Es gibt Themen, die eignen sich vortrefflich zum Polarisieren. Botox ist eines davon. Die berühmte Injektion gegen Stirnrunzeln und Krähenfüße stellte 2025 den häufigsten Schönheitseingriff überhaupt in Deutschland dar. Wenig bekannt dagegen ist, dass Botox gleichzeitig ein Medikament ist, zum Beispiel gegen Muskelkrämpfe, gegen Schmerzen und vielleicht sogar gegen Depressionen. Wie das mit den Schönheitsspritzen zusammenhängt, darüber spreche ich heute mit der Ärztin und PM-Medizinjournalistin Astrid Viziano. Hallo Astrid, herzlich willkommen bei uns. Hallo Andreas, freut mich, dass ich heute dabei sein darf. Astrid, lass uns ganz vorne anfangen. Erklär uns doch mal, was ist Botox eigentlich? Ja, das ist eigentlich ziemlich überraschend, weil Botox ist eigentlich ein Nervengift. Und zwar ein ziemlich gefährliches Nervengift, eines der gefährlichsten überhaupt, die man kennt. Und man weiß eben auch inzwischen, dass wenige Mikrogramm, also eine winzige Menge ausreichen würde, um einen Menschen tatsächlich umzubringen. Okay.
Ja, und man hat sogar mal ausgerechnet, wie viel man davon bräuchte, um die gesamte Weltbevölkerung auszurotten. Und zwar ungefähr 20 Gramm ungefähr. 20 Gramm, wow, das ist eine Zahl, die man erstmal sacken lassen muss. Und trotzdem, dieses Gift, das so wahnsinnig giftig ist, wird Patienten tausendfach gespritzt. Wie geht das zusammen? Ja, das ist ja erstmal ziemlich widersprüchlich eigentlich, wenn man sich überlegt, ein Nervengift in der Medizin einzusetzen. Der scheint ja erstmal ein bisschen verrückt, zumal es eigentlich über viele, viele Jahre, jahrzehntelang... Gar nicht irgendwie als Therapie bekannt war, sondern eben als Auslöser einer Lebensmittelvergiftung, die eben zum Teil lebensgefährlich war. Das kam vor allen Dingen vor, wenn Leute selbst Konserven hergestellt haben. Weil man haben dann diese Konserven eben luftdicht oder möglichst luftdicht verpackt. Sprich, es kam ganz wenig Sauerstoff an diese Konserven natürlich heran. Und es gibt eben bestimmte Bakterien, die mögen das. Die können besonders gut in so sauerstoffarmer Umgebungen gedeihen. Und eines dieser Bakterien eben, das da besonders gut gedeiht, besonders gut sich vermehrt, ist das sogenannte Bakterium, das sogenannte Clostridium botulinum.
Das heißt, dieses Bakterium ist dann in diesen Konserven, in den selbstgemachten Konserven, hat sich dann eben kräftig vermehrt und hat eben angefangen, dieses Nervengift, das Botulinumtoxin, zu produzieren. Und das führte eben dann, wenn die Leute diese Konserven gegessen haben, tatsächlich zu zum Teil lebensgefährlichen Lebensmittelvergiftungen. Und kurioserweise wurde deswegen auch das Botulinumtoxin damals auch als Wurstgift bezeichnet, weil diese Vergiftung vor allem eben auch bei Fleischkonserven vorkam. Und erst viel später, also in den so 1970er Jahren ungefähr.
Fanden Mediziner, fanden Forscher heraus, dass dieses Nervengift, das ja so gefährlich ist, tatsächlich, wenn man es ganz stark verdünnt, für die Medizin interessant sein kann. Ich glaube, das wird viele überraschen. Denn es hält sich ja auch hartnäckig die Meinung, Botox sei Schlangengift. Was übrigens daran liegt, dass manche Kosmetikfirmen damit werben, Schlangengift einzusetzen, um eben auch Falten zu mindern. Und da denken die Leute, das sei Botox. Aber Botox ist eben etwas völlig anderes. Jetzt sag doch mal, was macht Botox im Körper, dass es medizinisch so wahnsinnig interessant ist? Ja, die Mediziner haben eben vor ein paar Jahrzehnten, eben so in den 1970er Jahren festgestellt, dass das Botulin und Toxin in die Übertragung bestimmter Signale eingreift. Das heißt, normalerweise hat man Übertragung, wenn man eine Muskelbewegung ausführen will, dann wird das Signal sozusagen vom Nerven, von Nervenendigungen zur Muskelzelle übertragen. Da wird gesagt, hey, kontrahier dich jetzt bitte, zieh dich zusammen, damit eben die Muskelbewegung ausgeführt werden soll.
Und dafür muss eben von der Nervenendigung zur Muskelzelle, muss diese Nachricht überbracht werden. Und derjenige, der diese Nachricht überbringt, ist ein Botenstoff, der da heißt Acetylcholin. Und dieses Acetylcholin braucht ein bestimmtes Eiweiß, um diese Botschaft übertragen zu können. Und was Botulinumtoxin macht, was dieses Gift macht, ist, dass es dieses Eiweiß, was dafür nötig ist, um die Botschaft zu überbringen, dass es dieses Eiweiß zerstört. Das bedeutet, diese Signalübertragung zwischen Nervenennigung und Muskel kann nicht stattfinden. Und der Muskel, statt sich zusammenzuziehen, statt in Bewegung zu geraten, entspannt sich, wird also für eine Zeit lang gelähmt. Okay, das ist ja genau dieser Effekt, den man sich bei den Falten zunutze macht. Die Muskeln entspannen sich und die Haut darüber wird schön glatt. Manchmal zu glatt, finde ich, aber das ist ja Geschmackssache. Jedenfalls haben die Mediziner das ja wohl nur zufällig entdeckt. Als sie Patienten mit, ich glaube, Kliebkrämpfen behandeln wollten.
Und dann ist aus dieser Nebenwirkung eine boomende Schönheitsbehandlung fast schon eine Schönheitsindustrie geworden. Ja genau, also das war ein riesiger Boom dann natürlich. Viele Filamentenwischen wollten plötzlich ihre Falten glätten. Aber tatsächlich haben trotzdem auch Ärzte und Ärztinnen diese anderen Ziele weiter verfolgt. Nämlich das Botulimintoxin eben gezielt bei bestimmten Erkrankungen einzusetzen. Natürlich kann man sich ja vorstellen, wenn das Botylemetoxin Muskeln entspannt. Ist es natürlich besonders interessant bei Erkrankungen, bei denen Muskelkrämpfe auftreten. Da gibt es ja nicht zu wenige von. Genau, da gibt es viele verschiedene Erkrankungen und das klingt vielleicht erst mal harmlos, aber es ist tatsächlich wirklich für die Patienten, die haben einen enormen Leidensdruck. Also ich habe zum Beispiel mit einem Patienten gesprochen, der litt an einem sogenannten Schiefhals.
Das nennt man cervikale Dystonie, was nichts anderes heißt, als dass sein Hals, plötzlich, das trat plötzlich bei ihm auf, auch völlig unklarer Ursichtsache, wie bei vielen dieser Patienten, dass ich plötzlich seinen Kopf, wie von Geisterhand, ganz extrem nach links bewegte. Das heißt, die Halsmuskulatur völlig verkrampfte und der Kopf in dieser Position dann auch verharrte. Und er musste enorm viel Kraft aufwenden, um diesen Kopf wieder in eine normale Position zu bringen, was natürlich auch enorm anstrengend ist, das kann man nicht den ganzen Tag machen. Wie zum ersten Mal. Und es ist eben auch sehr schmerzhaft bei manchen Patienten und bei diesen Patienten eben kann Botulinumtoxin eben gut helfen, das ist tatsächlich auch bei dieser Erkrankung die Therapie der Wahl, es gibt wenig anderes, was diesen Patienten helfen kann und tatsächlich auch diesem Patienten, mit dem ich gesprochen habe, der fürchtete schon, dass er seinen Beruf aufgeben muss, er war Projektleiter und dachte schon, er kann gar nicht mehr seinen Beruf richtig ausüben, weil er eben ständig diese starken, also teilweise schmerzhaften Krämpfe hatte.
Und der konnte tatsächlich nach so einer Botox-Behandlung seinem Beruf wieder normal nachgehen. Das heißt, wenn ich dich richtig verstehe, löst dieses Botulinum-Toxin Krämpfe. Und jetzt habe ich aber auch mal gehört, dass Botox sogar Menschen helfen kann, die plötzlich ihre Stimme verlieren. Wie geht das denn? Ja, das fand ich auch erstaunlich. Das konnte ich mir auch zunächst eigentlich nicht erklären. Was hat das denn mit der Stimme zu tun? Und sprach dann auch mit einer Patientin, die ganz großen Leidensdruck auch hatte. die hatte vor 20 Jahren plötzlich ihre Stimme verloren. Konnte nur noch flüstern oder so ganz gepresst sprechen und das war auch für sie wirklich ein Problem, weil sie hat als Verkäuferin gearbeitet und eine Hauptaufgabe ihrer Tätigkeit war, ihre Kunden zu beraten. Und das konnte sie natürlich nicht mehr machen, weil sie konnte ja nicht mehr sprechen oder kaum noch sprechen, war dabei ja auch sehr angestrengt und auch hat sie sich aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zurückgezogen, weil sie konnte ja nicht mehr kommunizieren, sie konnte, wenn sie irgendwo eingeladen war zum Kaffee oder wie auch immer, sie konnte sich nicht unterhalten. Das war wirklich eine ganz schlimme Situation für sie.
Und sie hört eben dann, nachdem sie vieles versucht hatte von Lokopädie und andere Therapieansätze und es alles nichts gebracht hat, hörte sie davon, dass unter anderem das Uniklinikum in Jena Botox-Therapien für diese Stimm-Lippen-Krämpfe anbietet. Nämlich tatsächlich, wie ich dann gelernt habe, sind diese Stimmlippenkrämpfe, also das, was zum Verlust der Stimme gehört, eben tatsächlich muskulär bedingt. Das heißt, die Kehlkopfmuskulatur, die eben ganz wichtig ist, um die Stimmlippen eben zu schließen oder zu öffnen und damit eben die sozusagen zu sprechen, die sozusagen da zu kommunizieren, die verkrampfen sich. Okay, jetzt ist es ja so, dass auch in dem Fall wieder Botox, wieder Krämpfe löst und die Muskeln im Kehlkopf sich entspannen.
Jetzt weiß man ja von diesen ganzen Schönheitsbehandlungen, dass es mit einer Spritze in der Regel nicht getan ist. Also jeder, der auch seine Falten- und Krähenfüße loswerden will, der muss ja so alle drei bis sechs Monate wieder zum Arzt. Woran liegt das denn? Ja, tatsächlich ist es so, ich hatte ja vorhin erklärt, dass diese Signalübertragung unterbrochen ist zwischen der Nervenernigung oder Muskelzelle, was eben zu der Entspannung der Muskulatur, der Lähmung der Muskulatur und eben dann auch zur Glättung der Falten jetzt im Falle der Schönheitsindustrie führt. Und dass eben ein bestimmtes Eiweiß zerstört wird, was eigentlich für diese Signalübertragung nötig ist. Nun aber ist unser Körper natürlich bemüht, wenn bestimmte Substanzen im Körper zerstört sind, die der Körper aber eigentlich braucht, dass er das wieder repariert bzw. Neu herstellt. Und genau das passiert dann auch bei diesem Eiweiß, was so nötig ist für die Signalübertragung. Das wird dann vom Körper wieder hergestellt und damit kann die Signalübertragung wieder stattfinden zwischen Nervenernigung und Muskelzelle. Das heißt, der Muskel kann sich wieder bewegen und eben bei diesen Patienten auch wieder verkrampfen. Das heißt, die Symptome treten wieder auf nach drei bis sechs Monaten.
Und deswegen müssen diese Patienten eben auch langfristig über viele Jahre therapiert werden. Was ich besonders spannend finde, ist ja, dass dieses Botulinumtoxin offenbar auch bei Schmerzen hilft. Liegt das jetzt auch daran, dass sich Muskelkrämpfe lösen? Das ist zum Teil sicher so, dass die Krämpfe, wenn die Krämpfe sich lösen, die sind ja oft schmerzhaft, diese Krämpfe. kann man sich vorstellen, dass eben, wenn das Botoxin anfängt zu wirken, die Krämpfe lösen sich, die Schmerzen lassen nach.
Aber tatsächlich wurde inzwischen in Studien eben unter anderem von einer französischen Neurologin festgestellt, dass dieser schmerzlösende Effekt eben viel früher schon eintritt. Normalerweise dauert es nämlich bei Botox so ein paar Tage, bis diese Wirkung tatsächlich eintritt, bis die Krämpfe sich lösen. Und sie hat eben beobachtet, dass bei den Patienten, die sie behandelt hat, die Schmerzen viel früher schon nachlassen. Also eigentlich konnte das nicht direkt an dieser krampflösenden Wirkung liegen.
Und daraufhin begann sie eben auch und begannen auch andere Mediziner, eben mehr und mehr auch Botox bei anderen Schmerzerkrankungen einzusetzen. Wie Migräne zum Beispiel. Ich habe einen Freund in den USA, der nimmt Botox, um neuen Anfällen vorzubeugen. Sag mal, für welche Migräne-Patienten kommen denn solche Spritzen infrage? Ja, tatsächlich gibt es inzwischen auch eine Empfehlung von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Die hat nämlich in ihren Therapieleitlinien empfohlen, dass man Botox einsetzt, wenn die klassischen Migräne-Medikamente nicht genug helfen. Und hat das eben auch sozusagen anhand von zwei großen Studien begründet mit insgesamt 1300 Patienten. Das waren schwerstkranke Migräne-Patienten. Da muss ich vorstellen, die hatten mindestens 15 Tage im Monat Migräne-Anfälle und zwar schwere Migräne-Anfälle. Das heißt, das sind Patienten, die müssen dann mehr als die Hälfte des Monats mindestens den Tag über in einem abgedunkelten Raum verbringen, sind geräuschempfindlich, können keine Geräusche ertragen, können eigentlich nichts machen, sondern nur abwarten, bis ihre schweren Fälle vorbeigehen. Und für diese Patienten, bei denen die klassischen Medikamente nicht helfen, da kann eben Botox zum Einsatz kommen. Und man hat eben schon in diesen Studien feststellen können.
Dass zum einen diese Patienten dann weniger Anfälle pro Monat haben und auch, dass diese Anfälle eben auch weniger schwer ausfallen. Das sind ja jetzt schon richtig konkrete Therapieempfehlungen. Gibt es denn noch andere Schmerzerkrankungen, bei denen Botox zum Einsatz kommen könnte? Wird da noch was anderes erprobt? Denn es scheint ja so ein richtiges Allround-Mittel zu sein. Ja, inzwischen tatsächlich, gerade in Richtung Schmerz, versucht man noch andere Erkrankungen zu therapieren. Ein ganz wichtiger Bereich sind die Nervenschädigungen, also die sogenannten Neuropathien. Das kennt man einerseits von Patienten, die Typ-2-Diabetes haben, bei denen eben durch diesen über längere Zeit hohen Blutzuckerspiegel die Nerven geschädigt werden und das zu Schmerzen führt. Aber man kennt es auch von der sogenannten Herpes-Zoster-Infektion, das ist die Gürtelrose, die glaube ich auch viele unter den Namen schon kennen.
An denen vor allen Dingen ältere Menschen erkranken oder auch Menschen, die eine Immunschwäche haben, die im Kindesalter eine Windpocken-Infektion hatten. Und dann bricht das in Form einer Gürtelrose eben im höheren Alter oder bei einer Immunschwäche wieder aus. Das ist eine extrem schmerzhafte Erkrankung mit einem Ausschlag, meist so am Oberkörper, am Bauch, am Rücken. Der Ausschlag geht dann nach ein paar Monaten zurück, meist auch die Schmerzen, aber eben nicht bei allen Patienten. Und manche erkranken eben langfristig an diesen wirklich starken Schmerzen und das nennt man dann eine posttherapetische Neuralgie. Und bei diesen Patienten, die wirklich extrem geplagt sind, setzt man eben inzwischen auch Botox manchmal ein. Jetzt ist es ja so, dass Botox offensichtlich ganz stark auf die Muskeln wirkt. Also das ist ja ein Grund für diese schmerzlindernde Wirkung. Aber Gürtelrose hat ja nun beim besten Willen nichts mit Muskeln zu tun. Gibt es denn irgendeine Idee, warum Botox hier die Schmerzen lindert und das Medikament der Wahl sein könnte? Also es gibt zumindest verschiedene Theorien dazu, wie das sozusagen geschehen könnte.
Eine davon ist, dass man, das weiß man schon, dass eben bei solchen Nervenschädigungen entzündungsfördernde Stoffe ausgeschüttet werden von den Nerven. Das heißt, an diesem Ort der Nervenschädigung entsteht eine Entzündung. Und man vermutet eben, dass dieses Botulinumtoxin, wenn es gespritzt wird, dass es diese Entzündung dämpft. Das heißt, dass dadurch, durch diese verminderte Entzündung, eben die Schmerzen reduziert werden. Aber gleichzeitig gibt es auch andere Studien, das sind alles Tierstudien übrigens, nicht am Menschen, sondern das sind Tierexperimente, die darauf hindeuten, dass vielleicht auch die Weiterleitung dieses Schmerzreizes durch Botulinumtoxin gehemmt wird. Oder es könnte sogar sein, dass die Verarbeitung des Schmerzes im Gehirn verändert wird. Dass der Schmerz, den die Patienten empfinden, als weniger schlimm gewertet werden im Gehirn. Das ist alles noch im Tierversuch, also das weiß man alles noch nicht so genau. Aber in jedem Fall weiß man und ist es sicher, dass Botox bei Nervenschmerzen helfen kann.
Nur eben richtig erwiesen ist es nicht. Genau, es gibt halt einige kleine Studien, die da schon gute Hinweise drauf gezeigt haben. Aber nicht alle dieser Studien waren wirklich qualitativ hochwertig. Also ganz wichtig ist es ja eigentlich für eine Studie zu vergleichen, dass man Patienten, die behandelt werden mit einer Kontrollgruppe, also Patienten, die ein Placebo, ein Scheinmedikament bekommen oder im Vergleich zu gängigen Schmerzmedikamenten. Und nicht alle dieser Studien haben das tatsächlich so gemacht. Das heißt, da fehlen noch sozusagen große und auch hochwertige Studien, Aber immerhin gab es im letzten Jahr im Fachjournal The Lancet, also einem der großen Medizin-Fachzeitschriften, gab es die Empfehlung, tatsächlich Botox bei diesen Patienten mit diesen Nervenschädigungen einzusetzen als Medikament der dritten Wahl. Also wenn viele andere Medikamente nicht geholfen haben, ist das durchaus empfohlen. Und man kann eben inzwischen auch sehen, anhand verschiedener Studien, dass besonders solche Patienten davon profitieren, die diese Schmerzen so wie so elektrische Schläge erleben.
Oder auch Patienten, das ist auch besonders schlimm, habe ich auch mit einer Patientin gesprochen, die erlebte es, wenn irgendein Stoff, also die Kleidung, diesen Bereich, diesen von der Gürtelrose betroffenen Bereich berührte, dann brannte das wie Feuer. Also die konnte gar keine normale Kleidung tragen. Also eigentlich war ihr ganzes Leben unmöglich gemacht. Sie konnte nicht schlafen, sie konnte eigentlich auch kaum aus dem Haus gehen und litt eben da enorm unter diesen auch brennenden Schmerzen. Und gerade diese Patienten können eben von dieser Botox-Behandlung offensichtlich profitieren. Wenn ich mir vorstelle, die können ja wahrscheinlich kaum schlafen. Aber wenn Spritzen da helfen, dann bringt das den Betroffenen natürlich eine Wahnsinnserleichterung und Lebensfreude zurück. Jetzt hattest du mir vor der Folge noch von einer anderen Krankheit erzählt, wo Botox eingesetzt wird, beziehungsweise wo man das erforscht, nämlich Depressionen. Und da sind wir jetzt ja in einem ganz anderen Bereich. Da geht es nicht um Krämpfe, da geht es nicht um Schmerzen. Wie funktioniert Botox oder könnte Botox bei Depressionen funktionieren? Ja, das ist tatsächlich, finde ich, recht spannend. Also das versuchen Psychiater jetzt schon seit ein paar Jahren, dass sie eben versuchen herauszufinden, ob tatsächlich Patienten mit Depressionen davon profitieren.
Ihre Depression davon gelindert wird. Und zwar ist da der Gedanke dahinter, dass sie versuchen mit diesen Botox-Injektionen in die Stirn, also praktisch über der Nasenwurzel und über den Augenbrauen. Okay, also wieder so ähnlich wie bei der Schönheitsbehandlung. Ja, genau, eigentlich ganz ähnlich, genau. Genau, dass man eben da durch diese Injektion diese Muskeln dann logischerweise lähmt. Das heißt, man kann die Stirn, man kennt ja so die Zornes oder Sorgenfalte, können ja viele von uns, dass man eben diese negativen Emotionen wie eben Zorn, Sorgen, Missbilligung, Traurigkeit vielleicht auch nicht so gut ausdrücken kann, weil man eben diese Muskeln ja nicht mehr bewegen kann. Die sind ja durch Botox gelähmt. Und die Idee dahinter ist eben, dass man dadurch, dass man diese Emotionen nicht mehr ausdrücken kann, diese Gefühle auch nicht so intensiv erlebt werden und dadurch eben die Depressionen gelindert werden. Also auf diesen Zusammenhang wäre ich nie gekommen. Gibt es denn dafür schon handfeste Belege oder ist das auch wieder nur eine Theorie?
Also hier ist man tatsächlich noch relativ, ja, es sind die Belege noch recht dünn, würde ich sagen. Es gibt kleine Studien, aber die Studien sind zum Teil von der Pharmaindustrie selbst finanziert. Oder man kann auch sehen, dass bei anderen Studien manche Studienautoren zumindest Honorare von diesen Pharmafirmen erhalten haben. Hier gibt es erste Hinweise, würde ich sagen, dass es einen Effekt geben könnte. Aber da braucht man auf jeden Fall noch viel mehr Studien, um das zu untermauern. Das ist wirklich ein interessanter Ansatz, würde ich sagen, aber dass es in irgendeiner Weise belegt wird, könnte man nicht sagen.
Trotzdem, Botox scheint ja ein richtiges Multifunktionsgift zu sein, entkrampft Muskeln, lindert Schmerzen, verhindert Migräne und hilft vielleicht sogar bei Depressionen. Hätte wohl niemand erwartet. Für mich jedenfalls hat Botox auf einmal ein ganz anderes Image bekommen. Ja, absolut. Es ist ja ein hochgefährliches Gift, wie gesagt, aber eben auch erstaunlich vielseitig, kann in so vielen Bereichen der Medizin inzwischen eingesetzt werden. Und es ist eben auch so ein Extrembeispiel, dass man einerseits dieses hochgefährliche Gift hat, aber andererseits eben auch ein Heilmittel. Und man kann eben sehen, wie dicht so ein Gift und ein Heilmittel manchmal nebeneinander liegen können. Liebe Astrid, ganz, ganz herzlichen Dank, dass du bei uns warst. Das war wahnsinnig spannend. Vielen Dank, dass ich dabei sein durfte. War mir ein Vergnügen. Damit verabschieden wir uns für heute bei Schneller Schlau bis zur nächsten Folge. Wer es noch nicht gehört hat, PM ist seit kurzem stolzer Partner des Science Slam, wo Wissenschaftler ähnlich faszinierende Themen wie Botox auf der Bühne präsentieren. Alle Daten zu den Veranstaltungen findet ihr in unseren Shownotes. Ansonsten freuen wir uns über viele Sternchen. Ich sage Tschüss, bleibt neugierig und faltenfrei. Schneller Schlau Der kurze Wissens-Podcast von PM.