Du dumme Kuh! Diese Beleidigung ist weit verbreitet und äußerst despektierlich für die Wiederkäuer. Aber sind Kühe wirklich dumm? Und wie wurde Kuh Veronika zum Star? Ihr hört eine tierische Folge Schneller Schlau, dem Wissenspodcast von PM. Ich bin Anne Baum und heute spreche ich mit der Journalistin Lisanne Dehnbostel über die Intelligenz bei Kühen. Hallo Anne. Ja Lisanne, auch Schweine, die ja ebenfalls Nutztiere sind, werden als dumm betitelt. Dabei wissen wir längst, die Borstentiere sind ganz schön clever. Ja, wissenschaftlich ist dieses Phänomen sogar untersucht. Studien zeigen, dass Nutztiere generell als weniger intelligent eingeschätzt werden. Eine Studie hat zum Beispiel Probanden erfundene Tiere genannt, die entweder essbar oder nicht essbar waren. Wenn sie essbar waren, haben die Probanden ihnen weniger geistige Fähigkeiten zugetraut. Allein wenn ein Tier also ein Nutztier ist, schätzen die Menschen es automatisch als weniger intelligent ein. Das zeigt sich auch in der Wissenschaft, denn es gibt recht wenig Studien zur Intelligenz von Kühen. Genau und die meisten davon beschäftigen sich eher mit den sozialen Aspekten. Zum Beispiel steht mittlerweile fest, dass Kühe untereinander Freundschaften knüpfen. Wir Menschen teilen uns mit Freunden oft Hobbys oder schütten uns bei Leid gegenseitig das Herz aus. Wie kann ich mir denn eine Kuhfreundschaft vorstellen? Die Kuhfreunde verbringen scheinbar gerne Zeit miteinander. Das ist ja auch in gewisser Weise ähnlich wie bei uns Menschen. Sie legen sich dann zum Beispiel auf der Weide nebeneinander hin oder sie pflegen sich gegenseitig das Fell. Grooming nennt man das. Kühe haben dabei tatsächlich feste Grooming-Partner. und wenn eine andere Kuh diesen Partner groomt, mögen sie das gar nicht und gehen dazwischen. Das haben Wissenschaftler in Hongkong beobachtet. Uiuiui, das klingt nach Eifersucht. Ja, und dem Beweis, dass Kühe sozial intelligent sind. Ja, richtig. Ihre Freundschaften sind auch ziemlich langfristig und beginnen schon früh. Schon wenn sie dreieinhalb Monate alt sind, scheinen sich Kälber unter Artgenossen Freunde zu suchen. Und die Kühe merken sich auch die Gesichter von Artgenossen und erkennen sie auf Bildern wieder. Genauso wie die Gesichter von Menschen. Das hat eine Studie aus Frankreich gezeigt. Kühe erkennen andere Kühe und Menschen auf Bildern wieder. Wie genau hat man sich denn die Studie vorzustellen? Wie lief die ab? Den Kühen wurden dabei Videos gezeigt. Insgesamt etwa 30 Videos von bekannten und unbekannten Menschen. Mit Ton oder auch stumm. Ohne Ton betrachteten die Kühe länger das Video der unbekannten Person. Und mit Ton schauten sie dagegen länger auf das Gesicht, das zu der gehörten Stimme passt. Und das lässt den Studienautoren zufolge darauf schließen, dass sie vertraute und unbekannte Stimmen dem jeweiligen Gesicht zuordnen können. Außerdem sind Kühe durchaus lernfähig. Sie laufen ja selten ein zweites Mal gegen einen Elektroweidezaun, eben weil sie gelernt haben, dass dies gefährlich ist oder schmerzhaft ist. Und sie haben auch gelernt, den Hebel einer Tränke zu bedienen, wenn sie durstig sind. Und jetzt lass uns doch mal zu Veronika kommen. Denn für richtig Aufsehen hat eine Studie gesorgt, in deren Mittelpunkt die Veronika steht. Die Veronika ist ein Braunvieh und lebt in Österreich im Bergdorf Nötzsch. Was hat es mit ihr auf sich, Lisa? Ihr Besitzer, der ist ein Bauer, Wittger Wiegele heißt er. Und er baut Biokorn an, malt es in seiner Mühle und hat auch eine Bäckerei in dem Dorf. Veronika steht dort in dem Dorf auf der Weide und sie hat es, so wirkt es zumindest richtig gut, wie mir die Wissenschaftlerin Alice Auersberg erzählt hat. Veronika wird nämlich eher wie ein Haustier behandelt. Ihre Besitzer gehen auch mal mit ihr spazieren oder lesen ihr etwas auf der Weide vor. Und mittlerweile ist Veronika schon 14 Jahre alt. Wow, 14 Jahre, das ist für eine Kuh ja quasi steinalt. Die meisten Kühe werden ja vermutlich leider früher geschlachtet. Ja, und das Alter wird gleich auch noch eine wichtige Rolle spielen. Alice Auersberg hat Veronika erforscht. Sie ist Kognitionsbiologin an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Und ihr Schwerpunkt bei der Forschung ist tierische Innovation. Deshalb ist sie aus Wien zu Veronika gefahren, zusammen mit einem Kollegen. Veronika, die ist nämlich eine Erfinderin, so sagt Auersberg es wörtlich. Eine Kuh als Erfinderin und jetzt kommt ein saudoufer Kommentar, sorry, an die Schweine. Hat sie denn auch schon Patente angemeldet, die Kuh Veronika? Nee, das nicht, aber sie erfand ein Werkzeug, um sich zu kratzen. Und zwar ohne, dass sie jemand das beigebracht hat oder sie sich bei jemandem hätte abschauen können. Als sie etwa drei Jahre alt war, fing sie wohl an, sich mit Stöcken zu kratzen, die der Wind zufällig auf die Weide geweht hat. Und den Zweck dahinter können selbst wir Menschen erraten. Vermutlich wollte sie sich von nervigen Insekten befreien. Ja, aber es steckt auch noch mehr dahinter. Kühe haben nämlich einfach Spaß daran, sich zu kratzen. Das ist für sie wie ein Genuss. Und Veronika hat ja, wie gesagt, von sich aus angefangen, die Zweige aufzuheben und sich zu kratzen. Nachdem die Familie Wiegele das beobachtet hatte, hat sie Veronika irgendwann dann immer Stöcke auf die Weide gelegt. Die waren unterschiedlich lang, damit sie damit verschiedene Körperstellen erreicht. Für das Kratzen hat Veronika ihre Technik so über die Jahre optimiert. Ja, mit drei Jahren fing Veronika damit an, hast du gesagt. Und jetzt ist sie 14. Das sind verdammt viele Jahre, um sich zu verbessern. Zum Beispiel hat Veronika währenddessen entdeckt, dass es Gegenstände gibt, die sich viel besser als Stöcke zum Kratzen eignen, zum Beispiel Rechen. Oh ja, ich kann mir vorstellen, dass man sich mit so einem guten Zinken ganz gut den Rücken schrubbern kann. Ja, Veronika würde dir dabei zustimmen. Die macht das sehr, sehr gerne. Und so ist auch Alice Auersberg überhaupt auf Veronika aufmerksam geworden. Sie bekam nämlich von einer Bekannten ein Video geschickt, in dem Veronika sich mit dem Rechen kratzt. Und das Video war so extrem, dass es... Auch wenn ich die Gedanken gab, ist das etwas, was künstlich kreiert sein sollte. Aber dadurch, dass ich die Person kannte, die mir das Video geschickt hat, war davon auszugehen, dass es authentisch ist. Keine KI, sondern einfach eine sehr schlaue Kuh also. Ja, so etwas wurde bis dahin noch nie bei einer anderen Kuh beobachtet. Alice Auersberg sagt mittlerweile, ja, das ist KI, nämlich Kuhintelligenz. Kuhintelligenz, ich liebe es. Ja, ich finde das auch ein sehr schönes Wortspiel. Und dass Veronika sich mit einem Gegenstand kratzt, ordnet Alice Auersberg als Werkzeuggebrauch ein. Der Rechen oder Stock ist dabei das Werkzeug. Um zu schauen, wie flexibel Veronika dabei ist, haben Alice Auersberg und ihr Kollege ihr einen Schrubber hingelegt. Und auch den hat sie zum Kratzen genommen. Und jetzt kommt das besonders Interessante. Die Borstenseite hat sie für dicht behaarte Körperstellen verwendet, also den Rücken. Das Holzende dagegen hat sie vorsichtig für empfindliche Bereiche wie den Euter oder den Bauch genommen. Das ist wichtig, weil damit benutzt Veronika nicht nur ein Werkzeug, sondern ein Mehrzweck-Werkzeug. Sie nutzt also denselben Gegenstand für unterschiedliche Funktionen. Ist Veronika damit quasi der Einstein unter den Kühen? Nicht ganz. Inzwischen weiß Alice Auersberg von etwa zehn weiteren Kühen, die wohl auch Werkzeuge zum Kratzen nutzen. Aber diese Tiere wurden noch nicht detailliert studiert. Sie hat von ihnen nur Videos gesehen, aber es gibt weltweit ja so viele Kühe, da sind um die 10 immer noch extrem wenig und damit besonders. Warum gibt es nicht mehr solcher talentierter Kühe? Laut Alice Auersberg liegt das vielleicht auch daran, dass die meisten Kühe nicht lang genug leben und auch nicht so gehalten werden, dass sie ihre Talente entdecken und experimentieren können. Also diese Kapazität, krasse Erfindungen zu machen, ist da. Aber es scheint ein sehr seltenes Talent zu sein. Es braucht spezielle Umweltbedingungen und Triggers, aber dazu noch auch ein talentiertes Tier. Und noch etwas, dass Veronika ein Mehrzweckwerkzeug benutzt, ist nicht nur unter Kühen innovativ, sondern auch in der Tierwelt generell. Bislang wurde das sonst nur bei Schimpansen in Zentralafrika beobachtet. Die nutzt nämlich einen Stock zum Aufschlagen von Termitenhügel und danach fischen sie damit manchmal auch die Termiten heraus. Nun könnte man ja zu dem Schluss kommen, dass Kühe so schlau wie Schimpansen sind. Wie sein ist das so? Ne, ganz so einfach ist es nicht. Der Unterschied ist ja, dass Veronika ein Werkzeug nimmt, um sich zu kratzen. Sie richtet es also auf ihren eigenen Körper. Schimpansen dagegen richten das Werkzeug auf ein Objekt. Und das ist schwieriger, hat mir Alice Auersberg erklärt, weil man den eigenen Körper ja einfach besser versteht. Zum Beispiel ist es auch für Menschen, aber für Tiere natürlich auch viel schwieriger, ein Werkzeug auf einen anderen Gegenstand oder Substrat zu richten, als auf den eigenen Körper zu richten. Zum Beispiel dieses, das nennen wir den aluzentrischen Werkzeuggebrauch, ein Werkzeug auf ein anderes Objekt zu richten. Das ist wirklich nur bei ganz wenigen Tieren einer Handvoll Vögeln und einer Handvoll Primaten vorhanden überhaupt. Und trotzdem, sagt Alice Auersberg, sind Veronikas Verhalten und ihr Erfindergeist aber durchaus beeindruckend. Absolut und ich fasse das Ganze nochmal zusammen. Momentan gibt es scheinbar neben Veronika noch ein paar weitere Kuh-Einsteine, die aber noch nicht erforscht wurden. Und wenn Kühe generell länger leben könnten und anders gehalten werden würden, würde es vermutlich noch mehr geben. Ja, vermutlich, aber darüber können wir momentan leider nur spekulieren. Und die Frage, wie eine bestimmte Umgebung den Erfindergeist fördert, muss auch noch erforscht werden. Aber es deutet daraufhin, ja. Übrigens sucht Alice Auersberg auch noch immer weitere erfinderische Kühe oder andere Tiere. Also wenn jemand ein Tier kennt, das sich mit einem Gegenstand kratzt oder mit einem Gegenstand versucht, etwas an sich ranzureichen, kann man ihr gerne ein Video schicken. Dazu ruft sie auf. Ich bin schon jetzt gespannt, welche intelligenten Erfindungen Kühe in Zukunft noch präsentieren werden und was die Wissenschaft noch zu ihrer Intelligenz herausfinden wird. Veronika hat ja gezeigt, dass es da noch Sachen gibt, die wir Menschen bislang schlicht noch nicht kannten. Ja, wer weiß, ob Kühe nicht noch viel mehr bereithalten, was uns verblüfft. Da ist auf jeden Fall noch eine große Forschungslücke und das, obwohl wir Menschen schon vor mehr als 10.000 Jahren Kühe domestiziert haben und seitdem mit ihnen zusammenleben. Und ich hoffe wirklich, dass nach dieser Folge niemand mehr Kühe unterschätzt und statt dumme Kuh sollte sich vielleicht eher das Kompliment, du innovative Kuh, etablieren. Zumindest das würde den Rindern weit mehr entsprechen. Ja, danke dir Lisanne und bis zur nächsten Folge von Schneller Schlau, dem Wissenspodcast von PM. Und wer noch mehr Wissenschaft haben möchte, kann das PM-Magazin oder das Schneller Schlau Magazin am Kiosk kaufen, gerne auch abonnieren oder als E-Paper sich holen. Schneller Schlau, der kurze Wissenspodcast von PM.