hilft, um so einen Wein schöner zu machen. Dann kann es sehr, sehr teuer werden. 100.000 Pfund haben wir gehört. Nun waren die Jefferson-Flaschen nochmal, nochmal super besonders. Also man kauft immer aber auch ein bisschen die Geschichte mit, oder? Ja, natürlich. So klingt das, ne? Und so alt und selten. Natürlich. Solche Flaschen hat Rodenstock auch oft verkauft mit dem Zusatz, gucken Sie mal, das ist ein Wein aus Ihrem Geburtsjahr. Man ist selbst vermögend, man schenkt einem vermögenden Freund was zum 50. Geburtstag, man schenkt ihm einen 50 Jahre alten Wein. Wie schön ist das denn? Lass uns mal zu den Rekordflaschen gehen. Du hast schon gesagt, Hadi Rodenstock ist dann nach Paris, Marais war es glaube ich, ist er gefahren und hat dann dort diese Flaschen gekauft. Aber wie stößt so jemand... Der mit so seltenen Raritäten handelt. Wie stößt er überhaupt auf seine Weine? Was ist da die Geschichte dahinter? Also man muss sich vorstellen, diese Altwein-Szene, die hat Rodenstock ja mit etabliert. Also das ist eine sehr kleine Szene. Nach drei, vier Jahren wusste die Wein-Szene, Hardy Rodenstock hat Weine im Vorrat, die kein anderer hat. Er kauft Weine, er bezahlt bar. Das war alles bekannt. Ja, mit dem es gut Geschäfte machen. Also hat Hardy Rodenstock erzählt, er kriegt einen Anruf aus Paris, Ein Mann hat bei der Renovierung eines Hauses einen Keller durchbrochen und da lagen im Bauschutt. Pullen rum. Hardy bestieg ein Flugzeug, hatte einen gepolsterten Koffer mit, so hat er uns das erzählt. Sieht die Flaschen, sieht die Gravuren. Rodenstock hat immer gesagt, er hätte keine Ahnung gehabt, was dieses TH.J bedeutet. Er hätte allerdings die Chateaus entziffern können. Das wusste er, die sind richtig teuer. Und natürlich gravierte Flaschen, sowas hatte die Welt noch nie gesehen. Okay. Ich habe bei der Vorbereitung auch gelesen, dass es aber auch irre Geschichten gibt. Dass diese Weinjäger so ein bisschen wenn so Indiana Jones-mäßig unterwegs sind. Da gibt es ja die Geschichten. Dann ist da, ich glaube, war es nicht auch in der Titanic getaucht, um da doch den Wein von damals hochzuholen. Ist da was dran an diesen Geschichten? Naja, also es gibt absolut. Gerade diese, wo du die Titanic erwähnst. Man hat wirklich in Schiffswracks auch in den letzten Jahren immer wieder Flaschen gefunden. Ja, Champagner vor allen Dingen, der ja natürlich auch im 17. und 18. Jahrhundert schon getrunken wurde. Also es gibt solche Flaschen. Und Rodenstock hat uns auch immer erzählt, dass er solche Flaschen auch mal gekauft hätte. Wie er in Venezuela war und da Weinkeller gefunden hat. Und wie er aus russischen Kellern irgendwelche anderen alten Flaschen aus dem 18., 19. Jahrhundert gekriegt hat. Was natürlich möglich ist. Aus den Zarenkellern. Naja, die Zaren haben alle Riesling getrunken. Das war die wichtigste Traube für die ganzen Königshäuser. Also es ist durchaus möglich, dass Flaschen in russischen Zahnkellern gelegen haben. Und Rodenstock hat gesagt, die sind jetzt bei mir. Jetzt steht ja der Vorwurf der Fälschung im Raum. Wie fälscht man einen Wein? Es gibt jetzt natürlich die ganz berühmten Fälle von aktuellen Weinen. Da ist mal Frostschutzmittel in Weißwein gegossen worden, der sogenannte Glykol-Skandal. Das ist auch Weinfälschung. Das ist aber jetzt nicht das, was wir meinen, wo mit dem Wein gepanscht wird. Hier reden wir ja über antike Weine. Was man dann halt braucht, ist eine einigermaßen authentisch wirkende Flasche. Man braucht ein authentisch wirkendes Etikett. Man braucht authentische Korken. Man braucht authentische Kapseln. Dann muss da auch noch ein Wein drin sein, der all schmeckt. Für mich als Nicht-Weinkenner, was ist die Kapsel? Das ist das Plastik, was so oben drüber ist. Genau, exakt. Also bei diesen ganz teuren Weinen hat diese Kapsel auch noch eine Prägung des Chateaus. Auch die Korken, das sind nicht irgendwelche Korken, sondern die haben immer noch eine Prägung mit dem Jahrgang und dem Chateau-Namen irgendwie drauf. Kann man auch das Innere des Weins fälschen? Das Innere des Weines kann man auch, wenn man ein bisschen Ahnung hat, zusammenstellen, panschen ein bisschen. Ein Ausdruck der Güte ist, wenn da noch Depot drin ist. Wenn Wein altert, dann sinken irgendwann die Schwebstoffe, die da drin sind, ab. Die verbinden sich mit den Farbpigmenten, die auch nach unten sinken. Und das ist dann so ein Grissel, der da unten in der Flasche ist bei alten Weinen. Das ist wirklich ein Beweis der Güte. Ich denke immer, wenn ich da einen trinke, dann... Nein, nein, nein, nein, das ist ein gutes Zeichen. Dann ist der schon in der Flasche gealtert. Das müsste man alles nachmachen, um eine solche Flasche einigermaßen authentisch hinzukriegen. Und du kannst den Satz dann auch reinfüllen und das so veredeln? Ja, auch das ginge irgendwie. Man muss es haben. Und genau der Vorwurf steht jetzt im Raum. Hardy Rodenstock hat gefälscht, hat Weine gefälscht. Richtig. Und der Vorwurf kommt von einem amerikanischen Milliardär. Was ist das für ein Mann? Also Bill Coke müssen wir uns erstmal als Mann vorstellen, der aus einer der wirklich reichsten amerikanischen Familien kommt. Ja, Öl. Die Coke-Family. Der hat sich relativ früh in einem Erbschaftsstreit mit seinen Brüdern überworfen, die ihn dann quasi rausgekauft haben aus dem Business für Unsummen von Geld. Er hat alles Mögliche gesammelt. Er hat den America's Cup einmal gewonnen. Wir beide Ex-Sportreporter wissen, was das bedeutet. Da muss man sehr viel Geld haben, weil man auch Boote kaufen muss. Er war ein sehr, sehr reicher Mann, der Bilder gesammelt hat, Kunst gesammelt hat und eben auch Wein gesammelt hat. Ihr habt ihn dann auch besucht? Ja. Wie war das? Bert ist rübergeflogen. Bert ist rübergeflogen nach Miami. Das muss wohl eine sehr eindrückliche Reise gewesen sein. Man muss sich vorstellen, dass Bill Coke ja nicht irgendeinen Weinkeller unten hatte, sondern in seinem Weinkeller, das war ein ganzer Anbau, und in dem Weinkeller lagerten 35.000 Flaschen. Ganz viele davon, sehr, sehr alt. Ganz viele, ganz berühmte Weine. Also wirklich, Bert sind die Augen übergegangen. Das war unglaublich. Das war auch ein Haus, also da hingen auf der Toilette Picassos. Wirklich? Nein, kein Witz. Also Bert kennt sich ganz gut aus mit Kunst. Und der hat mir dann, es waren Miró, Matisse, Chagall, Picasso, alles Originale, alles in dem Haus. Das, war schon sehr erstaunlich. Dieser Bill Coke hat also Jefferson-Flaschen gekauft. Ja, er hat alles gesammelt, was mit Jefferson zusammenhing. Und als er dann von dieser Versteigerung hörte, dieser berühmten, da hat er gedacht, Mensch, das gibt es ja gar nicht so eine Flasche, will ich auch haben. Und zwei, drei Jahre später hat er über einen Zwischenhändler, das wird noch wichtig, er hat über einen Zwischenhändler vier solcher Pullen gekauft. Für, ich glaube, damals 400.000 Dollar insgesamt. Und wie kann man dann ins Zweifeln? Also man muss dazu wissen, Jefferson wuchs auf einer Farm in Virginia auf. Und diese Farm heißt Monticello. Und heute ist da ein ganz berühmtes Jefferson Museum drin, in Monticello. Und Monticello wiederum hatte von Bill Cokes Jefferson-Sammlung gehört und fragte eben, ob er vielleicht mal ein paar Stücke für eine Ausstellung rüberreichen könnte. Unter anderem diese berühmten Weinflaschen. Was natürlich eine große Ehre ist, selbst für den amerikanischen Milliardär. Coke war natürlich mehr als bereit, diese Flaschen in diese Ausstellung zu geben. Er war sehr geschmeichelt. Dann gab er dem Museum diese Flaschen. Das Museum wollte die Provenienz dargelegt haben. Das heißt, die wollten irgendwelche Dokumente sehen, die sagten, ja, die hat der Jefferson wirklich gehabt. Die hatte Bill Coke aber nicht. Der hatte die Flaschen einfach gekauft. No Paperwork included. Was Bill Coke also gemacht hat, ist, er hat Hardy Rodenstock angefaxt. Damals machte man das noch so und fragte, lieber Herr Rodenstock, haben Sie vielleicht noch irgendwelche Papiere, die zeigen könnten, dass die Flaschen wirklich von Thomas Jefferson waren? Aber was heißt No Paperwork? Also er wird ja wenigstens dann irgendwie eine Bescheinigung des Händlers oder sowas haben. Das sind original Jefferson Flaschen. Also von Rodenstock hatte er schon mal gar nichts. Und Rodenstock hat ihm auch gleich gesagt, du hast das von einem Händler gekauft, damit habe ich jetzt nichts mehr zu tun. Lass mich in Ruhe. Die Flaschen sind echt. Dieses Wein-Business, das läuft eben nicht so, wie wir jetzt so denken, wie wenn man ein altes Auto kauft, da kriegt man einen Fahrzeugschein und so weiter. Und alle sagten eben, ja, das ist von Thomas Jefferson, der hat Wein gekauft damals, das passt alles. Die sind echt, fertig. Aber wie lief das denn bei der Versteigung ab? Ja, das war eben das Interessante, weil, wie gesagt, Rodenstock. Hat eigentlich nie, also ganz am Anfang nie gesagt, das sind Thomas Jefferson Flaschen. Der hat eher gesagt, ich wusste überhaupt nicht, was dieses TH.J bedeutet. Hat aber dann irgendwie eine Flasche mal aus diesem Fund zu Christie's gegeben, wo er den Weinexperten kannte. Der kriegt diese Flasche, gibt sie einem Gutachter, was uns Christie's damals erzählt hat. Und plötzlich war diese Flasche total wertvoll. Weil er auf den Schluss dann kam, wofür die Initialen stehen, wie alt der Wein deshalb sein muss, welche Historie. Es waren durchaus auch Jahreszahlen da eingraviert, also man hatte eine Ahnung. Aber dieses TH.J machte sie natürlich erst richtig teuer irgendwie. Also Christie's guckte drauf, Christie's sagte, das ist eine teure, echte Flasche, wir verkaufen die. Rodenstock war fein raus. Also hat Coke kein Paperwork, kann nichts belegen und Rodenstock lässt ihn einfach abperlen. Rodenstock lässt ihn einfach abperlen und in dieser Monticello Foundation, da saß eine Kuratorin, eine alte Dame, die sich ihr ganzes Leben lang mit Jefferson befasst hat. Und die kannte auch Jeffersons Tagebücher auswendig. Jefferson hat wirklich sehr viel aufgeschrieben, gerade über seine Zeit in Paris. Und er hat Wein bestellt und er hatte auch über diese Weinbestellung geschrieben. Aber von Gravuren war nirgendwo in diesen Tagebüchern die Rede. Mit einer Ausnahme, er hat mal eine Ladung Wein bestellt, da war ein C, aber nur der Buchstabe C drauf graviert. Das stand damals für Claret, das war ein Sammelbegriff für Bordeaux-Rotweine. Und Frau Goodwin, so hieß die Dame, das war ihr nicht genug. Also am Ende des Tages hat die gesagt, nee, diese Flaschen nehmen wir nicht mit unserer Ausstellung. Und das hat Coke wahnsinnig geergert. Eine Schmach. Das war eine Schmach. Der war wütend. Und wenn Herr Coke wütend wird, dann wirklich wird der sehr, sehr wütend. Wie wirkte er denn so auf Bert damals? Sehr reich. So ein Typ, ich kann mir alles kaufen und ich kaufe mir auch alles. Und ich bin mächtig und ich nehme mir diese Macht. Er war natürlich total freundlich zu Bert. Die haben sich super verstanden, die sind Cabrio gefahren, haben Rotwein aus einer Pulle getrunken, die 1000 Euro wert war. Das war einfach unglaublich. Aber Coke ist jetzt auch kein wahnsinnig netter Zeitgeist. Man sollte sich nicht mit ihm anlegen. Nein, auf keinen Fall. Was hat er nun unternommen? Coke begann dann zu recherchieren. Er hat sich ein Team zusammengestellt. Ex-FBI-Leute, ex-CIA-Leute. Und dann haben sie sich... Die Pullen genommen. Und sie haben ihnen eine Altersüberprüfung gemacht. Also man konnte bestimmte radioaktive Partikel, Cäsium in diesem Fall, Cäsiumisotopen, konnte man in dem Wein nachweisen. Damit konnte man sagen, dieser Wein ist vor oder nach Tschernobyl entstanden. Also immer wenn große Menge radioaktiv sind. Fast weltweit. Weltweit, ja, das ist total verrückt. Im alten Wein sind die Spuren nachzuweisen. Genau, diese radioaktiven Ausschläge. Tschernobyl, die französischen Atomwaffenversuche auf dem Bikini-Atolls in den frühen 60er-Jahren. Hiroshima 1945, der Abwurf. All das sind radioaktive Ausschläge, die in der Natur und auch in den Weintrauben nachzuvollziehen sind. Blöderweise kam raus, der Wein ist alt. Man weiß jetzt nicht, ist der von 1943 oder von 1843. Das konnte man damals noch nicht nachweisen. Aber auf jeden Fall war nicht, da ist jetzt irgendein moderner Plonk drin. Nein, da war kein moderner Plonk drin. Das war alter Wein. Das war schon ein bisschen enttäuschend. Und irgendwann hat, so erzählten sie uns das, einer dieser FBI-Jungs sich diese Flasche angeguckt und dachte, Mann, diese Gravuren, die sehen so schön aus und so ebenmäßig und so glatt. Und dann hat er sich gedacht, Mensch, also wenn man das im 18. Jahrhundert gemacht hat, dann hat er sich wirklich mal einen Gravurexperten geholt. Der hieß, glaube ich, Erlacher. Der war selber Graveur. Der hat zum Beispiel das amerikanische Hochzeitsgedeck für Charles und Diana graviert. Also das war schon ein Mann vom Fach. Der guckte sich diese Gravuren an und sagte, nie im Leben sind die alt. Die sind nie im 18. Jahrhundert mit einem Kupferrad gemacht worden. Im Gegenteil, die sind mit einem modernen Werkzeug gemacht worden. Eine flexible Welle, so heißt das. Das heißt, die Amerikaner waren sich absolut sicher, diese Gravuren sind nicht echt. Also der Coke hat dann seinen alten Kumpel Malcolm Forbes, der die ganz, ganz teure, frühe Flasche gekauft hat, angerufen. Und der hat ihm die Pulle, seine Pulle auch noch gegeben. Auch diese Gravuren waren falsch. Und dann hatten sie allmählich wirklich ein Case. Und haben sie dann Rodenstock nochmal konfrontiert mit diesem Ergebnis? Nee, die haben immer um Rodenstock rumrecherchiert, aber natürlich war das für uns erstmal eine Goldgrube. Wir haben uns für die erste Geschichte, die wir gemacht haben, sehr an die Amerikaner drangehängt. Wir haben deren Rechercheergebnisse benutzt. Das ist auch keine Schande, so läuft das ganz oft bei investigativen Geschichten, dass man eben einen Königsinformanten hat. Jetzt erzähl mal ein bisschen von eurer Recherche, die war ja dann auch ganz schön saftig. Also wir haben mit den Amerikanern geredet, dann haben wir in der Weinszene rumgefragt und haben uns natürlich an die Leute gehalten, die uns böse Dinge über Rodenstock erzählten, weil wir hofften, dass die uns weiterbringen. Diese Geschichten waren aber journalistisch schwer verwertbar. Das heißt, man trifft sich da mit Leuten, die bei diesen Verkostungen mal gesessen haben und die einem dann erzählten, ja, also. Der 61er Petrus, der hat nicht so geschmeckt, wie so ein 61er Petrus schmecken muss. Das kann man jetzt nur journalistisch, das weißt du so gut wie ich. Das ist jetzt nicht gerade gerichtstauglich. Das ist noch nicht so ein richtiger Königsbeweis. Wir kriegten Hinweise darauf, dass wenn man sich mit Rotenstock anlegt, es übel wird, dass dann plötzlich anonyme Briefe ins Haus flattern, dass dann ein Rufmord betrieben wird zum Beispiel. Anonyme Briefe welchen Inhalts? Ein Weinfreund von ihm, mit dem er sich zerstritten hat, dem kamen dann anonyme Briefe ins Haus, wo drin stand, man hört, dass sie immer in den Puff gehen, ich erzähle es ihrer Frau, ich zerstöre ihren Ruf, man spricht schon ganz schlecht über sie, so in dem Tonfall. Man weiß nicht, wer es geschrieben hat. Man weiß nicht, wer es geschrieben hat, selbstverständlich nicht. Aber wir hatten schon gehört, dass Rodenstock einen mindestens zwiespältigen Leumund hatte. Und ganz am Ende dieser Recherche haben wir Rodenstock natürlich angerufen und gesagt, es liegen folgende Vorwürfe gegen Sie vor. Möchten Sie bitte mit uns mal reden? Und das hat er gemacht. Und dann seid ihr rausgefahren zu ihm? Natürlich wohnte Rodenstock nicht mehr in Essen-Alten-Essen. Sondern er war standesgemäß nach Kitzbühel gezogen. Ja, also in den Bergkurort der Superreichen und Schönen, wo auch der Franz Beckenbauer sein Haus hat und diese ganzen anderen Leute. Und da sind wir hingefahren. Ja, da hat er uns dann in ein sehr feines Restaurant gebeten und wir betraten wirklich den Raum. Ich werde das auch nie vergessen. Rodenstock stellte sich vor. Wir stellten uns vor. Und dann standen da 20 alte Pullen. 20 alte Pullen. Und er hat gesagt, naja, meine Herren, bevor wir reden, wollen wir nicht mal ein paar Weine trinken? Ein paar alte Weine? Und wir haben ihn wirklich ziemlich entsetzt angeguckt und haben gesagt, Herr Rundenstock, was denken Sie eigentlich? Sie wissen doch, weswegen wir hier sind. Konfrontieren Sie hier in einer journalistischen Geschichte? Wir konfrontieren Sie hier gerade. Wir werden ganz bestimmt jetzt nicht mit Ihnen Wein trinken. Also vielen Dank für das Angebot. Wenn wir einen Kaffee kriegen könnten, wäre es ganz nett. Also in diesem Gespräch, was wir dann geführt haben, hat Rodenstuck natürlich alle Vorwürfe abgestritten. Das gipfelte eigentlich daran, dass er sagt, der Ami hätte diese Flaschen selber graviert. Der hat das nicht lesen können, dann hat er das irgendwie nachgezogen, diese Schriftzüge und jetzt macht er mir das zum Vorwurf. Ja, und außerdem hat er sie gar nicht bei mir gekauft. Das ist alles Quatsch. Ja, dann haben wir ihm noch gesagt, ja, aber der hatte auch Pullen, die er gar nicht gehabt hat und die, das ist egal, ich kann da überhaupt nichts mehr zu sagen. Ich hab die verkauft, die waren echt. So war die Geschichte. Ich weiß aber nicht mehr, wie viele Flaschen ich da eigentlich im Marais rausgezogen habe. Das weiß ich nicht mehr so genau. Vielleicht habe ich ja auch noch ein paar. Er war raus. Und wir waren nett und er war nett. Aber er hat alles sehr klar abgestritten. Und irgendwann in einer Passage dieses Interviews guckte er uns an und sagte. Überlegen Sie mal, wie schwer das ist, so eine Flasche zu fälschen. Ich bräuchte ja eine echte Flasche. Ich bräuchte den Korken. Ich bräuchte die Kapsel. Ich bräuchte das Etikett. Und da muss ich noch irgendwie den Wein kriegen. Das ist komplett unmöglich. Und das hat er uns eigentlich auch so erzählt, dass wir das erst mal geglaubt haben. Und erst als ich drei Wochen später auf das Thoman-Protokoll noch mal guckte, habe ich Bert angeguckt und habe gesagt, Bert, der hat uns gerade erzählt, was er gemacht hat. Er hat die Bedienungsanleitung gegeben. Er hat uns die Bedienungsanleitung gegeben, aber er hat es anders benutzt. Also kurz und gut. Ja, das steht auch ordnungsgemäß in der Geschichte drin, dass er das alles abgestritten hat. Aufgeschrieben haben wir sie trotzdem. Da kam dann euer erster Artikel im Stern. Da kam unser erster Artikel im Stern. Und man muss sich das halt so vorstellen. Natürlich waren die Bilder von Coke und seinem tollen Weinkeller. Aber ganz viele der Bilder waren eben auch der Franz Beckenbauer mit dem Rodenstock und Wein, der Alfred Biolek mit dem Rodenstock und Wein, Hannelore Kohl, die Frau unseres damaligen Bundeskanzlers, für ihre Schlaganfallstiftung, da hat er eine Jefferson-Flasche aufgemacht und dann teuer, also eine Verkostung mit der gemacht und halt dafür Geld eingesammelt. War saftig, aber es war für die Leute, also auch nicht nur für Rodenstock, sondern für die Prominenz unangenehm dann in diesem Kontext auf einmal. Ja, ein großes Problem dieser Recherche. Das ist auch Druck auf ihn dann. Ja, also es war Druck auf alle. In diesem frühen Stadion wurde schon im Internet schlecht über uns geschrieben, die bösen Jungs vom Stern und die machen alles kaputt. Und was sollen das? Und böse Vorwürfe gegen unseren Hadi. Ist auch kein seltenes Phänomen beim Betrügen und Hochstapeln, dass auch die Betrogenen, die Verarschten, sich einfach auch gerne verarschen lassen wollen. Also manchmal nicht nur naiv es glauben wollen, sondern sogar... Eigentlich ist es egal. Wenn alle die Lüge glauben, dann ist es für mich auch eine Wahrheit. Dann habe ich einfach so einen krassen Wein. Die Geschichte war einfach schön und alle waren eigentlich auch glücklich mit der Geschichte. Und wir waren da wirklich auch Schmutzficken. Aber ihr Schmutzficken habt nicht aufgehört. Ja, nee, das hat uns gereizt und wir hatten auch das Gefühl, dass wir mehr beweisen können als die Amerikaner, die am Ende ein Gerichtsverfahren zwar drüben in New York hatten, aber es gab dann irgendwann ein Urteil, da ist er zwar irgendwie verurteilt worden, aber der saß hier in Deutschland. Das war nicht vollstreckbar. Nein, das war gar nicht vollstreckbar. Okay, und dann, wo habt ihr euch hin bewegt? Diese erste Geschichte haben wir dann gedruckt. Wir wurden teilweise angefeindet, aber wir haben eben auch Anrufe gekriegt. Und das war vor allem Bärts Verdienst. Bärth hat immer mir gesagt, wir brauchen handfeste Beweise, handfeste Beweise. Wir brauchen Flaschen. Flaschen, bei denen wir eindeutig sagen können, die kommt von Rodenstock. Und dann kamen eben Anrufe, Hinweise. Da ist jemand, der war bei diesen Verkostungen, der könnte eine Flasche haben. Vielleicht wollt ihr ja mal mit dem reden. Vielleicht gibt er euch sogar so eine Flasche und ihr könnt dann was mit der Flasche machen. Wir reden also jetzt nicht mehr nur von den Jefferson-Flaschen. Nein, wir sind dann mehrgleisig gefahren. Einen Anruf, den wir gekriegt haben, war ein Steuerberater aus Hamburg. Kein Superreicher, wirklich nicht. Der war zwar finanziell ganz gut zu Fuß und der war auch Weinfreund und dann erzählte er uns folgende Geschichte an der Elbe im Hafenclub, am Herrenclub, sehr edel. Da hatte Rodenstock eine Verkostung abgehalten und unser Steuerberater, der hatte 3000 Euro bezahlt, nur für die Verkostung. Und da wird auch manchmal blind, also ein Wein ausgeschenkt, von dem die Teilnehmenden aber dann nicht wissen, was das für ein Wein ist. Und dann spielt man so ein Ratespiel. Das heißt, die Weinfreunde sollen sagen, ah, das ist ein Bordeaux, da ist wahrscheinlich ein bisschen Merlot drin und ein bisschen Sauvignon, also Rebsorten. Und der ist wahrscheinlich 20 Jahre alt oder so. Also das ist so ein Guessing-Game. Oh, aber ein bisschen auch ein ganz schlimmes Poser-Game, oder? Es ist ein super Poser-Game. Es gibt Leute, die Rebsorten erschmecken können. Wenn man das oft getrunken hat, dann kann man das. Und unser Mann, unser Steuerberater hat dieses Spiel gewonnen. Und natürlich hat Rodenstock sowas auch belohnt. In unserem Fall... Kriegte unser Mann einen Rahmen und da waren drei Etiketten drin. Original Etiketten, sagte Herr Rodenstock. Eins davon war das Etikett des 1945er Mouton Rothschilds. Mouton Rothschild, ein sehr, sehr, sehr berühmtes Weingut. Und der 45er, man muss sich vorstellen, das Ende des Zweiten Weltkrieges, der gilt als Jahrtausendwein. Einer der besten Weine, die je gemacht wurden. Ein ikonischer Wein. Und der Rodenstock gab ihm also das Etikett. und sagte, Das Etikett, das ist von der Flasche, 45er, das schenke ich dir jetzt. Der hat sich riesig gefreut. Dann kriegte er von unserer Berichterstattung Wind. Dann kam er zu uns und dann haben wir ihn überredet. Diese Etiketten haben wir dann genommen und in ein Weinlabor nach Frankreich geschickt. Die sind auf solche Fälschungen auch spezialisiert. Die unterstehen dem Zoll. Das sind Menschen, die wissen, was sie tun. Ist ja wie Produktpiraterie. Es ist wie Produktpiraterie. Es ist wie Unternehmen und Branche echt einen riesen Schaden. Wir schickten also diese Etiketten dahin. Monate dauerte das, bis die sich mal diese Etiketten genommen haben. Aber dann war ihr Befund relativ klar. Dieses Mouton 45er Etikett, da stimmte einfach relativ wenig dran. Da waren Schreibfehler drauf. Die Farben auf dem Etikett passten nicht. Dieser Wein, der trägt ein sehr signifikantes V für Victoire. Also dem Sieg über die Deutschen. Auf dem Originaletikett, da war das V ganz oben drauf gedruckt, auf unserem Etikett, was eher unten drauf, da liefen noch so Linien drüber. Also es passte alles gar nichts. Und das Allerschlagendste war, da waren noch zwei andere Etiketten drin in dem Rahmen und zwar Chateau Lafitte, ganz berühmt und Chateau Magot, ebenso berühmt. Und diese Etiketten sollten von 1900 sein. 1900. Und diese Etiketten waren mit dem Kleber angebracht auf der Flasche. Und dieser Kleber enthielt Polyvinylacetat. Polyvinylacetat würden wir übersetzen als UU-Extra. Das Blöde war, 1900 gab es noch keinen UU-Extra. Jetzt haben wir hier richtig Labor und Wissenschaft und Untersuchung und Vergleiche. Der nächste Anruf, den wir kriegten, war von jemandem, der sehr, sehr reich war. Ein Deutscher. Ja, der wollte gern mit uns reden über diese Verkostung. Wir haben aber schon gesagt, wir brauchen handfestes Zeug. Es dauerte Monate, bis der überhaupt mit uns geredet hat. Dann traf man sich. Und nur um mal zu illustrieren, wie diese Recherche dann war, also natürlich wollte dieser Mann sich in einem Sternerestaurant treffen, auch nur unter der Bedingung, dass sein Name nie fallen würde. Dann traf man sich in diesen Sternerestaurant, natürlich wollte er uns einladen. Dann haben wir gesagt, nein, wir können uns nicht einladen lassen, das geht nicht, wir müssen das selber bezahlen. Ja, aber das wird teuer, ich bringe auch meinen Anwalt mit. Am Ende haben wir uns darauf geeinigt, okay, wir bezahlen das Essen und er bringt den Wein mit. Und ich werde nie vergessen, wie dieser wirklich super reiche Mann da reinkam in dieses Restaurant mit so einem Plastikflaschenträger, in dem man so sechs Bierflaschen tragen würde. Zum Grillen im Stadtpark. Aber in diesem Flaschenträger waren halt Pullen, die kosteten mindestens 1000 Euro, mindestens eine. Die tranken wir dann. Das war ein sehr langer Abend und den ganzen Abend erzählte uns dieser Mann wieder diese Geschichten. Ja, der Wein schmeckte nicht richtig. Und wir waren schon ein bisschen unzufrieden und wir wollten eigentlich jetzt auch gehen und es war spät und so weiter. Und dann irgendwann guckte der uns an. Er war wie Bert und ich aus dem Westen Deutschlands. Und der guckte uns an und sagt, sag mal Klöten, Klöten, das kennt ihr doch das Wort. Und wir guckten ihn an und sagten, Klöten, ja, Klöten, also das ist ein Ruhrgebietswort für Hoden. Rinderklöten werden dann Rinderhoden. Und wir so, ja, wissen wir. Ja, was ist denn die Einzahl von Klöten? Und wir so, na ja, Klot oder Klut. Ha, da seht ihr mal. Und das war's. Mehr erzählte der uns nicht. Da haben wir gedacht, was soll denn das jetzt, dieses Kloten, Klut, hä? Gut, wir verabschiedeten uns, wir gingen, waren so semi-zufrieden, saßen im Taxi. Plötzlich guckt mich Bert an und sagte, weißt du, was das ist? Das ist der Name der Druckerei, von der er uns immer erzählt hat. Der hatte uns immer erzählt, dass er mal von einer Druckerei gehört hätte, wo Rodenstock hingegangen wäre und alte Weinetiketten auf alt gemacht hätte nachdrucken lassen. Aber er wollte uns den Namen der Druckerei nicht sagen, die ganze Zeit nicht. Und plötzlich kam er mit diesen Klöten rum und so kamen wir auf eine alte Familiendruckerei mit dem Namen Klut. Wir haben dann halt gesucht und irgendwann fanden wir den Sohn des inzwischen verstorbenen Druckereibesitzers. Und seine Schwester, die diese Druckerei auch noch nach dem Tod des Vaters mit dem Bruder fortführte, die haben wir dann einfach besucht. Wo waren die? Die saßen in Marienberg. Marienberg liegt im Westerwald und da hatte Rodenstock mal gewohnt. Und wir hatten uns immer gefragt, warum er in diesem komischen kleinen Ort, also da wohnen 6000 Leute, im Westerwald. Das ist eine schöne Gegend, aber sie ist wirklich sehr abgeschnitten von allem, was Großstadt heißt. War das in seiner Schlagerzeit? Das war in seiner Schlagerzeit, da ist er da hingezogen, da wohnte er da. Auf jeden Fall war in diesem Ort auch diese kleine Familiendruckerei. Und Rodenstock war da auch Kunde, das hat er uns sogar bestätigt. Er hatte da Konzertplakate als Schlagerpromoter drucken lassen und so Flyer und also er war eingeführt und irgendwann tauchte er bei dieser Druckerei auf. Und hatte ein Weinetikett mit, ein altes. Wer hat euch das erzählt? Das hat uns dann die Tochter dieses Druckereibesitzers erzählt. Als wir Rodenstock damit konfrontierten, sagte er, der Druckereibesitzer ist verstorben, den können sie ja nicht mehr fragen. Aber er hat bestätigt, dass die druckt wurden in seinem Auftrag. Er hat bestätigt, dass er mit der Druckerei Sachen gedruckt hat, er hätte da nie Etiketten drucken lassen. Was er aber nicht wusste war, dass der Sohn des Druckereibesitzers eigentlich diese Etiketten produziert hatte. Der hat zu Hause mitgeholfen. Der konnte sich sehr, sehr gut an diese Etiketten erinnern. Er hat erzählt, Rodenstock kam dahin, der hatte immer ein Etikett mit und er sagte, ja, ich habe da so Flaschen gefunden und, das ist so eine ganze Anzahl und nur auf einer klebte dieses Etikett noch drauf, an den anderen, da ist der Wein auch drin, aber ich habe keine Etiketten mehr, ihr müsst die mal nachdrucken und ihr könnt gerne vergilbtes Papier nehmen. Und das hat er halt nicht nur einmal gemacht, sondern er hat es 15 bis 20 Mal gemacht. Und dann hat er mindestens 20, aber auch teilweise deutlich drüber bestellt. Wenn man also das jetzt hochrechnet, hat Rodenstock Hunderte, wenn nicht vierstellig, Etiketten da hat nachdrucken lassen. Von Wein, die dann für wie viel wohl über die Theke gehen? Also für sehr viel Geld, weil der konnte sich noch gut daran erinnern an die Namen der Chateaus. Und das war halt Petrus und Rothschild. Es hatte auch am Familientisch immer mal Gerede darüber gegeben, was dieser Mann eigentlich mit diesen Weinetiketten macht. Irgendwie aber das Druckereigewerbe ist ein hartes Gewerbe. Man nimmt jeden Auftrag. Der Rodenstock war mit der auch inzwischen verstorbenen Mutter sehr gut zu Fuß. Der hat ihr immer Geschenke mitgebracht. Die Mutter hat immer gesagt, jetzt lass die mal in Ruhe und druck die Etiketten, was die gemacht haben. Wir hatten noch andere Sachen. Der Rodenstock hat dann immer auch so junge Männer mitgenommen, die ihm beim Weinausschenken fanden. Sommiers. Und einer dieser Sommiers, der war damals 19 Jahre alt und der kam da halt immer mit. Und der Rodenstock, der hat dem immer gesagt, wenn du so auf so Verkostungen bringst, dann bring das Depot mal mit. Also das, was sich unten absetzt. Das kann man jetzt nun sehr schwer nachmachen, dieses Depot. Und dieser Sommelier zum Beispiel, der hatte uns dann Briefe von Rodenstock gezeigt, wo Rodenstock ihm sehr eindringlich daran erinnert, dass er bitte von der Verkostung das Depot mitbringen sollte. Für Essig, für Essigproduktion. Wieso? Also warum sollte Rodenstock Essig machen? Und inwiefern braucht man da Depot? Rodenstock hat den Sommelier auch immer gebeten, alte Korken mitzubringen. Der Sommelier hat uns dann berichtet, dass nach den Verkostungen Rodenstock sehr genau darauf aufgepasst hat, dass die leeren Pullen wieder bei ihm landeten und auch die alten Korken wieder bei ihm landeten. Der hat mal ein, zwei an die Gäste verschenkt, aber die anderen Pullen gingen schön zurück. Die hat er immer wieder mitgenommen. Das heißt, es deutet sich an, dass er die Flasche immer wieder aufs Neue aufgefüllt hat. Genau. Nur beweisen konnte die ihm das nicht. Nee, wir hatten nur Indizien, in der Tat. Verdächtig ist es aber. Aber verdächtig ist es. Dann habt ihr die zweite Geschichte geschrieben. Ja, also wir haben das mal gedruckt. Aber euer Kreuzzug des Spielverderbens war immer noch nicht zu Ende. Nö, wir waren natürlich zu dem Zeitpunkt heiß gelaufen. Aber ich muss sagen, nach der zweiten Geschichte hatten wir schon das Gefühl, dass unsere Arbeit jetzt getan wäre. Aber dann kriegten wir halt wieder einen Anruf, also einen anonymen Brief, war es damals, in dem eigentlich drin stand, wenn er in dieser Kleinstadt im Westerwald Etiketten hat nachdrucken lassen, könnte es sein, dass er da auch Flaschen hat gravieren lassen. In dem Moment fielen uns wieder die Jefferson-Pullen ein. Okay, dann haben wir uns das durchgelesen, dann haben wir ein bisschen recherchiert und stellten fest, dass ganz in der Nähe von Bad Marienberg die einzige Gravurschule in ganz Deutschland war. Im wunderschönen Westerwald. Im wunderschönen Westerwald. Also fanden wir erst mal einen Graveur in Bad Marienberg. Dieser Mann, der damals schon sehr alt war, der hat sich sehr, sehr erschrocken, als wir da vor der Tür standen. Der hat sofort bestritten, dass er irgendwelche Flaschen graviert hätte. Ja, er hätte mit Rodenstock mal gearbeitet, er hätte Karaffen graviert. Aber mehr hätte er nicht gemacht. Ja, also nee, und er wüsste auch nichts und so weiter. Das Einzige, was er uns mal erzählt hat, dass der Rodenstock halt mit einer alten Pulle ankam und die Bitte graviert haben wollte auf eine bestimmte Art. Und dann gab der Mann ihm die Pulle graviert zurück. Und dann guckte der Rodenstock in den Ernst und sagte, wissen Sie, was die Pulle wert ist? 100.000 Mark. Worauf sich unser Gravier tierisch aufgeregt hat. Weil gesagt, ich hätte den nie angenommen, den Auftrag. Ich bin ja gar nicht versichert auf so einen Wert. Und dann haben die sich gestritten. Und dann war es schon wieder vorbei. Leider hat unser Gravier nicht gefragt, wann die Flasche den 100.000 Euro wert war. Ob vor oder nach der Gravur. Was hat er denn drauf graviert? Das war so ein Wappen, erzählte er uns. Dann hat Bert mich angeguckt. Wir saßen da im Westerwald, waren so ein bisschen enttäuscht. Dann hat er gesagt, wir fahren jetzt zu dieser Gravurschule. Wir gingen da zum Chef der Gravurschule. Also wir haben dem alles erzählt, den ganzen Fall. Das fand er natürlich spannend. Und dann haben wir ihm gesagt, wir wissen, dass der Rodenstock immer mit ganz jungen Leuten zusammengearbeitet hat. Siehe unser Sommelier. Das hat er immer gemacht. Das hat er immer gemacht. Er hat sich immer sehr junge Leute geholt, die er dann auch gut im Griff hatte. Die formbar waren. Exakt, genau so. Wir erklärten diesem Mann den ganzen Fall, was der natürlich unheimlich spannend war. Und dann haben wir ihm gesagt, wir brauchen jetzt eine Liste von Absolventen, von vor 20 Jahren, die heute noch in der Gegend leben. Ja, weil wir, der Rodenstock ist offensichtlich nicht weit von seinem Wohnort weggefahren und die fahren wir dann ab. Und als Bert das mir vorschlug, habe ich gesagt, Bert, das ist doch komplett irre. Das ist also Nadel im Heuhaufen finden, das ist ja leicht dagegen. Aber gut, Bert war mein Chef. Wir hatten einen Mietwagen. Wir hatten Bilder, hochauflösende Bilder der Jefferson-Pullen bei uns. Also wo man genau diese Gravuren sehen konnte. Und dann sind wir wirklich mit dieser Adressenliste drei Tage durch den Westerwald gefahren und haben einen Gravur nach dem anderen abgeguckt. Und das lief dann auch immer gleich ab. Die ersten zwei Tage war, wir kamen zu einem Gravur. Wir zeigten ihm diese Pullen. Nein, die Pullen habe ich noch nie gesehen. Alle Gravüre haben sofort gesagt, nie im Leben sind diese Gravuren im 18. Jahrhundert gemacht worden. Nie im Leben. Das ist eine flexible Welle. Also das, was die Amerikaner in aufwendigsten Untersuchungen rausgekriegt hat, hat uns jeder Graveur sofort bestätigt im Westerwald. Nie im Leben sind die Alters. Am Abend des zweiten Tages, ich weiß es noch genau, es war Schneetreiben, es war kalt, wir fuhren im Dunkeln die nächste Adresse an. Ein Mann öffnete uns, wir standen da, hallo, wir sind vom Stern, wir suchen diese Flaschen. Immer derselbe Spruch, hier, wir haben diese Bilder, haben Sie die Pullen schon mal gesehen? Und dieser Mann guckt uns an und sagt, ja, die habe ich gemacht. Und ich weiß noch genau, wie Bert den anbrüllte und sagte, stopp, stopp. Und dann nahm er sein Tonbandgerät und sein Mikrofon und knallte das da auf den Tisch und schaltete alles an und sagte, jetzt wiederholen Sie das nochmal. Jetzt wiederholen Sie das nochmal. Und der war so verschreckt, der Mann, dass er das wirklich wiederholte. Dann kriegte er ganz doll Angst, weil er dachte, er hätte sich strafbar gemacht. Dann haben wir ihn wieder beruhigt. Und dann erzählte er uns Folgendes, konnte sich noch sehr genau an das Jahr erinnern. Das war ein Jahr nach der Auktion der berühmten Jefferson-Flasche. Kam ein Mann zu ihm, er hatte eine Flasche, die genauso aussah wie so eine Jefferson-Flasche, mit als Beispiel. Hatte noch vier weitere alte Pullen mit, die aber nicht graviert waren. Und bat darum, das bitte genauso zu machen wie auf dieser Beispielflasche. Das hat der für 10 Mark pro Flasche gemacht. Gutes Investment. Zur Ehrenrettung Rodenstocks muss man jetzt sagen, der hat noch Bilder von Rodenstock mit dabei, auch Bilder von vor 20 Jahren. Der hat den Rodenstock nicht erkannt. Die Brüllen, ich kann mich noch sehr genau erinnern, weil sowas habe ich nie wieder gemacht, so einen Job. Also da erinnert man sich einfach dran. Aber nee, also Rodenstock hatte er nicht erkannt. Also der hat auch sofort gesagt, okay, das ist ja wirklich ein Betrug. Okay, ich gebe Ihnen das an Eides statt. Also wir waren richtig glücklich und dann haben wir am nächsten Tag gesagt, naja gut, wir haben jetzt noch drei Graveure auf der Liste, da fahren wir die halt auch noch ab. Und dann kamen wir, der zweite Graveur, der guckte sich diese Bilder sehr genau an, sehr lange auch und sagte dann, ja nee, ich dachte, ich hätte die mal gesehen. Ich glaube, ich habe sie doch nicht gesehen. Dieser Mann, dieser zweite Mann rief uns dann drei Wochen später an, hatte sich anwaltlich beraten in der Zwischenzeit und sagte uns dann aber sehr klar, ihr müsst nicht weitersuchen. Ich habe die graviert. Das heißt, wir hatten jetzt schon zwei Graveure, die in der relevanten Zeit, solche Pullen graviert hatten. Jefferson-Flaschen. Jefferson-Flaschen. Geschaffen haben quasi. Wir hatten Bilder. Der eine hat sich für uns extra noch mal hingesetzt und hat gezeigt, wie er das gemacht hat. Also wir hatten den Ablauf, wie man sowas graviert. Wir hatten es komplett. Das wurde dann auch für die Amerikaner sehr, sehr interessant. Der Chefermittler von denen kam dann rüber und wollte mit diesen Graveuren reden. Das bräuchten sie für den Prozess. Sie müssten da hingehen. Und dann habe ich gesagt, ja, was hast du denn? Also was gibst du mir denn dafür, dass ich dir das jetzt gebe? Wir haben diese Männer immer noch gefragt, ob sie mit den Amerikanern reden wollten und die haben das auch gemacht. Der Amerikaner bot mir dann wiederum was anderes an. Nach langen Verhandlungen habe ich eine Liste gekriegt, die sie hatten vom amerikanischen Zoll. Rodenstock hat ja nicht nur in Deutschland Flaschen verkauft, sondern nach Hongkong verkauft und ganz viel nach Amerika. Und diese Amerikaner hatten, wie auch immer, eine Zollliste gekriegt von Lieferungen von Rodenstock über 15 Jahre an nur einen einzigen Weinhändler. Aber die Flaschen, die er verkauft hatte, die waren einzeln aufgeführt. Und das war eine Ansammlung an Superflaschen. Das ging einfach gar nicht mehr. Also da waren, ich weiß nicht wie viele 45er Moutons. Vom 45er Mouton sind damals vielleicht 40 Großflaschen abgefüllt worden. Aber auf den Listen waren schon 50 drauf. Also Großflaschen sind richtig die fetten Magnum-Flaschen. Genau, es gibt da verschiedene Größen. Es gibt eine Magnum, das sind zwei Flaschen. Es gibt eine Doppel-Magnum, das sind vier normale Flaschen in einer. Es gibt Geroboam, es gibt Imperial. Das geht bis zu acht Liter. Das sind so Riesenpullen. Davon hatte Rodenstock viele. Also Großflaschen waren seine Spezialität. Und er hatte sie halt von den seltensten Jahrgängen. Petrus 1921 beispielsweise hat er verkauft. Solche Flaschen, die kriegt man überhaupt nicht. Das ist so häufig wie Schneefall im Mai. Rodenstock hatte davon Dutzende. Auf dieser Liste waren Großflaschen des Chateau Petrus, wie gesagt, einer der teuersten und berühmtesten Rotweine der Welt. Aber die waren halt aus dem Jahr 1921. Und man muss wissen, Petrus war nicht immer weltberühmt und es war auch nicht immer so groß. Und in den 20er Jahren war Petrus ein ganz kleines Weingut. Nie im Leben hätten die Großflaschen abgefüllt, weil das war wirklich teuer. Die Kunden hatten sie gar nicht. Und Rodenstock verkaufte eine imperial 1921er Petrus, eine 8-Liter-Pulle. Die konnte es gar nicht geben, die Pullen. Das war unmöglich. Was hat er dann bekommen für die Flasche? Also auf den Zolllisten stand nicht, wie teuer die waren. Das stand da nicht drauf. Nur was das für Pullen waren. Also ich habe vorhin nochmal nachgeguckt, eine Petrus 61, ein Wunderjahrgang, eine Magnum, für die würde man heute, wenn man sie überhaupt kriegt, 35.000 Euro zahlen. 35.000 Euro zahlen. Bei einer Imperial 1921 kann man dann auch sagen, das geht dann schon in die sechsstelligen Bereiche. Dann hattet ihr eure Geschichte rund. Das alles haben wir dann zusammengefasst, haben das aufgeschrieben, haben Jefferson im Westerwald drüber geschrieben und ja, dann haben wir das gedruckt. Wie hat er da auf die Konfrontation reagiert? Den einen Graveur, der uns auch bestätigt hatte, ich habe mit Rodenstock zusammengearbeitet, da konnte sich Rodenstock auch dran erinnern, aber nie im Leben hätte der Flaschen graviert. Die anderen Graveure hatte er noch nie gehört. Kenne ich nicht, nie im Leben, wo soll das herkommen? Ihr habt es gedruckt, strafrechtlich ist er aber nie belangt worden dafür. Nein, wir haben uns auch darum nicht gekümmert. Das weißt du so gut wie ich, wir sind Journalisten. Wir sind ja keine Strafverfolger. Wie erklärt es sich, dass er nie vor Gericht kam? Naja, es hätte ja einen Kläger gebraucht. Es gab auch keine Staatsanwaltschaft, die den verklagt hätte. Auch nachdem unsere Geschichten erschienen waren. Die Betroffenen, die Geschädigten, die hatten die Flaschen vielleicht noch ungeöffnet im Keller, waren also überhaupt nicht daran interessiert, dass rauskam, dass ihre Flaschen jetzt falsch sind. Die anderen, die sie getrunken hatten, die hätten natürlich dann in einem Strafverfahren als die Betubten dargestanden. Das wäre wirklich peinlich gewesen. Die wollten das nicht. Also nie hat jemand Rodenstock verklagt. Allerdings, nachdem wir die Geschichte gedruckt haben, da hat der Franz Beckenbauer den Hadi nicht mehr zu seinen Geburtstagspartys eingeladen. Ist Strafe genug vielleicht? Ja, es hat ihm schon sehr geschadet. Hat er seine Karriere dann noch fortgesetzt? Ja, wir wissen, dass er weiter Flaschen verkauft hat, aber es hat natürlich sein Geschäft, es hat ihm schon sehr geschadet. In Amerika war er darauf verbrannt. Mittlerweile ist er ja verstorben. Er ist verstorben, ja. Und hat es irgendwelche Auswirkungen auf die Weinbranche gehabt? Nein, diese alten Weine werden bis heute verkauft. Ein paar Jahre nach dieser Recherche, die wir gemacht haben, gab es einen ganz ähnlich gelagerten Weinfälschungsskandal in Amerika. Das war damals ein sehr junger Indonesier, der genau dieselbe Masche gefahren hat. Also Promis eingeladen, sie zu sehr teuren Weinen eingeladen und dann verkauft. Über diesen Fall gibt es zum Beispiel eine sehr gute Netflix-Dokumentation. Natürlich war Bill Coke da auch wieder drin, weil der auch diese Weine gekauft hatte. Ja, auch nachdem er mit Ruhmstock oder mit den Schäffersenflaschen auf die Nase gefallen ist. Natürlich, er wollte ja trotzdem Weine haben, also hat er diese Weine gekauft. Dann hat er vom nächsten Betrüger gekauft. Und dann hat er vom nächsten Betrüger gekauft und seine ganzen Ermittler tauchen jetzt auch in dieser Netflix-Dokumentation auf, weil er dieselben Jungs natürlich wieder losgeschickt hat. Ja, Sour Grapes. Hat es dein Verhältnis zum Wein ein bisschen verändert, die Recherche? Nein, ja, in dem Sinne, dass ich... Versauert? Nein, gar nicht. Ich bin jetzt nicht in den finanziellen Umständen, dass ich mir so teure Flaschen leisten könnte und wollte, aber ich habe in dieser Recherche natürlich also schon echt tolle Weine gekriegt von den ganzen Leuten, die wir da interviewt haben und die natürlich dann auch einen Wein auf den Tisch stellten. Das war für mich als jemand, der von Wein jetzt nicht wahnsinnig viel Ahnung hatte, ganz toll. Ich habe gelernt, dass sehr teure Weine mitunter auch wirklich toll, toll, toll schmecken und auch viel besser als das schmecken, was man so im Supermarkt kaufen kann. Ganz ehrlich, das funktioniert absolut. Es gibt ganz tollen, schönen Wein. Und es war bestimmt auch sehr spannend für dich, in diese Welt einzutauchen. Also wenn du so ein Ruhrpott-Junge... Man hat ja nie mit solchen Menschen zu tun. Und dass ich mit Roberto Blanco, und Dieter Thomas Heck und so über Wein rede und so richtig investigativ mit denen rummache, das war schon ganz erstaunlich. Und der Dieter Thomas Heck, der hätte auch gerne länger mit uns geredet oder mit mir geredet damals. Aber da stand seine Frau direkt daneben und die hat mitgekriegt, was das für eine Geschichte war. Und dann hat sie ihn weggezogen und dann durfte er nicht mehr mit mir reden. Man beschmutzt Harry Rodenstock nicht. Ja, und ist doch alles gut, Dieter. Warum redest du jetzt mit denen? Die Schlagerwelt. Es ist alles schön am Strand. Wir haben uns alle lieb und der Wein schmeckt auch lecker. Und die Sonne strahlt. Stefan, vielen, vielen Dank, dass du uns diese schräge Geschichte erzählt hast und uns in diese Welt entführt hast. Vielen Dank. Sowohl nach Miami zu den Milliardären als auch im Westerwald zu den Graveuren. Ja, vielen Dank. Ich habe auch noch mal ein bisschen den Geschmack auf der Zunge verspürt, viele Jahre später. Und liebe Hörerinnen und Hörer, den Link zu Stefans letzter Geschichte bei Stern Crime über diesen Fall, findet ihr in den Shownotes und dort findet ihr natürlich auch Links zu unserem großen Stern Crime, Archiv bei Stern.de Ich sage auch das wie immer, es lohnt sich richtig da mal reinzuschauen und vielen Dank fürs Zuhören Tschüss.