Gertraud Breuer hatte ein hartes Leben und sie starb einen furchtbaren Tod. Sie begegnete einem Serienmörder. Ich bin Bernd Volland und das ist Spurensuche, der Podcast von Sternkreuz. Willkommen bei Spurensuche. Heute werden wir mal nicht so viel über Täter, Taten und Ermittlungen reden, sondern über Opfer und ihre Lebensgeschichten und auch darüber, wie sie wahrgenommen werden, früher, aber auch noch heute. Im Mittelpunkt dieser Folge stehen vier Frauen, vor allem eigentlich eine Frau. Sie heißt Gertraud Breuer und ihr Fall wurde Teil der deutschen Kriminalgeschichte. Aber bekannt, ja sogar auf eine sonderbare Art zur Kultfigur, wurde der Mann, der nicht nur sie umgebracht hat. Und zu diesem Thema kann ich mir keine bessere Gesprächspartnerin vorstellen als meine Kollegin Kerstin Herrenkind. Sie hat mehrere Artikel im Stern und auch bei Stern Crime über den Fall veröffentlicht. Und sie hat sogar ihre Masterarbeit an der Fernuni Hagen darüber geschrieben. Hallo Kerstin. Hallo. Kerstin, was hat dich dazu bewogen, das Thema nicht nur journalistisch, sondern auch in einer Masterarbeit anzugehen? Es war eigentlich umgekehrt. Ich wollte eine Hausarbeit schreiben und mich mit True Crime beschäftigen. Mich hat das Spannungsfeld zwischen Literatur und Medien interessiert. Also wie werden reale Fälle literarisch umgesetzt? Wie werden Leerstellen ausgefüllt? Was kann die Fiktion leisten? Wo vielleicht die Fakten dünn werden? Und ich habe mich dann auf diesen Fall konzentriert, weil er sehr bekannt ist. Ich die Akten lesen konnte. Und als ich mit den Akten durch war, habe ich Kommilitonen davon erzählt. Und die haben dann zu mir gesagt, du, das ist keine Hausarbeit, das ist eine Masterarbeit. Und ich dachte, oh Backe, die haben recht. Lass uns mal gleich einsteigen in den Fall und eben in die Geschichte dieser Frau. Und wir beginnen mit einem Fund. Und ja, es ist ein schrecklicher Fund. Gemacht hier in Hamburg am 2. November 1971. Erzähl mal, was geschah an diesem Tag. Ja, das war ein Dienstag und gegen 14 Uhr hat der Kaufmann Klaus Engel in Hamburg, Altona, einen verlassenen Werkhof aufgeräumt. Er wollte diesen Hof übernehmen und hat den Unrat weggeräumt und hat alles Brennbare, das kann man sich heute auch gar nicht mehr vorstellen, ins Feuer geworfen. Und irgendwann stieß er dann auf einen Weinfass und davor lagen so verrottete Kartons, die hat er dann hochgenommen und hat einen Schädel gesehen und eine Hand, und hat sofort die Polizei gerufen und die Mordkommission ist dann auch angerückt mit fünf Beamten. Ein Gerichtsmediziner, ein Fotograf und ein Zeichner kamen dazu. Die Leichenteile, die haben dann noch mehr Leichenteile gefunden, die eingewickelt waren in eine Bildzeitung. Es war die Ausgabe vom 16. März 1971 und die Ermittlung begann. Was wurde genau gefunden? Also du sagst schon Kopf. Ja, also man fand den Kopf mit der Halswirbelsäule, zwei Arme mit Hemden, mit den Händen dran, zwei Füße und ein linkes Bein. Also Teile eines Menschen. Teile eines Menschen. Man muss sagen, es ist ja eine Zeit, da war an DNA-Untersuchungen noch gar nicht zu denken. Wie gelang es dennoch, die Tote zu identifizieren, deren Körperteile da gefunden wurden? Also sie war erkennungsdienstlich behandelt worden, weil sie halt kriminell geworden war. Alles so Kleinkriminalität, Diebstahl. Und darüber hinaus gab es noch ein Röntgenbild vom linken Fußknöchel, der mit den Leichenteilen übereinstimmte. Und so wusste man, es handelte sich um Gertraud Breuer, 42 Jahre alt. Wir haben schon gesagt, die Tote, Gertraud Breuer, die wird in die Kriminalgeschichte eingehen, allerdings als Randfigur. Sie wird unter den schubladenartigen Bezeichnungen Hure oder Dirne oder Prostituierte firmieren oder auch unter Rubriken wie menschliche Wracks geführt werden. Wie es zu diesem Label kam und was Sie über unser aller Menschenbild sagen, darüber sprechen wir ja später, Aber lass uns erst mal über das Leben dieser Frau reden. Gertraud Breuer, wann wurde sie geboren? Wie wuchs sie auf? Und in welcher Zeit wuchs sie auf? Also sie ist am 30. Oktober 1928 in Großenhain bei Dresden geboren. Ich habe mich an die dortigen Archive gewandt. Daher wusste ich, dass ihr Vater Hans hieß und Arbeiter war, dass sie einen älteren Bruder hatte und dass sie vier Jahre alt war, als sich ihre Eltern scheiden ließen. Als sie fünf war, 1933, kamen die Nazis an die Macht. Und 1939, als im September der Zweite Weltkrieg ausbrach, war sie zehn Jahre alt. So, und nun gibt es keine Akten mehr darüber. Jedenfalls habe ich keine gefunden, die so Aufschluss über ihr Leben als Kind geben könnte. Aber man kann sich das ausmalen. Es ist eine Kindheit im Krieg und sie teilt vermutlich die Erfahrung, die viele Menschen damals machen müssen. Es gibt Fliegeralarm, die Sirenen heulen, die Menschen zittern im Bunker vor Todesangst. Lebensmittel sind knapp, die Menschen hungern, sie gehen hamstern, klauen Kohlen. Das Leben ist geprägt von Armut, Hunger und Tod. Freunde und Verwandte sterben, Männer kehren nicht zurück aus dem Krieg. Es ist ein Aufwachsen in Trümmern. Und als der Krieg im Mai 1945 vorbei ist, ist Gertraud Breuer 16 Jahre alt. Und man kann nur spekulieren, aber vielleicht wurde auch sie vergewaltigt von russischen Soldaten. Wie viele Frauen und Mädchen gerade in Sachsen, dort wo sie lebte. Es gibt so eine wissenschaftliche Ausarbeitung des Bundestages, darin wird Mehran Geppert zitiert, die ein Buch über das Thema geschrieben hat. Und sie geht davon aus, dass nach dem Krieg etwa 860.000 Frauen, also knapp eine Million Frauen vergewaltigt worden sind. Okay, kann man das eigentlich regional verorten? Also in welchen Bereichen das vor allem stattgefunden hat? Also in Sachsen solle es besonders schlimm gewesen sein. Und Gertraud Breuer kam ja aus Sachsen und sie war 16 Jahre alt. Ja, die Zeit, die du auch beschreibst, ich meine, wir werden heute ja auch viel über Elend reden. Der Begriff ist ja auch viel gebraucht worden in der Berichterstattung. Das ist eine Zeit, in der es eigentlich bei den meisten Elend war, ne? Ja, und sie macht dann auch das, was viele Menschen machen, die auf ein besseres Leben hoffen. Sie geht in den Westen. Also bis zum Mauerbau 1961 fliehen ja fast drei Millionen Menschen in den Westen und hoffen auf ein besseres Leben. Und das war wohl auch bei ihr so. Bei Kriegsende war sie also 16. Ja. Wie sah ihr Leben dann nach dem Krieg aus? Was weiß man darüber? Also wie gesagt, sie ist dann in den Westen gegangen und sie wird das erste Mal aktenkundig in Hamburg. Da ist sie 20 Jahre alt, weil sie ohne Ausweis angetroffen wird. Und da gibt sie den Beruf Friseusin an. Also offenbar hat sie in der Zwischenzeit eine Ausbildung zur Friseusin gemacht. Und das hat sie dann nach Hamburg verschlagen? Womöglich. Es ist ja gar nicht so leicht, ein so lange zurückliegendes Leben zu rekonstruieren. Also vor allem auch, wo wir später noch darauf kommen werden, wenn man sich auf die zeitgenössische Berichterstattung nicht so ganz verlassen kann. Was sind denn generell so deine Quellen gewesen und wie hast du die ausfindig gemacht? Ja, also ich wusste ja, wo Breuer geboren war. Und dann habe ich mich ans dortige Stadtarchiv gewandt, ans Landesarchiv gewandt Und habe gefragt, ob es da irgendwas gibt. Es gibt natürlich Adressbücher, die ich ausgewertet habe. Und es ist ja so, dass das Persönlichkeitsrecht erlischt in aller Regel 30 Jahre nach dem Tod. Und aus den Gerichtsakten geht auch ein bisschen was hervor. Es ist aber eine Sisyphus-Arbeit. Man muss ganz klar sagen, dass vieles einfach so im Nebel der Geschichte verborgen bleibt, weil. Sie eigentlich nicht so Gegenstand des Interesses war. Wie schaut Ihr Leben in Hamburg aus oder zumindest was sagen die Akten dazu? Also zunächst mal muss man sagen, dass sie, nachdem sie nach Westdeutschland gekommen ist, ziemlich viel rumgereist ist. Sie war in München, sie war in Iserlohn, sie war in Dortmund. 1953 wird sie wegen Verdacht der Gewerbe und Zucht aufgegriffen. Da ist sie also Prostituierte. Und aus Gertrud ist Susi geworden. Susi, das war ihr Prostituiertenname. Ja, Künstlername. Künstlername. Deckname, wie immer man das nennen möchte. Und es gibt ein Foto von ihr aus den Akten. Das zeigt eine gepflegte, gutaussehende Frau. Sie trägt das Haar hochtopiert, wie es damals Mode war. So eine blonde Locke fällt ihr in die Stirn. Und sie hackt, das geht aus den Akten an einer Stelle hervor, einen roten Hosenanzug und trägt dazu weiße Schuhe. Sie ist also offenbar selbstbewusst. sehr modebewusst. Wie müssen wir uns den Hamburg da in den späten 40er und frühen 50er Jahren vorstellen? Also Hamburg war ja durch den Luftkrieg massiv zerstört. Und mehr als die Hälfte der Wohnungen lagen in Trümmern. Also in der Literatur findet man die Zahl, dass von etwa 560.000 Wohnungen 300.000 zerstört waren. Das heißt, viele Menschen waren obdachlos oder lebten bei Verwandten in Notquartieren, Baracken oder in provisorisch reparierten Häusern. Und noch 1953 fehlten etwa 200.000 Wohnungen. Das ist natürlich jetzt stark vereinfacht, aber die Menschen wollten nach dem Krieg verständlicherweise Sicherheit, Arbeit, ein geregeltes Leben und die meisten hatten nicht mal ein Dach über dem Kopf. Es ist also eine Zeit der großen Not. In die sie reinkommt und in die sie es in die Stadt zieht. Genau. Sie kämpfen das eigentlich auch selber, die Stadt. Genau. Und man weiß, dass sie eine Zeit lang auf einem stillgelegten Schlepper im Hamburger Hafen zusammenlebt mit einem Mann. Der stirbt dann. Sie lernt einen anderen Mann kennen. Sie zieht mit ihm in ein Behelfsheim. Es ist von Heirat die Rede. Dann verkauft sie aber angeblich das Behelfsheim ohne sein Wissen und haut wieder ab. Also es geht so ein bisschen hin und her in ihrem Leben. Sie wird immer wieder straffällig, sitzt im Gefängnis, trinkt offenbar und geht der Prostitution nach. Und was für Straftaten waren das? Und was waren die Konsequenzen? Ja, also es sind immer so, es ist Diebstahl, es ist Betrug, es ist Unterschlagung. Und dafür wird sie aber drakonisch bestraft. Ihr wird zum Beispiel das Wahlrecht auf Lebenszeit aberkannt und das passiert heute äußerst selten. Es begrenzt auf fünf Jahre, wenn überhaupt. Aber damals kann man sagen, wird Breuer wegen so ein paar Diebereien zur Frau ohne Stimme. Rückblickend blickt man auf diese Zeit ja dann auch schnell mal als den Beginn des Wirtschaftswunders zurück. Man vergisst dabei, wie hart und wie kämpferisch diese Zeit auch war. Und das, glaube ich, auch diese Schere, von der wir ja heute auch oft sprechen, die sich zwischen. Arm und reich auftut, dass das damals natürlich auch fast noch extremer war. Wer da als schwach galt, hat es extrem schwer, oder? Wie hast du das wahrgenommen? Ja, es ist ja so, also bei den Nazis gab es ja den Begriff asozial. Also der Ausdruck taucht so um 1900 auf und 1929 steht er das erste Mal im Duden. Und heute sagen wir ja, wenn jemand unsozial ist, dann meinen wir das Verhalten. Damals meint es aber Armut. Und Armut gilt als selbstverschuldet. Und bei den Nazis konnten ja Asoziale einfach ins KZ gesteckt werden. Und Asozial war alles Mögliche. Wenn du Prostituierte warst, wenn du nicht gearbeitet hast. Die Frage, dass eigentlich Armut Kriminalität begünstigt, die stellte man sich damals gar nicht. Und ja, also Prostituierte waren damals Asoziale. Dass es sie nach Hamburg gezogen hat, wundert mich eigentlich nicht. Weil Hamburg im Rotlichtmilieu schon so was Prosperierendes hatte. Also St. Pauli war damals so ein Viertel, ein Arbeiterviertel und Rotlichtmilieu gemischt. Also Hafenarbeiter und Familien mit Kindern lebten mit Zugezogenen zusammen mit Einwanderern und mit Leuten vom Milieu. Und es zog natürlich Touristen und Seeleute in die Stadt. Also Leute, die die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen wollten. Was wissen wir denn von ihr als Mensch, also von ihrer Persönlichkeit? Gibt es da irgendwelche Zeugnisse, die von ihr selbst stammen? Also als ihre Leichenteile gefunden worden sind, versucht die Mordkommission natürlich ihr Leben zu rekonstruieren. Und das gelingt nur so bedingt. Also in den Ermittlungsakten findet sich ein Brief von ihr an den Kneipenwirt Helmut und dessen Frau. Und ich habe mir die Karte angeguckt in den Akten. Gertraud Breuer hatte eine schöne Schrift und offenbar Humor. Sie hat geschrieben, viele Grüße an eure Kellnerinnen, trinkt nicht so viel, denkt ein bisschen an mich, viele Grüße sendet euch Trunkengold Susi. Also sie ist offenbar Alkoholikerin und nimmt sich selber so ein bisschen auf die Schippe. Das war so eine Karte an ihre Stammkneipe. Wahrscheinlich an ihre Stammkneipe. Und eine Zeugin, die Breuer 15 Jahre lang kannte, sagte bei der Kripo auf, zeichnete ein nicht so fröhliches Bild. Sie hat gesagt, im Sommer 66, da war sie Ende 30, hatte sie keine feste Bleibe und. Sie hat zwar mal was ordentliches gearbeitet, sie war mal in einer Teefabrik und hat dort verpackt und das war auch ihre letzte bekannte Stelle. Und ansonsten arbeitet sie als Prostituierte, wird immer wieder straffällig, Diebstahl, Unterschlagung, Betrug. Sie kämpft sich durch. Ja, also die Zeugin sagt einmal, sie war abgerissen, zerzaust, hatte ein blaues Auge und keine Bleibe. Und ich finde, das sagt sehr viel aus. Sie war in Hamburg, aber ist immer auch wieder rumgetingelt, habe ich deine Geschichte entnommen. Es gab dann, glaube ich, 1969 nochmal eine Festnahme in Münster, glaube ich, war das, oder? Also sie, 1969 sitzt sie im Gefängnis in NRW, meine ich. Und sie hat aber vorher in Hamburg einen Mann kennengelernt, Burkhard Stern. Und sie lebt mit ihm und seinem Vater in einem Kleingartengebiet, Grotosterfeld, in einer Parzelle. Und nach dieser Haftstrafe kehrt sie zu Burkhard Stern zurück. Die beiden wollen offenbar heiraten, sind verlobt und jedenfalls sagt Breuer das Zeugen gegenüber, und das ist so der letzte Punkt, wo man das Gefühl hat, vielleicht hätte sich an diesem Punkt das Leben von Gertrud Breuer noch zum Besseren wenden können, weil sie hat einen Mann, sie hat ein Dach über dem Kopf, aber es kommt zu einer Katastrophe. Es kommt also auch dort wieder zu einer Katastrophe. Hast du schon angedeutet, was geschah da? Ja, also es ist der 19. Januar 1970. Und an diesem Abend ist Breuer mit ihrem Verlobten Stern zu Gast bei einem Nachbarn namens Wilfried Schuldig. Und es wird getrunken und es kommt offenbar zum Streit zwischen den Männern. Und am Ende erschlägt Schuldig Stern mit einer Sessellehne. Mit einer Sessellene. Mit einer Sessellene und Stern stirbt bei dieser Auseinandersetzung. Und was ist da vorgefallen? Was ergaben die Ermittlungen dann? Das Einzige, was man weiß, ist, dass Schuldig den Verlobten von Greuer erschlagen hat. Das hat sie ausgesagt. Über das Motiv, was zum Streit geführt hat, wissen wir nichts. Die Akten sind ja verschwunden, vernichtet. Und was sagt er selber dazu aus? Ihm wird ja vorgeworfen, einen anderen Menschen getötet zu haben. Also er beruft sich auf Notwehr. Was man aber rekonstruieren kann, und das steht in den Akten, die angelegt worden sind, nachdem Breuer tot aufgefunden worden ist. Dass ein Polizist, und ich zitiere jetzt aus diesen Akten, noch heute der Auffassung ist, dass Frau Breuer damals nicht alles gesagt hat, zumal sie der Beschuldigte noch vor ihrer ersten Zeugenvernehmung dazu bewegen wollte, die betreffenden Schläge mit der Sessellehne zu verschweigen. Sie hat also ausgesagt, dass schuldig ihren Verlobten erschlagen hat. Wir wissen nichts über das Motiv. Wir wissen aber, dass der Beschuldigte, der ihren Verlobten erschlagen hat. Nicht in U-Haft genommen wird. Es ist aktenkundig, dass er hier versucht hat, Gertrud Breuer, also die Augenzeugin, unter Druck zu setzen, sie von einer Aussage abhalten wollte. So etwas ist Verdunkelungsgefahr, und zwar auch schon in den 70er-Jahren. Also Verdunkelungsgefahr ist ein Grund für die U-Haft, weil man damit verhindern will, dass jemand, der beschuldigt ist, der Tatverdächtiger ist, irgendwas unternimmt, um die Spuren zu verwischen. Und dazu gehört eben auch, Zeugen zum Schweigen zu bringen. Ganz genau. Ein Todesfall, Gewalteinwirkung. Und Sie haben zwei Leute, die es mitbekommen haben. Sie kriegen mit, dass die Frau, die auch dabei war, unter Druck gesetzt wird, nicht gegen den Mann auszusagen, der den anderen erschlagen hat, und lassen den anderen einfach wieder gehen. Und das hat natürlich tragische Folgen für Gertraud Breuer, die zurück muss in das Kleingartengebiet, wo auch der Mann wohnt, der ihren Verlobten erschlagen hat. Und der befürchten muss, dass sie gegen ihn aussagt, dass das Totschlag war. Genau. Und wenn ich eins noch sagen kann, man sieht hier an dieser Stelle schon, dass Breuer nicht als Opfer gesehen wird. Sie sagt aus als Zeugin und wird nicht geschützt. Und dazu muss man wissen, das Bundesverwaltungsgericht hat Prostituierte 1965 noch mit Berufsverbrechern gleichgesetzt. Nach höchstrichtlicher Meinung sind Prostituierte also sowieso Kriminelle. Und das hat natürlich zur Folge, dass sie nicht als Opfer wahrgenommen werden und die Polizei sie hier auch nicht als Opfer wahrnimmt. Obwohl ich behaupte, dass es rechtswidrig ist, weil schon damals wäre das Verdunklungsgefahr gewesen. Aber in den Köpfen ist das kriminelles Pack, die können keine Opfer sein. Der asozialen Paragraph der Nazizeit ist gar nicht so weit weg eigentlich in Wahrheit. Und ihnen wird nicht geglaubt wahrscheinlich. Genau und in der Folgezeit ist es auch so, es gibt eine Zeugin, die mitbekommt, dass der schuldig Breuer verfolgt. Sie hat sich in einer Parzelle vor ihm versteckt, er schreit rum, behauptet sie hätte ihn bestohlen und schlägt mit einem Rasenmäher die Scheibe ein und Breuer sagt, der will uns wohl auch noch alle tot machen. Und danach flieht sie aus dem Kleingartengebiet. Gertraud Breuer ist weg. Was passiert jetzt mit Schuldig? Schuldig wird vor Gericht gestellt. Er beruft sich auf Notwehr. Und die einzige Zeugin ist ja verschwunden. Die Polizei sucht auch nach ihr, mit Fahndungsplakaten. Und sie setzen, glaube ich, wenn ich das richtig weiß, sogar eine Belohnung aus. Also sie geben sich Mühe, die Zeugin zu finden. Sie finden sie aber nicht. Und was wir wissen aus Zeugenaussagen ist, sie ist auf St. Pauli, sie hat sich die Haare abgeschnitten, sie trägt eine blau-schwarze Perücke. Und ich würde daraus schließen, dass sie Angst hat vor Schuldig und dass sie ihr Äußeres verändert hat. Und der Prozess muss also ohne sie stattfinden. Genau, weil die einzige Zeugin, die Schuldig jetzt bestätigen oder widerlegen könnte, ist nicht auffindbar. Und deswegen wird da aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Man kann ihm ja seine Version nicht widerlegen. Ja, also sie ist dorthin geflohen, wo sie schon spätestens in den 50ern zum ersten Mal angelandet ist auf St. Pauli, auf den Hamburger Kiez. Wir sind jetzt 1969, bald Anfang der 70er Jahre. Was weißt du, wie ihr Leben jetzt dort sei? Du hast schon gesagt, sie hat sich die Haare abschneiden lassen und eine Perücke aufgezogen. Weiß man sonst was über sie? Sie prostituiert sich wieder oder was ist da? Ja, es gibt die, wie ich finde, sehr erschütternde Aussage einer Zeugin, die sagt, sie war im Männerwohnheim und wurde dort gereicht von Bett zu Bett, von Stube zu Stube. Und also ich finde das sehr erschütternd. Wir haben diese Frau, deren Verlobter erschlagen worden ist. Sie ist als Zeugin, wird sie nicht geschützt vor dem Täter, der nicht wegen Verdunkelungsgefahr in U-Haft genommen wird. Das ist 1969 und 1971 werden ihre Leichenteile gefunden. Das heißt, sie läuft in dieser Zeit ihrem Mörder in die Arme. Ja, du sprichst es an, Kerstin. Wir sind jetzt also wieder bei unserer Einstiegsszene. Wir erinnern uns, 2. November 1971. Ein Kopf, zwei Arme, zwei Füße und ein linkes Bein werden gefunden. Also alles bis auf den Torso und das rechte Bein, die fehlen. Und es stellt sich heraus, dass es Körperteile von Gertrard Breuer sind, die eben als Zeugin in diesem Tötungsdelikt im Kleingarten gesucht wurde. Und jetzt wissen wir, sie ist ermordet worden. Kerstin, kann man sagen, wann? Naja, also man weiß, dass ihre Leichenteile sind in Zeitungspapier eingewickelt gewesen. Das Zeitungspapier war datiert vom 16. März 1971. Das kann man soweit eingrenzen. Und das ist eben ein Jahr und drei Monate, nachdem ihr Lebensgefährte erschlagen worden ist. Was ermittelt nun die Polizei? Ja, die Polizei ermittelt natürlich dann gegen schuldig, weil der hatte ja ein Motiv. Breuer war die einzige Zeugin in dem Tötungsdelikt, das ihm zur Last gelegt worden ist. Und nun geht die Polizei natürlich davon aus, dass Schuldig sie umgebracht hat. Sie finden bei ihm eine blutige Axt, dann stellt sich aber heraus, dass das Blut von einem Hund stammt. Sie finden auch ein paar Knochen, die stammten dann von, ich glaube, Hühnern. Aber letzten Endes, man findet eigentlich jetzt keine Beweise, die Schuldigastäter belasten. Genau. Und hier machen wir mal einen Cut. Wir wollen uns in dieser Folge ja nicht so sehr mit Ermittlungen und Rätseln befassen, sondern eben mit Opfern und ihren Lebensgeschichten. Und deshalb spoilere ich ausnahmsweise auch ein wenig jetzt. Es wird mehr als drei Jahre dauern, bis Breuers Fall geklärt wird. Und Winfried Schuldig ist nicht der Mörder von Gertraud Breuer. Dennoch hat er, kann man sagen, Anteil an ihrem Tod, genau wie die Polizei und irgendwie auch die Gesellschaft. Denn es gibt natürlich noch viele andere gefährliche Männer und für die sind Frauen, die ausgestoßen werden und schutzlos und bedroht sind, wie Gertrude Breuer das perfekte Opfer. Und genau so ein Mann ist Fritz Honka. Honka ist einer der berüchtigsten Serienmörder Deutschlands, wie wir heute wissen. Und viele kennen ihn aus Heinz Strungs Roman Der goldene Handschuh und aus dem gleichnamigen Film von Fatih Akin. Kerstin, erzähl mal kurz, wer war Honka, wenn man jetzt nur das Belegte und Glaubhafte betrachtet? Also Honka wird 1935 in Leipzig geboren. Sein Vater ist Heizer. Der Staatsanwaltschaft ist es nicht gelungen, herauszufinden, wie viele Geschwister er hatte. Sein Bruder hat davon gesprochen, sie seien zwölf Kinder zu Hause gewesen. Honka hat selbst gesagt, er hat acht Geschwister. Honka selber hat gesagt, dass er sehr große Angst vor seinem Vater gehabt hat. Der soll versucht haben, ihn totzuschlagen. Honka selbst geht nur ein paar Jahre zur Volksschule, fängt dann eine Maurerlehre an. Er möchte eigentlich Kfz-Mechaniker werden, aber dazu reichen seine schulischen Leistungen nicht. Er bricht die Lehre ab und er hat schon in dieser Zeit, so erzählt er das später, einen Selbstmordversuch unternommen. Er hat versucht, sich zu erhängen und der Polier habe ihn gefunden und vom Strick abgeschnitten. Er flieht dann wie viele Menschen in den Westen, arbeitet bei Bauern, wird angeblich schikaniert, kränkelt, er hat Nierenleiden und vor Gericht erzählt er auch, dass er mehrfach vergewaltigt worden sei. Einmal hätten ihn ein Mann und zwei Frauen vergewaltigt, ein anderes Mal seien das drei Mädchen gewesen. Ende der 50er Jahre lernt er eine Frau namens Margot kennen Sie wird schwanger und er trennt sich schon vor der Geburt des Kindes von ihr weil er ihr unterstellt, dass der Junge nicht von ihm sei. 1957 heiratet er dann Inge Die Ehe hält dann nur sechs Jahre, wird 65 geschieden, und zwei Jahre später heiraten die beiden aber zum zweiten Mal Auch diesmal hält die Ehe nicht Und kurz danach zieht Honka, nach Hamburg-Altona in die Zeissstraße 74 in eine kleine Wohnung, 18 Quadratmeter groß, unterm Dach. Es ist ein bisschen eine Biografie, die erstmal gar nicht so unähnlich der von Gertraud Breuer ist, nur dass er halt ein Mann ist. Ja, er ist ein Mann. Beide fliehen aus dem Osten und hoffen auf ein besseres Leben. Bei ihm lässt sich das nach einer Weile offenbar auch besser an, weil er findet einen Job im Hafen. Er arbeitet dann später bei einer Wach- und Schließgesellschaft, bewacht Büroräume nachts, trägt eine Uniform, hat eine Gaspistole. Auf die Uniform ist er angeblich sehr stolz. Und nach Feierabend verkehrt er eben im goldenen Handschuh. Das ist eine Kneipe am Hamburger Berg, gegründet von einem Box-Europameister, Nürnberger. Und in dieser Kneipe, man würde sagen, das Publikum in der Kneipe ist damals auch nicht so sportlich. Ja, also böswillig würde man sagen, das ist eine Absteige, die hat 24 Stunden geöffnet. In dieser Kneipe lernt Honka Frauen kennen. Es sind Frauen, die oft nicht wissen, wo sie hin sollen, die obdachlos sind, Prostituierte, die schon älter sind. Und der Deal ist dann, dass sie bei Honka wohnen. Das macht er immer wieder dort. Das macht er mehrfach. Also er lernt Frauen kennen, die dann bei ihm wohnen, die ihn in den Haushalt machen, die ihm natürlich auch sexuell zu Diensten sein müssen. Also auch da ist, wir hatten es vorhin schon, die Biografien ähneln sich so ein bisschen. Du verwendest den Begriff Absturzkneipe. Es ist etwas, was man auch als Absturz ein bisschen bezeichnen kann. Ja, umgangssprachlich. Ja, ja, umgangssprachlich, aber genauso ja bei ihm auch. Er ist ja, also signifikante Ähnlichkeiten, aber er ist der Mann, er nimmt die Frauen zu sich nach Hause. Was weiß man heute über Honkas Umgang mit Frauen? Naja, er hat ja vier Frauen nachweislich umgebracht. Einige Frauen haben ja bei ihm gelebt und das überlebt. Also eine seiner ehemaligen Lebensgefährtinnen war ja Anni Wachtmeister, die auch im Prozess gegen Honka gegen ihn ausgesagt hat. Und sie hat halt gesagt, wenn er getrunken hat, war er wie ein Tier. Und er hat ihr halt, Bockwürste in den Unterleib gerammt, Holzknüppel und ja, ich würde sagen, er hatte halt schlicht eine sadistische Ader. Absolut sadistischer Ader. Und ein tiefes Erniedrigungsbedürfnis. Und ein tiefes Bedürfnis, Frauen zu erniedrigen, woher das auch immer kommen mag. Jetzt bewegen wir uns eigentlich in einer abgeschlossenen Welt, in das das Bürgertum nur selten reinschauen kann. Aber bald sprach dann eben ganz Deutschland über Honka und die Frauen. Sagt es schon, vier davon hat er umgebracht. Wie kam es dazu, dass das bekannt wurde? Ja, es gab einen Brand und zwar in der Wohnung unter ihm. Honka lebte ja in der Zeistraße 74 unterm Dach und unter ihm lebte ein Norweger. Und so wie ich die Geschichte kenne, hat der mit einer Kerze aus Versehen einen Brand entfacht. Und dann rückte die Feuerwehr an, der Brand breitete sich aus. Und bei den Löscharbeiten fand man dann eben die Leichen, die Honka in seiner 18 Quadratmeter kleinen Wohnung hinter Abseiten, Dachschrägen versteckt gehalten hatte. Er hatte eigentlich so eine Dachbodenkammer, wo der da reingeschlüpft ist. Genau, das war so eine Dachbodenkammer und er hat die Leichenteile dann in Plastik, hinter so dünne Wände gelegt, Duftsteine rüber und dann die Wände übertapeziert. Auf engstem Raum. Auf engstem Raum, 18 Quadratmeter. Also man muss sich den Moment damals auch so vorstellen, Feueralarm, die Feuerwehr geht rein und dann gehen die natürlich zum Löschen und schauen sich oben dann auch die Dachkammer an und sehen, oh, was ist denn das? Und dann kommt die Polizei und entdeckt eben Leichen. Wie viele Leichen wurden da gefunden? Es wurden die Leichen von drei Frauen gefunden und Leichenteile von Breuer. Also ich konkretisiere das nochmal ein bisschen. Wie man in deiner Geschichte lesen konnte, man hat drei Leichen gefunden und Teile einer weiteren Leiche. Und das war nämlich ein rechtes Bein ohne Fuß und ein Torso ohne Kopf. Also genau die Körperteile, die beim Fund von Gertraud Breuers Überresten damals auf dem Hinterhof 1971 fehlte. Damit ist klar, die Polizei hat, wenn man es so makaber formulieren möchte, die fehlenden Puzzleteile entdeckt. Eben in der Dachkammer von diesem Fritz Honka. Kerstin, was sagt Honka jetzt zu diesen Leichenfunden in seiner Wohnung? Also er ist morgens nach Hause gekommen von seinem Wachdienst und hat erstmal alles abgestritten. Und das hat eine Weile gedauert. Und er hat auch später immer gesagt, er könne sich nicht richtig erinnern. Und ja, ehrlich gesagt hat er sehr viel über sich gesprochen. Über sein Leben und wenig über die Frauen. Er wusste teilweise gar nicht mehr, wer die Frauen gewesen waren. Also über sein hartes Leben, wie schwer das war? Über sein hartes, schweres Leben. Er hat immer wieder betont, dass er ja im Jugend-KZ gewesen sei. Und später vor Gericht, so ist er dann auch beschrieben worden in der Presse, war er erschüttert über sich selber und er sei explodiert. Also hat die Tat so ein bisschen hingestellt wie so ein Unfall das waren so, Affekt-Taten er sei explodiert und könne sich das selber nicht erklären weshalb sei er explodiert die Frauen sollen ihn ja auch beleidigt haben. Vorm Sex und, dann sei er halt ausgerastet also explodiert die Richter sind dem auch zum Teil gefolgt soll ich diese Stelle mal raussuchen. Genau, also Honka hat die Frauen halt in einem sehr negativen Licht geschildert. Er hat sich so dargestellt als den Wohltäter, der ihnen doch Obdach gegeben hätte, und sie haben ihm das halt schlecht gedankt, sie haben den Haushalt schlecht gemacht und ihn auch noch beleidigt und dann ist er halt explodiert und könne sich aber nicht erinnern und sich nicht erklären, wie es dazu gekommen sei. Und man muss sagen, das Gericht, das mit fünf Männern, also drei Berufsrichtern und zwei Schöffen besetzt gewesen ist, ist dieser Begründung zum Teil gefolgt. Ich zitiere einfach mal aus dem Urteil. Da geht es um Anni Wachtmeister, die Lebensgefährtin. Den Haushalt führte Frau Wachtmeister sehr nachlässig, sodass Honka sie dazu zwingen musste, sauber zu machen und die Wäsche zu waschen. Im Laufe des Jahres 1971 wurde Frau Wachtmeister immer nachlässiger. Sie kam, wenn sie freitags auf ihrer Arbeitsstelle Lohn erhalten hatte, nicht nach Hause, sondern trieb sich auf St. Pauli herum und vertrank das Geld. Häufiger blieb sie tagelang weg, einmal sogar wochenlang. Gleichwohl nahm Honka sie, wenn sie zurückkehrte, immer wieder in die Wohnung auf. Also ich finde das hochinteressant. Die Frau... Verdient ihr eigenes Geld und es wird ihr nicht zugestanden, dass sie damit macht, was sie will, sondern das wird hier so als Verstoß geschildert, weil sie nicht zu Honka zurückkehrt und den Haushalt ihm nicht richtig macht. Und Honka, man weiß, die Richter wissen, der hat sie misshandelt und trotzdem soll sie zu ihm zurückkehren. Das ist die Frau, der Gegenstände eingeführt hat. Genau, genau. Und ein ähnliches Muster zeigt sich in der Darstellung von Anna Beuschel, auch ein Opfer von Honka. Ich zitiere aus dem Urteil. Eines Nachts kam es nach reichlichem Alkoholgenuss zu einem Streit, in dessen Verlauf der angeklagte Frau Beuschel aus der Wohnung werfen wollte. Sie fing an zu randalieren, beschimpfte den Angeklagten und warf Gläser an die Wand. Ferner kotete sie im Bett ein und urinierte der Angeklagte, reinigte daraufhin die Wohnung. Das steht im Urteil Seite 19. Die Richter waren überhaupt nicht dabei. Das sind seine Erklärungen. Und er wird hier aber als der Ordnungsliebende dargestellt, der hinterher auch noch die Wohnung reinigt. Und mit der Urteilsverkündung am 20. Dezember 76 wird diese Wertung natürlich über die Presse auch verbreitet. Zwar immer in indirekter Rede, aber trotzdem ist es so, alle Frauen, die mit Honka zusammengelebt haben, werden alle schmutzig, haben getrunken und den Haushalt nicht so geführt, wie er sich das erhofft hat. Lass uns noch einmal kurz zurückkehren zu Gertraud Breuer. Wir wissen jetzt, wer sie ermordet hat. Und heute wissen wir ja sogar, sie war wohl auch Honkas erstes Opfer. Aber sonst weiß man, glaube ich, wenig über ihr Verhältnis zu ihm. Sie hat nie bei ihm gewohnt und Honka hat zu ihr auch wenig ausgesagt. Aber weiß man, wie sie in seine Fänge geriet, Kerstin? Also die meisten hat er ja dann immer so im goldenen Handschuh kennengelernt. Genau. Und ich meine mich zu erinnern, dass Anni Wachtmeister Gertraud Breuer mit in die Wohnung genommen hat. Man hat dann gemeinsam gezecht und gefeiert. Honka wollte dann Sex mit Gertraud Breuer. Sie hat es abgelehnt, weil sie ihre Tage hatte. Und dann hat er sie laut Gerichtsurteil vergewaltigt und dann umgebracht. Also das Gericht macht sich auch sehr seine Haltung oder seine Erzählungen zu eigen. Wie schaut das Urteil aus? Ja, er wird wegen Mordes verurteilt, wegen Mordes an Gertrud Breuer verurteilt, weil das Gericht davon ausgegangen ist, dass er sie vergewaltigt hat und das dann verdecken wollte. Also da ist der Verdeckungsstraftat erfüllt und damit ist es Mord. Bei den anderen ist das Gericht von Totschlag ausgegangen und er ist eingewiesen worden in die Psychiatrie, also 15 Jahre Freiheitsstrafe, ist aber eingewiesen worden in die Psychiatrie, die er auch nie verlassen hat. Der hat nicht im Gefängnis danach noch gesessen. Er ist später in einem, hat er unter falschen Namen in einem Altenhain gelebt, und ist dann in Ochsenzoll 98 gestorben. Dreimal wegen Totschlags. Das muss man sich auch wirklich nochmal vor Augen führen. Also man hat ihm dann schon vor Gericht die Geschichte abgekauft, dass er dreimal im Affekt und auch so ohne große Brutalität, die Frauen umgebracht hätte, weil sie ihn irgendwie gekränkt hätten. Und dass es da keine niederen Beweggründe gegeben hätte. Und das bei jemandem, der vier Frauen getötet hat. Und da ist ja auch so ein Muster, so ein Kalkül zu erkennen. Er hat ja wohl nicht nur Gertraud Breuer, sondern auch die anderen Frauen gezielt ausgewählt, offenbar. Also jedenfalls hatte er eine klassische Zielgruppe. Ja, es waren alles Frauen, die im Grunde genommen eine Unterkunft gesucht haben. Alles Prostituierte, die auch älter waren. Und eine Zeitung hat mal geschrieben, denen es nicht mehr so leicht gefallen ist, anzuschaffen, was den Preis gedrückt hat. Also Frauen in einer eigentlich ganz fürchterlichen Situation. Kein Dach über den Kopf. Du bist im Grunde genommen den Leuten ausgeliefert, den Männern ausgeliefert, die sagen, komm mit mir nach Hause. Und dann hast du ein Dach über den Kopf. Mir ist das übrigens selber mal passiert. Ich war schwimmen an einem Teich. Und ich saß am Ufer und hatte gerade so ein Handtuch, so einen Poncho übergeworfen, um mich umzuziehen. Und plötzlich steht so ein Typ neben mir. Und sagt zu mir, du, wenn du einen Schlafplatz suchst, hier ist meine Adresse. Und hält mir ungelogen seine Karte hin. Okay. Und das war so ein Typ, schmal. Ich sage es mal böse, nicht besonders attraktiv. Also ich würde nicht mal einen Kaffee mit dem trinken gehen. Und er hatte diese ganze Situation vollkommen anders interpretiert. Der dachte, ich bin eine Obdachlose. Weil ich den Poncho da anhatte. Weil ich den Poncho anhatte. Und dann war ich erst mal so, ich sage, ja, du hast auch hier geschlafen, sagt er zu mir. Und in dem Moment habe ich es dann kapiert und habe gedacht, na warte Freundchen. Und dann habe ich die Karte genommen und bin schnurstracks damit, der hat sich dann auch verpieselt, hat wahrscheinlich gedacht, die sehe ich demnächst wieder. Und ich bin dann mit schnurstracks zur Polizei gegangen und dann war da so ein junger Beamter und der hat, ich habe gedacht, oh Gott, der kapiert das jetzt bestimmt nicht, aber der hat es sofort kapiert. Ich habe gesagt, ich weiß, das ist nicht strafbar. Aber das ist passiert. Und hier ist die Karte von dem Typen. Ich ahne, worauf der spekuliert. Und vielleicht können sie ja sowas machen wie eine Gefährderansprache. Im Nachhinein muss ich sagen, ich glaube, das geht rechtlich gar nicht. Aber der Polizist hat das sofort verstanden und hat gesagt, ja, das ist krass. Der hat auch im Computer nachgeguckt. Der durfte mir dann nichts sagen. Aber ich habe dieses Gefühl. Einmal am eigenen Leibe habe ich das und ich fühlte mich beschmutzt. Ich hätte dem gerne eine runtergehauen. Ich wäre gerne auf den losgegangen. Das konnte ich körperlich nicht. Warum fühltest du dich beschmutzt? Ich fühlte mich beschmutzt, weil ich gedacht habe, du glaubst, dass ich auf deine Hilfe angewiesen bin und dass ich bei dir zu Hause auftauche. Und das, was du dann willst, ist ja wohl klar. Ich fühlte mich beschmutzt. Ich fühlte mich erniedrigt, richtig erniedrigt. Und es ist nicht strafbar und gar nichts. Und er kann auch zur Polizei sagen, wieso, ich meinte es ja nur gut. Aber im Nachhinein finde ich diese Erfahrung eigentlich wertvoll, weil sie mir einmal gezeigt hat, wie es ist, wenn dich jemand unten einordnet. Ja, wahrscheinlich noch sehr weit entfernt von dem, wie sich Gertraud Breuer und die anderen Frauen gefühlt haben müssten. Aber es zeigt, das gibt es natürlich auch heute noch. Und natürlich habe ich das als Polizeireporterin irgendwie gewusst, bewusst, dass es Typen gibt, der da rumstreichen und die sich irgendwelche drogensüchtigen Mädels aussuchen und denen den nächsten Schuss finanzieren und die Gegenleistung ist klar. Aber da habe ich das am eigenen Leibe, das habe ich einfach mal mitgekriegt. Frauen also als Beute. Wir wissen jetzt, dass Gertra Bräuer genau das für Honka geworden ist. Lass uns zum Abschluss noch über seine anderen Opfer sprechen und auch darüber, wie sie wahrgenommen wurden und vielleicht auch heute noch wahrgenommen werden. Also Kerstin, erst mal, wer waren die anderen drei Frauen? Also die anderen Opfer waren Anna Beuschel, Frieda Roblik und Ruth Schuld. Und ich würde einfach mal vorlesen, was damals die Presse geschrieben hat. Gut gemeint hat es das Leben nie mit Lina Anna Beuschel. So kam Anna Beuschel schon als kleines Mädchen in ein Heim. In der Nazi-Zeit wurde sie in ein Konzentrationslager verschleppt. Ihre Mutter war Jüdin gewesen. Sie wurde gequält, geschlagen, vergewaltigt. 1946 lernte die noch attraktive Frau einen amerikanischen Besatzungssoldaten kennen. Sie verlobte sich mit ihm und bekam Zwillinge, zwei Jungen. Doch zu dieser Zeit konnte sich die vom Leben enttäuschte Frau nicht mehr einordnen. Sie ließ den Verlobten mit beiden Kindern sitzen. Anna Beusche verdiente sich seitdem ihren Lebensunterhalt als Prostituierte auf St. Pauli. Sie fing an zu trinken. Je älter sie wurde, umso weniger verdiente sie auf dem Strich. So war es dann auch, als die vom Alkohol gezeichnete Frau 15.000 D-Mark im Lotto gewann. Nach wenigen Tagen war das Geld vertrunken. Also, Anna Beuschel ist als Anna Hahn 1919 in Aschersleben geboren worden und sie gilt als asozial. Man weiß, dass sie im August 1942 im Frauenkazert Ravensbrück inhaftiert wird. Da ist sie 22 Jahre alt. Sie kommt in ein Außenlager, muss Zwangsarbeit leisten, kommt dann nach Flossenbürg und wahrscheinlich war sie auch in Auschwitz. So, und nach Kriegsende wird sie dann von den Amerikanern befreit. Und ich bemühe jetzt wieder die Presse. Sie gehörte zu jenen Mädchen, die im Sommer 1945 von ihren verbitterten Landsleuten als Ammi-Hure beschimpft wurde, weil sie sich gleich nach dem Einmarsch der US-Armee in Thüringen unter den persönlichen Schutz eines GIs stellte. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wir schreiben das Jahr 1975, als dieser Artikel erscheint. 30 Jahre nach Kriegsende ist noch immer von verbitterten Landsleuten die Rede. Die verbittert sind, weil das NS-Regime gestürzt worden ist. Und das ist auch hier interessant, hier werden diese verbitterten Landsleute vorgeschickt, die Anna Beuschel als Ami-Hore beschimpfen, die sich unter den persönlichen Schutz stellt. Also mit Verlaub, die wird befreit von dem und verliebt sich wahrscheinlich in den Mann und kriegt zwei Kinder mit dem. Die Option sollte man auch nicht ganz ausschließen, dass es einfach eine ganz normale Liebesbeziehung war. So, und dann nimmt er die Kinder aus welchen Gründen auch immer mit in die USA, aber sie ist natürlich hier die Mutter, die ihn sitzen lässt. Also es wird ganz klar hier so ein Schuldnarrativ konstruiert. Und in der Zeitung heißt es dann weiter, als ihr Amerikaner nach USA zurück musste, stand sie vor der Alternative, entweder den Kindern eine Zukunft im amerikanischen Paradies zu sichern oder sie im verwüsteten Deutschland durchfüttern zu versuchen. Die Frage, wer nimmt mich schon mit zwei Amigören, gab den Ausschlag. Anna Hahn gab ihrem GI die Zwillinge auf Nimmerwiedersehen mit. Eine Woche später, am 1. April 1947, traf sie sinnungslos betrunken auf der Reeperbahn ein. Und jetzt kommt es. Der Rest wäre Schweigen, schreibt die Zeitung. Eine tote Seele mehr. Wer kräht schon nach dieser Hahn? Cool. Man merkt schon, du hattest auch die Idee, das mal aus der damaligen Berichterstattung. Herauszulesen, dass man spürt, dass das, was die Frauen auch in diese Position gebracht hat, auch irgendwie eine total eine Rolle spielt in der Art, wie dann über sie berichtet wird, wie das wahrgenommen wird. Also ich finde zunächst mal interessant, diese Frau hat im KZ gesessen und thematisiert wird aber ihr Alkoholismus, ihr Lebenswandel und nicht das Leid als KZ-Häftling. Also es geht schon darum, dass sie im KZ war. Das berichten die Zeitungen auch schon in den 70er Jahren. Aber es geht nicht um dieses Leid. Es geht immer nur um ihre persönlichen Verfehlungen. Und es ist dann so, dass Anna Hahn Thomas Beuschel heiratet. Der ist 17 Jahre jünger als sie, Hilfskoch. Und was die beiden verbindet, ist wohl eher so eine Art Freundschaft und Zweckehe. Und sie kocht und macht den Haushalt. Er geht zur Arbeit. Sie wird als sehr kinderlieb beschrieben und bricht aber immer wieder aus und, geht halt in die Kneipen auf St. Pauli. Und hier ist ein weiterer Zeitungsausschnitt. Als der Hilfskoch und Kellner seine ausgerückte Frau im goldenen Handschuh wiederfand, wollte sie nichts mehr von ihm wissen. Sie ging mit Honka nach Hause. Er schnitt ihr die Kehle durch. Also es ist ganz, ganz klar, diese Frau wehrt ihren gutmütigen Ehemann ab und zieht praktisch ihm den Mörder vor. Also es wird hier ein klares Schuldnarrativ skizziert. Die Frau ist schuld und dass sie im KZ inhaftiert gewesen ist und fürchterliche Dinge erlebt hat, das tritt in den Hintergrund. Da wird das Leid dann eigentlich als... Etwas, ja, was Böses fast dargestellt. Ja, im Grunde genommen. Wo man selber schuld ist. Also was für mich wirklich bemerkenswert war, ist die tatsächliche Haft zweier Opfer im KZ. Zugleich ist es so, Honka hat immer wieder behauptet, er sei im Jugend-KZ gewesen, beziehungsweise im Kinder-KZ. Gleich in seiner ersten Vernehmung hat er zu Protokoll gegeben. Als ich acht Jahre alt war, kam ich in das Jugendkonzentrationslager Bernburg-Sahle. Hier musste ich bis Kriegsende bleiben. Als der Ami kam, wurden wir befreit. Später hörte ich dann, dass mein Vater auch im KZ war. Er hat mich dann aus dem KZ abgeholt und wieder nach Leipzig mitgenommen. Er wiederholt das später gegenüber dem Gutachter und auch vor Gericht. So und wenn man nun in den Archiven recherchiert, dann muss man feststellen, das ist eine glatte Lüge. Also es ist zwar so, 1939 beschließt das NS-Regime die Einrichtung von Jugendkonzentrationslagern. Ab August 1940 werden erblich kriminell belastete Jugendliche in das Jugendkonzentrationslager Moring eingewiesen. Dort werden männliche Jugendliche gefangen gehalten. So und laut Auskunft, der Arolsen-Archivs International Center on Nazi Persecution, wo die Daten der Opfer des NS-Regimes archiviert werden, ist der spätere Frauenmörder Honka verabschiedet. Nicht als Opfer registriert. Er wäre für eine Internierung nach dem derzeitigen Forschungsstand auch zu jung gewesen. Das Jugendkz in Moring ist 1940 eingerichtet worden. Es bestand bis 1945 und interniert worden sind junge Männer zwischen 13 und 22. Bei Kriegsende im Mai 1945 war Honka neun Jahre alt. Das heißt, die Geschichte, er war im Jugendkz, ist eine Lüge, eine Legende, die er selber in die Welt gebracht hat. Aber über sie ist dann immer gerne berichtet worden, während der KZ-Aufenthalt oder die realen KZ-Aufenthalte von zwei seiner Opfer dann irgendwann so unter den Tisch gefallen sind. Genau, so würde ich das sagen. Ich zitiere auch mal aus den Zeitungsartikeln über Frieda Roblik. Die nannte sich Rita. Also die Überschrift lautet, die Hexenmeisterin Rita erfüllte jeden Wunsch. Und weiter, das zweite Opfer des wahnsinnigen Frauenmörders war ihr Leben lang immer Opfer. Mit 22 Jahren kam das damals bildhübsche Mädchen in ein Konzentrationslager der Nazis. Dort wurde sie gequält, erniedrigt, gefoltert und immer wieder vergewaltigt. Nach qualvollen Jahren wurde sie in ein Arbeitslager abgeschoben. Der Vater war Schlosser und verschwand in einem sibirischen Gefangenenlager. Damals ist Frieda, Jahrgang 1917, bereits im Gefängnis gewesen. Sie soll, wie es heißt, im Krieg schon einen Mann mit einer Bierflasche erschlagen haben. Schwestern und Mutter holten das schwarze Schaf aus dem Frauengefängnis ab. Frieda wurde Näherin und trieb sich abends. In den Gasthäusern herum. Zitat. Nahm eine Zivilstreife sie wegen Beischlafdiebstahls fest. Das war also die Frau, die Honka im November 1974 anmachte. Und dann heißt es weiter, verglichen mit ihren Vorgängern war ihr Tod dann beinahe schön zu nennen. Honka erwürgte sie nur. Und diese Missachtung, Zeigt sich nicht nur in der Presse, sie zeigt sich auch bei den Behörden. In der Anklage schreibt die Staatsanwaltschaft nämlich, von 1937 bis 1945 war sie in ein Konzentrationslager eingewiesen und dort als Dirne tätig. Und wenn ich lese, jemand war dort als Dirne tätig, dann klingt das für mich nach einer regulären Berufstätigkeit. Und das steht in der Anklage über Frieda Robleck. Puh, das klingt jetzt so ein bisschen wie so ein Präsentismus, der sich mit dem Blick von heute die Berichterstattung von damals anguckt. Es gibt eine einzige Person und das ist Ali Schwarzer, die das damals schon erkennt und die damals schon sagt, also die Berichterstattung im Falle Honka, war eine Kumpanei, ich weiß nicht, ob sie es genau so gesagt hat, aber eine Kumpanei von Männerjustiz und Männerpresse. Alice Schwarzer hat das erkannt, aber sie war die Einzige. Und nun muss man wissen, dass das Bewusstsein für Opfer damals überhaupt noch nicht ausgeprägt war. Also die Victimologie gibt es zwar schon ziemlich lange, aber sie hat sich sehr lange darauf konzentriert, den Opfern auch die Schuld zu geben. Ich würde gerne nochmal auf die Frage zurückkommen. Wie erklärt sich aber dieser Reflex? Warum macht man das? Gibt es da irgendwie eine psychologische Erklärung, eine sozialpsychologische Erklärung? Das springt einen hier ja so an, weil Opfer- und Täterbiografien sich ja so ähnlich sind. Und warum wird bei dem einen das Leid und das Elend schuldmildernd angesehen und bei den anderen, die Opfer noch dazu sind, die Geschädigten, wirst du mal verschlechtert? Gibt es da eine psychologische Erklärung dafür? Also es gibt einen amerikanischen Sozialpsychologen namens Lerner und der hat dazu geforscht und der stellt die These auf, dass es einen Glauben an eine gerechte Welt gibt. Dass die Leute glauben, dass die Welt im Kern gerecht ist, wenn man sich denn anständig und korrekt verhält. Das ist ein starkes Narrativ. Ich glaube, mir kann schon nichts passieren. Die Welt ist ja sehr unsicher. Überall warten Gefahren. Aber wenn ich tief in mir glaube, es trifft schon immer die Richtigen und wenn ich mich korrekt verhalte, dann ist das eine Art Trost. Und er hat Befragungen durchgeführt. Und er sagt natürlich, dass das ein fundamentaler Irrglaube ist. Aber er führt dazu, dass wir dazu neigen, Menschen, also Opfer zu verurteilen. Das wird verstärkt, wenn das Opfer hässlich ist. Arm ist und aus den unteren Schichten stammt. Also er schreibt, Menschen wollen nicht mit solchen Verlierern in Verbindung gebracht werden, sondern with people who are successful and happy. Also jeder ist quasi, jeder ist seines Glückes Schmied. Genau. Und wer Pech hat, hat halt nicht gut geschmiedet. Und wir alle sind ja natürlich welche, die gut leben und es deswegen auch verdient haben, dass es uns gut geht und denen es schlecht geht. Genau, die müssen schon irgendwas gemacht haben. Die werden schon selber schuld sein. Wir haben jetzt viel über nicht nur Taten in der vergangenen Zeit gesprochen, sondern auch über die Wahrnehmung, die Gesellschaft. Wie viel von dem erleben wir denn heute noch? Was nimmst du denn noch wahr in der Haltung auch zu Opfern und Tätern? Ist die Welt so viel besser geworden? Sind wir weiter als damals? Ja, wir sind natürlich weiter. Es gibt ein Opferentschädigungsgesetz. Dass solche Straftaten wie Stalking wird verfolgt. Das Bewusstsein für Opfer hat sich natürlich geändert. Ich würde nicht behaupten, dass nun alles perfekt ist. Also gerade was Sexualstraftaten angeht, könnten wir mal eine eigene Sendung machen über die Stellung von Opfern. Aber das, was damals gelaufen ist, das glaube ich, so schreibt auch die Presse nicht mehr über Opfer. Das muss man fairerweise sagen. Ja, auch die fehlende Empathie für diese Art von Opfern oder für diese Art von, Frauen. Ich glaube, Frauen hat es einfach auch noch stärker getroffen, glaube ich, diese Abfälligkeit. Ich fürchte nur ein bisschen, haben wir das alle. Also ich glaube, diese Mechanismen, so die Schwachen und die Armen auch so von uns wegzuhalten, zu sagen, na die haben auch nichts mit mir zu tun und deswegen interessiert es mich auch nicht so sehr, wenn die Opfer sind und. Sack schlägt sich, Sack verträgt sich, das alles so von mir wegzuschieben, dieser Reflex. Den haben wir, glaube ich, schon weiterhin. Das ist etwas, was über die Zeit nicht aufgelöst wird, wo man höllisch aufpassen muss. Genau, ich kann das auch für mich selber sagen. Als Journalistin haben mich ganz oft die Täter auch interessiert. Und ich wollte immer wissen, warum wird ein Mensch zum Mörder? Das fand ich immer sehr spannend, das wollte ich immer wissen. Und ich selber habe über Jahrzehnte wahrscheinlich auch die Opfer vernachlässigt. Das will ich nicht. Also ich kann sagen, mich hat diese Recherche sehr nachdenklich gemacht, auch über den eigenen Beruf. Und ich will auch nicht behaupten, dass meine Texte alle ohne Fehl und Tadel sind. Das ist ganz bestimmt nicht so. Also das ist wohl so. Ja, das mit dem Schwerpunkt auf die Täter, das ist natürlich auch immer so eine schwierige Frage, weil der Täter natürlich, derjenige ist, der hat die Tat begangen. Und wenn man sich die Frage stellt, wie kann es zu sowas kommen, wie kann man es verhindern, dann ist natürlich auch ein Fokus auf die Täter durchaus zentral. Ich halte das auch für gerechtfertigt. Ich halte das auch für gerechtfertigt. Wir wollen ja am Ende wissen, wie kommt es zu der Tat? Was hat den Täter dazu getrieben? Und wir haben ja schon festgehalten, in der Kriminologie ist es übrigens eine Binse, dass Armut Kriminalität begünstigt. Wenn du kein Dach über dem Kopf hast und du hast nichts zu futtern, dann klaust du dir vielleicht was. Das ist eine Binse. Und deswegen halte ich das für absolut gerechtfertigt, dass man sich die Biografien von Tätern anguckt. Weil ich muss ja am Ende gucken, kann ich als Gesellschaft irgendwo den Hebel hier ansetzen, damit das nicht wieder vorkommt. Ich halte das für gerechtfertigt. Ja, aber es ist ja nochmal was anderes, ob man einen stärkeren Fokus oder den Hauptblick auf den Täter, seine Biografie richtet. Oder ob man die Opfer dann regelrecht abwertet, wie es ja auch stattgefunden hat. Und es passiert uns auch heute noch. Genau, und man muss ganz ehrlich sein. Also bei den Opfern Honkas hat es wirklich ein halbes Jahrhundert gedauert. Ali Schwarzer hat irgendwann in der Emma geschrieben, wann schreibt eigentlich endlich mal jemand über die Opfer. Und die Hamburger Historikerin Frauke Steinhäuser hat sich dann daran gemacht und hat die Biografien der Opfer sehr gründlich recherchiert. Es gibt eine Broschüre dazu, die im Internet abrufbar ist, auf der Seite Garten der Frauen. Und den Frauen ist auch ein Gedenkstein aufgestellt worden im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Aber es hat ein halbes Jahrhundert gedauert. Bis sich eine Historikerin drangemacht hat, sich genau zu fragen, wer sind hier eigentlich die Frauen? Kerstin, ich sage dir ganz herzlich Dank dafür, dass du dir die Zeit genommen hast und dass du uns eben auch von diesen Frauen erzählt hast und mit uns und für uns auch mal ein bisschen darauf geblickt hast, wie man nicht nur damals, sondern vielleicht ein bisschen auch noch heute, auf bestimmte Menschen und vor allem bestimmte Frauen blickt. Danke, Kerstin. Sehr gerne. Und liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, Kerstins Geschichte, muss ich glaube ich fast nicht mehr dazu sagen, ist wie immer in einem Link in unseren Shownotes zu finden und außerdem auch ein Link zu ganz vielen anderen starken, sehr nachdenklich machenden Geschichten von Stern Crime. Und ich hoffe, dass ihr beim nächsten Mal auch wieder dabei seid. Tschüss.