Legenden wie diese erzählt man sich Land aus, Land ein. Im 13. Jahrhundert hauste in Tirol ein gar grauseliges Untier, ein Drache. Doch zum Glück machte sich ein Riese auf den Weg, um den Drachen zu töten und als Beweis für seine Helden tat, schnitt er ihm die Zunge heraus.

Und diese Zunge führt am Ende zum Einsturz eines Klosters. Schuld war jedoch nicht der Drache, sondern ausgerechnet der Abt des Klosters. Doch dazu später. Woher kommt der Glaube an Drachen? Und warum wurden Drachen nicht überall gefürchtet? Ihr hört eine feurige Folge Schneller Schlau, dem Wissens-Podcast von PM. Ich bin Anne Baum und mein heutiger Gast ist der tapfer recherchierende Journalist Birk Grüling. Birk, sag doch mal gleich, seit wann glaubt man an Drachen? Hallo, erstmal danke für die Einladung. Ich habe wirklich lange recherchiert und sehr tapfer und bin ganz vielen Drachen begegnet. Und so geht es auch den Menschen in der Weltgeschichte. Und zwar ist eigentlich der Drache keine Erfindung, wie man denken könnte, des Mittelalters, sondern Drachen sind die ältesten Mythen der Menschheit. Und zwar gibt es drachenähnliche Wesen seit ungefähr 6000 Jahren und die wurden sogar auf diesen Rollsiegeln aus der Uruk-Zeit gefunden. Also die alten Sumerer kannten das und es gab es wirklich auf der ganzen Welt über den Nahen Osten, Europa, China und sogar in Regionen wie Polynesien oder Hawaii.

Wo es auch nie irgendwie Großreptilien oder sowas gab. Drachen sind also richtig Multikulti. Weiß man denn, woher der Mythos über die Drachen seinen Ursprung hat? Forschende haben eine phylogenetische Rekonstruktion durchgeführt. Das ist so eine Methode aus der Evolutionsbiologie, um Abstammungen zu klären. Und dabei haben sie 69 Motive aus 23 verschiedenen Gruppen untersucht. Und siehe da, der Drachenmythos scheint einen Ursprung zu haben im südlichen Afrika und verbreitete sich dann durch Wanderbewegungen der Menschheit über das ganze Welt. Die ganze Welt. Also eine Art Urgeschichte, die mit den Menschen auf Wanderschaft ging. Gibt es denn wiederkehrende Grundelemente dieser Geschichte, die überall auftauchen? Total. Und zwar natürlich den Held, den wir kennen, der dann gegen den Drachen ankämpft. Und das ist sozusagen eins der wichtigsten Grundelemente vieler Mythen. Und oft erzeugen auch die Götter dann sozusagen eine Generation von Mensch, Monstern, Riesen, Drachen. Und die müssen eben bekämpft werden, um um vielleicht die Erde bewohnbarer zu machen. Und übrigens ist oft das Blut der Drachen auch so ein bisschen gut, um die Erde wieder fruchtbar zu machen. Das ist auch so ein Kernelement.

Und wie kam man auf den Drachen? Da gibt es so ein paar verrückte Theorien. Zum Beispiel könnte es sein, dass einfach Menschen, ohne es zu wissen, auf versteinerte Knochen gestoßen sind. Und die konnten einfach keinem lebenden Tier zugeordnet werden. Und dann könnte man, ja, kann man einfach sagen, okay, das muss vielleicht sowas wie ein Drache sein, dann spinnt man sich das zusammen. Und tatsächlich haben Paläontologinnen untersucht, wo Fossilienfunde den Drachenglauben beeinflusst haben könnten. Und zum Beispiel gibt es in Klagenfurt am Wörthersee eine Legende vom Lindwurm.

Und dort wurde ein Schädelknochen eines Drachen untersucht. Und da stellte sich heraus, dass es einfach einem eiszeitlichen Wollnashorn gehört hat. Also nicht ganz Drache. Nicht ganz Drache, aber auch mit einem ziemlich gewaltigen Schädel. Und ich kann mir vorstellen, dass mit weniger Wissen und mehr Fantasie daraus sozusagen die Vorstellung eines Urzeitmonsters geformt wurde. Also ich finde, das ist eine durchaus plausible Erklärung.

Ja, das könnte auf jeden Fall so gewesen sein. Vielleicht ist es aber doch ein bisschen komplizierter. Und die Menschen hatten nämlich schon Drachenvorstellungen, bevor sie auf diese Saurierknochen gestoßen sind. Wahrscheinlich ist es so, dass sie... Erst die Geschichten im Kopf hatten und dass sie erzählt wurden und dann wurden dazu die Knochen gefunden. Und das war dann sozusagen der Beweis für die Geschichte, die man sich erzählt. Eine andere Theorie, die mir in den Sinn kommt, in der Evolutionsforschung gibt es Versuche mit sechs Jahre alten Babys. Und zwar reagieren die auf Bilder von Spinnen und Schlangen, ohne gelernt zu haben, dass sie gefährlich sind. Die Angst vor Ungetieren scheint also auch in unseren Genen verankert zu sein und vielleicht ja auch die Angst vor Drachen oder drachenähnlichen Wesen. Das ist tatsächlich auch eine relativ plausible Erklärung, habe ich auch schon öfter gelesen. Tatsächlich passt dazu, dass die ältesten Drachen der Mythologie so ein bisschen Riesenschlangen ähnlich sind. Also aus Mesopotamien stammen die. Das sind dann so schlangenförmige Gottheiten wie Tiamat oder Moschuchu. Das Drachen als Wort leitet sich im Griechischen auch von Drakon ab und das bedeutet auch sowas wie eine große Schlange. Und man sieht es auch, die Drachen haben irgendwie alle was mit Schlangen zu tun und sehen so ein bisschen auch...

So ein bisschen so aus, auch mit dem langen Schwanz und dem schuppigen Körper. Wie die Menschen damals Drachen sahen, zeigt zum Beispiel auch der Aufsatz von Isodor von Sevilla. Der war ein Bischof und Gelehrter des Frühmittelalters. Und ich lese mal die Stelle vor. Die lautet wie folgend. Der Drache ist die Größte unter den Schlangen, wenn nicht gar unter allen Landtieren. Nicht einmal der Elefant mit seinem mächtigen Körper ist vor ihm sicher. Denn sich bei allen Wasserstellen versteckend, welche die Elefanten gewöhnlich aufsuchen, verknotet er dessen Beine und tötet sie durch Ersticken. Ein wahres Ungeheuer, diese schlangenartigen Drachen. Was ich noch ganz spannend finde, ist auch der Drache ist nicht nur so ein Tier der Unterwelt, sondern es repräsentiert auch die Elemente. Er kriecht auf der Erde, er fliegt durch die Luft, er speit Feuer und kann auch im Wasser schwimmen. Und damit ist er sozusagen, verkörpert die Natur des Ganzen und damit auch des Unkontrollierbaren. Und im Mittelalter kommt dann sozusagen noch ein anderes Aussehen hinzu. Und da habe ich so einen schönen Begriff gelesen, dass die Drachen so ein All-in-One-Tier sind. Also man kombiniert sozusagen Merkmale von Tieren, die einem gefährlich werden können. Also Löwen, Krokodile, Schlangen, Adler und der Drache vereint all diese Urängste aus der Tierwelt.

Hat, was sehr Bedrohliches. Und Birk, an der Stelle müssen wir jetzt endlich über den Charakter von den Drachen sprechen. In Europa gelten Drachen als böse Monster, die bekämpft werden müssen. In Asien dagegen werden sie auch als weise und gütig verehrt. Wie kann das sein? Total toll eigentlich. Also wirklich tolle Unterschiede. In Asien oder in China symbolisiert der Drache Long eine königliche Macht und wird als Glücksbringer betrachtet. Er steht für Fruchtbarkeit und ist sogar so eine Art Wettergott. Noch heute glauben viele Menschen in Ostasien an Drachen. Und es soll sogar einen Priester in Japan geben, der täglich an einem Drachenschrein betet, um die Gemeinde vor Naturkatastrophen zu schützen. Und er glaubt, dass in einer nahen Höhle auch ein Drache lebt. Finde ich schön. Ich auch. In Europa wäre das vor allen Dingen damals undenkbar gewesen, weil hier wurden ja eher die Drachentöter wie St. Michael oder eben Hagen aus den Nibelungen verehrt. Genau. Im Christentum, die sind nicht so tierfreundlich, da wurde der Drache zum Symbol des Bösen schlechthin. Der ist auch so eine Verkörperung des Teufels und ja, im Vaterunser heißt es Erlösungs vom Bösen und der Drache ist eben dieses Böse, das überwunden werden muss.

Der Drache taucht dann auch irgendwie in verschiedenen Gestalten aus und die eben so ein bisschen für den Teufel stehen und angegriffen werden dann auch Ritter, Heilige oder eben die Jungfrauen. Genau, und das ist eben so ein bisschen, der Drache als Bösewicht wird dann auch erschlagen und damit auch der Teufel besiegt und auch seine Versuchung. Und wie die Drachen vernichtet werden, kennen wir aus den hellen Geschichten, meistens mit Schwert und Lanze. Genau, und dann gab es aber, der Thomas von Camperier nennt am Ende seiner Ausführung aber noch eine sehr ausgeklügelte Methode, um sowas zu töten. Er hat zum Beispiel ein ausgeweitetes Kalb mit Kalksteinen gefüllt und wenn der Drache dann trinkt, dann wird das alles aufgesaugt und er verdurstet. Herr Beck, wir reden jetzt die ganze Zeit über Drachen und es klingt ja so, als hätte man damals ernsthaft an Drachen geglaubt. Das ist so ein bisschen wie in unserer Episode über die Einhörner.

Bis in die Neuzeit tauchen in wissenschaftlichen Enzyklopädien eben auch Drachen auf, fast wie so Pädagogik. Real existierende Tiere. Und als Draco werden sie auch in den antiken Schriften als Teil der irdischen Fauna ganz normal beschrieben. Es gibt Reiseberichte, die behaupten, im fernen Osten gibt es dann Drachen. Und auch Hildegard von Bingen greift in ihren medizinischen Texten Drachen auf. Also man scheint wirklich da fest dran geglaubt zu haben, auch wenn man die nicht gesehen hat. Weil ich es so spannend finde, ich habe nochmal die Stelle von Hildegard von Bingen rausgesucht. Und zwar schrieb sie folgendes, wenn ein Mensch einen Stein in sich träft, soll er Drachenblut nehmen und es an einen feuchten Platz bringen, danach in reinem klaren Wasser eine knappe Stunde lassen, damit das Wasser von seiner Wärme annimmt. Wichtig an der Stelle vor allen Dingen, unverdünntes Drachenblut soll man niemals trinken, man würde daran sterben. Also es scheint so, als wären Drachen nicht nur verpönt gewesen, sondern als wären sie auch bis zu einem gewissen Grad zumindest nützlich, wie Hildegard von Bingen schrieb.

Und das eine oder andere Rittergeschlecht ließ ja auch einen Drachen auf seinen Wimpel drucken. Also es war anscheinend kein absolutes No-Go, sich auch mit dem teuflischen Tier zu zeigen. Genau, also im späten Mittelalter wird der Drache sogar zu so einem niedlichen Kuscheltier, so ein bisschen wie bei Drachenzähmen, leicht gemacht. Es gibt dann sogar Darstellungen der Mutter Gottes oder Heiligen Anne, einer, die wirklich dann anfängt mit so einem kleinen Drachen zu spielen und zu tanzen, das ist irgendwie auch ganz.

Süß. Und genau, dann gab es ja auch noch 1804 so japanische Bauern, der hat ein Bauer einen seltsamen Knochen gefunden und die als Drachenknochen identifiziert und hat sogar einen Schrein zu seinen Ehren gebaut. Und viele Jahre später hat dann ein Paläontologe festgestellt, das ist ein ausgestorbener Elefant. Das ist ein bisschen Spielverderber. Manchmal muss man den Leuten auch ihren Glauben halten. Ja, ich finde ja die Vorstellung von Drachen sehr spannend, dass sie hier rumfliegen. Aber sag mal, Birg, es gibt eine Frage, die mir die ganze Zeit auf der Seele brennt. Und zwar könnten Drachen theoretisch wirklich Feuer speien, also rein biologisch betrachtet?

Das ist eine sehr interessante Frage, die mir mein Kind auch schon mal gestellt hat. Also theoretisch sind die notwendigen Komponenten in der Natur vorhanden. Es gibt auch... Tiere, wie den Bombardierkäfer, der die explosive chemische Reaktion erzeugt, wenn der runtergeschluckt wird, dann pupst der ganz heiß und der Frost spuckt ihn wieder aus. Also theoretisch könnte auch ein Tier eine ähnliche Mechanik entwickeln, aber die Evolution hat einfach diesen Weg nicht eingeschlagen, weil es sehr energieaufwendig ist und gefährlich auch für das Tier selber. Und bei dem Käfer kommt es auch aus dem Hintern raus. Also von daher vielleicht wäre das für einen feuerspeinten Drachen eher komisch. Also deswegen haben wir keine feuerspeinten Haustiere. Okay, wobei so ein feuerspeintender Drache, der wäre schon echt spektakulär.

Genau, und wir Drachen sind ja jetzt auch richtige Leinwandstars geworden. Total, also Game of Thrones, da haben oder der Hobbit oder Drachen ziemlich leicht gemacht. Drachen gibt es irgendwie von jedem Alter, also für große und kleine Fans. Und die sind auch jetzt bei Weitem nicht immer nur Monster, sondern wirklich auch komplexe Charaktere. Sie werden dargestellt als Freunde. Manchmal kämpfen sie sogar an der Seite von Menschen oder sie werden auch beherrscht.

Es ist irgendwie vom absoluten Monster zu so einem vielschichtigen Wesen geworden und eher zu einem Tier als zum Schicksal. Bösewicht. Wobei ich es total interessant finde, warum wir heute noch fasziniert sind von Drachen. Und ich habe tatsächlich auch das Gemälde eines Drachens über meinen Sofa aufgehängt. Ja, warum begeistern uns denn diese Fabelwesen noch immer so? Ich glaube, das vereint einfach viele Elemente. Also sowas wie Gefahr und Größe, Weisheit, aber auch sozusagen das Unbekannte und so. Und sie sind auch so eine ultimative Herausforderung für die Helden. Also ja, man ist dann losgezogen und hat den Drachen besiegt. Und das ist auch so ein Symbol für die Elemente und die ungezähmte Natur. Da ist alles repräsentiert. Und man hat auch so einen, ja, vielleicht auch den inneren Drachen mit Ängsten und Herausforderungen, die wir überwinden müssen. Und genau, da gibt es ganz viele verschiedene Erklärungen, auch als Verkörperung des Bösen oder des Chaos, der körpergöttlichen Macht. Oder vielleicht einfach als Freund, weil man es gut findet. Was ist denn bei dir die Erklärung? Oh Gott, ich weiß gar nicht, ob ich so eine richtige Erklärung habe.

Ich mag einfach, glaube ich, Abbilder von Drachen und habe mir sozusagen das Gemälde eines europäischen Haustrachens gemalt. Genau, aber es ist ja schön, dass die Faszination sich gehalten hat.

Und ja, Birk, ganz zu Anfang hatte ich ja von dem Tiroler Drachen erzählt, der getötet wurde. Erzähl uns doch nochmal die Geschichte dahinter, vor allen Dingen, wie das Kloster einstürzte. Genau. In Österreich gab es um 1240 diesen Mythos des Riesen Aimon, der angeblich einen Drachen getötet hatte. Und die Drachenzunge wurde als Relikt in diesem Kloster dann aufbewahrt. In Wahrheit war es einfach die Nase eines Schwertfisches. Und der Abt hat aber sogar Ausgrabungen angeordnet, um die Spuren nach dem Kampf zu finden. Und hat er was gefunden? Ja, nicht so richtig. Das führte eher dazu, dass die Kirche darunter instabil wurde und zusammengebrochen ist. Tja, hätte er mal lieber den Drachen angebetet. Ja, und das war es mit einer feurigen Folge Schneller Schlau, dem Wissenspodcast von PM. Falls ihr noch mehr Lust habt auf Wissenschaft, seid ihr herzlich eingeladen, PM oder das Schneller Schlau Magazin als E-Paper oder auch am Kiosk zu kaufen. Bleibt neugierig bis zu einer neuen Folge Schneller Schlau. Tschüss!

Schneller Schlau, der kurze Wissens-Podcast von PM.