Noch wenige Tage bis zur Fußball-WM, deshalb geht es auch bei uns heute um Fußball, nämlich um seine Geschichte. Und die erstmal ganz banal klingende Frage, warum spielt man Fußball eigentlich mit dem Fuß? Klar, weil es im Namen steht, aber der Name ist ja nicht vom Himmel gefallen. Und wenn man sich die Geschichte anguckt, dann merkt man schnell, das hätte auch ganz anders laufen können, mit mehr Hand und mehr Chaos. Für die heutige Folge habe ich mir Unterstützung geholt und zwar Birk Grüling, unser Fachmann für das große Fußballpanorama und außerdem Lias Klingebiel, Schülerpraktikant bei PM und, obwohl er in Hamburg lebt, großer Bayern-Fan. Außerdem der Mensch, der in der Redaktion behauptet, dass man Fußball nur dann wirklich versteht, wenn man ihn auf einem schiefen Bolzplatz im Nieselregen gespielt hat. Hallo ihr zwei. Moin Andreas. Moin und ja, Nieselring ist Pflicht, sonst zählt nichts. Das ist gut, Fritz Walterwetter sozusagen. Dann steigen wir ein mit der Kernfrage, Lias. Sag, warum spielen wir Fußball mit dem Fuß? Es ist eigentlich ganz simpel, weil der Ball am leichtesten mit dem Fuß zu kontrollieren ist, weil man ihn nicht gerade mit dem Kopf oder der Brust kicken möchte. Hände sind natürlich tabu, außer beim Torwart. Die Idee dahinter ist, dass es fair bleibt und sich niemand am Ball festklammert. Ich verstehe. Deshalb gibt es bei anderen Sportarten wie bei Basketball ja auch Zeitregeln dagegen. Zusammengefasst kann man also sagen, Fußball ist im Kern der Versuch, Menschen davon abzuhalten, sich wie Primaten am Ball festzukrallen, so wie das zum Beispiel bei Football der Fall ist. Das ist gar nicht so falsch, denn bei den frühen Ballspielen, war Handspiel wirklich erlaubt, genauso wie der Rest des Körpers und viele Varianten waren, sagen wir mal, robust, ähnlich wie die Primaten beim Football. Okay, ich glaube, jetzt haben wir uns gerade viele Feinde zugezogen. Lassen wir das mit dem Football, aber bleiben bei dem Stichwort robust, das ja Sportjournalisten gerne dann benutzen, wenn so ein Spiel in eine Stegerei ausgeartet ist. Ja, tatsächlich waren viele dieser frühen Fußballspiele, die es in ganz vielen antiken Kulturen gab, nicht einheitlich und gab es in ganz unterschiedlichen Formen, aber sie waren sehr, sehr robust. Und eins davon ist zum Beispiel aus Griechenland, aber auch aus dem antiken Rom und das ist Hasbaton. Das wurde wahrscheinlich von Legionären und Soldaten gespielt und die Teams versuchten, einen Lederball über die Linie zu bringen und dabei ging es ziemlich körperlich zu. Handspiel war erlaubt und es ist ein bisschen wie Rugby oder Football. Okay, also es ging einfach darum, bring den Ball rüber, egal wie. Genau, und solche Spiele gibt es tatsächlich weltweit. Also Spiele mit Fuß und aber auch teilweise mit sehr hartem Körpereinsatz. In China gab es Chuyo, in Japan Kemari und in Südamerika Pogta Pog. Und das ist alles nicht Fußball im eigentlichen Sinne, aber zeigt, die Idee, irgendwie mit dem Ball zu spielen, ist halt uralt und war auf der ganzen Welt verbreitet. Okay, das heißt, die wahre Sensation ist nicht der Fuß an sich, sondern die Sensation ist, dass man eine Regel erlassen hat, nur noch mit dem Fuß. Lias, jetzt sag mal, wer kam denn auf diese Idee? Wer hat die Regel festgelegt? Ja, die Idee kam natürlich nicht von einer einzigen Person. Das hat sich so nachher nachentwickelt, aber der moderne Fußball, wie wir ihn heute kennen, stammt aus England. Okay, und da hat die Football Association 1836 die ersten Regeln festgelegt, die Laws of the Game. Genau, und die haben gesagt, dass der Ball hauptsächlich mit dem Fuß gespielt wird und Hände nur begrenzt benutzt werden. Wichtig dabei war Ebenezer Kropp-Morley, das war der Präsident von der FA und hat stark an den Regeln mitgearbeitet. Kurz gesagt, kein einzelner Erfinder war daran beteiligt, aber 1863 wurden die Regeln entscheidend festgelegt. Okay, Burg, ordne uns das doch mal ein. Was ist am Jahr 1863 für den Fußball so wichtig? Die wichtigste Regel ist, es dürfen keine Büsche mehr auf dem Spielfeld stehen. Nee, also 1863 ist quasi die Geburtsstunde des modernen Fußballs, deshalb sagt man auch, obwohl es ganz viele Ursprünge des Fußballs gibt, aber das Mutterland des Fußballs ist England und da gibt es nämlich eine entscheidende Regeltrennung und früher gab es viele Mischformen zwischen Rugby, haben wir jetzt schon gehört und, Fußball und jetzt ist es eine klare Trennung. Härter mit Hand ist Rugby, Fuß und ein bisschen filigraner ist der Fußball. Das ist eine dieser historischen Weggabelungen, von denen man sich vorstellen könnte, dass es auch ganz, ganz anders hätte laufen können. Vielleicht wäre der FC Bayern dann ja heute Deutscher Meister im Rugby geworden. Ja, Deutscher Rekordmeister im Rugby, kann man sich gut vorstellen. Burg, du hast mir erzählt, dass es eine Phase im Mittelalter gab, in der Fußball, sagen wir mal, völlig aus dem Ruder lief und nicht nur robust war, sondern in teils orgiastische Gewalt ausartete. Was war denn da los? Also genau, da hatten nicht die Hooligans oder Ultras ihr Finger im Spiel, sondern ganze Dörfer. Und im Mittelalter spielte man quasi Fußball, eine Art Fußball mit ganzen Dörfern gegeneinander. Und Regeln, naja, war eher so ein Vorschlag. Die einzige Regel war, der Ball musste durch das Dorftor, das Stadttor des Gegners gebracht werden. Wie viele Spieler daran beteiligt waren, Egal, wie er da hinkam, auch egal. Ja, und das klingt wirklich nach Chaos und das war es auch. Okay, ja, das klingt wirklich mehr nach Krieg und Eroberungsfeldzug. Genau, und das ging so weit, dass in England 1314 ein Verbot ausgesprochen wurde und. Der Lord Major von London hat dieses Football verboten, weil das eben zu brutal wurde und zu viel Unruhen verursacht wurde. Okay, ich sehe Parallelen. Heute wird Fußball ja auch viel kritisiert, weil er eben so extreme Emotionen weckt. Damals hat man ihn dann einfach verboten, damit eben nicht eine ganze Stadt zerlegt wird. Klick nach Derby-Tag zwischen HSV und Sam Pauli. Ja, ja, Elias, ich sehe da in deinen Augen schon eine ganz gefährliche Begeisterung. Birk, jetzt sag mal, wie wurde denn aus diesem Volkschaos der Sport, den wir heute kennen? Also dieser raue Folk-Football geriet zwar in Verruf, aber an englischen Internatsschulen, konnte man diese Grundidee von Ich bringe den Ball durch ein Tor nicht verbieten und die Pädagogen machten so ab. 1830, was ganz schlau ist, sie kanalisierten das Ganze und gaben dem Ganzen so ein bisschen Regeln. Denn Fußball war gut für die körperliche Ertüchtigung. Man konnte damit Aggressionen auffangen. Es gab Fairplay und Teamgeist wurde trainiert mit diesen Regeln. Und genau, das war auch wichtig, weil die Schulen nämlich anfingen, gegeneinander zu spielen. Und da sollte ja nicht einfach die Hälfte der Schüler aufeinander stürzen und sich verhauen. Okay, also hat man gesagt, Wenn ihr euch schon kloppt, dann wenigstens geordnet. Das macht Sinn. Jetzt lasst uns doch aber mal das Spielfeld anschauen. Lias, seit wann spielt man eigentlich auf Rasen? Rasen war irgendwann in den späten 1800ern der Standard im organisierten Verein. Vorher gab es oft harte Felder, Wiesen oder sogar Straßen. Rasen ist gleichmäßiger, es gibt weniger unkontrollierte Aufsetzer. Der Ball rutscht nicht so über jeden Kiesel. Okay, sag mal, und weiß man denn auch, wo der erste Rasenplatz war? Es gibt nicht den einen Rasenplatz. Vieles kam aus den englischen Schulen und Unis, Cambridge und Eden. Oft genannt als erster Rasen wird Parkers Peace in Cambridge. Da wurden mitten in 1900 Jahren schon auf Gras gespielt mit frühen Fußballregeln. Aber Stadion, wie wir sie heute kennen, kam erst später, als es organisierter wurde. Genau, organisierter passt ganz gut, weil erst wurde auf Gras gekickt, dann mit Regeln. Dann entstanden Vereine und bald kamen auch die Zuschauermassen. Okay, und dann kommt die Frage, die man sich immer stellt, wenn man in so einem Stadion sitzt und auf dieses riesige Feld schaut. Wer hat die Linien erfunden? Wer hat die Längen erfunden? Warum ist alles so exakt? Das muss doch auch irgendwann mal jemand festgelegt haben, Lias. Die Linien sind natürlich Grenzen, damit man weiß, wann ein Tor gefallen ist. Ursprünglich wurde da viel improvisiert mit Stein, Stöcken oder Kreide. Mit der Zeit wurden dann offizielle Linien zum Standard. Damit man nicht bei jeder Szene diskutiert. Abseits Einwurf, Freistoß und so weiter. Genau, war der noch drin? Nein, doch, Schiri, Skandal. Also, Linien sind quasi eine Konfliktprävention. Nächste praktische Frage, Lias. Das Feld ist riesig und trotzdem ist es nicht überall exakt gleich los. Was ist da eigentlich los? Wann und was ist da festgelegt? Die Grundmaße gibt es seit dem 19. Jahrhundert, als Regeln festgelegt wurden. Anfang gab es verschiedene Regelwerke. Später wurden Mindest- und Höchstmaße festgelegt, damit nicht einer auf einem Minifeld spielt und der andere auf einem Acker. Heute gilt im Profibereich ungefähr Länge 90 bis 120 Meter, die Breite 45 bis 90 Meter. International meistens die Länge 100 bis 110 Meter, Breite 64 bis 65 Meter. Und die Linien sind weiß wegen des Kontrasts auf grünem Rasen. Okay, das klingt doch irgendwie ganz schön, dass es eben nicht so festgegossen ist. Ich liebe diese Mischung aus Freiheit und Kontrolle. Du darfst variieren, aber eben nur innerhalb klarer Grenzen. Es gibt ja auch auf manchen Inseln einfach Spielfelder, die nicht größer sein dürfen. Und dann nimmt man eben diese 90 in der Länge. Und genau, bei den normalen ist es dann die 120 Meter. Aber durch solche Regeln werden halt Spiele vergleichbarer. Das ist vielleicht ein bisschen langweilig auf den ersten Blick, aber es ist halt auch die Voraussetzung dafür, dass Fußball professionell gespielt wird. Und jetzt die Frage nach der Zahl, die uns so selbstverständlich vorkommt, dass wir kaum noch drüber nachdenken, warum elf Spieler. Elf hat sich historisch so eingependelt, auch in Formation und Rollenverteilung. Und je größer das Team, desto mehr Abstührende und Kombinationsmöglichkeiten. Irgendwann wurde elf gegen elf zum Standard, auch weil man nicht dauerhaft jedes Mal neu verhandeln wollte, ob heute 14 gegen 10 geht. Das stelle ich mir gerade vor. Wir sind heute 14, ihr seid 10, passt schon Champions League Finale, Bayern gegen Paris zum Beispiel. Aber kommen wir zur letzten Regel, zu der ultimativen, an der schon Freundschaften zerbrochen sind. Abseits oder nicht abseits. Lias, was sagst du? Abseits macht das Spiel einfach spannender und verhindert, dass Leute einfach nur die ganze Zeit vor dem Tor campen. Ohne Abseits gäbe es einfach Dauerstrategien. Ball nach vorn, Tor fertig, das wäre ultra langweilig. Abseits sorgt für Taktik, Passspiel und Timing. Okay, und natürlich für großes Drama, wenn der Pass im falschen Moment kommt. Also Abseits ist wie ein eingebauter Strategiezwang. Nur nach vorne rennen reicht einfach nicht, oder Birk? Total. Und das Lustige ist, auch wenn wir heute diese Abseitsregeln kennen, wo man quasi mit einem Fingernagel im Abseits steht und dann wird abgepfiffen dank Technologie. Diese Abseitsregel gibt es schon in den allerersten Regelwerken. Und wie gesagt, alles, was 1863 gab, festgelegt wird. Vieles davon gilt einfach heute noch, inklusive dieser Abseits-Idee. Okay, sag, Birg, wann wurde Fußball denn so richtig groß? Das war am Anfang, war Fußball so ein Elitending. Also die Schüler in den Schulen, in den Eliteschulen, spielten Fußball. Das waren Studenten aus gutem Hause. Aber dann, Ende des 19. Jahrhunderts, hatten Arbeiter plötzlich mehr Freizeit und auch Geld für Ausrüstung und Eintritt. Und das führte dazu, dass Arbeiterclubs gegründet wurden und mehr Leute zu den, Spielen kamen. Okay, Arbeiter gegen Oberschicht. Genau, und da gab es so ein ganz legendäres Pokalfinale 1883 und da trafen die Blackburn Olympics eine Arbeitermannschaft auf die Old Eatons von einer Eliteschule und, Tatsächlich gewannen die Arbeiter und die Elite beschwerte sich, dass diese Arbeiter tatsächlich schon wie Profis trainieren würden und wollten das Profitum verbieten. Hat aber nicht richtig geklappt. Okay, ja, das Spiel endete 2-1 nach Verlängerung für die Blackburn Olympics. Klingt nach Stoff für ein Drehbuch, ne? Das wurde tatsächlich verfilmt, eine sehr spannende Serie, The English Game auf Netflix. Und dieses Match war wirklich ein prägendes Ereignis, denn kurz danach, 1888, entstand die erste Football League. Das war sozusagen auch die erste professionelle Liga. Und 1900 waren dann alle bei allen wichtigen Spielen schon 100.000 Zuschauer in den Stadien, jedenfalls in England. 100.000. Das ist dann sozusagen der Moment, wo aus einem Spiel eine Industrie wird. Ja, und wenn 100.000 Leute im Stadion sind, muss bei den Regeln auch alles stimmen, sonst eskaliert wieder wie 1314. Genau, Krieg. Sag mal, Birg, kommen wir mal zu Deutschland. Da war Fußball ja nicht so früh populär. Da war Turnenlange der Volkssport Nummer 1. Warum hat das mit dem Fußball bei uns so lange gedauert? Ganz lange gedauert hat es nicht, aber tatsächlich Ende des 19. Jahrhunderts war Turnen der Volkssport, auch vom Militär geprägt, Disziplin, Drill, aber eben auch ein bisschen langweilig und Fußball wirkte dagegen völlig chaotisch, aber eben auch attraktiv und Sportlehrer brachten den Sport aus England mit, haben den mit ihren Schülern gespielt und die waren richtig begeistert und daraus entstanden ganz schnell Teams, Clubs und ja auch eine Liga. Genau und dann wird es offiziell, der DFB wird gegründet, der Deutsche Fußballbund. Genau, in England 1900 spielen die schon vor 100.000 Fans, in Deutschland 1900 die gründen den ersten Fußballbund. Es geht aber ganz schnell, 1903 gibt es dann auch schon das erste Meisterschaftsfinale. Übrigens, Meister wird nicht FC Bayern, sondern der VfB Leipzig. Okay, ja, den gibt es ja schon gar nicht mehr. Aufgelöst 1945. Aber jetzt passend zum Start der WM. Müssen wir natürlich darüber sprechen, wie dieses Turnier überhaupt entstanden ist. Wann gab es die erste Weltmeisterschaft und wo, Lias? Die erste Fußball-Weltmeisterschaft fand 1930 in Uruguay statt. Okay, und warum ausgerechnet Uruguay, Birk? Die waren schon sehr erfolgreich im Fußball. Die hatten zweimal Olympia-Gold gewonnen und feierten außerdem noch den 100. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Und zur ersten WM reisten nicht so viele Nationen wie heute an, nämlich nur 13. Und aus Europa waren nur vier dabei und die sind auch mit dem Schiff gefahren. Und das hat einfach mal drei Wochen gedauert. Okay, und warum findet die WM alle vier Jahre statt? Das ist ja inzwischen genauso heilig als Regel wie die Abseitsregel. Das hat ganz spannende Gründe eigentlich. Und zwar, diese Vierjahrestaktung sorgt dafür, dass ein WM-Turnier selten, aber auch groß bleibt und gut in den Kalender passt. Die Qualifikation, dann gibt es nationale Ligen, kontinentale Turniere wie die Europameisterschaft. All das braucht Zeit. Und wenn man einfach WM zu häufig spielt, verliert das ihren Ausnahmekarakter. Das sieht man zum Beispiel beim Handball, wo es alle zwei Jahre das gibt. Dann würde es nämlich auch alle zwei Jahre eine EM geben. Und dieser Vierjahresrhythmus, der ist sportlich planbar und das Ereignis bleibt einfach total besonders. Außerdem, vier Jahre sind lang genug, dass man zwischen zwei WMs vergisst, wie sehr man sich beim letzten Mal aufgeregt hat. Das ist doch eine gute Begründung und ein schönes Schlusswort für diese Folge. Eine Frage bleibt mir noch. Wer wird Weltmeister? Euer Tipp. Ja, natürlich würde ich am liebsten Deutschland sagen, aber aufgrund des Kaders sage ich Frankreich. Und Birg, was sagst du? Ich würde jetzt mal auf Spanien tippen. Dann halte ich die Fahne hoch und tippe Deutschland. An dieser Stelle bleibt mir noch zu sagen, danke Birg, danke Lias, hat Spaß gemacht mit euch. Danke für die Einladung, hat super Spaß gemacht. Auf eine gute WM. Damit tschüss, bis zur nächsten Woche. Dann lädt meine Kollegin Anne wieder zum schneller Schlaugespräch. Bis dahin sage ich Tschüss, bleibt neugierig und haltet uns die Daumen.