Ein zweijähriges Kind, vor 78.000 Jahren liebevoll in ein Leichentuch gehüllt. Ein Schädel, gefüllt mit 84 Zähnen. Was erzählen alte Gräber über das Leben unserer Ahnen? Und seit wann gibt es eigentlich Grabbestattungen? Ich bin Anne Baum und ihr hört Schneller Schlau, den Wissenspodcast von PM. Und mit mir auf dem Friedhof der Zeit ist der Journalist Birk Grüling. Birk, erzähle uns doch mal gleich zu Beginn, seit wann gibt es eigentlich Friedhöfe? Da fängt gleich eine große Überraschung an. Und zwar haben Forschende 2023 in der Nähe von Johannesburg, in einer Höhle, ein mögliches Grab entdeckt. Das ist nicht ganz wissenschaftlich anerkannt, dass es wirklich ein Grab ist. Aber wenn es ein Grab wäre, wäre es wirklich deutlich älter als bisher angenommen. Dieses Grab könnte 240.000 Jahre alt sein. Es ist aber nicht ganz klar, ob die Körper, die dort gefunden wurden, absichtlich und rituell bestattet wurden oder einfach nur auf irgendeine andere Weise in diese Höhlenkammer gelangten. Und darüber streitet auch die Forschung bis heute. Wenn das stimmt, wäre es wirklich eine Sensation, nicht nur weil es sehr alt ist, sondern auch weil dieses Grab von einer frühen Menschenform, namens Homo Naledi stammt und dessen Gehirn war quasi nur so groß wie eine Orange. Und normalerweise hatte man Bestattungen immer weiterentwickelten Menschenformen zugeschrieben, zum Beispiel dem Neandertaler oder dem Homo sapiens. Mhm. Um überhaupt auf die Idee zu kommen, die eigenen Toten zu begraben, braucht es eine Vorstellung von Tod und von Vergänglichkeit. Das sind Eigenschaften, die man eher komplexen menschlichen Denken zuschreibt und eben nicht Tieren oder nicht ganz so weit entwickelten Menschen formen. Genau und deshalb sind auch die Spuren aus der Steinzeit deutlich eindeutiger. Also die kennen wir aus dem Orient, aus Afrika und auch aus Europa und dort wurden die Toten dann eben nicht mehr verscharrt einfach, sondern wirklich mit aufwendigen Grabbeigraben bestattet. Es gibt Blumen, Muscheln, Kleidung oder Werkzeug, die zu den Toten gelegt wird. Und das spricht eben für die Ehrung des Toten und vielleicht sogar auch für einen Glauben an ein Leben nach dem Tod. Und Grabbeilagen helfen ja vielleicht auch mit dem Tod eines Menschen besser zurecht zu kommen. Gibt es denn Unterschiede in der Art der Bestattung? Also wurden junge Menschen anders bestattet als alte Menschen? Ich bin auf einen sehr rührenden Fund gestoßen und zwar wurde 2017 in der Höhle, in einer Höhle an der kenianischen Küste ein Kindergrab entdeckt und dort drin liegt ein zweijähriges Kind. Das wurde von den Forschenden Murtoto genannt. Das heißt sowas wie Kind auf Suaheli. Und das ist ungefähr 78.000 Jahre alt. Und das wurde in ein Leichentuch eng eingewickelt. So eng, dass sich die oberen Rippen um 90 Grad gedreht haben. Das spricht wirklich dafür, dass dieser Körper ganz fest eingewickelt wurde. Und der Kopf lag auch ein bisschen erhöht. Vermutlich auf einer Art Kissen. Das hat sich aber auch aufgelöst. Und das spricht wirklich für ein sehr... Liebevolle Bestattung. Und einen auch sehr berührenden Abschied. Genau. Und wenn man sich diese Studie zu diesem Fund anschaut, gibt es eine sehr interessante Interpretation des Ganzen. Und zwar schreiben die Forschenden, dass für die Jäger- und Sammlergruppen der Tod etwas sehr Natürliches gewesen sein könnte. Außer wenn es eben ungewöhnliche Todesfälle waren, wie zum Beispiel der Tod eines Kindes. Und das spricht vielleicht dafür, dass sozusagen ein Gefühl aufkommt, dass es der frühe Tod etwas Besonderes hat oder auch der späte Tod. Also man sieht nämlich auch, natürlich gibt es auch diese Gräber der Anführer und Schamanen, die besonders liebevoll und aufwendig gestaltet sind, eben diese Kindergräber und auch Gräber von sehr alten Menschen. Also es scheint irgendwie, dass auch Menschen, die sehr alt geworden sind, vielleicht so eine große Bedeutung für die frühen Menschen hatten und deshalb auch ein tolles Grab bekommen haben. Das ist ja auch nicht verwunderlich, wenn wir uns die durchschnittliche Lebenserwartung angucken. Denn wer in der Steinzeit 50 oder 60 Jahre alt wurde, der war uralt oder der galt als uralt und hatte deswegen sicherlich auch eine besondere Stellung. Was lernen die Forschenden denn noch aus solchen Gräbern? Mein Lieblingsbeispiel für das Lernen daraus ist die Fürsorge. Und zwar in einigen Gräbern wurden auch Menschen gefunden, die wirklich schwere Verletzungen überlegt haben. Knochenbrüche, teilweise sogar Tumore. Und das zeigt einerseits, dass diese Menschen durchaus wussten, wie man solche Verletzungen behandelt und andererseits, dass sie sich eben auch sehr gut um diese pflegebedürftigen und verletzten Mitglieder kümmerten. Und das mag banal klingen, aber für die Forschenden war das früher eben, Jäger und Sammler war halt irgendwie so ein ewiger Überlebenskampf und ja, kein gutes Miteinander. Dieses Beispiel spricht allerdings für ein enges Miteinander, bei dem man sich in der Gesellschaft auch um andere kümmerte. Und sag mal, Birk, verraten uns denn die Gräber auch, wer auf die Jagd ging, also jagten auch Frauen? Genau, da gibt es auch eine spannende, gerade Forschungsdebatte zu. Und zwar galt ja lange die Forschungsmeinung, Männer sind Jäger, Frauen sind die Sammlerinnen, die sich auch dann noch um die Kinder kümmern. Aber das scheint falsch zu sein. Und da gibt es eine Untersuchung von Gräbern aus der Altsteinzeit und dort wurde festgestellt, dass die männlichen Skelette eben nicht mehr oder andere Verletzungen aufweisen als die weiblichen. Und das spricht eben dafür, dass es durchaus eine Geschlechtergleichberechtigung bei Jagd und Sammeln gab. Es gingen wohl beide Geschlechter auf die Jagd. Das erinnert mich auch an die berechtigen Gräber der Wikingerkriegerin. Sie zeigen ja auch, dass die Frauen durchaus auch mit in den Krieg zogen und nicht nur zu Hause saßen und sehnsüchtig auf ihre Männer warteten. Genau. Wahrscheinlich standen die Wikingerkriegerinnen oder die Schildmeide damit in einer ganz guten Tradition. Und zwar gibt es auch ein Gräberfeld aus den Niederlanden und dort wurden Frauen und Männer sehr ähnlich begraben. Das spricht aus Sicht der Forschenden für eine Art Gleichberechtigung. Und eins der reichsten Gräber dort stammt von einer 60-jährigen Frau, die mit gleich drei Drechseln. Das sind Werkzeuge, die eher männertypisch gelten und wahrscheinlich brachte ihr hohes Alter, aber auch ihr handwerkliches Geschick eben dieses schöne Begräbnis ein. Und das zeigt eben auch, dass es auch vor tausend Jahren individuelle Lebensentwürfe gab. Genau, es zeigt, dass es damals auch schon individuelle Lebensentwürfe gab und eben das Geschlecht und Alter nicht immer darüber entschieden, wie angesehen man in der Gesellschaft war und wie man schlussendlich dann auch begraben wurde. Genau und das hat sich dann erst so ein bisschen geändert, als es eben diese Kulturen gibt, wo es sowas wie Pharaonen gab und Anführer, die dann gottgleich sind. Also da sieht man dann schon eine klare Hierarchie auch in der Bestattungskultur. Also der Pharao mit seinen mehreren Grabkammern, vielleicht noch eine Pyramide da drüber und die Grabkammern randvoll mit Gegenständen von goldenem Thron bis zum Streitwagen. Das ist natürlich etwas, das kann sich die Handwerkerin oder der normale Jäger nicht leisten. Und da sieht man dann schon das Aufkommen von eben diesen Königskräbern oder diesen ganz besonderen Gräbern. Und da gibt es ja durchaus auch spannende Funde, aber da machen wir nochmal eine extra Folge drüber. Ja, ein gewisser Grusel vor Gräbern ist ja durchaus weit verbreitet. Und auch ich würde jetzt trotz aller Rationalität nicht unbedingt gerne nachts auf dem Friedhof spazieren gehen. Ja, Birk, was ist denn das unheimlichste Bestattungsritual, auf das du bei deiner Recherche gestoßen bist? Also wahrscheinlich einfach der Schädel mit den 84 Zehnen. 84 Zähne birgt, das irritiert mich, weil ich habe ungefähr 32 Zähne im Mund. Genau, und zwar stammt das aus einer sehr unheimlichen Entdeckung der Archäologie. Und zwar in der Höhle Lapa do Santo in Brasilien lebte vor etwa 9500 Jahren eine Jäger- und Sammlerkultur, die immer wieder in diese Höhle zurückkam, um ihre Toten zu bestatten. Und das haben sie nicht nur einmal gemacht. Und zwar haben die Forscher 26 Skelette untersucht. Und manchen Toten wurde der Kopf abgetrennt. Bei ihnen lagen fremde Schädel. Es gab auch abgetrennte Hände. Es gibt Spuren von dem Abschaben des Fleisches. Und eben einer dieser Schädel wurde auch mit 84 Zähnen gefüllt. Ein anderer mit kleinen Knochen. Und andere Knochen wurden auch angemalt. Das ist also ein sehr wilder Bestattungsritus. Für mich klingt das vor allen Dingen sehr grausam. Ja, könnte man denken. Aber die Forschenden, die diese Höhle untersucht haben, haben eigentlich gesagt, dass das wahrscheinlich wirklich liebevoll verrichtete Totenrituale waren. Also zwischen Tod der Menschen und der endgültigen Bestattung sind auch wahrscheinlich sogar Jahre vergangen. Und diese Knochen wurden halt immer wieder gewaschen, neu sortiert, eingefärbt und eben auch verziert. Das spricht eben dafür, dass diese Toten durchaus noch ein paar Jahre bei ihren Hinterbliebenen. Ja, blieben quasi. Ähnliche Funde gibt es weltweit. In Herxam in der Südpfalz fand man eines der seltsamsten jungsteinzeitlichen Massengräber überhaupt. Das ist auch nochmal so ein ganz verrückter Fund. Und zwar hat man dort über, 1350 Tote gefunden und zwar aus ganz Europa. Und das scheint vor vielen tausend Jahren, scheint da ein Leichensternmarsch durch den Kontinent stattgefunden zu haben. Und auch über viele Jahre hinweg brachte man wirklich da Leichen aus Böhmen, Saarland und dem Schwäbischen Alb dorthin an diesen Ort. Und lustigerweise kamen die nicht dorthin, um zu sterben, sondern waren tot. Also da brachten die Leute ihre Verstorbenen dorthin und wurden, ja, hat man dort in der Südpfalz verscharrt. Ja, das ist etwas, dessen Sinn wir heute nicht mehr verstehen und ja auch nicht mehr nachfragen können. Birk, du hattest ja gerade von den Schädel gefüllt mit Szenen erzählt und dass es sich dabei um ein liebevolles Bestattungsritual handelte. Aber natürlich waren nicht alle Bestattungsrituale liebevoll und das erinnert mich an eine Podcast-Folge, die ihr auch nachhören könnt. Und zwar habe ich da mit einem Archäologen geredet, der zu Vampirbestattungen forscht. Um Menschen an der Wiederkehr zu hindern, wurden etwas Steine auf den Körper gelegt oder der Kopf mit Sicheln gesichert. Die Folge habe ich auch gehört. Zum Glück habe ich sie nicht gehört in der Dunkelheit. Mich hat vor allen Dingen eins irritiert und zwar, dass diese Bestattungen gar nicht mal so kurz vergangen waren, sondern nicht nur im Mittelalter stattfanden, sondern auch fast noch in der Neuzeit. Ja, tatsächlich ist die letzte Vampirbestattung gar nicht so lange her. Hier in Norddeutschland sogar. Eine Frau, sie wurde auch Rote Lena genannt, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts wegen des Mordes an ihren Mann zum Tode verurteilt. Und ihr Sarg, das fand man später bei Ausgrabungen heraus, wurde mit Steinen beschwert. Ja, ich habe auch gelesen, dass die Rote Lena sozusagen nochmal umbestattet wurde und diesmal angemessen bestattet wurde und ohne Steine. Vielleicht hat man die Angst verloren, dass sie wiederkommt. Ja, das zeigt auch, dass sich die Vorstellungen von Tod ändern. Ja, und mit diesen Vorstellungen verändern sich die Bestattungen auch immer wieder. Mal wurden die Toten verbrannt, mal begraben, mal in Hügelgräbern oder in Felsgräbern beigesetzt. Jede Kultur entwickelte also ihre eigenen Vorstellungen davon, wie ein würdiger Abschied aussehen soll. Birg, wir sind jetzt ein bisschen gesprungen, aber wie ging es denn nach der Steinzeit und den alten Ägypten weiter mit der Bestattungskultur? Mich würde zum Beispiel interessieren, wie beerdigten eigentlich die alten Römer? Also tatsächlich hat ja jede Kultur, wie du sagst, ihre eigenen Bestattungsriten. Die Römer sind uns tatsächlich schon relativ ähnlich. Also reiche Römer hatten relativ pompöse Grabmäler an den Hauptstraßen, zum Beispiel an der Via Appia in Rom. Da gab es auch Grabsteine, auf denen die Toten geehrt wurden, aber auch die, die um sie trauerten. Es gab auch Armengräber und ja, auch dann natürlich, als im alten Rom das Christentum aufkommt, entstehen auch die ersten Friedhöfe und da muss man schon sagen, wenn man sich diese alten Römer anschaut und auch eben diese Grabsteine aus Rom, das ist schon sehr vergleichbar mit dem, was wir sozusagen aus heutigen Kirchen kennen, wo es ja auch immer mal wieder alte Gräber gibt, die relativ pompös sind. Wer sich für die heutige Bestattungskultur interessiert, wir haben da auch eine ganz spannende Podcast-Folge. Und zwar geht es um die Reerdigung, also eine neue Bestattungsform. Ja, ob liebevoll in Leinentücher gewickelt, mit Werkzeugen ausgestattet oder unter tonnenschweren Pyramiden begraben. Gräber erzählen am Ende weniger vom Tod als vom Leben selbst. Sie zeigen, was Menschen wichtig war, wen sie liebten und woran sie glaubten. Ja, und damit sind wir am Ende dieser Podcast-Folge. Bleibt neugierig und freut euch auf eine neue Folge Schneller Schlau. Wer Lust auf noch mehr Wissenschaft hat, kann auch gerne das PM-Magazin oder das Schneller Schlau-Magazin am Kiosk kaufen. Der kurze Wissens-Podcast von PM.