Das spanische Label Sara hat Fast Fashion in den 1990er Jahren etabliert. Heute dominiert das chinesische Modeunternehmen Xi'in den Markt. Die Arbeitsbedingungen sind nicht besser geworden. Notdürftige Sicherheitsstandards, eine 75-Stunden-Woche und kaum Lohn dafür. Die Arbeiterinnen zahlen den Preis der Ultra Fast Fashion Mode aus China. Darum geht's in dieser Folge des NTV-Podcasts Wieder was gelernt. Abonnieren Sie den Podcast gern auf Ihrer Lieblingsplattform oder in der NTV-App und lassen Sie uns gern 5 Sterne da. Und jetzt geht's auch schon los. Ich bin Caroline Amme. Hallo!
Beim amerikanischen Superbowl Anfang Februar gab es gleich mehrere Sensationen. Den ersten lateinamerikanischen Headliner bei der Halbzeit-Show. Und zum ersten Mal hat ein Künstler auf dem Mega-Event nicht Designermode von Dolce & Gabbana oder eines anderen Luxuslabels getragen, sondern ein Fast-Fashion-Outfit.
Bad Bunny hat Sarah getragen, ein cremefarbenes Outfit der spanischen Modekette. Zara gehört zum spanischen Konzern Inditex. Das ist einer der Fast-Fashion-Giganten auf dem Markt. Die großen Konkurrenten heißen Shein, H&M und Fast Retailing. Zu dem japanischen Konzern gehört die Marke Uniqlo. Die steigenden Umsätze zeigen, die Menschen stehen auf schnelle, billige Mode. Die Marken sind beliebter denn je. Fast Fashion kann es längst mit teuren Bekleidungsmarken aufnehmen. An der Börse ist Inditex das drittwertvollste Bekleidungsunternehmen weltweit. Auf den ersten beiden Plätzen drohen französische Luxusmarken. Der erfolgreichste und beliebteste Anbieter ist aber Xi'in, nur ist er nicht an der Börse gelistet. Das chinesische Unternehmen war 2024 nach Temu die zweitbeliebteste Shopping-App weltweit. Xi'in und die anderen Fast-Fashion-Anbieter wirbeln die Branche durcheinander, hat uns Christiane Beyerhaus gesagt. Sie ist Professorin für Marketing und Handel an der International School of Management in Berlin. Wenn man sich anschaut, welches Unternehmen ist an Nummer eins in der Welt an Umsatz, da ist einfach Shein und dann gefolgt von den großen Ketten.
Von daher ist natürlich ein Wettbewerber, der sozusagen auch Value erzeugt und Werte monetär immer auch ein großer Einflussfaktor für alle anderen, die vielleicht in anderen Preissegmenten unterwegs sind, die in anderen Positionierungen unterwegs sind. Ist das natürlich immer auch ein Unternehmen, was da sehr im Fokus steht. Nicht nur mit Herstellung und Produktion, auch Marketing, Logistikketten, IT. Die sind da teilweise wirklich hervorragend, diese Unternehmen.
Und sind auch dadurch eine echte Konkurrenz zu Gucci und Co. Oder eben zu Marken im mittleren Preissegment. Fast Fashion ist kein neues Phänomen. Schon 1989 hat die New York Times den Begriff erfunden und geprägt und sich dabei auf das Produktionsmodell von Sarah bezogen. Das spanische Label hat sich inspirieren lassen von der Mode der Laufstege und daraus erschwingliche Massenware gemacht. Anfang der 2000er Jahre hatte Sarah alle zwei Wochen neue Styles in den Läden. Heute bringen viele Fast-Fashion-Marken jede Woche eine neue Kollektion raus, bis zu 52 sind es pro Jahr. Inzwischen geht es sogar noch schneller. Shein oder Boohoo aus Großbritannien produzieren Ultra-Fast Fashion mit einem ununterbrochenen Strom an neuen Kleidungsstücken. Designer wie Lagerfeld oder Valentino brauchen die Fast-Fashion-Marken längst nicht mehr. Sie kopieren beliebte Designs, reagieren auf aktuelle Online-Trends und den Geschmack der Käufer. Das Geschäftsmodell von SHEIN ist vor allem die ausgeklügelte IT, sagt Christiane Bayerhaus. SHEIN hat eine datengetriebene Test- und Lernlogistik. Das heißt also, es wird laufend experimentiert mit Modellen, mit Farben, mit Schnitten, mit Design. und dann eben auch laufend ausgewertet und angepasst. Und das ist eben das Erfolgsmodell, das nennt sich Dynamic Capabilities.
Das heißt, der erste Schritt ist Sensity. Man muss Signale früh erkennen im Markt, was sind Trends. Ja, das können natürlich Schnitte sein, das kann aber auch ein bestimmtes Material sein, ein bestimmter Produktionsprozess.
Das zweite ist das Sazing. Das heißt, man muss dann schnell Angebote auf den Markt bringen, schnell Entscheidungen treffen und übersetzen. Und das Dritte ist Reconfiguring. Und da geht es darum, man muss laufend anpassen.
Man muss skalieren, aber dann eben auch wieder etwas stoppen. Und davon können alle im Markt lernen. Nur wenige Marken nähen ihre Kleidung in eigenen Fabriken. Sie übernehmen hauptsächlich Design und Verkauf. Die Produktion der Mode ist ausgelagert, um flexibler zu sein und um die Preise drücken zu können. Inditex und H&M zum Beispiel arbeiten mit jeweils um die 6000 Fabriken zusammen. Alle Labels, ob höherpreisig oder günstig, lassen in denselben Ländern produzieren. Mindestens die Hälfte der Kleidung wird in China hergestellt. Wichtige Herstellungsländer sind außerdem Bangladesch, Vietnam, Indien, Pakistan und die Türkei. Für Europa spielen noch osteuropäische Länder eine Rolle, für den amerikanischen Markt Mexiko und Mittelamerika. Deutsche Unternehmen lassen auch immer mehr Kleidung in Nordafrika herstellen, vor allem in Ägypten. Von der winzigen Näherei bis zur riesigen Fabrik ist alles dabei. Die Art der Produktion unterscheidet sich aber, hat uns David Hachfeld erzählt. Er ist Textilexperte bei der Menschenrechtsorganisation Public Eye. Da sehen wir, dass zum Beispiel in Ländern wie Bangladesch vor allem Produkte hergestellt werden, die in großen Mengen hergestellt werden. Da fängt man eigentlich erst ab 10.000 T-Shirts an überhaupt zu produzieren, auch Volumina von 100.000 Stück von einem Modell sind da durchaus üblich.
In anderen Ländern, da haben wir dann auch Hersteller, die Produktionsstätten von 4.000 bis 10.000 Angestellten haben. Das haben wir weniger in der Türkei. Da sind wir eher im Bereich von Werkstätten mal mit 200 bis 1.000 unterwegs. Auch China ist eher in dem Bereich. Und dann gibt es jene, wie zum Beispiel Shein, die bewusst auf die ganz Kleinen setzen. Also die bewusst Werkstätten haben, die manchmal auch weniger als 50 Angestellte haben, weil denen geht es um die absolute Flexibilität. Da geht es nicht um große Volumina, da geht es darum, dass in kürzester Zeit 200, 500 Stück produziert werden können. Public Eye hat 2021 und 2023 in China recherchiert, dort wo die Mode für Shein hergestellt wird. In Stichproben wurden Textilarbeiter und Arbeiterinnen befragt, die in mehreren kleinen Werkstätten und in größeren Fabriken in der südchinesischen Metropole Gangzhou für die fast Fashionmarke Kleidung nähen. Die NGO hat sich unter anderem im verwinkelten Stadtteil Nankun Village im Bezirk Panyu umgeschaut. Dort wird fast ausschließlich für Xi'in produziert, auch die Konzernzentrale sitzt dort. Die kleinen Betriebe sind in ehemaligen Wohnhäusern untergebracht.
Eher typisch für den chinesischen Markt, nicht für so große internationale Player. Die meisten Frauen und Männer, die für Shein arbeiten, sind Wanderarbeiter und Arbeiterinnen, die aus anderen Provinzen stammen. Oft haben sie keinen schriftlichen Arbeitsvertrag, nur eine mündliche Zusage. Eigentlich unüblich bei größeren Fabriken. Die Betriebe zahlen also keine Sozialversicherungsbeiträge, sagt Public Eye. Die Sicherheitsstandards sind teilweise mangelhaft. Keine Notausgänge, riesige Säcke voller Kleidung versperren die Wege und Ausgänge, das Rauchverbot wird nicht kontrolliert, obwohl überall auf dem Boden Kleidungspakete und Stoffreste herumliegen, die leicht brennen können. Xi'in lässt die Arbeiter anscheinend auch per Kamera überwachen. Auch Fälle von Kinderarbeit hat es laut Xi'in gegeben. Am meisten geschockt war das Team bei Public Eye von den langen Arbeitszeiten mit kaum Freizeit. Die sind auch nach chinesischen Maßstäben so nicht erlaubt. Fast rund um die Uhr wird produziert bis tief in die Nacht. Akkordarbeit leisten nicht nur die Näherinnen, sondern auch die Designer, Fotografen und die Arbeiter im Shein-Logistikzentrum. Uns haben die Arbeiterinnen eigentlich durch die Bank weg berichtet von Arbeitswochen von über 70 Stunden. 75 Stunden ist das, was sie so im Durchschnitt ermittelt haben.
Das heißt 10 bis 12 Stunden am Tag und das 7 Tage die Woche bei ein bis zwei freien Tagen im Monat. Wir haben eine zweite Recherche gemacht in 2023 und haben immer noch die gleichen Bedingungen vorgefunden.
Was sich ein bisschen verändert hatte, ist, dass es nicht anderthalb freie Tage im Monat gibt, sondern einige auch von vier freien Tagen im Monat berichtet haben. Aber eben Arbeitszeiten von im Schnitt 75 Stunden pro Woche, die sind nach wie vor normal. Die sind aber auch nach chinesischem Verhalten absolut illegal. Hängen aber damit zusammen, dass die Bezahlung eben nicht praktisch einfach als normaler Monatslohn erfolgt, sondern pro Stück erfolgt. Sprich, um auf einen halbwegs okayen Lohn zu kommen, muss man eben so viel arbeiten. Das machen die Arbeiterinnen dann entsprechend auch. Ähnliche Arbeitsmodelle gibt es auch bei anderen Jobs in China, zum Beispiel in der Dienstleistungsindustrie. Die einfachen Arbeiter und Arbeiterinnen bei Xi'in verdienen zwischen umgerechnet rund 730 und 1220 Euro. Das hängt davon ab, wie viele Kleidungsstücke sie schaffen zu nähen. Für Komplizierte gibt es mehr Geld. Die Stückpreise sinken laut der Recherche aber. Das klingt erstmal nach einem vergleichsweise guten Lohn. Der Mindestlohn in China liegt in Guangzhou aktuell bei rund 305 Euro. In anderen Provinzen ist er noch niedriger.
Xi'in oder die Auftragswerkstätten reichen einfache Aufträge anscheinend dorthin weiter. Bei 75 Stunden Arbeitszeit pro Woche haben die Frauen und Männer aber faktisch zwei Jobs kritisiert, David Hachfeld. Die Menschen sind gezwungen, so viel zu arbeiten, um genügend Geld zum Leben zu haben. Schein hat 2023 die durchschnittlichen Monatsgehälter seiner Zulieferer veröffentlicht. Da heißt es, die Arbeiter dort würden einen Grundlohn von umgerechnet rund 590 Euro pro Monat verdienen, plus Überstunden kommen dann rund 940 Euro raus. Sie machen einen Großteil des Monatsgehalts aus. Nur durch die Überstundenbezahlung können sie überleben. So, wie sie das für uns darstellt, vergütet SHEIN die Produktionsbetriebe je nach Auftrag. Also da bestellt SHEIN eben mal 200 Stück, mal 400 Stück, mal weniger. Und das praktisch geht so als Pauschalsumme an die Hersteller. Und die geben das weiter pro Stück an die Arbeiterinnen. Also da wird man entlohnt für die Anfertigung von so einem einfachen Kinderkleid, für das schnelle Arbeiterinnen vielleicht fünf bis zehn Minuten brauchen, Sind das denn Entlohnungen in einem Bereich von 30, 40 Cent ungefähr? Und dann kann man sich ausrechnen, um auf einen halbwegs anständigen Lohn zu kommen, wie viel davon man am Tag produzieren muss, damit man auf einen halbwegs anständigen Lohn kommen kann.
Es scheint aber auch ein paar Arbeiterinnen zu geben, die zumindest einen garantierten Grundlohn haben. Chein bestellt meist eher niedrige Stückzahlen, die kurzfristig produziert werden müssen. Innerhalb von ein bis zwei Wochen, sagt der Textilexperte. Die Aufträge werden über eine spezielle App verteilt. Laufen die Online-Bestellungen gut, muss die jeweilige Werkstatt schnell nachliefern, innerhalb von sieben bis zehn Tagen. Das muss sie garantieren, wenn sie den Auftrag annimmt.
Schein bezeichnet sein Modell als datengesteuertes Mikroproduktionsmodell. Der Online-Shop wird quasi in Echtzeit analysiert. Wie oft wird ein Kleidungsstück in den sozialen Medien geteilt und in wie vielen virtuellen Warenkörben liegt es? So versucht Schein genau das zu produzieren, was die Kunden wollen. Deshalb arbeiten in den Betrieben vor allem ältere, erfahrenere Näherinnen. Ständig wechselnde Schnittmuster und mehrere Maschinen bedienen, damit kommen nur Arbeiterinnen mit jahrelanger Erfahrung klar. Und schaffen es, ein Kleidungsstück praktisch im Alleingang herzustellen. Normalerweise werden Blusen, Hosen oder Jacken von fünf oder sechs Menschen arbeitsteilig produziert. Einer näht die Ärmel an, der andere die Säume um. Bei Shein erledigen all diese Arbeitsschritte nur ein bis zwei Personen. Wer bei dieser Akkordarbeit Fehler macht, wird bestraft. Wenn Schein die Qualität der Anziehsachen nicht ausreicht, streicht der Konzern den Betrieben schon mal Aufträge, lässt näheren, unbezahlten Nacharbeiten oder Kontrolleure, die die Mängel übersehen haben, Strafen bezahlen. Wie kann man diese schlimmen Arbeitsbedingungen ändern? David Hachfeld findet, die chinesische Regierung muss die Arbeitsrechte besser kontrollieren. Wir haben in China die Sondersituation, dass Gewerkschaften nicht frei operieren können.
Deswegen können sich die Arbeiterinnen nur beschränkt wehren gegen dieses System. Und ich glaube, diejenigen, die eben solche Produkte dann in den Umlauf bringen, haben deswegen umso mehr Verantwortung, diesen Kontext zu kennen und dann eben zu verhindern, dass es zu diesen Ausbeutungsfeminen kommt. Und für Xi'in heißt das ganz konkret, sie müssten eigentlich ihren Zulieferern deutlich mehr zahlen und dann aber auch sicherstellen, dass diese Zahlung bei den Arbeiterinnen ankommt und eben diese massiven Überstunden reduzieren.
Dafür müssten sie sich aber wirklich auch kümmern und da stark reingehen. Dafür sehe ich bisher wenig Anzeichen. Xi'in wollte sich in großem Stil auch außerhalb von China etablieren. Brasilien sollte Produktionszentrum für ganz Lateinamerika werden. Nach den USA Xi'ins zweitgrößter Markt. 2000 Fabriken waren geplant und bis zu 100.000 Arbeitsplätze. Aktuell produzieren dort aber nur einige wenige lokale Unternehmen für Xi'in. Sie konnten die Vorgaben für die niedrigen Preise und die schnellen Lieferzeiten nicht einhalten, berichtet Reuters. In Brasilien gelten strenge Arbeitsvorschriften mit Arbeitszeitkontrollen. In Brasilien hat das chinesische Modell nicht funktioniert. Der Fast-Fashion-Gigant ist an seinen eigenen Zielen gescheitert. Und auch in Europa hat Xi'in Probleme. Zwar hat die EU das Lieferkettengesetz Ende 2025 aufgeweicht, doch Frankreich hat für dieses Jahr ein Jahr des Widerstands gegen Plattformen wie Xi'in ausgerufen. In der EU gelten außerdem bald Zölle gegen Billigimporte aus China. Drei Euro werden künftig für importierte Kleinpakete fällig. Das soll das massenhafte Einfliegen von Billigmode von Xi'in und Co. eindämmen.
Das war der NTV-Podcast Wieder was gelernt, diesmal mit einer Folge über die fragwürdigen Arbeitsbedingungen von SHEIN. Mehr Folgen von Wieder was gelernt und der ganzen anderen NTV-Podcasts finden Sie auf allen Podcast-Plattformen, zum Beispiel RTL Plus, Spotify oder Apple Podcasts. Vielen Dank fürs Zuhören. Ich bin Caroline Amme. Tschüss und bis zum nächsten Mal.