Niemand besingt die Hummel so nett wie Max Rabe. Eine von den dicken Weichen möchte er streicheln. Mit dieser Beschreibung nähern wir uns dem heutigen Thema schon ganz gut. Denn es geht unter anderem um die Frage, warum können diese dicken, weichen Hummeln eigentlich fliegen? Ihr habt richtig gehört, das wurde ernsthaft erforscht. Ich bin Andreas Albes und unsere Expertin dazu ist PM-Autorin Katharina von Ruszkowski, Fachfrau für alles, was da draußen kreucht und fleucht, summt und brummt. Hallo Katharina. Hi Andreas, schön mal wieder da zu sein. Katharina, als du mir vorgeschlagen hast, eine Folge darüber zu machen, warum Hummeln fliegen können, war meine erste Reaktion ja sehr eindeutig. Ja, ganz genau. Du hast geantwortet, okay, das wird ein ganz, ganz kurzer Podcast. Hummeln können fliegen, weil sie Flügel haben. Genau, so war es. Und du hast mich ziemlich zügig überzeugt, dass meine Reaktion sehr vorschnell war. Ja, ganz genau, weil es ist nämlich total spannend, sich dieser Frage mal genauer zu widmen. Denn es wurde tatsächlich ernsthaft diskutiert, wie du ja auch schon gesagt hast, im Sinne von, eigentlich geht das gar nicht. Hummeln sind doch viel zu dick zum Beispiel. Body-shaming. Ja, und das hatte sogar dann Namen Hummelparadoxon und darüber gab es regelrecht einen wissenschaftlichen Disput, der halt bis heute nach. Denn Hummeln gelten ja immer noch, wenn man so überlegt, ein bisschen so als die plumpen Brummer im Gegensatz zu den ach so fleißigen Honigbienchen. Und dabei sind Hummeln für uns Menschen mindestens so wichtig wie die allseits gefeierten Bienchen und auf jeden Fall würde ich sagen mindestens so spannend. Dann lass uns doch mal schauen, warum Hummeln trotz ihrer flauschigen Fülle fliegen und warum die so super sind, wie du sagst. Beschreib uns doch mal eine Hummel. Was ist an einer Hummel charakteristisch? Ich glaube, am Anfang muss man ein klein bisschen definieren. Es gibt nicht die Hummeln. Es gibt insgesamt mehr als 30 Arten, die bei uns durch die Gegend düsen. Und die meisten sind aber wirklich, wirklich gut zu erkennen, weil sie vergleichsweise groß sind. Also im Gegensatz zu den benannten Honigbienen und weil sie vergleichsweise früh im Jahr unterwegs sind. Also schon im Februar, März. Heißt, die flauschigen Bienchen, die flauschigen Flieger, die man jetzt sieht, das sind im Wesentlichen Hummeln. Schon im Februar, März krabbelt meist die Königin aus ihrem Winterversteck. Die hat als einzige des Staates den Winter überlebt mit Frostschutzmittel im Körper und so einem Starter-Kit in ihrem Nest. Und zwar Proviant, Eier, Sperma und das reicht erstmal, um loszulegen. Okay, aber das ist ja schon mal ein großer Unterschied zu den Honigbienen. Denn bei denen überlebt ja das ganze Volk. So ist es. Bei den Hummeln überlebt wirklich nur die Königin. Und die hat jetzt folgende Aufgabe, die sucht erstmal summend nach einem Plätzchen fürs neue Nest. Also es ist Februar, März und bekanntlich noch recht kalt. Merken wir ja gerade auch. Und da kommt den Hummeln, wie übrigens allen Insekten zugute, dass sie wechselwarme Tiere sind. Heißt, sie passen ihre Körpertemperatur den Außentemperaturen an. Klar, das ist effizient, weil sie keine Energie damit verplempern, ständig ihren Körper warm zu halten. Aber die sind doch dadurch auch sehr abhängige Tiere. Wie kriegen es die Hummeln denn hin, trotz frostiger Temperaturen schon so aktiv zu sein? Das ist ein super wichtiger Punkt, Andreas. Und darüber und über vieles, vieles andere habe ich mit Anja Weidenmüller gesprochen. Das ist eine Biologin an der Universität Konstanz und ein absoluter Hummelfan und Freak. Die beschäftigten sich seit über 20 Jahren schon mit den Hummeln und sie hat mir Folgendes erzählt. Hummeln sind ja besonders auf der nördlichen Hemisphäre auch stark verbreitet. Dafür haben sie vielerlei Anpassungen und eine davon ist eben dieser dichte Pelz, der sie vor Wärmeverlust schützt. Und dass Hummeln eben diese ungewöhnliche Fähigkeit haben, aus dem Stand ihre Körpertemperatur auf fast 40 Grad zu heizen. Das können sie auch, wenn es Außentemperaturen von 3, 4, 5 Grad plus hat. Das tun sie, indem sie ihre sehr starke Fluchmuskulatur im Thorax, also im Brustkorb aktivieren und dadurch erzeugen sie Wärme. Und dadurch erzeugen die dann auch dieses typische Hummelbrummen. Man kann also sagen, die zittern sich warm. Und damit kommen wir ja zum eigentlichen Thema. Warum können Hummeln fliegen? Oder anders gefragt, wie kam man überhaupt auf die Idee, das zu erforschen? Denn dass sie fliegen können, ist ja offensichtlich. Wie kam das Thema also auf die wissenschaftliche Agenda? Also wir müssen dann einmal zurückfliegen um etwa 100 Jahre in die 30er Jahre. Vielleicht noch vorweg gesagt, es ranken sich über die folgende Geschichte, die ich erzähle, ein paar Mythen. Aber am verbreitetsten ist die folgende Version. Also irgendwann in den 1930ern sitzt der Göttinger Physiker Ludwig Prantl mit einem Aerodynamiker zusammen. Und er stellt folgende Frage. Warum können Hummeln eigentlich fliegen? Ihr Körper ist zu dick, ihre Flüge sind zu kurz, um fliegen zu können. Warum geht es trotzdem? Und was sagte der Luftfahrtprofi jetzt dazu? Erstmal nix. Der hat nix gesagt, sondern seinen Stift gezückt und ein bisschen Papier. Und darauf kritzelt er damals ein paar Zahlen. Und dann muss er in etwa sowas gesagt haben, Andreas. Sie haben recht, mein werter Herr Prantl. Eigentlich kann die Hummel gar nicht fliegen. Laut meinen Berechnungen geht das nicht. Punkt. Man einigte sich dann aber letztlich darauf. Okay, Hummel können nicht fliegen, aber die wissen es zum Glück ja nicht und heben darum trotzdem ab. Wie schön für die Hummel. Aber Tatsache ist doch, die Herren Wissenschaftler haben sehenden Augen kapituliert und zugegeben, dass ihre Wissenschaft an der Hummel scheitert. Ja, man muss einen Punkt zur Ehrenrettung der Herren anführen. Und zwar gab es da offenbar einen Annahmefehler. Den hat mir auch Hummelforscherin Anja Weidenmüller erklärt. Die kennt das Hummelparadoxon natürlich auch. Das entstand aus frühen Berechnungen Flügelfläche zu Körpervolumen, Körpergröße. Was Anja Weidenmüller damit meint, ist Folgendes. Flügelfläche zu Körpervolumen ist eins der wichtigsten Gesetze der Aerodynamik, ganz besonders bei starren Flügeln. Die Hummeln bewegen ihre Flügel aber nicht einfach nur auf und ab, sondern in so einer Achtform und erzeugen dadurch Luftverwirbelungen, die ihnen wiederum Auftrieb generieren und deswegen können sie natürlich doch fliegen. Das soll also heißen, die Gesetze, auf die sich die Physiker Prantl und sein Aerodynamikfreund beriefen, gelten gar nicht bei den Hummeln, weil Hummeln ihre Flügel viel komplexer bewegen. Deshalb können die Hummeln fliegen, obwohl das Verhältnis Flügelfläche zu Körpervolumen gar nicht stimmt. Und die können nicht nur irgendwie fliegen, sondern die können super gut fliegen. Hummeln wurden tatsächlich schon, Andreas, am Mount Everest gesehen. Und wenn sie wollten, könnten sie tatsächlich bis zum Gipfel aufsteigen. In Labortests konnte man nämlich beobachten, dass sie relativ wacker der dünnen Luft und auch heftigen Winden trotzen. Ihre Fliegerqualitäten sind auch ein Grund dafür, dass sie so gute Gestäuberinnen sind. Du hattest mir vor dieser Folge schon erzählt, dass eine Hummel innerhalb eines Tages bis zu tausend Blüten anfliegt, also dreimal mehr als eine Honigbiene. Ja, absolut. Hummeln sind wirklich super Bestäuberinnen und sie sind halt nicht nur effizienter, sondern auch ausdauernder als die Bienen. Und sie haben eine ganz bestimmte, ganz besondere Sammeltechnik, mit der sind sie auch den Bienen oft weit überlegen. Dazu vielleicht nochmal Hummelforscherin Anja Weidenmüller. Zum Beispiel Tomaten kann eine Honigbiene gar nicht bestäuben. Die haben eine ganz bestimmte Blütenform. Und da müssen sich die Hummeln an diese Tomatenblüten hängen und erzeugen eine Vibration mit ihrem Körper. Durch diese Vibration löst sich erst der Pollen und fällt ihnen auf den Bauch. Also die hängen unten an dieser Blüte dran, schütteln die Blüte und schütteln den Pollen auf ihren Bauch. Das können Honigbienen nicht. Übrigens, immer mehr Obst- und Gemüsebauern setzen darum mittlerweile auch auf Zuchthummeln statt Honigbienen in ihren Plantagen und Gewächshäusern. Eben weil sie, wie wir eben gesagt haben, die effizienteren und auch die ein bisschen unkomplizierteren Bestäuberinnen sind. Die brummen also mehr und meckern weniger. Ja, so in etwa. Honigbienen sind außerdem recht schnell desorientiert, hat man beobachtet, und unglücklich in geschlossenen Gewächshäusern. Und ja, was passiert, dann kann man sich gut vorstellen, die hören halt einfach aufzuarbeiten, stellen ihre Dienste ein. Katharina, jetzt sag mal, wie steht es denn um die Hummel beim Thema Insektensterben? Es gab da ja vor einigen Jahren diese berühmte Krefelder Studie, die ziemlich drastisch den Niedergang der hiesigen Insekten dokumentiert hat. Danach hat die Zahl der Insekten seit den 1970er Jahren um fast 80 Prozent abgenommen. Und das kennt ja jeder Autofahrer, dass man eben nach einer langen Fahrt auf der Autobahn nicht mehr diese ganzen Insektenleichen von der Scheibe kratzen muss. Und unermesslich dagegen sind die Folgen für die Umwelt. So ist es. Vögeln fehlt die Nahrung, Schädlingen fehlt es an Feinden, Blüten an Bestäubern und so weiter. Also es gibt ganz viele Kaskaden, die da in Gang kommen. Und den Hummeln geht es da einfach nicht viel besser als vielen anderen Insekten. Rund die Hälfte dieser 30 Hummelarten, die ich benannt habe, steht mittlerweile auf der roten Liste. Das heißt, sie ist entweder bedroht oder akut vom Verschwinden gefährdet. Und was sind die Gründe dafür? Totale Klassiker, also vor allem die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft betreiben, denn die riesigen Monokulturen, die löschen halt einfach Wildblumen aus und Lebensräume für die Hummeln und außerdem machen ihnen Unkraut und Insektenvernichtungsmittel doch arg zu schaffen. Das wundert mich nicht, aber... Um diese Folge vielleicht etwas hoffnungsvoller zu enden, zu unserer Redaktion gehört ein kleiner Garten und da fliegen immer ein paar Hummeln herum. Ich kann also aus erster Hand versichern, Katharina, Sie können wirklich fliegen. Aber sag, was können wir denn tun, also du und ich, um den Hummeln das Leben wieder etwas leichter zu machen? Das ist vielleicht eine gute Nachricht, Andreas. Man muss gar nicht viel tun, sondern vor allem manches lassen. Klingt gut, aber kannst du ein bisschen konkreter werden? Gern. Also ganz wichtig ist Hummelpflanzen anpflanzen, denn Hummeln haben immer, immer Hunger. Weil sie auch bei Kälte so viel fliegen, brauchen sie halt einfach ziemlich viel zu futtern, ziemlich viel Energie. Ich bin da übrigens auf eine sehr coole Zahl gestoßen. Du bist, glaube ich, auch Jogger, Andreas, oder? Gelegentlich, ich schwimme mehr, aber ich verbrauche auch meine Energie, ja. Also ein Jogger braucht in einer Stunde in etwa die Ernährungsenergie eines Joggers. Schokoriegels. Und eine menschengroße Hummel zugegeben ist jetzt eine komische Vorstellung, ein komisches Bild, aber die würde diese gleiche Kalorienzahl nicht in einer Stunde, sondern in 30 Sekunden verbrauchen. So hoch ist der Energieaufwand. Okay, das bedeutet also, wäre ein Hummel so groß wie ein Mensch, und ich stelle mir das jetzt gerade mal vor, so ein flauschiges Ungetüm, das hier wie so ein Zeppelin über unserer Redaktion brummt, also wäre diese Hummel so groß wie ein Mensch, dann würde sie 120 Schokoriegel in einer Stunde essen. So ist es. Mann, mir wäre schlecht. Sag mal. Was ist denn so eine typische Hummelpflanze, so ein typischer Hummel-Schokoriegel? Also kein Limobaum und kein Schokobaum, sondern eher Krokus, Rittersporn, Kapuzinerkresse, dann halt eben Kräuter wie Gartensalbei, Thymia und später dann Sommerflieder, Wicken. Beerensträucher finden die auch ganz toll, Kirsch- und Mirabellenbäume und am besten von allem ein bisschen, denn dann ist es gut über die ganze Saison verteilt. Hummeln brauchen nämlich, wie die meisten Wildtiere, immer was zu futtern. Und vor allem brauchen sie Unordnung. Also auch Laubhaufen, Geäst, Kompost. Da können sie dann auch ihr Nest bauen, überwintern, sich verstecken. Also eine große Vielfalt an Pflanzen und Unordnung im Garten. Letzte Frage, Katharina. Wenn die so friedlich und freundlich sind, die Hummeln, stechen die dann auch nicht? Nein, fast nicht. Nur im allergrößten Notfall etwa, wenn sie ihr Nest verteidigen müssen. Oder wenn sie sich wirklich angegriffen fühlen. Und anders als die Bienen hat ihr Stachel keinen Widerhaken. Das heißt, die Hummel stirbt also nicht wie eine Honigbiene nach dem Stechen. Liebe Katharina, dann danke ich dir ganz herzlich für die Klärung des Hummel-Paradoxons. Es war wirklich spannend. Sehr, sehr gern geschehen. Das war's für heute bei Schneller Schlau. Wenn ihr nun auf unseren Podcast fliegt wie Katharina auf Hummel, dann hinterlasst uns gerne ein paar Sternchen. Wer es noch nicht gehört hat, PM ist seit kurzem Partner des Science Slam, wo Wissenschaftler ähnlich faszinierende Themen wie das Hummel-Paradoxon auf der Bühne präsentieren. Alle Daten zu den Veranstaltungen findet ihr in unseren Shownotes. Damit tschüss oder wie man bei uns in Hamburg sagt, Hummel, Hummel, Mors, Mors. Schneller Schlau, der kurze Wissens-Podcast von PM.