Schneller Schlau, der kurze Wissens-Podcast von PM. Willkommen zu einer neuen Folge Schneller Schlau, eurem Wissens-Podcast von PM. Heute geht es um Tiere, die wir gern domestiziert hätten, die aber einfach gesagt haben, nein.

Geopaden, Zebras, Elche, Bären und ein paar echte Überraschungen. Bei mir ist Thomas Wagner, PM-Autor und Experte für das Thema, seit er eine große Geschichte für uns darüber geschrieben hat. Hallo Thomas. Hi Andreas, freut mich. Und ja, es ist wirklich interessant, wie viele Tiere sich dem Menschen verweigert haben und wie kompliziert der Prozess ist, bei dem sich ein Tier domestiziert. Wow, ich hatte da mal ein krasses Erlebnis. Als junger Reporter war ich mit einem Bären-Trainer unterwegs. Der hat die Tiere für Filme dressiert. Und plötzlich meinte er, komm, wir machen eine Spritztour mit dem Bären. Und ich war wirklich total geflasht. Das war ein 600 Kilo schweres Tier. Er hat es aus dem Käfig geholt und in einen Kübelwagen auf den Beifahrersitz gesetzt. Ich kam auf die Rückbank. Und wir sind dann losgefahren. Mir war total mulmig. Der Bär hatte keine Leine, nichts. Am Anfang ging alles gut. Aber natürlich kannst du dir vorstellen, es war eine deutsche Kleinstadt. Wir waren die Sensation. Alle haben sich die Köpfe verrenkt und an einer Ampel gab es dann Stau. Jemand hat gehupt und der Bär, naja, wie von der Tarantel gebissen, ist der mit einem Satz auf die Rückbank gesprungen. Ich konnte mich in letzter Sekunde aus dem Wagen werfen, sonst wäre ich heute vielleicht gar nicht hier. Was? Das ist ja sehr krass.

Kaum zu glauben. Ich schwöre dir, es war so und ich habe hier sogar ein Foto, das zeige ich dir mal. Ach krass, ja okay, jetzt glaube ich es dir. Okay und für alle, die uns jetzt nicht zuschauen können, wir haben das Bild auf die PM-Webseite gestellt, den Link findet ihr in den Shownotes.

Puh, da war der Tiertrainer wohl sehr naiv unterwegs und hat dir ja im wahrsten Sinne des Wortes einen Bären aufgebunden, als er dir Weiß machen wollte. Man könnte hier dieses riesige Raubtier zuverlässig kontrollieren. Echt gut, dass nichts passiert ist. Ja, sag mal, hast du auch Erfahrungen mit vermeintlich zahmen Tieren gemacht?

Ja, also mit einer Bärenstory kann ich jetzt natürlich nicht mithalten, aber ich bin ja auch viel unterwegs und doch jedes Mal fasziniert und ein Stück weit irritiert, wenn ich im Urlaub Kamele sehe und wie die einem mit jedem Blick zu verstehen geben, dass sie wirklich null Bock auf uns Menschen haben. Und wenn sie mal kooperieren, dann auch meist störrisch und absolut widerwillig, da wird mir immer wieder klar, dass die noch lange nicht vollständig domestiziert sind. Also bevor wir jetzt in die Beispiele einsteigen, viele Leute verwechseln Zähmung und Domestikation. Erklär doch mal, wo ist der Unterschied? Ja, das ist eine ganz wichtige Unterscheidung. Also Zähmen heißt, ein einzelnes Tier gewöhnt sich an den Menschen. Das kann ein Elefant sein, der freundlich ist, ein mit der Flasche aufgezogenes Rehkitz, das handzahm wird. Also eine rein individuelle Verhaltensanpassung, aber nicht vererbbar. Domestikation dagegen ist ein genetischer Prozess und läuft über viele Generationen. Da verändern sich Körperbau, Verhalten, Hormonhaushalt. Bei Hunden sieht man das besonders gut oder bei Rindern zum Beispiel. Und irgendwann entsteht eine echte Haustierform, die sich deutlich von der Wildform unterscheidet. Hunde haben ja sogar den sogenannten Dackelblick entwickelt.

Das ist der Muskel, der es ihnen möglich macht, uns mit zusammengekniffenen, traurigen Augenbrauen anzuschauen. Thomas, was du sagst, heißt also, erst wenn der Mensch, bewusst oder unbewusst, Tiere über mehrere Generationen selektiert, sprechen wir wirklich von Domestikation. Genau und das ist viel schwieriger, als man denken könnte. Dazu mal eine Zahl zur Einordnung. Von den geschätzt etwa zwei Millionen beschriebenen Tierarten haben wir je nach Definition nur 20 bis 50 wirklich domestiziert. Okay, das klingt jetzt wirklich überraschend wenig, wenn man sich mal so überlegt, was der Mensch sonst alles so treibt. Er formt Landschaften, baut Städte, verändert Ökosysteme, aber die Tiere kriegt er offensichtlich nicht so richtig in den Griff? Richtig, denn die Tiere müssen dazu nämlich einiges in Anführungsstrichen mitbringen, sonst wird es nichts.

Zu allerersten mal eine soziale Struktur mit Rangordnung, also allzu einzelgängerische Tiere sind schon mal nicht gut geeignet. Dann sollten sie ein einigermaßen ruhiges Temperament haben. Kurze Fortpflanzungszyklen sind auch wichtig. Eine unkomplizierte Ernährung, unkompliziert aus menschlicher Perspektive, dass wir einfach an das Futter gut herankommen, was die brauchen. Und eine gewisse Trainierbarkeit sollten die Tiere auch mitbringen. Und fehlt nur ein Punkt von denen, dann kann der ganze Prozess scheitern. Okay, dann lass uns doch mal einige Arten durchgehen, bei denen es nicht geklappt hat. Fangen wir mit den Geparden an. Seit dem alten Ägypten hat man versucht, die zu zähmen oder zu domestizieren als Startesymbole. Und weil sie eben durch ihre hohe Geschwindigkeit ideale Jagdtiere sein könnten.

Genau, da hatte man große Hoffnungen. Und mit der Zähmung, da ist wieder die Unterscheidung wichtig, hat das auch teilweise funktioniert. Die Ägypter, später auch Genghis Khan oder Karl der Große, hielten sich Geparden tatsächlich als Jagdtiere. Aber eine Domestikation war das eben nicht. Okay, und warum in dem Fall nicht? Geparden sind Einzelgänger und sie haben einen hohen Stresslevel, einen kleinen Genpool und pflanzen sich in Gefangenschaft kaum fort. Und ohne stabile Zuchtlinie ist Domestikation schlicht nicht möglich. Das heißt, man braucht also eine kontinuierliche Fortpflanzung von Tieren, die mit dem Menschen zusammenleben. Wenn sich die Tiere an uns gewöhnen, aber keine Nachkommen zeugen, gibt es auch keine genetische Entwicklung. Sag mal, und wie ist das bei der Katze? Die hat sich ja quasi selbst domestiziert. Genau. Katzen sind vermutlich von selbst in menschliche Siedlungen gewandert, weil dort Mäuse und Ratten unterwegs waren. Und der Mensch fand das super. Neue Genomanalysen zeigen, die klassische Hauskatze kam erst vor rund 2000 Jahren aus Nordafrika nach Europa. Viel später als gedacht ursprünglich. Und sie hat viele typische Domestikationsmerkmale auch selbst entwickelt, ohne gezielte Zucht. Das heißt, die Katze ist also ein Sonderfall. Das finde ich faszinierend, denn es gibt genetische Analysen, die zeigen Veränderungen in 13 Genen bei den Hauskatzen. Die betreffen Angstverarbeitung, das Gedächtnis und das Belohnungssystem.

So ist das, aber 13 genetische Veränderungen sind total wenig. Bei anderen Tieren sind das wesentlich mehr.

Hauskatzen unterscheiden sich genetisch nur leicht von Wildkatzen, mit Fokus auf Verhaltensgene für Zahmheit und Lernfähigkeit, was die Domestizierung beschleunigte. Im Gegensatz zu Hunden blieb die Katze unabhängig und behielt Jagdinstinkte, da die Selektion weniger intensiv war. Okay, umgekehrt haben sich die Menschen zwar nicht genetisch, aber doch kulturell stark den Katzen angepasst, indem wir gelernt haben, Katzenbedürfnisse wie Unabhängigkeit zu respektieren. Ich finde, da hat die Katze im Puncto Domestikation des Menschen ganze Arbeit geleistet. Trotzdem verstehe ich bei vielen Tieren nicht, warum das mit der Domestizierung nichts wurde. Zum Beispiel beim Zebra. Rein optisch könnte man noch denken, ist ein Fancy Pony, warum reiten wir keine Zebras? Das hat man auch versucht, genau genommen Kolonialherren im 19. Jahrhundert und zwar ausdauernd. Es scheiterte jedoch jedes Mal, weil Zebras zu temperamentvoll sind und zwar im schlechten Sinne. Sie sind aggressiv, panisch und bilden keine stabile Hierarchie. Aber der Hauptgrund ist eigentlich noch viel banaler. Sie können schlicht nur 40 bis 60 Kilogramm tragen. Für ein Reit- oder Zugtier ist das einfach zu wenig und hat wohl die Mühe nicht gelohnt. Okay, 40 bis 60 Kilo, das klingt jetzt echt nicht viel. Mit anderen Worten, viel Look, aber null Kooperation.

So ist es in dem Fall, ja. Okay, jetzt kommen wir mal zu den Delfinen. Da würde man ja intuitiv denken, die sind clever, sozial, arbeiten mit Menschen zusammen. Warum wurden die nie domestiziert?

Ja, klingt vielleicht unlogisch, aber bei Delfinen ist genau das das Problem. Die sind einfach zu clever. Sie leben in hochkomplexen sozialen Verbänden und treffen viele eigenständige Entscheidungen. Sie brauchen riesige Lebensräume, die wir nicht mal ansatzweise nachbilden können und haben dazu noch lange Tragzeiten. In Gefangenschaft pflanzen sie sich nur selten fort. Und wie schon gesagt, ohne kontrollierte Vermehrung gibt es eben auch keine Domestikation. Dann haben wir noch den Elch groß, stark, beeindruckend. Wäre doch eigentlich das perfekte nordische Reit- und Nutztier. Das dachte man auch und hat auch das probiert, besonders in Russland. Aber Elche sind extrem schreckhaft, reagieren empfindlich auf Lärm und wechseln zwischen Scheu und Aggression. Dazu brauchen sie auch noch enorme Mengen frische Zweige, die recht schwer zu beschaffen wären. Das Ergebnis unberechenbar und nicht beherrschbar. Damit ist die Zucht praktisch ausgeschlossen. In dem Fall muss man sagen, wirklich Pech für den Menschen, denn die Milch von Elchen ist sogar um einiges nahrhafter als Kuhmilch.

Jetzt lass uns nochmal zurückgehen zu meinen Beeren. Die hat man ja ganz besonders früher in Shows auftreten lassen. Es gab diese traurigen Tanzbären. In manchen Ländern gibt es das wahrscheinlich heute noch. Ja, aber das war Dressur und teilweise schlicht grausame Unterwerfung. Und ja, mit Gewalt und Zwang können wir das leider, muss man sagen, bei so ziemlich allen Tieren erreichen, die wir irgendwie einfangen und einhegen können. Also eben auch bei Bären, Tigern bis hin zu Killerwahlen. Aber das hat wie eingangs beschrieben mit Domestikation nichts zu tun. Bei Bären kommen gleich mehrere Faktoren zusammen, die jeden Versuch der Domestikation im Keim erstickten. Sie haben kaum soziale Gruppenstrukturen, keine stabile Rangordnung, sind einfach potenziell lebensgefährlich für uns und lassen sich nicht kontrolliert züchten.

Domestikation war hier also nie realistisch. Ist ja irgendwie auch einleuchtend, die Finger besser von Tieren zu lassen, die uns mit einem einzigen Biss oder Hieb oder wie in meinem Fall Sprung töten könnten. Aber es gibt doch auch genug friedliche Pflanzenfresser. Hirsche zum Beispiel sieht man oft im Wildgehege. Warum wurden die jetzt nicht domestiziert? Weil die einfach scheu bleiben, schwer zu kontrollieren sind und während der Brunft oft aggressiv werden. Also gar nicht so lieb, wie man immer sieht. Und außerdem bieten sie wahrscheinlich kaum Vorteile gegenüber bereits domestizierten Arten wie Rind oder Pferd. Also ist den Hirschen die Domestikation wohl auch aus wirtschaftlichen Gründen einfach erspart geblieben? Ganz genau. Und so ist das häufig, dass der Mensch der Dreh- und Angelpunkt des Ganzen ist und eben die Domestikation an unseren Bedürfnissen ausgerichtet wird.

Eine andere Art, die Menschen dagegen sehr gerne domestiziert hätten, das sind die afrikanischen Büffel. Also wahrscheinlich wegen ihrer unglaublichen Kraft. Die wären ja perfekt für Ackerbau gewesen. Genau, aber die sind so aggressiv, ich sag's dir. Ich war mal auf Safari in Zambia, zu Fuß, ohne Jeep, vorbei an Nashörnern und notorisch aggressiven Flusspferden. Alles kein Problem. Und der einzige Moment, in dem selbst die Ranger unruhig wurden und uns zum geordneten Rückzug aufgefordert haben, war, als uns plötzlich in einem Waldstück eine Herde afrikanischer Büffel gegenüberstand und schon ziemlich gereizt mit den Köpfen wippte und den Hufen scharte. Da wurde mir klar, die sind wohl besonders gefährlich. Und tatsächlich gelten Schwarzbüffel sogar für Raubtiere als lebensgefährlich. Und das, obwohl sie eigentlich auf deren Speiseplan stehen. Da frage ich mich jetzt zum Schluss noch, Wie sieht es mit den Füchsen aus? Die bevölkern immer mehr die Städte. Social Media ist voll von Bildern mit Füchsen in Berlin. Man sieht sie in Parks, sie plündern Mülltonnen.

Ja, dazu gibt es ein berühmtes Experiment aus Sibirien, ein echter Meilenstein und das wohl älteste kontinuierlich laufende Wissenschaftsexperiment überhaupt. Der Genetiker Dmitri Beliaev begann dort 1959 Silberfüchse zu züchten und allein auf das Merkmal der Zutraulichkeit zu selektieren. Schon nach wenigen Generationen zeigten die Tiere typische Domestikationsmerkmale, und zwar gefleckte Fälle, hängende Ohren, anhängliches Verhalten. Okay, so ein bisschen wie ein Hund, ne? Genau, und erst Jahrzehnte später wurde für diese Veränderung der Sammelbegriff Domestikationssyndrom eingeführt. Das Experiment stellt die bis dato gängige Annahme, dass Domestikation ein langer Prozess über Jahrhunderte ist, mächtig in Frage. Denn es zeigt, es kann auch extrem schnell gehen, wenn eben die genetischen Voraussetzungen stimmen. Okay, das heißt also die Faktoren, die du eingangs aufgezählt hast, je mehr die zutreffen, desto schneller kann das funktionieren, finde ich wahnsinnig spannend. Und da kann ich mir vorstellen, das könnte doch den einen oder anderen auf die Idee bringen, es mit neuen Tierarten zu versuchen. Meinst du, wir werden in Zukunft neue Tiere domestizieren? Vielleicht fangen wir wirklich mit dem Fuchs an?

Sehr wahrscheinlich nicht. Das war auch so die Meinung unter den Experten, die ich für meinen Artikel herangezogen habe. Zumindest fehlt uns der praktische Nutzen, der unsere Vorfahren dazu motiviert hat. Heute ersetzen Technologie und Maschinen viele Aufgaben, die früher Tiere übernommen haben. Und die Zoologie kennt überdies auch kaum Arten, die wirklich geeignet werden. Also eine Ära, die wirklich abgeschlossen ist? Ja, sagt niemals nie, aber ich denke schon, wir haben Tiere domestiziert, die zu uns passen und die anderen, die wir bisher nicht gebraucht haben, sollten wir doch einfach wild bleiben lassen und schützen, oder? Ja, also das sehe ich auch so. Vielen Dank, Thomas, für diesen faszinierenden Einblick in die Welt der unzähmbaren Widerspenstigen. Sehr gerne, mir war es wie immer auch ein Vergnügen. Damit verabschieden wir uns für heute. Wenn euch die Folge gefallen hat, lasst uns gerne ein paar Sternchen da. Wie gesagt, das Foto von mir mit dem Bären im Kübelwagen gibt es auf der PM Homepage. Den Link findet ihr in den Shownotes. Wer Lust auf noch mehr Wissenschaft hat, kann PM oder das Schneller Schlau Magazin am Kiosk kaufen oder abonnieren. Ich sage Tschüss, bis zum nächsten Mal, bleibt neugierig und unzähmbar. Schneller Schlau, der kurze Wissens-Podcast von PM.