WEBVTT

00:00:17.189 --> 00:00:22.195
Das ist mein persönlicher Horror-Ohrwurm. Blue von Eiffel 65,

00:00:22.195 --> 00:00:26.500
einer italienischen Band, quasi der Ferrari unter den Ohrwürmern.

00:00:26.767 --> 00:00:32.247
Einmal gehört und er rotiert durchs Gehirn wie ein neurobiologischer Parasit.

00:00:32.874 --> 00:00:38.195
Was Ohrwürmer aber auch zeigen, ist die Macht der Musik, welchen Einfluss sie

00:00:38.195 --> 00:00:39.863
auf uns und unsere Psyche hat.

00:00:40.240 --> 00:00:44.855
Darum geht es heute bei Schneller Schlau. Mein Name ist Andreas Albes und mir

00:00:44.855 --> 00:00:50.425
gegenüber am Mikrofon steht der PM-Autor und studierte Musikjournalist Börg

00:00:50.425 --> 00:00:53.267
Grühling. Hallo Börg. Hallo Andreas, danke für die Einladung.

00:00:53.592 --> 00:00:56.875
Kannst du dich an deinen letzten Uhrwurm erinnern? Natürlich,

00:00:56.875 --> 00:01:00.525
und zwar bei der Vorbereitung auf diese Folge habe ich den Song Wannabe von

00:01:00.525 --> 00:01:02.375
Spice Girls gehört und er blieb mir im Ohr.

00:01:07.315 --> 00:01:09.795
Mit diesem Ohrwurm scheine ich übrigens überhaupt nicht allein zu sein.

00:01:09.795 --> 00:01:14.025
Laut der Universität in Amsterdam ist es nämlich der ansteckendste Song der

00:01:14.025 --> 00:01:17.602
Welt. Okay, sag mal, wie haben die Forscher das denn rausgefunden?

00:01:17.945 --> 00:01:23.587
Das ist ganz witzig. Die haben einfach 50.000 Menschen besonders eingängige Songs vorgespielt.

00:01:24.167 --> 00:01:29.475
Und im Durchschnitt haben die nur 2,3 Sekunden gebraucht, um den Song zu erkennen.

00:01:29.475 --> 00:01:34.615
Und den höchsten Wiedererkennungswert hatte Wannabe von Spice Girls gleich gefolgt von Numbo No.

00:01:34.615 --> 00:01:39.365
5 und Eye of the Tiger. Also Songs, wo man sofort keinen Takt braucht,

00:01:39.365 --> 00:01:44.645
um sie zu erkennen. Absolut, aber trotzdem 2,3 Sekunden, das ist ja bald weniger

00:01:44.645 --> 00:01:47.980
als ein Takt oder es ist weniger als ein Takt. Und trotzdem...

00:01:48.798 --> 00:01:53.502
Bleibt der Song so im Ohr hängen? Ich muss ja beim Wort Ohrwurm immer an diese

00:01:53.502 --> 00:01:57.752
Ohrenkneifer denken, diese kleinen Käfer, von denen man als Kind immer glaubte,

00:01:57.752 --> 00:01:59.851
die würden in die Ohren kriechen.

00:02:00.251 --> 00:02:05.102
Aber daher kommt ja auch der Name, eine Melodie, die sich eben wie ein Wurm

00:02:05.102 --> 00:02:07.201
mit Widerhaken im Ohr festsetzt.

00:02:07.635 --> 00:02:12.366
Was weiß man denn darüber, wie so ein Ohrwurm entsteht? Was passiert da im Gehirn?

00:02:12.649 --> 00:02:15.882
Ohrwürmer sind vielleicht so eine Art akustische Erinnerung,

00:02:15.882 --> 00:02:19.022
die wir aber gar nicht bewusst steuern können. Auch andere Erinnerungen,

00:02:19.022 --> 00:02:21.856
wie zum Beispiel Erinnerungen an einen Geruch oder so etwas,

00:02:22.146 --> 00:02:23.789
kommen uns auch einfach so in den Sinn.

00:02:24.143 --> 00:02:30.616
Und diese akustischen Erinnerungen setzen sich vermutlich in unserem Schläfenlappen im Gehirn fest.

00:02:30.866 --> 00:02:34.542
Da gibt es so etwas Ähnliches wie eine Art Gesangszentrum, weil da auch das

00:02:34.542 --> 00:02:39.498
normale Singen angesprochen wird. Und bei einem Ohrwurm singen wir eben innerlich und ganz still mit.

00:02:40.101 --> 00:02:42.286
Und spannenderweise können sogar

00:02:42.286 --> 00:02:45.837
Menschen mit starker Hirnbeeinträchtigung Ohrwürmer bekommen. Spannend.

00:02:46.162 --> 00:02:50.481
Sag mal, wann tritt denn so ein Ohrwurm besonders intensiv auf?

00:02:50.922 --> 00:02:54.446
Wenn wir so ein bisschen die Gedanken schweifen lassen und wenig Konzentration

00:02:54.826 --> 00:02:58.613
brauchen. Also z.B. beim Bügeln, beim Spazierengehen, kurz vorm Einschlafen.

00:02:59.043 --> 00:03:02.046
Und das Gehirn schlendert quasi herum und braucht Beschäftigung.

00:03:02.046 --> 00:03:05.301
Und dann holst einfach mal Wannabe raus und spielt es ab.

00:03:05.521 --> 00:03:08.012
Das Gehirn schlendert herum, das gefällt mir.

00:03:08.302 --> 00:03:12.892
Sag mal, kann man denn auch sagen, wer besonders anfällig ist für Ohrwürmer?

00:03:13.032 --> 00:03:15.666
Also tatsächlich, wir beiden müssten ein bisschen anfälliger sein,

00:03:15.986 --> 00:03:19.266
weil wir viel Musik hören. Du spielst sogar noch ein Instrument.

00:03:19.684 --> 00:03:25.350
Die scheinen sozusagen ein besseres auditives Gedächtnis zu haben und springen leichter auf Musik an.

00:03:26.226 --> 00:03:30.389
Was mich bei Ohrwürmern ja besonders stört, dass es ganz oft Songs sind,

00:03:30.696 --> 00:03:34.336
die man gar nicht mag. Also schlimmer als Dabbedee Dabbedei.

00:03:34.336 --> 00:03:36.147
Das war ja gar kein schlechter Song.

00:03:36.496 --> 00:03:42.434
Aber die Eingängigkeit scheint ja nicht unbedingt von der musikalischen Qualität bestimmt zu sein.

00:03:42.765 --> 00:03:47.519
Ich denke an einige Werbe-Jingles. Also im Ohr ist mir immer noch ganz furchtbar,

00:03:47.728 --> 00:03:52.279
das ist die Joghurette, die schmeckt so himmlisch Joghurtleicht. Furchtbar.

00:03:52.593 --> 00:03:55.199
Aber warum ist das so? Warum bleiben solche Sachen hängen?

00:03:55.727 --> 00:03:59.306
Ich glaube, die Eingängigkeit ist da ein großes Argument und das wird noch viel

00:03:59.306 --> 00:04:03.140
verrückter. Und zwar gibt es eine Studie der University of California.

00:04:03.651 --> 00:04:09.118
Und zwar hat ein Team dort 30 Menschen gebeten, ihren Ohrwurm nachzusingen und

00:04:09.351 --> 00:04:10.486
so ein bisschen aufzuzeichnen.

00:04:10.486 --> 00:04:15.254
Und das Ergebnis war wirklich verblüffend. 44 Prozent der Aufnahmen stimmten,

00:04:15.724 --> 00:04:20.961
in der Originaltonhöhe überein und 70 Prozent wichen kaum einen Halbton ab.

00:04:21.291 --> 00:04:26.206
Und das legt nahe, dass ein großer Teil der Bevölkerung wirklich ein sehr gutes

00:04:26.206 --> 00:04:27.903
musikalisches Gehör haben.

00:04:28.518 --> 00:04:33.060
Und das ohne zu wissen und nur bei Ohrwürmern. Da müssen wir nachher mal reinspielen,

00:04:33.060 --> 00:04:36.523
ob ich mit der Jogurette-Performance auch die Tonhöhe getroffen habe.

00:04:36.935 --> 00:04:41.097
Aber jetzt ist es ja so, dass Ohrwürmer zum Glück nicht ewig bleiben.

00:04:41.352 --> 00:04:44.530
Gibt es denn irgendwas, was dagegen hilft? Also bei mir ist es so,

00:04:44.530 --> 00:04:48.400
wenn es richtig extrem ist, dann muss ich irgendeinen anderen Song hören und

00:04:48.400 --> 00:04:51.770
dann kickt der einfach den Ohrwurm wieder aus meinem Gedächtnis.

00:04:51.770 --> 00:04:55.470
Genau, also du könntest mit Wannabe deinen Joguretten-Ohrwurm verdrehen.

00:04:55.470 --> 00:04:57.720
Nicht unbedingt Wannabe, aber okay.

00:04:58.380 --> 00:05:01.970
Genau, und zwar habe ich noch zwei andere Tipps gefunden. Eine Rechenaufgabe

00:05:01.970 --> 00:05:05.920
lösen. Dabei, das Gehirn kann nicht zwei Sachen gleichzeitig,

00:05:05.920 --> 00:05:06.889
also rechnen und singen.

00:05:07.387 --> 00:05:11.080
Oder Kaugummi kauen. Diese Kaubewegung unterbricht sozusagen das innere Singen

00:05:11.080 --> 00:05:13.087
und beides scheint parallel nicht möglich zu sein.

00:05:13.267 --> 00:05:16.077
Okay, das ist ein guter Tipp. Das muss ich unbedingt mal probieren.

00:05:16.634 --> 00:05:21.800
Aber wenn sich die Forscher so intensiv mit Ohrwürmern auseinandergesetzt haben,

00:05:22.189 --> 00:05:26.690
dann wissen sie doch bestimmt auch, wie Musik sonst im Gehirn wirkt.

00:05:26.690 --> 00:05:28.360
Denn das ist ja nur ein Faktor.

00:05:28.714 --> 00:05:32.200
Genau. Und zwar habe ich ein schönes Zitat gelesen und zwar hat ein Forscher

00:05:32.200 --> 00:05:37.220
gesagt in einem Interview, dass Musik unser komplettes Gehirn anspricht wie

00:05:37.220 --> 00:05:39.490
kaum etwas anderes, war seine Aussage.

00:05:39.490 --> 00:05:43.610
Gut, er war Musikwissenschaftler, aber der erzählt, dass zum Beispiel der auditive

00:05:43.610 --> 00:05:45.430
Kortex angesprochen wird für

00:05:45.430 --> 00:05:49.235
Melodie und Rhythmus, aber auch ein Bewegungszentrum, mit dem wir tanzen.

00:05:49.769 --> 00:05:54.372
Musik hat auch viel mit Emotionen zu tun und da wird das limbische System angesprochen,

00:05:54.691 --> 00:05:58.110
der Hypocampus für Erinnerungen, wenn wir uns zum Beispiel bei einem Song an

00:05:58.110 --> 00:06:01.890
etwas sehr Schönes erinnern und aber auch das Sprachzentrum,

00:06:01.890 --> 00:06:03.643
das Broker-Areal quasi.

00:06:04.270 --> 00:06:09.109
Und ja, kaum etwas anderes schafft es, so viele Bereiche auf einmal zu mobilisieren.

00:06:09.538 --> 00:06:13.037
Und würde man mein Gehirn scannen und Wannabe spielen, wären wahrscheinlich

00:06:13.037 --> 00:06:16.858
alles rot und würde flackern und würde die Reaktionen zeigen.

00:06:17.880 --> 00:06:21.607
Okay, also ich bin jetzt nicht so ein großer Spice-Girl-Fan,

00:06:21.607 --> 00:06:22.857
aber du ja offensichtlich schon.

00:06:23.807 --> 00:06:27.427
Genau, aber bei dir wäre die Reaktion noch viel, viel stärker,

00:06:27.427 --> 00:06:30.907
weil du nämlich Musiker bist und ein Instrument spielst.

00:06:31.937 --> 00:06:36.167
Weil nämlich Forschende haben eineigige Zwillinge untersucht und bei denen war

00:06:36.167 --> 00:06:38.917
einer, der hat ein Musikinstrument gespielt, der andere nicht.

00:06:39.335 --> 00:06:43.213
Und die haben festgestellt, dass bei denen, die ein Musikinstrument beherrschen,

00:06:43.823 --> 00:06:49.157
die Reaktion auf Musik viel stärker ausfiel und die rechte und linke Gehirnhälfte

00:06:49.157 --> 00:06:53.377
irgendwie ein bisschen besser miteinander kommuniziert und eben dann auch reagiert.

00:06:53.377 --> 00:06:57.977
Und ja, die Musiker müssen also vorausdenken, welche Bewegungen sie ausführen

00:06:57.977 --> 00:07:01.527
und vielleicht auch noch ein bisschen, ob sie was richtig gespielt haben.

00:07:01.527 --> 00:07:05.184
Und das Gehirn scheint sich auf diese Anforderungen anzupassen und eben,

00:07:05.416 --> 00:07:09.468
wenn sie ein Musikstück dann hören, sofort in den Arbeitsmodus zu schalten.

00:07:09.706 --> 00:07:14.287
Aber das nutzt ja inzwischen sogar die Medizin, zum Beispiel bei Demenzpatienten

00:07:14.287 --> 00:07:20.735
im Frühstadium, wo Musik die Formbarkeit des Gehirns trainieren und erhalten soll.

00:07:21.327 --> 00:07:25.667
Genau. Und zwar auch bei Parkinson oder nach Schlaganfällen wird viel mit Rhythmus

00:07:25.667 --> 00:07:28.727
und Gesang gearbeitet, um einfach die Motorik zurückzugewinnen.

00:07:28.727 --> 00:07:32.777
Und eben die Musik scheint diese betroffenen Areale zu stimulieren und so ein

00:07:32.777 --> 00:07:37.017
bisschen neu zu vernetzen. Und ein Instrument zu lernen oder zu spielen ist

00:07:37.017 --> 00:07:39.352
also definitiv gut für den Kopf in jedem Alter.

00:07:39.747 --> 00:07:43.421
Jetzt sag mal, was ist eigentlich mit dem berühmten Mozart-Effekt?

00:07:43.746 --> 00:07:48.257
Da gab es ja in den 90er Jahren mal eine Psychologiedozentin aus Wisconsin,

00:07:48.257 --> 00:07:52.947
die hat behauptet, Ihre Studenten würden räumliche Aufgaben besser lösen,

00:07:52.947 --> 00:07:56.703
wenn sie zuvor ein Stück von Mozart gehört haben.

00:07:57.203 --> 00:08:01.968
Und damit war damals in den USA und weltweit der Mozart-Effekt geboren.

00:08:02.328 --> 00:08:08.975
Eine ganze Industrie ist entstanden sogar mit Baby-CDs und pädagogischen Versprechungen.

00:08:09.125 --> 00:08:14.745
Das ging ja so weit, dass Schwangere ihre noch ungeborenen Kinder mit Klassik beschallt haben.

00:08:15.000 --> 00:08:18.911
Jetzt die Frage, gibt es da wirklich einen Zusammenhang oder ist das Quatsch?

00:08:19.371 --> 00:08:23.551
Also ich würde sagen, das ist Quatsch. Es gibt irgendwie solche Zusammenhänge

00:08:23.551 --> 00:08:29.001
schon, dass sozusagen, wenn man ein Violinkonzert hört, dass das Lernen vielleicht

00:08:29.001 --> 00:08:30.122
ein bisschen leichter ist.

00:08:30.610 --> 00:08:33.814
Aber das gilt vor allen Dingen für Leute, die musikalisch geschult sind.

00:08:34.110 --> 00:08:40.311
Nichtsdestotrotz, Baby-CDs mit Klassik sind toll. Es gibt sogar eine Klassik-Baby-CD,

00:08:40.671 --> 00:08:45.431
auf der Metal-Songs von Metallica und Co. klassisch aufbereitet werden für Babys.

00:08:46.585 --> 00:08:49.351
Okay, das kann ich mir vorstellen, dass das ganz gut ankommt.

00:08:49.351 --> 00:08:54.457
Also sag mal, dann wird ja aber oft behauptet, dass Musik Kinder schlauer macht.

00:08:54.863 --> 00:08:59.011
Und umgekehrt frage ich mich aber, ob es nicht eher so ist, dass die schlauen

00:08:59.011 --> 00:09:01.224
Kinder eher zu einem Instrument greifen.

00:09:01.706 --> 00:09:05.111
Gibt es dazu eine Theorie? Was sagt die Forschung? Genau, das wird genau so

00:09:05.491 --> 00:09:07.261
strittig auch diskutiert.

00:09:07.261 --> 00:09:12.671
Also klar, Familien, die darauf achten, dass ihre Kinder Musikinstrument lernen,

00:09:13.051 --> 00:09:16.381
kommen häufig aus einem Bildungshaushalt und haben deshalb häufig auch eine

00:09:16.381 --> 00:09:19.904
höhere Bildung und bessere Schulnoten. Das ist leider so.

00:09:20.671 --> 00:09:25.441
Was aber unstrittig ist, gemeinsames Musizieren steigert die Sozialkompetenz.

00:09:25.441 --> 00:09:28.235
Und zwar gibt es eine Langzeitstudie in Berliner Grundschulen.

00:09:28.600 --> 00:09:32.121
Und die hatten Musikunterricht. Und die haben festgestellt, dass die Anzahl

00:09:32.121 --> 00:09:36.031
der ausgegrenzten Kinder singt und das Schulklima besser wurde,

00:09:36.031 --> 00:09:37.911
wenn die alle regelmäßig zusammen singen.

00:09:38.251 --> 00:09:42.251
Das ist ja ein gutes Argument für Musikunterricht. Da fällt mir auch eine schneller

00:09:42.251 --> 00:09:45.876
Schlauffolge ein, die wir mal aufgenommen haben. Ich glaube, vor anderthalb Jahren.

00:09:46.143 --> 00:09:48.146
Nämlich über Singen unter der Dusche.

00:09:48.511 --> 00:09:53.823
Und da hatten wir auch über das verbindende Element von gemeinsam musizieren gesprochen.

00:09:54.073 --> 00:09:58.811
Unser Körper schüttet dabei Oxytocin aus, dieses Bindungshormon,

00:09:58.811 --> 00:10:00.190
auch Kuschelhormon genannt.

00:10:00.747 --> 00:10:05.049
Das eben unsere Verbindung zu anderen stärkt. Das heißt, Musik macht einfach

00:10:05.049 --> 00:10:08.148
glücklich, ganz egal, ob allein oder in der Gemeinschaft.

00:10:08.520 --> 00:10:12.990
Genau, singen macht natürlich glücklich, wie wir damals festgestellt haben, zusammen singen.

00:10:13.367 --> 00:10:17.587
Es gibt aber auch noch eine andere Studie aus Finnland. Dort haben Forscher

00:10:17.895 --> 00:10:22.569
sich die Gehirne von 30 Frauen angeschaut, während ihre Lieblingsmusik lief.

00:10:22.569 --> 00:10:26.519
Okay, die haben die gescannt? Gescannt, genau, die lagen im CT quasi.

00:10:26.519 --> 00:10:32.169
Und danach, daneben lief ihre Lieblingsmusik. Und lustigerweise schien dieses

00:10:32.169 --> 00:10:37.429
Hören von, was auch immer, sozusagen das Opeljadzentrum des Gehirns anzusprechen.

00:10:37.429 --> 00:10:41.539
Also das sozusagen auch bei der Befriedigung von Lust, Durst,

00:10:41.539 --> 00:10:44.629
Hunger oder so aktiv wird. Man wurde quasi glücklicher. Okay,

00:10:44.629 --> 00:10:50.740
aber jetzt sagst du gerade die Befriedigung von Hunger und Durst und sexueller Lust.

00:10:51.076 --> 00:10:54.617
Das sind ja die stärksten menschlichen Bedürfnisse eigentlich.

00:10:55.012 --> 00:10:58.499
Und deutlicher kann man die Macht von Musik ja kaum erklären.

00:10:58.870 --> 00:11:03.735
Was ich mich aber oft frage, Musik ist ja von Land zu Land unterschiedlich.

00:11:04.159 --> 00:11:08.139
Gibt es da kulturelle Unterschiede, wie ein Lied auf uns wirkt?

00:11:08.139 --> 00:11:11.612
Also nehmen wir mal ein Requiem. Das klingt für mich jetzt traurig.

00:11:11.990 --> 00:11:15.929
Aber wie empfindet das jemand aus einem ganz anderen Kulturkreis?

00:11:15.929 --> 00:11:18.392
Also keine Ahnung, irgendwo in Asien, Afrika oder so.

00:11:18.509 --> 00:11:22.682
Ich habe mich gerade für ein Kindersachbuch durch K-Pop-Songs gehört.

00:11:23.100 --> 00:11:27.709
Da versteht man sehr wenig, aber man erkennt schon, wenn die über Liebe singen

00:11:27.709 --> 00:11:29.625
oder es eher traurig zugeht.

00:11:29.857 --> 00:11:34.869
Und ich glaube, selbst wenn wir einen Song aus Ghana hören, auf der Landessprache,

00:11:34.869 --> 00:11:37.793
eine der Landessprachen, würden wir sofort erkennen, okay ...

00:11:38.401 --> 00:11:43.074
Da ist es jetzt vielleicht nicht gerade fröhlich oder so. Also das würde uns schon berühren.

00:11:43.475 --> 00:11:48.745
Und vielleicht würde sie ein bisschen geringer ausfallen, als etwas,

00:11:48.745 --> 00:11:50.830
was wir kennen oder wo wir den Text verstehen.

00:11:51.161 --> 00:11:56.419
Lustigerweise gibt es dazu auch Studien mit Babys, die ja wirklich noch wenig verstehen.

00:11:56.738 --> 00:12:00.935
Und da wurde festgestellt, dass Wiegenlieder in allen Ländern ähnlich funktionieren.

00:12:00.935 --> 00:12:04.725
Also langsames Tempo, getragene Melodie, viele Wiederholungen.

00:12:04.725 --> 00:12:08.992
Und in allen Kulturkreisen schlafen die Kinder ein. Egal auf welcher Strache.

00:12:09.265 --> 00:12:14.966
Jetzt kann man ja dank Musikplattformen wie Spotify doch bestimmt gut nachvollziehen,

00:12:15.372 --> 00:12:19.255
welche Musikpräferenz in welchem Land herrscht.

00:12:19.255 --> 00:12:24.565
Also wie unterscheiden sich die Länder dabei? Zum Glück gibt es zu jedem verrückten Thema eine Studie.

00:12:25.185 --> 00:12:30.111
Und es gibt tatsächlich eine Spotify-Analyse zu gestreamten Songs aus 51 Ländern.

00:12:30.674 --> 00:12:35.318
In allen Kulturen wird quasi abends eher entspannte Musik gehört,

00:12:35.451 --> 00:12:39.120
Tagsüber eher, ja, energiegeladen.

00:12:39.486 --> 00:12:42.305
Nur was ist eben energiegeladen, ist ein bisschen unterschiedlich.

00:12:42.957 --> 00:12:47.395
Menschen in Asien hören auch energiegeladen eher ruhigere Musik.

00:12:47.395 --> 00:12:51.285
In Lateinamerika gibt es eben heiße Latino-Rhythmen.

00:12:52.871 --> 00:12:58.271
Absolutes Klischee, aber eben fernöstliche Philosophie ist ja die Kraft aus

00:12:58.271 --> 00:13:04.458
der Ruhe beziehen und in Südamerika gibt es eben dieses Lebensgefühl des Tango und Latin.

00:13:04.580 --> 00:13:07.121
Also perfekter kann man es eigentlich nicht zeigen.

00:13:07.461 --> 00:13:11.087
Also erzeugt Musik auf der ganzen Welt extreme Emotionen.

00:13:11.377 --> 00:13:15.431
Die Unterschiede gibt es nur bei der kulturellen Prägung. Habe ich das so richtig

00:13:15.431 --> 00:13:16.851
zusammengefasst? Absolut.

00:13:17.281 --> 00:13:22.831
Und deshalb gibt es auch manche Forscher, die glauben, dass eben Musik durch

00:13:22.831 --> 00:13:27.561
dieses Gemeinschaftsgefühl am Lagerfeuer bei den Steinzeitmenschen auch entstanden

00:13:27.561 --> 00:13:32.014
ist. Dazu passt natürlich auch, dass die ältesten Instrumente aus dieser Zeit passen.

00:13:32.246 --> 00:13:37.311
Ja, so Knochenflöten waren es doch. Ja, auch die erwähnte Gänsehaut,

00:13:37.311 --> 00:13:41.841
die man kriegt, wenn man etwas sehr Schönes hört, das ist auch so ein Urinstinkt,

00:13:42.301 --> 00:13:45.731
der vermutlich auch schon bei den ganz frühen Menschen auftrat.

00:13:45.731 --> 00:13:49.922
Also man hört einen Chor, eine Solostimme, einen tollen Akkord und plötzlich,

00:13:50.590 --> 00:13:54.881
reagiert unser Körper mit Alarm, als ob sich etwas Unbekanntes nähert.

00:13:54.881 --> 00:13:58.671
Aber diese Alarmbereitschaft ist natürlich irgendwie ein sehr schönes Gefühl.

00:13:58.671 --> 00:14:02.921
Bei Alarmbereitschaft durch Klänge muss, glaube ich, jeder von uns sofort an

00:14:02.921 --> 00:14:05.693
die schrille Geige in Hitchcocks Psycho denken.

00:14:08.811 --> 00:14:14.714
Das klingt ja wie so ein hoher, verzerrter Hilfeschrei und versetzt einen sofort

00:14:14.714 --> 00:14:18.435
in Angst. Also war ja ein genialer Kniff von Hitchcock.

00:14:18.882 --> 00:14:25.099
Aber was funktioniert da eigentlich bei uns und funktioniert das bei allen Menschen gleich?

00:14:25.297 --> 00:14:28.504
Also ich hatte auf jeden Fall bei dieser Geige ziemlich, habe ich mich erst

00:14:28.504 --> 00:14:31.224
mal ziemlich erschrocken und habe auch immer noch Gänsehaut.

00:14:31.549 --> 00:14:36.495
Lustigerweise scheint es aber Menschen zu geben, die emotional für Musik nicht empfänglich sind.

00:14:37.133 --> 00:14:40.813
Schätzungen zufolge sind das ungefähr drei bis fünf Prozent der Bevölkerung.

00:14:41.324 --> 00:14:46.003
Dafür gibt es sogar einen Namen. Die Forschung nennt das musikalische Anhedonie.

00:14:46.514 --> 00:14:50.994
Und da ist aber keine Erkrankung oder so. Und die Menschen holen sich dann eben,

00:14:51.454 --> 00:14:54.975
woanders die Emotionen her, zum Beispiel beim Kochen oder beim Sport.

00:14:55.103 --> 00:14:59.132
Jetzt haben wir ganz viel über die emotionale Wirkung von Musik gesprochen.

00:14:59.294 --> 00:15:04.089
Da denke ich mir doch, dass sich diese Erkenntnisse bestimmt zu Songwritern rumgesprochen haben.

00:15:04.588 --> 00:15:08.574
Gibt es eigentlich den perfekten Popsong? Gibt es dazu auch eine Studie?

00:15:08.574 --> 00:15:12.907
Es gibt, glaube ich, keine perfekte Anleitung für den perfekten Popsong.

00:15:13.041 --> 00:15:20.848
Aber das Max-Planck-Institut hat mal die 80.000 Akkordfolgen von 700 Songs ausgewertet

00:15:21.034 --> 00:15:25.806
und Probanden vorgespielt, ohne Text und Melodie, einfach nur die Akkordfolgen.

00:15:26.491 --> 00:15:30.363
Und das Ergebnis ist der perfekte Popsong. Errätst du den Popsong?

00:15:30.914 --> 00:15:33.904
Jetzt machst du nicht so spannend. Was könnte es sein? Ich habe keine Ahnung.

00:15:34.043 --> 00:15:39.194
Ist es Blue oder ist es Barbaras Rabababa oder so? Nein, bestimmt nicht.

00:15:39.194 --> 00:15:43.784
Es ist ein sehr bekannter Song. Und zwar Opladi, Oplada von den Beatles.

00:15:48.602 --> 00:15:54.988
Wow, Obladi Oblada aus dem Jahr 1968. Das hätte ich jetzt wirklich nicht gedacht.

00:15:55.238 --> 00:15:59.307
Vor allen Dingen, wenn man bedenkt, dass John Lennon den Song gehasst hat.

00:15:59.615 --> 00:16:04.317
Er hat ihn verächtlich Granny Shit Musik genannt, also Oma Mist Musik.

00:16:04.677 --> 00:16:08.078
Ja, er fand ihn wirklich peinlich und hat gesagt, das sei unter seinem Niveau.

00:16:08.473 --> 00:16:13.485
Paul McCartney hatte es komponiert und John Lennon hat bei der Aufnahme angeblich

00:16:13.485 --> 00:16:16.625
war er sehr betrunken, weil er so genervt war von diesem Song und hat einfach

00:16:16.625 --> 00:16:21.705
mit doppeltem Tempo auf dem Klavier gespielt. Also war jetzt nicht sein Lieblingssong auf jeden Fall.

00:16:22.025 --> 00:16:26.289
Nee, hört sich nicht so an. Aber der Rest der Band, der fand ihn ja offensichtlich ganz gut.

00:16:26.683 --> 00:16:29.545
Aber jetzt interessiert mich natürlich die Begründung der Forscher.

00:16:29.801 --> 00:16:32.941
Warum funktioniert dieser Song so perfekt?

00:16:33.144 --> 00:16:36.935
Vielleicht haben wir da auch eine Antwort auf, was braucht ein perfekter Popsong?

00:16:36.935 --> 00:16:42.745
Und zwar ist die Akkordfolge sehr unerwartet, aber trotzdem eingängig und überfordert

00:16:42.745 --> 00:16:45.300
uns nicht, wie Free Jazz zum Beispiel.

00:16:45.660 --> 00:16:49.165
Und genau, das ist für unser Gehirn quasi eine angenehme Überraschung.

00:16:49.165 --> 00:16:53.355
Und dieses Opladi trifft halt so einen Sweet Spot quasi in unserem Gehirn.

00:16:53.355 --> 00:16:57.285
Und wir sind auch nicht sicher, wenn wir das hören, wie das Lied weitergeht.

00:16:57.285 --> 00:17:01.331
Und genau, das ist so ein bisschen, ja, einfach sehr schön, wenn man es hört.

00:17:01.761 --> 00:17:06.575
Übrigens ähnlich perfekt ist Invisible Touch von Genesis und I Want You Back

00:17:06.575 --> 00:17:10.683
von Jackson 5. Okay, das sind jetzt ja alles Oldies.

00:17:10.938 --> 00:17:14.885
Werden heute keine guten Popsongs, keine perfekten Popsongs mehr geschrieben?

00:17:15.838 --> 00:17:19.365
Wahrscheinlich hat es einfach nur niemand mehr analysiert. Aber tatsächlich

00:17:19.365 --> 00:17:23.285
scheinen sich sozusagen Erfolgskriterien für Popsongs zu wandeln.

00:17:23.285 --> 00:17:27.265
Also zum Beispiel ist die Tanzbarkeit seit den 80ern wichtiger geworden.

00:17:27.265 --> 00:17:29.329
Auch das Tempo hat so ein bisschen zugenommen.

00:17:29.665 --> 00:17:34.826
Und rhythmische Variationen, Dreivierteltakt oder Sechsachteltakt sind auch wichtig.

00:17:35.372 --> 00:17:38.297
Und ja, es muss harmonisch sein und nicht zu simpel sein.

00:17:39.052 --> 00:17:42.974
Und die Länge hat sich aber zum Beispiel, das ist das, was man ganz klar auch

00:17:42.974 --> 00:17:49.204
bei Spotify sieht, hat sich sehr geändert. Früher war ein Song drei Minuten

00:17:49.204 --> 00:17:50.649
dreißig, ideal fürs Radio.

00:17:50.829 --> 00:17:55.734
Inzwischen sind die Songs viel kürzer geworden und zwar meistens so zwei Minuten

00:17:55.734 --> 00:17:57.615
dreißig, also eine Minute kürzer.

00:17:58.514 --> 00:18:02.294
Spielt denn auch unsere Gewohnheit, Musik zu streamen eine Rolle?

00:18:02.294 --> 00:18:07.280
Ich meine, früher waren wir einfach dazu verurteilt, einen Song im Radio bis zu Ende zu hören.

00:18:07.594 --> 00:18:13.094
Erst dann kam der nächste und heute klickt man einfach weg. Gemeinsam mit Spotify,

00:18:13.414 --> 00:18:18.745
aber auch TikTok, hat sich da was Grundlegendes verändert. Und die Songs bauen heute anders auf.

00:18:18.995 --> 00:18:22.914
Das ist nicht mehr so, dass es sozusagen so Pre-Chorus und langsam und.

00:18:23.912 --> 00:18:27.754
So ein bisschen Aufbauen der Spannung gibt, sondern die müssen von Anfang an

00:18:27.754 --> 00:18:34.535
super schnell starten, damit sie entweder eben in 60 Sekunden TikToks passen

00:18:34.941 --> 00:18:39.484
oder eben die Menschen im Streaming-Dienst sofort überzeugen und eben nicht

00:18:39.484 --> 00:18:43.344
dazu führt, dass jemand nach wenigen Sekunden sofort wegklickt.

00:18:43.344 --> 00:18:45.334
Okay, jetzt will ich aber, brauche ich mal ein Beispiel.

00:18:45.954 --> 00:18:50.654
Sag mal, was ist denn so ein typischer Song, der auf TikTok passt und der für

00:18:50.654 --> 00:18:54.549
so einen Streaming-Dienst perfekt komponiert ist? Sagt der Harry Styles was?

00:18:55.037 --> 00:18:59.844
As it was, ne? Genau. Das ist zum Beispiel super schnell Synthi-Hook,

00:18:59.844 --> 00:19:04.204
Sekunde eins, kein Aufbau, keine Teasing-Phase für das Ganze,

00:19:04.204 --> 00:19:09.406
sondern einfach schneller Song, ganz kurz und sofort geht's auf die Nase.

00:19:15.310 --> 00:19:18.655
Puh, das ist ja auch ein ganz schöner Ohrwurm. Ja, jetzt müssen wir Kaugummi kauen.

00:19:19.235 --> 00:19:24.395
Danke, ich nehme gerne eins. Falls ich Harry Styles jetzt als neurobiologischer

00:19:24.395 --> 00:19:26.715
Parasit in meinem Ohr festsetzen sollte.

00:19:27.057 --> 00:19:32.409
Aber an dieser Stelle, lieber Birg, ganz herzlichen Dank für diesen Ohrenschmaus. Gern geschehen.

00:19:33.187 --> 00:19:38.922
Dann möchte ich jetzt noch einmal auf unseren Science Slam hinweisen, dessen Partner PM ist.

00:19:39.306 --> 00:19:43.095
Beim Science Slam, da treten Wissenschaftler auf, die ihr Fachgebiet kurz und

00:19:43.095 --> 00:19:45.029
unterhaltsam auf der Bühne präsentieren.

00:19:45.401 --> 00:19:48.205
Alles für einen spannenden und lehrreichenden Abend.

00:19:48.681 --> 00:19:52.344
Den Link zu den Terminen findet ihr in unseren Shownotes.

00:19:52.791 --> 00:19:57.015
Das war's für heute. Wenn euch die Folge gefallen hat, lasst uns ein paar Sternchen

00:19:57.015 --> 00:20:01.635
da. Damit sage ich Tschüss, bleibt neugierig und lasst euch nicht ohrwurmen.

