Stellt euch vor, ein Sprinter schießt aus dem Startbeam. 100 Meter wenige Sekunden, dann blickt er auf die Anzeigetafel, 9,28 Sekunden, Weltrekord. Normalerweise würde der Athlet nach kurzem frenetischen Jubel auch schon hinter verschlossene Türen zur Dopingkontrolle abgeführt werden. Aber nicht bei den Enhanced Games, die in diesem Mai in Las Vegas stattfinden. Hier werden wahrscheinlich Ärzte unter den Jubelnden sein, womöglich werden sie gar am lautesten jubeln Und ganz sicher wird es keine Doping-Kontrollen geben, denn jeder weiß, dieser Athlet ist gedopt. Das ist nicht nur erlaubt, sondern es ist gewollt. Was es mit diesem fragwürdigen Wettbewerb auf sich hat, ist heute Thema bei Schneller Schlau. Mein Gast dazu ist Doping-Experte Thomas Wagner, der in PM gerade eine große Geschichte zu dem Thema geschrieben hat. Hallo Thomas. Hallo Andreas. Thomas, erzähl erstmal, was sind die Enhanced Games? Also ich weiß nur, dass sie jetzt im Mai in Las Vegas stattfinden und dass jedem, der einen Weltrekord bricht, eine Million Dollar Preisgeld winken. Bei welchen Sportarten? Ja, das werden bei der Premiere Sprint, Gewicht heben und schwimmen sein. Und die Auswahl ist wohl auch kein Zufall, denn das sind auch laut Erhebungen die Sportarten, die schon im klassischen Wettkampfsport als sehr dopinganfällig gelten, also Gewicht heben und sprinten ganz vorne dabei und etwas abgeschlagener schwimmen. Aber diese finden sich regelmäßig in den Top- bzw. Flopten der dopinganfälligsten Sportler. Okay, sag mal, wer hat sich diese Enhanced Games einfallen lassen? Wer steckt dahinter? Ja, dahinter steckt ein australischer Unternehmer namens Aaron D'Souza. Und der hat auch schon länger nach wohlhabenden Sponsoren gesucht und ist jetzt allemannschein nach auch fündig geworden. Zum Beispiel ist auch Donald Trumps Sohn, Trump Jr., über eine Investmentfirma beteiligt. Okay, also eine illustre Runde. Wenn man dieses Konzept der Enhanced Games hört, dann wirkt das ja fast wie ein Gedankenexperiment. Also was wäre, wenn wir alle Regeln einfach umdrehen? Was ist denn der Kern der Idee? Ja, der Kern ist tatsächlich ein Perspektivwechsel. Im klassischen Sport gilt Doping ja als Betrug, als etwas, das Fairness zerstört. Die Enhanced Games wollen das umdrehen. Wenn alle dopen dürfen, herrschen gleiche Bedingungen. So zumindest der Grundgedanke. Der Wettbewerb wird wieder fair, in Anführungsstrichen, nur eben unter anderen Voraussetzungen. Und gleichzeitig wird Doping aus der Illegalität geholt. Also weg vom heimlichen Missbrauch hin zu einem offenen, regulierten System. Genau, Substanzen wie Anabolis Steroide, Testosteron, Wachstumshormone oder EPO werden nicht mehr versteckt eingesetzt, sondern eben unter ärztlicher Aufsicht. Es gibt medizinische Checks, Monitoring, wissenschaftliche Begleitung. Okay, das bedeutet also, dass ein ganz zentraler Konflikt des modernen Sports, nämlich der zwischen Ideal und Realität, hier ganz bewusst aufgelöst wird. Also jahrzehntelang hat der Spitzensport ein Bild von sauberer Leistung gepflegt, während gleichzeitig immer wieder Doping-Skandale aufpoppten und die Enhanced Games, die sagen nun, dieses Ideal war ohnehin nie vollständig erreichbar. Und sie gehen sogar noch einen Schritt weiter, denn sie behaupten, dass Offenheit im Umgang mit leistungssteigernden Mitteln sogar ehrlicher sei als das bisherige System, wie wir es kennen. Und daraus leitet sich dann der zentrale Claim ab. Wenn man alles kontrolliert, dann kann Doping sicher werden. Ist das so? Ja, das ist die Idee. Man versucht, Risiken zu minimieren durch Diagnostik, durch individuelle Anpassung von Dosierungen, durch kontinuierliche Überwachung. Aber genau hier beginnt auch das Problem. Okay, und warum? Warum? Weil selbst die beteiligten Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, diesen Anspruch relativieren. Ich habe dazu ein Interview mit Michael Rosbach geführt. Er ist Biochemiker und Mitglied des sogenannten Independent Scientific Board, das zusammen mit einer medizinischen Kommission den wissenschaftlichen Teil des Experiments überwachen soll. Wir hören mal rein, wie er die Frage nach der Sicherheit bewertet. Sicheres Doppeln ist eigentlich schon ein Widerspruch in sich. Jede leistungssteigernde Substanz oder Methode birgt natürlich immer Risiken. Und selbst wenn man die als harmlos oder natürlich vermarktet, ist das Risiko nicht null. Sicher bedeutet dann eben nicht risikofrei, sondern mit einer Vielleicht einer geringeren Evidenz für schwere Nebenwirkungen. Puh, das ist ja ziemlich eindeutig. Ja, das bedeutet, der Begriff sicher ist hier sehr relativ. Es geht nicht um Risikofreiheit, sondern bestenfalls eben um Risikoreduktion. Und selbst diese Risikoreduktion setzt voraus, dass man die Risiken überhaupt kennt. Aber das scheint ja nicht immer der Fall zu sein, weil die Erfahrung fehlt. Auch Studien, Untersuchungen, das ist ja eine wichtige Grundlage. Aber lass uns mal tiefer in die wissenschaftliche Seite einsteigen. Was wissen wir eigentlich über die verwendeten Substanzen? Wir wissen durchaus einiges. Steroide fördern Muskelwachstum. EPO verbessert die Sauerstoffversorgung im Blut. Wachstumshormone beschleunigen die Regeneration beim Training. Diese Effekte sind soweit gut belegt. Das heißt, die Leistungssteigerung ist dann wirklich und ist ganz real. Absolut. Gut, das Wissen hat aber auch Grenzen, vor allem bei Extremanwendungen. Also genau dort, wo die Enhanced Games ansetzen, denn es geht ja um Rekorde. Richtig, hohe Dosierungen, Kombinationen mehrerer Substanzen, langfristige Effekte, all das ist kaum systematisch erforscht. Dazu nochmal Michael Rosbach. Die Langzeitfolgen vieler Substanzen sind einfach nicht klar und schon gar nicht, wenn ich mehrere Sachen kombiniere. dann ist es wirklich unethisch zu sagen, ja, das haben wir alles unter Kontrolle und können das vorhersehen, weil das wäre wissenschaftlich nicht valide. Warum ist es so schwer zu untersuchen? Ja, weil solche Studien ethisch problematisch sind. Man kann gesunden Menschen nicht einfach riskante Substanzen in hohen Dosen verabreichen, nur um Daten zu gewinnen. Um aber leistungssteigernde Wirkungen zu entfalten, sind genau diese hohen Dosen nötig. Das führt zu einer paradoxen Situation. Genau die Extremszenarien, die im Spitzensport relevant sind, entziehen sich systematischer Forschung. Das bedeutet, dass viele Entscheidungen letztlich auf Annahmen, aus Erfahrungswerten oder eben Einzelfallbeobachtungen beruhen. Okay, aber die Enhanced Games könnten ja genau diese Lücke füllen. Das ist zumindest die Argumentation der Veranstalter. Sie sprechen von neuen Erkenntnissen über Leistungsgrenzen, Stoffwechselprozesse und individuelle Unterschiede. Wir lernen natürlich auch viel über die Leistungsphysiologie, über biologische, aber auch physiologische Grenzen, Reaktionen, Dosierungen, Pharmakokinetik und Pharmakodynamik. Das sind Fragen, die man sich auch bei jedem normalen Medikamentenentwicklungsprozess stellt. Das klingt zunächst mal nach klassischer Forschung, aber der Kontext ist eben ein anderer. Und inwiefern? Ja, es fehlt das, was Wissenschaft normalerweise auszeichnet. Kontrollierte Bedingungen, Vergleichsgruppen, klare Studiendesigns. Okay, das ist natürlich Basis der Wissenschaft, aber was dominiert denn stattdessen? Ein Wettkampf in allererster Linie mit Druck, finanziellen Anreizen, mit persönlichem Ehrgeiz. Die Sportwissenschaftlerin Annika Steinmann von der Deutschen Sporthochschule Köln hat sich ausführlich in mehreren Publikationen mit den Enhanced Games beschäftigt und sie hat eine klare Meinung zu dem Unterfangen. Es ist eine Art von Menschenversuchen und da sind jetzt einfach Tür und Tür offen und man kann in ganz neue Dimensionen legal voranschreiten. Also man kann jetzt einfach wirklich sich ausprobieren und am Menschen, am gesunden Menschen testen und sind erstmal keine Grenzen gesetzt. Und genau dieser Punkt ist ja entscheidend. In der klassischen Forschung versucht man, Störfaktoren zu minimieren. Und hier entgegen werden sie ja ganz bewusst in Kauf genommen, sind also Teil des Systems. Das klingt nach einem Grenzbereich und zwar wissenschaftlich und ethisch. Absolut. Die Frage ist, was darf Wissenschaft und unter welchen Bedingungen? Die Teilnehmer entscheiden sich freiwillig. Das ist ja das zentrale Argument der Veranstalter. Ja, da sind sich die beiden Experten, mit denen ich gesprochen habe, sogar einig. Aber Freiwilligkeit allein reicht eben in der Ethik nicht immer aus. Man muss auch fragen, unter welchem Druck entsteht diese Entscheidung. Welche Anreize gibt es? Welche Risiken werden vielleicht unterschätzt? Und das ist einfach eine Mischung, die sehr brisant ist. Ehrgeiz des Athleten trifft auf Ehrgeiz des medizinischen Stabs, unterstützt von Pharmakologen. Das ist ein Pulverfass. Ja, Ehrgeiz, Geld, wissenschaftliche Neugier, das alles kommt hier zusammen. Jetzt lass uns doch nochmal konkret auf den Körper schauen. Was passiert denn da physiologisch? Im Grunde wird der Körper systematisch optimiert, in Anführungsstrichen natürlich. Prozesse werden beschleunigt, verstärkt oder umgelenkt. Steroide fördern den Muskelaufbau. EPO steigert die Sauerstofftransportkapazität im Blut. Und Wachstumshormone beeinflussen Zellwachstum und Regeneration. Okay, das klingt jetzt schon fast wie so ein technisches System, wie ein Formel-1-Wagen, den man überprüft. Genau, der Körper wird auch gewissermaßen fein justiert. Aber anders als eine Maschine reagiert der menschliche Körper nicht immer vorhersehbar. Kleine Veränderungen können große Auswirkungen haben, insbesondere wenn mehrere Eingriffe gleichzeitig stattfinden. Und wie weit kann man das denn treiben? Nicht unbegrenzt, das sagt auch die Sportwissenschaftlerin Annika Steinmann. Wenn Muskulatur in dem Maße aufgebaut wird, wie die ersten Bilder, wenn sie nicht KI generiert sind, vermuten lassen, welcher... Körper soll das halten, soll das auf Dauer ertragen? Der Körper hat eben strukturelle Limits. Muskeln, Sehnen, Organe, alles muss zusammenarbeiten. Das zeigt also, Leistungssteigerung ist immer auch ein Balanceakt. Nun aber, Thomas, zur buchstäblichen 1-Million-Dollar-Frage. Werden neue Rekorde bei den Enhanced Games fallen? Weißt du das? Was schätzt du? Ja, das ist natürlich die große Preisfrage, auf die alle gerne die Antwort hätten. Wahrscheinlich schon. Das meint zumindest Michael Rosbach. Ja, also das denke ich schon, dass da einige neue Zeiten geknackt werden. Aber er schränkt auch gleich ein, dass diese Rekorde nicht direkt mit dem klassischen Sport vergleichbar wären. Weil sie eben unter anderen Bedingungen entstehen. Ganz genau. Und sie müssten dann auch entsprechend gekennzeichnet werden. Das wirft natürlich eine kulturelle Frage auf. Was bedeutet ein Rekord eigentlich noch, wenn die Voraussetzungen sich grundlegend ändern? Was passiert da langfristig? Das ist unklar und genau deshalb auch so problematisch. Annika Steinmann warnt jedenfalls eindringlich vor den Spätfolgen für die Teilnehmer und sieht besonders gewichthebergefährdet, die in Rekordzeit unnatürlich viel Muskelmasse aufbauen. Das ist mit den Athleten in zehn Jahren. Jetzt sind die Anfang 30, Mitte 30. Was ist mit denen mit Mitte 40? Natürlich werden die orthopädischen Probleme massivster Art haben. Also es ist einfach, unser Körper ist darauf gar nicht ausgelegt. Davon gehe ich aus. Ja, da stellt sich natürlich die Frage, ob dieses eine Event, dieser Weltrekord, der eigentlich keiner ist und selbst das schwindelerregende Preisgeld von einer Million Dollar pro Rekord wirklich wert sind, womöglich die eigene Gesundheit dafür zu opfern. Das heißt, während der Wettbewerb spektakulär ist und unmittelbar Erfolge sichtbar sind, zeigen sich dann die möglichen Schäden erst Jahre später. Und das aller Wahrscheinlichkeit natürlich außerhalb der öffentlichen Aufmerksamkeit. Was bleibt also von diesen Enhanced Games? Ein großes Experiment. Wissenschaftlich interessant, gesellschaftlich umstritten, medizinisch riskant, würde ich sagen. Nach all meinen Recherchen kann ich sagen, dass sehr viel darauf hindeutet, dass hier ganz klar das Kommerzielle im Vordergrund steht und die wissenschaftliche Begleitung womöglich dazu dienen soll, dieses ethisch höchst umstrittene Vorhaben zu legitimieren. Falls dabei tatsächlich medizinisch relevante Erkenntnisse herauskommen, und das kann durchaus sein, aber dann ist das wohl eher Zufall. Okay, also zusammengefasst ist es ein Projekt, das mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet. Die Enhanced Games wollen zeigen, was möglich ist, wenn man die Grenzen des Körpers verschiebt. Doch vielleicht zeigen sie vor allem eines, dass diese Grenzen nicht beliebig verschoben werden können. Thomas, ich danke dir für die interessanten Antworten auf viele Fragen zu diesen wirklich sehr umstrittenen Spielen. Sehr gerne. Damit verabschieden wir uns für heute bei Schneller Schlau. Bis zur nächsten Folge. Wer es noch nicht gehört hat, wir sind seit kurzem stolzer Partner des Science Slam, wo Wissenschaftler ähnlich faszinierende Themen wie die Unhance Games auf der Bühne präsentieren. Alle Daten zu den Veranstaltungen findet ihr in unseren Shownotes. Ansonsten freuen wir uns auf viele Sternchen, gute Bewertungen. Ich sage Tschüss, bleibt neugierig und ungedobt. Schneller Schlau, der kurze Wissens-Podcast von PM.