Wie ernst es beim Brettspielen zugehen kann, zeigt sich nicht nur beim Mensch ärger dich nicht spielen am Familientisch. Einst saß ein Edelmann beim Schach niemand anderen gegenüber als König Heinrich IV. von Frankreich. Leider plagte den armen Mann Blähungen und ein Ton entfleuchte, gerade als er mit einem Springer ziehen wollte. Er rettete die Situation, indem er zum König sagte, Eure Majestät, dieses Pferd rührt sich ohne Trompetensignal nicht von der Stelle. Soweit zu einer Anekdote aus dem 16. Jahrhundert. Wer erfand Schach, Mensch, ärgere dich nicht und Co. Und was zockten eigentlich die alten Römer? Ihr hört Schneller Schlau, den Wissens-Podcast von PM. Ich bin Anne Baum und mein Gast ist der Journalist Birk Grüling. Mit dem ich jetzt in die Kulturgeschichte des Brettspiels eintauche. Birk, seit wann spielt man denn? Also Forscher sagen, Gesellschaftsspiele entstanden, als die Menschen sesshaft wurden und sich soziale Hierarchien herausbildeten. Nämlich wer spielt, braucht Zeit und freie Zeit ist ein Privileg. Und die ältesten identifizierten Spielsteine stammen von domestizierten Tieren. Das sind nämlich Knöchel von den Hinterläufen von Schafen und die hat man ja auch gezüchtet, als man sesshaft wurde. Und damit konnte man wunderbar würfeln und eins der ältesten bekannten Brettspiele ist das sogenannte königliche Spiel von Ur. Das stammt aus Mesopotamien, dem heutigen Irak und das wurde auf ungefähr 2600 v. Chr. datiert und ist damit verwendet. Knapp 5000 Jahre alt. 5000 Jahre alt. Wie spielte man es denn, das königliche Spiel von Ur? Das weiß man leider nicht genau, wie man das gespielt hat. Das hat man nicht rekonstruieren können. Es gab wahrscheinlich verschiedene Varianten, auch von Spielbrettern. Und eine der rekonstruierten Varianten aus Babylon hat so ähnliche Regeln wie Backgammon heute. Und deutlich besser ist die Quellenlage bei den antiken Spielen aus dem Rom, Griechenland oder Ägypten. Da gibt es nämlich Spielanleitungen zu. Das liegt ja daran, dass die Griechen und Römer uns ja einen regen Schriftverkehr hinterlassen haben und auch allerlei Zeichnungen. Genau, also es gibt einfach haufenweise Spielanleitungen dazu. Ein Beispiel dafür ist Zenith. Und das war im alten Ägypten ein superpopuläres Spiel. und das ist ein, Brettspiel mit 30 Feldern und Wurfstäbchen als Würfelersatz. Und diese Felder symbolisieren den Weg zwischen den Reichen der Lebenden und dem Reich der Toten. Und deshalb wird das auch in vielen Gräbern als Grabbeigabe mitgegeben. Und die Verstorbenen konnten dann im Jenseits sozusagen was spielen. Und selbst bei Tutankhamun im Grab lagen fünf Spielbretter. Da kam bei der Reise ins Jenseits schon mal keine Langweile auf. Und naja, auch im ewigen Leben wollte man sich ja nicht langweilen und da war ein Spiel bestimmt eine ganz gute Abwechslung. Aber Birg, verrat uns, was spielten denn die alten Römer? Das meistgespielte Spiel war da wohl La Trunculi. Hoffentlich habe ich das richtig ausgesprochen. Mein Lateinlehrer würde sich wahrscheinlich die Ohren zuhalten. Aber zwei Spieler zogen Steine auf einem Brett und versuchten, die gegnerischen Figuren einzukreisen, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten. Und das war bei Legionären sehr beliebt. Und die Bretter wurden tatsächlich im ganzen Römischen Reich gefunden, in England, in Pompeji, in Ägypten. Und aus einer Provinz stammt auch ein ganz spannender Fund, der gerade durch die Medien ging. Und zwar haben Forscher der Universitäten in Leiden und Maastricht einen Kalkstein entdeckt. Und der hatte so komische Linien, die da eingeritzt waren und mikroskopische Abnutzungsspuren, so als hätte man da Spielsteine entlanggezogen. Und was ich besonders spannend daran finde, dass hier Historie und Moderne aufeinandertreffen, denn die Forschenden nutzten KI, um die Regeln zu konstruieren. Und zwar, was die gemacht haben, die ließen die Software, also die ließen zwei KI-Agenten Tausende dieser Partien nach mehr als 130 verschiedenen Regelwerken nachspielen und verglichen dann die simulierten Abnutzungsmuster mit den echten Spuren auf den Steinen. Es war am Ende ein Blockierspiel. Eine Seite hatte vier Figuren, die andere zwei. Und das Ziel ist es, den Gegner am Ziehen zu hindern. Also ein Spiel, das fast 2000 Jahre lang niemand mehr gespielt hat, wurde so durch die KI wiederbelebt. Das ist eine richtig coole Geschichte. Ich habe übrigens mit einer Forscherin über antike Spiele gesprochen und die hat auch was ganz Spannendes gesagt. Und zwar kann man diese Spiele nicht nur rekonstruieren, sondern die verraten auch ganz viel über Gesellschaften. Und das finde ich einen total spannenden Ansatz. Also wir schauen uns die Lieblingsspiele oder die Spiele der damaligen Zeit an und erfahren da eine andere Seite der Geschichte oder der Gesellschaft von damals. Total. Und zwar im antiken Griechenland gibt es zum Beispiel ganz viele Darstellungen von Kriegern, wie die miteinander spielen. Und das machen die gar nicht so als Zeitvertreib, sondern als Übung für den Feldzug. Impulskontrolle, das Lesen des Gegners, die Akzeptanz. Tanz für die Niederlage. Und das ist für den Philosophen Platon wirklich eine Lebenslehre. Und der Wurf des Würfels mag in den Händen der Götter liegen, aber was man aus diesem Wurf macht, entscheiden die Spieler mit eigener Umsicht, hat Platon gesagt. Klingt toll, oder? Das klingt super und ganz ähnlich geht es ja auch beim Schach zu. Schach gilt ja als das Spiel der Könige und ist ein Strategiespiel. Weiß man denn, wie Schach entstanden ist? Tatsächlich liegt der Ursprung des Schachs vermutlich in Ostindien. Dort wurde es im 6. Jahrhundert schon gespielt. Das Vorläufer-Spiel heißt Shah-Turanga. Und von Indien gelang diese Vorform des Schachs nach Persien und dann nach Europa. Und sogar der Begriff Schach-Math-Math. Stammt aus dem Persischen und heißt sowas wie Scharmat, heißt der König ist gefallen. Und im Mittelalter wurde Schach dann zu einem der sieben Tugenden des Ritterstandes. Sieben Tugenden des Ritterstandes. Neben Reiten, Kämpfen und Tanzen gehörte Schach also auch zur adeligen Bildung dazu. Damals aber waren die Regeln noch anders als heute. Erst Ende des 15. Jahrhunderts gab es die entscheidende Änderung, dass etwa die Dame plötzlich zur stärksten Figur im Spiel wurde. Die war davor ziemlich schwach. Die Ritter und der Turm, die waren anfangs viel, viel mächtiger als die nun mächtige Dame. Total. Und neben dem Schach gab es noch ein anderes Spiel, was wir heute noch spielen. Mühle. Und das ist sogar noch älter als Schach. Und das älteste bekannte Mühle-Spiel stammt aus dem ägyptischen Tempel und ist auf das Jahr 1400 v. Chr. datiert. Und die Römer haben dieses Spiel auch mitgenommen und liebten dieses Spiel sogar so sehr, dass sie diese Linien in den Boden ritzten. Und man findet solche Spielbretter auch noch auf den Treppenstufen, das Forum Romanum. Und Mühle hat sich echt auf allen Kontinenten ausgebreitet. Es gibt das in China, in Troja, bei den Wikingern in Norwegen und den nordamerikanischen Ureinwohnern. Das ist wahrscheinlich das weitverbreitetes Brettspiel der Welt. Mal abgesehen von Mancala. Mancala, das ist übrigens eines meiner Lieblingsspiele. Einfach, weil es sehr simpel ist. Es braucht kein Brett, kein Geld, keine Schachtel. Denn gespielt wird mit Mulden im Boden. Und da kann man allerlei Dinge nehmen. Kleine Steinchen, Bohnen oder auch Kiesel. Genau. Und dieses Spiel gibt es in über 200 Varianten und ist auf weiten Teilen in Afrika, Asien und der islamischen Welt verbreitet. Man fand über 3000 Jahre alte Spielbretter zum Beispiel eingemeißelt in die Chiobs-Pyramide in Theben oder an den Rastplätzen alter Karawanen. Birk, jetzt haben wir sehr viel über Spiele geredet. Man spielt, weil es Spaß macht, aber es gibt ja auch noch das Glücksspiel. Gab es damals auch schon Glücksspiele, wo man, sage ich mal, um Geld, Gold, was auch immer gezockt hatte? Wahrscheinlich sind diese Glücksspiele so alt wie das Geld selber. Die meisten Quellen dazu gibt es tatsächlich aus Rom. Und zwar kritisieren die römischen Philosophen das Glücksspiel in den Städten. Und da gibt es vor allen Dingen die Würfelspiele, sind für sie so ein Symbol des moralischen Verfalls. Und weil nämlich die Spieler schummeln. Die verlassen sich eben nicht auf die Hände der Götter. Und die Forschenden haben ganz viele manipulierte Würfel gefunden. Die sind dann mit Blei oder mit einem Tropfen Quecksilber gefüllt, um eben eine bestimmte Zahl besonders häufig zu werfen. Und die frühen Christen wettern auch gegen die Glücksspiele. Für sie ist das sozusagen Zeitverschwendung oder sogar eine göttliche Provokation. Eine göttliche Provokation, okay, das ist hart. Ich habe auch noch mal Seneca nachgeschlagen, weil es mich interessiert hat. Und zwar schreibt er über das Spielen, das Würfelspiel ist eine schändliche Leidenschaft. Selbst wenn es ohne Verlust bleibt, ist es doch ein Verlust an Zeit. Naja, gespielt wurde aber trotzdem weiter, auch wenn es verpönt war von einigen Menschen. Genau, die Quellenlage über das Spielen wird im Mittelalter und auch in der frühen Neunzeit etwas weniger, vor allen Dingen, weil nur Christen das aufschreiben. Es gibt aber Funde von Spielen aus allen Regionen der Welt. Und zu allen Zeiten, zum Beispiel bei Ausgrabungen in einer Burganlage in Baden-Württemberg, fanden Forschende eine kleine Spielesammlung. Und zwar blütenförmige Spielsteine mit Resten von roter Farbe, einem sechsseitigen Würfel und einem kleinen Schachspringer aus Hirschgeweih. Und das Ganze ungefähr 800 Jahre alt. Und die Augen und die Mähne des Pferdes sind noch heute zu erkennen. Das ist quasi die Spielesammlung schon im Mittelalter. Die Spiele-Sammlung des Mittelalters. Es gibt ja ein Spiel, das in einer heutigen Spielsammlung auf keinen Fall fehlen darf. Und zwar ist das Mensch ärgere dich nicht. Das ist ganz schlimm, oder? Das ist wirklich aber ein Spiel der Moderne. Das hatten die Menschen in der Antike zum Glück noch nicht. Und zwar ist ein Münchner Spielzeugmacher namens Josef Schmidt Anfang des 19. Jahrhunderts für seine Kinder erfunden. Erfunden und der hat sich inspirieren lassen von Paj Sisi. Und das ist ein 1500 Jahre altes Indisch-Spiel. Und das hat eine religiöse Dimension. Es ist nämlich die Reise zum Zentrum der Welt. Und es symbolisiert die hinduistische Wiedergeburt. Naja, also auch im Mensch ärger nicht, steckt ein bisschen Philosophie. Da steckt ein bisschen Philosophie drin. Aber da steckt nicht nur Philosophie drin, sondern auch eine gewiefte Werbestrategie. Denn der Erfinder spendete im Ersten Weltkrieg Spielbretter an, Lazarette. Die Soldaten brauchten Abwechslung, sie lernten das Spiel lieben und verbreiteten es so. Ja, also ich bin ja überhaupt kein Fan von diesem Spiel. Das merkt man, Birk, ja. Einige Wutausbrüche und habe immer das Spielfeld zusammengeklappt, wenn meine Oma mal wieder gewonnen hat. und da ging nichts mehr und, Aber es gibt noch ein Spiel, was ich noch weniger mag und das ist Monopoly und das ist angeblich das meistgespielte Brettspiel der Welt. Verstehe ich überhaupt nicht. Ja, Birk, ich finde Monopoly auch nur so, ja, la la. Aber Monopoly hat eines der faszinierendsten Entstehungsgeschichten überhaupt. Es wurde von einer Frau namens Lizzie Mackey erfunden und zwar mit einer komplett anderen Absicht, als wir es heute kennen. Ach echt? Erzähl mal. Ja, also sie wollte den Kapitalismus kritisieren. Es war das Jahr 1903, Amerika war geprägt von extremer Ungleichheit. Sie entwickelte das Landlords-Game, das Großgrundbesitzerspiel, um zu zeigen, wie der Großgrundbesitzer die einfachen Menschen ruiniert. Das Spiel hatte sogar zwei Regelversionen. Eine, bei der alle gewinnen, wenn sie kooperieren. Und eine, bei der einer alles an sich reißt. Ja, wir geraten mal, welches sich durchgesetzt hat. Ach, ich ahne es schon. Ja, natürlich die kapitalistische. Aber gut, jedenfalls das Spiel verbreitete sich über Jahrzehnte, vor allem an Universitäten und bei Intellektuellen. Irgendwann gelangte eine Kopie zu einem arbeitslosen Vertreter namens Charles Darrow Der es vereinfachte und an den Verlag Parker Brothers verkaufte Und er wurde damit zum Millionär Lissy Maggie bekam sagenhafte 500 Dollar und wurde zudem noch nicht als Erfinderin genannt Das ist wirklich eine Geschichte, die ist so frustrierend wie das Spiel selber. Ja, vor allen Dingen, als sie 1948 starb, stand ihr Name nicht mal auf dem Grabstein. Erst durch einen Rechtsstreit in den 1970er Jahren wurde ihre Geschichte wieder öffentlich. Ja, und lustigerweise oder auch traurigerweise kann man sagen, verrät uns dieses Spiel auch viel über die Gesellschaft, wie schon damals in der Antike. Das hat sich nicht geändert. Spiele sind einfach der Spiegel der Gesellschaft und das gilt einfach zu jeder Zeit. Um 1900 im kaiserlichen Deutschland waren Belagerungs- und Kriegsspiele sehr beliebt und die kaiserliche Herrlichkeit kam aufs Spielbrett. In der NS-Zeit wurden Spiele zur militärischen Propaganda genutzt. In der Ölkrise der 1970er wurde man zum Ölmagnat auf dem Spielfeld. Und in den 80er Jahren in unserer Kindheit quasi wurde der Müll sortiert. Ich kenne da auch noch so ein paar Spiele, die meine Eltern dann gekauft haben. Und heutige Spiele, lustigerweise, setzen häufiger auf Kooperation als auf den Wettbewerb. Und alle spielen gemeinsam gegen das Spiel und nicht gegeneinander. So hat sozusagen jede Epoche ihre eigenen Spielthemen. Es gibt übrigens eine interessante Parallele zwischen früher und heute. Und zwar sind Spiele in der Krise besonders beliebt. Das haben wir ja auch in der Corona-Pandemie gesehen. Da boomten Gesellschaftsspiele online wie offline. Genau, und das gab es schon in der Antike. Zum Beispiel während der antiken Pest in Athen tauchten ganz viele Darstellungen von spielenden Kindern, aber auch Erwachsenen auf. Und Spielforschende haben dafür eine Erklärung. Und zwar, wenn es in einer Welt besonders viele Krisen und Katastrophen und Kriege gibt, ist das Spiel ein Raum, in dem man eigene Entscheidungen treffen kann und auch so ein bisschen eigene Sachen beeinflussen kann. Und das wussten eben schon die Athener in der Pest oder wir im Lockdown. Das ist ein sehr spannendes Fazit, Birg. Spiele haben ihre Faszination und ihre Funktionen auch in 5000 Jahren oder mehr als 5000 Jahren Geschichte nicht verloren. Danke dir, Birg, für diese spielerische Geschichtsstunde. Gerne, Anne. Wir könnten noch eine Runde spielen. Also bitte jetzt aber nicht, Mensch, ärgere dich nicht oder Monopoly. Wie wäre es denn mit einer Runde antiken Senet? Oh ja, da habe ich Lust. Ich werde gewinnen. Ich bin mir ganz sicher. Und an dieser Stelle verabschieden wir uns. Bleibt neugierig, spielt viel und wer noch Lust auf mehr Wissenschaft hat, kann das PM-Magazin und das Schneller Schlau-Magazin auch am Kiosk kaufen oder online als ePaper. Schneller Schlau, der kurze Wissens-Podcast von PM.